{"id":2755,"date":"2021-11-05T19:55:11","date_gmt":"2021-11-05T18:55:11","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2755"},"modified":"2021-11-05T19:55:11","modified_gmt":"2021-11-05T18:55:11","slug":"griechenland-87-ein-sommer-wie-von-sts-besungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/griechenland-87-ein-sommer-wie-von-sts-besungen\/","title":{"rendered":"Griechenland 87 &#8211; ein Sommer wie von STS besungen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Sonntag Abend und ich sitze auf meiner Couch. Pl\u00f6tzlich summe ich &#8222;I still haven\u00b4t found what I\u00b4m looking for&#8220; und habe gro\u00dfe Lust, die Nummer sofort anzuh\u00f6ren.<br \/>\nAlso marschiere ich zum CD-Regal und greife ganz nach unten, zur neunten CD, die ich je gekauft habe: U2 &#8211; The Joshua Tree. Ich bin begeistert, wie gut die Scheibe heute noch ist, irgendwie nicht tot geh\u00f6rt, zeitlos, vielleicht wirklich die beste CD, die U2 je gemacht hat.<\/p>\n<p>Und dann kommen die Erinnerungen. An den Griechenland-Urlaub im Juli 87. Eine Geschichte nach der anderen f\u00e4llt mir ein. Und es wird Zeit, sie wieder an die Oberfl\u00e4che zu holen und aufzuschreiben &#8211; oder besser: einzutippen.<br \/>\nLeider gibt es von diesem Urlaub keine Fotos &#8211; zumindest keine, die ich zur Verf\u00fcgung habe. Handys gab es damals noch nicht, Digitalkameras nat\u00fcrlich auch nicht und keiner von uns hatte einen Fotoapparat mit. So bleiben nur die Erinnerungsbilder im Kopf.<\/p>\n<p>Eigentlich beginnt die Geschichte noch viel fr\u00fcher, n\u00e4mlich im Sommer 1980, als mein Vater meine Geschwister und mich in seinen damals brandneuen Puch G einlud und wir alle nach Griechenland fuhren. Das Ziel war die Ostseite von Sithonia, dem mittleren Finger der Halbinsel Chalkidike.<br \/>\nDort gibt es eine K\u00fcstenstra\u00dfe und mein Vater wollte dort campen, wild und direkt am Meer. Eine Bucht gab es nicht und so schlugen wir die Zelte einfach irgendwo auf. Das war damals noch m\u00f6glich und mehr oder weniger erlaubt.<br \/>\nViele Jahre sp\u00e4ter, im Fr\u00fchjahr 1986, fuhren wir wieder hin. Ich schon mit meinem ersten, eigenen Auto, 19 Jahre alt, frisch vom Bundesheer abger\u00fcstet.<br \/>\nWir zelteten damals in einem wilden Oleandertal, an das ich mich noch erinnern und gl\u00fccklicherweise auch finden konnte. Es war der wahrscheinlich sch\u00f6nste Urlaub meines Lebens.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter fuhr ich noch einmal hin, diesmal in einer anderen Konstellation. Mit dabei waren der Schmidl und der Georg. Ich wei\u00df nicht mehr, warum wir uns gerade f\u00fcr diesen Urlaub entschieden. Georg war ein Jahr davor auch dabei und wahrscheinlich fiel uns auch einfach nichts besseres ein. Dort kannten wir uns wenigstens schon gut aus und so borgte ich mir einen alten, gr\u00fcnen Audi 100 aus, da mein eigenes Auto kurz davor aufgrund von Rost einfach mehr oder weniger zerfallen war.<br \/>\nDer Audi war in mittelpr\u00e4chtigem Zustand, hatte immerhin ca. 100 PS und somit das Doppelte von meinem alten Golf. Ich w\u00fcrde mit so einem Auto heute gar nirgends mehr hinfahren, aber damals war uns das egal. Springt die Kiste an? Ja. Rinnt irgendwo was aus? Nein. Passt.<br \/>\nWir hatten sehr wenig Geld und viel Optimismus, wir waren unglaublich unbek\u00fcmmert und packten einfach Campingequipment zusammen, wobei ich mir das meiste von meinem Vater ausborgen konnte.<br \/>\nZwei Zelte, Schlafs\u00e4cke, Matten, ein wenig Geschirr und ein paar T-Shirts, sehr viel mehr brauchten wir nicht. <\/p>\n<p>Was wir aber sehr wohl brauchten, waren Benzingutscheine, ohne die man in Jugoslawien keinen Sprit bekam oder nur viel teurer &#8211; so genau wei\u00df ich das nicht mehr.<br \/>\nWir fuhren einfach los und kamen auch gut \u00fcber die Grenze nach Ungarn. Das war damals nicht so einfach wie heute, der Ostblock war noch stark und f\u00fcr Ungarn musste man einen &#8222;Adatlap&#8220; ausf\u00fcllen, ein kompliziertes Formular. Aber das waren wir gewohnt.<br \/>\nMit den Geschwindigkeitsbegrenzungen nahmen wir es nicht so genau und so wurden wir in einer Ortschaft von der ungarischen Polizei aufgehalten. Weil wir durch Ungarn nur schnell durchfahren wollten, hatten wir keine Forint mit, nur jugoslawische Dinar und griechische Drachme und nat\u00fcrlich Schillinge.<br \/>\nNach l\u00e4ngeren Verhandlungen gaben uns die Ungarn zu verstehen, dass sie weder Drachme noch Dinar wollten und lie\u00dfen uns einfach weiterfahren.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr viel von der Fahrt, der Georg und ich wechselten uns ab, weil der Schmidl damals noch keinen F\u00fchrerschein hatte &#8211; oder umgekehrt? Jedenfalls hielt der Audi durch und nach 20 Stunden durchgehender Fahrt kamen wir zu unserem Zeltplatz im Oleandertal. Aus heutiger Sicht war das der komplette Wahnsinn, denn wir waren nat\u00fcrlich komplett \u00fcberm\u00fcdet &#8211; und Red Bull war noch nicht erfunden. Vor allem gab es in Jugoslawien noch keine Autobahn, erst wieder ab der griechischen Grenze in Gevgelija. Wir mussten die alte &#8222;Autobutt&#8220; fahren &#8211; die damals gef\u00e4hrlichste Stra\u00dfe von \u00fcberhaupt, die sogenannte &#8222;Gastarbeiterroute&#8220;, auf der im Sommer gef\u00fchlte Millionen uralter Ford Transits unterwegs waren, vollgestopft mit t\u00fcrkischen Familien am Weg nach Ostanatolien. Jedes \u00dcberholman\u00f6ver ein Hasardspiel.<br \/>\nUnd dann die Fahrt durch Thessaloniki, eh schon hundem\u00fcde und damals gab es ja kein Internet, d.h. wir mussten nach Karte fahren und Tankstellenverzeichnis gab es auch keines, von Handys ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Als wir im Oleandertal ankamen, war es fast wie im Vorjahr. Nur der wildromantische Bach war kleiner, aber wir fanden unseren alten Zeltplatz wieder.<br \/>\nDas war eine komplett andere Zeit, offiziell war es damals schon nicht erlaubt wild zu zelten, aber wir hatten im Jahr davor Jannis kennengelernt, einen alten Ziegenhirt, und dem waren wir sympathisch. Sein Sohn Christos war der zust\u00e4ndige Feuerpolizist und so bekamen wir eine inoffizielle Sondererlaubnis. Wir durften halt kein Feuer machen und mussten aufpassen, aber das war sowieso Ehrensache. Au\u00dferdem kam Jannis fast jeden Tag einmal mit seinen Ziegen vorbei.<br \/>\nDer einzige echte Unterschied zum Jahr zuvor war ein riesiger Sandhaufen, den ein Bagger neben unserem Platz aufgeschaufelt hatte. Das Tal war sonst menschenleer, wir waren die einzigen dort, alle paar Tage kamen zwei, drei verirrte Wanderer vorbei &#8211; wenn \u00fcberhaupt. Wenn wir ins Dorf fuhren, lie\u00dfen wir unsere Sachen einfach im Zelt. Es ist nie etwas weggekommen.<\/p>\n<p>Es gab einen Weg in das Tal hinein, den man mit einem Auto befahren konnte, wenngleich es auch ziemlich holprig war. Am Ende des Weges war unser Zeltplatz. Von da ging ein schmaler Pfad weiter, den man nur mit einem Gel\u00e4ndewagen befahren konnte, was mein Vater 1980 auch getan hatte. Es ging dort auch relativ steil die H\u00fcgel hinauf, bis auf den Berg Itamo. Es war alles von Feuerstra\u00dfen durchzogen, sonst aber so wild, wie nur m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Ein paar hundert Meter oberhalb unseres Zeltplatzes gab es einen kleinen Teich, in dem man baden konnte. Hohe Pinien, das laute Zirpen der Zikaden, eine wilde Geruchsmischung aus zahllosen Kr\u00e4utern und eben jede Menge bl\u00fchender Oleander an den Flanken des Baches.<\/p>\n<p>Leider gibt es dieses Tal in seiner alten Pracht nicht mehr, der Bach wurde einige Jahre sp\u00e4ter weiter oben in ein anderes Tal zu einem Hotelkomplex umgeleitet und das romantische Oleandertal ziemlich zerst\u00f6rt. Als ich das erfahren habe, hat es doch ziemlich weh getan. Mein Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die blinde Zerst\u00f6rung der Natur aus Profitgier machte mich damals schon w\u00fctend, vielleicht ist da in mir der Gr\u00fcne gewachsen, der ich heute bin.<\/p>\n<p>1987 war die Welt dort noch heil. Und wir waren Anfang unserer Zwanziger und wollten einen Sommer in Griechenland erleben, mit allem, was dazu geh\u00f6rt.<br \/>\nIn den 1980ern waren das Disko, dunkelbraune Haut und Coolness. Und wir waren die coolsten, das war von vornherein klar. Und dass das im Dorf Sarti auch alle merken sollten, war noch viel klarer.<br \/>\nAlso bauten wir zuerst einmal unsere Zelte auf, ich hatte mein kleines, gr\u00fcnes Marechal-Kuppelzelt (und habe es bis heute), Schmidl und Georg schliefen in einem anderen. Damals musste ich lernen, dass es eine gro\u00dfe Rolle spielt, wo man sein Zelt aufbaut. Und zwar sp\u00e4testens am n\u00e4chsten Morgen, wenn die Sonne aufgeht und ein dunkelgr\u00fcnes Zelt in einen Backofen verwandelt, vor allem in Griechenland im Juli. Der einzige, mehr oder weniger erw\u00fcnschte Nebeneffekt besteht darin, dass man trotz ordentlichem Rausch am Vorabend verl\u00e4sslich aufsteht, wenn die Sonne auf\u00b4s Zelt scheint, was in Griechenland im Juli verdammt fr\u00fch der Fall ist.<\/p>\n<p>Wir waren punkto Campingequipment hervorragend ausgestattet, vor allem Dank der Erfahrung aus dem Jahr davor. Au\u00dferdem brauchten wir nicht wirklich viel, das Gewand beschr\u00e4nkte sich auf T-Shirts, kurze Hosen und Espandrillos, am Abend vielleicht eine lange Hose und ein luftiges Hemd. Wir mussten auch nicht viel Essen kochen, da wir das Fr\u00fchst\u00fcck meistens verschliefen, zu Mittag zu faul zum Kochen waren und daher vor allem Fr\u00fcchte zu uns nahmen, vielleicht einmal eine Eierspeis oder \u00e4hnliches, Wei\u00dfbrot mit Paradeiser und Gurken &#8211; alles, was schnell hergerichtet war und wof\u00fcr wir keinen K\u00fchlschrank brauchten, den hatten wir n\u00e4mlich nicht dabei.<br \/>\nEs ist heute schwer vorstellbar, mit wie wenig Dingen wir auskamen und dabei genauso zufrieden waren wie heute mit einem Campingmobil um 100.000 Euro. Wir hatten den alten Audi und wenig Anspr\u00fcche.<br \/>\nUnd wir hatten wenig konkrete Pl\u00e4ne f\u00fcr den Urlaub. Wir wollten die Sch\u00f6nheit der Wildnis von Sithonia genie\u00dfen, eine Menge Gaudi haben, abends im Dorf abh\u00e4ngen und einfach eine nette Zeit erleben.<\/p>\n<p>Da es ziemlich hei\u00df war, wanderten oder fuhren wir unter Tags gerne nach vor zum Meer um zu baden oder machten einen kleinen Spaziergang zum kleinen See. Die schon erw\u00e4hnte Br\u00e4unung spielte dabei eine gro\u00dfe Rolle, sie war Teil der geplanten Coolness und letztlich dazu da, die M\u00e4dels zu beeindrucken, die wir ja hoffentlich kennenlernen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Schon am ersten Abend fuhren wir die sieben Kilometer nach Sarti, um die Lage zu checken und unseren Hunger zu stillen. Es gab dort jede Menge Tavernen im Ort und am Strand, das Essen war sogar f\u00fcr unsere schmale B\u00f6rse leistbar und von guter Qualit\u00e4t. Kalamari, Fisch, Moussaka, Spie\u00dfe und nat\u00fcrlich den griechischen Salat. Nach dem Essen gab es eine Reihe Bars, um sich ein k\u00fchles Bier zu organisieren oder einen Cocktail. Und es gab eine Handvoll Diskos, die wir alle abklappern mussten.<br \/>\nIch erinnere mich an die Lokale nur sehr dunkel, beim Bier hatten wir auf jeden Fall die Auswahl zwischen Amstel und Henninger und auch hier waren die Preise sehr moderat.<\/p>\n<p>Heute w\u00e4re eines der gr\u00f6\u00dften Probleme, wie wir nach einem feuchtfr\u00f6hlichen Abend nach Hause in unser Oleandertal kommen w\u00fcrden. Damals war das komplett egal, gefahren wurde in fast jedem Zustand, der noch irgendwie eine halbwegs brauchbare \u00dcberlebenschance auf der extrem kurvigen K\u00fcstenstra\u00dfe erkennen lie\u00df. Da der Schmiedl ja noch keinen F\u00fchrerschein hatte, war meistens ich der Fahrer.<br \/>\nAus heutiger Sicht war das ein Wahnsinn, reihte sich aber gut in den dort \u00fcblichen Wahnsinn junger, griechischer M\u00e4nner ein, die in Shorts und Espandrillos und in jedem Fall ohne Helm mit schweren Maschinen herumbrausten. Zahlreiche Kreuze am Stra\u00dfenrand machten damals schon deutlich, dass das nicht immer gut ging.<br \/>\nDie Sorglosigkeit dieses Urlaubs war uns damals selbst nicht bewusst, sie war einfach da und selbstverst\u00e4ndlich. Es war Sommer, wir waren in Griechenland und das Leben war so wolkenlos wie der Himmel.<\/p>\n<p>Ich kann mich noch gut an die Situation erinnern, als beim Essen neben uns eine kleine Gruppe aus Wien sa\u00df. Ich wei\u00df nicht mehr genau, wie wir sie kennenlernten, aber es war wenig sp\u00e4ter der Fall. Kathi mit ihrem Freund, Dagmar und XX &#8211; sie wohnten in einem Hotel im Ort, waren ebenfalls f\u00fcr 2-3 Wochen da und zu viert mit einem alten Mazda 323 hergefahren.<br \/>\nWir wussten damals noch nicht, dass sich daraus eine nette Freundschaft ergeben w\u00fcrde, die \u00fcber den Urlaub hinaus halten sollte. Wir trafen uns einfach am Abend und zogen gemeinsam durch\u00b4s Dorf.<\/p>\n<p>Dieser Urlaub sollte auch ein paar der legend\u00e4rsten Geschichten hervorbringen, die wir in unserer Jugend zusammenstecken konnten.<br \/>\nDie erste beginnt an einem der Morgen, an denen ich von der Hitze schon recht fr\u00fch aus dem Zelt getrieben wurde. Da die anderen noch schliefen, beschloss ich ins Dorf zu fahren und einzukaufen. Mich \u00fcberkam noch rechtzeitig der Gedanke, dass die Schlafm\u00fctzen recht ang\u00b4fressen w\u00e4ren, wenn ich ihnen nichts mitbringen w\u00fcrde. Also weckte ich sie so sanft aus, wie mir das nur m\u00f6glich war. Die Reaktion war ein b\u00f6ses Fauchen, wobei ich mich an den genauen Wortlaut nicht mehr erinnern konnte, irgendwas mit &#8222;Schleich di, lass uns schlafen&#8220; wird schon dabei gewesen sein.<br \/>\nAlso schlich ich mich und fuhr ins Dorf. Neben frischem Brot und Gem\u00fcse kaufte ich auch sogenannte &#8222;Yannis-Riegel&#8220;, das waren geschnittene, viereckige St\u00fccke aus N\u00fcssen und Honig oder Sesam und Honig.<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich kaltes Cola f\u00fcr die Jungs.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcck kam, waren sie immer noch nicht wach, konnten aber eine Hand aus dem Zelt strecken und das kalte Cola hineinziehen.<br \/>\nSp\u00e4ter sa\u00dfen wir dann bei einem sp\u00e4ten Fr\u00fchst\u00fcck, so gegen 13 Uhr muss das gewesen sein, und ich gab den beiden die Yannis-Riegel, die ich als absolute K\u00f6stlichkeit zu sch\u00e4tzen gelernt hatte.<br \/>\nSchmiedl unterlief allerdings genau jetzt ein folgenschwerer Fehler. Er dachte, dass die Riegel etwa in der Konsistenz eines M\u00fcsli-Riegels w\u00e4ren und biss herzhaft hinein.<br \/>\nIn Wirklichkeit waren die Dinger steinhart und man musste sie vorsichtig abknabbern.<br \/>\nDieser Unterschied war entscheidend f\u00fcr Schmidls oberen Schneidezahn, der spontan beschloss, den Besitzer zu wechseln und im Riegel stecken zu bleiben.<br \/>\nEs handelte sich n\u00e4mlich um einen Stiftzahn, was wir vorher nicht wussten, und jetzt mit Erstaunen, gefolgt von br\u00fcllendem Gel\u00e4chter zu Kenntnis nahmen. Das Gesicht von Schmidl habe ich heute noch vor mir, wir sind fast gestorben beim Anblick der Zahnl\u00fccke.<br \/>\nSchmidl h\u00e4tte es auch durchaus gerne gesehen, wenn wir gestorben w\u00e4ren, er fand das n\u00e4mlich ganz und gar nicht lustig. &#8222;Wof foll i jepft mochn, i fau auf wie a Volltrottel&#8220; waren in etwa seine Worte. Wir lagen am Boden und w\u00e4lzten uns im Staub.<\/p>\n<p>Irgendwann hatten wir fertig gelacht und waren bereit, dem armen Schmidl zu helfen, dessen Disko-Coolness mit einer fetten Zahnl\u00fccke auf der Stelle gegen Null gehen w\u00fcrde.<br \/>\nAlso musste ein Plan her, denn uns war klar, dass ein st\u00e4ndig ang\u00b4fressener Freund auch unserem Urlaub nicht gut tun w\u00fcrde. Die Option Zahnarzt gab es aus irgend einem Grund nicht, also mussten wir eine M\u00f6glichkeit finden, den Zahn irgendwie wieder in den Mund zu bekommen, konkret: hineinzukleben.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter sa\u00df ich im Audi und raste nach Sarti, um Superkleber oder etwas \u00e4hnliches zu kaufen. Dummerweise gab es nichts dergleichen, in keinem der grei\u00dflerartigen Gesch\u00e4fte, und ich klapperte sie alle ab.<br \/>\nAlso wieder zur\u00fcck zum inzwischen ziemlich verzweifelten Schmidl, dem die Nachricht, dass ich ohne Erfolg zur\u00fcckgekommen war, nicht eben zur Freude gereichte.<br \/>\nUnd dann kam der legend\u00e4re Satz: &#8222;Ef Oafl\u00e4cha, fiats mi sofoat noch Falloniki, i foa ham.&#8220;<\/p>\n<p>Diese nicht sehr erfreuliche Aussicht brachte unsere Gehirnzellen zum Arbeiten, nachdem wir uns wieder eine Runde vor Lachen im Staub gew\u00e4lzt hatten.<br \/>\nDann kam mir der rettende Gedanke: Weil der Audi damals eine seltsame Konstruktion der R\u00fcckspiegelbefestigung hatte &#8211; er war auf die Windschutzscheibe geklebt &#8211; und ich wusste, dass er von Zeit zu Zeit runterzufallen pflegte, hatte ich aus Wien einen Zwei-Komponenten-Kleber mitgenommen.<br \/>\nWir beschlossen, damit dem Schmidl den Zahn wieder in die Pappn zu kleben. Das Hauptproblem bestand darin, eine ruhige Hand zustande zu bringen, was vor lauter Lachen eine ordentliche Herausforderung darstellte. Georg und ich konnten uns nur schwer beruhigen, vor allem, weil der Kleber 30 Minuten Trocknungszeit verlangte. Und der Zahn in dieser Zeit nicht bewegt werden durfte.<br \/>\nIch wei\u00df nicht mehr ganz genau, wie wir das geschafft haben. Ich wei\u00df nur, dass Georg dem Schmidl w\u00e4hrenddessen mit einem Strohalm Wasser auf der Seite des Mundes einfl\u00f6\u00dfte.<br \/>\nIrgendwann war der Kleber trocken und Schmidl konnte wieder lachen. Als er zwei Wochen sp\u00e4ter in Wien zum Zahnarzt ging, r\u00fcttelte der nur am Zahn und meinte, dass er in drin lassen w\u00fcrde. Er hielt noch weitere zwei Jahre, wenn ich mich richtig erinnere.<\/p>\n<p>Also alles wieder gut. Dass wir das am Abend in Sarti ordentlich feiern und begie\u00dfen m\u00fcssen, war klar. Und irgendwie war auch klar, dass die Geschichte mit dem Zahn nicht das einzige Erlebnis bleiben sollte.<br \/>\nAn einem der n\u00e4chsten Abende lernten wir in der Disco ein paar Griechinnen kennen, die sich als der weibliche Teil der griechischen Rudernationalmannschaft herausstellten. Was sich in dieser Nacht genau abspielte, kann ich bei bestem Willen nicht mehr rekonstruieren, ich wei\u00df nur noch, dass wir am n\u00e4chsten Tag am Strand aufwachten, und zwar im Audi. Es stellte sich heraus, dass wir irgendwann von der Disko noch zum Meer gefahren sein mussten und dort mit dem Audi uns im Sand eingegraben hatten. Scheinbar konnten wir ihn nicht mehr frei machen und sind einfach eingeschlafen, mit offenen T\u00fcren, irgendwie auf den Sitzen liegend, mit Verrenkungen, die ich mir heute ebenfalls nicht mehr vorstellen kann. Die Griechinnen waren weg, daf\u00fcr waren jede Menge Badeg\u00e4ste rund um uns herum, die uns alle ziemlich erheitert bewunderten. Zumindest hoffe ich, dass sie uns bewunderten, ich verstehe kein Griechisch.<br \/>\nGemeinsam mit ein paar jungen Griechen schoben wir die Kiste aus dem Sand und fuhren nach Hause, mit einem ordentlichen Brand und gro\u00dfem Sch\u00e4del.<\/p>\n<p>So und so \u00e4hnlich verliefen die N\u00e4chte, an den Tagen ruhten wir uns aus, mehr oder weniger war es das. Wer heute die Partylaune junger Menschen kritisiert, sollte an die eigene Jugend zur\u00fcck denken, wir jedenfalls hatten au\u00dfer Strand, Disko, Saufen und M\u00e4dchen genau nichts im Kopf. Die Erinnerungen bestehen aus Fragmenten, etwa aus dem Tanzwettbewerb in der Disko, der wahrscheinlich an einem Samstag Abend stattgefunden hat und an dem wir nat\u00fcrlich teilnahmen. Die Musik durfte man sich aussuchen und wir w\u00e4hlten &#8222;Real wild child&#8220; von Iggy Pop. Dazu tanzten wir eine Mischung aus Pogo und Ska, genau genommen irgendetwas, bei dem wir wie wild auf der Tanzfl\u00e4che herumh\u00fcpften, die Beine in die H\u00f6he rissen und uns gegenseitig anrempelten. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Anwesenden das gar nicht so lustig fanden, wir waren von uns jedenfalls begeistert und hatten riesigen Spa\u00df.<\/p>\n<p>Irgendwann, genauer nach drei Wochen, war der Urlaub zu Ende und wir packten unser Klumpert f\u00fcr die Heimreise. Unser Bach war merklich geschrumpft und wir hatten auch nicht vor gehabt l\u00e4nger zu bleiben. Jedenfalls stand uns eine lange Heimreise bevor, die gl\u00fccklicherweise ohne gr\u00f6\u00dfere Zwischenf\u00e4lle verlief. Also bis auf einen, an den ich mich gut erinnern kann. Eigentlich zwei, aber der zweite war bereits daheim.<br \/>\nWir fuhren irgendwo durch Jugoslawien, ich war hundem\u00fcde und wir mussten tanken. Dazu muss ich anmerken, dass das ganz anders war als heute. Um bei der Tankstelle Benzin zu bekommen, brauchte man Tankgutscheine &#8211; zumindest war das Benzin damit wesentlich billiger. Ich hatte sie in Wien besorgt und sorgsam geh\u00fctet, weil wir sie bei der R\u00fcckfahrt brauchten.<br \/>\nGeorg wurde zahlen geschickt, kam zur\u00fcck und wir fuhren weiter. Irgendwann, wahrscheinlich bei der n\u00e4chsten Pinkelpause machte ich einen Blick in unsere Reiseb\u00f6rse und war leicht geschockt &#8211; die Benzingutscheine waren weg, alle oder fast alle, glaube ein oder zwei waren noch da.<br \/>\nGeorg wurde zur Rede gestellt und erkl\u00e4rte, dass er nicht genau gewusste h\u00e4tte wie viel wir zu zahlen h\u00e4tten und so h\u00e4tte er dem Tankwart einfach alle Gutscheine in die Hand gedr\u00fcckt, auf dass dieser sich nehmen sollte, was es eben ausmacht.<br \/>\nUnd das tat dieser auch, nicht zu knapp.<\/p>\n<p>Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit waren wir dann in Wien, die R\u00fcckfahrt hatte 20 Stunden gedauert, ohne nennenswerte Pausen. Ich stellte den Audi daheim ab, schnappte mir meinen kleinen Reiserucksack mit den Wertsachen und ging hundem\u00fcde ins Bett. Der verdiente Schlaf dauerte aber nicht lange, denn meine Gro\u00dfmutter rief an, um mir mitzuteilen, dass die Feuerwehr bei unserem Audi stehen w\u00fcrde. Dazu muss man wissen, dass ich damals im 17. Bezirk wohnte und der Weg zur Stra\u00dfe, in der der Audi stand, den halben Schafberg hinunter f\u00fchrt. Es stellte sich heraus, dass ein Benzinschlauch gerissen und der Tankinhalt auf die Stra\u00dfe geflossen war. Die Feuerwehr hatte bereits alles abgesichert und den ausgelaufenen Sprit gebunden und ich wusste, dass das jetzt ganz zum Schluss noch ein wirklich gro\u00dfes Loch in die Reisekasse reissen w\u00fcrde.<br \/>\nImmerhin konnte ich jetzt schlafen gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Sonntag Abend und ich sitze auf meiner Couch. Pl\u00f6tzlich summe ich &#8222;I still haven\u00b4t found what I\u00b4m looking for&#8220; und habe gro\u00dfe Lust, die Nummer sofort anzuh\u00f6ren. 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