{"id":2681,"date":"2020-01-01T23:51:51","date_gmt":"2020-01-01T22:51:51","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2681"},"modified":"2020-01-01T23:52:06","modified_gmt":"2020-01-01T22:52:06","slug":"was-mir-das-vespa-fahren-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/was-mir-das-vespa-fahren-bedeutet\/","title":{"rendered":"Was mir das Vespa-Fahren bedeutet"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt habe ich schon zwei B\u00fccher dar\u00fcber geschrieben und trotzdem scheint es noch nicht genug zu sein.<br \/>\nDer Anlass f\u00fcr diese Zeilen sind die letzten drei oder vier Touren, die ich diesen Sommer gefahren bin. Ich werde versuchen in der Analyse noch ein wenig tiefer zu gehen als bisher. Und ich lasse mich \u00fcberraschen, was dabei herauskommt.<br \/>\nHeuer d\u00fcrfte es sowieso noch einmal spannend werden &#8211; die Elektrovespa wird fertig und verspricht weitere, neue und sehr interessante Fahreindr\u00fccke.<br \/>\nAber vorerst einmal das schon Bekannte, Erforschte, Erlebte: <\/p>\n<p>1.) Die magischen Orte<\/p>\n<p>Vielleicht sind es einfach Orte, an denen ich mich wohl f\u00fchle, vielleicht ist es mehr. Um zu erkennen, welches Ph\u00e4nomen hier zu entdecken ist, habe ich versucht die Orte miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken.<br \/>\nMeistens sind es Orte, die einen Weitblick erlauben, aber nicht immer. Das Gegenteil w\u00e4ren kleine, versteckte H\u00f6hlen, die ich beim Vespafahren aber selten finde. Am ehesten sind es schattige Pl\u00e4tze, die ich beim Wandern entdecke.<br \/>\nMit der Vespa sind die Distanzen gr\u00f6\u00dfer und die Orte kommen wie im Zeitraffer daher. Ich finde sie meistens, wenn ich einen Rastplatz suche. Oft ist es eine kleine Anh\u00f6he, gerne am Waldrand, fast immer mit einer Bank, die vielleicht auch nicht zuf\u00e4llig genau dort hingestellt wurde.<br \/>\nEs sind niemals eint\u00f6nige Orte und sie sind immer im Gr\u00fcnen, meist in der N\u00e4he von B\u00e4umen. Es sind Orte der Kulturlandschaft, oft mit Wiesen rundherum, an denen ich mich einfach gerne aufhalte.<br \/>\nIch w\u00fcrde sie ohne Vespa nie finden, denn mit dem Auto komme ich maximal zuf\u00e4llig vorbei und habe dann auch nicht die Zeit um stehenzubleiben. Eventuell ginge es noch zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad, aber ich mache keine so langen Touren, zumindest derzeit nicht.<\/p>\n<p>Wegen dieser Orte bevorzuge ich auch die Selbstversorgung beim Mittagessen. So bin ich unabh\u00e4ngig von Zeit und Ort und kann eine Pause machen, wann immer ich will.<\/p>\n<p>2.) Die richtige Geschwindigkeit<\/p>\n<p>Zu langsam ist \u00f6d, denn Geschwindigkeit macht Spa\u00df. Zu schnell ist auch \u00f6d, weil dann geht es nur noch um Geschwindigkeit. Mit der Vespa schaffe ich die richtige Mischung. Wie das funktioniert, muss ich ein wenig n\u00e4her erkl\u00e4ren.<br \/>\nDie Vespas mit 125er-Motor sind f\u00fcr lange Touren zwar auch geeignet, mir aber ein wenig zu schwach. Mit 6-8 PS verhungerst du an jeder Steigung und um die ideale Geschwindigkeit fahren zu k\u00f6nnen, musst du den Gasgriff geradezu auswinden.<br \/>\nAls ideal empfinde ich einen leicht getuneten 200er. Im Originalzustand hat er 12 PS und geht am Tacho ca. 100 km\/h. Das ist ausreichend f\u00fcr lange Touren.<br \/>\nEin wenig st\u00e4rker bedeutet in meinem Fall ein 221 ccm Polini-Aluzylinder, der nicht viel mehr H\u00f6chstgeschwindigkeit liefert, daf\u00fcr aber viel Drehmoment von unten. Ich habe seit mehr als zehn Jahren verschiedene Motore getestet und dieser hat sich als die ideale Mischung herausgestellt. Er ist nicht so stark, dass er anf\u00e4llig wird und zugleich sehr sparsam. Im Schnitt braucht er 4,3 Liter, womit ich sehr zufrieden bin.<\/p>\n<p>Der eigentliche Trick ist die Art und Weise, wie er sich fahren l\u00e4sst. Wenn ich auf der Ebene mit 80 dahinrollere, habe ich den Gasgriff knapp \u00fcber Standgas. Der Motor spielt sich, dreht nicht allzu hoch und verbraucht deswegen wenig Sprit. Ich habe jederzeit eine Reserve und laut ist er auch nicht, weil er keinen Rennauspuff braucht, um seine Leistung zu bringen. Wenn der Vergaser gut eingestellt ist, riecht man zwar, dass ein Zweitakter vorbei f\u00e4hrt, es gibt jedoch keinerlei Rauchwolke.<\/p>\n<p>Ein weiterer Vorteil ist die enorme Zuverl\u00e4ssigkeit des Alu-Zylinders. Er ist nicht auf H\u00f6chstleistung ausgelegt und ich fahre ihn jetzt seit \u00fcber 15.000 Kilometern. Er springt fast immer auf den ersten Kick an und war niemals schuld an den kleinen Pannen, die ich in den letzten Jahren hatte.<\/p>\n<p>Die ideale Geschwindigkeit ist immer und \u00fcberall verschieden. Ich merke, dass ich sie fahre, wenn ich mich erstens sicher f\u00fchle und zweitens nicht auf den Tacho schaue. Es kommt vor, dass sich die richtige Geschwindigkeit einfach ergibt. Meine Hand wandert mit dem Gasgriff automatisch an die Stelle, an der sich die ideale Geschwindigkeit befindet. In den meisten F\u00e4llen ist das zwischen 70 und 90 am Tacho, was 65 bis 85 entspricht.<\/p>\n<p>Bei dieser Geschwindigkeit habe ich nicht nur gute Chancen rechtzeitig zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes auftritt, ich bekomme auch mit, wo ich fahre.<br \/>\nBei schnellen Motorr\u00e4dern ist das nur sehr bedingt der Fall. Zu wichtig ist die Beherrschung der Geschwindigkeit und die Konzentration auf die Fahrbahn.<br \/>\nMit der Vespa kann ich die Eindr\u00fccke rund um mich herum aufnehmen, wenngleich eine gewisse Konzentration nat\u00fcrlich auch notwendig ist.<\/p>\n<p>3.) Die Technik<\/p>\n<p>Ich kenne ja beide Welten sehr gut &#8211; sowohl die Puch Typhoon als auch die Gilera Fuoco und jetzt die Honda SH sind Automatikroller, wenngleich die Puch noch ein Zweitakter war und am ehesten \u00c4hnlichkeiten mit alten Vespas hatte.<br \/>\nUnd doch ist das Fahren eines historischen Schaltrollers eine ganz andere Angelegenheit. Seit 2017 sind \u00fcbrigens alle Schaltroller historisch, da seitdem keine mehr erzeugt werden und somit auch nicht neu kaufbar sind. Bis dahin waren die LML Star und die Vespa PX aber sowieso seit vielen Jahren die einzigen die es noch gab, mit einem \u00fcber vierzig Jahre alten Konzept.<br \/>\nDie 4-Gang-Handschaltung, die einseitige Schwinge vorne, der Zweitaktmotor mit Direktantrieb, die Blechkarosserie &#8211; in Summe ergibt das ein ganz eigenes Konzept von Fahrzeug, das \u00fcber Jahrzehnte die Menschen beeinflusst hat, die damit gefahren sind bzw. heute noch fahren. Der Philosoph G\u00fcnther Anders hat einmal gesagt, die Menschen \u00fcbernehmen die Logik der Maschinen, die sie bedienen und das gilt auch f\u00fcr Fahrzeuge. Also: Wer mit dem Rad f\u00e4hrt, \u00fcbernimmt die Logik des Fahrrads, z.B. was Geschwindigkeit betrifft oder Platzverbrauch und noch viele andere Dinge. Das Gleiche gilt f\u00fcr Menschen, wenn sie im Auto sitzen oder im Zug.<br \/>\nSollte er Recht haben, dann gilt das auch f\u00fcr Motorroller und wohl ganz speziell f\u00fcr Vespas. Sie verlangen von ihren FahrerInnen einiges, was moderne Automatikroller nicht verlangen. Dazu geh\u00f6rt ein Mindestma\u00df an Gef\u00fchl f\u00fcr die Technik, auf der man sitzt. Es geh\u00f6rt aber auch die Art und Weise dazu, wie man mit der Stra\u00dfe umgeht, mit Kurven und Steigungen, mit Schlagl\u00f6chern und rutschiger Fahrbahn.<br \/>\nMit der alten Vespa wird die Strecke anders erfahrbahr, irgendwie unmittelbarer, direkter, ich m\u00f6chte fast sagen: lebendiger. F\u00fcr die Motoren z.B. ist die Bew\u00e4ltigung einer langen Tour eine Herausforderung, auch wenn sie gut eingestellt sind. Einem modernen Automatikroller ist das weitgehend egal und somit wird es auch dem Fahrer bzw. der Fahrerin egal. Nat\u00fcrlich wollen Kurven mit jedem Fahrzeug richtig gefahren werden, aber es ist doch etwas ganz anderes.<br \/>\nZu alldem gibt es dann noch eine Steigerungsstufe, n\u00e4mlich wenn die Vespa frisiert ist, also einen st\u00e4rkeren Motor hat. Bei mir sind das gerade mal 24ccm und ein Aluzylinder statt einem Grauguss. Dazu kommt aber noch ein anderer Vergaser und ein anderer Auspuff. Das alles ver\u00e4ndert den gesamten Motor und zwar immer &#8211; egal wie gut man ihn aufbaut &#8211; in Richtung Labilit\u00e4t. Es gibt mehr M\u00f6glichkeiten wie etwas kaputt gehen kann und das passiert dann auch.<br \/>\nDadurch bekommt genau der Technik-Aspekt noch mehr Bedeutung. Es ist zwar nicht so, dass ich bei jeder Ausfahrt bangen muss, ob ich auch wieder zur\u00fcck komme, aber der Motor braucht einfach mehr Zuwendung. Es muss \u00f6fter etwas getauscht, neu eingestellt oder repariert werden. Und es kommt der Aspekt der Steigerung dazu: Wird der neue Aufbau des Motors halten? Wie gut bew\u00e4hrt er sich punkto Drehmoment, Fahrspa\u00df oder Laufruhe?<br \/>\nMit jeder kleinen Ver\u00e4nderung baut man auch eine Schwachstelle ein.<br \/>\nDas ist nat\u00fcrlich nicht beabsichtigt, denn kein Mensch bleibt gerne irgendwo im Nirgendwo mit einer Panne liegen und will sich \u00fcberlegen m\u00fcssen, wie er wieder nach Hause kommt und ob die Vespa noch da ist, wenn er sie abholt &#8211; am n\u00e4chsten Tag oder wann auch immer man ein Fahrzeug organisieren kann.<br \/>\nDie Schwachstellen lassen sich aber nur bedingt vermeiden, allein schon wegen der Streuung in der Erzeugung der Teile. Da kauft man nicht immer Qualit\u00e4t und das zeigt sich dann nach ein paar Kilometern oder auch erst nach einem halben Jahr.<\/p>\n<p>4.) Der Charme des Mangelhaften<\/p>\n<p>Wenn man h\u00e4ngen bleibt, entwickelt sich die Tour ganz pl\u00f6tzlich zu einem Abenteuer. Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine interessante Panne. Es war kurz nach Pottenstein in einem Tal (die Anfahrt zum Hals, wer\u00b4s kennt), als der Motor pl\u00f6tzlich ausging. Bei alten Vespas ist das an und f\u00fcr sich nichts Besonders und bedeutet meistens nur, dass der Sprit auf Reserve gesprungen ist. Dann dreht man den Benzinhahn auf Reserve und f\u00e4hrt weiter. Meist geht das sogar noch w\u00e4hrend der Fahrt, wenn man schnell genug hinunter greift.<br \/>\nDiesmal war es anders. Ich war mit Stefano unterwegs und wir waren auf der 2-Corona-Tour, also meiner l\u00e4ngsten Tagestour mit eher wenig Zeitreserve.<br \/>\nDas Tr\u00f6stliche war, dass im Falle des endg\u00fcltigen Liegenbleibens Stefano mit einem gro\u00dfen Automatikroller unterwegs war und mich problemlos h\u00e4tte mitnehmen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Aussicht, die Vespa aber genau dort neben der Stra\u00dfe parken zu m\u00fcssen &#8211; dort ist weit und breit kein Haus oder sonst was &#8211; war wenig prickelnd, also machten wir uns an die Fehlersuche.<br \/>\nWir tauschten Z\u00fcndkerze und schraubten den Vergaser auseinander, konnten aber nichts finden. Nach ca. 30 Minuten war ich schon kurz davor aufzugeben, als der Motor urpl\u00f6tzlich wieder ansprang und so tat, als w\u00e4re nichts gewesen.<br \/>\nIn so einem Fall steigt man einfach auf und f\u00e4hrt weiter &#8211; das hab ich auf meiner Rom-Reise gelernt.<br \/>\nDas funktionierte auch diesmal, und zwar ca. eine Stunde lang. Dann war wieder Sense. Diesmal z\u00fcckte ich jedoch meinen letzten Trumpf und montierte eine neue CDI &#8211; das ist die elektronische Z\u00fcndbox mit Z\u00fcndspule. So eine hab ich immer in Reserve mit und die l\u00e4sst sich mit zwei Schrauben binnen weniger Minuten tauschen.<br \/>\nDamit war der Fehler gefunden und wir konnten die Tour an diesem Tag erfolgreich zu Ende fahren.<\/p>\n<p>Wenn ich keine Reservebox mitgehabt h\u00e4tte, w\u00e4re die Vespa gestanden. Ich h\u00e4tte sie wahrscheinlich irgendwie zum n\u00e4chsten bewohnten Ort geschoben und dort einen netten Menschen gesucht, bei dem ich sie f\u00fcr ein oder zwei Tage unterstellen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Das w\u00e4re nicht das erste Mal gewesen. <\/p>\n<p>Solche und \u00e4hnliche Pannen verlangen Improvisationsf\u00e4higkeiten, hie und da ein wenig Chuzpe und noch einiges andere. Daf\u00fcr lernt man immer wieder nette Menschen kennen und manchmal interessante Orte. In meinen Vespa-B\u00fcchern habe ich einige dieser Ereignisse genau beschrieben.<br \/>\nMan taucht bei solchen Gelegenheiten auch in eine l\u00e4ngst vergangene Welt ein, als Fahrzeuge generell noch recht unzuverl\u00e4ssig waren und es auf Reisen und generell im Stra\u00dfenverkehr zu deutlich mehr Begegnungen kam. Pass-Stra\u00dfen mussten \u00fcberwunden werden und lange Distanzen verlangten nach mehreren Etappen, w\u00e4hrend man heute von Wien bis Venedig auf der Autobahn durchfahren kann, im minimalen Fall mit einer einzigen Tankpause von wenigen Minuten.<br \/>\nMit einer alten Vespa geht das nicht. Die Technik zwingt zu anderem Verhalten, letztlich zu einer anderen Sichtweise auf die Umgebung und auf die Welt im weitesten Sinn.<br \/>\nDurch die anf\u00e4llige und mangelhafte Technik wird der Fahrer\/die Fahrerin selbst auch anf\u00e4llig und mangelhaft, aber auch reicher, vielf\u00e4ltiger, n\u00e4her an der Welt. Reisen bekommt eine andere Bedeutung, Ziele sind verbunden mit dem manchmal recht beschwerlichen Weg dorthin.<br \/>\nWer heute an\u00b4s Meer will, ist mit dem Auto, dem Flugzeug oder dem Schnellzug quasi im Handumdrehen dort. Das Meer ist das gleiche wie fr\u00fcher, aber der erste Anblick ist ein anderer, wenn man sich die Strecke, den Weg dorthin erarbeiten musste.<br \/>\nDie Technik einer alten Vespa verlacht die Bequemlichkeit und verlangt von ihrem Ben\u00fctzer eine entsprechende Anpassungsleistung. Wetter spielt auf einmal eine Rolle, Stra\u00dfenbeschaffenheit auch und Zeit sowieso.<br \/>\nZiele bekommt man nicht geschenkt, daf\u00fcr f\u00fchlen sie sich dann, wenn man sie erreicht hat, wie ein Geschenk an.<\/p>\n<p>Wenn du fluchend bei einsetzendem Regen oder hereinbrechender Dunkelheit oder beidem am Stra\u00dfenrand stehst und die Autos an dir vorbei rasen, verfluchst du das ferne Ziel und w\u00fcnscht dir die Bequemlichkeit herbei.<br \/>\nWenn du aber dann die netten Motorradfahrer kennenlernst, die stehen geblieben sind und dich in den n\u00e4chsten Ort mitnehmen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.<\/p>\n<p>Mit einer alten Vespa tauscht du die Anonymit\u00e4t gegen die Begegnung, die Bequemlichkeit gegen das Abenteuer und die vorbeiziehende Landschaft gegen echte Orte.<br \/>\nDas ist etwas, was viele Menschen zum Vespafahren bringt und auch dort festh\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt habe ich schon zwei B\u00fccher dar\u00fcber geschrieben und trotzdem scheint es noch nicht genug zu sein. 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