{"id":2807,"date":"2021-03-14T20:31:09","date_gmt":"2021-03-14T19:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2807"},"modified":"2021-03-14T20:31:09","modified_gmt":"2021-03-14T19:31:09","slug":"die-philosophie-des-virus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-philosophie-des-virus\/","title":{"rendered":"Die Philosophie des Virus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine philosophische Betrachtung der Corona-Pandemie<\/strong><\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Filmemacher Alain de Halleux nennt seinen Film \u00fcber Corona \u201eSand im Weltgetriebe\u201c und legt damit den Finger auf die Wunde der Wachstumsideologie. Wir haben unsere Systeme ausgereizt, mindestens was die Ausbeutung von Mensch und Natur betrifft, im religi\u00f6sen Sinne k\u00f6nnte man sagen, wir haben uns vers\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Um die Komplexit\u00e4t des Themas zu verstehen, m\u00fcssen wir es auf mehreren Ebenen betrachten. Der Film hat mir dabei geholfen und mich vielfach inspiriert.<\/p>\n<p><strong>ERSTE EBENE: DAS VIRUS SELBST<\/strong><\/p>\n<p>Es (das Virus \u2013 oder der Virus?) ist angeblich nicht lebendig, weil es kein eigenes Stoffwechselsystem hat, es ist nur ein genetischer Code, oder \u2013 optisch dargestellt &#8211; eine Kugel mit einer Art von Stacheln, vergleichbar mit einer Treibmine.<br \/>\nEs ist winzig klein, Teil einer unsichtbaren Welt, in Relation so gro\u00df zu uns wie wir zur Welt. Es entsteht, ver\u00e4ndert sich und zeigt doch so etwas wie ein eigenes Leben, in jedem Fall eine eigene Existenz. Es ist bedrohlich, hartn\u00e4ckig, bek\u00e4mpfbar, vielleicht sogar ausrottbar. Es existiert in vielen Formen und geh\u00f6rt zu unserem Leben.<\/p>\n<p>Seine Variante Covid-19 hat die erste echte, weltweite Pandemie unserer Zeit ausgel\u00f6st. Dieses Virus und noch viele andere befallen lieber den Menschen als eine aussterbende oder stark dezimierte Gattung oder Art wie den K\u00f6nigstiger oder das Rentier. Es sucht sich die erfolgreichste und am weitesten verbreitete Gruppe von Lebewesen, um sie zu befallen. Es braucht lebende Zellen, um sich zu vermehren, um \u00fcberhaupt zu existieren.<br \/>\nF\u00fcr das Virus sind wir die Welt, so wie die Erde f\u00fcr uns die Welt ist, die wir befallen, in Besitz nehmen, ver\u00e4ndern und zerst\u00f6ren. Wenn wir das geschafft haben, gehen wir genauso zu Grunde wie das Virus, wenn es seine gesamte Wirtspopulation ausgerottet hat.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen uns und dem Virus besteht eigentlich nur darin, dass wir die Wahl haben, wie wir mit unserer Welt umgehen.<\/p>\n<p>\u201eLuft\u2026 Luft! Das ist euer einziger Gedanke. Und w\u00e4hrend ich eure Lungen zerst\u00f6re, zerst\u00f6rt eure Maschine die Lunge der Erde. Das ist unser beider Dilemma. Wir leben von der Zerst\u00f6rung und t\u00f6ten am Ende, was uns am Leben erh\u00e4lt\u201c sagt das Virus in dem Film.<\/p>\n<p>Wer ist gef\u00e4hrlicher f\u00fcr das Leben der Menschen? Das Virus Covid-19 oder der Mensch selbst? Und wer ist verantwortlich f\u00fcr die derzeitige Corona-Situation mit Wirtschaftseinbr\u00fcchen, Depressionen, Armut und einer Vielzahl weiterer Folgen? Das Virus ist nur eines von tausenden Viren, die es in unserer Welt gibt und mit denen wir seit Anbeginn der Menschheit leben m\u00fcssen.<br \/>\nWas ist das Besondere an gerade diesem Virus? Was ist der Unterschied zu anderen Viren? <\/p>\n<p><strong>ZWEITE EBENE: DAS VIRUS UND DIE WELT<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht unbedeutend, ob das Virus in einem geheimen Labor im chinesischen Wuhan gez\u00fcchtet wurde oder von einer Fledermaus bzw. dem Schuppentier Pangolin stammt und auf einem Tiermarkt auf den ersten menschlichen Wirt \u00fcbertragen wurde. Genau genommen ist es jedoch nur dann von zentraler Wichtigkeit, wenn alle bisherigen Viren (Grippe, Ebola, SARS, MERS etc.) k\u00fcnstlich gez\u00fcchtet wurden. Das w\u00e4re dann eine vollkommen andere Ausgangslage, als wenn die zweite Art des Ursprungs die Realit\u00e4t ist: Durch die st\u00e4ndig zunehmende Abholzung der Urw\u00e4lder \u00fcberall auf dieser Welt plus der massiven Bev\u00f6lkerungszunahme geraten die bisherigen Balancen der Natur unter Druck und brechen zusammen. Dann kommt es zu vermehrtem Kontakt zwischen wilden Tieren und Menschen und irgendwo springt dann ein Virus auf einen Menschen um und verbreitet sich.<br \/>\nDiese Krankheiten hei\u00dfen Zoonosen, weil sie von Tieren auf Menschen \u00fcberspringen, auf Menschen, die daf\u00fcr nicht bereit sind, weil sie nicht mehr nahe an der Natur leben.<\/p>\n<p>Die Verbreitung w\u00e4re fr\u00fcher auch kein Problem gewesen, denn sie w\u00e4re lokal begrenzt geblieben. Selbst in fr\u00fchen Globalisierungszeiten w\u00e4re das Virus nicht weit gekommen, denn nach einigen Wochen am Schiff w\u00e4ren entweder alle Tr\u00e4ger gestorben oder geheilt und immunisiert in Europa oder wo auch immer angekommen.<br \/>\nMit dem Flugzeug gelangt das Virus in wenigen Stunden rund um die Welt. Es sind wir, die das Virus verbreiten und es ist unsere Art zu leben.<\/p>\n<p>Wir bleiben bei der zweiten Ursprungsvariante und identifizieren die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Pandemie.<\/p>\n<p>1.) Starker Druck auf die Naturlandschaften, speziell die Urw\u00e4lder, aufgrund der unkontrollierten Ausbeutung.<br \/>\n2.) Bev\u00f6lkerungswachstum ohne geeignete Infrastruktur.<br \/>\n3.) Massiv ausgebauter Flugverkehr der letzten Jahrzehnte.<br \/>\n4.) Wenig Resilienz durch die Schw\u00e4chung der Sicherheitsstrukturen<\/p>\n<p>Diesen vierten Punkt gilt es zu erl\u00e4utern. Die Resilienz ist die Widerstandskraft gegen Au\u00dfeneinfl\u00fcsse eines Systems. Die dominanten Strukturen der meisten Gesellschaften weltweit sind von zwei neoliberalen Grundprinzipien gepr\u00e4gt: <\/p>\n<p>\u2022\tPrivat statt Staat \u2013 das bewirkt die Schw\u00e4chung der staatlichen Strukturen.<br \/>\n\u2022\tNur die St\u00e4rksten sollen \u00fcberleben \u2013 da in unserer Gesellschaft St\u00e4rke durch Macht ausgedr\u00fcckt wird und Macht durch Geld, sollen die Reichen \u00fcberleben.<\/p>\n<p><strong>DRITTE EBENE: DAS VIRUS UND DIE NATIONALSTAATEN<\/strong><\/p>\n<p>Als der \u00f6sterr. Bundeskanzler h\u00f6chstpers\u00f6nlich die Balkan-Route geschlossen hatte, durchstr\u00f6mte einen gro\u00dfen Teil der \u00d6sterreicherInnen das wohlige Wonnegef\u00fchl, das wir alle haben, wenn wir die T\u00fcre schlie\u00dfen und der kalte Schneesturm und mit ihm alles Grausliche drau\u00dfen bleibt.<br \/>\nWer am warmen Feuer sitzt, interessiert sich eher weniger f\u00fcr andere, die irgendwo drau\u00dfen sind. Wenn diese anderen noch dazu auch gerne die wenigen Pl\u00e4tze rund um das w\u00e4rmende Feuer h\u00e4tten und wir diese anderen gar nicht kennen, wird aus dem Desinteresse klare Ablehnung.<br \/>\nWer uns dann verspricht, diese anderen verl\u00e4sslich drau\u00dfen zu halten, bekommt unseren Applaus bzw. unsere Stimme.<br \/>\nWir k\u00f6nnten zwar die menschlichen Eigenschaften Empathie und Mitleid auspacken, doch leider kommt uns die Behaglichkeitsdifferenz dazwischen, wie Eugen Roth treffend beschreibt:<\/p>\n<p>\u201eEin Mensch liest, warm am Ofen hockend<br \/>\nIndem das Wetter nicht verlockend,<br \/>\ndass drau\u00dfen, im Gebirg verloren,<br \/>\nelendiglich ein Mann erfroren.<br \/>\nDer Mann tut zwar dem Menschen leid,<br \/>\ndoch steigert\u00b4s die Behaglichkeit.\u201c<br \/>\n(Eugen Roth: \u201eTraurige Wahrheit\u201c in: Von Mensch zu Mensch)<\/p>\n<p>Dummerweise gibt es rund um das Feuer nicht gen\u00fcgend Holz und so m\u00fcssen wir die T\u00fcre \u00f6ffnen, um Nachschub zu holen. Ein Gro\u00dfteil unserer Konsumg\u00fcter kommt inzwischen aus Fernost, vor allem aus China. Rohstoffe bekommen wir aus Afrika und S\u00fcdamerika und die Produktion der meisten Waren ist auch schon in L\u00e4nder ausgelagert, in denen man billiger produzieren kann als in Europa.<br \/>\nDas ist \u00e4u\u00dferst bequem, denn wir verlagern die Umweltverschmutzung somit an das andere Ende der Welt und hoffen, dass sie auch dort bleibt. Zudem m\u00fcssen uns die Arbeitsbedingungen am anderen Ende der Welt nicht k\u00fcmmern und auch hier hoffen wir, dass die Menschen dort bleiben. Falls sie das nicht tun, kann man ja ein wenig nachhelfen. Wenn dann grausliche Bilder von zerst\u00f6rten Landschaften und gequ\u00e4lten Menschen auftauchen, sagen wir einfach \u201eFake News\u201c dazu und m\u00fcssen sie dann nicht ernst nehmen.<\/p>\n<p>Und dann kam Covid19 und auf einmal mussten wir entdecken, dass unsere Behaglichkeit am Feuer gest\u00f6rt wird. Weil ein Mensch in China auf einem Markt ein St\u00fcck infiziertes Buschfleisch gekauft hat, d\u00fcrfen wir unsere Oma nicht mehr besuchen. Der Bundeskanzler erkl\u00e4rt mit trauriger Miene, dass wir leider nicht zum Fris\u00f6r d\u00fcrfen und auch aus dem Strandurlaub in Dubai wird nichts, wenn wir nicht hinfliegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Virus interessiert sich nicht f\u00fcr Nationalstaaten oder Grenzen. Es hat sich gezeigt, dass diese nicht so dicht gemacht werden k\u00f6nnen, dass sie durch das Virus un\u00fcberwindbar sind. Inselstaaten k\u00f6nnen das vielleicht eine Zeit lang, aber auch das misslingt meist. Das Virus zeigt, wie schwach unsere Identit\u00e4t ist, wenn wir sie auf Nationalit\u00e4t bauen. Die drau\u00dfen, die im anderen Land sind so wie wir, deswegen k\u00f6nnen wir uns gegenseitig anstecken.<br \/>\nIm Fr\u00fchling 2020 erwartete die Welt ein Schreckensszenario in Afrika, doch das trat nicht ein. Es stellte sich heraus, dass Covid-19 eine Krankheit alter Wei\u00dfer ist, nicht junger Schwarzer. Das Virus wei\u00df nichts von \u201eWhite Supremacy\u201c und bef\u00e4llt alle. Es erwischt uns dort, wo wir auf die eigentliche, uralte St\u00e4rke des Homo Sapiens vergessen haben \u2013 die Kooperation.<br \/>\nBinnen k\u00fcrzester Zeit brachen die S\u00e4ulen der EU in sich zusammen: freier Personen- und Warenverkehr, das Defizitziel von max. 3% des BIP, aber auch die Solidarit\u00e4t in vielen Bereichen.<br \/>\nDas Virus zeigt uns, dass Abschottung nicht der richtige Weg ist.<\/p>\n<p><strong>VIERTE EBENE: DER VIRUS UND DIE GESELLSCHAFT<\/strong><\/p>\n<p>Schnell wird der Ruf nach mehr Freiheit laut. Wir wollen auf das Gewohnte, auf das als normal Empfundene auf gar keinen Fall verzichten und wenn, dann nur ganz kurz und m\u00f6glichst wenig.<br \/>\nDa in unserem System das Geld der ausschlaggebende Faktor ist, gewinnen diejenigen, die das Geld haben. Ihre Bequemlichkeit wird fast nicht eingeschr\u00e4nkt, sie k\u00f6nnen zum Golfspielen nach S\u00fcdafrika fliegen und sich Luxusg\u00fcter nach Hause liefern lassen. Sie k\u00f6nnen in ihrem gro\u00dfen Garten Freunde einladen und m\u00fcssen sich auch nicht in enge U-Bahnen quetschen, weil in der Garage steht der Range Rover.<br \/>\nSelbst wenn wir nicht die Klischees strapazieren, bleibt \u00fcbrig, dass das Geld regiert und die Politik dem Ruf des Geldes folgt. Auch die Entscheidungen punkto Pandemiebek\u00e4mpfung werden leichter verst\u00e4ndlich, wenn man sich ansieht, wem sie vor allem n\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>WAS UNS DAS VIRUS ZEIGT<\/strong><\/p>\n<p>Es zeigt unsere <strong>menschliche Vergangenheit<\/strong>, aus der wir entstanden sind. Wir sind Produkte der Evolution der letzten zwei Millionen Jahre und haben F\u00e4higkeiten entwickelt, aber auch deren Grenzen. Wir k\u00f6nnen Krisen gut bew\u00e4ltigen, wenn wir a.) zusammenhalten und b.) eine Perspektive haben, also ein Ende definieren oder erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir sind soziale Wesen, die andere Wesen brauchen, um leben zu k\u00f6nnen. Das zeigt uns schon die Geburt, nach der wir auf fremde Hilfe angewiesen sind und ohne diese sehr schnell sterben. Unser Stress-System ist auf kurze, durchaus auch starke Stress-Spitzen eingestellt und kann diese gut bew\u00e4ltigen. Ein hohes Dauerbrummen an Stress macht uns kaputt und die Pandemie mit ihren st\u00e4ndig wechselnden Entscheidungen, den aufeinander folgenden und uns willk\u00fcrlich erscheinenden Lockdowns bringen uns an Grenzen, die wir in der Gr\u00f6\u00dfe und Art ihrer Folgen noch gar nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Virus greift uns bei den <strong>Grenzen unserer Leistungsf\u00e4higkeit<\/strong> an, aus der die Verletzlichkeit entstanden ist. Je schneller und effizienter unsere globale Wirtschaft arbeitet, desto verletzlicher wird sie, da die Puffer l\u00e4ngst wegrationalisiert wurden. Es gibt keine Leerr\u00e4ume mehr, keine R\u00fcckzugsgebiete, weder f\u00fcr Tiere noch f\u00fcr Menschen, fast jeder irgendwie nutzbare Quadratmeter ist privatisiert und kommerzialisiert. Wir haben unser Leben und die Natur ausgepresst bis zum letzten Tropfen und jetzt kommt die D\u00fcrre in Form des Virus. Und wir haben die Menschen ausgepresst, die jetzt oft mehrere Jobs brauchen um sich das Leben leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Verletzlichkeit ist wohl derzeit die <strong>Abh\u00e4ngigkeit von der Produktion lebensrelevanter Produkte<\/strong> durch Menschen, Unternehmen und Nationen, deren Ziel nicht das Gemeinwohl ist. Wir k\u00f6nnen das sehr gut an den Pharmafirmen erkennen, die auch in der Pandemie das tun, was sie immer getan haben: ihren Profit maximieren, die Preise durch Verknappung in die H\u00f6he treiben und maximal erzielbare Gewinne generieren und absch\u00f6pfen.<br \/>\nBesonders abh\u00e4ngig ist Europa von China, wo fast alles produziert wird, was wir hier brauchen, von landwirtschaftlichen Produkten \u00fcber jede Art von Konsumg\u00fctern bis hin zu gro\u00dfen Teilen der medizinischen Versorgung.<br \/>\nWir haben rationalisiert und alles ausgelagert, was irgendwie m\u00f6glich war.<br \/>\nGanz besonders effizient, aber auch ganz besonders verletzlich ist die \u201eJust-in-Time-Produktion\u201c. Sie bricht bei der kleinsten St\u00f6rung zusammen.<br \/>\nEs war in Europa zwar m\u00f6glich sehr schnell eine Produktion von Schutzmasken der einfachsten Art zu entwickeln, das gilt aber nicht f\u00fcr komplexere Produkte oder gar technisch hochwertige Dinge wie medizinische Instrumente oder Pharmazeutika.<br \/>\nEs zeigt sich, dass die Schw\u00e4chen globalisiert wurden, nicht die St\u00e4rken. Wenn das schw\u00e4chste Glied der Kette zusammenbricht, bricht das gesamte System zusammen.<\/p>\n<p>Einer dieser Zusammenbr\u00fcche zeigt sich im <strong>Gesundheitssystem<\/strong>, wo der Ausdruck \u201ekaputtgespart\u201c wohl mancherorts seine Berechtigung hat. In einem auf Effizienz und Profitmaximierung ausgerichteten System ist die oberste Maxime die der Kosteneinsparung. Das beginnt beim Personal, geht \u00fcber die medizinischen Ger\u00e4te und endet beim Klopapier.<br \/>\nIn einer Diskussion w\u00e4ren sich wohl schnell alle einig, dass Gesundheit wichtig ist und ein gut funktionierendes Gesundheitssystem auch Kosten verursachen darf. Nicht mehr ganz so einig w\u00e4ren sich die DiskutantInnen bei der Frage, wie viel es kosten darf und wer daf\u00fcr zu sorgen hat, dass es funktioniert. Die einen meinen, dies m\u00fcsste staatlich organisiert sein, die anderen wollen es in privater Hand sehen.<br \/>\nDie Pandemie kam nicht \u00fcberraschend, sie wurde weltweit durch ExpertInnen vorausgesagt, die nat\u00fcrlich nicht wissen konnten, wo genau sie entstehen wird und wann. Einige ostasiatische L\u00e4nder hatten aus den Erfahrungen mit SARS und MERS gelernt und waren besser vorbereitet, andere mehr oder weniger gar nicht.<br \/>\nAber auch hier ist das Thema komplex.<\/p>\n<p>Das Virus zeigt unseren gesellschaftlichen <strong>Umgang mit dem Tod<\/strong>. Es zeigt unsere kulturellen Strukturen, unsere Grundwerte und wie wir damit umgehen. Sehr schnell tauchte ein Grundwiderspruch auf, n\u00e4mlich der von jung und alt. F\u00fcr die jungen Menschen ist es gut m\u00f6glichst viel Freiheit zu haben, um sich gut entwickeln zu k\u00f6nnen. Jugendliche wollen sich treffen, \u00fcber Kontakte mit Gleichaltrigen ihre soziale Kompetenz aufbauen, sie wollen m\u00f6glichst viel differenzierte Interaktion, in der Schule, beim Mannschaftssport, in Lokalen, in Diskos, Clubs, Bars und privaten Feiern. F\u00fcr sie ist jeder Lockdown schlecht.<br \/>\nAll das verbreitet das Virus und trifft dann die Alten, die sich dagegen schlechter wehren k\u00f6nnen. F\u00fcr sie ist jeder Lockdown gut.<br \/>\nWas ist nun wichtiger: das Leben der Jungen oder das Leben der Alten?<br \/>\nMit anderen Worten: Wie viele Tote sind wir bereit zu akzeptieren? <\/p>\n<p>Das Virus deckt aber noch etwas anderes auf: das Wegschauen, das Verleugnen, das Fl\u00fcchten. Auch das geh\u00f6rt zu unserer Gesellschaft und zum Menschsein. Es zeigt unsere <strong>weniger sch\u00f6nen Seiten<\/strong>, den Egoismus, etwa bei den Hamsterk\u00e4ufen oder wenn Menschen die Corona-Regeln brechen, zum Golfspielen nach S\u00fcdafrika fliegen oder Parties feiern. <\/p>\n<p>Das Virus zeigt die <strong>Grenzen unserer psychischen Widerstandskraft<\/strong>, und zwar die der Individuen und die der Gesellschaft. Nach einem Jahr Pandemie ist klar, dass Kinder und Jugendliche zum Teil stark betroffen sind, die Kliniken und Ambulanzen platzen aus allen N\u00e4hten: Angstst\u00f6rungen, Depressionen, Suizid, aber auch k\u00f6rperliche Sch\u00e4den durch Bewegungsmangel und noch vieles mehr haben so massiv zugenommen, dass die Alarmglocken schrillen.<br \/>\nDurch Homeschooling und Homeoffice geraten Familiensysteme an ihre Belastbarkeitsgrenzen. Wenn beide Elternteile plus Kinder in einer kleinen Wohnung im Lockdown leben, arbeiten und lernen m\u00fcssen, zeigen sich sehr schnell die Grenzen unseres Wirtschafts- und Sozialsystems. Dazu kommen der fehlende Urlaub und die eingeschr\u00e4nkten Bewegungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Das Virus hat uns einen <strong>Blick in die Zukunft<\/strong> werfen lassen. Seit Jahrzehnten perfektionieren und bewundern wir ein Wirtschaftssystem, das von uns die Idiotie (\u201eVereinzelung\u201c) verlangt. In einem System, das nur durch ewiges Produktions- und Konsumwachstum funktioniert, m\u00fcssen immer mehr Menschen immer mehr Dinge kaufen. Sie m\u00fcssen sie weder brauchen noch verwenden, es reicht, wenn sie m\u00f6glichst viel davon kaufen. Die Spitze dieser Entwicklung ist derzeit die \u201eFast Fashion\u201c. Der weltweite Bekleidungsdiskonter Zara produziert bis zu 300 neue Linien jedes Jahr und m\u00f6chte, dass die KundInnen m\u00f6glichst jede Linie kaufen. Jeden Tag eine neue Mode. Da die Menschen diese Bekleidung nicht mehr tragen k\u00f6nnen, wird sie weggeworfen, ohne je getragen worden zu sein. Die Dinge werden wegen des Kauferlebnisses gekauft (sieben Sekunden Adrenalinaussch\u00fcttung) und das ist nach dem Kauf vorbei.<br \/>\nDer Feind dieses Systems sind die \u201eCommons\u201c, die gemeinsam gen\u00fctzten Dinge. Wer Dinge gemeinsam ben\u00fctzt, gar tauscht oder repariert, gilt als \u201eKommunist\u201c und wird bel\u00e4chelt oder beschimpft, in jedem Fall sozial stigmatisiert.<br \/>\nDas Virus zeigt uns, was mit uns geschieht, wenn wir vereinzelt werden, wenn wir uns selbst zu den Idioten (und Idiotinnen) machen, die wir laut dem System sein sollen, das uns erz\u00e4hlt: geht es der Wirtschaft gut, geht es allen gut. Ein System, das die Wirtschaft \u00fcber das Leben stellt und das mit dem Argument erkl\u00e4rt, dass Arbeitspl\u00e4tze verloren gehen k\u00f6nnen. Genau die Arbeitspl\u00e4tze, die genau dieses System mit aller Kraft vernichtet, weil Personalkosten den Gewinn schm\u00e4lern.<\/p>\n<p>Das Virus zeigt uns, wie schnell wichtige Dinge knapp werden, obwohl wir in einer <strong>\u00dcberflussgesellschaft<\/strong> leben. Es zeigt uns die Schw\u00e4che eines Systems, das von vielen als unfehlbar beschrieben wird, das sich angeblich selbst reparieren kann.<br \/>\nWir leben in einer Welt, die es in der Form erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs gibt. Und genau diese Welt hat jetzt das erste Mal einen Schock bekommen. Es gab das erste Mal eine Angebots- und eine Nachfragekrise zur gleichen Zeit. Das war auch in der bisher gr\u00f6\u00dften Krise (Finanzkrise 2009) nicht der Fall. Das erste Mal stehen weltweit Flugh\u00e4fen leer, Autofabriken still und die Tourismusindustrie befindet sich am Rande des Abgrunds.<\/p>\n<p>Das Virus zeigt, was aus uns wird, wenn wir uns isolieren. Vor ein paar Jahren sa\u00df ich in einem Kaffeehaus, als f\u00fcnf junge M\u00e4dchen hereinkamen und sich an einen Tisch setzten. Sie redeten kein einziges Wort miteinander, sondern starrten \u00fcber eine Stunde auf ihre Handy-Bildschirme, um dann wieder zu gehen.<br \/>\nJetzt sollen wir das tun, was wir bisher freiwillig getan haben: m\u00f6glichst \u00fcber Bildschirme miteinander kommunizieren, m\u00f6glichst viele Maschinen ben\u00fctzen und uns von ihnen m\u00f6glichst abh\u00e4ngig machen. Wir sollen m\u00f6glichst wenige Menschen treffen und m\u00f6glichst viel online kaufen, um unsere Wohnungen nicht verlassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Virus hat uns auch gezeigt, <strong>was wir brauchen und was nicht<\/strong>, welche Berufe f\u00fcr das Funktionieren unserer Gesellschaft wichtig sind und welche nicht. Es hat uns auch gezeigt, dass wir genau diese Menschen, die in diesen Berufen arbeiten, schlecht bezahlen, dass wir sie ganz unten in der Pyramide ansiedeln, an deren Spitze die Hedgefondsmanager stehen und die Anw\u00e4lte und die Eigent\u00fcmerInnen gro\u00dfer Unternehmen.<br \/>\nSchlecht bezahlen tun wir die Pflegekr\u00e4fte, die M\u00fcllm\u00e4nner, die Putzfrauen, die Menschen, die unsere Kl\u00e4ranlagen reparieren und warten und noch viele andere.<\/p>\n<p>Das Virus zeigt uns die <strong>Randbereiche unserer Gesellschaft<\/strong>. Es wirkt wie ein R\u00f6ntgenger\u00e4t, das uns in die Tiefe schauen und die Knochen erkennen l\u00e4sst. Wir sehen auf einmal die Menschen in unserer Gesellschaft, die bisher unsichtbar waren, weil sie gerade mal mehr recht als schlecht existieren. Wir sehen die blitzschnell zusammenkrachenden Existenzen, die wir bisher nicht gesehen haben, weil sie knapp unter der Wahrnehmungsschwelle waren. Wir sehen Menschen, die bisher irgendwie \u00fcber die Runden gekommen sind, weil sie am Rand der Gesellschaft von dem lebten, was jetzt nicht mehr runterf\u00e4llt.<br \/>\nEs zeigt uns die Grenzen eines an die Grenze getriebenen Effizienz-Profitsystems, mit Fluglinien, die niemals wirtschaftlich gearbeitet haben und nur durch staatliche Subventionen bisher existieren konnten.<br \/>\nEs zeigt uns die Grenzen zwischen dem, was wir brauchen und dem, was wir uns w\u00fcnschen. Es zeigt die Perversion in vielen Lebensbereichen. Wir z\u00fcchten 1,7 Milliarden Rinder auf der Welt \u2013 Milchk\u00fche nicht eingerechnet. Die Bio-Masse dieser Rinder ist gr\u00f6\u00dfer als die aller Menschen.<\/p>\n<p>Es zeigt uns die <strong>Maschine<\/strong>, in der wir uns befinden. Damit sind nicht nur die vielen Maschinen gemeint, die uns umgeben und unser Leben beeinflussen, ob das jetzt das Handy ist oder das Auto oder der Computer oder die Beatmungsmaschine, sondern ein System, von dem viele bisher dachten, dass es als Ganzes sowieso nicht mehr steuerbar ist und quasi wie von alleine funktioniert.<br \/>\nUnd jetzt verlangt diese Maschine nach massiven Eingriffen, nach Steuerung, nach vernetzten Entscheidungen f\u00fcr Millionen von Menschen. <\/p>\n<p>Damit zeigt uns das Virus die <strong>Machtlosigkeit der M\u00e4chtigen<\/strong>. PolitikerInnen sind sich nicht sicher, wie und auf welcher Grundlage sie Entscheidungen treffen sollen. Sie richten sich bisher nach der Macht der M\u00e4chtigen und finden diese in den Wirtschaftssystemen und ihren Lobbys. Die allerdings k\u00e4mpfen nur f\u00fcr ihre eigenen Interessen.<\/p>\n<p>Und dann zeigt uns das Virus noch das, was Michel Foucault \u201eBio-Politik\u201c genannt hat: Ein Gesundheitsproblem dient als Vorwand um das Kollektiv zu kontrollieren. Krisen verlangen nach Kontrolle und sowohl demokratische wie auch autorit\u00e4re Systeme folgen diesem Ruf. Mich erinnert das an 9\/11, wo der Terroranschlag in den USA von der dortigen Regierung zum Anlass genommen wurde, ein repressives Kontroll- und \u00dcberwachungssystem massiv auszubauen, das \u00fcbrigens nicht mehr abgebaut wurde, so wie in allen anderen Staaten dieser Erde, die dem Beispiel der USA gefolgt sind, angef\u00fchrt von China mit seiner inzwischen fast l\u00fcckenlosen \u00dcberwachung.<br \/>\nJetzt zeigt uns das Virus die <strong>Strukturen unserer politischen Systeme<\/strong>, es wirkt wie ein Turbo, wie ein Verst\u00e4rker des schon Vorhandenen.<br \/>\nZugleich mit dem Ruf nach mehr Freiheit erschallt der Ruf nach mehr Kontrolle \u2013 die Freiheit f\u00fcr mich, die Kontrolle f\u00fcr die anderen. Das Virus zeigt die Grenze des Individualismus, der darin gipfelt, dass ich gerne in meiner kleinen Gasse ein Fahrverbot f\u00fcr alle au\u00dfer f\u00fcr mich selbst m\u00f6chte \u2013 vielleicht noch f\u00fcr meine besten Freunde oder Besucher. Daf\u00fcr h\u00e4tte ich aber gerne ungehinderte Fahrt im Rest der Stadt, und zwar in der Geschwindigkeit meiner Wahl, denn sonst ist ja meine Freiheit eingeschr\u00e4nkt.<br \/>\nDas Ziel, quasi der Idealzustand ist eine auf mich zentrierte Welt, in der ich alle Rechte und Freiheiten habe, aber keine Verantwortung. Dieser Zustand wird in der Bibel als \u201eParadies\u201c beschrieben, eine Welt, in der ich wohl beh\u00fctet lustwandeln kann und mich um nichts k\u00fcmmern muss.<br \/>\nDummerweise bin ich in so einer Welt alles andere als frei, denn ich darf nicht die Fr\u00fcchte des Baumes der Erkenntnis essen. Hier ist die Grenze meiner Freiheit. Wenn ich es doch tue, werde ich aus dem Paradies vertrieben und muss die Verantwortung f\u00fcr mein Leben \u00fcbernehmen, also mein Brot im Schwei\u00dfe meines Angesichts verdienen.<br \/>\nDas Virus zeigt uns, dass uns das System bisher das Paradies vorgegaukelt hat und die Politikerinnen und Politiker uns die Verantwortung abgenommen haben, allerdings zum Preis der Freiheit und Selbstbestimmung.<br \/>\nJetzt agieren wir wie Kinder, die selbst- oder zumindest mitbestimmen wollen, aber noch nicht wissen, wie das geht. Aus Millionen B\u00fcrgerInnen werden Millionen M\u00f6chtegern-Virus- und Impfexpertinnen und -experten.<br \/>\nPolitische Parteien und demokratische Wahlen scheinen als Mittel nicht mehr zureichend zu sein, aber was gibt es sonst?<\/p>\n<p><strong>DAS VIRUS ALS CHANCE<\/strong><\/p>\n<p>So seltsam es klingt, Covid-19 k\u00f6nnte so etwas wie eine globale Impfung sein, also eine kleine Portion von etwas T\u00f6dlichem, auf das wir uns einstellen, so dass wir eine globale Immunantwort finden k\u00f6nnen.<br \/>\nDie Menschheit kann m\u00f6glicherweise Resilienz aufbauen, wenn sie die Botschaft versteht.<br \/>\nWarum kam diese Pandemie genau jetzt?<br \/>\nVielleicht liefert die Summe aller globalen Ver\u00e4nderungen die Antwort. Diese Mischung aus Naturzerst\u00f6rung, Wachstumsideologie, Globalisierung, Tourismusindustrie, \u00dcberflussgesellschaft, Ausbeutung und noch vieles mehr ist m\u00f6glicherweise an einem Punkt angelangt, an dem bestimmte Ausl\u00f6ser so h\u00e4ufig auftreten, dass irgendwann ein Einzelereignis den Stein ins Rollen bringt.<\/p>\n<p>\u201eIhr entwickelt zwar einen Impfstoff gegen mich, aber warum nicht gegen die Maschine? Einst habt ihr ihre Ausw\u00fcchse mit einem Impfstoff bek\u00e4mpft, den ihr Demokratie nanntet. Doch jetzt mutiert die Maschine, und zwar so schnell, dass eure Demokratie sie nicht mehr stoppen kann\u201c sagt das Virus im Film.<\/p>\n<p><strong>Schreckt die Dystopie auf?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWer glaubt, 2020 sei nur ein Krisenjahr und danach wird alles besser, oder wieder wie vor der Krise, der irrt. Ich glaube, in zehn Jahren w\u00fcnschen wir uns 2020 zur\u00fcck.\u201c Das sagt die Klimaschutzaktivistin Carola Rackete, die als streitbare Kapit\u00e4nin in der Fl\u00fcchtlingskrise bekannt wurde.<br \/>\nStimmt das? Werden wir wesentlich ernstere Krisen als Covid-19 bew\u00e4ltigen m\u00fcssen? Und wenn ja, m\u00fcssen wir uns dann nicht jetzt bereits darauf vorbereiten? Und wie sollen diese Vorbereitungen aussehen?<\/p>\n<p>Falls dieses dystopische Szenario zur Wirklichkeit wird, werden wir ohne Zusammenhalt, Kooperation und funktionierende Lebenserhaltungssysteme nicht weit kommen.<br \/>\nEine dieser Krisen kennen wir bereits und sie k\u00f6nnte sich als die schlimmste herausstellen: die Klimakrise.<br \/>\n\u00c4hnlich wie die Corona-Pandemie gab es seit Anbeginn der Menschheit auch noch nie einen so tiefgreifenden Klimawandel.<br \/>\nDer Unterschied besteht in der Geschwindigkeit und im Ausl\u00f6ser. Im Gegensatz zu anderen \u00e4hnlich gravierenden Klimawandelzeiten findet der jetzige zehnmal oder hundertmal so schnell statt. Und im Gegensatz zu allen schnellen Klimawandeln, die allesamt entweder durch Vulkanausbr\u00fcche oder durch einschlagende Himmelsk\u00f6rper ausgel\u00f6st wurden, ist dieser hausgemacht.<\/p>\n<p>Ma\u00dfnahmen sind schwierig, denn es handelt sich um komplexe Probleme. Es reicht nicht, an einer Schraube zu drehen, denn das l\u00f6st nicht eine Ver\u00e4nderung aus, sondern m\u00f6glicherweise zehn und davon sind neun unvorhersehbar.<br \/>\nEin Beispiel: Die Zoonosen entstehen nicht nur bei der \u00dcbertragung von Viren von Wildtieren auf Menschen, sondern auch in der industriellen Tierhaltung, also bei der Lachszucht und der Fleischzucht. Entscheidend ist die Art und Weise, wie die Tiere gehalten werden. Wenn auf der einen Seite Menschen glauben, dass sie t\u00e4glich Fleisch brauchen, haben wir auf der anderen Seite eine Entwicklung hin zu einer Tierhaltung, die wiederum Krankheiten produziert, denn jeden Tag Fleisch geht nur, wenn es billig ist. Billiges Fleisch l\u00e4sst sich nur durch Ausbeutung der Umwelt erzeugen.<br \/>\nWenn jetzt neue Virenst\u00e4mme auftauchen, dann f\u00fchren die Menschen dies nicht auf ihren stark gestiegenen Fleischkonsumwunsch zur\u00fcck. Das ist Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Werden wir lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Was werden wir aus der Pandemie lernen? Werden wir danach weniger sinnlose Business-Fl\u00fcge machen? Werden wir mehr in der n\u00e4heren Umgebung Urlaub machen oder zum Ausgleich noch mehr m\u00f6glichst billig rund um die Welt fliegen?<br \/>\nWerden wir die notwendigen Dinge f\u00fcr eine Krise wieder lokal produzieren oder wird k\u00fcnftig noch mehr in China und Afrika gemacht, weil es ausschlie\u00dflich um den Preis geht?<br \/>\nWerden wir die Botschaft des Virus verstehen und \u2013 noch viel wichtiger \u2013 werden wir daraus Konsequenzen ziehen?<br \/>\nWerden wir in Zukunft in Diktaturen leben, die nach au\u00dfen hin einen Rest von demokratischem Anschein bewahren oder werden wir neue Formen der Politik erfinden und anwenden?<br \/>\nWerden wir wie konterdependente Kinder nur gegen die Autorit\u00e4t demonstrieren oder selbst Verantwortung \u00fcbernehmen, auch wenn diese nicht unbedingt angenehm ist? Wir k\u00f6nnen unsere eigene Konterdependenz daran erkennen, dass wir zwar sofort schreien, wenn der Staat Daten von uns verlangt, aber in der n\u00e4chsten Sekunde all unsere Daten einem anonymen und v\u00f6llig unkontrollierbaren Internetkonzern zur Verf\u00fcgung stellen. Wie Kinder haben wir noch nicht gelernt hier vern\u00fcnftig zu handeln.<br \/>\nFr\u00fcher kannte man die Burg und den Burgherrn und wusste, wohin man mit den Mistgabeln gehen musste, um etwas zu \u00e4ndern. Heute sind die Herrschaftssysteme unbekannt oder unsichtbar, global verteilt, virtuell und da wir nicht wissen, wie wir uns gegen sie auflehnen sollen, lehnen wir uns gegen die auf, die wir greifen k\u00f6nnen. Falls das die falschen sind, werden wir scheitern.<br \/>\nDas Schlimmste, was uns passieren kann, ist die R\u00fcckkehr in das, was vor Corona war, also in ein System, das hundert Mal gef\u00e4hrlicher f\u00fcr die Menschheit ist als das Covid-19-Virus.<br \/>\nEs hat uns gezeigt, wie sich ein kleines Ereignis massiv auf ganze Menschheit auswirken kann. Vielleicht hilft es uns auch zu erkennen, dass uns die Klimakrise alle betrifft, auch wenn sie noch nicht die sp\u00fcrbaren Auswirkungen auf unser Leben hat.<br \/>\nWir brauchen eine neue Zukunft und wenn wir uns berechtigterweise nach Normalit\u00e4t sehnen, dann sollte diese ein Teil der neuen Welt sein, in der mehr Menschen ein besseres und m\u00f6glichst alle ein gutes Leben haben.<\/p>\n<p><strong>Was wir tun m\u00fcssen<\/strong><\/p>\n<p>Das wichtigste wird sein, lokale Gemeinschaften zu finden oder aufzubauen, innerhalb derer wir bereit sind gemeinsam auf einen Teil unserer Bequemlichkeit und unseres Wohlstands zu verzichten. Im Idealfall auf das, was uns sowieso nicht mehr gl\u00fccklich macht. Die wenigsten Menschen halten es aus auf etwas zu verzichten, wenn alle anderen rundherum das nicht tun. Die Vernetzung dieser Gemeinschaften wird die Aufgabe der gr\u00f6\u00dferen politischen Strukturen sein. <\/p>\n<p>Noch k\u00f6nnen wir etwas tun, um zu verhindern, dass wir unsere Erde zerst\u00f6ren. Wir besitzen keine zweite, auf die wir wechseln k\u00f6nnen. Die Zahlen sind l\u00e4ngst bekannt, das Wissen ist vorhanden, die Ist-Situation ist klar sichtbar. Was jetzt fehlt, ist gemeinsames, schnelles Handeln. Wir wissen, was das Richtige ist, jetzt m\u00fcssen wir es auch tun.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise hilft uns Covid19 dabei. Und wenn nicht, dann wird das n\u00e4chste Virus kommen und uns oder unsere Kinder m\u00f6glicherweise noch deutlich h\u00e4rter treffen als Covid19.<br \/>\nWir haben die Wahl und ich habe mich schon entschieden.<\/p>\n<p>Und das sind die Schlussworte des Virus in dem Film:<\/p>\n<p>\u201eDie Maschine wird mich \u00fcberleben. Schade. Ich h\u00e4tte so gerne gesehen, wie ihr sie b\u00e4ndigt, sie zum Schweigen bringt. Ihr schafft das, da bin ich mir sicher. Denn ihr Menschen habt Waffen, die weder ich noch die Maschine kennen: Liebe, Humor, Kreativit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>(Die Zahlen und Fakten dieses Artikels stammen aus dem Film \u201eCorona \u2013 Sand im Weltgetriebe\u201c)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine philosophische Betrachtung der Corona-Pandemie Der franz\u00f6sische Filmemacher Alain de Halleux nennt seinen Film \u00fcber Corona \u201eSand im Weltgetriebe\u201c und legt damit den Finger auf die Wunde der Wachstumsideologie. Wir haben unsere Systeme ausgereizt, mindestens was die Ausbeutung von Mensch<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2807","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophisches"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2807"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2808,"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2807\/revisions\/2808"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}