{"id":929,"date":"2012-07-11T07:51:03","date_gmt":"2012-07-11T06:51:03","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=929"},"modified":"2012-07-11T07:51:03","modified_gmt":"2012-07-11T06:51:03","slug":"die-neuen-sicherheiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-neuen-sicherheiten\/","title":{"rendered":"Die neuen Sicherheiten"},"content":{"rendered":"<p>In Zeiten der Krise (ein Wort, das aus dem Griechischen kommt&#8230;) gehen Sicherheiten fl\u00f6ten. Und das ist schlimm f\u00fcr die Menschen, die viel Energie dazu verwenden, sich ein sicheres Leben zu organisieren. Planbarkeit ist etwa ein Faktor und genau die geht ziemlich verloren. Das gilt vor allem f\u00fcr berufliche Karrieren, aber auch f\u00fcr private Beziehungen. Fr\u00fcher (wann war das genau?) konnte man nach der Matura einen Job etwa in einer Bank annehmen und wusste: da bleib ich bis zur Pension, stehle keine goldenen L\u00f6ffel, mein Gehalt steigt und ich komme gut aus. Daneben konnte man heiraten und Kinder bekommen und viele Ehen hielten bis zu ihrem Planungsende, n\u00e4mlich dem Tod als einzigen Scheidungsgrund.<\/p>\n<p>Das hat sich alles deutlich ge\u00e4ndert. Das mit den lebenslangen Partnerschaften ist zum Wunschtraum verkommen und in manchen Branchen wechselt man j\u00e4hrlich den Arbeitgeber. Das hat alles Vor- und Nachteile, aber die Sicherheit der Planbarkeit ist verloren gegangen.<\/p>\n<p>Daher suchen sich die Menschen neue Sicherheiten und hier finden wir die wirklich echten Trends:<\/p>\n<p>1.) Hunde bzw. Haustiere<br \/>\nDa gelernte \u00d6sterreicherInnen Hunde haben und lieben, ist die Basis schon gelegt. Dieser Trend gilt interessanterweise auch f\u00fcr die USA, also einem Land, von dem wir glauben, dass die Menschen viel freier und flexibler sind als wir, st\u00e4ndig umherziehen und nicht so viel Sicherheit brauchen. Mag sein, dass wir unser Bild ein wenig korrigieren m\u00fcssen.<br \/>\nHunde statt Beziehungen. Alten Weiblein sagt man es ja schon lange nach, dass sie ihren Hund mehr lieben als etwa schreiende Kinder in der Stra\u00dfenbahn. Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern das nun: In manchen Familien (sozusagen den Trendsettern) wird mehr f\u00fcr Hundefutter ausgegeben als f\u00fcr das Essen der Kinder (Deutschland: 2,6 Mrd. Euro &#8211; dreimal so viel wie f\u00fcr Babynahrung). Sinkende Geburtenraten korrelieren indirekt proportional zur Anzahl der Hunde. Die Viecher haben einen eigenen Fitnesstrainer, Fris\u00f6r, in nat\u00fcrlich eher seltenen F\u00e4llen sogar einen Koch, werden modisch gekleidet und angeblich bezeichnen 80 % der Amerikaner ihren Hund als echtes Mitglied der Familie (haha, da lachen wir doch nur hier in \u00d6sterreich, wir erreichen in diesem Fall 100 %).<br \/>\nHunde werden in Hochzeiten als wichtiger Bestandteil integriert (&#8222;Wedding Dogs&#8220;) und werden wie selbstverst\u00e4ndlich zum Kinderersatz. Nat\u00fcrlich bekommen sie dann auch Menschennamen, die alten Hundenamen haben ausgedient.<br \/>\n36 % der Amerikaner schenken ihrem Hund etwas zum Geburtstag und bezeichnen sich selbst als &#8222;Hundeeltern&#8220; und die K\u00f6ter bekommen das zu (fr)essen, was sie selbst auch gerne essen.<\/p>\n<p>Eine Bekannte hat mir vor einiger Zeit erz\u00e4hlt, dass die Tierarztbesuche ihres Hundes in Summe mehr gekostet haben als ihr VW Golf, der nun schon in die Jahre gekommen ist, aber mangels Geld keinem Neuwagen weichen muss. Hunde besuchen Wellnesscenter, bekommen Diabetes und \u00dcbergewicht und d\u00fcrfen\/m\u00fcssen im Hundefitnesscenter in den Fernseher gaffen. Daf\u00fcr bekommen sie Massagen und Aromatherapie, das Gassigehen kommt aus der Mode, \u00e4hnlich wie bei den BesitzerInnen, die sich auch nur mehr im Fitnesscenter bewegen und die freie Natur als unbequem ablehnen.<\/p>\n<p>Pervers? Das ist noch lange nicht alles: Inzwischen gibt es Tourismusb\u00fcros f\u00fcr Hunde, denen man Sightseeingtouren anbietet, &#8222;Pet Airways&#8220; transportiert ausschlie\u00dflich Tiere.<\/p>\n<p>Was passiert da? In einer Zeit steigender Unsicherheit suchen Menschen nach neuen Sicherheiten &#8211; vor allem in Beziehungen. Ein Hund redet nicht zur\u00fcck, denn Bellen sind keine Worte, auf die man sich eine Antwort \u00fcberlegen muss. &#8222;H\u00f6r sofort auf damit&#8220; funktioniert seit 10.000 Jahren weder bei Hunden noch bei kleinen Kindern, genauso wie &#8222;Aus, Ausss!&#8220;<br \/>\nUnd trotzdem: Bei einem Hund kann man sich zumindest einbilden, dass er einem gehorcht. Man kann ihn abrichten und sich als &#8222;Herrl&#8220; oder &#8222;Frauerl&#8220; f\u00fchlen &#8211; auch wenn man sonst auf der sozialen Leiter schon ganz unten steht. Das halten Menschen nicht gut aus, daher schimpfen eingesessene Einwanderer auf neue, Yugos auf T\u00fcrken, T\u00fcrken auf Usbeken, Usbeken auf irgendwen etc. Einen Hund kann man immer tiefer als man selbst ansiedeln. Er ist pers\u00f6nlicher Besitz, was Menschen seit einiger Zeit nicht mehr sind und manchmal sagen sie das auch, dann zerplatzen die letzten Illusionen. Das kann mit Hunden nicht passieren. Wenn ein Hund nicht gehorcht, dann kann man zumindest so tun, als ob das nicht so w\u00e4re und er &#8222;eigentlich&#8220; eh tut, was man will.<br \/>\nHunde lieben ihre Besitzer oder tun zumindest so, das ist bei Kindern nicht immer der Fall. Hunde kann man f\u00fcttern und sie sind daf\u00fcr dankbar oder tun zumindest so. Kurz: Hunde geben Sicherheit.<\/p>\n<p>2.) Vereinzelung<br \/>\nDer &#8222;Vereinzelte&#8220; ist \u00fcbersetzt der &#8222;Idiot&#8220;. Viele von uns werden zu Idioten, zumindest was Paarbeziehungen betrifft. Das kann in gewisser Weise durch andere soziale Beziehungen kompensiert werden, aber es bleibt stets die Tatsache, dass Singles eben keine klassische Beziehung haben. Ob sie darunter leiden? Das h\u00e4ngt wahrscheinlich ganz vom Typ ab. Unter meinen Freunden und Bekannten (und auch bei mir) beobachte ich, dass man (frau) immer mehr auf der Suche nach &#8222;der\/dem Richtigen&#8220; ist. Hypothese dazu: Wenn andere Sicherheiten fl\u00f6ten gehen (Job, Umwelt, Statussymbole etc.), dann bekommt die Partnerbeziehung einen ungleich h\u00f6heren Stellenwert. Ich wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, ob das fr\u00fcher wirklich so anders war und vor hundert oder noch vor f\u00fcnfzig Jahren man halt einfach geheiratet und Kinder bekommen hat, gro\u00dfe Liebe hin oder her. Aber irgendwie erscheint das heute komplizierter, man m\u00f6chte Kinder in einer sicheren Umwelt zur Welt bringen und aufziehen &#8211; und die scheint nicht vorhanden. Also soll zumindest die Partnerschaft sicher und stabil sein und das geht nur mit der &#8222;richtigen&#8220; Frau oder dem &#8222;richtigen&#8220; Mann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten der Krise (ein Wort, das aus dem Griechischen kommt&#8230;) gehen Sicherheiten fl\u00f6ten. Und das ist schlimm f\u00fcr die Menschen, die viel Energie dazu verwenden, sich ein sicheres Leben zu organisieren. 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