{"id":2470,"date":"2018-02-02T14:08:55","date_gmt":"2018-02-02T13:08:55","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2470"},"modified":"2018-02-02T14:09:09","modified_gmt":"2018-02-02T13:09:09","slug":"wie-wir-an-afrika-verdienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wie-wir-an-afrika-verdienen\/","title":{"rendered":"Wie wir an Afrika verdienen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist manchmal ersch\u00fctternd zu sehen, mit welcher Dreistigkeit Europa in Afrika vorgeht. Ein Dokumentarfilm (&#8222;Konzerne als Retter?&#8220;) hat dieses Thema aufgegriffen und anhand von 7 Projekten gezeigt, wie das funktioniert.<\/p>\n<p>1.) Erd\u00e4pfel f\u00fcr Kenia<br \/>\nAuf den ersten Blick klingt das gut: Durch Ertragssteigerung soll der Hunger bek\u00e4mpft werden. Erd\u00e4pfel sind nahrhaft und werden von 800.000 Kleinbauern in Kenia angepflanzt. Wenn man verbessertes Saatgut unter die Bauern bringt, so l\u00e4sst sich die Erntemenge deutlich steigern und die Bauern bekommen erstens mehr Geld und zweitens sind gr\u00f6\u00dfere Mengen vorhanden.<\/p>\n<p>Also f\u00f6rdert man \u00fcber eine Gesellschaft f\u00fcr Zusammenarbeit dieses Projekt, an dem vor allem gewinnorientierte Unternehmen aus Deutschland beteiligt sind. Ein Betrieb in Kenia erzeugt das potente Saatgut, das jedoch 25 Euro pro Sack kostet und somit nur f\u00fcr wohlhabende Bauern in Frage kommt.<br \/>\nDa es sich dabei um holl\u00e4ndische und andere europ\u00e4ische Erd\u00e4pfelsorten handelt, m\u00fcssen diese mit D\u00fcngemittel und Pestiziden versorgt werden. Das und die notwendigen industriellen Gro\u00dfmaschinen liefern deutsche Hersteller.<br \/>\nGefragt sind vor allem Sorten, die sich f\u00fcr die Weiterverarbeitung zu Fast Food eignen (Pommes). <\/p>\n<p>Fazit: Zur Hungerbek\u00e4mpfung oder um Kleinbauern zu f\u00f6rdern eignet sich dieses Projekt nicht, f\u00fcr das Entwicklungshilfegelder eingesetzt werden.<\/p>\n<p>2.) Dr. Oetker<br \/>\n\u00dcber einen Hilfsfonds werden zwei Millionen Euro Entwicklungshilfegeld in eine Firma investiert, die in Nairobi von einem Deutschen betrieben wird und in Deutschland erzeugte Pizzae, Tiefk\u00fchlbeeren und Torten nach Kenia importiert.<br \/>\nDazu braucht man eine l\u00fcckenlose K\u00fchlkette und somit wird das Geld f\u00fcr K\u00fchlmaschinen bzw. K\u00fchlh\u00e4user ausgegeben.<br \/>\nAbgesehen davon, dass die Umweltbilanz einer solchen importierten Tiefk\u00fchlpizza katastrophal ist, kann sich nur die kenianische Oberschicht diese Pizzae leisten. Man k\u00f6nnte sie auch in Kenia erzeugen, aber dann w\u00fcrde Dr. Oetker nicht so viel daran verdienen.<br \/>\nImmerhin hat der Deutsche 25 Arbeitspl\u00e4tze geschaffen.<\/p>\n<p>3.) Baumwolle<br \/>\nSambia ist das viert\u00e4rmste Land der Welt mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 52 Jahren. Die Armut ist gro\u00df, gef\u00f6rdert wird mit Entwicklungshilfegeld jedoch der Anbau von sogenannten &#8222;Cash Crops&#8220;, das sind Feldfr\u00fcchte, die man nicht essen kann, wie etwa Baumwolle. Die Zusammenarbeit der deutschen Entwicklungshilfegesellschaft GEZ mit profitorientierten Firmen verhindert den Aufbau staatlicher Strukturen. Die Lehrer, die Bauern punkto Baumwollanbau schulen, kommen von den Firmen, die an der Baumwolle f\u00fcr den Export interessiert sind und den Bauern D\u00fcnger und Pestizide verkaufen wollen.<\/p>\n<p>Dagegen w\u00e4re ja noch nichts einzuwenden, aber nachhaltig ist das nat\u00fcrlich nicht, da keine festen Strukturen aufgebaut werden, sondern die Bauern kurzfristig mehr Einkommen haben, wenn die Weltmarktpreise entsprechend sind. Ihre Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen, ausschlie\u00dflich profitorientierten Konzernen (wie dem s\u00fcdafrikanischen NWK) maximiert sich dadurch. Wenn die Firmen nicht mehr genug verdienen, ziehen sie weiter, in ein anderes Land oder auf einen anderen Kontinent.<\/p>\n<p>Die Firmen geben den Kleinbauern Kredite f\u00fcr Maschinen, Saatgut und Pestizide und sie kaufen ihnen die Ware ab.<br \/>\nDie Bauern selbst k\u00f6nnen weder Entwicklungshilfegelder beantragen noch haben sie sonst irgend einen Einfluss bzw. Rechte. Sie spielen keine wirkliche Rolle, was man auch daran erkennen kann, dass sie ohne Schutzkleidung arbeiten m\u00fcssen. Die gibt es nur f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Bauern im Einzelfall. Zynischerweise werden sie aber darauf hingewiesen, dass sie Schutzkleidung tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Erhaltung der Bodenqualit\u00e4t, Artenvielfalt, Gesundheit der Bauern &#8211; all das ist in den Businesspl\u00e4nen nicht vorgesehen. Das zeigt auch das n\u00e4chste Beispiel:<\/p>\n<p>4.) 20.000 Hektar Palm\u00f6lplantagen<br \/>\nWo Palmfr\u00fcchte angebaut werden, w\u00e4chst keine Nahrung. Wir sind schon wieder in Sambia, ein Land, das sich offensichtlich gut zur Ausbeutung eignet. Dort hat die Firma &#8222;Zambeef&#8220; 35 Mio. Euro von Entwicklungshilfebanken bekommen.<br \/>\nDie Versprechen f\u00fcr die vorher dort ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung wurden nicht eingel\u00f6st &#8211; weder die Schule gebaut, noch die Krankenstation noch sonst etwas.<br \/>\nDas ist verst\u00e4ndlich, denn das w\u00fcrde Geld kosten, das den Gewinn schm\u00e4lert. Und wenn die Menschen, denen man es versprochen hat, nicht die Macht haben das Versprechen einzuklagen, w\u00e4re es aus betriebswirtschaftlicher Sicht vollkommen falsch es zu bauen.<br \/>\nDas Land wird von der Regierung an die Firmen vergeben &#8211; wer vorher dort gewohnt hat, muss weg und hat Pech, auch wenn ihm das Land rechtlich zustehen w\u00fcrde. &#8222;Landgrabbing&#8220; nennt man das \u00fcbrigens.<\/p>\n<p>\u00d6kologische Richtlinien spielen bei der Plantage mit 430.000 \u00d6lpalmen ebenfalls keine Rolle und die DEG (Deutsche Entwicklungshilfe Gesellschaft) ist keinerlei Rechenschaft schuldig, was sie mit dem Geld tut.<br \/>\nDas gr\u00f6\u00dfte Problem ist hier das der Monokultur. Sie macht die Pflanzen anf\u00e4llig f\u00fcr Sch\u00e4dlinge, da die Resilienz durch die Biodiversit\u00e4t nicht mehr gegeben ist.<\/p>\n<p>Schwierig wird es, wenn man die Finanziers betrachtet. Beliebt ist z.B. der ATIF-Fonds, nach au\u00dfen hin geschaffen um die Armut zu verringern. Wenn man sich die Investoren wie z.B. die Deutsche Bank ansieht, dann kommt der Verdacht auf, dass es hier um Gewinnmaximierung geht. Die Deutsche Bank ist schlie\u00dflich keine Caritas, sondern ausschlie\u00dflich auf Profit ausgelegt. Der Fonds sitzt in Luxemburg um keine Steuern zahlen zu m\u00fcssen und finanziert private Gro\u00dfunternehmen.<br \/>\nDas Modell des Fonds: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Und das alles unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe und angeblichem &#8222;Private Public Partnershop&#8220;.<\/p>\n<p>5.) Tanzania und der Kaffee<br \/>\nAuch hier werden die Bauern ausgebeutet.<br \/>\nEin Beispiel, wie das konkret aussieht:<br \/>\nDer Konzern OLAM schenkt den Kleinbauern Kaffee-Setzlinge. Sie bauen jetzt statt Maniok oder Bananen den Kaffee an, den man aber nicht essen kann. Zus\u00e4tzlich m\u00fcssen sie beim Konzern D\u00fcnger und ev. einen Generator zur Bew\u00e4sserung kaufen, weil Kaffee im Gegensatz zu dem, was vorher angebaut wurde, viel mehr Wasser braucht. Und Nahrung m\u00fcssen sie auch kaufen. OLAM borgt ihnen aber gerne Geld.<br \/>\nDie Schulden steigen jedes Jahr, weil Kaffee erst nach vier Jahren Ertrag bringt. Die Bauern bekommen aber keinen Vertrag mit OLAM, d.h. sie haben keine Abnahmegarantie und schon gar keinen Preis.<br \/>\nWenn die Ernte schlecht ist und die darauf folgende Ernte auch, stellt OLAM die Kredite f\u00e4llig und bekommt das Land der Bauern. Wenn die Ernte gut ist, sinkt der Preis und die Bauern k\u00f6nnen die Kredite ebenfalls nicht zur\u00fcck zahlen. OLAM bekommt das Land der Bauern, mit bereits erntef\u00e4higen und bew\u00e4sserten Kaffeesetzlingen.<br \/>\nToll, nicht?<br \/>\nUnd das Beste: OLAM musste nicht einmal selbst investieren, weil sie das Geld aus einem Entwicklungshilfefonds bekommen haben. Eine Win-Win-Win Situation, n\u00e4mlich f\u00fcr OLAM, OLAM und OLAM.<\/p>\n<p>Und die Bauern? Die m\u00fcssen von dort weggehen. Zum Beispiel nach Europa. Hier gelten sie dann als &#8222;Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge&#8220;, die sich bei uns bereichern wollen.<\/p>\n<p>6.) Die Gew\u00fcrzbauern von Sansibar<br \/>\nEs gibt aber auch positive Beispiele: Auf Sansibar werden Bauern mittels F\u00f6rderungen geschult, damit sie z.B. die Zertifizierungen ihrer Gew\u00fcrze selbst machen und sie dann verkaufen k\u00f6nnen. Hier erh\u00e4lt zwar auch die DEG die F\u00f6rderungen, macht damit aber sinnvolle Projekte. 3x im Jahr kommt ein Berater nach Sansibar, der den Bauern Mikroorganismen mitbringen, die ihnen den Einsatz von Pestiziden ersparen bzw. daf\u00fcr sorgen, dass sie weniger Gift und vor allem keinen teuren Kunstd\u00fcnger brauchen.<br \/>\nDie Bauern k\u00f6nnen so bessere und mehr Produkte erzeugen und bekommen auch einen guten Preis. Sie bleiben eigenst\u00e4ndig und verdienen so viel, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken k\u00f6nnen. Das ist echte Investition in die Zukunft.<\/p>\n<p>Dass die Industrie die Nahrungsprobleme dieser Welt l\u00f6st, ist wohl ein M\u00e4rchen. Die Welt wird zu 2\/3 von Kleinbauern ern\u00e4hrt. Zugleich sind auch 2\/3 der Hungernden dieser Welt Kleinbauern.<br \/>\nVielleicht w\u00e4re es an der Zeit das Leben dieser Menschen zu entwickeln oder sie zumindest nicht auszubeuten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist manchmal ersch\u00fctternd zu sehen, mit welcher Dreistigkeit Europa in Afrika vorgeht. Ein Dokumentarfilm (&#8222;Konzerne als Retter?&#8220;) hat dieses Thema aufgegriffen und anhand von 7 Projekten gezeigt, wie das funktioniert. 1.) 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