{"id":1218,"date":"2012-11-15T09:28:04","date_gmt":"2012-11-15T08:28:04","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1218"},"modified":"2012-11-15T09:28:04","modified_gmt":"2012-11-15T08:28:04","slug":"der-falsche-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/der-falsche-weg\/","title":{"rendered":"Der falsche Weg"},"content":{"rendered":"<p>Eine Pressemeldung bejubelt eine neue Erfindung: Mittels einer App am Smartphone plus elektronischer Schaltung m\u00fcssen Radfahrer in Zukunft nicht mehr selbst schalten. Dies wird als &#8222;deutliche Erleichterung&#8220; beschrieben und im Text genauer erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p>&#8222;Zur Auswahl stehen dabei zwei unterschiedliche Betriebsarten: Im &#8222;Manual Mode&#8220; kommuniziert das Schaltsystem per Bluetooth mit einem Smartphone, das sich in der Hosentasche des Radlenkers befindet. Dessen Schaltkommandos werden \u00fcber eine spezielle App an ein umgebautes elektronisches Getriebesystem weitergeleitet, das auch Bluetooth-Befehle verarbeiten kann. Im &#8222;Automatic Mode&#8220; liest hingegen ein Magnetsensor die aktuelle Trittgeschwindigkeit ab. Aus den empfangenen Daten wird dann automatisch der optimale Gang berechnet und eingestellt.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es das genaue Gegenteil:<br \/>\n1.) Ich verlerne das Schalten.<br \/>\n2.) Ich habe jede Menge zus\u00e4tzliche Teile, die kaputt werden k\u00f6nnen und das durch die geplante Obsoleszenz auch werden.<br \/>\n3.) Die Umweltbilanz des Fahrrads wird deutlich schlechter, ich brauche eine Batterie, muss diese immer wieder tauschen etc.<br \/>\n4.) Das Rad wird schwerer.<br \/>\n5.) Ich mache mich abh\u00e4ngig von einem Hilfssystem, das funktionieren kann oder auch nicht. Bisher konnte ich jede Schaltung selbst reparieren, mit diesem System ist das nicht mehr m\u00f6glich. Wenn es kaputt wird, muss ich in die Fachwerkstatt fahren und es dort teuer tauschen lassen.<br \/>\n6.) Manchmal will ich in einem anderen Gang fahren, ganz bewusst, etwa um die Muskeln anders zu belasten.<\/p>\n<p>Die Nachteile \u00fcberwiegen klar, ganz abgesehen davon, dass mir die Vorteile nicht ersichtlich sind. Ich hatte nie ein Problem mit dem Schalten und ich kenne niemanden, der jemals eines hatte.<br \/>\nEs erinnert mich an den elektrisch verstellbaren Innenspiegel beim Auto, der mir das Hinaufgreifen mit der rechten Hand plus einer kleinen Bewegung ebendieser erspart. Daf\u00fcr brauche ich zwei elektrische Stellmotoren, jede Menge Kabel, Schalter etc.<\/p>\n<p>Das sind zwei exzellente Beispiele f\u00fcr den falschen Weg. Er f\u00fchrt uns in die Abh\u00e4ngigkeit von technischen Hilfsmitteln ohne erkennbaren Nutzen. Gerade mal die Hersteller dieser Dinge haben einen solchen Nutzen, denn sie k\u00f6nnen ihren Umsatz steigern.<\/p>\n<p>Wo machen wir uns von der Technik abh\u00e4ngig ohne echten Nutzen oder gar mit deutlichen Nachteilen, weil wir eigene Techniken verlernen? Was ist, wenn die Technik versagt und wir keine Alternative mehr haben, weil wir verlernt haben ohne die Hilfsmittel zu \u00fcberleben?<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist es praktischer ein Feuerzeug zu haben als mittels Steinzeitmethoden Feuer machen zu m\u00fcssen. Viele technische Erfindungen haben uns echten Nutzen gebracht, das soll hier nicht bezweifelt werden.<br \/>\nAber wo ist die Grenze?<\/p>\n<p>Das Extrem ist ein Mensch, der in einer warmen, weichen Umgebung liegt und sich nicht mehr bewegen muss, weil ihm (technische) Diener alle notwendigen Bewegungen abnehmen.<br \/>\nDas ist das alte Traumbild aus unserer Kindheit und es hei\u00dft &#8222;K\u00f6nig&#8220;. In unz\u00e4hligen M\u00e4rchen und TV-Sendungen bekamen wir st\u00e4ndig das Bild des in Luxus und Wohlstand gl\u00fccklich lebenden K\u00f6nigs aufgebrummt, mit einer h\u00fcbschen K\u00f6nigin an der Seite und unz\u00e4hligen Dienern, die den beiden das Leben auf dem M\u00e4rchenschloss zum Paradies machen.<br \/>\nViele Menschen lechzen auch heute noch nach diesen Bildern und die h\u00f6chsten Einschaltquoten bekommen M\u00e4rchenhochzeiten. Das ist verst\u00e4ndlich, wir haben es ja unsere gesamte Kindheit hindurch gelernt. <\/p>\n<p>Leider sind M\u00e4rchen nicht real, nicht einmal f\u00fcr die &#8222;echten&#8220; Prinzessinnen und K\u00f6nige.<br \/>\nAber das ist nicht das Problem.<br \/>\nEin Blick in die Geschichte zeigt, dass V\u00f6lker immer und ohne Ausnahme zugrunde gingen, wenn sie aufgrund von Luxus in die Dekadenz verfielen. Sie entfernten sich von der Realit\u00e4t und wurden von dieser immer irgendwann eingeholt. Ob das nun die Khmer in Kambodscha waren oder die mittelamerikanischen Hochkulturen, die Habsburger oder die R\u00f6mer &#8211; sie alle gingen unter, weil sie den Blick auf die realen Umweltbedingungen verloren. Sie waren zu tr\u00e4ge um sich zu bewegen, zuerst mit dem K\u00f6rper und dann mit dem Geist.<br \/>\nPlaton hat schon vor 2.500 Jahren auf dieses Problem aufmerksam gemacht und Hegel hat es in sein System der Herr-Knecht-Problematik \u00fcbernommen, das dann von Karl Marx auf seine Theorie adaptiert wurde: Die Herrscher verlieren die Macht an die Knechte, weil diese sich der Umwelt stellen m\u00fcssen und k\u00f6rperlich wie geistig fit bleiben. Irgendwann \u00fcbernehmen dann die Knechte die Herrschaft und werden nach einiger Zeit zu dekadenten Herrschern, die irgendwann wieder von den neuen Knechten vom Thron gesto\u00dfen werden etc.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, ob die Menschheit so weit ist, um diesen Kreislauf durchbrechen zu k\u00f6nnen. Oder siegt auch hier die ewig Wiederkehr des Gleichen? Der Unterschied zu den alten Kulturen ist heute die Globalisierung. Das erste Mal in der Geschichte betreffen lokale Krisen m\u00f6glicherweise die gesamte Menschheit. Vielleicht f\u00fchrt das zu einem Lernprozess.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Pressemeldung bejubelt eine neue Erfindung: Mittels einer App am Smartphone plus elektronischer Schaltung m\u00fcssen Radfahrer in Zukunft nicht mehr selbst schalten. 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