{"id":2489,"date":"2018-06-02T19:44:31","date_gmt":"2018-06-02T18:44:31","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2489"},"modified":"2018-06-15T07:01:48","modified_gmt":"2018-06-15T06:01:48","slug":"der-stein-des-anstosses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/der-stein-des-anstosses\/","title":{"rendered":"Der Stein des Schmerzes"},"content":{"rendered":"<p>Die folgende Geschichte ist leider weder lustig noch erfreulich. Vielleicht kann sie aber den gesch\u00e4tzten LeserInnen dieses Weblogs die eine oder andere Erkenntnis liefern.<\/p>\n<p>Es begann letzten Freitag, am 25. Mai 2018 in der Fr\u00fch, kurz nach dem Aufstehen. Auf einmal versp\u00fcrte ich ein Ziehen in der linken Nierengegend, wie ich es noch nie gesp\u00fcrt hatte.<br \/>\nDann schlug der Blitz ein. Absolut unerwartet und mit voller H\u00e4rte. Ich hatte solche Schmerzen bisher nur einmal erlebt, n\u00e4mlich in Form von schwerem Zahnweh.<br \/>\nUnd ich hatte keine Ahnung, was das sein k\u00f6nnte. Ich kr\u00fcmmte mich am Boden, einfach hoffend, dass der Schmerz verschwinden w\u00fcrde. Ein brutales Stechen, das sich in den Unterleib ausbreitete, vor allem in die Hodengegend. Ich versuchte eine Stellung zu finden, in der die Schmerzen weniger w\u00fcrden, blieb aber erfolglos. Auch der Kreislauf drohte zusammenzubrechen, ich musste mich auf den Boden legen.<br \/>\nIrgendwann, das Zeitempfinden ist in solchen F\u00e4llen gest\u00f6rt, wurden die Schmerzen weniger und h\u00f6rten fast auf. Ich musste zu einem Termin und konnte nur hoffen, dass sie nicht mehr auftreten w\u00fcrden.<br \/>\nDas war gl\u00fccklicherweise auch so, beim Termin gab es noch da und dort ein Zwicken, aber es schien \u00fcberstanden zu sein. Ich hatte immer noch keine Ahnung womit ich es zu tun hatte, aber da es weg war, verga\u00df ich es &#8211; nicht ohne dass eine kleine Sorge zur\u00fcck blieb. Was mag das wohl gewesen sein? Eine Darmschlinge, die sich verirrt hatte?<\/p>\n<p>Am Abend ging es mir pr\u00e4chtig, ich fuhr zum Heurigen und am n\u00e4chsten Tag zu einem Vespa-Treffen. Alles war wie immer, bis ich am fr\u00fchen Abend bei mir auf der Couch sa\u00df und auf einmal das Ziehen wieder kam.<br \/>\nUnd dann wieder der Blitz. Mindestens genauso brutal wie beim ersten Mal am Tag davor. Eindeutig aus der Nierengegend, linke Seite. Es dauerte diesmal l\u00e4nger und ich dachte, ich m\u00fcsste verr\u00fcckt werden. Die Schmerzen waren eigentlich nicht auszuhalten.<br \/>\nDoch es ging auch diesmal vor\u00fcber. Nur war mir inzwischen klar, dass ich zu hoch gepokert hatte. Und ich musste ins alte AKH zu einem Festival, 3 Stunden einen Stand betreuen.<br \/>\nAlso stieg ich auf den Roller und fuhr hin. Kurz nach der Begr\u00fc\u00dfung meiner Kollegen ging es dann wieder los. Fast so schlimm wie zuvor, nur dass ich dort kein Bett hatte, auf das ich mich legen konnte. Stehen ging aber nicht, also legte ich mich auf den nackten Asphaltboden und meine Kolleginnen schoben ihre Jacken drunter.<br \/>\nIch konnte noch immer nicht erkl\u00e4ren, was da los war, aber sie holten sicherheitshalber die Rot-Kreuz-Sanit\u00e4ter, die am Festival sowieso Dienst taten.<br \/>\nDenen schilderte ich die Schmerzen und da kam von irgendwo auch das erste Mal der Begriff &#8222;Nierenkolik&#8220; auf. Die Sanis beschlossen mich zu einem Sanit\u00e4tsraum zu bringen, wo auch eine Not\u00e4rztin anwesend war. Also wurde ich auf eine Art Rollstuhl geschnallt und durch die neugierige Menge abtransportiert.<br \/>\nMir war das aber weitgehend egal, die Schmerzen bestimmten mein gesamtes Dasein in diesen Minuten.<\/p>\n<p>Bei der Not\u00e4rztin angekommen begann die Anamnese. Ein kurzer Schlag auf die linke Niere und der Verdacht erh\u00e4rtete sich: eine Nierenkolik. Also bekam ich eine Infusion mit Schmerzmitteln und die Sanis riefen die Rettung, die an diesem sch\u00f6nen Abend allerdings noch einige dringendere Fahrten zu erledigen hatten und sich somit versp\u00e4tete. Das war aber okay, denn die Schmerzmittel wirkten schnell und ich hatte durch einen der sehr netten Sanis eine gute Ansprache &#8211; er war AHS-Lehrer f\u00fcr Religion und Ethik.<\/p>\n<p>Irgendwann kam die Rettung und wir fuhren zu meinem Gl\u00fcck ins AKH. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, denn die Rettungsw\u00e4gen werden dorthin geleitet, wo gerade Platz ist bzw. Dienst getan wird.<br \/>\nSie nahmen gleich die Abk\u00fcrzung durch die AKH-Akademie und so waren wir keine zwei Minuten sp\u00e4ter schon in der Notaufnahme. Dort gibt es eine Erstbegutachtung und da ich mit der Rettung geliefert wurde, kam ich auch gleich dran. Ein Harntest, dann zur Leitstelle (6D), von dort die Info, dass ich vor einem Zimmer auf einem langen Gang warten solle, bis der Urologe k\u00e4me um sich das anzuschauen.<br \/>\nDas dauerte, denn der Arzt hatte Nachtdienst auf der Station und kam nur auf Anfrage, die leider nicht stattfand, weil &#8211; wie er sp\u00e4ter meinte &#8211; er keinen Anruf erhalten h\u00e4tte. Neben mir sa\u00dfen noch diverse andere Patientinnen und Patienten, viele davon mit Begleitung, alle mit ganz unterschiedlichen Problemen. Bei mir wirkte noch das Schmerzmittel von der Not\u00e4rztin und so ging es einigerma\u00dfen.<br \/>\nAn diesem Ort w\u00fcrden Experten der neuen Datenschutz-Grundverordnung sofort einen Kollaps bekommen &#8211; die Namen der PatientInnen werden laut durch die G\u00e4nge gebr\u00fcllt, so dass jeder, absolut jeder h\u00f6ren kann, dass die Frau Novak oder der Herr Schwarz jetzt in der Urologie dran w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Irgendwann war er dann da und ich war sehr erleichtert. Endlich sieht sich jemand mein Problem an, der was davon versteht. Einen kurzen Ultraschall sp\u00e4ter kam die Diagnose &#8222;Nierenstein&#8220; und der Arzt meinte, er w\u00fcrde mich jetzt gleich zum CT schicken, weil er sicher sein wolle. Dazu noch eine Blutabnahme, die er gleich sofort und selbst durchf\u00fchrte. Jetzt ging was weiter.<br \/>\nDas R\u00f6hrchen mit dem Harntest hatte er \u00fcbrigens sofort in den M\u00fclleimer geschmissen. Auf meine Nachfrage bekam ich zur Antwort: &#8222;Was soll ich damit anfangen? Wir verwenden hier ein anderes System.&#8220;<br \/>\nDas war interessant und erinnerte mich an die Blutabnahme seinerzeit bei meiner Einlieferung wegen des Rollenunfalls. Die war auch verschwunden und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Krankenh\u00e4user sind schon ein seltsamer Ort.<\/p>\n<p>Die CT ist nur zwei G\u00e4nge weiter (das AKH als voll ausgestattetes Krankenhaus hat hier so seine Vorteile) und ich kam auch fast gleich dran, lediglich ein \u00e4lterer Herr war noch vor mir, aber rein in die R\u00f6hre und wieder raus aus der R\u00f6hre dauert nicht lang.<br \/>\nDie R\u00f6hre selbst ist unspektakul\u00e4r. Du bekommst erkl\u00e4rt, dass dir eh alles erkl\u00e4rt werde und dann verschwindet der Bediener hinter der Schutzt\u00fcre. Eine Computerstimme sagt dir, wann du den Atem anhalten sollst und wann nicht. Summend rein, ein paar Mal hin und her &#8211; fertig.<\/p>\n<p>Dann wieder zur\u00fcck und warten. Irgendwann kam der Arzt wieder und meinte, er h\u00e4tte jetzt auch schon den Blutbefund, der aber unauff\u00e4llig w\u00e4re. Er zeigte mir den Nierenstein am CT und meinte, der w\u00e4re ca. 4 mm gro\u00df und w\u00fcrde normalerweise durch den Harnleiter in die Blase abgehen und damit w\u00e4re der Fall erledigt.<br \/>\nDazu w\u00fcrde er mir schmerzstillende Medikamente verschreiben plus eines, das den Abgang unterst\u00fctzen solle. Und ich m\u00fcsste halt warten und Geduld haben.<\/p>\n<p>Da &#8222;patientia&#8220; bei den alten Lateinern die Geduld war, blieb mir als Patient auch nichts anderes \u00fcbrig und ich fuhr zur Nachtapotheke. Die nahm mir zwar gepflegte 23 Euro ab, das war aber mein geringstes Problem.<br \/>\nDie Nacht war aushaltbar, der Sonntag dann so lala. Ich schluckte brav meine Medikamente und hoffte, dass der Stein abgehen w\u00fcrde. Im Internet war zu lesen, dass Bewegung und auch Treppen h\u00fcpfen helfen w\u00fcrde, den Stein los zu werden. Also h\u00fcpfte ich die Treppen in meinem Stiegenhaus hinunter und auch in meiner Wohnung herum. Viel trinken sollte ich auch. Allerdings hat das den Nachteil, dass die Niere mehr arbeiten muss und die Harnleiter dann ihre Kontraktionen erh\u00f6hen. Das treibt zwar den Nierenstein hinaus (wenn er sich hinaustreiben l\u00e4sst, bewirkt aber die mir inzwischen bekannten h\u00f6llischen Schmerzen.<br \/>\nSie bewirkten wiederum dass ich keinen Hunger hatte. Am Abend war ich bei einer Kollegin zum Essen eingeladen, wusste aber nicht, ob ich das ohne neue Kolik schaffen w\u00fcrde. Die Vorstellung, am Motorroller von diesen Schmerzen \u00fcberrascht zu werden, von denen ich nie wusste, wann sie kommen w\u00fcrden, war weniger erbaulich.<br \/>\nIrgendwann fuhr ich aber hin (es sind nur wenige Minuten) und konnte auch was essen &#8211; wenngleich nur vergleichsweise wenig. <\/p>\n<p>In der Nacht kamen die Schmerzen wieder und ich begann langsam Angst davor zu bekommen. \u00c4ngste sind ja nie angenehm, aber die Angst vor unerwartetem Schmerz ist eine besonders unangenehme.<br \/>\nBesonders schlimm ist es in der Fr\u00fch, wenn die Niere zu arbeiten anf\u00e4ngt. Dummerweise hatte ich am Montag mehrere wichtige Termine. Den ersten konnte ich verschieben, der zweite bestand aus zwei schwierigen und langen Interviews bei einem Kunden. Ich wollte sie nicht verschieben, hatte aber um f\u00fcnf Uhr morgens wieder eine so starke Kolik, dass ich keinen Ausweg mehr wusste als wieder ins AKH zu fahren.<\/p>\n<p>Um 07:30 machte ich mich auf den Weg und wusste, dass ich gleich zur Urologie-Ambulanz gehen konnte. Die befindet sich auf 8D und hat die schon bekannte Leitstelle.<br \/>\nDummerweise war ich nicht der einzige, die Sesselreihen im Wartebereich waren schon halbvoll. Ich konnte mir ausrechnen, wie lange ich hier warten m\u00fcsste und wusste: das stehe ich nicht durch!<br \/>\nAlso griff ich zu einem Trick, der zwar alt, aber bew\u00e4hrt ist. Und ich musste genau genommen gar nicht schummeln, denn ich hatte ja Schmerzen und es ging mir tats\u00e4chlich nicht sehr gut.<br \/>\nAlso durfte ich mich auf ein bereit stehendes Bett legen und dann warten, bis die \u00c4rzte aus der Morgenbesprechung kamen.<br \/>\nDas dauerte nicht lange und ich wurde aufgerufen. Ein junger Arzt begleitete mich in sein Behandlungszimmer und h\u00f6rte sich meine Geschichte an.<br \/>\nEine Ultraschall-Untersuchung zeigte: Stark gestaute Niere. Der Stein war definitiv noch nicht weg. Okay, das h\u00e4tte ich auch so gewusst.<br \/>\nTrotzdem meinte der Arzt, er w\u00fcrde gerne noch bei der konservativen Therapie bleiben. Leider k\u00f6nne man nicht sagen, wie weit sich der Stein schon fortbewegt h\u00e4tte, denn es g\u00e4be keine M\u00f6glichkeit das im Ultraschall zu sehen und noch ein CT wolle er mir wegen der Strahlenbelastung nicht antun.<br \/>\nDas mit der Strahlenbelastung erschien mir komisch, ich war aber nicht kr\u00e4ftig genug um Widerstand zu leisten und wollte den Stein ja auch durch nat\u00fcrlichen Abgang loswerden.<br \/>\nEr w\u00fcrde mir die Novalgin-Tabletten in einer gro\u00dfen Packung verschreiben, ich m\u00fcsse dazu aber ein paar Minuten warten, weil sie chefarztpflichtig w\u00e4ren.<br \/>\nAlso warten. Gl\u00fccklicherweise dauerte es nur ca. 30 Minuten, dann bekam ich mein Rezept und ging wieder, da und dort h\u00fcpfend und mit sehr gemischten Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p>Das erste Interview konnte ich machen, wenngleich ich es auch nach einer guten Stunde abbrechen musste. Das zweite ging gar nicht mehr, ich musste nach Hause fahren um mich auszuruhen. Auch zum Abendtermin musste ich mich entschuldigen.<\/p>\n<p>Das Gemeine ist das Auf und Ab. Manchmal war ich fast schmerzfrei und dachte mir: Hurra, der Stein hat den Harnleiter durchwandert, ist in der Blase angekommen und wartet jetzt nur darauf ausgesp\u00fclt zu werden. Ich pinkelte ja schon seit dem Krankenhaus brav durch ein Sieb, bisher war aber noch kein Stein erschienen.<br \/>\nDas blieb leider auch den ganzen Montag so und machte mir einigerma\u00dfen zu schaffen. Es tauchen st\u00e4ndig Fragen und Phantasien auf, die ins Leere gehen: Ist der Stein vielleicht doch zu dick, obwohl der Arzt gesagt hatte, dass er mit 3 mm oder 4 mm durchpassen m\u00fcsste?<br \/>\nWas ist, wenn die Koliken \u00f6fter kommen? Und wenn sie st\u00e4rker werden? Kann da sonst noch was passieren? Die grauenvolle Vorstellung einer \u00fcberstauten und platzenden Niere kommt einem nur in solchen Situationen.<br \/>\nDie Hauptfrage war und blieb aber: Wann kommt der bl\u00f6de Stein raus? und wo befindet er sich schon? Ich war am Vortag eine Runde im T\u00fcrkenschanzpark spazieren gegangen, das hatte nichts geholfen. Jetzt h\u00fcpfte ich wieder herum und hoffte st\u00e4ndig auf den entscheidenden Ruck. Der kam aber nicht und ich a\u00df die Reste vom Vorabend, die ich von meiner Kollegin mitbekommen hatte. <\/p>\n<p>Die Nacht war wieder mittelpr\u00e4chtig. Da die Niere in der Nacht auch ruht konnte ich einigerma\u00dfen gut schlafen. Am Dienstag Vormittag ging ich noch einmal eine Runde in den T\u00fcrkenschanzpark, was aber ebenfalls nichts bewirkte.<br \/>\nZu Mittag hatte ich einen wichtigen Akquisitionstermin f\u00fcr ein neues Projekt gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne. Den konnte ich einigerma\u00dfen w\u00fcrdevoll absolvieren und danach sogar noch nach Traiskirchen fahren, um die neue Kurbelwelle f\u00fcr die Crank-E-Vespa abdrehen zu lassen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, waren aber immer da. Und ich wusste nat\u00fcrlich nicht, wie stark sie ohne die Tabletten w\u00e4ren. Das ist auch ein beunruhigender Faktor.<\/p>\n<p>Am Abend wurde es schlimmer und bei mir setzte langsam eine gewisse Verzweiflung ein. Wie lang k\u00f6nnte das noch dauern? Wo ist dieser verdammte Stein und wann geht er endlich ab? Bei jedem Mal pinkeln die Hoffnung, bei jedem Mal die Entt\u00e4uschung und die Gewissheit, dass die n\u00e4chste Kolik wohl nicht mehr fern w\u00e4re.<br \/>\nAuch die Qualit\u00e4t der Koliken ver\u00e4nderte sich &#8211; sie wurden st\u00e4rker, wenngleich ich mich psychisch schon darauf einstellen konnte, wenn das Ziehen begann. Daf\u00fcr hielten sie l\u00e4nger an &#8211; was zu Beginn noch in 20 Minuten erledigt war, dauerte jetzt zwei Stunden. Das begann mich langsam aber sicher zu zerm\u00fcrben. <\/p>\n<p>Mittwoch Mittag war es dann soweit. Ich hielt die Schmerzen einfach nicht mehr aus und fuhr ins AKH. Ich lebe in der komfortablen Situation das gr\u00f6\u00dfte Spital \u00d6sterreichs quasi vor der Haust\u00fcre zu haben. Die beiden riesigen T\u00fcrme des gr\u00f6\u00dften Skandalbaus der 1970er sind allgegenw\u00e4rtig, weshalb mein Gro\u00dfvater schon meinte: Die beiden T\u00fcrme sind der sch\u00f6nste Ort in ganz Wien, denn nur von dort sieht man die beiden T\u00fcrme nicht.<br \/>\nDas war mir aber heute herzlich egal, ich brauchte Hilfe. Auf der Notfall-Ambulanz wollte man mich aber nicht zum Urologen lassen, sondern schickte mich eine Schleife zur Erstbegutachtung. Dort hie\u00df es warten, lange warten. In einer Schlange stehend warten &#8211; wobei ich nicht wusste, wie lange ich es aushalten w\u00fcrde.<br \/>\nRettungen kamen und gingen, brachten Patientinnen und Patienten, die (mein alter Trick) sofort dran kamen. Ich erinnerte mich an die Patientia und konnte mich durch die \u00e4ltere Frau ablenken lassen, die im Rollstuhl sa\u00df und sich lautstark beschwerte, dass sie entf\u00fchrt worden sei. Die Rettung habe sie entf\u00fchrt, sie wollte eigentlich auf die Baumgartner H\u00f6he, aber die Rettung h\u00e4tte sie gegen ihren Willen ins AKH gef\u00fchrt.<br \/>\nMan ging mir ihr genauso routiniert um wie mit allen Patienten. Dann war ich endlich an der Reihe, &#8211; Fieber messen, Blutdruck und wieder ein Harntest.<br \/>\nDieser konnte aber nicht ordentlich ausgewertet werden, weil die Maschine streikte. Also meinte die \u00c4rztin zur Pflegerin, sie solle &#8222;manuell auswerten&#8220;, was sich aber zu einem mittleren Missverst\u00e4ndnisdrama entwickelte. (&#8222;Leuko negativ, bei 4&#8220; &#8211; &#8222;Was, Leuko?&#8220; &#8222;Nein, das dritte da&#8230;&#8220; usw.)<\/p>\n<p>Mir war das herzlich egal, ich wusste eh, was und wohin ich wollte. Dann also zur Anmeldung, wieder eine gr\u00fcne Mappe ausfassen (man h\u00e4tte die andere weiterverwenden k\u00f6nnen, sie war noch wie neu und ich hatte sie ja dabei), wieder warten vor dem Raum &#8222;G&#8220;.<br \/>\nDann kam der junge Arzt von Montag Morgen wieder. Das war f\u00fcr mich erfreulich, weil er mich schon kannte und wir gleich zur Sache kamen. Ich dachte, man k\u00f6nnte jetzt mit einem neuen CT zumindest Klarheit schaffen, ob der Stein kurz vor dem Abgang ist oder nicht. Doch das wurde abgelehnt, jetzt m\u00fcsse eine Schiene gelegt werden &#8211; kein gro\u00dfer Eingriff. Man w\u00fcrde mich station\u00e4r aufnehmen und ich bek\u00e4me die Schiene noch am gleichen Tag und k\u00f6nnte am n\u00e4chsten Tag wieder heim gehen.<br \/>\nDer Stein m\u00fcsste dann allerdings bei einem weiteren Termin ein paar Tage sp\u00e4ter herausoperiert werden, wenn er nicht zuf\u00e4llig dazwischen abgehen w\u00fcrde. Aber die Nierenstauung w\u00e4re beseitigt.<br \/>\nMir erschien das zwar okay, aber ich erlaubte mir sicherheitshalber noch nach einer Alternative zu fragen. Der Arzt dachte nach und meinte dann, doch, es g\u00e4be vielleicht noch eine andere M\u00f6glichkeit. Sie w\u00fcrden gerade eine Studie machen \u00fcber Schiene ja oder nein nach einer Steinentfernung. In diese Studie k\u00f6nnte er mich eventuell aufnehmen, aber das w\u00fcrde davon abh\u00e4ngen, was die An\u00e4sthesisten sagen, die nur auf Notfallbetrieb eingestellt w\u00e4ren. Er k\u00e4me sp\u00e4ter auf der Station zu mir und w\u00fcrde mir das sagen.<\/p>\n<p>Das waren grunds\u00e4tzlich einmal keine schlechten Nachrichten: Auf jeden Fall weniger Schmerzen, vielleicht sogar eine gr\u00f6\u00dfere L\u00f6sung.<br \/>\nAlso wanderte ich zur Urologiestation auf 17C, jetzt schon wieder mit wirklich starken Schmerzen.<br \/>\nDie Schwester machte die Aufnahme und ich kam in ein Zimmer. Dort gab es dann das ersehnte Fl\u00e4schchen mit Schmerzinfusion und die Schwester versprach mir, dass die Schmerzen in 15 Minuten vorbei w\u00e4ren.<br \/>\nDas war eine Perspektive, mit der ich gut leben konnte. Gl\u00fccklicherweise hatte ich au\u00dfer einem winzigen St\u00fcck Striezel in der Fr\u00fch nichts gegessen und auch nur wenig getrunken (aus Angst vor zu starken Koliken). Eine Operation w\u00e4re also m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ich bekam dann noch einen riesigen Tropf, damit der Durst nicht zu gro\u00df werden sollte, dem ich geduldig beim Tropfen zusah.<br \/>\nIn dem Zimmer lag noch ein alter Inder mit Turban und langem, wei\u00dfem Bart samt Frau, Tochter und Enkelin, die alle irgendwie gleich aussahen, nur unterschiedlich alt.<br \/>\nUnd ein \u00e4lterer Herr, der eine Prostataoperation aufgrund von Krebs gerade hinter sich hatte. Sie war allerdings schon so lange vorbei, dass er sehr energiegeladen mit seiner Frau und seiner Tochter streiten konnte, und zwar laut und ohne Pause. Es war eine Unterhaltung, die ich nicht wiedergeben kann und will. Dann kam noch der Sohn, der ebenfalls Arzt sein d\u00fcrfte und man unterhielt sich gemeinsam \u00fcber die Professoren und wer gut und wer schlecht w\u00e4re und \u00fcber noch sehr vieles andere. Die Inder verstand ich wenigstens nicht, das war ein Segen.<\/p>\n<p>Es dauerte eine Zeit, aber dann kam der junge Arzt und meinte, die Chancen f\u00fcr die gro\u00dfe L\u00f6sung st\u00e4nden gut, ich m\u00fcsste nur mehr hier und hier und hier und hier unterschreiben und dann k\u00f6nnte ich heute noch operiert werden. Wann genau k\u00f6nne er mir nicht sagen, das hinge von den An\u00e4sthesisten ab und wann sie einen Slot f\u00fcr unsere Geschichte h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ich war definitiv erfreut, sehr erfreut sogar. Vom sehr netten Nachtpfleger (es war inzwischen ca 21 Uhr) bekam ich ein Operationshemd (hinten offen) und die Nachricht, dass es jetzt irgendwann losgehen w\u00fcrde.<br \/>\nDiese jetzt irgendwann kam keine Minute sp\u00e4ter. Ein Pfleger kam (&#8222;i bin des Taxi&#8220;) und nahm mich mit. Meine Stimmung war ob der Aussicht auf baldige endg\u00fcltige Schmerzfreiheit exzellent.<br \/>\nWir fuhren durch die G\u00e4nge in den Vorbereitungsraum, wo eine sehr nette OP-Schwester auf mich wartete. Ich erkl\u00e4rte, dass ich mit absolut allem einverstanden w\u00e4re, was sie von mir wolle.<br \/>\nEs musste noch entschieden werden, ob die An\u00e4sthesistin bei einer Geburt dabei sein w\u00fcrde oder ob ich gleich dran w\u00e4re, der Arzt sch\u00e4tzte die Dauer meiner Operation auf eine halbe Stunde und schon ging es los.<br \/>\nAuf die Frage, ob ich eine Vollnarkose bek\u00e4me, grinste der Arzt und meinte: ja, das w\u00fcrde ich mir bewusst nicht anschauen wollen.<\/p>\n<p>Der Aufwachraum. Ich kannte so etwas schon von meiner Siebbeinh\u00f6hlen-Operation. Es ist ein komisches Gef\u00fchl, aber ich war irgendwie bester Laune und als ein Pfleger einen Sack mit Eisw\u00fcrfeln brachte (um wen oder was auch immer zu k\u00fchlen), orderte ich ein Gin Tonic.<br \/>\nDas bekam ich zwar nicht, aber die Stimmung im Aufwachraum war okay.<\/p>\n<p>Irgendwie bekam ich noch mit, dass die Operation offenbar gut verlaufen war. Das ist \u00fcbrigens eine irre Sache &#8211; sie fahren mit einem Endoskop durch die Harnr\u00f6hre in die Harnblase und von dort weiter in den Harnleiter. Auf diesem Endoskop befinden sich neben der Kamera und einer Lampe noch ein Greifarm, um den Stein packen zu k\u00f6nnen und eine Laserkanone, um ihn zu zertr\u00fcmmern. Und das alles passt da durch &#8211; mir eigentlich unbegreiflich.<br \/>\nIch bin der Schulmedizin in vielen Dingen durchaus kritisch gegen\u00fcber eingestellt, aber in ebenso vielen Dingen wissen die schon, was sie tun und k\u00f6nnen es auch sehr gut. Auch der Stand der Technik ist bewundernswert. Ich stelle mir vor mit dem Nierenstein bei einem Schamanen in Behandlung zu sein und es kommt mir absurd vor. Wobei ich nichts gegen Schamanismus habe &#8211; letztlich hat alles seine Berechtigung, aber auch seine Grenzen.<\/p>\n<p>In der Fr\u00fch ging es mir dann pl\u00f6tzlich gar nicht gut. Ich hatte zwar keine Koliken mehr, aber starken Harndrang. Doch das war es nicht. Ich brauchte eine Zeit um drauf zu kommen, was mein Problem war. Mir ging es irgendwie hundeelend und ich wusste nicht warum. Ich war sehr schwach, der Kreislauf lie\u00df noch nicht zu, dass ich aufstand und als ich auf\u00b4s Klo ging, konnte ich einen Zusammenbruch gerade noch vermeiden. Das war zwar scheu\u00dflich, aber noch keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr meinen Zustand.<br \/>\nDann entdeckte ich, dass mein Problem psychischer Natur war. Ich hatte pl\u00f6tzlich keinen Halt, irgendwie nur negative Gedanken, die sich ineinander verwoben, um sich drehten, wuchsen, intensiver wurden. Es war keine Angst, keine Panik, aber ein Unwohlsein an der Grenze des Ertr\u00e4glichen.<br \/>\nIch wusste, dass ich positive Gedanken br\u00e4uchte &#8211; konnte sie aber nicht fassen. Zuk\u00fcnftige Vespa-Touren durch sonnendurchflutete Landschaften &#8211; funktionierte nicht. Fast am schlimmsten war, dass ich keine Ahnung hatte, was da los war.<\/p>\n<p>Dann kam der Arzt, der mich operiert hatte. Er brachte die gute Nachricht, dass die Operation gut verlaufen w\u00e4re und man den Stein zertr\u00fcmmern h\u00e4tte k\u00f6nnen. Danach wurden die Fragmente entfernt und ich bekam die Schiene in den Harnleiter (\u00fcbrigens 26 cm lang). In die Studie wurde ich nicht aufgenommen, da bei den Verletzungen meines sehr engen Harnleiters diese sowieso obligat gewesen w\u00e4re.<br \/>\nUnd es war klar: Der Stein w\u00e4re von alleine nie und nimmer abgegangen &#8211; er war zu gro\u00df f\u00fcr meinen Harnleiter und steckte immer noch dort, wo er f\u00fcnf Tage zuvor diagnostiziert worden war.<br \/>\nAll das H\u00fcpfen und Hoffen waren umsonst gewesen &#8211; aber wer h\u00e4tte das wissen k\u00f6nnen?<br \/>\nIch w\u00fcrde wohl noch einige Tage Blut im Urin haben und die Schiene k\u00f6nnte zwicken &#8211; aber sonst sollte ab jetzt alles okay sein, meinte er. Und ich k\u00f6nnte heute noch nach Hause gehen oder aber noch eine Nacht da bleiben &#8211; sie h\u00e4tten gerade gen\u00fcgend Betten und das w\u00e4re kein Problem.<\/p>\n<p>Meine Stimmung besserte sich, ich verga\u00df aber leider noch einige wichtige Fragen zu stellen &#8211; was ich sp\u00e4ter bereuen sollte.<br \/>\nAuch bei der Visite, die durch einen mir unbekannten Oberarzt durchgef\u00fchrt wurde, hatte ich die richtigen Fragen nicht parat &#8211; etwa woher die Koliken kommen k\u00f6nnten, die der Oberarzt als m\u00f6gliche Nachwirkungen erw\u00e4hnte. Er meinte aber auch, dass all die Schmerzen, die jetzt kommen w\u00fcrden, kein Vergleich mit dem w\u00e4ren, was ich durchgemacht h\u00e4tte. Das war beruhigend.<\/p>\n<p>Ich blieb noch einige Stunden, genau genommen bis zum Mittagessen, von dem ich aber nur ein paar Bissen runterbrachte. Immerhin, ein wenig Appetit kam langsam zur\u00fcck, ich hatte in der Fr\u00fch nur die Banane gegessen und f\u00fchlte mich insgesamt noch sehr schwach.<br \/>\nDann war es Zeit zu gehen. Dummerweise war die Schwester grad so besch\u00e4ftigt, dass sie mir keine Entlassungspapiere vorbereiten konnte. Auch die \u00c4rztin, von der noch Papiere fehlten, war gerade nicht verf\u00fcgbar.<br \/>\nAlso ging ich so &#8211; aus \u00e4rztlicher Sicht war ich ja (m\u00fcndlich) entlassen worden. Mit etwas wackeligen Beinen, aber ohne Schmerzen. Daf\u00fcr mit dem Gef\u00fchl als m\u00fcsste ich st\u00e4ndig pinkeln. Die Papiere, so meinte die Schwester, k\u00f6nnte ich irgendwann abholen, da ging es vor allem um den Patientenbrief f\u00fcr den Urologen, der mir in zwei Wochen die Schiene entfernen sollte.<\/p>\n<p>Es war ein traumhafter Tag und ich war fertig. Der Heimweg hatte viel Kraft gekostet und wahrscheinlich hatte ich auch noch Nachwirkungen von der Narkose.<br \/>\nIn der Nacht von Donnerstag auf Freitag konnte ich ganz gut schlafen und hatte einiges aufzuholen. Auf jeden Fall jedoch eine wichtige Projektbesprechung, zu der ich in den dritten Bezirk fahren musste. Das klappte aber, wenngleich ich mich bei der Besprechung sehr konzentrieren musste.<br \/>\nAber der Appetit kam wieder und mit dem Essen auch die Kraft. Die Schiene dr\u00fcckte, Harnlassen schmerzte und auch ganz generell f\u00fchlte ich mich alles andere als gesund und war froh, als ich wieder daheim war.<\/p>\n<p>Dann kam ein leichtes Ziehen links hinten. Nur ganz leicht, aber das l\u00f6ste sofort ein deutlich sp\u00fcrbares Angstgef\u00fchl aus. Angst vor den Schmerzen, die ich schon kannte. Wobei &#8211; ein wenig Ziehen macht noch nichts.<br \/>\nDoch das Ziehen wurde st\u00e4rker und st\u00e4rker. Ich musste mich wieder ins Bett legen, doch auch da wurden die Schmerzen wieder st\u00e4rker. Zu meiner riesigen Entt\u00e4uschung wurde klar: Das ist der alte Schmerz, das ist die linke Niere, das ist der totale Frust. Meine Stimmung entwickelte sich zu einer Mischung aus \u00c4rger auf alles, Entt\u00e4uschung, Frust, Hilflosigkeit und ein Rest von Hoffnung, dass das irgendwie schnell vorbeigehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es ging nicht vorbei, ganz im Gegenteil. Die Schmerzen wurden st\u00e4rker und st\u00e4rker, ich schluckte zwei Novalgin (eigentlich hatte ich gehofft ohne Schmerzmittel \u00fcber die Runden zu kommen) und nahm sp\u00e4ter noch Novalgin-Tropfen.<br \/>\nDoch es nutzte nichts. Die Schmerzen wurden mehr und mehr, nicht ganz so stechend wie der Blitz, der vor der Operation immer wieder eingeschlagen hatte, aber in Summe nicht viel leichter. Und vor allem gingen sie nicht mehr weg, sondern nahmen kontinuierlich zu, so wie meine Angst, dass es von vorne losgehen w\u00fcrde.<br \/>\nIch erinnerte mich an die Worte des Arztes bei der Visite, dass Koliken durchaus noch m\u00f6glich w\u00e4ren und \u00e4rgerte mich, dass ich ihn nicht gefragt hatte, woher die kommen w\u00fcrden. Das freundliche Nicken auf meine Frage, ob die Schmerzen eh lange nicht so stark sein w\u00fcrden wie vor der Operation, erschien mir jetzt wie blanker Hohn.<br \/>\nGanz besonders schlimm war die Ungewissheit nicht zu wissen, wo die Schmerzen herkamen. Der Stein war doch drau\u00dfen &#8211; was veranlasste den Harnleiter zu diesen schmerzhaften Kontraktionen? Und wieso waren die so stark, wenn sie doch nur leichte Nachwehen h\u00e4tten sein sollen?<\/p>\n<p>Und vor allem: Was kann ich jetzt tun? Die Schmerzen waren eigentlich nicht aashaltbar, vor allem, weil die Schmerzmittel gef\u00fchlterma\u00dfen \u00fcberhaupt nicht (mehr) ansprachen.<br \/>\nBei einem kurzen Telefonat empfahl mir Susanne doch den \u00c4rztefunkdienst anzurufen und um Rat zu fragen. Ich hatte sonst ja nur mehr die Option mich mit der Rettung wieder ins AKH bringen zu lassen &#8211; keine angenehme Vorstellung: wieder die gleiche Prozedur, wieder das Warten &#8211; ich hatte einfach keine Lust.<br \/>\nDie nette \u00c4rztin vom \u00c4rztefunkdienst war jedoch ein Lichtblick. Sie meinte, es k\u00f6nnte sein, dass ein kleiner Rest des Nierensteins noch irgendwo steckte und diese Schmerzen &#8211; ja, auch starke Schmerzen &#8211; verursachte.<br \/>\nAllein diese Erkl\u00e4rung half mir schon und auch die Tatsache, dass mir jemand zuh\u00f6rte, der kompetent war. Sie meinte, dass sie mir einen Kollegen vorbei schicken k\u00f6nnte, der mir ein st\u00e4rkeres Schmerzmittel geben k\u00f6nnte und ob ich es noch so lange aushalten w\u00fcrde, denn die Wartezeit w\u00fcrde etwa eine Stunde betragen.<br \/>\nIch antwortete ihr, dass das v\u00f6llig in Ordnung w\u00e4re und dass es mir ohnehin unangenehm sei, einen Arzt von vielleicht wichtigeren Eins\u00e4tzen abzuhalten.<br \/>\nIhre Reaktion war deutlich: &#8222;Wir wissen, wie Nierenkoliken sind. Da wird der leichte Schnupfen von jemand anderem halt warten m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Also wartete ich und beschloss, in der Zwischenzeit eine Dusche zu nehmen. Als ich gerade das Wasser aufdrehte, l\u00e4utete es an der T\u00fcre. Es war bereits der Notarzt, der mich auch sofort untersuchte: Bauch abtasten, schauen, wo es schmerzt &#8211; Ergebnis: Bauch weich, Schmerzen wahrscheinlich von einem Nierensteinrest &#8211; gleiche Diagnose wie von der \u00c4rztin am Telefon.<br \/>\nDer Arzt empfahl mir eine Novalgin-Spritze intramuskul\u00e4r &#8211; hinein in den Hintern und nach ca. 45 Minuten w\u00fcrde dann die volle Wirkung einsetzen. Das w\u00e4re insofern gut, weil ich dann beim gleichen Schmerzmittel bleiben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Also hinein mit dem Jauckerl! Und dann warten. Lange warten, denn nach 45 Minuten geschah leider erst einmal gar nichts und meine Verzweiflung nahm langsam wieder zu. Was, wenn das Mittel nicht wirkt? Und was ist mit dem Nierensteines &#8211; geht der diesmal von alleine ab?<br \/>\nEs dauerte 75 Minuten, dann aber setzte die Wirkung fast schlagartig ein und die Schmerzen lie\u00dfen deutlich nach, gingen fast ganz weg. Unterst\u00fctzend wirkte, dass ich mich langsam entspannte, als die Schmerzen weniger wurden, auch durch die Gewissheit, dass zumindest das Mittel jetzt wirken w\u00fcrde.<br \/>\nAls ich etwas sp\u00e4ter pinkeln ging, sah ich auf einmal ein kleines, schwarzes Ding in der Muschel, das aber wenige Sekunden sp\u00e4ter hinunter rutschte, noch bevor ich es bergen konnte.<br \/>\nMeine Hoffnung war, dass dies das letzte Restst\u00fcck vom Nierenstein war, das bei der Operation \u00fcbersehen wurde. Da gebe ich die Schuld nicht dem Operateur, denn es war irgendwie einleuchtend, dass in diesem geschwollenen Harnleiterchaos mit der kleinen Endoskopkamera keine Garantie inkludiert sein konnte, dass alle Teile restlos entfernt werden konnten. <\/p>\n<p>Hoffentlich war es das. Hoffentlich. Ein bisschen Gl\u00fcck h\u00e4tte ich jetzt verdient.<br \/>\nAlso die Nacht abwarten. Gl\u00fccklicherweise ohne Schmerzen, nur mit starken Schwei\u00dfausbr\u00fcchen, die aber als Nebenwirkung von der Spritze angek\u00fcndigt waren und kein Problem darstellten.<br \/>\nNach einer durchschwitzten Nacht wachte ich Samstag fr\u00fch schmerzfrei auf. Das Gef\u00fchl in der Nierengegend war gut, es war keinerlei Ziehen mehr da, wobei ich nat\u00fcrlich nicht wusste, wie das ohne Schmerzmittel aussehen w\u00fcrde und auch nicht, ob und wie stark die Spritze noch wirkte.<br \/>\nZur Sicherheit beschloss ich noch ein oder zwei Novalgin einzuwerfen, denn ich hatte einfach \u00fcberhaupt keine Lust auf neue Schmerzen, auch nicht auf schwache.<br \/>\nDoch es kamen keine Schmerzen, und zwar auch nicht, als ich zu Mittag keine weiteren Tabletten mehr nahm. Und auch nicht am Nachmittag oder am Abend. Nur das unangenehme Gef\u00fchl des dauernden Harndrangs, das ich darauf zur\u00fcck f\u00fchrte, dass die Schiene (ein 26 cm langer Plastikschlauch) in der Harnblase Druck verursachte, was diese als Harndrangsgef\u00fchl weiterleitete.<br \/>\nDas war unangenehm, aber auszuhalten. Der Urin entsprach farblich in etwa einem gepflegten Rotwein, das war jedoch normal, wie der Arzt mir versichert hatte.<\/p>\n<p>So \u00fcberstand ich den Samstag und die Chancen stiegen, dass die Nierensteingeschichte jetzt \u00fcberwunden war. Ich beschloss noch auf den Sonntag zu warten, der jedoch auch ohne neue Schmerzen ablief. Alles inzwischen ohne Schmerzmittel und somit quasi &#8222;real&#8220;.<br \/>\nMeine Lebensgeister kamen langsam zur\u00fcck, denn jeder neue Tag vergr\u00f6\u00dferte die Chance, dass es \u00fcberstanden war. Der Blasendruck war und blieb unangenehm, der Urin wurde langsam gelb, dann wieder r\u00f6tlicher, dann wieder gelb, wieder r\u00f6tlicher &#8211; wahrscheinlich eine normale Entwicklung. Ich w\u00fcrde das den Urologen fragen, mit dem ich mir ja einen Termin f\u00fcr die Schienenentfernung ausmachen musste.<\/p>\n<p>In der Ordination wurde mir best\u00e4tigt, dass der Urologe die Schiene ambulant entfernen k\u00f6nnte, einen Termin g\u00e4be es aber erst wieder Mitte August.<br \/>\nAuf meine Frage, was ich denn dann tun k\u00f6nnte, antwortete die nette Sprechstundenhilfe, dass ich einfach zur Ordinationszeit vorbei kommen k\u00f6nnte, aber es w\u00fcrde halt eher lange dauern und ich sollte eine Menge Geduld mitbringen.<br \/>\nMein Gedanke: Wenn schon vorher eine ewige Wartezeit angek\u00fcndigt wird &#8211; wie sieht das dann in der Praxis aus?<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise fiel mir bei meiner Internetrecherche der J\u00f6rg auf, ein alter Bekannter, bei dem ich vergessen hatte, dass er ja Urologe ist. Ich hatte beim Aufbau der Vespa seines Sohnes mitgeholfen und irgendwie war es da dann doch leichter einen echten Termin zu bekommen. <\/p>\n<p>J\u00f6rg empfahl mir die zwei Wochen auf jeden Fall abzuwarten, damit der Harnleiter ordentlich ausheilen k\u00f6nnte. Sehr angenehm war diese Vorstellung nicht, aber der Gedanke, dass es danach zu Komplikationen kommen k\u00f6nnte, war noch weniger erfrischend.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Tage w\u00fcrde ich als mittelpr\u00e4chtig beschreiben. Nierenschmerzen gab es keine mehr, doch der st\u00e4ndige Blasendruck war nervig. Dazu kam die weiterhin wechselnde Urinfarbe, die ebenfalls demotivierend wirkte: J\u00f6\u00f6, kein Blut mehr&#8230; und dann, meist am Abend: alles wieder rot.<br \/>\nWas wirklich half: Bier trinken. Vielleicht nur wegen der vermehrten Fl\u00fcssigkeitsaufnahme und der beruhigenden Wirkung des Alkohols, aber das war mir herzlich egal &#8211; es wirkte. <\/p>\n<p>So vergingen die Tage ohne nennenswerte Ver\u00e4nderung bis zum Dienstag, den 12. Juni. Ich fuhr mit dem Roller nach Baden, wo es nach nicht einmal f\u00fcnf Minuten Wartezeit zur Sache ging: Hose runter, auf eine Liege legen und schon kam J\u00f6rg samt Assistentin mit einem seltsamen Ger\u00e4t. Sein Versprechen das m\u00f6glichst sanft zu versuchen klang durchaus glaubw\u00fcrdig und ich war mir au\u00dferdem sicher, dass die Schmerzen im Vergleich zu dem, was ich durchgemacht hatte, maximal Kinderfaschingsqualit\u00e4ten haben w\u00fcrden und zudem noch sehr kurz andauern sollten.<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt muss ich an der Prostata vorbei&#8220; klang weniger verlockend, aber auch das war aushaltbar. Vor allem, weil keine zwei Minuten sp\u00e4ter die Schiene herau\u00dfen war &#8211; ein d\u00fcnner Plastikschlauch mit eingekringelten Enden. Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie das alles durch die Harnr\u00f6hre passt, aber es ist nun einmal so.<br \/>\nHose anziehen, mit herzlichem Dank verabschieden und schon ging es (nach einem kurzen Besuch am WC) wieder ab nach Hause. Das Brennen w\u00fcrde nicht lange anhalten, meinte J\u00f6rg, ein wenig Blut im Urin als Nachwirkung k\u00f6nnte es schon geben. Und ich h\u00e4tte ja sicher noch Schmerzmittel daheim.<\/p>\n<p>Mein Ehrgeiz war erwacht und ich wollte versuchen ohne Schmerzmittel die Nachwirkungen zu \u00fcberstehen. Der Blasendruck war leider immer noch da und am sp\u00e4ten Nachmittag kam auch noch ein leichtes Ziehen in der linken Nierengegend dazu. Ich kannte dieses Ziehen nur allzu gut, als aber J\u00f6rg am Abend noch einmal anrief, konnte er mich beruhigen: Da k\u00f6nnte nichts passieren, ein Nierenstau w\u00e4re auszuschlie\u00dfen und ich solle noch die Nacht abwarten.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen war das Gef\u00fchl gut &#8211; keine Schmerzen, ein sehr leichtes Brennen und klarer Urin. Wenn das so bleibt &#8211; alles bestens.<\/p>\n<p>Fazit: Auch einige Tage sp\u00e4ter blieb alles im gr\u00fcnen Bereich und es sieht so aus, als w\u00e4re die Sache endg\u00fcltig \u00fcberstanden. Ich hoffe, dass ich zu den 50% der Menschen geh\u00f6re, die keine weiteren Nierensteine mehr bekommt, denn diese Tortur m\u00f6chte ich nicht noch einmal durchmachen. Echt nicht. Und ich w\u00fcnsche sie auch niemandem, nicht einmal meinem schlimmsten Feind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die folgende Geschichte ist leider weder lustig noch erfreulich. Vielleicht kann sie aber den gesch\u00e4tzten LeserInnen dieses Weblogs die eine oder andere Erkenntnis liefern. Es begann letzten Freitag, am 25. Mai 2018 in der Fr\u00fch, kurz nach dem Aufstehen. Auf<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2489"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2501,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2489\/revisions\/2501"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}