{"id":1544,"date":"2014-05-13T22:06:03","date_gmt":"2014-05-13T21:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1544"},"modified":"2014-05-13T22:06:03","modified_gmt":"2014-05-13T21:06:03","slug":"wie-amazon-den-buchmarkt-aufmischt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wie-amazon-den-buchmarkt-aufmischt\/","title":{"rendered":"Wie Amazon den Buchmarkt aufmischt"},"content":{"rendered":"<p>So hei\u00dft eine Doku, die vor ein paar Tagen auf arte lief. Das Thema ist mir zwar nicht neu, aber die Aspekte, die in der Sendung besprochen wurden, werfen doch einen neuen Blick auf ein heikles Thema: Wie entwickelt sich der Buchmarkt?<\/p>\n<p>Die folgenden Ausf\u00fchrungen sind vor allem f\u00fcr AutorInnen und B\u00fccherfreunde interessant. <\/p>\n<p>Amazon bietet Menschen, die gerne B\u00fccher schreiben, diese aber mangels Interesse der Verlage nicht publizieren k\u00f6nnen, eine neue M\u00f6glichkeit. Bisher konnten sie mehr oder weniger nur Plattformen wie Book On Demand n\u00fctzen, um ihre B\u00fccher in Eigenfinanzierung drucken zu lassen. Das wurden und werden durchaus sauber produzierte Werke, f\u00fcr deren Vermarktung der Autor\/die Autorin jedoch selbst sorgen muss.<br \/>\nMeistens scheitert es daran.<\/p>\n<p>Nun gibt es die M\u00f6glichkeit auf einer Internetplattform, die von Amazon zur Verf\u00fcgung gestellt wird, ein Buch zu produzieren und zu ver\u00f6ffentlichen. Es handelt sich dabei um ein E-Book, das sich Amazonkunden runterladen und dann auf einem Reader oder Computer lesen k\u00f6nnen. Das ist relativ neu.<br \/>\nSehr neu ist der Preis, der in der B\u00fccherwelt wie eine Bombe einschl\u00e4gt. Romane werden etwa um 1,49- Euro angeboten. Das ist ca. ein Zehntel des ansonsten schon billigsten Preises.<\/p>\n<p>Selbst die g\u00fcnstigsten Taschenb\u00fccher, die mit sehr niedrigen Druckkosten weil hohen Auflagen erzeugt werden, k\u00f6nnen da nicht mithalten. <\/p>\n<p>Wie sieht es aber mit der Qualit\u00e4t aus? Sind diese B\u00fccher zwangsl\u00e4ufig schlechter als andere, die von Verlagen produziert werden? Schlie\u00dflich entscheiden hier wie dort letztlich die Leserinnen und Leser und das tun sie auch online. Allerdings tut es weniger weh, wenn man um 1,49 Euro Mist gekauft hat als um 14,90 Euro. <\/p>\n<p>Amazon bietet seinen Autoren bis zu 70% Rendite &#8211; ein Verlag bietet normalerweise zwischen 5 und 12%, in Ausnahmef\u00e4llen bis zu 30%. Das lockt die Kunden, die in diesem Fall Autorinnen und Autoren sind.<br \/>\nEin Verlag bietet eine Vielzahl von Leistungen: Lektorat, Produktion des Buches (Layout, Cover, Druck) sowie Vermarktung (Lagerung, Logistik, Versand, Werbung). Das sind meist Leistungen, die ein Autor nicht erbringen kann oder\/und will.<\/p>\n<p>Die meisten dieser Leistungen bieten Self-Publishing-Plattformen nicht an. Aber man braucht sie auch nicht. Gerade mal Covergestaltung und Lektorat sowie ein gewisses Layout sind notwendig, letzteres aber schon sehr eingeschr\u00e4nkt. Lagerung, Logistik und Versand fallen weg oder werden durch die Internetplattform von Amazon erledigt. Selbst die Covergestaltung kann man g\u00fcnstig kaufen oder selbst machen &#8211; vielleicht nicht in der Qualit\u00e4t eines Verlages, aber auch hier gibt es bessere und schlechtere und manchen Konsumenten ist das auch nicht so wichtig &#8211; Hauptsache der Preis stimmt.<\/p>\n<p>Nun kann man einwenden, dass der Buchmarkt mit minderwertigen B\u00fcchern \u00fcberschwemmt wird. Aber stimmt das auch? Setzen sich hier ebenfalls die guten gegen die schlechten B\u00fccher durch?<br \/>\nWie immer (oder meistens) entscheiden die Leserinnen und Leser, was sie lesen bzw. kaufen wollen und was nicht. Das Problem des klassischen Buchhandels ist tats\u00e4chlich der Preis, denn das Lesen auf einem Reader ist f\u00fcr viele Menschen (mich eingeschlossen) keine wahre Freude. Ich glaube, dass nicht viele Menschen E-Books kaufen, weil sie kein Buch aus Papier wollen. Sie nehmen es eher in Kauf und genie\u00dfen vielleicht noch die Zusatzvorteile, etwa dass man sich sehr viele B\u00fccher auf einem relativ kleinen Ger\u00e4t speichern und dann z.B. im Urlaub ausw\u00e4hlen kann.<\/p>\n<p>Die Preissensibilit\u00e4t betrifft nicht nur die B\u00fccherwelt, sondern sehr viele Bereiche. Menschen kaufen sich lieber ein billiges Auto als gar keines. Wir haben gelernt gute Konsumenten zu sein. Das trifft auch dann zu, wenn wir weniger Geld zur Verf\u00fcgung haben. Wir wollen deswegen auf keinen noch so kleinen Teil des Konsums verzichten. Wir kaufen die Markenware dann im Outlet statt in der Stadtboutique, aber wir kaufen nach M\u00f6glichkeit die gleiche Menge wie fr\u00fcher.<br \/>\nDazu kommt noch, dass wir strategisch planen: Wer bei B\u00fcchern spart, hat f\u00fcr andere &#8211; wichtigere &#8211; Dinge mehr Geld. <\/p>\n<p>Amazon tut dies nicht aus Menschenfreundlichkeit. Sie wollen viel Geld verdienen und haben ausschlie\u00dflich den Profit auf ihrer Interessenliste. Am meisten Profit macht man als Monopolist und wenn man die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette unter Kontrolle hat. Idealerweise lagert man teure bzw. komplizierte Vorg\u00e4nge und Teile der Wertsch\u00f6pfungskette jedoch aus: Dies schafft Amazon, indem es die Autorinnen einige Verlagsarbeiten selbst machen l\u00e4sst, wie etwa die Coverproduktion.<\/p>\n<p>Mit ihrem Angebot decken sie das alles ab: Der Reader &#8222;Kindle&#8220; kann nur bei Amazon gekaufte B\u00fccher darstellen.<br \/>\nAber Amazon hat ein verlockendes Angebot f\u00fcr die Autoren: Viele haben schon schmerzlich erfahren, wie weh es tut, wenn man von einem oder gar vielen Verlagen abgelehnt wird, oft mit irgendwelchen standardisierten Erkl\u00e4rungen. Amazon lehnt niemand ab. Hier ist jede und jeder willkommen und kann mit viel Hilfe und wenig Aufwand ein Buch ver\u00f6ffentlichen &#8211; oft ein Traum hoffnungsfroher Schreiberlinge. <\/p>\n<p>Nun geraten aber die Verlage immer mehr unter Druck. Sie sind in den letzten Jahren schon geschrumpft und mussten harte Zeiten durchmachen. Oft m\u00fcssen sie mit einem erfolgreichen Buch drei oder vier Ladenh\u00fcter finanzieren. Die \u00f6ffentlichen Druckkostenzusch\u00fcsse werden auch weniger und der Markt wird riskanter. Pro Jahr erscheinen allein im deutschen Sprachraum \u00fcber 100.000 neue B\u00fccher. Da wird der Weg ans Licht schon wegen der schieren Menge immer l\u00e4nger und der Markt wird schwieriger. Dazu kommt noch, dass eine Handvoll gro\u00dfer Verlage (allen voran Bertelsmann) die kleinen unter Druck setzen und sich langsam oder auch schnell einverleiben. Die Verlage sind gar nicht mehr in der Lage sich mit den zugesandten Manuskripten genau auseinander zu setzen.<br \/>\nAll das wird durch die neue Entwicklung noch versch\u00e4rft. Zudem ver\u00e4ndert sich auch der Konsument: die gut betuchte \u00e4ltere Dame, die gerne durch Buchhandlungen streift und die Empfehlungen der netten Buchh\u00e4ndlerin gerne und oft in Kauf umsetzt, wird seltener. Die meisten Menschen haben Internet und kennen Amazon, die Schwelle ist niedrig, hier einzukaufen. Noch dazu dient es der Bequemlichkeit, man macht einen Knopfdruck und bekommt blitzschnell ein Buch zugeschickt. Dank der Kreditkarte kann man sp\u00e4ter zahlen, was ein weiterer Vorteil ist, den nicht alle Buchhandlungen bieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als ob das noch nicht genug w\u00e4re &#8211; aber es geht weiter: \u00fcber Amazon finden Autoren ihr Zielpublikum. Ich kann mich selbst als Beispiel nehmen. Vor der Publikation meines ersten Vespa-Buches stand ich vor dem Problem den richtigen Verlag zu finden. Da ich zuvor schon zehn B\u00fccher bei sechs Verlagen publiziert hatte, war mir die Schwierigkeit bewusst: ich m\u00fcsste nicht nur einen Verlag finden, der sich das Buch zutraut, sondern auch einen, der den Zugang zum Markt hat.<br \/>\nVerlage haben n\u00e4mlich nur einen eingeschr\u00e4nkten Zugang, der \u00fcber einige Kommunikationskan\u00e4le geht: Sie k\u00f6nnen Werbung machen und die Info \u00fcber eine Neuerscheinung damit mehr oder weniger breit streuen. Sie k\u00f6nnen Kataloge f\u00fcr Buchhandlungen herausbringen und Agenten durch die Lande schicken. Danach wird die Suppe aber schon sehr d\u00fcnn. Verlage sind darauf angewiesen, dass Buchh\u00e4ndler ihre Werke pr\u00e4sentieren und bewerben. Sie m\u00fcssen darauf hoffen, dass sie mit beschr\u00e4nkten Werbemitteln einen Erfolg erzielen. Das wird immer schwieriger, weil die Werbebudgets st\u00e4ndig sinken. <\/p>\n<p>Amazon ist hier viel entspannter: Sie haben eine Unzahl Kunden und keinerlei Platzprobleme bei der Lagerung, speziell bei E-Books. Sie k\u00f6nnen ein Buch \u00fcber Jahre im Angebot lassen ohne ein einziges Exemplar verkaufen zu m\u00fcssen, w\u00e4hrend Verlage gezwungen sind, unverk\u00e4ufliche B\u00fccher schnell auszusortieren und dann auch noch f\u00fcr die Vernichtung zu zahlen.<br \/>\nAber Amazon hat noch ein weiteres Plus zu bieten: Sie erreichen das Zielpublikum wesentlich besser, zumindest in vielen F\u00e4llen. Nehmen wir mein Vespa-Buch. Die meisten Exemplare verkaufe ich \u00fcber Amazon, weil mein Buch dort gesucht wird. Die Menschen aus dem gesamten deutschen Sprachraum loggen sich ein und suchen nach dem Stichwort &#8222;Vespa&#8220;, wenn sie einem vespa-begeisterten Menschen ein Buch \u00fcber seine Leidenschaft schenken wollen. So finden sie mich. Sie k\u00f6nnten nat\u00fcrlich auch in eine Buchhandlung gehen und dort fragen und viele tun das auch. Der Buchh\u00e4ndler kann aber auch nur im VLB (Verzeichnis Lieferbarer B\u00fccher) im Internet nachsehen und findet dort eine Liste. Da er selbst meist kein Spezialist ist, kann er nicht einmal eine Empfehlung geben. Bei Amazon hingegen findet man Online-Kritiken.<\/p>\n<p>Amazon wirkt nicht nur \u00fcberm\u00e4chtig, sie sind es auch. Die enorme Gr\u00f6\u00dfe gibt ihnen nicht nur theoretisch eine Marktmacht, sondern auch praktisch, und das auch noch weltweit. Sie k\u00f6nnen mit ihrer Kriegskasse so ziemlich jeden Gegenspieler umbringen. Das funktioniert vor allem in den USA gut, die fast durchwegs monet\u00e4r gesteuert werden. Ganze Landstriche sind bereits von Buchhandlungen befreit worden und wenn Amazon etwas nicht bekommt, setzt es einfach so viel Geld ein, bis der gew\u00fcnschte Erfolg vorhanden ist.<br \/>\nKritiker vergleichen Amazon bereits mit Nestl\u00e9 oder Monsanto, aber sie sind meiner Ansicht nach einfach ein Produkt ihrer Zeit. Wenn wir Amazon nicht wollen, dann m\u00fcssen wir in Buchhandlungen gehen und B\u00fccher aus Papier lesen. Allerdings dringt Amazon auch schon in diesen Markt ein. Und f\u00fcr Autoren wie mich haben der klassische Buchhandel sowie die Verlagslandschaft derzeit leider kein Angebot. Ich werde weiterhin im Eigenverlag publizieren, und zwar ausschlie\u00dflich mit gedruckten B\u00fcchern. Zumindest glaube ich das derzeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So hei\u00dft eine Doku, die vor ein paar Tagen auf arte lief. 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