{"id":1461,"date":"2014-01-21T16:20:22","date_gmt":"2014-01-21T15:20:22","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1461"},"modified":"2014-02-01T16:53:56","modified_gmt":"2014-02-01T15:53:56","slug":"mein-dutzend-gruende-fuer-politisches-engagment-teil-8-noch-einmal-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/mein-dutzend-gruende-fuer-politisches-engagment-teil-8-noch-einmal-essen\/","title":{"rendered":"Mein Dutzend Gr\u00fcnde f\u00fcr politisches Engagement: 8 &#8211; noch einmal Essen"},"content":{"rendered":"<p>Politik ist die Kunst der Gesellschaft. Menschen leben nur dann friedlich in Gemeinschaften, wenn ihre unterschiedlichen Interessen ausbalanciert werden. Diese Vermittlungst\u00e4tigkeit nennt man meinem Verst\u00e4ndnis nach &#8222;Politik&#8220;. Sie regelt das Zusammenleben der Menschen.<br \/>\nIch habe ein Dutzend Gr\u00fcnde gefunden um mich politisch zu engagieren. Heute ist der achte Grund an der Reihe, es geht noch einmal um\u00b4s Essen.<\/p>\n<p>58 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Deutschland<br \/>\nDavon landet ca. ein Drittel auf dem M\u00fcll (Quelle: 3sat-Doku &#8222;Schweine f\u00fcr den M\u00fcllcontainer&#8220;, von Edgar Verheyen). Ich habe inzwischen verstanden, warum das so ist. Und ich bin damit nicht einverstanden. <\/p>\n<p>Jeden Tag Fleisch am Tisch plus ein niedriges Einkommen &#8211; diese Kombination ist f\u00fcr die unfassbaren Schweinezuchtbedingungen verantwortlich. Ich wei\u00df nicht genau, warum es sich in unserer Gesellschaft durchgesetzt hat, dass Menschen darauf bestehen jeden Tag Fleisch essen zu k\u00f6nnen, auch wenn sie es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Aber vielleicht liegt hier ja die Ursache: Weil Fleisch Jahrhunderte lang Luxus war, den man maximal einmal pro Woche, meist aber noch seltener am Tisch hatte. Und jetzt kann man sich auch mit wenig Geld diesen Luxus leisten. Das riecht nach gesellschaftlichem Aufstieg und der ist in einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft immer noch Motivator Nr. 1.<\/p>\n<p>Daher muss das Fleisch billig erzeugt werden. Das f\u00fchrt dazu, dass die Schweinem\u00e4ster als einziges Kriterium den Preis kennen. &#8222;Es geht ausschlie\u00dflich darum, wie viele Schweine kann ich auf einem Quadratmeter erzeugen&#8220;, so ein Fachmann aus Deutschland. Der Quadratmeter muss billig sein, also m\u00f6glichst maschinell und mit wenig Personalkosten.<br \/>\nEs geht darum die Kosten zu senken und den Profit zu erh\u00f6hen. Je billiger das Futter, desto h\u00f6her der Profit. Je enger die Schweine zusammenstehen oder -liegen, desto h\u00f6her der Profit. Je weniger Ausf\u00e4lle, desto h\u00f6her der Profit. Daher m\u00fcssen entsprechend viele und starke Pharmazeutika und Chemikalien zum Einsatz kommen. <\/p>\n<p>Das Endprodukt muss weder schadstofffrei sein noch gut schmecken. Der Geschmack wurde den KonsumentInnen inzwischen abtrainiert.<\/p>\n<p>Ist das alles legal? D\u00fcrfen die Schweine auf Betonspaltboden in ihrem eigenen Dreck stehen, ohne M\u00f6glichkeit sich zu bewegen? Da sie sensible und reinliche Tiere sind, leben sie in offensichtlicher Qual. Wenn man ein solches Schwein auf eine Wiese l\u00e4sst, f\u00e4ngt es sofort mit seinem nat\u00fcrlichen Verhalten an. Das zeigt, dass sich die Tiere an ihr Dasein in der Massentierhaltung nicht gew\u00f6hnen k\u00f6nnen. Sie haben also die H\u00f6lle von der Geburt bis zum Tod.<\/p>\n<p>Ist das alles legal? Nur f\u00fcnf Prozent aller Betriebe werden in Deutschland kontrolliert. Die Strafen, wenn man bei besonders \u00fcbler Haltung erwischt wird, sind minimal. Es wird also vom System nicht nur akzeptiert, sondern sogar gef\u00f6rdert, denn ein Gesetz ist nur dann g\u00fcltig, wenn es \u00fcberwacht wird. Ansonsten gilt einzig und allein das Gesetz, das immer \u00fcberwacht wird: das der Profitmaximierung. Hier ist der &#8222;freie Markt&#8220; die Kontrollinstanz. Ihr gegen\u00fcber steht die Gesetzesinstanz. Wenn nun zweitere versagt, etwa weil sie durch politisches Lobbying seitens der Schweineindustrie kein Geld f\u00fcr Kontrollen hat, gilt nur mehr das Gesetz des Marktes, und der kennt keine Qualit\u00e4tskriterien, wenn nicht der Konsument sie selbst hat.<\/p>\n<p>Wer in den Supermarkt geht, sieht die Menschen auschlie\u00dflich auf den Preis schauen. Ganz abgesehen davon, dass man die Qualit\u00e4t von Schweinefleisch in der heutigen Verpackungsform nicht erkennen kann, ist sie den meisten Menschen komplett egal. Das ist zumindest meine Erfahrung. Bier bitte ohne Biergeschmack, Fisch darf nicht nach Fisch riechen und schon gar nicht danach schmecken (daher Pangasius), Chili bitte mild, also ohne Chili &#8211; da wundert es mich nicht, dass auch beim Schweinefleisch der Geschmack vollkommen egal ist.<\/p>\n<p>Es geht auch anders. Schweine k\u00f6nnen artgerecht gehalten werden. Dann ist aus meiner Sicht gegen Fleischkonsum nichts einzuwenden, denn wir alle w\u00fcrden &#8211; wieder &#8211; zu Gro\u00dfteilsvegetariern, denn ordentlich gehaltene Schweine leistet man sich dann eben nur als Sonntagsbraten. Der w\u00fcrde dann auch wieder ganz anders schmecken.<\/p>\n<p>Was ich bis jetzt nicht herausfinden konnte: Was kostet solch ein Schweinefleisch tats\u00e4chlich und wie kann ich es erkennen? Ich kenne leider keinen Bauern, der seine Schweine artgerecht h\u00e4lt und von dem ich das kostbare und k\u00f6stliche Fleisch bekommen k\u00f6nnte. Das liegt auch daran, dass Bauern heute mit speziellen Verordnungen daran gehindert werden selbst zu schlachten. Die Industrie hat mit eigenen Gesetzen daf\u00fcr gesorgt, dass es kleine Bauern schwer haben oder es f\u00fcr sie sogar unm\u00f6glich ist, selbst Schweine in hoher Qualit\u00e4t zu z\u00fcchten.<br \/>\nDas Problem wird noch dadurch versch\u00e4rft, dass es keine glaubhaften G\u00fctesiegel gibt. &#8222;Bio&#8220; kann jeder drauf schreiben. Selbst wenn er nicht bio macht, bei fehlenden Kontrollen und geringen Strafen ist das Risiko vernachl\u00e4ssigbar.<\/p>\n<p>Dazu ein paar Fakten: In Deutschland (und in \u00d6 wird das nicht viel anders sein) gibt es seit 2006 eine \u00dcberproduktion (derzeit etwa 115%). Dadurch sank der Preis, die Futtermittel wurden aber teurer. Das zwingt in die Rationalisierung, um bei schlechteren Verkaufspreisen den gleichen oder \u00fcberhaupt einen Profit machen zu k\u00f6nnen. Das bedeutet:<br \/>\n&#8211; noch mehr Schweine auf weniger Platz<br \/>\n&#8211; schlechtere Bedingungen weil keine Investitionen<br \/>\n&#8211; sinkende Qualit\u00e4t<br \/>\n&#8211; Drang zu expandieren<\/p>\n<p>44 % der Viehz\u00fcchter mussten in den letzten zehn Jahren zusperren, denn eine Schweinemast dauert ca. 120 Tage und bringt dem Bauern pro Schwein zwischen 5 und 10 Euro Gewinn. Wer kann sich da einen neuen Stall bauen oder teures und besseres Futtermittel kaufen?<br \/>\n\u00dcbrigens kann ein Schweinem\u00e4ster auch sonst von 5 bis 10 Euro nicht leben. Das geht nur mittels F\u00f6rderungen, Subventionen und Ausgleichszahlungen. Diese zahlen wir KonsumentInnen \u00fcber den Umweg der Steuern.<br \/>\nDas bringt die perverse Situation, dass wir st\u00e4ndig mehr zahlen um immer schlechtere Qualit\u00e4t zu bekommen. Gut, daf\u00fcr sinken wenigstens die Fleischpreise.<br \/>\nUnd die Bauern und Viehz\u00fcchter werden von diesen Zahlungen abh\u00e4ngig und damit Spielball der Interessen starker Industrielobbys. <\/p>\n<p>Was passiert mit dem \u00dcberangebot? Erstens gibt es gro\u00dfz\u00fcgige Exportf\u00f6rderungen und zweitens wird es entsorgt. Das passiert normalerweise nicht beim Schweinez\u00fcchter, sondern<br \/>\n1.) im Handel<br \/>\n2.) in Kantinen und Restaurants, besonders durch Buffets<br \/>\n3.) in privaten Haushalten<\/p>\n<p>In letzter Zeit werden auch mehr Schweine direkt beim Z\u00fcchter entsorgt, weil die schlechten Bedingungen zu erh\u00f6hten Ausf\u00e4llen f\u00fchren. In Deutschland werden jedes Jahr 20 Millionen Schweine gez\u00fcchtet, die nicht gegessen werden.<br \/>\nWir zahlen also daf\u00fcr, dass industrielle Schweinez\u00fcchter Produkte erzeugen, die wir zu einem Drittel wegwerfen.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re die L\u00f6sung des Problems?<br \/>\nEine Idee besteht darin, die Art der Schweinezucht zu kennzeichnen. Dann k\u00f6nnten die KonsumentInnen sich beim Kauf entscheiden, was derzeit nicht m\u00f6glich ist. Davor hat die Industrie Angst, denn sie wei\u00df nicht, wie sich das auswirken w\u00fcrde. Und da die Industrie der Politik sagt, was Sache ist, wird es so eine Kennzeichnung nicht geben. <\/p>\n<p>Ich bin daher f\u00fcr eine Aufhebung der Agrarsubventionen und somit f\u00fcr einen freien, transparenten Markt, in dem die KonsumentInnen das Recht haben Informationen \u00fcber die von ihnen gekauften Produkte zu bekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik ist die Kunst der Gesellschaft. 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