{"id":1371,"date":"2013-09-05T07:36:46","date_gmt":"2013-09-05T06:36:46","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1371"},"modified":"2014-08-27T22:41:39","modified_gmt":"2014-08-27T21:41:39","slug":"wahlkampf-im-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wahlkampf-im-internet\/","title":{"rendered":"Wahlkampf im Internet"},"content":{"rendered":"<p>Verzeihung, Internet stimmt ja nicht mehr, ich m\u00fcsste &#8222;Social Media&#8220; sagen. Aber darum geht es nur am Rand, das spannende Thema taucht f\u00fcr mich bei der Frage auf, wie sich Wahlk\u00e4mpfe seit ein paar Jahren ver\u00e4ndern.<br \/>\nIn \u00d6sterreich dauert alles etwas l\u00e4nger und daher ist das der erste Wahlkampf, bei dem die &#8222;neuen&#8220; Medien massiv zum Einsatz kommen. Ich m\u00f6chte als Beispiel das kleine Scharm\u00fctzel anf\u00fchren, das sich \u00d6VP und Gr\u00fcne am 3. September auf Facebook geliefert haben (oder in echt? Das ist noch zu kl\u00e4ren).<\/p>\n<p>Begonnen hat es mit Peter Pilz, dem altlinken Chaoten (zumindest aus Sicht der \u00d6VP) und niemals ruhenden Aufdecker. Er hat sich einen Bus gr\u00fcn anmalen lassen und geht damit auf Tournee (&#8222;Peter Pilz Geld zur\u00fcck Tour&#8220;). Sein Anliegen ist das Anprangern der Korruption regierender Parteien und heute war die \u00d6VP dran. Also gab es ein kleines Happening vor der Parteizentrale, von dem auch der ORF kurz berichtete. Man sah Transparente, die nicht gut lesbar waren, h\u00f6rte laute Stimmen und sah eine Lautsprecherbox, die von der \u00d6VP zwecks Gegenbeschallung in einem Fenster aufgestellt war.<\/p>\n<p>So weit, so gut. Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Sie wechselt nur das Medium. Bisher waren beteiligt: die Realit\u00e4t, das Fernsehen und m\u00f6glicherweise am n\u00e4chsten Tag die eine oder andere Zeitung.<\/p>\n<p>Jetzt kam Schwung in die Bude, die \u00d6VP schickte eine OTS-Meldung aus, in der sie bekannt gab, dass man jetzt eine Pizza bestellen w\u00fcrde, gew\u00fcrzt mit ein paar Seitenhieben auf die Gr\u00fcnen. (http:\/\/www.ots.at\/presseaussendung\/OTS_20130903_OTS0149\/oevp-pd-gibt-die-bestellung-einer-familienpizza-bekannt)<\/p>\n<p>Darauf erwachten auf Facebook die Stimmen und riefen &#8222;Ablenkungsman\u00f6ver &#8211; alle schreiben \u00fcber die Pizza und niemand \u00fcber die Korruptionsinhalte der Tour von Peter Pilz.<br \/>\nDie \u00d6VP z\u00f6gerte nicht lang (man wei\u00df voneinander, schlie\u00dflich ist man vernetzt \u00fcber gegenseitige Freundschaften etc.) und schickte eine zweite Pressemeldung raus, und zwar mit einer Erfolgsmeldung: &#8222;Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage geben wir bekannt, dass die Pizza gemundet hat. Sehr sogar.&#8220;<br \/>\n(http:\/\/www.ots.at\/presseaussendung\/OTS_20130903_OTS0166\/oevp-pressedienst-die-pizza-hat-gemundet).<\/p>\n<p>Bei den Gr\u00fcnen rauchten die K\u00f6pfe, allerdings nicht sehr lang, dann folgte die Reaktion in Facebook. Das Medium eignet sich daf\u00fcr scheinbar sehr gut und man schickte folgendes Bild durchs Netzwerk:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2013.09.05_pizza\/pizza2.jpg\" title=\"pizza2\" alt=\"pizza2\" \/><\/center><\/p>\n<p>Damit wird das Thema wieder in die Diskussion geholt, hat aber an Strahlkraft verloren, weil die Pizza hervorsticht und quasi selbst zum Thema wird. Das fiel auch den Gr\u00fcnen auf und so legte man nach:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2013.09.05_pizza\/pizza1.jpg\" title=\"pizza1\" alt=\"pizza1\" \/><\/center><\/p>\n<p>Damit wird das Bild wieder aus dem Blickfeld geholt und mit gro\u00dfen roten Lettern wird das Thema (in der \u00d6VP gibt es Korruption) wieder betont. Doch die Pizza bleibt virtuell sichtbar, vor allem durch die weitere Nennung in gro\u00dfen Lettern, noch dazu als kr\u00f6nender Abschluss des kurzen Satzes. Menschen, die nicht Englisch k\u00f6nnen, sehen sogar nur &#8222;Pizza&#8220;.<br \/>\nAlso versuchte man das Blatt noch einmal zu wenden und h\u00e4ngte eine Karrikatur an, genauer gesagt eine sprachliche:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2013.09.05_pizza\/pizza3.jpg\" title=\"pizza3\" alt=\"pizza3\" \/><\/center><\/p>\n<p>Das zu verstehen verlangt eine gewisse Hartn\u00e4ckigkeit und ein wenig Wissen in italienischer Sprache (Giovanni Fumos = \u00d6VP-Generalsekret\u00e4r Johannes Rauch). Auf jeden Fall ist das Thema Korruption noch enthalten, wenn auch recht versteckt. Ohne das Wissen der Vorgeschichte ist das \u00fcberhaupt nicht mehr zu verstehen.<br \/>\nDamit war das Scharm\u00fctzel auch schon wieder vorbei. Halbwertszeit unter der Eintagsfliege. Danach gab es noch ein paar kleine Meldungen, wo Facebook-Nutzer auf das Wort &#8222;Pizza&#8220; in Zusammenhang mit Korruption reflektierten. Der sozial-mediale Wind ebbte genau so schnell ab wie er aufgekommen war.<\/p>\n<p>Was sagt uns das? Ich versuche eine vorsichtige Interpretation: Die meisten Parteien haben das Internet bzw. Social Media als wichtige Plattform erkannt, wenngleich sie darauf noch etwas unsichere Tanzschritte wagen.<br \/>\nWas sind die Vor- und Nachteile des Mediums? <\/p>\n<p>Die Vorteile:<br \/>\n* Facebook erreicht in kurzer Zeit viele Personen.<br \/>\n* Eine Zielgruppe ist gut ansprechbar, n\u00e4mlich die der Heavy-User, die jeden Tag mehrfach online sind. Die parallel stattfindende Twitterei ist noch schneller und noch eingeschr\u00e4nkter in der Zielgruppe.<br \/>\n* Die Kreativit\u00e4t erfolgt durch Multiplikation &#8211; irgendwem f\u00e4llt ein halbwegs lustiges, treffendes oder zumindest passendes Zitat ein und irgendwer erzeugt blitzschnell die Bilder.<br \/>\n* Es funktioniert in &#8222;Echtzeit&#8220;, oder zumindest fast. Neue Meldungen sind binnen Minuten online und werden verbreitet &#8211; hier ist Twitter noch schneller, seit der Verlinkung mit Facebook geht es aber auch dort quasi sofort. Das k\u00f6nnen auch Tageszeitungen nicht leisten und Teletext ist nicht mehr modern.<br \/>\n* Worte, bewegte Bilder, Sinnesvielfalt &#8211; nur h\u00f6ren kann man nichts, au\u00dfer es gibt ein Youtube-Video.<br \/>\n* Emotionalit\u00e4t kann vermittelt werden und wird es auch. Gegenseitige Aufschaukelung verst\u00e4rkt dies noch.<\/p>\n<p>Die Nachteile:<br \/>\n* Die Zielgruppe ist eingeschr\u00e4nkt, in diesem Fall ist das ein leichter Nachteil f\u00fcr die \u00d6VP.<br \/>\n* Das Thema kommt und geht auch sehr schnell wieder. Nachhaltigkeit ist fast nicht m\u00f6glich, ein paar Screenshots in einem Datenarchiv, das ist die ganze Ausbeute. Ein wenig verl\u00e4ngern kann man das noch indem man das lustigste Bild zu seinem Titelbild macht und ein oder zwei Tage beh\u00e4lt.<br \/>\n* Um so eine Diskussion samt ihren Pointen zu verstehen muss man von Anfang an dabei sein. Quer einsteigen funktioniert nicht. Die Threads wandern unerbittlich von oben nach unten und je intensiver man Facebook betreibt, umso mehr Freunde haben die meisten. Das macht den Thread noch schneller. Man kann das zwar einschr\u00e4nken, indem man die wichtigen Leute in den Status &#8222;enge Freunde&#8220; versetzt, aber das n\u00fctzt auch nur beschr\u00e4nkt etwas.<br \/>\n* Durch die Schnelligkeit schleichen sich besonders leicht viele Fehler ein. Man teilt ohne zu \u00fcberpr\u00fcfen und stellt Behauptungen auf ohne zu recherchieren.<br \/>\n* Emotionalit\u00e4t kann nicht abgearbeitet werden, kurz: es fehlt der echte Streit.<br \/>\n* Die Verfolgung der Themen kostet enorm viel Zeit. Wenn man sich wirklich einklinken will, muss man quasi st\u00e4ndig online sein. Eine Zeitung schlage ich einmal am Tag auf und lese sie. Das funktioniert bei Social Media nicht.<\/p>\n<p>Schwer einzusch\u00e4tzen ist die tats\u00e4chliche Kraft dieser Medien und sie wird auch sehr schwer zu analysieren und somit einzustufen sein. Wie erf\u00e4hrt man, ob sich Menschen dadurch in ihrem Wahlverhalten beeinflussen lassen? Daf\u00fcr m\u00fcsste man mehrere Filter durchdringen und ich glaube, dass alle Aussagen hier eher auf Sch\u00e4tzungen beruhen werden. Es k\u00f6nnte eher der Verst\u00e4rkung der eigenen Meinung dienen und somit ohnehin vorhandene W\u00e4hlerschaft binden oder vielleicht sogar beeinflussen, doch w\u00e4hlen zu gehen. Das w\u00e4re ja schon ein enormer Erfolg, aber auch der ist bisher spekulativ.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verzeihung, Internet stimmt ja nicht mehr, ich m\u00fcsste &#8222;Social Media&#8220; sagen. 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