{"id":1855,"date":"2015-05-13T06:14:35","date_gmt":"2015-05-13T05:14:35","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1855"},"modified":"2015-05-13T06:14:35","modified_gmt":"2015-05-13T05:14:35","slug":"kenia-von-nord-nach-sued-tag-13-die-fahrt-nach-nairobi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/kenia-von-nord-nach-sued-tag-13-die-fahrt-nach-nairobi\/","title":{"rendered":"Kenia von Nord nach S\u00fcd &#8211; Tag 13: Die Fahrt nach Nairobi"},"content":{"rendered":"<p>Die Nacht war ruhig, allerdings mit seltsamen Ger\u00e4uschen, als ob sich in unserem Lager irgend etwas abspielen w\u00fcrde.<br \/>\nIn der fr\u00fch merken wir dann, dass drei Solarduschens\u00e4cke und eine gro\u00dfe hellblaue Plane fehlen. Sie wurden uns in der Nacht geklaut, und zwar von Hy\u00e4nen. Das waren diese komischen Schleifger\u00e4usche. Ich hatte am Vorabend vergessen die mit Wasser gef\u00fcllten S\u00e4cke auf einen Baum zu h\u00e4ngen und das war ein Fehler. Hy\u00e4nen klauen alles, was sie bekommen k\u00f6nnen, Plastik geh\u00f6rt dabei zu ihren Favoriten.<br \/>\nSie k\u00f6nnen es n\u00e4mlich nicht nur essen, sondern auch verdauen, so wie sie \u00fcberhaupt fast alles verdauen k\u00f6nnen.<br \/>\nAlso machen wir uns auf die Suche und marschieren in den Wald, um die S\u00e4cke wiederzufinden. Das ist unbedingt notwendig, weil wenn die Game-Ranger die S\u00e4cke finden, bekommen wir ernsthafte Probleme, und zwar zu Recht.<br \/>\nWir d\u00fcrfen hier \u00fcberhaupt nur sein, wenn wir nichts, absolut nichts hinterlassen. Eine Ausnahme ist eine kleine Feuerstelle, aber das war es dann auch schon. Das haben auch unsere Vorfahren vor vielen hunderttausend Jahren so gemacht.<br \/>\nDiesmal kommen wir schneller weg und sind um 8 Uhr bereits am Weg zu den Plains. Die Ashnil-Stra\u00dfe ist nicht schwer zu finden und wir kommen gut voran. Am Sekenani-Gate haben wir gro\u00dfes Gl\u00fcck, weil es hat der gleiche Game-Ranger Dienst wie bei unserer Ankunft und erkennt uns auch freudig wieder.<br \/>\nEr hat einen Freund dabei, den wir nach Narok mitnehmen sollen. Wir willigen ein und bekommen das Tor aufgemacht.<br \/>\nWir haben echtes Gl\u00fcck, denn sie \u00fcbersehen den vierten Tag. So ersparen wir uns 140 Dollar und sehen das als ausgleichende Gerechtigkeit f\u00fcr die \u00fcberteuerten Parks davor. Vielleicht hat auch der handgeschriebene Zettel eine Rolle gespielt, den sie sich nicht mehr so genau angesehen haben wie eine Computerrechnung.<br \/>\nDie Fahrt verl\u00e4uft unspektakul\u00e4r und wir kommen gut bis Narok. Dort fahren wir zu der Tankstelle, bei der wir schon sechs Jahre zuvor den Bus aufgetankt haben. Als ich um den Toyota herum gehe, f\u00e4llt mir der linke hintere Reifen auf. Irgendwie habe ich das Gef\u00fchl, dass da Luft fehlt.<br \/>\nBei der Kontrolle wird klar: wir haben einen Slow Puncture. Das ist ein Patschen, bei dem die Luft nur ganz langsam entweicht. Nun m\u00fcssen wir entscheiden, was wir tun sollen. Wir k\u00f6nnen ihn gleich hier reparieren lassen, aber das dauert eine unbestimmte Zeit. Oder wir wechseln das Rad und fahren ohne gutes Reserverad nach Nairobi. Oder wir lassen den wieder aufgepumpten Reifen drauf und kontrollieren jede halbe Stunde den Reifendruck.<br \/>\nWir entscheiden uns f\u00fcr die dritte Variante und fahren los. Ich bin schon gespannt auf die Strecke, die ich ja seit sechs Jahren nicht gefahren bin.<br \/>\nDer Asphalt ist hervorragend und die Stra\u00dfe ist deutlich breiter als fr\u00fcher \u2013 eine Arbeit der Chinesen.<br \/>\nAber auch hier hat sich sehr viel ver\u00e4ndert. Fr\u00fcher ist man durch menschenleere Gegend gefahren, da und dort waren Zebras, Giraffen und Antilopen zu sehen, sogar bis ins Riftvalley hinunter.<br \/>\nJetzt gibt es das nicht mehr. Wo fr\u00fcher Dornstrauchsavanne war, sind jetzt riesige Felder. Wo fr\u00fcher ein paar Blechh\u00fctten standen, befindet sich jetzt ein Dorf. 1983, als ich das erste Mal hierher kam, hatte Kenia 18 Millionen Einwohner. 2013 hatten sie 42 Millionen. Diese Menschen gibt es und sie m\u00fcssen irgendwo leben und wohnen. Es bedeutet auch, dass von den 42 Millionen 24 unter drei\u00dfig Jahre alt sind.<\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2015.03.04_Kenia\/strassenverkauf.jpg\" title=\"strassenverkauf.jpg\" alt=\"strassenverkauf.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 97: Stra\u00dfenverk\u00e4uferinnen<\/p>\n<p>So kommt das Land unter Druck und wie immer gibt es Gewinner und Verlierer. Zu ersteren geh\u00f6ren clevere Gesch\u00e4ftsleute und korrupte Politiker. Die Verbindung von beiden pr\u00e4gt das Land massiv, denn so werden Projekte finanziert und genehmigt, die weder dem Land noch den dort lebenden Menschen auf irgend eine Art gut tun \u2013 es gibt lediglich kurzfristigen, hohen Profit f\u00fcr einige wenige Menschen, die diesen meist sehr schnell ins Ausland schaffen. Der ehemalige Pr\u00e4sident Kenias, Daniel Toroitich Arap Moi, galt als einer der reichsten Menschen der Welt und hatte mehrere Milliarden Dollar in der Schweiz.<br \/>\nSo werden auch hier mit Entwicklungshilfegeldern landwirtschaftliche Projekte gef\u00f6rdert, die niemals Ertrag bringen. Brandneue Massey-Ferguson-Traktoren werden im Dutzend angeschafft, doch es gibt dann niemanden, der sie fahren kann bzw. nach einiger Zeit wird eine Kleinigkeit kaputt, es gibt aber kein Geld f\u00fcr Ersatzteile und irgendwann stehen sie alle da und rosten vor sich hin. Millionen werden ohne jeden Sinn beim Fenster hinaus geschmissen, die Verantwortlichen schieben ihre Verantwortung ab, kassieren ihren Lohn und verschwinden wieder oder sind schon l\u00e4ngst beim n\u00e4chsten Projekt.<br \/>\nW\u00fcrde man die Entwicklungshilfe evaluieren, so m\u00fcsste man ihre Sinnhaftigkeit hinterfragen und es ist f\u00fcr alle Beteiligten bequemer, das nicht zu tun.<br \/>\nDie Fahrt von Narok ins Rift Valley geht flott voran und mehrere Reifendrucktests zeigen, dass der Slow Puncture wirklich sehr slow ist. Die Entscheidung war gut und wir passieren noch eine weitere Polizeikontrolle, die wie alle anderen \u00e4u\u00dferst erfreulich verl\u00e4uft.<br \/>\nDann qu\u00e4len wir uns hinter einer LKW-Kolonne das Rift Valley hinauf ins Hochland. Aber auch das ist bald vorbei und wir befinden uns am Wayaki Way, der uns fast bis nach Hause f\u00fchrt.<br \/>\nLeider vers\u00e4ume ich die richtige Abfahrt \u2013 nach sechs Jahren sieht das alles \u00e4hnlich aus und auch das GPS auf Thomys Handy funktioniert nicht wirklich. Aber mit einem kleinen Umweg kommen wir gut in Lake View an und haben noch Zeit, um die wirklich wichtigen Vorbereitungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag zu treffen.<br \/>\nZuerst wird ausgeladen und wir verstauen die vielen Boxen in unserem Container. Leider muss der Wagen vollkommen geleert werden, bevor er auf das Schiff darf. Wir nehmen daher nur das allern\u00f6tigste Werkzeug (Pannendreieck, Wagenheber) mit und unsere pers\u00f6nlichen Sachen, die wir als Fluggep\u00e4ck wieder mit nach Wien bringen.<br \/>\nDann geht es um die Reifen. Das ist ein ganz heikler Punkt und ich muss hier ein wenig ausholen.<br \/>\nSeit \u00fcber drei\u00dfig Jahren sind Reifen ein wichtiges Thema f\u00fcr jede Safari. Zu Beginn hatten wir Leihautos, aber auch bei denen gab es Reifenpannen. Zu dieser Zeit hing die Anzahl der Pannen direkt mit der kenianischen Wirtschaftspolitik zusammen. Diese war n\u00e4mlich so orientiert, dass es steuerliche Nachteile f\u00fcr Importprodukte gab. Wer also in Kenia etwas verkaufen wollte, musste es im Land produzieren. Ansonsten gab es Strafz\u00f6lle, auf Reifen betrugen diese zwischen 100 und 300%.<br \/>\nAlso baute die Firma Firestone eine Reifenfabrik. Die so produzierten Reifen waren zwar nicht billig, weil die Firma ja quasi ein Monopol hatte, aber einigerma\u00dfen leistbar. Das Problem lag in der Qualit\u00e4t. Es gab nur Gewebereifen zu kaufen, keine Stahlg\u00fcrtelreifen. Das wichtigste Modell war der \u201eTrans Lug\u201c mit \u2013 glaube ich \u2013 8 Gewebeschichten. Leider gibt es in Kenia gro\u00dfteils schlechte Stra\u00dfen und vor allem unglaublich lange und harte Dornen. Gegen die konnte der beste Gewebereifen nicht viel ausrichten und so hatten wir jede Menge Patschen, in schlechten Zeiten einen pro Tag. Das zerm\u00fcrbt, denn du musst massiv l\u00e4ngere Reisezeiten einplanen und f\u00e4hrst sozusagen nur von einer Reifenwerkstatt zur n\u00e4chsten. 1992 hatten wir neben dem Reservereifen noch einen zweiten Reifen ohne Felge mit dabei und das war gut so.<br \/>\nDann \u2013 so gegen Mitte der 1990er-Jahre \u2013 beschloss Firestone (ist ein Konzern mit Bridgestone) auch Stahlg\u00fcrtelreifen zu bauen. Der bekannteste in unserer Dimension f\u00fcr den VW-Bus war der \u201eMS 212\u201c \u2013 sauteuer, aber haltbar. Ab diesem Zeitpunkt verringerte sich die Anzahl der Pannen drastisch, manchmal schafften wir eine oder sogar zwei Wochen ohne Reifenpanne.<\/p>\n<p>Diesmal geht es wieder um die Reifen, Peter hatte auf seinem Toyota die Mud-Terrain drauf, breite und sehr gute Schlammreifen. F\u00fcr die Stra\u00dfe sind sie brauchbar, n\u00fctzen sich aber sehr schnell ab.<br \/>\nDaher hatten wir jetzt in der Trockenzeit und mit sehr viel Asphalt-Anteil die indischen Hardcore-Reifen drauf: hart, robust, langlebig, aber im Schlamm unterlegen.<br \/>\nDummerweise geh\u00f6ren diese Reifen zum anderen Toyota und wir mussten sie in Nairobi tauschen. Luis kontrollierte sie und testete sie noch ausf\u00fchrlich am Vortag, jetzt kam Luis mit seinen Leuten samt Reifen bei uns in Lake View vorbei, um sie zu montieren.<br \/>\nAlles klappte und die Probefahrt verlief sehr vielversprechend: keinerlei Ziehen, kein Schlagen der Lenkung \u2013 Luis hatte tadellose Arbeit getan.<br \/>\nLangsam kommt die Zuversicht, dass wir den morgigen Tag gut \u00fcberstehen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich warten 500 Kilometer einer schwierigen Stra\u00dfe auf uns und die Fahrt wird auf jeden Fall anstrengend.<br \/>\nDoch noch ist es nicht soweit und wir fahren nach Westlands ins Einkaufszentrum. Das Sarit-Center hat sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre ver\u00e4ndert. Das betrifft in erster Linie die Parkpl\u00e4tze, die inzwischen kostenpflichtig sind, mit Schranken und seit neuestem auch mit einem automatischen Bezahlsystem. Noch vor drei Jahren haben hier Menschen gearbeitet und jetzt stehen an dieser Stelle Automaten.<br \/>\nWir kaufen noch ein paar notwendige Dinge und ich schaffe es f\u00fcr 30 Meter fast eine halbe Stunde zu brauchen \u2013 im Stau steckend, w\u00e4hrend Thomy in den Blue Market geht um ein paar Souvenirs f\u00fcr die Kinder zu kaufen.<br \/>\nAls er zur\u00fcck kommt, stehe ich mit dem Toyota noch an der gleichen Stelle, der Verkehr ist wirklich ein Horror.<br \/>\nAls uns der Hunger \u00fcberkommt gehen wir in den Stock, in dem es gleich mehrere Gastst\u00e4tten gibt. Sofort st\u00fcrzen eine Handvoll Verk\u00e4ufer auf uns zu, jeder mit verschiedenen Speisekarten in der Hand, und wollen uns an einen Tisch zerren.<br \/>\nWir entscheiden uns f\u00fcr den Inder und wissen nachher nicht, ob unsere Wahl schlecht oder besonders schlecht war. Das Essen ist zwar essbar, kostet aber mehr als vergleichbares Fast-Food bei uns.<br \/>\nHier zeigt sich die Teilung der Gesellschaft. Arme Menschen k\u00f6nnen sich das Essen hier nicht leisten, was aber noch nicht bedeutet, dass die Qualit\u00e4t in Ordnung ist und schon gar nicht das Preis-Leistungsverh\u00e4ltnis.<br \/>\nIch f\u00fchle mich hier zunehmend immer weniger wohl, alles wirkt viel unpers\u00f6nlicher als fr\u00fcher, obwohl sich objektiv gar nicht so viel ver\u00e4ndert hat.<br \/>\nWir verlassen die Fressmeile und ich schaffe es mein Parkticket im Automaten stecken zu lassen. Eine freundliche Dame sieht das und sichert es f\u00fcr mich \u2013 vielen Dank an dieser Stelle.<\/p>\n<p>Unsere Nachbarin in Lake View hat sich um unsere Tickets gek\u00fcmmert \u2013 ohne sie h\u00e4tten wir wahrscheinlich keine mehr bekommen. Als wir am Abend wieder nach Lake View fahren, um bei ihr einen Drink zu genie\u00dfen, ist sie bereits im Aufbruch \u2013 ein klassisches Missverst\u00e4ndnis. Sie meinte, wir k\u00e4men zum Sundowner um 18 Uhr, ich h\u00f6rte sie sagen \u201eany time\u201c und so kommen wir erst um 19.30 zu ihr.<br \/>\nDer Drink wird auf das n\u00e4chste Mal verschoben und wir verbringen noch einen sehr netten und kurzweiligen Abend mit Helge und Stephanie, den Mietern in unserem Haus. Aus dem Gin Tonic werden zwei Gin Tonics, aber gegen zehn Uhr wird es dann Zeit schlafen zu gehen, schlie\u00dflich muss ich den Wecker auf 4 Uhr fr\u00fch stellen, damit wir rechtzeitig weg kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nacht war ruhig, allerdings mit seltsamen Ger\u00e4uschen, als ob sich in unserem Lager irgend etwas abspielen w\u00fcrde. In der fr\u00fch merken wir dann, dass drei Solarduschens\u00e4cke und eine gro\u00dfe hellblaue Plane fehlen. 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