{"id":2405,"date":"2018-01-01T11:52:32","date_gmt":"2018-01-01T10:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2405"},"modified":"2018-01-01T11:52:32","modified_gmt":"2018-01-01T10:52:32","slug":"die-knallerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-knallerei\/","title":{"rendered":"Die Knallerei"},"content":{"rendered":"<p>Aufgrund der steigenden Gewalt hat die Regierung beschlossen, dass einmal im Jahr eine Nacht zum Morden freigegeben wird. Die restlichen 364 Tage bzw. N\u00e4chte ist es verboten, aber in dieser Nacht darf sich jede und jeder eine Waffe nehmen und umbringen wen er\/sie will.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen werden dann die Leichen aus den H\u00e4usern bzw. von den Stra\u00dfen wegger\u00e4umt und das normale Leben nimmt wieder seinen Lauf.<\/p>\n<p>Das ist der Inhalt von &#8222;The Purge&#8220;, einem USA-Film, der bisher in das Genre &#8222;Science Fiction&#8220; eingereiht wurde. Ich bin mir seit gestern nicht mehr sicher, ob so etwas \u00e4hnliches nicht in Zukunft Realit\u00e4t werden k\u00f6nnte.<br \/>\nIn dem Film werden \u00fcbrigens mehrheitlich Afro-Amerikaner umgebracht, das ist aber eher ein Nebenthema.<br \/>\nEigentlich geht es um die Aufhebung der Gesetze. Im alten Griechenland waren das die dionysischen Spiele, bei denen man sich dem Rausch, dem Laster und der Gewalt hingeben konnte. Auch sie waren zeitlich beschr\u00e4nkt und dem Gott Dionysos gewidmet. Im alten Rom waren das die Bacchanalen, gewidmet Bacchus, dem Gott des Weins.<\/p>\n<p>Wein und andere Rauschgetr\u00e4nke wurden gestern zu Silvester ebenfalls in Unmengen genossen. Und es war &#8222;erlaubt&#8220; L\u00e4rm und Dreck zu machen ohne Konsequenzen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Als ich heute durch die Gassen ging, glichen sie einem Schlachtfeld. \u00dcberall Kisten mit abgebrannten Raketenresten, die Gehsteige, Fahrbahnen und vor allem die Parks \u00fcbers\u00e4t mit den Resten der gestrigen Knaller-Orgie.<\/p>\n<p>Mir w\u00e4re das nicht so bewusst geworden, wenn ich nicht das h\u00e4ssliche Erlebnis vor dem Lokal gehabt h\u00e4tte, in dem ich gestern bei einer dezenten Silvesterfeier war. Davor ist ein winziger Park und dort sa\u00df eine Familie mit einem kleinen M\u00e4dchen, vielleicht drei oder vier Jahre alt. Sie z\u00fcndete die ganze Zeit irgendwelche Knallk\u00f6rper und kleine Leuchtkugeln. Als eine vor meinen F\u00fc\u00dfen landete (ich telefonierte gerade), rief ich ihnen zu, dass sie doch gef\u00e4lligst aufh\u00f6ren sollten.<br \/>\nMehr hab ich nicht gebraucht. Die Frau fing an mich w\u00fcst zu beschimpfen: Sie w\u00fcrden hier leben und es w\u00e4re Silvesternacht und alle w\u00fcrden knallen. Jedes dritte Wort war &#8222;fuck&#8220; (sie sprach Englisch) und sie br\u00fcllte so lange auf mich ein, bis ich die Sinnlosigkeit jeder Intervention einsah und wieder in das Lokal zur\u00fcck ging.<\/p>\n<p>Zu Silvester darf jeder mehr oder weniger enthemmt tun was er oder sie will, zumindest was L\u00e4rmnachen und Dreckmachen betrifft. Ob andere darunter leiden ist vollkommen egal, und zwar &#8211; so traue ich mich zu behaupten &#8211; so ziemlich allen Menschen, die gestern ihre Raketen abgeschossen und ihre Knaller gez\u00fcndet haben.<br \/>\nUmweltschutz? Gibt es nicht, interessiert niemand, nicht einmal ein bisschen. Verst\u00f6rte Tiere? Pech gehabt!<br \/>\nEs ist eine Nacht der R\u00fccksichtslosigkeit unter dem Deckmantel des Jahreswechsels. Der P\u00f6bel darf, was er sonst nicht darf. Die Polizei m\u00fcsste das eigentlich ahnden, die Menschen k\u00f6nnen sich aber in der Masse verstecken &#8211; deswegen schrie auch die Frau gestern, dass das erlaubt w\u00e4re, weil es alle tun.<\/p>\n<p>Hier sind wir am Kern des Problems und wieder bei &#8222;The Purge&#8220; angelangt. Wenn es alle machen, dann ist es erlaubt. Ich erinnere mich noch an den FP\u00d6-Politiker Uwe Scheuch, der mit einem Gesichtsausdruck nach seiner Verurteilung aus dem Gerichtssaal kam, der eindeutig sagte (und er hat es dann auch noch mit Worten gesagt): Was wollt ihr von mir? Das machen doch alle!<\/p>\n<p>Der Fachbegriff daf\u00fcr ist &#8222;Ochlokratie&#8220;, die &#8222;Herrschaft des P\u00f6bels&#8220;. Wenn Gesetz ist, was die Masse macht, f\u00fchrt das irgendwann zu Gewaltorgien. Wer dar\u00fcber besser Bescheid wissen will, dem schicke ich gerne meine Diplomarbeit (&#8222;Der Mensch und die Gewalt&#8220;), bei der ich anhand der Thesen von Ren\u00e9 Girard die st\u00e4ndige, latente Gewaltbereitschaft der Menschen diskutiert habe, die im Gegensatz zu den Tieren nicht durch Instinkthemmungen gesteuert wird, sondern f\u00fcr die es soziale Steuerung (Gesetze und die \u00dcberwachung ihrer Einhaltung) braucht. Diese Gesetze werden im Krieg au\u00dfer Kraft gesetzt, wo Soldaten auch alles tun d\u00fcrfen, was sie wollen &#8211; im Nachhinein wird es meistens legitimiert bzw. darauf hingewiesen, dass ja Krieg war und die Gewalt au\u00dferdem provoziert.<br \/>\nGut beobachten kann man es auch bei Pl\u00fcnderungen nach Naturkatastrophen, wo Menschen spontan ihre Hemmungen verlieren. Im kleinen Ma\u00dfstab kann man das bei verunfallten Autos beobachten, die auch bei uns gerne ausgepl\u00fcndert werden. <\/p>\n<p>Gesetze sind nur so gut wie ihre \u00dcberwachung. Deswegen gelten sie auch de facto nicht, wenn sie nicht \u00fcberwacht oder so gering bestraft werden, dass es niemanden st\u00f6rt. Das l\u00e4sst sich gut bei den sogenannten &#8222;Kavaliersdelikten&#8220; beobachten, wie etwa Telefonieren im Auto. Wie ich seit einer Massenarbeit wei\u00df, die ich betreut habe, ist das vergleichbar mit einer Alkoholisierung von ca. 0,8 Promille. Wenn man dabei erwischt wird, ist der F\u00fchrerschein weg. Wer beim Telefonieren erwischt wird, zahlt ein paar Euro und das war\u00b4s, obwohl die Gef\u00e4hrdung der Mitmenschen nachweislich die gleiche ist. Bei Unf\u00e4llen, die durch das Telefonieren verursacht werden, wird dies im Gegensatz zu Alkoholunf\u00e4llen \u00fcbrigens nie dazu gesagt. <\/p>\n<p>Hoffentlich werde ich nie ein Kavalier. <\/p>\n<p>Der derzeitige Trend &#8211; vielleicht weltweit, zumindest bei uns &#8211; geht dahin, dass es als &#8222;Schikane&#8220; empfunden wird, wenn man daf\u00fcr bestraft wird, dass man ein Gesetz nicht einh\u00e4lt. Das ist zwar eine perverse Auslegung des liberalen Gedankens, ich erlebe es aber immer h\u00e4ufiger, dass so argumentiert wird. Unser neuer Innenminister will der Polizei verbieten mit Radarger\u00e4ten die Geschwindigkeits\u00fcbertretungen zu messen. (Quelle: Kleine Zeitung, 1. J\u00e4nner 2018) Er empfindet das als Schikane.<br \/>\nOb es m\u00f6glich ist die Menschen durch das zeitweise Aussetzen von Gesetzen zu deren Einhaltung zu bringen, wird die Zukunft zeigen.<br \/>\nUnd ob &#8222;The Purge&#8220; in irgend einer Form Realit\u00e4t wird, ebenfalls.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund der steigenden Gewalt hat die Regierung beschlossen, dass einmal im Jahr eine Nacht zum Morden freigegeben wird. Die restlichen 364 Tage bzw. 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