{"id":3173,"date":"2026-09-14T16:17:20","date_gmt":"2026-09-14T15:17:20","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3173"},"modified":"2026-09-14T16:17:20","modified_gmt":"2026-09-14T15:17:20","slug":"die-rath-ein-nachruf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-rath-ein-nachruf\/","title":{"rendered":"Die Rath &#8211; ein Nachruf"},"content":{"rendered":"<p>\u201eGemma zur Rath\u201c \u2013 das war knapp drei\u00dfig Jahre eine Aussage, mehr als ein Vorschlag, eigentlich ein Programm.<br \/>\nDie Rath \u2013 das war die Buschenschank Rath in der Liebhartstalstra\u00dfe am Fu\u00dfe des Gallitzinbergs. Es war aber auch der Name der Chefin, Christine Rath sen.<br \/>\nDas Lokal war so klassisch wie es eine Buschenschank nur sein kann. Auf dem gro\u00dfen Grundst\u00fcck steht eine alte Villa, in der die Familie wohnte. Der \u201ealte Herr Rath\u201c \u2013 er war irgendwie immer schon alt, vielleicht weil er f\u00fcr junge Menschen so aussah \u2013 hatte in fr\u00fcherer Zeit eine Knopffabrik. Dann kam Asien und \u00fcberschwemmte den Markt mit billigen Kn\u00f6pfen und Herr Rath musste seine Firma zusperren.<br \/>\nWas nun?<br \/>\nSeine Frau stammte aus einer Winzerfamilie und es gab da noch einen kleinen Weingarten hinterm Haus und noch andere \u2013 der Gedanke an eine Buschenschank war da nicht weit.<br \/>\nAlso sperrte man Anfang der 1980er Jahre auf, mit ein paar Tischen im Garten und weiteren \u201eindoor\u201c, wie man heute sagen w\u00fcrde.<br \/>\nVorne die Villa, an der man seitlich vorbeiging, hinten das Lokal. Es gab eine K\u00fcche (leider nur eine f\u00fcr Privathaus und Betrieb, das war aber erst viel sp\u00e4ter ein Thema) und eine Schank und viel mehr war auch nicht notwendig.<br \/>\nDrinnen war es richtig kuschelig, rechtzeitig reservieren von Vorteil, an Gem\u00fctlichkeit war es aber fast nicht zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Es war ein Familienbetrieb und wer die Gastro kennt, kann absch\u00e4tzen, was das bedeutet. Als viele Jahre sp\u00e4ter die Frage im Raum stand, ob eines von den Kindern den Betrieb \u00fcbernehmen w\u00fcrde, konnte diese leider nur mit \u201enein\u201c beantwortet werden, aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden.<br \/>\nAber so weit sind wir noch nicht.<\/p>\n<p>Ich lernte das Lokal in der Schulzeit kennen, es muss so 1983 oder 1984 gewesen sein. Die mittlere Tochter Petra ging mit meiner Schwester in die Klasse \u2013 unsere Schule war in der N\u00e4he \u2013 und irgendwann landeten wir beim Heurigen.<br \/>\nDer Wein war okay, sch\u00e4delwehfrei, aber wir tranken den Wei\u00dfwein immer als Spritzer. Die Mindestbestellung war \u201eLiter \u2013 Liter\u201c, in sp\u00e4teren Zeiten meinte Frau Rath einmal \u201eIch bring gleich 2 Liter Wein, wegen einem rennen zahlt sich bei euch nicht aus.\u201c<br \/>\nBesonders hervorzuheben war der Sturm, der geh\u00f6rt f\u00fcr mich bis heute zu den besten, an die ich mich erinnern kann. Der wurde uns aber nur mehr in Dopplern an den Tisch gebracht, sicher ist sicher.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Guido.JPG\" title=\"Guido.JPG\" alt=\"Guido.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Das letzte Foto vom letzten Tag 2013<\/p>\n<p>Mit der Zeit wurde die Rath zu meinem Stammlokal und ich bekam immer einen Tisch, auch wenn sie eigentlich ausreserviert war. Mein Maximum waren 30 Besuche in zwei Monaten. Das war eine Ausnahme, aber ein Mal pro Woche war das absolute Minimum, wenn sie ausgesteckt hatte.<br \/>\nAuch sehr erw\u00e4hnenswert war das Essen. Lungenbraten mit K\u00e4se im Teig, das sah aus wie eine Buchtel und war absolut k\u00f6stlich.<br \/>\nUnd der Schinken-Kren-Aufstrich, der durfte auf meinem Tablett nie fehlen. Viel war ohnehin hausgemacht, was eine Menge Arbeit bedeutete. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich das schreibe, merke ich, wie sehr mir dieses Lokal fehlt, nat\u00fcrlich samt den Freunden, mit denen ich oft dort war und auch der Frau Rath. Ihre Stimme h\u00f6re ich immer noch im Ohr, ihr freundliches L\u00e4cheln hab ich vor mir, wenngleich das in den letzten Jahren immer in Kombination mit etwas Ersch\u00f6pfung einherging.<br \/>\nSie war Wirtin mit Leib und Seele, trank mit den G\u00e4sten gerne einen guten Schluck, aber stets in Ma\u00dfen.<br \/>\nDer Herr Rath war auch immer wieder mal dabei, stand aber eher in der K\u00fcche oder half am Buffet aus. Er war ein ausgesprochen gem\u00fctlicher Typ, w\u00e4hrend sie meistens recht energiegeladen war.<br \/>\nDas alles ist schon lange her und doch noch so nahe, die Erinnerungen sind klar und deutlich, vielleicht weil das eine wichtige Zeit f\u00fcr mich war. <\/p>\n<p>Am 7. September 2013 war der letzte Tag und er ist f\u00fcr mich mit viel Wehmut verbunden, weil klar war, dass der Betrieb nicht weitergef\u00fchrt wird.<br \/>\nDie \u00e4lteste Tochter, Petra, war damals alleinerziehende Mutter und hatte einen guten Job. Der Sohn Gernot war Bibliothekar und wollte seinen Beruf auch nicht aufgeben und die j\u00fcngste Tochter, Christine, war Volksschullehrerin.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Petra.JPG\" title=\"Petra.JPG\" alt=\"Petra.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Gerhard M\u00fcller, ein alter Freund und Stammgast, Petra und mein Bruder Peter.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Kudweis.JPG\" title=\"Kudweis.JPG\" alt=\"Kudweis.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Meine Schwester Erika, daneben ihr Mann Andi, die Tochter Hanna und mein Bruder Peter<\/p>\n<p>Und sie erinnerten sich alle an ihre Jugend, als die Freunde und Freundinnen auf Parties gingen und sie daheim in der Buschenschank aushelfen mussten. Das war nicht immer lustig, da geht gerne mal ein Teil der Jugend verloren. Ich wei\u00df aber, dass ihnen die Entscheidung auch nicht leicht gefallen ist.<br \/>\nZudem konnte der Betrieb nicht vom Privathaus getrennt werden, wie schon erw\u00e4hnt, gab es nur eine K\u00fcche. Das Haus behalten und den Heurigen verpachten w\u00e4re nicht m\u00f6glich gewesen.<br \/>\nWenn man die Villa samt Grundst\u00fcck verkauft h\u00e4tte, w\u00e4re diese von einem Immobilienentwickler gekauft worden. Dann w\u00e4re das passiert, was mit dem Nachbargrundst\u00fcck passiert ist, auf dem fr\u00fcher der \u201eBaumeister Friedreich\u201c war, ebenfalls ein Heuriger.<br \/>\nDer sperrte schon Anfang der 1990er zu und heute stehen dort viele kleine Betonzellen, die sich Wohnungen nennen und s\u00fcndteuer verkauft wurden.<\/p>\n<p>Die Villa steht heute noch, das Google-Earth-Bild (von 2022) zeigt gut die Wiese, auf der die Tische standen und auch den alten Weinberg dahinter.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Rath.png\" title=\"Rath.png\" alt=\"Rath.png\" \/><\/center><br \/>\nBild: Das gesamte Grundst\u00fcck<\/p>\n<p>Zu Beginn hatte die Rath gerade mal eine Handvoll Tische. Dann kam so jedes Jahr einer dazu oder auch zwei, zum Schluss war die Wiese bis oben mit Tischen voll, allerdings locker aufgestellt, irgendwie gerade noch gem\u00fctlich.<br \/>\nWobei \u2013 so ganz stimmt das nicht. Die Frau Rath kannte die Grenzen des Betriebs und hinten blieb noch ein gro\u00dfes St\u00fcck Wiese f\u00fcr einen Kinderspielplatz und genau genommen w\u00e4re auch sonst noch jede Menge Platz f\u00fcr weitere Tische gewesen.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Gang.JPG\" title=\"Gang.JPG\" alt=\"Gang.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Christine, die j\u00fcngste Tochter, beim Scherzen mit G\u00e4sten. Links und rechts vom Weg standen die Tische, ganz hinten auf der Wiese war der Kinderspielplatz<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Tische.JPG\" title=\"Tische.JPG\" alt=\"Tische.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: So muss eine Buschenschank aussehen. Die Tische stehen im Garten auf der Wiese und an sch\u00f6nen Tagen war die Rath immer ausreserviert.<\/p>\n<p>Die Bilder vom letzten Tag sind leider fast alle verschwommen, ich hatte damals keine gute Kamera, aber sie sind mir trotzdem lieb und wert. Sie zeigen das Ende einer tollen Zeit.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Rede.JPG\" title=\"Rede.JPG\" alt=\"Rede.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Frau Rath bei ihrer Abschiedsrede<\/p>\n<p>Von ca. 1983 bis 2013 \u2013 das sind tats\u00e4chlich fast drei\u00dfig Jahre, in denen ich dort Gast war. Das Gef\u00fchl ist ein anderes, viel k\u00fcrzer.<br \/>\nDie Erinnerungsfetzen lassen sich nicht auf einzelne Besuche fixieren, au\u00dfer es gibt Fotos und sie waren irgendwie besonders, wie der Abend am 7. Juli 2011, an dem ich mit meinem \u2013 inzwischen leider auch verstorbenen \u2013 Freund Oliver dort war. Damals sattelten wir unsere alten Vespas, die wir mit Ausnahmegenehmigung von der Frau Rath vor der Villa abstellen durften, und g\u00f6nnten uns einen sch\u00f6nen Abend.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Vespa.JPG\" title=\"Vespa.JPG\" alt=\"Vespa.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Oliver vor seiner gelben Vespa GL 150, dahinter meine GS 150, vor der Villa.<\/p>\n<p>Der Hund. \u00dcber viele Jahre gab es einen gro\u00dfen Hund \u2013 also eigentlich mehrere, einer hie\u00df Merlin \u2013 von dem man mit Gebell empfangen wurde. Das geh\u00f6rte irgendwie dazu. Normalerweise wurde er eingesperrt, aber halt nicht immer. Problem war das aber auch nie eines.<br \/>\nAm 4. September 2026 ist Christine Rath mit 79 Jahren gestorben. Sie h\u00e4tte ja auch damals, vor 13 Jahren, irgendwie gerne weitergemacht, aber auch ihr Mann war nicht mehr bei bester Gesundheit und sie hatte ein langes, anstrengendes Heurigenleben hinter sich. Die Pension hatte sie sich absolut verdient, auch wenn es f\u00fcr die enorme Anzahl der Stammg\u00e4ste ein bitterer Abschied war.<br \/>\nDie Buschenschank war so beliebt, dass sie mehr oder weniger nur mit den Stammg\u00e4sten betrieben werden konnte. Der versteckte Ort im Liebhartstal war auch touristisch nicht erreichbar, die Rath war eine der letzten Heurigen in der Gegend. Heute gibt es in der Gegend nur mehr 1-2 Betriebe (den Herrmann und den Leitner) und die sind nicht vergleichbar, am ehesten noch der Leitner, unterhalb vom Schloss Wilhelminenberg.<br \/>\nDie meisten alten Buschenschanken haben inzwischen zugesperrt, nicht nur in Ottakring, auch im Rest von Wien und in Nieder\u00f6sterreich. Den Stary am Schafberg gibt es schon lange nicht mehr, den Binder (fr\u00fcher neben dem Herrmann) auch nicht mehr. Es wird immer schwieriger sie zu betreiben. Genau genommen braucht es ein Winzerehepaar mit Kindern und das Lokal muss auf Eigengrund stehen.<br \/>\nDie Rath bewirtschaftete die Rieden nicht mehr selbst, aber es war ihr Wein, der ausgeschenkt wurde.<\/p>\n<p>Derzeit stehen viele Winzer und Winzerinnen vor dem Problem, dass sich die Gegebenheiten aufgrund des Klimawandels schnell ver\u00e4ndern \u2013 wir werden in Zukunft wohl \u201es\u00fcdliche\u201c Weinsorten haben und keinen Gr\u00fcnen Veltliner oder Welschriesling mehr. Dazu kommt Kostendruck von vielen Seiten, leicht werden sie es nicht haben.<br \/>\nWir k\u00f6nnen nur hoffen, dass es junge Unternehmer:innen gibt, die sich das trauen, was sich \u201edie Rath\u201c getraut hat.<br \/>\nUnd wir alle k\u00f6nnen dann dorthin gehen und dieses Kulturgut sch\u00e4tzen lernen. Auch im Andenken an die Frau Rath und ihre tolle Buschenschank.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Familie.JPG\" title=\"Familie.JPG\" alt=\"Familie.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Links Gernot, der Sohn, in der Mitte Herr Rath und daneben Frau Rath<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2026.09.14_Rath\/Ende.JPG\" title=\"Ende.JPG\" alt=\"Ende.JPG\" \/><\/center><br \/>\nBild: Das letzte Foto ist dunkel, aber irgendwie passt das auch. Gernot, Herr Rath, Christine, Frau Rath und Petra<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGemma zur Rath\u201c \u2013 das war knapp drei\u00dfig Jahre eine Aussage, mehr als ein Vorschlag, eigentlich ein Programm. Die Rath \u2013 das war die Buschenschank Rath in der Liebhartstalstra\u00dfe am Fu\u00dfe des Gallitzinbergs. 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