{"id":2373,"date":"2017-09-17T14:39:37","date_gmt":"2017-09-17T13:39:37","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2373"},"modified":"2017-09-17T14:39:37","modified_gmt":"2017-09-17T13:39:37","slug":"kann-ich-hinein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/kann-ich-hinein\/","title":{"rendered":"&#8222;Kann ich hinein?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich marschiere gerade aus den R\u00e4umlichkeiten der Bezirksvorstehung hinaus, als ich sehe, dass gerade jemand hinein will. Also \u00f6ffne ich die nach au\u00dfen aufgehende T\u00fcre ganz langsam, damit die Person drau\u00dfen reagieren und zur\u00fcck treten kann. Es ist eine nette Dame, die mich \u00fcberrascht anschaut, als ich ihr die T\u00fcre aufhalte, und meint: &#8222;Kann ich hinein?&#8220;<br \/>\nMeine normale Reaktion w\u00e4re gewesen &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob Sie k\u00f6nnen, aber d\u00fcrfen tun sie nat\u00fcrlich.&#8220;<br \/>\nIch habe sie aber nur freundlich angel\u00e4chelt und gemeint &#8222;Selbstverst\u00e4ndlich&#8220; &#8211; unter anderem, weil mir das so selbstverst\u00e4ndlich ist.<br \/>\nDie spannende Frage ist aber, warum es f\u00fcr sie nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Der Eingangsbereich wurde neu gestaltet, es ist hell und freundlich und es handelt sich um eine Glast\u00fcre. W\u00e4hrend der B\u00fcrozeiten braucht man sie nur aufmachen und kann eintreten. Zu dem Zeitpunkt war auch drinnen alles hell erleuchtet.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re mir das sonst nicht aufgefallen, aber als Philosoph wurde ich auch ausgebildet auf Sprache zu achten. Und die Dame hat nicht etwa &#8222;Darf ich hinein?&#8220; gesagt, sondern &#8222;Kann ich hinein?&#8220;<br \/>\n&#8222;K\u00f6nnen&#8220; ist ja eine k\u00f6rperliche oder psychische Eigenschaft. Sie war sich also nicht sicher, ob sie dazu \u00fcberhaupt bef\u00e4higt ist. Da sie kr\u00e4ftig genug wirkte, um die T\u00fcre problemlos aufzubekommen, finden wir hier keine Antwort auf die Frage.<br \/>\nUnd doch hat es mit dem K\u00f6rper zu tun.<br \/>\nMeine Hypothese dazu: Gesellschaften formen die Menschen und autorit\u00e4re Gesellschaften nehmen den Menschen die Kraft &#8211; durchaus k\u00f6rperlich gemeint &#8211; um sich gegen die Autorit\u00e4t aufzulehnen. Sie greifen also sehr tief in unser Wesen ein.<\/p>\n<p>Wenn an einer T\u00fcre ein Verbotsschild h\u00e4ngt oder sonst irgendwie angedeutet wird, dass hier nur Berechtigte eintreten d\u00fcrfen, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen sich daran halten.<br \/>\nWeshalb jedoch reagieren Menschen bei der frei zug\u00e4nglichen T\u00fcre zur Bezirksvorstehung so, als ob es so unglaublich verboten w\u00e4re einzutreten, so dass sie sich sogar k\u00f6rperlich nicht mehr dazu in der Lage sehen?<\/p>\n<p>Ich glaube, dass wir hier die \u00f6sterreichische Seele sehen, die ein seltsames Verh\u00e4ltnis zur Autorit\u00e4t haben d\u00fcrfte. Der Kaiser ist zwar schon lange tot, l\u00e4sst aber irgendwie immer noch gr\u00fc\u00dfen. Es gab in \u00d6sterreich nie so etwas wie eine gesellschaftliche Revolution gegen autorit\u00e4re Regime. Selbst das autorit\u00e4rste war uns genau genommen nicht suspekt und Hitler war schlie\u00dflich \u00d6sterreicher, auch wenn wir das nicht mehr ganz so gerne h\u00f6ren wie unsere Gro\u00dfeltern (nein, nat\u00fcrlich nicht alle, aber doch die meisten).<br \/>\nWer sich gegen Autorit\u00e4t nicht auflehnt, muss sich mit ihr arrangieren. Das funktioniert am besten indem man das tut, was die Autorit\u00e4t m\u00f6chte. Um dem Problem zu entgehen, dass die Autorit\u00e4t etwas will, das man selbst nicht will, ver\u00e4ndert man seinen Willen so, dass er mit der Autorit\u00e4t konform geht. Wenn ich das will, was die Autorit\u00e4t will, habe ich es bequem. \u00d6sterreicherinnen und \u00d6sterreicher haben es gerne bequem und daher funktioniert das gut.<br \/>\nDa die Autorit\u00e4t aber vorgibt, was ich wollen soll, muss ich wollen k\u00f6nnen was ich wollen soll. Zu diesem Zweck muss ich eigenen, abweichenden Willen unterdr\u00fccken, verleugnen oder emp\u00f6rt ablehnen. Dabei ist es hilfreich, wenn mich niemand in meinem Wollen-sollen st\u00f6rt, also anspricht, dass ich das doch auch anders wollen k\u00f6nnte, etwa weil er es auch anders will.<br \/>\nSolchen Menschen weicht man besser aus und umgibt sich mit denen, die das gleiche wollen sollen.<br \/>\nBesonders schwierig ist das dann, wenn der andere, der Umbequeme, das andere Wollende, damit mehr Erfolg hat als ich. Aber auch daf\u00fcr gibt es eine L\u00f6sung: Ich definiere den Erfolg um, und zwar so, dass sein Erfolg eigentlich ein Misserfolg ist. Dabei hilft mir die Unterst\u00fctzung anderer, Gleichgesinnter (eigentlich: Gleichgeschalteter).<br \/>\nDas ist z.B. \u00fcberall dort erforderlich, wo die eigene Bequemlichkeit durch das autorit\u00e4tskonforme Verhalten leidet und jemand anderer, der sich der Autorit\u00e4t widersetzt, es eigentlich bequemer hat. Dann muss ich entweder meine eigene Bequemlichkeit modifizieren oder seine Bequemlichkeit verringern.<br \/>\nDas funktioniert durch die Zuhilfenahme des Internets viel einfacher als noch vor einigen Jahren, da ich f\u00fcr alles, was ich glauben m\u00f6chte, irgendwo in den unendlichen Weiten des Netzes jemand finde, der das best\u00e4tigt.<br \/>\nRealit\u00e4t, Wirklichkeit, Wahrheit werden dann zu leeren Begriffen, die man genau genommen entsorgen kann. Schwieriger wird es, wenn jemand die Quelle meiner Information hinterfragt. Dann kann man aber immer noch so antworten, wie das ein Bekannter getan hat, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass seine Quelle unseri\u00f6s ist:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2017.09.17_Quelle\/quelle1.jpg\" title=\"quelle1.jpg\" alt=\"quelle1.jpg\" \/><\/center><br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2017.09.17_Quelle\/quelle2.jpg\" title=\"quelle2.jpg\" alt=\"quelle2.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Ausschnitt aus einer Facebook-Diskussion. Es ging um einen Bericht, der angeblich von der Polizei stammt und in dem geschildert wird, dass eine Mutter angeblich mit einem Messer drei B\u00f6sewichte erstochen h\u00e4tte. <\/p>\n<p>So einfach ist das und schon kann man glauben, was man gerne glauben m\u00f6chte.<br \/>\nIm n\u00e4chsten Schritt wird es noch etwas spannender, denn in der heutigen Zeit kann man sich die Autorit\u00e4ten aussuchen, zumindest auf der virtuellen Ebene. Das ist ausgesprochen praktisch, denn jetzt kann man sich genau die Autorit\u00e4t aussuchen, die das verspricht, was meine Bequemlichkeit maximiert. Man wird im Internet immer jemand finden, der die gleich Meinung hat und so kann man sich auf diese virtuelle Gemeinschaft berufen. Die vermeintliche Freiheit besteht nun darin, die Autorit\u00e4ten, denen man glaubt, jederzeit wechseln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An der Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit \u00e4ndert das freilich nichts und so k\u00f6nnen sich die echten Autorit\u00e4ten, die uns genau so m\u00f6gen, wie wir sind, beruhigt zur\u00fccklehnen. So lange wir in unserer Bequemlichkeit nicht gest\u00f6rt sind, reicht ein wenig panem et circenses und schon tun wir, was verlangt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich marschiere gerade aus den R\u00e4umlichkeiten der Bezirksvorstehung hinaus, als ich sehe, dass gerade jemand hinein will. Also \u00f6ffne ich die nach au\u00dfen aufgehende T\u00fcre ganz langsam, damit die Person drau\u00dfen reagieren und zur\u00fcck treten kann. 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