{"id":1986,"date":"2016-04-17T11:04:13","date_gmt":"2016-04-17T10:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=1986"},"modified":"2016-04-17T11:04:13","modified_gmt":"2016-04-17T10:04:13","slug":"ein-haus-voller-idioten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/ein-haus-voller-idioten\/","title":{"rendered":"Ein Haus voller Idioten"},"content":{"rendered":"<p>Medhat ist Trafikant und betreibt mit seiner Frau eine gut gehende Trafik. Neulich wurde bei ihm eingebrochen und das Gesch\u00e4ft wurde fast komplett ausger\u00e4umt. Die Diebe nahmen Waren im Wert von weit \u00fcber 100.000 Euro mit, selbst die Lochzangen f\u00fcr die Autobahnvignetten sind weg.<\/p>\n<p>Das alleine w\u00e4re noch nicht erw\u00e4hnenswert, aber die Art und Weise, wie die T\u00e4ter vorgingen, lohnt einen n\u00e4heren Blick auf die Tat. Die Trafik befindet sich in einem Gr\u00fcnderzeithaus mit dicken Ziegelmauern. Sie besteht aus einem Gesch\u00e4ftsraum mit dahinter liegendem Mini-B\u00fcro. Dahinter wiederum befindet sich eine der dicken Mauern und dahinter ein leerer Raum. Die Einbrecher stemmten in stundenlanger Arbeit zwischen ca. zwei und vier Uhr in der Fr\u00fch ein Loch in die Mauer, kletterten in die Trafik und r\u00e4umten alles aus.<br \/>\nSie installierten f\u00fcr die Tatzeit einen St\u00f6rsender, so dass die Funkverbindungen in der n\u00e4heren Umgebung (also ca. im gesamten Haus plus noch was) unterbrochen waren und niemand mit dem Handy die Polizei h\u00e4tte rufen k\u00f6nnen. Auch die Kameras im Gesch\u00e4ft legten sie lahm.<br \/>\nDas klingt schon sehr verd\u00e4chtig nach Profis, die das logistisch erstklassig geplant hatten. Da fast niemand mehr ein Festnetz besitzt, hatte ihr Plan gute Chancen aufzugehen.<br \/>\nDer L\u00e4rm im Haus war enorm und bis zum Dachgescho\u00df deutlich h\u00f6rbar. Trotzdem tat niemand etwas. Kein einziger Hausbewohner ging nachschauen, was der irre Krawall mitten in der Nacht bedeutet.<\/p>\n<p>In diesem Haus leben scheinbar nur Idioten. Ich glaube, ich muss an dieser Stelle das Wort &#8222;Idiot&#8220; ins Deutsche \u00fcbersetzen, es hei\u00dft n\u00e4mlich &#8222;Vereinzelter&#8220;, also ein Mensch, der sich au\u00dferhalb der Gemeinschaft befindet.<br \/>\nSo eine Hausgemeinschaft gibt es im Haus mit der netten Trafik offensichtlich nicht, denn dann w\u00e4re die Sache anders ausgegangen. <\/p>\n<p>Wieso kann das passieren? Was ist da schief gelaufen und warum? Bei uns im Haus w\u00e4re so etwas vollkommen undenkbar, au\u00dfer alle Parteien sind gerade gemeinsam im Urlaub, was nahezu nie vorkommt. Der Unterschied liegt darin, dass wir eine funktionierende Hausgemeinschaft haben, wo jeder ungef\u00e4hr wei\u00df, wie es dem anderen geht. Wir sind untereinander in Kontakt, haben den Wohnungsschl\u00fcssel des Nachbarn, plaudern regelm\u00e4\u00dfig miteinander oder sitzen am Abend bei einem Glas Wein einmal hier und einmal dort.<br \/>\nAuch in unser Haus wurde schon ein paar Mal eingebrochen und auch da konnten die T\u00e4ter unerkannt entkommen. Allerdings war entweder niemand von den Nachbarn daheim (Vormittag unter der Woche) oder die T\u00e4ter gingen so leise vor, dass es nicht zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p>Das Haus mit der Trafik hat etwas mehr Parteien als unseres, aber es ist kein riesiger Wohnblock, wo es durchaus verst\u00e4ndlich ist, dass nicht jeder jeden kennt. Ich glaube, dass es hier mehrere Ursachen f\u00fcr die Vereinzelung gibt:<\/p>\n<p>1.) Der moderne urbane Wohnbau der letzten Jahrzehnte hat auf zentrale Orte, an denen man sich begegnen kann, wie etwa einen n\u00fctzbaren Hof oder Gemeinschaftsr\u00e4ume, fast komplett verzichtet. Die daf\u00fcr notwendigen R\u00e4ume wurden kommerzialisiert, also mit zus\u00e4tzlichen Wohnungen verbaut oder f\u00fcr Garagen gen\u00fctzt. Auch Hausmeister gibt es keine mehr, daf\u00fcr kommt 2x pro Woche eine Facility-Managementfirma, die anonyme Menschen schickt, die st\u00e4ndig wechseln.<\/p>\n<p>2.) Durch die Rahmenbedingungen der Wirtschaft werden die Menschen zusehends zur Idiotie gezwungen. An jeder Ecke liest man eine Werbung, die meistens Individualisierung zum Inhalt hat. Selbst wenn das Produkt das genaue Gegenteil ist, wird es als &#8222;individualisiert&#8220; verkauft: das Handy, das Auto&#8230;<br \/>\n\u00dcber Jahrzehnte haben sich die Menschen diese Individualisierung als einen Wert indoktrinieren lassen, der \u00fcber dem Wert der Gemeinschaft steht. Etwas \u00fcberspitzt formuliert: der Einzelne ist alles, die Gemeinschaft ist nichts.<br \/>\nIrgendwann haben es die Menschen geglaubt und sich in ihrem Verhalten danach gerichtet. Seitdem gibt es in einem Haus mit zehn Parteien auch zehn Bohrmaschinen oder mehr. Die werden zwar nicht gebraucht, aber besessen. Man sitzt drauf und braucht sie auch nicht herborgen, weil der Nachbar auf einer eigenen sitzt. Das ist idiotisch, also vereinzelnd.<\/p>\n<p>3.) Leider ist die Entwicklung hier noch nicht zu Ende. Unser Wirtschaftssystem braucht die Idioten, weil nur so kann es st\u00e4ndiges Absatzwachstum generieren. Das wird als absolut notwendig f\u00fcr den Erhalt des Wohlstands verkauft. Dieser besteht letztlich darin, dass die Menschen vereinzelt in ihren Wohnungen auf Einzelbesitz sitzen, den sie m\u00f6glichst oft erneuern sollen. Deswegen schreibt die Industrie ein &#8222;Ablaufdatum&#8220; auf viele Gegenst\u00e4nde, vor allem Lebensmittel, obwohl die Haltbarkeit der Dinge zu diesem Zeitpunkt \u00fcberhaupt nicht abl\u00e4uft. Die meisten Menschen richten sich danach und werfen die Waren dann folgsam weg und kaufen neue. Auch das ist, mit Verlaub, ziemlich idiotisch.<\/p>\n<p>Was passiert nun, wenn die Menschen sich dagegen wehren, wenn sie diese Entwicklung nicht gut finden und nach Alternativen suchen? Sie bekommen es ziemlich bald mit der H\u00e4rte des Systems zu tun, das an drei Punkten eingreift:<\/p>\n<p>a.) Die Gesetze werden entsprechend angepasst, so dass Gegenst\u00e4nde weggeworfen werden <strong>m\u00fcssen<\/strong>: in der Automobilindustrie hat man das vor einigen Jahren bereits umgesetzt und seit 2016 d\u00fcrfen bestimmte Autos nicht mehr in der Stadt gefahren werden. Da nahezu jeder Autofahrer auch hin und wieder oder sogar regelm\u00e4\u00dfig in die Stadt fahren muss, k\u00f6nnen diese Autos nicht mehr verwendet werden und landen auf dem Schrottplatz. Die BesitzerInnen sind gezwungen, sich neue oder zumindest neuere Autos zu kaufen.<\/p>\n<p>b.) Die Menschen werden in eine bestimmte Richtung gedr\u00e4ngt: das geschieht im schon erw\u00e4hnten KFZ-Bereich z.B. durch Pr\u00e4mien f\u00fcr den Tausch des alten gegen ein neues Auto. Es geschieht im Bereich der Wei\u00dfware (Waschmaschinen, K\u00fchlschr\u00e4nke, Trockner etc.) mit Stromverbrauchsetikettierung (A, AA, AAA+ etc.). Diese sind nachweislich das, was man auf Wienerisch als &#8222;Schm\u00e4h&#8220; bezeichnet, weil sie aufgrund unrealistischer Testzyklen festgelegt werden. Mit anderen Worten: die modernen Ger\u00e4te verbrauchen nicht weniger als die alten.<br \/>\nWer sich dar\u00fcber n\u00e4her informieren will, findet die Infos beim RUSZ (Reperatur- und Servicezentrum, www.rusz.at, in 1140 Wien). Ein genialer Ort, an dem man gute Qualit\u00e4t kaufen kann<\/p>\n<p>c.) Die Industrielobbys setzen ihre Macht ein und bek\u00e4mpfen etwa Food-Coops, also Nahrungsmittelkooperativen. Die Wirtschaftskammer etwa hat etwas gegen solche Kooperativen, wie in folgendem Artikel ausgef\u00fchrt wird: http:\/\/ooe.orf.at\/news\/stories\/2768804\/<br \/>\nWer also eine Gemeinschaft gr\u00fcndet, bekommt schnell m\u00e4chtige Feinde, die ihn in die Idiotie, also in die Vereinzelung zur\u00fcck dr\u00e4ngen wollen. Sehr schnell hat man auch den Vorwurf am Hals, man w\u00e4re &#8222;Kommunist&#8220; und w\u00fcrde das hart erarbeitete Eigentum, den Besitz der Menschen, &#8222;sozialisieren&#8220; wollen. Man merke: &#8222;sozial&#8220; ist b\u00f6se, a-sozial ist gut, Individualbesitz ist gut, Gemeinschaftsbesitz ist schlecht. Daher gibt es auch die Versuche, das, was alle besitzen, zu enteignen und in Privateigentum umzuwandeln. Um diese Enteignung zu verschleiern, wirft man seinen Gegnern vor, dass sie enteignen wollen. Man merke: die Enteignung von Individuen ist schlecht, die Enteignung von Gemeinschaften ist gut.<\/p>\n<p><strong>Widerstand entsteht<br \/>\n<\/strong><br \/>\nGl\u00fccklicherweise funktioniert das alles nicht so, wie sich die Lobbys das w\u00fcnschen. Es entstehen st\u00e4ndig neue Kooperationsformen und Gemeinschaften. Zwei sehr spannende darf ich herausgreifen:<\/p>\n<p>http:\/\/fragenebenan.com<br \/>\nDas ist eine Internetplattform, auf der ich einen bestimmten Radius rund um meinen Wohnort angebe und dann von Menschen, die sich innerhalb dieses Radius befinden, Nachrichten bekomme, und zwar jeglicher Art. Manche suchen einen Katzensitter f\u00fcr das kommende Wochenende, andere haben einen Weidenkorb zu verschenken und wieder andere bieten Klavierstunden an, manchmal auch im Tausch gegen etwas anderes.<br \/>\nHier bilden sich nicht-kommerzielle Netzwerke, die von den staatlichen Institutionen nicht erfasst werden k\u00f6nnen und das gef\u00e4llt ihnen gar nicht. Hier wird getauscht, gehandelt, verschenkt und vor allem kommuniziert. Fragnebenan ist binnen kurzer Zeit enorm gewachsen und wenn man eine Anfrage ins Netz stellt, erh\u00e4lt man meist binnen weniger Minuten eine Antwort: Wer einen guten Zahnarzt sucht, hat quasi sofort eine Handvoll Vorschl\u00e4ge, mit Referenzen und Bewertungen, einfach so, ohne dass er\/sie daf\u00fcr etwas zahlen oder sich weiter anstrengen muss.<\/p>\n<p>www.imgraetzl.at<br \/>\nEbenfalls eine spannende Internetplattform, auf der man Initiativen f\u00fcr das eigene Gr\u00e4tzl setzen kann. Im Gegensatz zu fragnebenan sind hier die Gemeinschaftszentren quasi vordefiniert, wenngleich es keine engen Grenzen gibt. <\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind diese Plattformen nicht perfekt, aber sie zeigen meiner Ansicht nach den Weg in eine neue Zeit, in der sich neue Gemeinschaften bilden. Diese Netzwerke werden sicher da und dort auch missbraucht werden und sie werden sich weiterentwickeln m\u00fcssen, aber all das spricht nicht gegen die gute Idee. Ich bin auch gespannt, was die m\u00e4chtigen Institutionen dagegen unternehmen werden, das wird ein interessanter Kampf, nicht nur auf der politischen Ebene. Und ich hoffe, dass nicht die Idioten gewinnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medhat ist Trafikant und betreibt mit seiner Frau eine gut gehende Trafik. Neulich wurde bei ihm eingebrochen und das Gesch\u00e4ft wurde fast komplett ausger\u00e4umt. 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