{"id":2667,"date":"2019-08-03T15:45:01","date_gmt":"2019-08-03T14:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2667"},"modified":"2019-08-03T16:36:14","modified_gmt":"2019-08-03T15:36:14","slug":"ueberfluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/ueberfluss\/","title":{"rendered":"\u00dcberfluss"},"content":{"rendered":"<p>Neulich, bei mir um\u00b4s Eck, gehe ich an einem Erdgescho\u00dffenster vorbei und sehe am Fensterbrett ein halb gegessenes Kabab liegen.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2019.08.03_zuviel\/kebab.jpg\" title=\"kebab.jpg\" alt=\"kebab.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Essen am Fenster<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr sich jetzt noch kein besonderes Ereignis und auch nicht sehr berichtenswert. Ich m\u00f6chte trotzdem ein paar Gedanken dazu loswerden. <\/p>\n<p>Irgendwo in der N\u00e4he gibt es ein Kebabstandl, bei dem sich jemand eine Portion gekauft hat, das l\u00e4sst sich auch ohne detektivische F\u00e4higkeiten feststellen. Nach dem Verzehr der H\u00e4lfte hat diese Person den Rest auf das Fensterbrett gelegt und ist weggegangen. Vielleicht war er oder sie nicht mehr hungrig oder es ist etwas eingetreten &#8211; ein Anruf, der sofortiges Hinlegen des Kebabs und ebenso sofortiges Davoneilen notwendig gemacht hat. Vielleicht war nicht mehr die Zeit um den n\u00e4chsten Mistk\u00fcbel zu suchen. In Tatort-Fernsehkrimis gibt es solche Szenen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlicher ist, dass die Augen gr\u00f6\u00dfer waren als der Magen &#8211; das kommt vor, auch bei mir. Und dass es dem Esser schlicht und einfach egal war, wohin der Rest seines Essens gelangt. Irgendjemand wird die Reste schon wegr\u00e4umen. Es war ihm oder ihr vielleicht genauso egal wie die Gr\u00f6\u00dfe der Portion egal war.<br \/>\nMich erinnert das an die Malediven (im Reisebericht findet sich eine ausf\u00fchrlichere Analyse), wo sich die Menschen im Paradies w\u00e4hnen. Dort ist Verschwendung Teil des umfassenden Luxuslebens, in dem man nicht verantwortlich ist f\u00fcr sein eigenes Verhalten und tun und lassen kann, was man will.<br \/>\nAuch im Kebab-Fall orte ich kein besonders hohes Verantwortungsbewusstsein, weder gegen\u00fcber der Nahrung noch der Umwelt. Verst\u00e4ndlich wird das nur durch die \u00dcberflussgesellschaft. Wenn wir uns das Wort genauer ansehen, wird die eigentliche Bedeutung klar: Etwas flie\u00dft \u00fcber. Das, was \u00fcber den Rand flie\u00dft, wird nicht nur nicht gebraucht, es ist zu viel und im Idealfall verschwindet es m\u00f6glichst schnell. Das \u00dcberflie\u00dfende ist aber nicht nur st\u00f6rend, wenn es nicht von alleine verschwindet, sondern auch n\u00fctzlich, n\u00e4mlich als Zeichen, dass man mehr hat als man braucht und sogar mehr, als man verwenden, verbrauchen, konsumieren kann. Sparen ist kontraproduktiv, niemand w\u00fcrde das \u00dcberflie\u00dfende wieder zur\u00fcck in den Beh\u00e4lter leeren, da es ein sofortiges nochmaliges \u00dcberflie\u00dfen zur Folge h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Menschen waren fast die gesamte Evolutionsgeschichte lang Mangelwesen. Es gab zwar tempor\u00e4ren \u00dcberfluss, etwa wenn ein gro\u00dfes Tier erfolgreich gejagt war oder im Sp\u00e4tsommer Fr\u00fcchte ohne Ende zur Verf\u00fcgung standen, tendenziell gab es aber fast immer Grund zur Sorge.<br \/>\nAndauernder \u00dcberfluss muss f\u00fcr die Menschen eine nahezu unwiderstehliche Verlockung gewesen sein: immer warm, immer satt &#8211; das ist vor allem dann das Paradies, wenn man selbst nicht daf\u00fcr sorgen muss.<\/p>\n<p>Es ist wahrscheinlich, dass unser Kebab-Zur\u00fccklasser weder das Aluminium f\u00fcr die Folie selbst im Bergwerk abgebaut oder im Aluminiumwerk gewalzt hat, noch das Schwein oder Huhn geschlachtet oder den Weizen f\u00fcr die Flade selbst angebaut hat.<br \/>\nEr oder sie hat es gerade mal gekauft und selbst dieser Vorgang d\u00fcrfte schnell und ohne gro\u00dfe Anstrengung vonstatten gegangen sein. Es ist fast wie gef\u00fcttert werden. Dazu ist so ein Kebab auch noch sehr billig, d.h. es ist auch fast kein anderer Aufwand notwendig, um sich so ein Kebab kaufen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nWegwerfen steht nicht nur nicht unter Strafe, es ist ein gesellschaftlich gewollter Vorgang, der auch noch reich belohnt wird, n\u00e4mlich durch die Freude auf das n\u00e4chste Kauferlebnis. Wegwerfen hat sich zur Norm entwickelt, wenngleich die gesellschaftliche Forderung sehr wohl dahin geht, dass ordentlich weggeworfen wird. Das Kebab h\u00e4tte also mindestens im M\u00fclleimer landen m\u00fcssen.<br \/>\nAber selbst das ist nur empfohlen, da die Nichtbeachtung keine echten Folgen hat. Wie viel Prozent aller Zigarettenkippen werden &#8211; au\u00dfer vielleicht daheim &#8211; einfach in die Gegend geschnippt?<br \/>\nDie Umgebung wirkt wie ein riesiger Wunscherf\u00fcllungsraum, in dem ich in bestimmter Hinsicht tun und lassen kann, was ich will.<br \/>\nWenn wir uns ein wenig zur\u00fcckerinnern, dann war das nicht immer so. Meine Gro\u00dfmutter hat mir noch beigebracht, dass man Essen nicht wegwirft. Mehr nehmen oder kaufen, als man braucht, ist ein Fehler, sozusagen eine S\u00fcnde, die man tunlichst nicht begehen sollte.<\/p>\n<p>Diese kulturelle Norm ist heute fast g\u00e4nzlich verschwunden und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Wir br\u00fcsten uns mit dem \u00dcberfluss, protzen damit in die ganze Welt hinaus und wundern uns dann, wenn andere Menschen, die diesen \u00dcberfluss nicht haben, zu uns kommen. Ich erinnere: Das \u00dcberflie\u00dfende ist unbrauchbar und wir k\u00f6nnen froh sein, wenn es schnell verschwindet ohne uns Aufwand zu machen. Trotzdem geben wir es nicht gerne her.<br \/>\nIn der Kapitalismustheorie nennt man das den Trickle-Down-Effekt: Wenn die Reichen so reich sind, dass ihnen etwas \u00fcber den Tischrand f\u00e4llt und sie es aufgrund ihrer Tr\u00e4gheit oder aus anderen Gr\u00fcnden nicht mehr halten k\u00f6nnen, dann profitieren die Armen davon, die unter dem Tisch leben. Das sind \u00fcbrigens nicht einmal mehr Almosen, weil die werden noch gegeben. Das, was \u00fcber den Tischrand f\u00e4llt, tut dies quasi ungewollt und konnte nur nicht daran gehindert werden.<br \/>\nDie Armen erhalten es quasi durch Zufall und haben darauf auch kein Recht. Und wehe, sie greifen auf den Tisch hinauf. Das ist so streng verboten, dass Eigentumsdelikte in unserem Strafsystem oft h\u00e4rter bestraft werden als solche, die an Leib und Leben gehen. <\/p>\n<p>Interessanterweise lehnen sich die Armen nicht gegen dieses System auf. Das d\u00fcrfte mehrere Gr\u00fcnde haben:<br \/>\n1.) Es f\u00e4llt ausreichend viel runter und das, was runterf\u00e4llt, macht tr\u00e4ge und gleichg\u00fcltig. (&#8222;Gib dem \u00d6sterreicher ein Schnitzerl, ein Glaserl, ein Auto, ein Handy und einen Fernseher und er wird immer die Pappn halten, egal was du tust.&#8220; &#8211; das ist ein Zitat von mir)<br \/>\n2.) Kommt doch einmal \u00c4rger auf, dann wird er umgelenkt auf die noch \u00c4rmeren. (&#8222;Schau, da ist ein Ausl\u00e4nder, der will dir was wegnehmen. Ich besch\u00fctze dich vor ihm.&#8220;)<br \/>\n3.) Viele werden in dem Glauben gehalten, dass sie irgendwann oben am Tisch sitzen werden und bleiben selbst auch gern in diesem Glauben.<br \/>\n4.) Man gibt den Menschen das Gef\u00fchl, dass sie das Heruntergefallene selbst verdient und daher ein Recht auf uneingeschr\u00e4nkten Dauerluxus h\u00e4tten. (&#8222;Unser Geld f\u00fcr unsere Leut&#8220;.)<\/p>\n<p>Wie geht es weiter?<br \/>\nIn einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Vielleicht an Weisheit und \u00e4hnlichen immateriellen G\u00fctern, nicht aber an Materie, an Dingen. Der \u00dcberfluss hat also irgendwann ein Ende, sp\u00e4testens wenn alle davon profitieren wollen.<br \/>\nDerzeit sieht es so aus, als w\u00fcrde uns die Erde selbst eine Grenze setzen. Es wird spannend, ob wir diese akzeptieren oder versuchen uns dar\u00fcber hinweg zu setzen. Diese Entscheidung wird daf\u00fcr ausschlaggebend sein, ob wir nur unseren \u00dcberfluss abbauen m\u00fcssen oder durch ein dunkles Zeitalter durch m\u00fcssen.<br \/>\nMahatma Gandhi hat gesagt: Es gibt auf dieser Welt genug f\u00fcr jedermanns Bed\u00fcrfnisse, aber nicht f\u00fcr jedermanns Gier.<br \/>\nIch bin gespannt, ob die Menschen auf Gandhi h\u00f6ren werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich, bei mir um\u00b4s Eck, gehe ich an einem Erdgescho\u00dffenster vorbei und sehe am Fensterbrett ein halb gegessenes Kabab liegen. Bild: Essen am Fenster Das ist f\u00fcr sich jetzt noch kein besonderes Ereignis und auch nicht sehr berichtenswert. Ich m\u00f6chte<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2667","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2667","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2667"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2667\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2670,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2667\/revisions\/2670"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2667"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2667"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2667"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}