{"id":142,"date":"2009-05-24T08:34:41","date_gmt":"2009-05-24T07:34:41","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=142"},"modified":"2011-02-04T13:03:18","modified_gmt":"2011-02-04T12:03:18","slug":"beim-kudlicka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/beim-kudlicka\/","title":{"rendered":"Beim Kudlicka"},"content":{"rendered":"<p>Es ist wie ein Ausflug an einen zeitlosen Ort (Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise w\u00fcrde sagen, der Kudlicka befindet sich &#8222;au\u00dferhalb des Raum-Zeit-Kontinuums), in eine schon lang nicht mehr existierende Welt.<br \/>\nDer Kudlicka ist eines der letzten verbliebenen Vespa-Gesch\u00e4fte Wiens. Der Filipo macht keine alten Vespas mehr und hat auch keine Ersatzteile mehr, der Jahelka verkauft moderne Plastikroller und beim Faber gibt es gro\u00dfteils nur mehr junge Mechaniker, die nichts mehr von alten Vespas verstehen &#8211; einen aus der &#8222;alten Garde&#8220; haben sie noch und bieten auch die Restauration alter Vespas an &#8211; hier muss sich jeder selbst ein Bild machen.<\/p>\n<p>Der Kudlicka ist der letzte seiner Art. Wenn man in die \u00d6sterleingasse im 15. Bezirk f\u00e4hrt, betritt man eine andere Welt. Ich war nach knapp 25 Jahren wieder dort, um Ersatzteile f\u00fcr meine alte Vespa zu kaufen, und der Herr Kudlicka sieht immer noch genauso aus wie vor einem Vierteljahrhundert, an ihm als Person scheint die Zeit vor\u00fcbergegangen zu sein. Auch seine Stimmungsschwankungen gibt es noch und das ist auch sein gutes Recht. Das Gesch\u00e4ft hat sich auch nicht ver\u00e4ndert, wenngleich das Haus gegen\u00fcber mit seinem Innenhof, auf dem unz\u00e4hlige Generationen von Vespa-Fahrern Gasseile gewechselt und Kupplungen eingestellt haben, letztes Jahr abgerissen wurde.<br \/>\nAber das Gesch\u00e4ft gibt ets noch und nach wie vor stehen alte Vespas dort herum. In der Auslage liegen &#8211; leicht verstaubt &#8211; Gep\u00e4cktr\u00e4ger, Rennauspuffanlagen und Zylindersets &#8211; wie schon seit Jahrzehnten, wie schon seit immer.<br \/>\nDer Kudlicka ist inzwischen \u00fcber 80 und steht jeden Tag hinter der Buddel, auch am Samstag. Der Herr daneben ist nicht, wie viele inklusive meiner Wenigkeit glauben, sein Partner, der Radakovits, sondern der &#8222;Sergio&#8220;, und auch er ist seit \u00fcber 25 Jahren der Gleiche, mit seinem Akzent und seiner speziellen Art, die Augenbraue hochzuziehen.<\/p>\n<p>Wer etwas vom Kudlicka will, der muss sich umgew\u00f6hnen. Der Kudlicka hat fast alles, aber nicht immer hat er Lust, es dir zu verkaufen. Der Kaufvorgang hat etwas Magisches &#8211; Du betrittst das Gesch\u00e4ft und tr\u00e4gst dein Anliegen vor. Danach &#8222;entsteht&#8220; der jeweilige Gegenstand irgendwo unter der Buddel. Der Kudlicka sieht dich meist wortlos an und greift mit einer Hand (ohne von dir wegzublicken) hinunter, zieht es hervor und legt es auf die Theke. Dann sagt er irgendeinen Preis. Du zahlst und gehst, aber Du verl\u00e4sst das Gesch\u00e4ft mit einem v\u00f6llig irrwitzigen Gef\u00fchl von Unsicherheit, gepaart mit Dankbarkeit. Wo kam das her, wieso hat er genau das unter seiner Buddel? Es ist n\u00e4mlich egal, ob Du einen kleinen Schraubnippel f\u00fcr ein Gasseil brauchst oder eine ganze Vespa. Er hat alles unter der Buddel.<br \/>\nWenn er etwas dort nicht hat, dann wird er leicht m\u00fcrrisch. Er geht halt nicht mehr so gerne herum. Dann dreht er sich um und greift nach hinten. Sp\u00e4testens dort hat er es. Mir ist es sogar passiert, dass er \u00fcber die Stra\u00dfe in ein anderes Lager gegangen ist, um mir einen Spiegel zu holen. Ein einschneidendes Erlebnis, ohne Frage, wenn einem diese Ehre zuteil wird. Da fragt man nicht mehr nach dem Preis, da zahlt man gerne und ohne zu z\u00f6gern. <\/p>\n<p>Das mit den Preisen ist auch eine interessante Sache. Er wei\u00df sie einfach, immer und von allem. Es sieht aber so aus, als w\u00fcrde er sie sich in dem Moment gerade ausdenken, und es sieht vor allem so aus, als ob er sie aufgrund deines Gesichts, deiner Person festlegt. Er mustert dich kurz und dann sagt er eine Zahl. Und du zahlst. So einfach ist das beim Kudlicka.<br \/>\nManchmal kann man auch ein wenig handeln oder bekommt eine Kleinigkeit, die man noch braucht, gratis dazu, eine Dichtung oder so etwas.<br \/>\nEs ist v\u00f6llig unklar, woher der Kudlicka seine Ersatzteile bekommt und auch, nach welchen Kriterien er sie verkauft. Ich vermute, es ist seine momentane Stimmung und ob er dich gerade heute sympathisch findet oder nicht.<br \/>\nNeulich bekam ich einen Kolben f\u00fcr eine Vespa GS 150, \u00dcberma\u00df 57,2 mm (mein alter Kolben war angerieben, zerbrochen, kaputt). Er hatte ihn direkt hinter sich liegen, und das ist kein g\u00e4ngiges Modell. Der Kolben war auch kein indischer Nachbau von GOL, sondern ein markenloser Kolben, aber sehr gut gearbeitet. Er hat ihn aus einem Zylinder gezogen, der dort ebenfalls herumlag. Einfach so.<br \/>\nDer Preis war bis auf wenige Cent der gleiche wie der, den ich im Internet bei einem deutschen GS-Spezialisten bezahle. Einfach so, der Kudlicka hat ihn sozusagen aus der H\u00fcfte geschossen.<br \/>\nAls er mir letztes Jahr eine Vergaserd\u00fcse verkaufte, bei der die D\u00fcsenbohrung schlicht und einfach nicht vorhanden war (ich hatte es erst zuhause entdeckt und bin wieder hingefahren), ging er auf die Stra\u00dfe, blickte kurz durch, nahm die D\u00fcse und schleuderte sie in hohem Bogen in die Baugrube auf der anderen Stra\u00dfenseite.<br \/>\nDann bekam ich eine neue, mit Bohrung. Ich glaube, er mag mich.<\/p>\n<p>Nicht alles ist rosarot beim Kudlicka. Er hat immer wieder Ersatzteile, die nicht optimal passen und man kann sich nicht sicher sein, wie gut eine Reparatur sein wird. Auch das h\u00e4ngt vom Gl\u00fcck und von der Stimmung ab, in der er sich befindet. Das Problem: er ist der letzte seiner Art, man kann nirgends sonst mehr hinfahren, nur er (und seine Mechaniker) kennen sich noch aus, nur er hat die Teile, die man sonst nirgends mehr bekommt und schon gar nicht in Wien. Das Internet ist kein vollwertiger Ersatz und wenn man zum Generalimporteur f\u00e4hrt und etwa einen Zylinderkopf f\u00fcr eine Vespa GS haben will&#8230; nun, das soll jeder selbst ausprobieren, vielleicht hat man ja Gl\u00fcck, vor allem f\u00fcr die PX-Modelle gibt es noch Neuteile.<\/p>\n<p>Wenn der Kudlicka einmal aufh\u00f6rt, bricht die Vespa-Szene in Wien zusammen. Eine neue \u00c4ra wird beginnen, man wird sich nicht mehr am Samstag Vormittag in der \u00d6sterleingasse \u00fcber den Weg laufen, au\u00dfer der Sergio \u00fcbernimmt das Gesch\u00e4ft. Er ist inzwischen auf einer \u00e4hnlichen &#8222;Welle&#8220; wie der alte Kudlicka und er kennt sich auch gut aus.<br \/>\nHoffen wir das Beste, hoffen wir auf ein langes Leben des Herrn Kudlicka, hoffen wir darauf, dass diese Enklave in Zeit und Raum noch lange besteht. Wir haben es uns verdient, beim Kudlicka einkaufen zu d\u00fcrfen. Es w\u00e4re an der Zeit, eine Am-Schauplatz-Folge zu drehen: Beim Kudlicka, dem Vater der Vespas und der Vespa-Fahrer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wie ein Ausflug an einen zeitlosen Ort (Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise w\u00fcrde sagen, der Kudlicka befindet sich &#8222;au\u00dferhalb des Raum-Zeit-Kontinuums), in eine schon lang nicht mehr existierende Welt. 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