{"id":1407,"date":"2013-10-29T08:10:51","date_gmt":"2013-10-29T07:10:51","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1407"},"modified":"2013-10-29T08:10:51","modified_gmt":"2013-10-29T07:10:51","slug":"der-sandler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/der-sandler\/","title":{"rendered":"Der Sandler"},"content":{"rendered":"<p>Landesversammlung der Gr\u00fcnen Wirtschaft Wien und Nieder\u00f6sterreich. Funktion\u00e4rswahlen, Vortr\u00e4ge, Diskussionen, Buffet &#8211; das alles an einem von uns sehr gern gew\u00e4hlten Veranstaltungsort, der IG Architektur auf der Gumpendorferstra\u00dfe, nur eine Ecke weit vom Apollo-Kino.<br \/>\nDie Stimmung ist gut, der Caterer hat diesmal geschmorten K\u00fcrbis zubereitet und sonst noch einige gute Dinge. Lockere Gespr\u00e4che, Kennenlernen der neuen Landesleitung von Nieder\u00f6sterreich, dazu ein gutes Bier. Geraucht wird vor der T\u00fcr, die dann zeitweise offen steht.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich dr\u00e4ngt sich ein Sandler hinein. Er tut ein wenig so als h\u00e4tte er drinnen irgend was zu erledigen, es ist aber fast sofort klar, um wen es sich handelt: klein, geb\u00fcckt, zerlumpt angezogen, mit einem gro\u00dfen wei\u00dfen Plastiksack, aber schneller durch die T\u00fcre als ihn wer aufhalten kann.<br \/>\nEr l\u00e4sst sich flugs in eine kleine Sitzgruppe fallen und ruft &#8222;Capuccino!&#8220;<\/p>\n<p>Wer ist f\u00fcr ihn zust\u00e4ndig? Sollen wir ihn rauswerfen &#8211; irgendwo meint das jemand, allerdings eher beil\u00e4ufig. Ich denke mir, dass er eigentlich nicht st\u00f6rt, sofern er nichts fladert oder unangenehm auff\u00e4llt.<br \/>\n&#8222;Capuccino&#8220; ruft er noch mal und ein Kollege lacht &#8222;Hey, wird sind kein lokal, das ist privat!&#8220;<\/p>\n<p>Er schaut unverst\u00e4ndig, spricht scheinbar kein Deutsch. Ich bringe ihm ein Bier und meine, dass wir leider keinen Kaffee haben. Er trinkt das Bier aus, lehnt sich in seinem Sessel zur\u00fcck und grinst freundlich, zumindest mit den Z\u00e4hnen, die er noch besitzt, also eher sp\u00e4rlich. Seine Sprache ist nicht verst\u00e4ndlich, zumindest nicht f\u00fcr uns. Polnisch? Ungarisch? Russisch? Auf jeden Fall prostet er uns mit &#8222;Nastrowje&#8220; zu und ruft &#8222;Polak&#8220;.<br \/>\nDann kramt er ein wenig in seinem Sack herum und als wir uns wieder mit uns besch\u00e4ftigen, f\u00e4ngt er zu singen an. Offensichtlich hat das Bier seine Laune gehoben. Die Lautst\u00e4rke ist beachtlich und die Unterhaltung wird schwierig. Wieder werden Stimmen laut, dass man ihn eventuell hinausbef\u00f6rdern sollte, bevor er sich dauerhaft einnistet.<br \/>\nIch blicke aufs Buffet und sehe, dass wir noch mehr als genug K\u00fcrbis haben, der sowieso nach Veranstaltungsende weggeworfen wird. Also hole ich ihm eine Portion, die er annimmt und aufisst. Da er w\u00e4hrend des Essens nicht singen kann, haben wir das Problem gel\u00f6st. Zur Sicherheit bringe ich ihm noch eine zweite Portion. Das funktioniert, er singt nicht weiter, sondern ruht sich ein wenig aus.<br \/>\nDann beginnt er zu schauen, was so herum liegt. Ein dicker Architektur-Bildband f\u00e4llt ihm in die H\u00e4nde und wandert langsam Richtung seines Plastiksacks. Irgendwer weist ihn darauf hin, dass ihm das nicht geh\u00f6rt. Er grinst breit und sagt ein paar Worte. Dann ruft er &#8222;Zigarra&#8220;. Da ihm niemand eine Zigarre oder Zigarette anbietet, beginnt er aus Prospekten auf dem Tisch vor ihm irgendwelche Werbeartikel rauszureissen und in seinen Plastiksack zu stecken. Dann nimmt er wieder den Bildband und verstaut ihn im Sack.<br \/>\nIch gehe hin und bitte ihn, den Band wieder heraus zu nehmen. Er tut so, als w\u00fcrde er mich nicht verstehen, grinst breit und ruft &#8222;Capuccino!&#8220;.<\/p>\n<p>Mir reicht es, ich nehme das Buch einfach aus dem Sack und bringe es in Sicherheit. Langsam stellt sich die Frage, wie wir ihn wieder loswerden und Beate bittet mich bis zum Schluss zu bleiben, sie h\u00e4tte Angst wenn sie mit ihm alleine fertig werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Auf einmal steht er auf, schnappt seinen Sack und marschiert wortlos zur T\u00fcre. Ihm d\u00fcrfte fad geworden sein, es gab nichts mehr zu holen und so wandert er zu den Fahrr\u00e4dern, die ums Eck an Fahrradst\u00e4ndern lehnen. Dort probiert er bei jedem einzelnen ob es abgeschlossen ist. Dummerweise f\u00fcr ihn sind alle angeh\u00e4ngt und er trollt sich.<\/p>\n<p>Was mich nachdenklich macht:<\/p>\n<p>Der Sandler ist ein Opportunist. Er hat gelernt eine gewisse Frechheit an den Tag zu legen und davon zu profitieren. Sein etwas ungest\u00fcmes Eindringen hat uns \u00fcberrumpelt und genau das war wahrscheinlich geplant. Es d\u00fcrfte \u00f6fter funktionieren, ebenso wie er \u00f6fter ein Bier bekommt oder eine Zigarette, damit er sich wieder &#8222;schleicht&#8220;, wie wir auf Wienerisch zu sagen pflegen.<br \/>\nNicht immer wird er freundlich aufgenommen, aber das ist das Berufsrisiko. Er nimmt au\u00dferdem was er bekommen kann und ist nicht heikel. Seine Sprache ist sein Schutz, er kann jederzeit auf &#8222;verstehe nix&#8220; umschalten. Wenn jemand doch Polnisch oder Russisch kann, dann bleibt ihm immer noch schweigen, sich deppert stellen oder sonst etwas. Er grinst freundlich und lacht, nickt und schickt immer wieder positive Signale. Und er nimmt einfach alles mit was nicht niet- und nagelfest ist. Dabei ist er aber durchaus w\u00e4hlerisch und hat sich in unserem Fall etwa den wertvollsten Bildband heraus gesucht. Wahrscheinlich hatte er selbst keine Ahnung, was er damit machen k\u00f6nnte. So sind die Opportunisten, irgendwas wird sich schon ergeben, im Notfall kann man das Buch immer noch zerreissen und es sich in den Bl\u00e4ttern gem\u00fctlich machen.<\/p>\n<p>Jede Gesellschaft produziert solche Opportunisten und in jedem von uns steckt einer. Die Schlangen, die sich vor dem gro\u00dfen Schlussverkauf sammeln, die Spurwechsler am G\u00fcrtel, die Markensammler in den Superm\u00e4rkten &#8211; alle wollen profitieren, \u00f6konomisch g\u00fcnstig aussteigen, etwas gratis haben, Geiz ist geil. Wenn kleine Geschenke vor den Wahlen verteilt werden, dann nimmt man zuerst und schaut dann nach, was man da eigentlich bekommen hat. Danach kommt die w\u00e4hlerische Phase, das Goodie muss ein gutes sein, irgendwie brauchbar, essbar, verwertbar.<\/p>\n<p>Die Sandler sind Randfiguren. Sie leben nicht besonders gesund und werden meist nicht sehr alt &#8211; wobei sie ohnehin keine Pension bekommen und es daher umso schwerer haben, je \u00e4lter sie werden. Sie sind selten ganz jung, zumindest nicht in unserer Gesellschaft, in Afrika etwa sieht das anders aus, dort betrifft es schon die Kinder. <\/p>\n<p>Die Sandler haben eine Art Vertrag mit der Gesellschaft. Sie schnorren und bekommen auch etwas, so lange sie nicht unangenehm werden. Sie sind immer nur geduldet und nie erw\u00fcnscht. Sie sind alle Opportunisten und m\u00fcssen es sein, um einigerma\u00dfen durchzukommen. Sie zeigen uns die Grenzen unseres Wohlstands, unserer Toleranz, unserer Akzeptanz, unserer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, unserer Kleinlichkeit, unseres Stolzes und unserer Gier. Eigentlich k\u00f6nnen wir froh sein, dass wir sie haben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Landesversammlung der Gr\u00fcnen Wirtschaft Wien und Nieder\u00f6sterreich. 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