{"id":1380,"date":"2013-09-05T08:44:27","date_gmt":"2013-09-05T07:44:27","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1380"},"modified":"2013-09-05T09:48:45","modified_gmt":"2013-09-05T08:48:45","slug":"haben-wir-ein-recht-auf-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/haben-wir-ein-recht-auf-qualitaet\/","title":{"rendered":"Haben wir ein Recht auf Qualit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p>Schrott verbinden wir gedanklich mit Rost und daher n\u00e4here ich mich dem Thema von dieser Seite an. Treue LeserInnen kennen meine Leidensgeschichte betreffend Motorroller und meinen verzweifelten Kampf gegen geplante Obsoleszenz. Ich empfinde es nicht als Zumutung, dass Produzenten bei Materialien und Fertigungsprozessen sparen, die KundInnen wollen schlie\u00dflich billige Ware, weil der Geiz ja geil ist oder so.<br \/>\nIch finde es nur schlimm, dass man in vielen, meiner Meinung nach sogar den meisten Bereichen keine Wahl mehr hat. Anders ausgedr\u00fcckt, ich kann auch um viel Geld kein qualitativ hochwertiges (= langlebiges) Produkt mehr kaufen, weil ein solches einfach nicht erzeugt wird.<\/p>\n<p>Aktuelles Beispiel: die Vespa GTS 125 bzw. 300 (gleiche Karosserie, unterschiedlicher Motor). Ein Besitzer hat wegen Rostproblemen geklagt. Dazu muss man folgendes wissen:<\/p>\n<p>1.) Vespa ist eine Produktmarke des Piaggio-Konzerns. Urspr\u00fcnglich war es die einzige Marke, heute ist es die Nobelmarke, denn Piaggio hat noch vier weitere: die Eigenmarke &#8222;Piaggio&#8220; f\u00fcr die eher einfacher aufgebauten Motorroller und Mofas, mit denen man den Koreanern und Chinesen Konkurrenz machen will. Dann gibt es noch Gilera, einst eine eigenst\u00e4ndige Marke, heute im Konzern f\u00fcr die &#8222;sportliche&#8220; Linie zust\u00e4ndig. Ich hatte viereinhalb Jahre eine Gilera Fuoco. Vor einigen Jahren hat Piaggio auch die traditionelle Marke Aprilia gekauft und dann gibt es noch Derbi, die vor allem in Spanien gro\u00df im Markt sind, bei uns jedoch eine untergeordnete Rolle spielen. Nicht mehr vorhanden ist die alte \u00f6sterreichische Marke Puch, die von Piaggio aufgekauft und inzwischen aufgelassen wurde. Ich hatte zehn Jahre lang eine &#8222;Puch Typhoon&#8220; und war sehr zufrieden. Der Nachfolger &#8222;Piaggio Typhoon&#8220; hat leider keine Eigenst\u00e4ndigkeit mehr und ist einer von vielen Rollern im Konzern.<\/p>\n<p>2.) Die &#8222;Vespa GTS 300&#8220; ist das Flaggschiff der Marke. Sie hat zwar nur 278 ccm (und nicht 300 wie der Name sagt, das ist \u00fcbrigens beim Konkurrenzmodell Honda SH 300 auch so) und 22 PS, ist aber &#8211; zumindest in \u00d6sterreich und einigen anderen L\u00e4ndern Europas &#8211; \u00e4u\u00dferst beliebt. Sie ist auch preislich das teuerste Modell, wenn man einmal von der Vespa 946 absieht, die aber nicht als Volumsmodell gedacht ist.<br \/>\nDer Listenpreis liegt in der Standardausstattung bei 6.150- Euro, zu haben ist sie derzeit beim Importeur und H\u00e4ndler Faber (www.faber.at) um 5.699,- die GTS 300ie Super sogar um 5.599,-<br \/>\nDas ist somit vielleicht der sch\u00f6nste, sicher aber der teuerste Roller am Markt, zumindest in seiner Klasse. Die Konkurrenzmodelle Honda SH 300i (Euro 5.790,- zu haben um 4.990,- inklusive Topcase) und Kymco People 300 GTi (4.599,- inklusive Topcase) liegen deutlich darunter. Sie sind st\u00e4rker (27 bzw. 29 PS) und haben trotz gr\u00f6\u00dferer R\u00e4der ein gr\u00f6\u00dferes Helmfach unter dem Sitz.<br \/>\nDie GTS 125 kostet \u00fcbrigens 4.749,- (Listenpreis 5.150,-) und hat 15 PS.<\/p>\n<p>3.) Die Vespa GTS ist trotzdem der meistverkaufte und somit beliebteste Roller am Markt &#8211; zumindest in \u00d6sterreich. In Italien hat sich das Blatt schon l\u00e4nger gedreht und Piaggio verkauft im Mutterland zunehmend weniger Roller. Dort werden vor allem Honda, Kymco, Sym, Yamaha und Suzuki verkauft, die auch inzwischen das Bild pr\u00e4gen. <\/p>\n<p>4.) Die Vespa ist quasi die Urmutter der Motorroller, f\u00fcr manche sogar ein Synonym daf\u00fcr. Sie wird seit 1946 gebaut und beruht auf einem genialen Entwurf: selbsttragender Blechpressrahmen, Einarmschwinge, gekapselter Motor, Durchstieg hinter der Sch\u00fcrze. All diese Merkmale findet man auch heute, wenngleich es sich aktuell um einen Automatikmotor handelt und die Vespa einen Stahlrohr-Hilfsrahmen hat. Aber die Verkleidung ist gro\u00dfteils immer noch aus Blech, im Gegensatz zu allen oder fast allen anderen Rollern weltweit, die mit Plastik verkleidet sind.<\/p>\n<p>Im Internet gibt es spezielle Foren, die sich mit dem Thema Vespa besch\u00e4ftigen. Eines davon ist www.vespaforum.at &#8211; dort findet man quasi alles zum Thema und dort wird auch \u00fcber die Qualit\u00e4t diskutiert.<br \/>\nNun ist bei einem Besitzer (Eisbaer3) einer GTS 125 ein massives Rostproblem aufgetreten. Er hat geklagt und ein Gutachten anfertigen lassen. Hier ein Auszug aus dem Text:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wie Sie diesem Gutachten entnehmen k\u00f6nnen, sind die Verrostungen zum Teil auf Steinschl\u00e4ge bzw. Sch\u00fcrfspuren zur\u00fcckzuf\u00fchren. Andererseits konnte aber auch Spaltkorrosion festgestellt werden, welche offenbar auf einen Fabrikationsfehler zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, da der Hersteller entlang aller Blech\u00fcberlappungen den dahinter befindlichen Hohlraum vor der Lackierung abdichten h\u00e4tte m\u00fcssen. Bei einer Neureparatur besteht die Gefahr, wenn der neue Ersatzrahmen in gleicher Art und Weise wie der streitgegenst\u00e4ndliche Rahmen lackiert ist, dass es dann wiederum zur bem\u00e4ngelten Spaltkorrosion kommt. Der Sachverst\u00e4ndige schl\u00e4gt daher vor, dass der verbaute Rahmen saniert wird, in dem der nicht zerlegte Rahmen an der Unterseite der Rahmenverblechung sandgestrahlt wird, anschlie\u00dfend mit Epoxylack grundiert wird, dann die Blechst\u00f6\u00dfe abgedichtet werden und abschlie\u00dfend die behandelte Rahmenunterseite in der Vespafarbe lackiert wird. Diese Reparatur w\u00fcrde im Gegensatz zur kompletten Erneuerung des Rahmens nur ca. EUR 750,00 zzgl. MWSt. kosten. Durch diese Reparatur w\u00fcrden auch die Steinschl\u00e4ge und Sch\u00fcrfspuren beseitigt werden, jedoch k\u00f6nnen jedenfalls zwei Drittel der angef\u00fchrten Kosten (das sind EUR 500,00) f\u00fcr die Sanierung der Spaltkorrosion angesetzt werden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Und jetzt ein Auszug aus dem Gerichtsurteil:<\/p>\n<p><em>&#8222;Dem gegenst\u00e4ndlichen Fahrzeug liegt eine<br \/>\nProduktionskonzeption zu Grunde, welche bereits<br \/>\nurspr\u00fcnglich darauf ausgelegt war, im niedrigen<br \/>\nKostenbereich zu liegen. Von einem solchen Produkt kann<br \/>\naufgrund der Umst\u00e4nde nur ein vermindertes Ma\u00df an<br \/>\nQualit\u00e4t und Haltbarkeit erwartet werden. Da es absolut<br \/>\nlogisch ist, dass zur Erreichung dieser Zielsetzung,<br \/>\nminderwertigere Bestandteile wie zB Lack mit geringerer<br \/>\nLackschichtst\u00e4rke verwendet oder sorgf\u00e4ltige<br \/>\nHohlraumabdichtung vor der Lackierung aus Kostengr\u00fcnden<br \/>\nnicht durchgef\u00fchrt und dadurch ein h\u00f6heres Risiko f\u00fcr<br \/>\nVerrostungen in Kauf genommen wird, handelt es sich um<br \/>\ndem Produkt inh\u00e4rente \u201eM\u00e4ngel\u201c. Daraus folgt aber<br \/>\nzwangsl\u00e4ufig, dass es sich somit weder um einen<br \/>\nProduktions- noch um einen Konstruktionsfehler handelt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das ist meiner Meinung nach ein starkes St\u00fcck: Die GTS ist der teuerste Roller am Markt, und hier steht &#8222;im niedrigen Kostenbereich&#8220;.<br \/>\nWer soll hier gesch\u00fctzt werden? Auf wessen Seite ist das Recht?<br \/>\nIch bin der Ansicht, dass es sich hier um geplante Obsoleszenz handelt, versteckt in Billigproduktion. Das eigentliche Problem besteht jedoch auch darin, dass die Konsumenten mitspielen. Sie wollen st\u00e4ndig neue Produkte und sind oft selbst nicht daran interessiert, dass ein Gegenstand lange h\u00e4lt &#8211; denn dann findet man schwerer einen Grund sich das neuere Modell zuzulegen.<\/p>\n<p>Doch es gibt erste Gegeninitiativen. Der Anwalt Georg B\u00fcrstmayr hat einen ersten Entwurf in Facebook online gestellt, damit dieser diskutiert werden kann. Hier ist er:<\/p>\n<p><em>Liebe FB-FreundInnen: hier ist, wie angek\u00fcndigt mein Vorschlag zur rechtlichen &#8222;Verankerung&#8220; der geplanten Obsoleszenz, sprich: zur Schaffung einer ersten M\u00f6glichkeit, jedenfalls die krassesten F\u00e4lle abzustellen. F\u00fcr Anregungen und Beschwerden bin ich dankbar.<\/p>\n<p>Verankerung der &#8222;geplanten Obsoleszenz&#8220; im UWG<\/p>\n<p>Die geplante Obsoleszenz w\u00e4re als eigener \u201eTatbestand\u201c im UWG zu verankern, und zwar in \u00a7 1 Abs 3 sowie einer eigenen Definitionsbestimmung (zB einem \u00a7 1b). Die konkrete Legaldefinition sollte gemeinsam u.a. mit VertreterInnen der AK, des VKI und der Wirtschaft ausformuliert werden, sie sollte demonstrativ sein, das hei\u00dft, dass die Definition nicht von vornherein alle m\u00f6glichen und denkbaren F\u00e4lle mit einschlie\u00dft, sondern dass bestimmte Beispiele f\u00fcr geplante Obsoleszenz aufgez\u00e4hlt werden..<\/p>\n<p>Zur n\u00e4heren Begr\u00fcndung: <\/p>\n<p>a) Ob, wo und wie weit geplante Obsoleszenz wirklich systematisch eingesetzt wird, ist in vielen Bereichen nach wie vor umstritten. Die vorgeschlagene Regelung setzt aber eben diese Sicherheit nicht voraus: dort, wo tats\u00e4chlich krasse F\u00e4lle von geplanter Obsoleszenz auftauchen, k\u00f6nnten Mitbewerber und Konsumentenschutzverb\u00e4nde (vgl. \u00a7 14 UWG) sie aufgreifen und einzelne Verfahren &#8211; oder auch Musterprozesse &#8211; anstrengen. <\/p>\n<p>Die momentane Rechtslage dagegen beg\u00fcnstigt auf diesem Feld Produzenten und H\u00e4ndler: derzeit m\u00fcssten einzelne KonsumentInnen nach den Regeln des Gew\u00e4hrleistungs- und Schadenersatzrechts, allenfalls auch nach den Regeln der Irrtumsanfechtung, Verfahren anstrengen, deren Prozesskostenrisiko regelm\u00e4\u00dfig den Wert der vorzeitig unbrauchbar gewordenen Sache bei weitem \u00fcbersteigt. Bleibt die Rechtslage unver\u00e4ndert, ist zu erwarten, dass kaum ein Konsument einen derartigen Prozess auf sich nehmen w\u00fcrde. <\/p>\n<p>b) Es m\u00fcsste weder eine eigene Beh\u00f6rde noch ein eigenes System zur Bek\u00e4mpfung dieses Missstands geschaffen werden, der n\u00f6tige Eingriff in bestehende Gesetze bzw. Systeme scheint minimal. Die vorgeschlagene \u00c4nderung w\u00fcrde die \u00f6ffentliche Hand nicht nennenswert belasten, da bis auf die Kosten einiger Gerichtsverfahren keine weiteren Ausgaben zu erwarten w\u00e4ren<\/p>\n<p>c) Insgesamt stellt die vorgeschlagene L\u00f6sung auch einen sehr geringen Eingriff in wirtschaftliche Freiheiten dar, f\u00fcr den Anfang w\u00e4re \u00fcberhaupt nur in besonders schwerwiegenden F\u00e4llen mit Verfahren zu rechnen. Zugleich w\u00e4re f\u00fcr derartige krassen F\u00e4lle aber ein Instrument geschaffen, das auch abschreckende Wirkung h\u00e4tte \u2013 Mitbewerber und Konsumentenschutzverb\u00e4nde k\u00f6nnen nach dem UWG relativ weitreichende Anspr\u00fcche durchsetzen. <\/p>\n<p>d) Eine demonstrative Aufz\u00e4hlung von Tatbest\u00e4nden der geplanten Obsoleszenz b\u00f6te auch die M\u00f6glichkeit, zuk\u00fcnftige einschl\u00e4gige Rechtssprechung auf europ\u00e4ischer Ebene und \/ oder zB in Deutschland, sowie die Weiterentwicklung der Lehre auf diesem Gebiet schrittweise zu ber\u00fccksichtigen. <\/p>\n<p>Sauber wirtschaften hei\u00dft auch, dass weder KonsumentInnen geprellt werden, noch, dass sich Mitbewerber mit unlauteren Methoden Vorteile auf dem Markt verschaffen. Die Verankerung der geplanten Obsoleszenz im Wettbewerbsrecht b\u00f6te die M\u00f6glichkeit, diesen Missstand gemeinsam mit der \u00f6sterreichischen Wirtschaft zu beenden, mit allen, die im Interesse der KonsumentInnen in \u00d6sterreich produzieren, handeln und verkaufen. Schrittweise und zielgenau, n\u00e4mlich genau dort, wo Missst\u00e4nde besonders krass zu Tage treten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schrott verbinden wir gedanklich mit Rost und daher n\u00e4here ich mich dem Thema von dieser Seite an. Treue LeserInnen kennen meine Leidensgeschichte betreffend Motorroller und meinen verzweifelten Kampf gegen geplante Obsoleszenz. 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