{"id":1938,"date":"2016-02-17T23:09:06","date_gmt":"2016-02-17T22:09:06","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1938"},"modified":"2016-03-12T09:00:48","modified_gmt":"2016-03-12T08:00:48","slug":"a-erstickter-schrei-zur-fluechtlingsdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/a-erstickter-schrei-zur-fluechtlingsdebatte\/","title":{"rendered":"&#8222;A erstickter Schrei&#8220; (Zur Fl\u00fcchtlingsdebatte)"},"content":{"rendered":"<p>Vor nicht langer Zeit spielte eine meiner Lieblingsbands, die &#8222;Feinen Leute&#8220;, eine mir bis dato unbekannte Nummer vom Georg Danzer, bei der ich schlagartig verstand, was in Menschen vorgeht, die aus ihrer Heimat vertrieben werden, sei es durch Krieg, Hunger, Perspektivenlosigkeit oder sonstwie.<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrt die Sunn in seine Augen, er sp\u00fcrt den Wind in seine Haar, er riecht des Wasser drunt am Ufer und alles ist so nah und klar.<br \/>\nEr siecht die H\u00fcgel und die Felder, des gr\u00fcne Land in seine Tram.<br \/>\nWas is von alldem no \u00fcbrig? Verbrannte Erd&#8216;, verkohlte Bam. <\/p>\n<p>Er sp\u00fcrt a grenzenlose Panik wie ana, der im Fluss ertrinkt. Umgeb&#8217;n von Menschen, die nur zuaschaun und eam wird schwarz und er versinkt.<br \/>\nKa Mensch geht freiw\u00fcllich so afoch fuat vo dort, wo seine Wurzeln san.<br \/>\nKa Mensch w\u00fc sterben an an fremden Ort &#8211; verkauft, verraten und allan. <\/p>\n<p>Ka Mensch verlasst sei Heimat ohne Grund, ka Mensch w\u00fc gern a Fremder sei.<br \/>\nUnd sei Verzweiflung in der letzten Stund&#8216; is stumm wie a erstickter Schrei. <\/p>\n<p>Hier ein Link zum Konzert der &#8222;feinen Leute&#8220; am 11. M\u00e4rz 2016 im Cafe Kriemhild. (Wessen Herz dadurch nicht ger\u00fchrt wird, sollte sich \u00fcberlegen, ob er\/sie es nicht verloren hat):<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"720\" height=\"405\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/3vHFP1Ww8a0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Hier ein Link zum Konzert von Georg Danzer auf der Donauinsel 2005:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"720\" height=\"405\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/UUe7Cc1cxhI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Und hier ein Konzert von Austria 3: <\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"720\" height=\"405\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/5Py92-hkX9Q?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Das Lied vom &#8222;Schurli&#8220; stammt aus 1999 und ist heute aktueller denn je. Die Profiteure unserer Angst versuchen uns einzureden, Fl\u00fcchtlinge w\u00e4ren keine Menschen, sondern b\u00f6se Kreaturen, die nur zu uns kommen, um uns das wegzunehmen, was wir besitzen.<br \/>\nVielleicht nehmen sie uns ja unsere Angst, von der besitzen wir n\u00e4mlich reichlich.<\/p>\n<p>Es mag unter den Menschen, die zu uns kommen, auch b\u00f6se geben, aber unsere eigene Menschlichkeit werden wir nur daran erkennen k\u00f6nnen, wie wir bereit sind zu differenzieren. Da auch die besten unter uns nicht an der Nasenspitze erkennen k\u00f6nnen, ob jemand gut oder schlecht ist, werden wir uns mit diesen Menschen auseinandersetzen m\u00fcssen, indem wir uns mit ihnen zusammensetzen.<br \/>\nDort, wo wir das schon tun, erkennen wir stets, dass die meisten gut sind und Menschen wie wir. Die schlechten waren und sind immer in der Minderzahl und k\u00f6nnen einer gesunden Gesellschaft nichts anhaben, so wie Krankheitserreger einem gesunden K\u00f6rper nichts anhaben k\u00f6nnen.<br \/>\nAlso d\u00fcrfen wir uns als Gesellschaft nicht krank machen lassen. Die Erreger kommen \u00fcbrigens in diesem Fall nicht von au\u00dfen, sondern von innen, wir haben sie selbst produziert und zugesehen, wie sie sich vermehren konnten. Sie infizieren gesunde Teile unserer Gesellschaft, vor allem jene, die schon geschw\u00e4cht sind, also Angst haben. Je mehr, desto leichteres Spiel haben sie.<br \/>\nDagegen hilft als Medizin der Mut. Er entsteht in der Gemeinschaft, die an sich selbst glaubt und ein attraktives Ziel vor Augen hat. <\/p>\n<p>Ich war im September 2015 am Hauptbahnhof und wollte meine Hilfe anbieten. Allerdings bin ich nach kurzer Zeit wieder gefahren, denn um die ankommenden Fl\u00fcchtlinge gab es ein richtiges &#8222;G\u00b4riss&#8220;, wie man auf Wienerisch so sch\u00f6n sagt. Ich stand eigentlich nur im Weg herum und hatte keine Ahnung wo und wie ich helfen sollte. Es schien alles wie am Schn\u00fcrchen zu laufen, meine Unterst\u00fctzung wurde schlicht und einfach nicht gebraucht. Vielleicht nur heute, eventuell sieht es morgen ganz anders aus. Und ich wollte dann auch nicht dort bleiben ohne sinnvolle Besch\u00e4ftigung. &#8222;Fl\u00fcchtlinge schaun&#8220; liegt mir nicht.<\/p>\n<p>Was ich gesehen habe: Alles l\u00e4uft in ruhiger Ordnung ab. Ein junger Mann ruft auf Arabisch Infos durch einen Volksverk\u00fcnder, in der Halle sind jede Menge Kojen abgetrennt (das ist von gestern auf heute passiert), wo die Menschen sich umziehen k\u00f6nnen, ausruhen oder essen. Es ist weder schmutzig noch stinkt es, alle Leute wissen scheinbar, was sie wollen und was zu tun ist. \u00dcberall flitzen HelferInnen herum und tun irgendwas. \u00dcbersetzerInnen haben Schilder auf der Brust, auf denen geschrieben steht, in welchen Sprachen sie helfen k\u00f6nnen. Angeblich gibt es auch genug davon. Sehr viel Essen wird herumgetragen, es gibt eine Krankenstation und eine Kleiderausgabe sowie einen eigenen Bereich f\u00fcr Hygieneartikel. In den sozialen Medien wurde bereits durchgesagt, dass von allem genug vorhanden ist, zumindest zurzeit. Die Stimmung ist ruhig und nicht hektisch und ich habe das Gef\u00fchl, dass alle Fl\u00fcchtlinge gut versorgt sind. St\u00e4ndig kommen Z\u00fcge an und fahren wieder ab. Au\u00dferhalb des Bahnhofs merkt man fast nichts, nur ein paar Zelte stehen herum und einige Krankenw\u00e4gen. St\u00e4ndig kommen Menschen zum Bahnhof, die irgend etwas mitbringen, spenden bzw. abgeben wollen. (Auf einer Website hab ich gesehen, dass jemand seine alten Eislaufschuhe gespendet hat. Nun ja.)<\/p>\n<p>Das war irgendwie nicht meine Veranstaltung. Auch okay. Zur Sache habe ich allerdings etwas zu sagen und werde versuchen, das einigerma\u00dfen systematisch aufzuarbeiten. Ich m\u00f6chte bei Adam und Eva beginnen (das hat sich immer schon bew\u00e4hrt), bekannterma\u00dfen die ersten Fl\u00fcchtlinge der Welt, Vertriebene aus dem Paradies, Opfer des alttestamentarischen Gottes Jahwe. Asylantrag mussten sie keinen stellen und damals waren auch weder Schlepper schon erfunden noch das Geld, um sie zu bezahlen.<br \/>\nSie mussten dort weg, obwohl sie gerne geblieben w\u00e4ren &#8211; das ist wohl die einzige Gemeinsamkeit mit den heutigen Fl\u00fcchtlingen. Wobei &#8211; auch Syrien war bis vor kurzem sch\u00f6n und die meisten Menschen haben sicher gerne dort gelebt. Es gab auch meines Wissens keine Fl\u00fcchtlinge vor dem Krieg, obwohl man Syrien sicher nicht als Paradies bezeichnen kann, daf\u00fcr gab es auch dort schon zu viele Spannungen.<br \/>\nDie Bilder, die von dort zu uns kommen, zeigen einen der Gr\u00fcnde, warum die Menschen fl\u00fcchten. Hier ist eines davon, es zeigt angeblich eine Stra\u00dfe der syrischen Stadt Homs vor dem Krieg und jetzt (ich habe keine Quellenangabe):<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2016.02.16_Syrien\/Homs.jpg\" title=\"Homs.jpg\" alt=\"Homs.jpg\" \/><\/center><\/p>\n<p>In den Foren liest man immer wieder, dass die Syrer doch gef\u00e4lligst dort bleiben sollen, denn bei uns sind die Menschen nach dem 2. Weltkrieg ja auch nicht weggelaufen.<br \/>\nDieses Argument ist aus mehreren Gr\u00fcnden falsch. Erstens gab es eine Menge Menschen, die \u00d6sterreich verlassen haben, viele davon weil sie hier keine Zukunft mehr sahen, und zwar wirtschaftlich. Zweitens war nicht ganz \u00d6sterreich zerbombt und die Menschen in der Stadt bekamen Hilfe vom Land, wo eine funktionierende Landwirtschaft f\u00fcr die notwendigen Lebensmittel sorgen konnte, zumindest ab 1946, davor gab es Hilfslieferungen, die vor allem aus USA kamen. Die polizeiliche Sicherheit wurde mehr oder weniger durch die Alliierten gew\u00e4hrleistet.<br \/>\nIn Syrien ist das anders, die sonst \u00fcbliche landesinterne Flucht ist fast zum Erliegen gekommen, weil es an den meisten Orten so aussieht (angeblich Kobane, auch hier keine gesicherte Quellenangabe):<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2016.02.16_Syrien\/Kobane.jpg\" title=\"Kobane.jpg\" alt=\"Kobane.jpg\" \/><\/center><\/p>\n<p>Dort kann man nicht leben oder zumindest k\u00f6nnen das nicht viele. Au\u00dferdem ist ein Ende des Krieges nicht in Sicht, das war 1944 und 1945 bei uns anders. Ich pers\u00f6nlich glaube nicht, dass die Menschen dort aus Jux und Tollerei fl\u00fcchten. Auch dass sie bei der \u00dcberfahrt in Schlauchbooten &#8222;Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist sch\u00f6n&#8220; anstimmen, kann ich mir nicht vorstellen.<br \/>\nNeueste Zahlen sagen, dass von 20 Mio SyrerInnen bisher 6 Mio. gefl\u00fcchtet sind. Die meisten davon befinden sich in Auffanglagern in den Nachbarl\u00e4ndern, also in der T\u00fcrkei, dem Libanon und Jordanien, einige auch in \u00c4gypten. Nur etwa ein Zehntel (angeblich 350.000) sind nach Europa gefl\u00fcchtet, die arabischen Bruderstaaten (Saudiarabien, Emirate) nehmen keine Fl\u00fcchtlinge auf und auch die USA oder Kanada zeigen nicht gerade mit beiden H\u00e4nden auf, wenngleich Justin Trudeau, der neue kanadische Premierminister, neulich mit einer Aktion eine ganze Partie syrische Fl\u00fcchtlinge ins Land holte.<br \/>\nAlso kommen sie nach Europa, das vielen als gelobtes Land erscheint (also eh nicht ganz Europa, eher Deutschland und Skandinavien und mit Abstand dahinter England und einige andere L\u00e4nder, darunter auch \u00d6sterreich). <\/p>\n<p>Wie geht es weiter?<\/p>\n<p>Es werden so lange Fl\u00fcchtlinge kommen, wie die Ursache der Flucht besteht &#8211; so einfach ist das. Im nahen Osten sind das die Kriege und die politischen Unruhen, in Afrika ist dies ebenso, nur kommen auch noch Armutsprobleme dazu. Das bedeutet, dass es so weiter geht, wenn z.B. der Krieg in Syrien weiter befeuert wird. Krieg funktioniert nur mit Waffen, daher befeuert der Waffenhandel den Krieg. Nat\u00fcrlich ist das Problem nicht europ\u00e4isch l\u00f6sbar, denn wenn Europa mit den h\u00f6chst lukrativen Waffenexporten aufh\u00f6rt, steigt Russland ein, oder die USA oder China. Da diese Staaten keine Angst vor syrischen Fl\u00fcchtlingen haben m\u00fcssen, k\u00f6nnen sie risikolos Geld verdienen, sehr viel Geld. Derzeit hat Europa entweder kein Mittel um diese Staaten unter Druck zu setzen oder es will sie nicht verwenden. Daf\u00fcr haben die europ. Staaten zugestimmt, dass die Hilfe f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingslager in Jordanien und im Libanon gek\u00fcrzt wird.<\/p>\n<p>Trotzdem m\u00fcssen sich all die L\u00e4nder, die Waffen in die Krisengebiete verkaufen (und daran pr\u00e4chtig verdienen) den Vorwurf gefallen lassen, dass sie an den dortigen Verh\u00e4ltnissen mit schuldig sind. \u00d6sterreich ist eines dieser L\u00e4nder: Die Lieblingswaffe der IS-Terrorf\u00fchrer ist angeblich die \u00f6sterr. Glock-Pistole und eine \u00f6sterr. Firma hat viele tausend Sprenggranaten \u00fcber den Umweg Saudi-Arabien nach Syrien geliefert &#8211; genehmigt vom Au\u00dfenministerium unter der Leitung von Au\u00dfenminister Sebastian Kurz. Auch das Steyr-Sturmgewehr STG 77 (die \u00f6sterr. Antwort auf die Kalaschnikow) wurde dort schon gesichtet.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlingshilfe vor Ort k\u00fcrzen, daf\u00fcr eigene Waffen liefern und dann jammern, wenn Menschen zu uns fl\u00fcchten &#8211; es gibt wohl nichts scheinheiligeres als das.<\/p>\n<p>Es wird uns das Jammern nichts n\u00fctzen. Die Menschen werden zu uns kommen und wir werden das, was wir haben, mit ihnen teilen m\u00fcssen. Da wir in \u00d6sterreich derzeit ca. 1\/3 aller Lebensmittel wegwerfen, wird es uns auch dann an nichts fehlen, au\u00dfer vielleicht an Xenophobie, die wir gerade so eifrig hegen und pflegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor nicht langer Zeit spielte eine meiner Lieblingsbands, die &#8222;Feinen Leute&#8220;, eine mir bis dato unbekannte Nummer vom Georg Danzer, bei der ich schlagartig verstand, was in Menschen vorgeht, die aus ihrer Heimat vertrieben werden, sei es durch Krieg, Hunger,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1938","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analytisches"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1938"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1983,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1938\/revisions\/1983"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}