{"id":2196,"date":"2017-07-13T23:31:10","date_gmt":"2017-07-13T22:31:10","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2196"},"modified":"2017-07-16T10:20:46","modified_gmt":"2017-07-16T09:20:46","slug":"sarajevo-1-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/sarajevo-1-tag\/","title":{"rendered":"Sarajevo 1. Tag"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Schatzi, was sagt dir Sarajevo?&#8220; &#8211; so rief mein Bruder seine Freundin am Strand von Kho Samui, wo sie ihre Verlobungsreise verbrachten. Er hatte n\u00e4mlich gerade ein Angebot f\u00fcr einen Job bekommen, der ihn f\u00fcr zwei Jahre nach Sarajevo f\u00fchren k\u00f6nnte.<br \/>\nVanessa wusste mehr oder weniger gar nichts \u00fcber diese ferne Stadt, die uns \u00d6sterreicherInnen doch so nah ist. Letztendlich geschah es, dass mein Bruder vor ca. einem Jahr dann seine Koffer packte und ein kleines Haus in Sarajevo mietete.<\/p>\n<p>Ich wollte schon seit l\u00e4ngerer Zeit einmal dorthin und jetzt hat es sich ergeben, dass ein Wochenende genau passt. Mit Hitzewelle, aber Sarajevo liegt auf 550 Metern Seeh\u00f6he (also der Talgrund, dazu sp\u00e4ter mehr) und hat \u00fcberhaupt ein interessantes Klima.<br \/>\nF\u00fcr Unterkunft ist gesorgt, das Ticket f\u00fcr den Flug mit der AUA kostet erschwingliche 270 Euro und so starte ich in ein sicher spannendes Wochenende.<\/p>\n<p>Zum Flughafen fahre ich mit der Honda, denn ich habe erstens nur einen bordgep\u00e4cktauglichen Trolley ohne gef\u00e4hrliche Fl\u00fcssigkeiten wie Zahnpasta oder Rasierschaum (ist alles im Haus meines Bruders) und zweitens ist das Parken mit einem Zweirad das einzige, was am Flughafen Schwechat gratis ist. \u00dcbrigens seit Jahren, man f\u00e4hrt einfach bei der Teilung Abflug-Ankunft die Stra\u00dfe Richtung Ankunft ein St\u00fcck weiter und biegt dann rechts ab. Nach wenigen Metern befindet sich auf der rechten Seite ein \u00fcberdachter Zweiradparkplatz, von dem aus man direkt in die alte Ankunftshalle gehen kann. Alles sehr einfach und bequem. Bei der Ankunft steige ich auf den Roller und bin 25 Minuten sp\u00e4ter daheim, Staus interessieren mich nicht.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2017.07.06_Sarajevo\/Honda.jpg\" title=\"Honda.jpg\" alt=\"Honda.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 1: Honda, gut gepackt<\/p>\n<p>Da ich am Vortag bereits online eingecheckt und meine Bordkarte ausgedruckt mit habe, marschiere ich flugs Richtung Gate und bin erstaunt, dass ich meine Schuhe bei der Sicherheitskontrolle nicht ausziehen muss. Sie haben Metall\u00f6sen und ich musste sie die letzten f\u00fcnfzehn Jahre immer ausziehen. &#8222;Das ist ihr Gl\u00fcckstag&#8220; meint der freundliche Herr beim Stargate.<br \/>\nIm kleinen Warteraum am Gate wird es irgendwie bosnisch: Jede Menge schreiende Kinder, eine Frau mit Kopftuch, die auf ein paar Sitzen ausgestreckt ein Nickerchen h\u00e4lt und die Passagiere entsprechen ungef\u00e4hr der Vielfalt, die man auch an einem Mittwoch Vormittag am Brunnenmarkt sehen kann. Selbstverst\u00e4ndlich haben die meisten eine Unmenge Handgep\u00e4ck (bis zu vier St\u00fcck) mit, was eigentlich nicht erlaubt ist. Also geht ein AUA-Mitarbeiter durch und sammelt die gr\u00f6\u00dften Tr\u00fcmmer ein, nicht ohne entsprechende Diskussionen auszul\u00f6sen.<br \/>\nLetztlich funktioniert alles irgendwie und der Flug verl\u00e4uft ohne Zwischenf\u00e4lle. Die Maschine ist bis auf den letzten Platz ausgebucht, auf der kurzen Strecke machen mir die engen Sitze aber nichts aus. Ich schaffe es mit durchaus beachtlichem Erfolg einige Seiten eines Buchs zu lesen, was bei den schreienden Kindern vor, neben und hinter mir keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist.<br \/>\nAuch der Flughafen in Sarajevo ist okay &#8211; ziemlich neu und die Passkontrolle ist in wenigen Minuten erledigt. Eine Fluggastbr\u00fccke haben wir auch bekommen, was laut Aussage meines Bruders keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist.<br \/>\nDer wartet auch schon auf mich und wir entern seinen alten VW-Bus, um zu seinem Haus zu fahren. Der erste Eindruck: Plattenbauten, viele mit Granat- und Maschinengewehrl\u00f6chern, die auch nach 22 Jahren noch nicht repariert sind. Der Bosnien-Krieg ist hier immer noch allgegenw\u00e4rtig und geh\u00f6rt zur Stadt untrennbar dazu. Ich bin mir sicher, dass ich die n\u00e4chsten Tage noch mehr Eindr\u00fccke diesbez\u00fcglich bekommen werde.<\/p>\n<p>Um die Stadt zu verstehen, muss man ihre Geschichte, aber auch ihre Topographie kennen. Man kann sich das wie einen kurzen Kochl\u00f6ffel vorstellen, der am Ende des Stiels den Flughafen hat. Der Stiel selbst ist ein Tal, durch das ein Fluss flie\u00dft. Der eigentliche L\u00f6ffel ist die Altstadt, das alles ist von H\u00fcgeln umgeben, die auf einer Seite am Anfang des Stiels durchbrochen sind. Dort geht es quasi links weg in ein Nebental.<br \/>\nDiese Topographie beherrscht die Stadt wie ich es noch bei keiner anderen Stadt gesehen habe. Sie formt sie nicht nur, sondern war auch f\u00fcr die Art und Weise des Krieges und der damit verbundenen 3,5j\u00e4hrigen Belagerung der Stadt verantwortlich.<br \/>\nIch wusste das alles nicht, bis ich vor ca. 1,5 Jahren eine ausf\u00fchrliche Doku gesehen habe, die von der Zeit der Belagerung berichtet hat. Seitdem war mein Wunsch diesen faszinierenden Ort zu besuchen noch gr\u00f6\u00dfer.<br \/>\nRechts vom unteren Teil des Stiels liegt hinter der H\u00fcgelkette Nova Sarajevo, also der serbische, neu erbaute Teil. Im Krieg war Sarajevo von der serbischen Armee eingekesselt, nur am Ende des Stiels war ein schmaler Korridor in den Landesteil, der von der bosnischen F\u00f6deration beherrscht wurde. <\/p>\n<p>Die H\u00fcgel sind zerh\u00fcttelt und diese Zerh\u00fcttelung schreitet auch oder gerade jetzt munter voran. Was fr\u00fcher noch Wald und Wiese war, ist jetzt Bauland und man braucht daf\u00fcr keine komplizierten Genehmigungen wie bei uns. Grundst\u00fcck kaufen, Haus bauen &#8211; so einfach ist das.<br \/>\nNicht so einfach funktioniert das Zusammenleben der drei Ethnien (Kroaten, Bosnier, Serben), deren Differenz genauso k\u00fcnstlich geschaffen wurde wie die zwischen Tutsi und Hutu in Ruanda.<br \/>\nErkennbar ist das daran, dass sie sich nicht nur \u00e4u\u00dferlich nicht unterscheiden, sondern in allen drei Gruppen die meisten Namen auf &#8222;-ic&#8220; enden. Es finden sich leider immer wieder Menschen, die Spa\u00df daran haben andere Menschen zu entzweien, was ebenso leider immer wieder zu Kriegen f\u00fchrt. Danach ist viel kaputt, auf allen Ebenen und es ist schwierig und teuer, das wieder einigerma\u00dfen zu reparieren.<br \/>\nMein Bruder ist einer von denen, die den Auftrag haben hier ein kleines St\u00fcckchen mitzuwirken. Er organisiert den Ausbau der bosnischen Polizeiakademien, die vom ziemlich deutlichen Chaos in eine einigerma\u00dfen sinnvolle Struktur mit erkennbaren Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4ben gebracht werden sollen. Kein leichter Job in diesem Land und es wird sich erst herausstellen, wie erfolgreich das Projekt ist.<\/p>\n<p>Sein Haus ist jedenfalls sehr sch\u00f6n und geh\u00f6rt Mirela, die es an meinen Bruder vermietet hat. Ihr Mann ist aus Innsbruck, ihr Bruder Tarek hilft das Haus und das ebenfalls ihnen geh\u00f6rende Nachbarhaus zu verwalten. Der Vater der beiden wurde im Krieg von einem &#8222;Sniper&#8220;, also einem Scharfsch\u00fctzen erschossen. Mirela war damals 13 und ihr Bruder 10 Jahre alt. Die meisten dieser Scharfsch\u00fctzen gab es bei der &#8222;Sniper Alley&#8220;, dem gro\u00dfen Boulevard entlang des Flusses. Wer ihn \u00fcberqueren wollte, hatte \u00fcber mehrere Jahre eine gute Chance erschossen zu werden. Brot kaufen gehen oder den Schwager besuchen war eine lebensgef\u00e4hrliche Angelegenheit.<br \/>\nMirela erz\u00e4hlt uns ein bisschen was aus dieser Zeit, etwa als sie von serbischen Panzerfahrern Zuckerl und Schokolade bekam und drei Tage sp\u00e4ter miterleben musste, wie genau diese Panzer die Stadt beschossen.<br \/>\nSie erz\u00e4hlt aber auch von den Menschen, die im Krieg flohen, in Deutschland Karriere machten, jetzt mit dem fetten Mercedes zur\u00fcck kommen und gro\u00dfm\u00e4ulig damit prahlen, wie toll sie sind. Das kommt nicht gut an bei denen, die damals geblieben sind und heute mit mehr oder weniger Armut k\u00e4mpfen, meint sie.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise sind Mirela und Tarek sehr lebensfroh und organisieren an diesem Abend eine Grillerei, zu der auch noch drei Kollegen meines Bruders eingeladen sind.<br \/>\nZuvor fahren wir jedoch noch einmal Richtung Flughafen um einzukaufen. In Sarajevo gibt es eine Menge Einkaufscenter und wie bei uns liegen die meisten davon am Rande der Stadt. In einem davon kaufe ich die ersten Converse meines Lebens, die sich als exzellenter Kauf herausstellen und mich die n\u00e4chsten Tage gut durch die Stadt tragen.<br \/>\nAuch eine unglaublich gute Zuckermelone und Gem\u00fcse k\u00f6nnen wir bei einem kleinen Stand neben dem Supermarkt erstehen, denn ich m\u00f6chte heute Abend den Salat zum Grillfleisch zubereiten.<\/p>\n<p>In unserem Nachbarhaus wohnen arabische Familien, die aber nur f\u00fcr kurze Zeit in Sarajevo sind. Die meisten fahren durch die Stadt bzw. das Umland und kaufen H\u00e4user, manchmal sogar ganze Siedlungen. Ein guter Teil der Flugzeuge kommt aus dem arabischen Raum, speziell aus Dubai.<br \/>\nDen Bosniern gef\u00e4llt das gar nicht, aber die Araber zahlen gut und das Geld kann man sehr gut gebrauchen.<br \/>\nSollte Bosnien einmal zur EU kommen, dann sind die Araber automatisch drin. Daher meinen einige Experten, dass man das immer noch unterentwickelte Bosnien schnellstens in die EU holen sollte, um das Tor nicht zu weit aufzumachen. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2017.07.06_Sarajevo\/Blick.jpg\" title=\"Blick.jpg\" alt=\"Blick.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 2: Der Blick von der Terrasse hinunter in das Tal mit dem Fluss. Zwischen zwei der Plattenbau-Hochh\u00e4usern steht ein Schornstein einer Heizungsanlage. Das rosa Haus rechts geh\u00f6rt Bosniern, die vor drei\u00dfig Jahren nach Deutschland ausgewandert sind. Mit dem dort verdienten Geld haben sie sich ein wirklich sch\u00f6nes und gro\u00dfes Haus hingestellt, ein Stock davon ist innen bereits ausgebaut und wird von ihnen ein paar Wochen im Jahr bewohnt. Sie sind schon in Pension und leben den Gro\u00dfteil des Jahres in Deutschland. Das ist f\u00fcr hier gar nicht einmal untypisch.<br \/>\nDas teilweise rostige Dach geh\u00f6rt zu einem Supermarkt, der sich direkt neben dem Haus befindet, klein ist aber 24\/7-\u00d6ffnungszeiten hat. Das funktioniert hier deswegen so gut, weil Arbeitskraft sehr billig ist. Hundert Meter weiter unten an der Transit-Stra\u00dfe ist die &#8222;Pekara Ass&#8220;, eine hier bekannte Backwaren-Kette, die ebenfalls rund um die Uhr offen hat. Bei ihr treffen sich die Menschen \u00e4hnlich wie bei uns des n\u00e4chtens in einer Bar.<\/p>\n<p>Die Grillerei am Abend ist ein voller Erfolg. Tarek hat bei einem speziellen lokalen Fleischhauer eingekauft und es gibt bosnische W\u00fcrstel, Pleskjavica, Cevapcici und Huhn. Dazu ein hervorragendes Fladenbrot (Pita), Ajvar und meinen Salat. Wir essen bis wir fast platzen und wissen: vegetarisch ist nicht bosnisch, ganz und gar nicht.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2017.07.06_Sarajevo\/Essen.jpg\" title=\"Essen.jpg\" alt=\"Essen.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 3: Das hervorragende Essen<\/p>\n<p>Das Bier ist aus Sarajevo, die Brauerei liegt fast am Fluss in der Altstadt und erinnert ein klein wenig an die Guinness-Brauerei in Dublin, nur ist sie viel kleiner. Ein guter Slivovic rundet das Gelage ab und wir plaudern noch weit in den Abend hinein. Mein erster Tag zeigt eine sehr positive Bilanz.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2017.07.06_Sarajevo\/Bier.jpg\" title=\"Bier.jpg\" alt=\"Bier.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 4: Mein Salat und eine Dose vom leichten, aber trinkbaren Bier<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Schatzi, was sagt dir Sarajevo?&#8220; &#8211; so rief mein Bruder seine Freundin am Strand von Kho Samui, wo sie ihre Verlobungsreise verbrachten. 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