{"id":1525,"date":"2014-05-06T22:23:06","date_gmt":"2014-05-06T21:23:06","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1525"},"modified":"2014-08-27T14:45:08","modified_gmt":"2014-08-27T13:45:08","slug":"die-omi-ist-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-omi-ist-nicht-mehr\/","title":{"rendered":"Die Omi ist nicht mehr"},"content":{"rendered":"<p>Heute um 17 Uhr ist meine Gro\u00dfmutter gestorben. Sie wurde 92 Jahre alt und hatte ein \u00fcber weite Strecken bewegtes Leben. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/oma.jpg\" title=\"oma\" alt=\"oma\" \/><\/center><\/p>\n<p>Als mein Onkel gestern eine Mail schrieb und meinte, sie h\u00e4tten die Omi jetzt von der k\u00fcnstlichen Ern\u00e4hrung abgeh\u00e4ngt und sie w\u00fcrde Morphium bekommen, war klar, dass es dem Ende zu geht. Die letzten Wochen hatte sich ihr Zustand verschlechtert, bis vor einer Woche gab es jedoch noch Hoffnung, dass sie sich erholen und wieder nach Hause zur\u00fcck kehren k\u00f6nnte. Zugegeben &#8211; keine gro\u00dfe Hoffnung, aber immerhin.<\/p>\n<p>Die Omi war kein Fall f\u00fcr ein Pflegeheim. Sie musste nach ihrer Scheidung lernen alleine zurecht zu kommen und erarbeitete sich eine tadellose Selbst\u00e4ndigkeit. \u00dcber drei\u00dfig Jahre wohnte sie in ihrer netten kleinen Wohnung in Dornbach und bis vor zwei Jahren fuhr sie engagiert und flott Auto. Sie h\u00f6rte nicht mehr allzu gut, aber ihre Augen waren noch okay und sie fuhr auch nicht mehr so schnell wie fr\u00fcher, als wir sie die &#8222;flotte Omi&#8220; nannten.<br \/>\nAls sie Anfang des Jahres ins Krankenhaus musste, war dies zwar beunruhigend, aber nicht tragisch. Eine Stomatitis machte ihr das Essen schwer und daher magerte sie noch mehr ab, als sie sowieso schon war. Einige Krankheiten, zuletzt ein hartn\u00e4ckiger Virus vor einem Jahr, machten ihr zu schaffen. Aber wie war ein robuster Typ und erholte sich wieder.<\/p>\n<p>Ich ging ihr die letzten paar Jahre ein bis zwei Mal die Woche einkaufen und zur Bank, sie nannte mich neckisch ihren &#8222;Finanzminister&#8220;. P\u00fcnktlich um acht Uhr in der fr\u00fch rief sie mich an und gab mir die Einkaufsliste durch. So war ich auch weitgehend gut informiert dar\u00fcber wie es ihr jeweils ging, wenngleich lange Gespr\u00e4che nur mehr sehr selten waren. Der kleine Schmattes, den ich jedes Mal bekam, war mir mehr wert als nur die Geldsumme &#8211; immer wieder trank ich den einen oder anderen Spritzwein auf sie und ihr Wohl.<\/p>\n<p>Sie sorgte bis zuletzt gro\u00dfteils f\u00fcr sich selbst, wenngleich sie eine Putz- und Haushaltshilfe hatte und nette Nachbarn, die ihr Besorgungen erledigten. Im Pflegeheim f\u00fchlte sie sich nicht wohl, das war nicht ihre Welt. Aufgrund ihrer Sturheit, die sie durchaus immer wieder an den Tag legte, konnten wir bis zuletzt nicht wissen, wie es mit ihr weitergehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie war Jahrgang 1922 und wuchs als Tochter eines Ottakringer Fleischhauers auf. Sie heiratete jung und bekam ihren Sohn mit 19. Ihr Mann, der Toni, war Fliegeroffizier und zu dieser Zeit (1941) schon als Hauptmann bei der deutschen Luftwaffe t\u00e4tig, zuletzt als Staffelkommandant einer Aufkl\u00e4rungseinheit. 1943 kam meine Mutter zur Welt und nicht lang danach wurde er \u00fcber Russland abgeschossen, bei einem Flug, der bei Nebel stattfinden sollte. Er wusste, dass er davon nicht zur\u00fcck kehren w\u00fcrde.<br \/>\nDie widerlichen Nazis nutzten seinen Tod f\u00fcr ihre \u00fcble Propaganda &#8211; meine Gro\u00dfmutter hatte da sicher keine leichte Zeit.<\/p>\n<p>Dann kam noch ihr Bruder verwundet aus dem Krieg zur\u00fcck und r\u00fcckte nach der Genesung wieder ein. Auch er wurde umgebracht &#8211; der n\u00e4chste Schlag f\u00fcr eine junge Frau mit gerade mal ein wenig mehr als zwanzig Jahren und zwei Kindern.<br \/>\nSie heiratete noch einmal &#8211; den Mann, den ich als &#8222;Opi&#8220; kennenlernte. Er war auch mein Taufpate und ein sehr guter Zahnarzt. Als er sechzig Jahre alt war angelte er sich eine neunzehnj\u00e4hrige Zahnarztassistentin und gr\u00fcndete eine neue Familie. <\/p>\n<p>Auch das war keine leichte Zeit f\u00fcr die Omi. Sie zog in ihre kleine Wohnung und machte den F\u00fchrerschein. Ich erinnere mich noch an ihr erstes Auto, einen &#8222;DAF 66&#8220;. Das war ein Kleinwagen mit Automatik, den sie aber nicht lange hatte &#8211; ich glaube, sie fuhr ihn kaputt. <\/p>\n<p>Sie war das, was man sich unter einer Omi vorstellt. Wenn wir Kinder krank waren, dann kam die Omi und brachte S\u00fc\u00dfigkeiten. Ich erinnere mich noch als ich Scharlach hatte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Quarant\u00e4nestation war eine grausliche Erfahrung, die Verwandten durften nur durch eine Glasscheibe mit uns Kontakt haben, also Sichtkontakt.<br \/>\nWenn es uns schlecht ging, dann war die Omi da, hielt unsere Hand und sprach uns Trost zu. Das konnte sie wirklich gut und sie brachte am liebsten Ildefonso mit &#8211; f\u00fcr uns ein stets willkommenes Geschenk.<br \/>\nGestern hab ich eine halbe Stunde ihre Hand gehalten, um mich zu verabschieden. Ich wei\u00df nicht, ob sie mich noch registriert hat, die Hand hat sie jedenfalls gesp\u00fcrt. <\/p>\n<p>Niemand wei\u00df, was mit uns nach dem Tod geschieht. Dass wir unsere Verstorbenen treffen, ist vielleicht nur ein Wunschglaube, aber ich w\u00fcnsche ihr, dass sie ihren Toni wieder trifft und auch den Sepp, ihren Bruder. Beide hat sie schlie\u00dflich verdammt lang nicht mehr gesehen.<\/p>\n<p>Die folgenden Bilder umspannen einen Zeitraum von 1964 bis 2013:<\/p>\n<p>Omi ca. 1964:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_1964.jpg\" title=\"omi_1964\" alt=\"omi_1964\" \/><\/center><\/p>\n<p>Brigitte, die beste Freundin meiner Mutter, Omi, und meine Mutter, ca. 1964:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/brigitte_omi_mutti.jpg\" title=\"brigitte_omi_mutti\" alt=\"brigitte_omi_mutti\" \/><\/center><\/p>\n<p>Mutti und Omi in der Sommerfrische, auch ca. 1964:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_1964_3.jpg\" title=\"omi_1964_3\" alt=\"omi_1964_3\" \/><\/center><\/p>\n<p>Meine Wenigkeit und Omi, 1967:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_1966.jpg\" title=\"omi_1966\" alt=\"omi_1966\" \/><\/center><\/p>\n<p>Mutti und Omi, wieder ca. 1964:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_1964_2.jpg\" title=\"omi_1964_2\" alt=\"omi_1964_2\" \/><\/center><\/p>\n<p>Meine Wenigkeit und meine Schwester im Wagerl &#8211; Omi f\u00fchrt uns spazieren, ca. 1969:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_1969.jpg\" title=\"omi_1969\" alt=\"omi_1969\" \/><\/center><\/p>\n<p>Das war Omis 91. Geburtstag im April 2013 am Hohen Lindkogel:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_91er.jpg\" title=\"omi_91er\" alt=\"omi_91er\" \/><\/center><\/p>\n<p>Das ist 14 Jahre fr\u00fcher, April 2000:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_Lindkogel_2000.jpg\" title=\"omi_Lindkogel_2000\" alt=\"omi_Lindkogel_2000\" \/><\/center><\/p>\n<p>Auch das ist der Geburtstag 2000:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_Mai_2000.jpg\" title=\"omi_Mai_2000\" alt=\"omi_Mai_2000\" \/><\/center><\/p>\n<p>Noch einmal 1964 &#8211; hier sieht man die \u00c4hnlichkeit mit meiner Mutter und auch mit meiner Schwester:<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2014.05.06_omi\/omi_1965.jpg\" title=\"omi_1965\" alt=\"omi_1965\" \/><\/center><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute um 17 Uhr ist meine Gro\u00dfmutter gestorben. Sie wurde 92 Jahre alt und hatte ein \u00fcber weite Strecken bewegtes Leben. 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