{"id":2726,"date":"2021-05-06T09:10:33","date_gmt":"2021-05-06T08:10:33","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2726"},"modified":"2021-05-28T08:59:09","modified_gmt":"2021-05-28T07:59:09","slug":"und-nach-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/und-nach-corona\/","title":{"rendered":"Und nach Corona?"},"content":{"rendered":"<p>Vor weit \u00fcber hundert Jahren hatte die damals noch junge Firma Dupont eine Sprengstofffabrik, in der es h\u00e4ufig Unf\u00e4lle gab, mit Toten und Verletzten. Man bekam dieses Problem erst in den Griff, als man die Vorarbeiter samt ihren Familien mitten in der Fabrik ansiedelte. Danach sanken Anzahl und Schwere der Unf\u00e4lle drastisch.<\/p>\n<p>Wir haben es hier mit einem Widerspruch zwischen Chance und Risiko zu tun. Die Chance bestand darin, mit m\u00f6glichst wenig Aufwand m\u00f6glichst viel Gewinn zu erzielen, das Risiko in den Unf\u00e4llen.<br \/>\nDie Vorarbeiter waren f\u00fcr den Arbeitsablauf verantwortlich, mussten die Risiken aber nicht oder fast nicht mittragen. Erst als ihre Familien Teil des Risikos wurden, waren sie bereit auf einen Teil des Gewinns zu verzichten und Sicherheitsma\u00dfnahmen einzuf\u00fchren, die letztlich dazu f\u00fchrten, dass die Firma Dupont ein relevanter Player in der Sicherheitstechnikbranche wurde.<\/p>\n<p>Was hat das mit Corona zu tun?<br \/>\nMenschen f\u00fchlen Risiken nicht, wenn sie davon nicht selbst betroffen sind und sind daher auch nicht bereit, diese Risiken mit eigenem Aufwand zu minimieren. Und sie sind auch selten bereit ihr Handeln zu ver\u00e4ndern, wenn die Beibehaltung keine Konsequenzen mit sich zieht. Wenn ein Manager oder eine Managerin eine Firma an die Wand f\u00e4hrt und daf\u00fcr auch noch einen Bonus bekommt, wird er\/sie daraus maximal lernen, es das n\u00e4chste Mal wieder so zu machen.<\/p>\n<p>Corona zeigt uns jetzt die eigene Beteiligung, indem klar wird, dass wir es sind, die die Viren verbreiten, und zwar durch unsere Anspr\u00fcche an die Globalisierung. Zugleich wollen wir unsere Gewohnheiten, vor allem aber Luxus und Bequemlichkeit nicht einschr\u00e4nken. Jemand hat im Internet geschrieben, dass Corona uns in Hausarrest schickt, wie Kinder, die dar\u00fcber nachdenken sollen, was sie falsch gemacht haben.<br \/>\nLuxus war urspr\u00fcnglich das Besondere, das seinen Reiz durch den Mangel in der Normalit\u00e4t bekam. Das Zeichen war der Preis. Heute haben wir den Anspruch auf billigen Luxus f\u00fcr alle, mindestens aber f\u00fcr uns selbst.<br \/>\nDass das nicht lange gut gehen kann, zeigt das alte Handwerkerbeispiel: Der ideale Handwerker soll schnell, g\u00fcnstig und gut sein. Dummerweise gibt es diesen Handwerker nicht &#8211; wer schnell und g\u00fcnstig ist, liefert meistens qualitativen Pfusch ab. Wer schnell und gut ist, hat seinen Preis und wer g\u00fcnstig und gut ist, braucht daf\u00fcr ewig.<br \/>\nCorona deckt unseren Egoismus auf, getarnt als gesellschaftlich hoher Wert des Individualismus, gef\u00f6rdert durch die neoliberale Ideologie des Rechts des St\u00e4rkeren. Begr\u00fcndet wird das mantrahaft damit, dass es &#8222;der Markt verlangt&#8220; und es daher so etwas die ein Gesetz w\u00e4re. Gerne sprechen die Vertreter dieser Ideologie auch vom &#8222;Gesetz des freien Marktes&#8220;.<\/p>\n<p>Zugleich sind wir mit einer ganzen Reihe an \u00dcberhitzungen konfrontiert. Vielleicht ist es auch kein Zufall, jedenfalls aber eine Ironie des Schicksals, dass uns die Erde daf\u00fcr \u00dcberhitzung liefert, deren Folgen wir nicht entkommen, auch wenn wir wollen.<\/p>\n<p>Das betrifft vor allem zwei Bereiche: Reisen und Warenproduktion.<\/p>\n<p><strong>1.) Reisen<\/strong><\/p>\n<p>Sehr viele Menschen finden es &#8222;cool&#8220; \u00fcbers Wochenende nach London, Paris oder Mailand zu fliegen, oder eine Woche nach Dubai, drei Wochen nach Australien oder zum Meeting nach Berlin, New York oder sogar Peking.<br \/>\nWir (mich nicht ausgenommen) haben uns daran gew\u00f6hnt, dass Reisen &#8211; genauer: Flugreisen &#8211; zu unserem Leben, unserer Kultur, unserem Standard, ja sogar Mindeststandard geh\u00f6ren. Jegliche Einschr\u00e4nkung dieser &#8222;Freiheit&#8220; wird als unn\u00f6tige Schikane empfunden, bei der uns jemand Freiheit wegnehmen will. Da werden sofort niedere Motive unterstellt, \u00e4hnlich wie bei der Parkraumbewirtschaftung (&#8222;Abzocke&#8220;) und wir empfinden es als ungerecht, vielleicht auch, weil uns die Werbung seit Jahrzehnten suggeriert, dass wir alles verdienen, was es auf dieser Welt an Luxus und Freuden gibt.<br \/>\nEntscheidend ist jedoch, dass diese Einschr\u00e4nkungen sogar empfunden werden, wenn die Preise f\u00fcr den Luxus steigen, denn erstens empfinden wir diese Freiheiten nicht mehr als Luxus, sondern als Normalzustand und zweitens gew\u00f6hnen wir uns an die niedrigen Preise und empfinden sie ebenfalls als normal.<br \/>\nSobald sie dann steigen, sind sie logischerweise abnormal und das soll, darf, kann nicht sein. Bei der Suche nach Schuldigen ist schnell wer gefunden, aber auch bei der Suche nach der Rettung ist der Messias nicht weit: der &#8222;freie Markt&#8220; &#8211; er soll garantieren, dass jeder Mensch das angesprochene Recht auf uneingeschr\u00e4nkten Luxus jederzeit und \u00fcberall und ohne irgendwelche negativen Konsequenzen aus\u00fcben kann.<br \/>\nEine Einschr\u00e4nkung &#8211; welcher Art auch immer &#8211; wird als Angriff auf die eigenen Rechte empfunden und man beh\u00e4lt sich rechtliche Ma\u00dfnahmen vor.<br \/>\nWenn also im Urlaubsort das Hotel nicht ganz den Erwartungen entspricht, wird eine Klage \u00fcberlegt. Wenn der Flug sich um eine Stunde versp\u00e4tet, ist das Grund zu grenzenloser Emp\u00f6rung.<br \/>\nDas Problem liegt darin, dass wir uns sehr schnell an Normalit\u00e4ten gew\u00f6hnen, wenn sie auf dem Weg der Bequemlichkeit erreicht werden, uns aber sehr schwer tun mit neuen Normalit\u00e4ten, die aus Einschr\u00e4nkungen entstehen.<br \/>\nWir glauben an ein Recht der st\u00e4ndigen Verbesserung unserer Bequemlichkeit, zu der Luxus und unendlicher Konsum z\u00e4hlen. Die Auswirkungen des alten Werbespruchs &#8222;ich will alles, und das jetzt gleich&#8220; sehen wir an Entwicklungen, die von einiger Distanz aus betrachtet nichts weniger als pervers erscheinen. Dazu geh\u00f6ren Kreuzfahrten, moderne Skigebiete mit Kunstschnee, Gletscherskilauf im Sommer, Wellness-Oasen auf Bergspitzen und noch vieles mehr.<br \/>\nDie Spitze des Eisbergs stellt sicher die Skihalle in Dubai dar, aber auch die Ressorts auf den Malediven bem\u00fchen sich sehr um maximalen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck. Hier wird die \u00dcberhitzung einer urspr\u00fcnglich begr\u00fc\u00dfenswerten Entwicklung sehr deutlich, denn Tourismus selbst entstand aus dem Entdeckungsdrang der Menschen.<\/p>\n<p>Den Preis daf\u00fcr zahlen Angestellte in prek\u00e4ren Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnissen und nat\u00fcrlich die Umwelt. Den genussgewohnten Konsument*innen wird das jedoch tunlichst nicht unter die Nase gerieben und wenn, dann tritt obiger Mechanismus in Kraft und Emp\u00f6rung macht sich breit, man redet von einer &#8222;Verbotskultur&#8220; und f\u00fchlt sich total im Recht.<\/p>\n<p>Und jetzt ist auf einmal alles anders. Nat\u00fcrlich versuchen wir die Bequemlichkeit und Normalit\u00e4t zu retten, aber das wird jeden Tag schwieriger. Zu Beginn des Lockdowns im Fr\u00fchling 2020 f\u00fchlten sich viele Menschen daheim wohl. Das hat sich im Laufe der Pandemie ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>2.) Warenproduktion<\/strong><\/p>\n<p>Lange Gesichter gibt es dort, wo Medikamente auf einmal nicht mehr vorhanden sind und Apotheker oder Arzt nur bedauernd den Kopf sch\u00fctteln und meinen, sie w\u00fcssten auch nicht, wann das wieder lieferbar sein wird.<br \/>\nDer Gro\u00dfteil der Medikamente kommt n\u00e4mlich aus China und wurde im Lockdown nicht oder versp\u00e4tet geliefert. Dummerweise haben einige Pharmafirmen stets damit geprahlt, dass sie hier bei uns produzieren. Nur hat das halt nicht gestimmt.<br \/>\nNoch sind die meisten Warenlager voll, noch gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt, wenngleich die meisten Gesch\u00e4fte geschlossen haben. Noch tut das nicht weh, denn wir kaufen es halt, wenn sie wieder offen haben oder kaufen online, was ja sehr bequem ist.<br \/>\nNoch ist \u00fcberhaupt nicht klar, wie viele Unternehmen es danach \u00fcberhaupt noch gibt, der Sommer 2021 wird das wahrscheinlich deutlich machen, vielleicht noch st\u00e4rker der Herbst. Das Problem liegt unter anderem daran, dass bisher schon sehr viele Unternehmen am Limit gewirtschaftet haben bzw. wirtschaften mussten, weil sie &#8222;der Markt&#8220; dazu zwingt. Kredite konnten nur mit guten Ums\u00e4tzen bedient werden, jeder kleine Umsatzeinbruch ist da und dort schon ein Insolvenzgrund.<br \/>\nDas &#8222;Leben am Limit&#8220; zieht sich quer durch alle Bereiche. Angestellte haben oft keine R\u00fccklagen, daf\u00fcr aber zwei Jobs. Unternehmen haben oft ebenfalls keine R\u00fccklagen und m\u00fcssen dann genau die Angestellten hinausschmei\u00dfen, die zwei Jobs haben und brauchen, von denen jetzt einer wegf\u00e4llt.<br \/>\nDaraus entsteht im schlimmsten Fall eine Abw\u00e4rtsspirale, die sich nur schwer aufhalten l\u00e4sst, bevor wir alle ganz unten angekommen sind, zumindest sofern nichts oder das Falsche unternommen wird.<\/p>\n<p>Die \u00dcberhitzung zeigt sich sehr gut im \u00dcberfluss, der durch die Waren\u00fcberproduktion entstand. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, in einer Wegwerfgesellschaft zu leben und verteidigen diese meist mit dem Argument, dass es erstens keine Alternative g\u00e4be und wir zweitens ja nicht zur\u00fcck in die Steinzeit wollen.<br \/>\nIn zwei Bereichen zeigt sich das besonders gut: Wir werfen Lebensmittel weg, die vollkommen in Ordnung sind, weil ihr Wert verloren gegangen ist. Etwas, das stets \u00fcberall im \u00dcberfluss zur Verf\u00fcgung steht und relativ wenig kostet, verliert automatisch seinen Wert. Und wir werfen Kleidung oft weg ohne dass sie auch nur ein einziges Mal getragen wurde. Dieser Trend nennt sich &#8222;Fast shopping&#8220; und wird seitens der Industrie auf vielf\u00e4ltige Weise unterst\u00fctzt. Es gibt z.B. nicht mehr eine Fr\u00fchjahrs- und eine Herbstmode, sondern monatlich wechselnde Kollektionen, teilweise sogar bereits w\u00f6chentlich. <\/p>\n<p>Was ist das f\u00fcr ein System, das jetzt blitzschnell an seine Grenzen zu kommen scheint? Und was passiert danach?<br \/>\nIm Idealfall lernen wir daraus und \u00e4ndern unser System, das sich in so einer Situation als &#8211; teilweise &#8211; fehlerhaft herausstellt, weil es an Resilienz fehlt.<br \/>\nDas betrifft z.B. folgende Bereiche:<\/p>\n<p><em><strong>Abh\u00e4ngigkeit durch die Globalisierung<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Gro\u00dfteil unseres Wohlstands bzw. der Ressourcen, die wir daf\u00fcr brauchen, ist importiert. Das betrifft die Energie, die Rohstoffe, aber auch die fertigen Waren, die zum Gro\u00dfteil woanders erzeugt werden, weil das billiger ist. Bisher &#8211; und das ist f\u00fcr eine sp\u00e4tkapitalistische Gesellschaft sicher typisch und in diesem Sinne auch ganz normal &#8211; ging es ausschlie\u00dflich um den Preis.<br \/>\nDas betrifft auch in vollem Umfang unser Gesundheitssystem. Als meine Mutter starke Schmerzen im Bein hatte, wurde eine H\u00fcftoperation f\u00e4llig. Der Arzt meinte, ein Termin w\u00fcrde 4-6 Monate dauern. Wenn sie es selbst zahlt, ist sie n\u00e4chste Woche dran.<br \/>\nWer gen\u00fcgend Geld hat, kann sich gute Versorgung leisten. Die anderen haben Pech gehabt bzw. nicht genug geleistet, wobei als Leistung nur z\u00e4hlt, was mit Geld entlohnt wird, also die Erwerbsarbeit.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise sind wir noch nicht ganz dort angelangt, auch wenn die neoliberalen Kr\u00e4fte das versuchen durchzusetzen. Dazu geh\u00f6rt auch die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Wasser. Wie damit umgegangen wird, ist eine politische Entscheidung, genauso wie die 2-Klassen-Medizin. Die Commons-Bewegung hat an dieser Stelle die Forderung nach vier Bereichen erstellt, die vergemeinschaftet werden sollten: Boden, Arbeit, Geld und Wissen. (F\u00fcr die genaue Aufarbeitung dieses Themas braucht es einen eigenen Beitrag.)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Globalisierung. Die ausschlie\u00dflich profitorientierte Wirtschaft sucht sich immer den Ort, an dem die Kosten am niedrigsten sind und so geraten die einzelnen L\u00e4nder, Kontinente und Regionen in Wettbewerb: Wer bietet die niedrigsten Kosten? Dabei sind zwei Faktoren ausschlaggebend: Die Lohnkosten und die Kosten f\u00fcr den Umweltschutz. Wer also die Ausbeutung von Mensch und Umwelt zul\u00e4sst, gewinnt.<br \/>\nDamit diese Globalisierung der M\u00e4rkte auch funktioniert, m\u00fcssen die Transportkosten weltweit niedrig gehalten werden. Das hat etwa zu den ersten gro\u00dfen \u00d6ltankerkatastrophen gef\u00fchrt, weil die Tanker aus Kostengr\u00fcnden einwandig gebaut wurden. Bis heute hat sich nicht viel ge\u00e4ndert, die Frachter fahren mit dem billigsten Treibstoff, den es weltweit gibt. Der ist deswegen so billig, weil keinerlei Umweltkosten eingepreist sind. D.h. wer mit Schwer\u00f6l f\u00e4hrt, vergiftet die Umwelt, ohne daf\u00fcr bezahlen zu m\u00fcssen.<br \/>\nEs gibt f\u00fcr die internationale Seefahrt keinerlei Beschr\u00e4nkungen (der ber\u00fchmte &#8222;freie Markt&#8220;) und daher ein Maximum an Umweltverschmutzung, weil ja jeder die billigste Variante w\u00e4hlt. Derzeit sieht es so aus, als ob das auch noch lange so bleiben wird.<\/p>\n<p>Was wir also lernen k\u00f6nnen, wenn wir wollen:<br \/>\n1.) Wie wichtig Gesundheit f\u00fcr ein gutes Leben ist und dass es daf\u00fcr ein leistungsf\u00e4higes System braucht, das auch was kostet.<br \/>\n2.) Egoismus funktioniert nur kurzfristig.<br \/>\n3.) Lokale bzw. regionale Produktion aller lebenswichtigen G\u00fcter ist sinnvoll.<br \/>\n4.) Entschleunigung schadet nicht.<\/p>\n<p>Kommen wir zu den L\u00f6sungsans\u00e4tzen einer PV\u00d6, einer &#8222;Post-Virus-\u00d6konomie&#8220;.<br \/>\n\u00dcber diesen Begriff wurde viel diskutiert, etwa weil man f\u00fcr ein positives Bild nicht so negative Begriffe wie &#8222;Virus&#8220; verwenden sollte. Letztlich \u00fcberwiegt aber ein Argument, n\u00e4mlich dass der Begriff sofortige Klarheit schaffen soll, worum es geht.<\/p>\n<p><em><strong>Neudefinition des Gl\u00fccks<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Derzeit gibt es in unserer Gesellschaft einen dominanten Gl\u00fccksbegriff, n\u00e4mlich den des Konsumgl\u00fccks. Je mehr ich kaufe und je mehr ich besitze, desto gl\u00fccklicher bin ich.<br \/>\nIn der Gl\u00fccksforschung stellt sich das differenzierter dar, nach Herbert Laszlo gibt es drei Formen von Gl\u00fcck:<br \/>\na.) Der Zustand innerer Zufriedenheit, \u00e4hnlich dem altgriechischen Begriff der &#8222;Eudaimonia&#8220;.<br \/>\nb.) Emotionale Gl\u00fccksmomente, etwa wenn die Mutter ihr Baby lachen sieht.<br \/>\nc.) Fortuna, also das Gl\u00fcck etwa im Spiel.<\/p>\n<p>In der \u00dcberhitzung unserer Konsumgl\u00fccksgesellschaft, in der wir vor allem &#8222;Keep it up with the Jones&#8220; spielen, erreichen wir maximal den kurzen Adrenalinaussto\u00df, den uns ein Kauferlebnis bringt, angeblich ganze sieben Sekunden lang. Dann brauchen wir das n\u00e4chste Erlebnis &#8211; das ist \u00fcbrigens einer der Motoren des &#8222;Fast Shoppings&#8220;.<br \/>\nAch ja: &#8222;Keep it up with the Jones&#8220; ist ein US-amerikanischer Begriff. Die Familie Jones sind die Nachbarn, deren Konsum ich nacheifere und st\u00e4ndig glaube \u00fcbertreffen zu m\u00fcssen. Wenn Herr Jones ein neues Auto hat, brauche ich auch eins, am besten ein gr\u00f6\u00dferes, sch\u00f6neres als er. Herr Jones sieht das \u00fcbrigens genauso und Frau Jones ebenfalls.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte ein moderner Gl\u00fccksbegriff aussehen?<br \/>\nJedenfalls kommt Eudaimonia wieder ins Spiel und f\u00fchrt zu einer Neugestaltung unserer Zeit. Derzeit verwenden und leben wir von den beiden Zeitbegriffen der alten Griechen nur einen einzigen, n\u00e4mlich &#8222;Chronos&#8220;, die Quantit\u00e4t der Zeit. Alles wird in Monate, Tage, Stunden, Sekunden eingeteilt und treibt uns vor uns her. Gemessen wird mit Chronometern.<br \/>\nDer andere Begriff ist der des &#8222;Kairos&#8220;, was so viel bedeutet wie &#8222;der richtige Augenblick&#8220;. Es handelt sich hier um die Qualit\u00e4t der Zeit, also um den Genuss des Hier und Jetzt.<br \/>\nStatt Dingen bringen uns Menschen das Gl\u00fcck, also die Geselligkeit, auch der gemeinsame Genuss des Besonderen, der gemeinsame oder auch einsame M\u00fc\u00dfiggang, idealerweise in der Natur, die unseren Puls zu senken vermag, speziell im Wald.<br \/>\nVielleicht schenkt uns die Corona-Krise ja auch einen neuen Blick auf Gesundheit, und zwar jenseits der individuellen Ebene. Wir k\u00f6nnen uns als Teil einer gesunden Gemeinschaft verstehen und sind bereit, Gesundheit umfassender zu denken. Das f\u00fchrt uns weg vom ungesunden Egoismus hin zu einer modernen Form einer sozialen Ordnung. Die Begriffe Kommunitarismus, Commons und Almende stehen pl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr und wollen herein. Ihnen folgen in Zukunft wohl noch einige andere.<br \/>\nEssen und Trinken bekommen einen neuen Stellenwert, weil es nicht mehr alles immer und \u00fcberall gibt und wir lernen, dass wir alles immer und \u00fcberall zu unserem Gl\u00fcck gar nicht brauchen. Qualit\u00e4t will genossen werden, dazu muss sie als solche erkennbar sein, etwa durch klare Herkunftsnachweise. Der Sonntagsbraten ist wieder dem Sonntag zugedacht, was der Gesundheit der Gemeinschaft gleich auf mehreren Ebenen zutr\u00e4glich ist.<br \/>\nDas Gl\u00fcck ist immer auch das Gl\u00fcck der anderen. Dazu brauchen wir aber sozialen Ausgleich und der beginnt mit einer gerechten Verteilung der G\u00fcter, die wiederum auf der Wertigkeit des Menschen aufbaut.<br \/>\nNat\u00fcrlich gibt es nach wie vor individuellen Reichtum und auch eine ungleiche Verteilung der G\u00fcter, aber nicht in der derzeitigen \u00dcberhitzung.<\/p>\n<p><em><strong>Neudefinition des Wachstums<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Post-Virus-\u00d6konomie ist auch eine Post-Wachstums-\u00d6konomie. Nein, das f\u00fchrt uns nicht in die Steinzeit zur\u00fcck, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob an dieser viel beschworenen Zeit alles so schlecht war. Aber es steht sowieso nicht zur Debatte.<br \/>\nWir folgen jetzt den Ideen von Leopold Kohr, der das richtige Ma\u00df eingefordert hat, und war von allem und somit auch von allen.<br \/>\nEr meinte, alles auf dieser Welt soll bis zu seiner idealen Gr\u00f6\u00dfe wachsen. Diese ist aus der Natur der Dinge gut erkennbar, wenn man erkennen will. Nichts soll dar\u00fcber hinaus wachsen, weil es dann pervers wird, und nichts soll unter seiner idealen Gr\u00f6\u00dfe bleiben, weil es sonst verk\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Wenn wir diesem Grundsatz folgen und etwa das Design der Dinge bzw. unseres Lebens danach gestalten, w\u00e4re das nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Ob wir daf\u00fcr bereit sind oder noch eine zweite Pandemie plus eine Versch\u00e4rfung der Klimakrise brauchen, wird die Zukunft zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor weit \u00fcber hundert Jahren hatte die damals noch junge Firma Dupont eine Sprengstofffabrik, in der es h\u00e4ufig Unf\u00e4lle gab, mit Toten und Verletzten. 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