{"id":1815,"date":"2015-04-15T14:19:47","date_gmt":"2015-04-15T13:19:47","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1815"},"modified":"2015-04-21T10:48:32","modified_gmt":"2015-04-21T09:48:32","slug":"400-fluechtlinge-ertrunken-was-geht-uns-das-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/400-fluechtlinge-ertrunken-was-geht-uns-das-an\/","title":{"rendered":"400 Fl\u00fcchtlinge ertrunken &#8211; was geht uns das an?"},"content":{"rendered":"<p>Erst neulich hab ich einen Shitstorm in Facebook aushalten m\u00fcssen, weil ich es gewagt habe, die Toten des abgest\u00fcrzten German-Wings-Flugzeugs mit der gleichen Menge an ertrunkenen Fl\u00fcchtlingen im Mittelmeer zu vergleichen.<br \/>\nDie wichtigsten Argumente gegen mich:<\/p>\n<p><strong>1.) Die Fl\u00fcchtlinge w\u00fcrden bewusst ein hohes Risiko eingehen &#8211; bei den Flugg\u00e4sten w\u00e4re das nicht der Fall.<\/strong><\/p>\n<p>Das halte ich f\u00fcr eine sehr menschenfeindliche Aussage. Die Fl\u00fcchtlinge w\u00fcrden auch lieber mit German Wings nach Europa fliegen, nur haben sie daf\u00fcr nicht die Mittel. <\/p>\n<p><strong>2.) Das sind ja nur Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge, die zu uns schmarotzen kommen.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nNiemand fl\u00fcchtet aus Jux und Gaudi, sondern weil einem keine andere Wahl mehr bleibt. Das ist f\u00fcr jemand, der Afrika nur aus Kronenzeitungsartikeln, Fernsehnachrichten und dem Badeurlaub in Mombasa kennt, oft nicht verst\u00e4ndlich. Von den Medien wird uns gerne das Bild serviert, dass die Afrikaner alle arbeitsscheu w\u00e4ren und uns nur unseren hart erarbeiteten Wohlstand wegnehmen wollen. Sie k\u00e4men \u00fcber\u00b4s Mittelmeer, weil sie es bei uns &#8222;besser&#8220; haben wollen.<br \/>\nJa, das stimmt: besser als der Tod und besser als Hunger. Sofern man nicht auf der \u00dcberfahrt stirbt oder dann &#8211; was meist der Fall ist &#8211; zur\u00fcck geschickt wird.<br \/>\nSie wollen so wie wir ein gutes Leben f\u00fchren. Wer jetzt meint, dann br\u00e4uchten sie ja nur was arbeiten, soll sich doch bei uns erkundigen, wie reich man mit Arbeit wird. Dazu kommt, dass es dort nicht so viel Arbeit gibt &#8211; die Landflucht ist enorm und in den St\u00e4dten wachsen die Slums. Die Leute fl\u00fcchten \u00fcbrigens auch nicht gerne vom Land, sondern tun das nur, weil das Land sie nicht mehr ern\u00e4hren kann.<br \/>\nDie Gr\u00fcnde daf\u00fcr ist vielf\u00e4ltig:<br \/>\n<strong>Erstens<\/strong> gibt es Klimaver\u00e4nderungen. Die sind in Afrika deutlich massiver als bei uns. Ob wir sie durch die von uns verursachte Umweltverschmutzung bewirkt haben, m\u00f6chte ich an dieser Stelle nicht diskutieren.<br \/>\n<strong>Zweitens<\/strong> wird ihnen das Land weggenommen. Das funktioniert so: die Menschen leben seit sehr langer Zeit auf dem Land, betreiben Ackerbau und Viehzucht und leben durchaus zufrieden. Dann kommt der neue Distrikt-Verwalter und verlangt eine Besitzurkunde. Da die Menschen dort noch nie eine gebraucht haben und daher so etwas nicht besitzen, werden sie von ihrem Land vertrieben, nicht selten mit Gewalt. Dieses Land wird dann verkauft, meist an Inder oder Chinesen, die das Spiel in ganz Afrika betreiben, vor allem in Ost, aber auch in Zentral- und Westafrika.<br \/>\nDiese Menschen k\u00f6nnen nur mehr in die Stadt fl\u00fcchten. Sie sind jetzt schon das, was wir ver\u00e4chtlich als &#8222;Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge&#8220; bezeichnen.<br \/>\nIch bin \u00fcbrigens der Meinung, dass alle Fl\u00fcchtlinge Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge sind, denn auch in politischen Konflikten geht es um Geld und somit um Wirtschaft.<br \/>\n<strong>Drittens<\/strong> kann das Land sie oft nicht mehr ern\u00e4hren, weil die Ressourcen fehlen. Ein Beispiel: rund um den Mount Kenya ist fruchtbares Land. Das notwendige Wasser kommt vom Berg und daher siedeln dort seit langer Zeit verschiedene St\u00e4mme. Dann kamen reiche Politiker und andere Herrschaften, kauften einen Teil des Landes und legten riesige Farmen an. Fast alles, was dort produziert wird, geht in den Export und macht die Gro\u00dffarmer sehr reich. Unsere Rosen kommen z.B. zu einem Teil von dort. Damit sie bei uns billig sind, muss der Anbau billig sein. Deswegen leiten die Gro\u00dffarmer, nachdem sie sich die Genehmigung daf\u00fcr geholt haben (und ein wenig Bestechungsgeld mag dabei auch flie\u00dfen), das Wasser auf ihre Farmen. Die kleinen Farmer rund herum gehen kaputt. Sie werden zu Wirtschaftsfl\u00fcchtlingen.<br \/>\n<strong>Viertens<\/strong> macht Europa die afrikanische Wirtschaft kaputt. Eine der bekanntesten Geschichten ist die mit den H\u00fchnern: in Deutschland und Holland essen die Menschen fast nur mehr H\u00fchnerfilet, also das Brustfleisch. Der Rest des Huhnes ist uninteressant und wird daher anderwertig verarbeitet. Man presst die H\u00fchnerteile in gro\u00dfe Bl\u00f6cke (1x1x1 Meter) und exportiert sie nach Westafrika. Dort werden sie spottbillig auf den lokalen M\u00e4rkten verkauft, weil sie von der EU subventioniert sind (Exportsubvention).<br \/>\nDas macht die lokale H\u00fchnerwirtschaft kaputt. Gl\u00fccklicherweise konnten sich die Westafrikaner dagegen ein wenig wehren, weil die Qualit\u00e4t der mehrfach aufgetauten und wieder eingefrorenen H\u00fchnerst\u00fccke entsprechend mies war. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen.<\/p>\n<p><strong>3.) Die Flugg\u00e4ste sind uns \u00e4hnlicher als die ertrunkenen Afrikaner &#8211; daher gilt unser Mitgef\u00fchl nur ersteren<\/strong><\/p>\n<p>Hier d\u00fcrfte ein Lernschritt notwendig sein. Selbst wenn man das psychologisch irgendwie hinbiegen kann, zeigt es nicht gerade eine heroische Seite unserer als so hoch eingestuften Zivilisation. Erst heute kam die Meldung, dass ein Boot mit angeblich 550 Fl\u00fcchtlingen gekentert sei, nachdem es gerade mal 80 Seemeilen geschafft hatte. Die italienische K\u00fcstenwache konnte 150 Menschen retten, die anderen werden &#8222;vermisst&#8220;.<br \/>\nDas mag sein, dass sie jemand vermissen wird. Europa geh\u00f6rt jedoch nicht dazu. Vielleicht erfahren Angeh\u00f6rige irgendwann, dass ihre S\u00f6hne, V\u00e4ter, Br\u00fcder, T\u00f6chter, Enkel etc. ertrunken sind. Wahrscheinlich erfahren sie es nicht, denn oft fl\u00fcchten hier ganze Familien &#8211; laut Fernsehbericht sind unter den Ertrunkenen viele Kinder.<br \/>\nEs fl\u00fcchten also ganze Familien und nicht nur junge, m\u00e4nnliche Drogendealer, wie uns gerne gesagt wird. Au\u00dferdem ist jeder ertrunkene Fl\u00fcchtling ein Schmarotzer weniger, der hier bei uns ankommt und uns unseren hart erarbeiteten Wohlstand wegnehmen will. Es ist also ausgesprochen praktisch, wenn m\u00f6glichst viele ersaufen.<br \/>\nBesser w\u00e4re es nat\u00fcrlich, wenn sie erst gar nicht fl\u00fcchten w\u00fcrden. Aber das steht nun einmal nicht zur Diskussion, und wir sollten uns angew\u00f6hnen unsere Worte sorgsamer zu w\u00e4hlen. Diese Menschen fl\u00fcchten nicht gerne, sondern sehen keine andere Chance.<br \/>\nEs mag unter diesen Fl\u00fcchtlingen auch b\u00f6se Menschen geben, aber deswegen sind gleich alle b\u00f6se? Wie kommen wir zu dieser Anma\u00dfung?<br \/>\nMitgef\u00fchl w\u00e4re jedoch gef\u00e4hrlich, denn es f\u00fchrt zu einem Nachdenkprozess, vielleicht sogar zu schlechtem Gewissen. Dann k\u00f6nnte man die Kr\u00e4fte, die uns diese Fl\u00fcchtlinge vom Hals halten sollen (Frontex), nicht mehr bedingungslos gut finden. Im Extremfall m\u00fcsste man sogar sehen, dass wir unseren Wohlstand zum Teil auf deren Armut aufbauen. Dann m\u00fcsste man eigentlich etwas \u00e4ndern, und wer tut das schon gern?<\/p>\n<p>Nachtrag am 20. April: gerade kam die Meldung, dass noch einmal ca. 700 Fl\u00fcchtlinge ertrunken sind. Es \u00fcberrascht mich nicht, denn es werden immer mehr Menschen versuchen dem Tod zu entkommen und dabei doch nur den Tod finden.<br \/>\nZur gleichen Zeit wurden im Parlament die Asylgesetze versch\u00e4rft, nachdem man kurz davor gro\u00dfe Betroffenheit geheuchelt hat. Unsere Regierung ist eine Schande.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst neulich hab ich einen Shitstorm in Facebook aushalten m\u00fcssen, weil ich es gewagt habe, die Toten des abgest\u00fcrzten German-Wings-Flugzeugs mit der gleichen Menge an ertrunkenen Fl\u00fcchtlingen im Mittelmeer zu vergleichen. Die wichtigsten Argumente gegen mich: 1.) 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