{"id":3033,"date":"2025-06-20T17:19:08","date_gmt":"2025-06-20T16:19:08","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3033"},"modified":"2025-06-27T15:12:16","modified_gmt":"2025-06-27T14:12:16","slug":"sinn-und-unsinn-eines-waffenverbots","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/sinn-und-unsinn-eines-waffenverbots\/","title":{"rendered":"Sinn und Unsinn eines Waffenverbots"},"content":{"rendered":"<p>Ein hei\u00dfes Thema, hat doch vor ein paar Tagen ein 21-j\u00e4hriger Mann knapp ein Dutzend Menschen an einer Schule in Graz erschossen.<br \/>\nViele Medien berichteten von einer \u201eTrag\u00f6die\u201c und hier liegt bereits der erste, schwere Fehler vor, denn das war keine Trag\u00f6die.<br \/>\nUm eine solche handelt es sich, wenn aus einer Verkettung diverser Umst\u00e4nde ein Unheil zustande kommt. Jemandem f\u00e4llt auf der Stra\u00dfe von oben ein Blumentopf auf den Kopf, der sich durch einen Windsto\u00df gel\u00f6st hat.<br \/>\nEinem LKW platzt ein Reifen und das entgegenkommende Auto mit der Familie auf Urlaubsfahrt wird zerst\u00f6rt, die Familie kommt dabei um.<br \/>\nDas sind Trag\u00f6dien.<\/p>\n<p>Im Falle von Graz handelt es sich um einen geplanten und durchgef\u00fchrten Mord an vielen Menschen. Das ist schlicht und einfach etwas anderes. Dieses Verbrechen wird untersucht und es wird auch viele, wahrscheinlich auch verschiedene Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr geben. Eine davon hat die Zeitschrift \u201eFalter\u201c parat: Der M\u00f6rder hatte die Tat genau geplant, sein Vorbild war das \u201eSchool-Shooting\u201c in Columbine in den USA 1999. (Mir ist das noch gut in Erinnerung, auch durch den Film \u201eBowling for Columbine\u201c von Michael Moore.) Die Tat wird als erweiterter Suizid beschrieben und der T\u00e4ter von Graz war in den einschl\u00e4gigen Internet-Gruppen aktiv.<\/p>\n<p>Abseits aller Interpretationen tauchen aber zwei Fragen auf:<\/p>\n<p>1.) Welche Rahmenbedingungen m\u00fcssen ge\u00e4ndert werden, damit es in Zukunft gar nicht dazu kommt?<br \/>\n2.) Sind die Verantwortlichen bereit, die Verantwortung \u00fcber die notwendigen Ma\u00dfnahmen zu \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>Weil in \u00d6sterreich (und nicht nur hier) schon seit Jahrzehnten \u00fcber solche Ma\u00dfnahmen diskutiert wird, braucht es keine neue Diskussion dar\u00fcber, was genau getan werden muss. Es braucht Entscheidungen und danach eine brauchbare, eine wirkungsvolle Umsetzung.<br \/>\nDaf\u00fcr braucht es keine wie auch immer geartete Beteiligung von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, denn diese haben ihr Sicherheitsmanagement durch das System der repr\u00e4sentativen Demokratie an die entsprechenden Institutionen delegiert, die jetzt gef\u00e4lligst ihren Allerwertesten in Bewegung setzen sollten, um endlich zu handeln.<\/p>\n<p>Kommen wir zu den Rahmenbedingungen, von denen ich deswegen schreibe, weil nur sie sinnvoll ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDamit meine ich erstens das Bildungssystem, zweitens die gesellschaftliche Ordnung und drittens das Waffengesetz.<\/p>\n<p><strong>1.) Das Bildungssystem<\/strong><\/p>\n<p>Die Modelle liegen klar vor, sie sind den Verantwortlichen bekannt und k\u00f6nnten schnell umgesetzt werden. Dass es daf\u00fcr ein paar Entscheidungen braucht, ist klar.<br \/>\nEs geht dabei in erster Linie um die Schaffung eines Systems, das m\u00f6glichst wenig Au\u00dfenseiter produziert. Damit g\u00e4be es deutlich weniger junge Menschen, die aus dem leistungsorientierten, mit der 50-Minuten-Einheit g\u00e4nzlich veralteten Unterrichtssystem hinausfallen.<br \/>\nDer Amokl\u00e4ufer von Graz war so einer, der niemandem wirklich aufgefallen ist und wenn, dann wurde dem keine Bedeutung zugemessen \u2013 wie etwa die Einstufung der Stellungskommission.<br \/>\nAber auch die Schule hat ihn nicht aufgefangen, sondern ausgesto\u00dfen. Zum Auffangen fehlen die systemischen Voraussetzungen, letztlich sogar das Interesse der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden an solchen Personen. Die Schulen tun hier meist ihr M\u00f6glichstes, das sichtlich nicht genug ist.<br \/>\nIn Gaza werden seit Jahrzehnten junge Terroristen, radikale Moslems und verzweifelte Jugendliche ohne Perspektive produziert. Oft in der Form, dass alle drei Eigenschaften zusammenkommen.<br \/>\nDas dortige Bildungssystem sieht die Radikalisierung im Lehrplan geradezu vor, wie etwa den tiefen, bei diesen Menschen erst erzeugten und dann gut gepflegten Hass auf Israel und alles, was von dort kommt.<\/p>\n<p>Bei uns sieht das zwar etwas anders aus, die Grundstruktur ist aber gleich. Auch hier verlangt das System nach Unterordnung unter eine bestimmte Ideologie, auch hier werden die Kinder und Jugendlichen radikalisiert, und zwar nicht zum Islam, sondern zum Kapitalismus. Der Gott hei\u00dft Geld und er will genauso oft angebetet werden wie Allah.<br \/>\nStatt sich auf einem Gebetsteppich nach Mekka zu wenden, sollen sich die Menschen mit ihrem Geldb\u00f6rsl in einen Konsumtempel begeben und dort beten in Form von kaufen.<\/p>\n<p>Dadurch werden Menschen erzeugt, die ihr Gl\u00fcck nur mehr (oder fast nur mehr, es betrifft ja nicht alle und nicht alle gleich stark) im Kaufrausch finden oder zu finden glauben.<br \/>\nNach dem Rausch folgt immer die Ern\u00fcchterung und in manchen F\u00e4llen die Askese, der Konsumrausch gleicht aber sehr pr\u00e4zise anderen rauschartigen Suchtzust\u00e4nden.<\/p>\n<p>Der Wechsel im Bildungssystem w\u00fcrde auf einer Hinterfragung dieses Gl\u00fccksbegriffs aufbauen und alternative Gl\u00fccksbegriffe zur Verf\u00fcgung stellen. Das k\u00f6nnten etwa funktionierende Sozialgemeinschaften sein, aber auch individuelle Strategien, wie man sich in unserer Welt besser zurechtfinden kann.<br \/>\nH\u00e4tte so etwas den Amokt\u00e4ter von Graz aufgehalten? Die Antwort darauf werden wir nie finden, weil sich die Zeit nicht zur\u00fcckdrehen l\u00e4sst und der junge Mann tot ist.<\/p>\n<p>Wenn wir uns allerdings die Defizite ansehen, die sich in der Biographie solcher Amokl\u00e4ufer finden, k\u00f6nnen wir die Frage durchaus mit \u201eJa\u201c beantworten. Sie sind stets einsam, haben keine funktionierenden Sozialbeziehungen wie etwa Freundeskreise oder famili\u00e4ren Halt.<br \/>\nSie haben aber auch keine alternativen Strategien, wie sie trotzdem mit solchen Lebenssituationen umgehen k\u00f6nnen.<br \/>\nSie wissen nicht, wie man zur notwendigen Gelassenheit kommt oder das eigene Tun reflektiert.<br \/>\nSie wissen nicht, wie man das notwendige Selbstbewusstsein aus dem eigenen Sein heraus definiert und erlebt.<br \/>\nSie wissen nicht, wie man erkennen kann, wenn man selbst Hilfe braucht und wie man diese findet und anspricht.<br \/>\n(Diese Liste kann jederzeit entsprechend erweitert werden.)<\/p>\n<p>Daher kippen sie in selbst konstruierte Ersatzrealit\u00e4ten, aus denen Ersatzwelten entstehen. Diese sind mit der echten Realit\u00e4t nicht kompatibel und korrespondieren auch nicht damit. Sie er\u00f6ffnen einen fiktiven Raum, in dem diese Menschen sich m\u00e4chtig f\u00fchlen in ihrer Ohnmacht, in dem sie endlich handlungsf\u00e4hig sind.<br \/>\nDie allseits beliebten Videospiele sind vielleicht nicht der Ausl\u00f6ser f\u00fcr Wahnsinnstaten, sicher aber Teil des Substrats, in dem diese entstehen.<\/p>\n<p>Wenn sie die Fiktionen aus ihrer fiktiven Welt dann mit der realen Welt konfrontieren, kommt es zum Bruch, der sie endg\u00fcltig in eine Welt holt, in der sie nicht leben k\u00f6nnen. Daher fl\u00fcchten sie meist durch Selbstmord, wie auch im Grazer Fall.<\/p>\n<p>Mir geht es hier aber nicht um eine Vorlesung in Kriminalpsychologie, sondern um die Analyse der Schwachstellen einer Gesellschaft. <\/p>\n<p>In einem neuen Bildungssystem g\u00e4be es ein Fach namens Sozialkunde, in dem Gesellschaft und ihre Auspr\u00e4gungsformen zur Debatte stehen w\u00fcrden. Erg\u00e4nzt w\u00fcrde dieses Fach durch das ohnehin schon lange diskutierte Fach Ethik.<br \/>\nEs g\u00e4be in so einem System aber auch verst\u00e4rktes Augenmerk auf eine Gemeinwohlbildung, die gegen die Vereinzelung k\u00e4mpft. Es g\u00e4be Netzwerke, in denen Au\u00dfenseiter h\u00e4ngen bleiben bevor sie sich selbst aus der Gesellschaft ausschlie\u00dfen und dann oft Suizid begehen.<br \/>\nEs w\u00e4re ein System, in dem Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rsozialisation enger aufeinander abgestimmt w\u00e4ren, also Eltern und Schule intensiver kooperieren.<br \/>\nVon so einem Bildungssystem w\u00fcrden alle profitieren, nicht nur die beschriebenen Au\u00dfenseiter.<br \/>\nWarum es derzeit nicht zur Debatte steht, sollte Teil einer wichtigen Debatte sein.<\/p>\n<p><strong>2.) Die gesellschaftliche Ordnung<\/strong><\/p>\n<p>Das Bildungssystem alleine reicht nicht, wir m\u00fcssen auf mehreren Ebenen anpacken. Auf der sozialen Ebene braucht es ein dichtes, aber gut durchdachtes System, das Kinder und Jugendliche auff\u00e4ngt.<br \/>\nDas f\u00e4ngt bei guten Dorf- und Gr\u00e4tzlgemeinschaften an und h\u00f6rt bei Gemeinschaftsg\u00e4rten noch lange nicht auf.<br \/>\nLeider ist das ein zweischneidiges Schwert: Ich will auf der einen Seite den Menschen so viel pers\u00f6nliche Freiheit geben, dass ich sie nicht st\u00e4ndig \u00fcberwache. Damit ist es in einer Gesellschaft auch m\u00f6glich Au\u00dfenseiter zu sein, ohne st\u00e4ndig daf\u00fcr am Pranger zu stehen. Wenn das jedoch ausartet, tauchen Ph\u00e4nomene auf wie wir sie in Gro\u00dfst\u00e4dten und der dortigen Anonymit\u00e4t finden: Menschen, die erst nach Wochen gefunden werden, weil es aus der Wohnung stinkt. Menschen, die niemandem abgegangen sind, deren Tod oft nur durch Zufall auff\u00e4llt.<br \/>\nDas Netz ist weitmaschig und l\u00e4sst viele Menschen durchrutschen. So sehr das individuelle Freiheit bedeutet, so sehr beg\u00fcnstigt es aber auch Entwicklungen wie die des jungen Mannes in Graz. Dazu kommt noch die vollkommene Unkontrolliertheit des Internets, in dem mehr oder weniger alles m\u00f6glich ist. Staatsschutz und Polizei bem\u00fchen sich zwar nach besten Kr\u00e4ften, ihnen sind aber aufgrund des Datenschutzes und anderer H\u00fcrden nur allzu oft die H\u00e4nde gebunden.<br \/>\nEin weiterer Bestandteil des teuflischen Cocktails sind die modernen Familien- und Beziehungsformen. So frei sie auch machen, so dunkel sind ihre Kehrseiten. Auch der Attent\u00e4ter von Graz wuchs scheinbar ohne Vater auf und so wirklich d\u00fcrfte sich niemand um ihn gek\u00fcmmert haben.<br \/>\nDie derzeit wirkenden und sich verst\u00e4rkenden Kr\u00e4fte der sozialen Differenzierung in immer reichere und immer \u00e4rmere Menschen m\u00fcssten gestoppt werden, etwa damit Eltern nicht gezwungen sind aus finanzieller Not die Erziehung ihrer Kinder hintanstellen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch hier stehen wir vor der Situation, dass es die notwendigen Entw\u00fcrfe l\u00e4ngst gibt, dass sich die zust\u00e4ndigen Politiker aber nicht trauen entsprechende Handlungen zu setzen, sofern sie nicht ohnehin eine andere Agenda haben.<br \/>\nDie Freiheit, die so vehement an jeder Ecke gefordert wird und inzwischen zu einem ziemlich inhaltsleeren Schlagwort verkommen ist, in das jeder seine eigenen Interessen hineinpackt, diese Freiheit zeigt uns gerne ihre weniger sch\u00f6ne Seite, n\u00e4mlich die Rechnung in Form der Verringerung sozialer Sicherheit.<br \/>\nDas f\u00fchrt uns zum n\u00e4chsten Punkt.<\/p>\n<p><strong>3.) Die dringend notwendige Reform des Waffengesetzes.<\/strong><\/p>\n<p>Das Problem liegt hier in den aktuellen Narrativen, die sehr stark von denen der USA gepr\u00e4gt sind. Das darf uns nicht verwundern, schlie\u00dflich lesen wir sein unserer Kindheit Karl May und versuchen derzeit m\u00f6glichst viel von der US-amerikanischen Kultur zu \u00fcbernehmen, von Halloween bis American Football, von Burger bis zu zerrissenen Jeans (dazu mehr in einem anderen Blog).<br \/>\nEin Teil davon ist der Umgang mit Waffen.<\/p>\n<p>Niemand w\u00fcrde es einfallen einen Panzer oder ein U-Boot im Vorgarten zu parken, um im Notfall zur Verteidigung bereit zu sein.<br \/>\nGegen wen und was eigentlich?<br \/>\nDas ist die entscheidende Frage. Die Geschichte, die hier von der NRA (National Riffle Association) erz\u00e4hlt wird, ist folgende:<\/p>\n<p>\u201eFreie Menschen m\u00fcssen sich jederzeit gegen b\u00f6se Menschen verteidigen k\u00f6nnen. Dazu brauchen sie Schusswaffen, etwa um sich gegen Einbrecher zu verteidigen, die sie und ihre Familie bedrohen.<br \/>\nAu\u00dferdem m\u00fcssen sie sich im Falle eines Putsches mit der eigenen Waffe verteidigen k\u00f6nnen, das ist ein wichtiges demokratisches Grundprinzip, um sich gegen Feinde des Systems behaupten zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Will man in der Geschichte was weiterbringen, muss man diese Narrative ernst nehmen, analysieren und hinterfragen.<br \/>\nDie Erzeuger und Verbreiter dieser Geschichte wollen das nat\u00fcrlich um jeden Preis verhindern, denn dabei geht es um sehr viel Geld. Wirklich sehr, sehr viel.<\/p>\n<p>Die beste Verteidigung des eigenen Lebens besteht darin, keine Angreifer zu erzeugen. Aber genau das macht unsere Gesellschaft. Einbrecher und R\u00e4uber sind nicht als solche geboren, sondern von der Gesellschaft erzeugt worden.<br \/>\nMit anderen Worten: Jeder b\u00f6se Mensch hat eine Mutter, die ihn liebt. Wenn dem nicht so ist, dann hat die Gesellschaft daf\u00fcr gesorgt, dass dem nicht so ist.<br \/>\nUnd dann kann sie auch f\u00fcr das Gegenteil sorgen, wenn sie es will.<\/p>\n<p>Derzeit produziert unsere Gesellschaft Individuen, die aus den Auffangnetzen hinausfallen in die Leere, die sie wild um sich schlagen l\u00e4sst, bis sie alles angreifen, was sie angreifen k\u00f6nnen, nur um etwas zu sp\u00fcren, um etwas angreifen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDieses Hinausfallen passiert etwa durch das Aufgehen der Schere zwischen Arm und Reich \u2013 ein erkl\u00e4rtes Ziel des Kapitalismus. Das Trickle-Down-Prinzip, das dem widersprechen soll, wirkt bei genauer Betrachtung als Verh\u00f6hnung.<br \/>\nDie Schaffung und Beg\u00fcnstigung von Eliten auf der einen sowie die Erzeugung von gesellschaftlichem Abfall auf der anderen Seite ist kein Zufall, sondern Teil des derzeitigen neolibert\u00e4ren Systems und seiner Hegemonie, gegen die schwer angek\u00e4mpft werden kann.<\/p>\n<p>Die zufriedenste Gesellschaft gab es in der Nachkriegszeit, wo es nur sehr wenige Reiche gab und dadurch auch nur sehr wenige Arme \u2013 das eine definiert sich immer \u00fcber das andere.<\/p>\n<p>Ein entsprechendes Waffengesetz wird also nur gebraucht, wenn davor schon viele Ebenen versagt haben. Dann allerdings ist es notwendig.<\/p>\n<p>Bleiben wir noch kurz beim Narrativ, das besagt, dass Menschen sich verteidigen k\u00f6nnen sollen. Gemeint ist damit interessanterweise immer das Verteidigen mit einer Schusswaffe, obwohl etwas anderes (eine gute Kampfsporttechnik etwa) wesentlich wirkungsvoller w\u00e4re.<br \/>\nWarum also Schusswaffen?<br \/>\nDas wird gerne mit der Notwendigkeit und Richtigkeit und Wahrheit von Tradition argumentiert.<br \/>\nUnd so etwas ist immer zu hinterfragen, denn meistens stecken dahinter handfeste Interessen von bestimmten Menschen, in diesem Fall von der Waffenlobby der USA, die an jedem Opfer eines Amoklaufs Millionen verdienen, weil sich Menschen aus Angst heraus noch mehr Waffen kaufen. Da knallen nach jedem School-Shooting die Champagnerkorken in den Vorstandsetagen.<\/p>\n<p>Aber was steckt hinter der behaupteten Wirksamkeit von Selbstverteidigung durch Schusswaffen?<br \/>\nDas nahezu immer sofort angef\u00fchrte und eigentlich auch einzige Beispiel ist der Einbruch, gegen den man sich mit einer Schusswaffe wehren kann.<br \/>\nDabei wird das Bild eines Einbrechers gezeichnet, der \u2013 meist in der Nacht \u2013 in ein Einfamilienhaus einsteigt und nicht nur leise und heimlich die Wertgegenst\u00e4nde stiehlt, sondern auch die eigene Familie bedroht.<br \/>\nAlso hat der Familienvater als Oberhaupt und Besch\u00fctzer das Recht und die Notwendigkeit sich gegen so einen B\u00f6sewicht zu verteidigen. Er zieht die Waffe und verjagt den Einbrecher. Sollte das nicht funktionieren, schie\u00dft er ihn nieder \u2013 selbstverst\u00e4ndlich nur, um seine Familie zu verteidigen, die durch die Anwesenheit des Einbrechers quasi automatisch gef\u00e4hrdet ist.<\/p>\n<p>Sieht man genauer hin, bricht diese Geschichte sehr schnell in sich zusammen. Sehen wir uns die Details einmal an.<br \/>\nDie Situation ist eine, die bei allen Beteiligten sehr viel Stress verursacht. Der Mann liegt im Bett und h\u00f6rt, wie jemand ins Haus einsteigt. Wenn er es nicht h\u00f6rt, passiert weiter nichts, au\u00dfer dass etwas Schmuck oder Bargeld gestohlen wird.<br \/>\nWenn er es h\u00f6rt, muss er handeln. Dazu steht er auf und geht zum Waffenschrank, der sich idealerweise im elterlichen Schlafzimmer befindet. Diesen muss er erst aufsperren und kann hoffen, dass er den Schl\u00fcssel findet, der ja nicht direkt daneben sein kann, weil die Waffen sonst nicht gut gesichert sind und von den Kindern missbraucht werden k\u00f6nnen \u2013 diese Beispiele gibt es gerade in den USA immer wieder, wenn ein F\u00fcnfj\u00e4hriger seine dreij\u00e4hrige Schwester erschie\u00dft.<br \/>\nEr muss den Schl\u00fcssel also erst irgendwo im Haus organisieren und dabei kann er dem Einbrecher begegnen, der ja wei\u00df, dass sich Menschen im Haus befinden und entsprechend hellh\u00f6rig ist.<br \/>\nWenn er dem Einbrecher begegnet, muss er diesen davon \u00fcberzeugen, dass er ihm gen\u00fcgend Zeit gibt, um sich seine Waffe zu holen.<br \/>\nDas wird wohl schwierig.<br \/>\nWenn er es schafft den Schl\u00fcssel zu holen, muss er lautlos und ohne Licht (das w\u00fcrde der Einbrecher ja sofort bemerken) die Waffe herausholen und ebenfalls ohne Licht und lautlos laden. Sofern sich die Munition auch im Waffenschrank befindet, was ja nicht ungef\u00e4hrlich ist.<br \/>\nDann muss er noch seinen enorm hohen Adrenalinspiegel in den Griff bekommen. Schlie\u00dflich passiert so etwas ja nicht jeden Tag und nahezu niemand ist auf so eine Situation geschult, vom regelm\u00e4\u00dfigen Training ganz zu schweigen.<br \/>\nEs gibt ja einen Grund, warum Profis (Polizei, Milit\u00e4r) regelm\u00e4\u00dfig trainieren und sich auf emotionale Extremsituationen akribisch vorbereiten \u2013 mit den bekannten Misserfolgen, aber immerhin.<br \/>\nSo ein Training hat aber fast niemand von den Millionen Waffenbesitzern in den USA und bei uns auch nicht.<br \/>\nAlso muss der Mann (es k\u00f6nnte auch die Frau sein, aber in der Geschichte ist es immer der Mann, schlie\u00dflich handelt es sich um die Normfamilie mit entsprechender Klischeeordnung) es irgendwie schaffen, kaltbl\u00fctig den Einbrecher zu finden und zu stellen, das alles in entsprechender Dunkelheit.<br \/>\nMit viel Gl\u00fcck gibt der Einbrecher auf, weil er die Waffe sieht und selbst keine hat. Oder er hat auch eine und dann kommt ein Duell, bei dem der Ausgang eher ungewiss ist. Dann muss der Mann den Einbrecher (oder auch mehrere) mit gut gezielten Sch\u00fcssen niederstrecken.<\/p>\n<p>Die Forschung zeigt, dass es dieses Szenario so gut wie nie gibt. Das l\u00e4sst sich auch bei uns einfach \u00fcberpr\u00fcfen: Kennen Sie jemand, dem so etwas widerfahren ist? Nur einen einzigen Fall?<br \/>\nSchlie\u00dflich gibt es in \u00d6sterreich weit mehr als eine Million Schusswaffen und es wird auch gen\u00fcgend eingebrochen. (Derzeit gibt es in \u00d6sterreich ca. 1,5 Mio Waffen, zumindest offiziell. Tendenz stark steigend.)<\/p>\n<p>Die Forschung zeigt auch, dass bei Einbr\u00fcchen mehr oder weniger immer ganz andere Dinge geschehen, etwa wenn Menschen die Waffen griffbereit unterm Kopfpolster haben und in der Hektik und Aufregung sich selbst oder die Partnerin oder die Kinder erschie\u00dfen.<br \/>\nMeist wird in der Panik einfach in die Nacht hineingeballert. Dass dabei durch Zufall genau der Einbrecher (oder mehrere) getroffen wird, ist unwahrscheinlich und kommt statistisch gesehen auch fast nie vor.<br \/>\nOft nimmt auch der Einbrecher dem Mann die Waffe ab \u2013 er selbst hat auch den USA meist keine dabei \u2013 und erschie\u00dft dann den Mann oder die Familie oder beide.<\/p>\n<p>Gerne wird an dieser Stelle auf einen Nebenschauplatz ausgewichen und behauptet, allein das Gef\u00fchl, eine Waffe zur Selbstverteidigung daheim zu haben, w\u00e4re schon die L\u00f6sung.<br \/>\nAber hier d\u00fcrfen wir fragen: Wof\u00fcr?<br \/>\nW\u00e4re nicht zur Bew\u00e4ltigung der eigenen Angst eine Psychotherapie gescheiter? Dass die Menschen, bei denen oft ein ganzes Waffenarsenal gefunden wird, eine solche dringend brauchen w\u00fcrden, ist offensichtlich.<\/p>\n<p>Wenn auch das nichts hilft, weichen die Bef\u00fcrworter von privatem Waffenbesitz gerne auf die Sammlerleidenschaft aus. Die Menschen wollen ja niemand erschie\u00dfen, sie sammeln nur einfach gerne Waffen. Vielleicht ein seltsames Hobby, aber freie Menschen d\u00fcrfen sich in einer freien Gesellschaft freie Hobbies aussuchen, oder?<br \/>\nAn dieser Stelle wird gerne ein etwas seltsamer Freiheitsbegriff strapaziert, denn was ist mit der Freiheit der Opfer von Graz, etwa mit ihrem Recht auf Leben und Unversehrtheit?<br \/>\nSind die einfach Kollateralsch\u00e4den des Freiheitsbegriffs? M\u00fcssen sie sterben, damit sich Sammler nicht einschr\u00e4nken m\u00fcssen und sammeln d\u00fcrfen, was auch immer sie gerade wollen?<br \/>\nIst das nicht ein bissi pervers?<\/p>\n<p>Werner Kogler von den \u00f6sterreichischen Gr\u00fcnen fordert daher \u201eFreiheit von Waffen\u201c, also die Freiheit, in einer Gesellschaft leben zu d\u00fcrfen, die nicht durch Waffen bzw. ihre Besitzer bedroht ist.<\/p>\n<p>Wann hat eigentlich das letzte Mal eine Frau in einer Schule ein Schusswaffenmassaker angerichtet?<br \/>\nF\u00e4llt Ihnen auch kein Fall ein? Es gibt sie \u00fcbrigens, aber extrem selten.<br \/>\nHat das m\u00f6glicherweise eine Bedeutung oder ist es nur statistischer Zufall und demn\u00e4chst kippt der Zufall in die andere Richtung und es laufen nur mehr Frauen Amok?<br \/>\nOder geht es hier um einen pervertierten M\u00e4nnlichkeitsbegriff?<\/p>\n<p>Eine der Lieblingswaffen von Waffenliebhabern ist die Pumpgun. Wenn man sieht, wie M\u00e4nner diese wie einen riesigen, super hart eregierten Penis in den H\u00e4nden halten und jeder Ladevorgang wie \u00fcberdimensioniertes Masturbieren aussieht, liegt der eine oder andere Verdacht nahe, dass es da doch noch um etwas ganz anderes geht als um Selbstverteidigung gegen Einbrecher.<br \/>\nSchon in meiner Milit\u00e4rzeit fand ich es immer als eine Mischung von lustig und seltsam, wenn wir auf Befehl (\u201eHabt acht!\u201c) den ganzen K\u00f6rper steif werden lassen mussten und dann das Gewehr pr\u00e4sentieren mussten (\u201ePr\u00e4-sen-tiert das Gee-wehr!\u201c).<\/p>\n<p>Ist das alles reiner Zufall? Das zu glauben f\u00e4llt mir sehr schwer. Schusswaffen d\u00fcrften wohl doch eine Kompensation f\u00fcr fehlende M\u00e4nnlichkeit sein, \u00e4hnlich wie riesige und\/oder starke Autos. (\u201eEinst dr\u00fcckte ihn der forsche Pimmel \u2013 heut hat er einen Porsche-Fimmel.\u201c)<\/p>\n<p>Warum das so ist, kann in der entsprechenden Fachliteratur nachgelesen werden. Hier und jetzt ist wichtig, was wir tun k\u00f6nnen.<br \/>\nIst ein Waffenverbot die L\u00f6sung des Problems? Und wie will man ca. 1,5 Millionen Waffen aus dem Verkehr ziehen?<br \/>\nEs ist klar, dass das nicht so einfach und gar nicht schnell geht. Wir werden keine g\u00e4nzlich waffenfreie Gesellschaft herbeizaubern k\u00f6nnen, selbst wenn wir es wirklich wollen.<br \/>\nAlso m\u00fcssen wir an Stellschrauben drehen und hoffen, dass es die richtigen sind. Aus der Kriminologie ist bekannt, dass sich die Anzahl der Morde mittels Schusswaffen reduzieren l\u00e4sst, wenn man den Zugang erschwert.<br \/>\nIn \u00d6sterreich ist dieser Zugang derzeit ausgesprochen einfach: Ein paar einfache Fragen beantworten, ein paar Tage warten und schon kann man sich seine Pistole abholen \u2013 oder auch zehn davon.<br \/>\nGewehre sowie Schrotflinten bekommt man \u00fcberhaupt wie einen Laib Brot im n\u00e4chsten Waffengesch\u00e4ft, sofern man 18 Jahre alt ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssten sich bei einem Schusswaffenverbot f\u00fcr Privatpersonen die B\u00f6sewichte ihre Waffen am Schwarzmarkt organisieren, aber wer hat dazu schon Zugang? Ich z.B. nicht.<br \/>\nDie echten Wahnsinnigen wird das nicht abhalten, aber viele andere wohl schon.<br \/>\nAls Folge von Graz wird derzeit diskutiert die Altersgrenze f\u00fcr gef\u00e4hrlichere Waffen (Kategorie B) von 21 auf 25 Jahre anzuheben und die psychologischen Tests zu versch\u00e4rfen.<br \/>\nIch kann mir nicht vorstellen, dass das viel hilft, aber immerhin, es wird wenigstens nicht gar nichts getan.<br \/>\nUnd man m\u00f6chte Schulen zu Sicherheitszonen machen: Bewaffnete Sicherheitskr\u00e4fte, der n\u00e4chste Schritt sind dann hohe Mauern mit Stacheldraht, eventuell noch Panic-Rooms und \u00e4hnliches.<br \/>\nWie so oft n\u00e4hern wir uns den USA-Zust\u00e4nden an. Dort wurde vorgeschlagen, die Lehrerinnen und Lehrer entsprechend schwer zu bewaffnen, so dass sie im Falle eines Amoklaufs zur\u00fcckschie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das sind wohl keine guten Ideen. Wer m\u00f6chte sein Kind in der Fr\u00fch in eine Schule gehen lassen, die wie ein Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis aussieht? Wobei die meisten Kinder heute schon mit panzerartigen Fahrzeugen bis vor die Schult\u00fcre gefahren werden, weil der Schulweg aufgrund der vielen panzerartigen Fahrzeuge, mit denen die Kinder in die Schule gefahren werden, zu gef\u00e4hrlich geworden ist.<\/p>\n<p>Wir leben in einer seltsamen Welt, in der der Wert der Bequemlichkeit gepaart mit diversen \u00c4ngsten zur treibenden Kraft wird.<\/p>\n<p>Wenn wir uns dagegen wehren, ist die einzig sinnvolle Ma\u00dfnahme das Verbot von privatem Waffenbesitz, selbstverst\u00e4ndlich mit Ausnahmen. J\u00e4ger mit einer entsprechenden Ausbildung und g\u00fcltigem Jagdschein d\u00fcrfen Jagdwaffen besitzen und nat\u00fcrlich auch transportieren und verwenden.<br \/>\nSportsch\u00fctzen d\u00fcrfen Waffen besitzen, die sich f\u00fcr das Sportschie\u00dfen eignen. Diese sollten allerdings gut verwahrt im Sch\u00fctzenverein bleiben bzw. an der Schie\u00dfst\u00e4tte.<br \/>\nUnd Menschen, denen die \u00c4sthetik von Waffen gef\u00e4llt und die diese daher sammeln, sollen das nat\u00fcrlich auch d\u00fcrfen. Allerdings m\u00fcssten die Waffen dann f\u00fcr das Schie\u00dfen unbrauchbar gemacht werden. Daf\u00fcr sind sie ja ohnehin nicht da und das beeintr\u00e4chtigt weder \u00c4sthetik noch Haptik.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde die Waffenindustrie nat\u00fcrlich nicht toll finden, die ist aber auch nicht zust\u00e4ndig f\u00fcr das Leid der Menschen, an dem sie kr\u00e4ftig mitwirken. Da geht es ausschlie\u00dflich um Gewinne bzw. deren Maximierung. Die Industrie hat generell keine Verantwortung f\u00fcr solche Themen, sie haben in unserem Wirtschaftssystem nur Rechte, aber keine Pflichten. Es ist diesen Unternehmen somit auch kein Vorwurf zu machen, denn selbst auferlegte Moral ist in der kapitalistischen Wirtschaft kein Kriterium.<br \/>\nDie Psychopathen dieser Welt finden ein Waffenverbot \u00fcbrigens auch nicht super, wir sollten aber keine politischen Entscheidungen treffen, die deren Krankheiten f\u00f6rdern bzw. ausleben lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein hei\u00dfes Thema, hat doch vor ein paar Tagen ein 21-j\u00e4hriger Mann knapp ein Dutzend Menschen an einer Schule in Graz erschossen. 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