{"id":2770,"date":"2020-10-27T20:40:38","date_gmt":"2020-10-27T19:40:38","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2770"},"modified":"2020-10-27T20:40:38","modified_gmt":"2020-10-27T19:40:38","slug":"waehring-bleibt-gruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/waehring-bleibt-gruen\/","title":{"rendered":"W\u00e4hring bleibt gr\u00fcn"},"content":{"rendered":"<p>Eine Nachwahlanalyse zur Wahl am 11. Oktober 2020<\/p>\n<p>Ich kann mich noch sehr gut an den Moment an diesem Montag erinnern, als wir in der Pizzeria Cavallo Bianco gesessen sind. Im Hinterzimmer, nerv\u00f6s und angespannt, weil wir immer noch nicht wussten, ob wir den Bezirk gewonnen haben. Es war der 12. Oktober 2015.<br \/>\nEs gibt n\u00e4mlich keinen zweiten Sieger (bzw. keine zweite Siegerin) \u2013 die stimmenst\u00e4rkste Partei stellt die Bezirksvorstehung, so ist es Tradition in Wien.<br \/>\nAlso: Nur eine einzige Stimme weniger und alles war umsonst. Das stimmt nat\u00fcrlich nicht, aber gef\u00fchlterma\u00dfen ist es so.<br \/>\nDas mussten die Gr\u00fcnen im vierten Bezirk, auf der Wieden, vor zehn Jahren schmerzlich zu sp\u00fcren bekommen, als sie den ersten Platz nur um 1-2 Handvoll Stimmen verpasst haben. Oder die FP\u00d6 in der Leopoldstadt, als sie 2015 nur 21 Stimmen hinter den Gr\u00fcnen auf dem dritten Platz lagen und dann die Wahl angefochten haben, um einen bezahlten Stellvertreter zu bekommen. Mit dem Ergebnis, dass die Gr\u00fcnen dann die Bezirksvorstehung hatten \u2013 bis 2020 zumindest.<\/p>\n<p>In W\u00e4hring waren es 2015 zum Schluss 212 Stimmen, die wir vor der \u00d6VP lagen, die den Bezirk 69 Jahre beherrscht hat. Arschknapp, bei einer Gesamtbev\u00f6lkerung von ca. 50.000 Menschen. Das h\u00e4tte genauso gut andersrum ausgehen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Wir waren darauf eingestellt, denn 1,5 Jahre vorher mussten wir eine Entscheidung treffen, ob wir uns die enorme Arbeit antun auf die Eroberung der Bezirksvorstehung zu gehen. Unser Bauchgef\u00fchl sagte: 50% Chance.<br \/>\nAm Endergebnis konnten wir dann sehen, dass das exakt zutraf. Daher war auch das Zittern entsprechend gro\u00df und dauerte auch lang, weil wir das Ergebnis erst am Montag gegen 22 Uhr bekamen. Dann die entscheidende SMS: Geschafft!<\/p>\n<p>Der Jubel war enorm, wir hatten die Bezirksvorstehung erobert. Auch wenn das wie ein Kampf klingt \u2013 gef\u00fchlt war es das auch. Da wir als Gr\u00fcne den Grundwert \u201egewaltfrei\u201c haben, stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, wie das vereinbar ist: Wahlkampf.<br \/>\nGeht k\u00e4mpfen ohne Gewalt?<br \/>\nIch glaube, dass es sich hier um eine Zivilisationsfrage handelt. Damit Menschen nicht miteinander k\u00e4mpfen m\u00fcssen, lagern sie das aus, z.B. in eine Arena, wo eine Handvoll Menschen stellvertretend f\u00fcr alle k\u00e4mpft. Der Rest kann sich mit jeweils einer Seite identifizieren und so den eigenen Kampf und die gegenseitige Gewalt substituieren. Das funktioniert weltweit gut, etwa in Fu\u00dfballstadien oder bei Skirennen oder sonstigen sportlichen Auseinandersetzungen. Und in der Politik. <\/p>\n<p>Es folgten f\u00fcnf Jahre gr\u00fcne Bezirksvorstehung mit gr\u00f6\u00dferen und kleineren Ver\u00e4nderungen in W\u00e4hring, etwa durch die Einf\u00fchrung des Parkpickerls, die 30er-Zonen, Radfahren gegen die Einbahn, Schulwegsicherung und noch einiges mehr.<br \/>\nWas hier auff\u00e4llt, ist die starke Konzentration auf das Thema Verkehr. Es gab nat\u00fcrlich auch noch andere, etwas die Schaffung von 3 Gemeinschaftsg\u00e4rten, viele Sitzb\u00e4nke f\u00fcr gebrechliche Menschen sowie die komplette Neugestaltung des Johann-Nepomuk-Vogel Platzes.<br \/>\nTrotzdem dominieren Verkehrsthemen, dort spitzt es sich zu, dort prallen die Welten aufeinander: die alte Welt, vertreten durch \u00d6VP und FP\u00d6 und Teilen der SP\u00d6, sowie die neue Welt, vertreten durch die Gr\u00fcnen und tw. durch die NEOS (wie viel \u201etw\u201c wird sich demn\u00e4chst zeigen, in der neuen rot-pinken Stadtregierung).<br \/>\nDas ist deswegen so brisant, weil wir uns in einem Kulturwandel befinden, von der Welt des 20. Jhd. mit der fetischisierten \u00dcberh\u00f6hung des motorisierten Individualverkehrs in Form des eigenen PKW, zunehmend in eine Welt des 21. Jhd., in der es um eine Neudefinition von Mobilit\u00e4t generell geht, angesichts des bereits stattfindenden Klimawandels inkl. der st\u00e4ndig zunehmenden Klimakrise.<br \/>\nIn W\u00e4hring sind die konservativen Kreise gro\u00df und stark, vor allem in P\u00f6tzleinsdorf und im Cottage, aber auch in Gersthof.<br \/>\nNachdem 60 Jahre alles getan wurde, um den PKW-Verkehr zu st\u00e4rken, kommen jetzt die Gr\u00fcnen und meinen, alle anderen Mobilit\u00e4tsformen haben auch das Recht auf \u00f6ffentlichen Raum.<br \/>\nUnd da dieser nur einmal verteilt werden kann, muss man dem Auto Platz wegnehmen. Das empfinden viele Autofahrer als Angriff auf ihre scheinbar unantastbaren Rechte bzw. nehmen es pers\u00f6nlich. Verst\u00e4rkt wird das Problem noch durch die Klimakrise, weil f\u00fcr die Gegenma\u00dfnahmen ebenfalls \u00f6ffentlicher Raum ben\u00f6tigt wird, sprich: B\u00e4ume statt Parkpl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Das ist vielen b\u00f6s aufgesto\u00dfen, auf das geliebte eigene Auto wollen viele nicht verzichten, wobei hier die Betonung auf \u201eeigene\u201c liegt, denn mit gut ausgereiften Car-Sharing-Modellen w\u00e4re das Platzproblem quasi auf der Stelle l\u00f6sbar. So haben sehr viele Menschen ihr Auto zu 95% der Zeit herumstehen und brauchen 10m2 \u00f6ffentlichen Raum.<\/p>\n<p>In den letzten f\u00fcnf Jahren wurde viel ver\u00e4ndert und daher entstand eine verst\u00e4rkte Polarisierung: diejenigen, die sich das alte W\u00e4hring mit der radikalen Optimierung f\u00fcr den PKW-Verkehr w\u00fcnschen und die anderen, die das Gegenteil wollen.<br \/>\nStellvertretend f\u00fcr diese beiden widerspr\u00fcchlichen Positionen sind die \u00d6VP und die Gr\u00fcnen. Deswegen war schnell klar, dass es wieder auf ein Duell zwischen diesen beiden hinauslaufen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was nicht klar war: Wie viele W\u00e4hringerinnen und W\u00e4hringer befinden sich auf welcher Seite?<br \/>\nEin Ergebnis war aus vielen Gr\u00fcnden nicht prognostizierbar:<br \/>\n1.) Es gibt keine Umfragen f\u00fcr die Bezirke<br \/>\n2.) Es gibt in jedem Bezirk so etwas wie einen \u201eBezirksvorsteherInnenbonus\u201c, von dem aber nie klar ist, wie gro\u00df er ausf\u00e4llt. Also unberechenbar.<br \/>\n3.) Es gibt nach f\u00fcnf Jahren jede Menge neue B\u00fcrgerInnen in einem Bezirk, in W\u00e4hring sind das ca. 30%. Auch hier ist unklar, woher die kommen und welchen politischen Hintergrund sie haben. Also auch unberechenbar.<br \/>\n4.) Wie gro\u00df ist die Menge der Zufriedenen, die nicht wahrgenommen werden, weil sie sich still verhalten?<br \/>\n5.) Wie gro\u00df ist die Menge der Unzufriedenen und wie viele ziehen sie in ihrer Unzufriedenheit mit? Sind sie nur laut oder auch viele?<br \/>\n6.) Welche Rolle spielen die anderen Parteien, etwa die SP\u00d6 oder die NEOS? Im letzten halben Jahr gab es etwa eine riesige Aufregung wegen der Verl\u00e4ngerung des 42A, der durch zwei Gassen fahren sollte, deren AnwohnerInnen das nicht wollen. Alle Parteien bis auf die Gr\u00fcnen haben sich da draufgesetzt und sind in Radikalopposition gegangen. Wie wird sich das auswirken? Es gab immerhin 1.000 Unterschriften gegen die Gr\u00fcnen, selbst wenn wir daf\u00fcr gar nicht verantwortlich waren, weil die Routenwahl von den Experten entworfen wird.<br \/>\nIn dieser Geschichte gingen die Emotionen besonders hoch und alle Parteien erhofften sich satte Stimmengewinne und gr\u00fcne Verluste.<br \/>\n7.) Wie viele EU-B\u00fcrgerInnen machen von ihrem Wahlrecht im Bezirk Gebrauch und wie w\u00e4hlen die?<br \/>\n8.) Wie wirkt sich kontinuierliche Politik aus, die aufgrund eines vorher erarbeiteten Programms durchgezogen wird und daher auch Widerst\u00e4nde hervorruft? Was geschieht, wenn man nicht auf die lautesten Zurufe h\u00f6rt und st\u00e4ndig den Kurs wechselt, immer dorthin, wo am lautesten geschrien wird? Wird so etwas belohnt oder bestraft?<br \/>\n9.) Welche Partei wird von welcher Partei wie viele Stimmen abziehen und wie gro\u00df wird die Gruppe der Nichtw\u00e4hlerInnen sein? Und von welcher Partei wenden sie sich st\u00e4rker ab und von welcher weniger?<br \/>\n10.) Wie wirkt sich die Gemeindeebene aus, da die Wahlen ja zusammen abgehalten werden? Wie viele Menschen splitten hier ihre Stimme und w\u00e4hlen z.B. rot auf Gemeindeebene und gr\u00fcn auf Bezirksebene? Sind das mehr als das letzte Mal oder weniger?<\/p>\n<p>Diese und noch viele weitere Fragen ergeben einen Cocktail der Unberechenbarkeit. Und selbst das Bauchgef\u00fchl ist keine verl\u00e4ssliche Informationsquelle, weil es erstens auf den eigenen Wahrnehmungen basiert \u2013 und die kommen aus der eigenen Zustimmungs- bzw. Ablehnungsblase -, und zweitens waren sich alle Beteiligten einig, dass sie in dieser speziellen Frage nicht einmal eins h\u00e4tten, ein halbwegs brauchbares Bauchgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Also hie\u00df es wieder abwarten und zittern. Der Wahlkampf war so ziemlich wie immer und begann fr\u00fch, n\u00e4mlich in Wahrheit ein Jahr vorher.<br \/>\nSeinen langen Schatten warf er schon beim Projekt zur Umgestaltung des Gersthofer Platzls voraus. Die anderen Parteien \u2013 bis auf die NEOS, die standhaft blieben \u2013 schwenkten alle um und stimmten gegen den Entwurf der Agendagruppe. F\u00fcr die war das ein harter Schlag, denn sie hatten unglaublich viel Arbeit hineingesteckt, die Entw\u00fcrfe etliche Male korrigiert, m\u00f6glichst viele Interessen eingebaut \u2013 und dann das pl\u00f6tzliche Aus. Dass Rot und T\u00fcrkis kurz vor der Wahl noch \u00e4hnliche Entw\u00fcrfe als neu und von ihnen stammend pr\u00e4sentierten, machte die Sache f\u00fcr die Agendagruppe nicht lustiger.<br \/>\nCorona warf dann viele Pl\u00e4ne \u00fcber den Haufen, unsere Strategie hatten wir aber schon ein Jahr vor der Wahl fertig und konnten gl\u00fccklicherweise rechtzeitig viele Aktionen (Standln, Aussendungen, Gimmicks, mediale Auftritte etc.) planen und vorbereiten.<\/p>\n<p>Die Stimmung bei den Wahlkampfstandln ist f\u00fcr mich ein wichtiger Indikator, vielleicht sogar der wichtigste, weil es nicht viele andere gibt. Es werden keine Umfragen gemacht und niemand wei\u00df, wie viele Zufriedene oder Unzufriedene es wirklich gibt. Vor zwei Jahren, als die Gr\u00fcnen aus dem Nationalrat geflogen sind, war die Stimmung erkennbar mies. Ich habe das daran erkannt, dass ich h\u00f6chst ungern in der gr\u00fcnen Jacke auf die Stra\u00dfe gegangen bin. <\/p>\n<p>Diesmal war die Stimmung gro\u00dfteils gut, aber allen von uns fehlte das Bauchgef\u00fchl und den anderen Parteien erging es nicht anders, wie ich im Gespr\u00e4ch mit ihnen erfahren konnte. Der Bezirk war wie eine Blackbox, die sich nach der Wahl \u00f6ffnen und ihren Inhalt preisgeben w\u00fcrde.<br \/>\nAlso hofften wir, dass die vielen freundlichen PassantInnen, die uns \u201eich hab euch eh schon gew\u00e4hlt\u201c oder \u201eihr habt das im Bezirk super gemacht\u201c zuriefen, es auch so meinten. Wir wussten, dass es 50% Wahlkarten oder noch mehr geben wird. Wir wussten auch, dass es seit der letzten Wahl ca. 30% neue B\u00fcrgerInnen in W\u00e4hring gibt (in Neubau sind es 50%).<\/p>\n<p>Was wir nicht wussten, ist die Anzahl der Menschen, die unsere Bezirkspolitik gut finden und uns w\u00e4hlen, auch wenn sie nicht sichtbar sind, weil sie sich \u00fcber nichts beschweren. Die andere Gruppe ist viel sichtbarer und scheint gr\u00f6\u00dfer zu sein. Und weil auch wir nachher viel gescheiter sind, wissen wir jetzt, dass diese Gruppe doch nicht so gro\u00df war und ist.<\/p>\n<p>Dann kam der Sonntag. Die Anspannung stieg den ganzen Tag \u00fcber, ich war wieder in einer Wahlkommission und somit auch bei der Ausz\u00e4hlung. Ich wusste, dass wir alles vergessen k\u00f6nnten, wenn mein Sprengel nicht sehr gr\u00fcn ist. 2017 war er nicht mehr gr\u00fcn, 2019 schon, sowohl bei der Europawahl als auch bei der Nationalratswahl. Gl\u00fccklicherweise war er es diesmal auch, was aber noch genau gar nichts aussagte, denn gewinnen oder verlieren w\u00fcrden wir es in Gersthof.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/1.jpg\" title=\"1.jpg\" alt=\"1.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 1: Sprengel 17 &#8211; h\u00e4ndische Ergebnisnotiz <\/p>\n<p>Die Sprengelergebnisse sind noch aus einem weiteren Grund nicht sehr aussagekr\u00e4ftig: die Wahlkartenstimmen werden nicht mitgez\u00e4hlt, weil sie den Sprengeln nicht zugeordnet werden k\u00f6nnen. Bei 50% Wahlkarten liegt somit ein riesiger Unsicherheitsfaktor in den Sprengeln, der sich auch nicht beseitigen l\u00e4sst und in jedem Fall gr\u00f6\u00dfer ist als die m\u00f6glichen und erwartbaren Prozentverschiebungen.<br \/>\nDie Hochrechnung ergab \u00fcbrigens im Sprengel 17, dass nur die Gr\u00fcnen merkbar zulegen konnten.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/2.jpg\" title=\"2.jpg\" alt=\"2.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 2: Sprengel 17, Ergebnis mit hochgerechneten Wahlkarten<\/p>\n<p>Nach Wahlschluss und nach dem fertigen Ausz\u00e4hlen begann das bange Warten, das mindestens bis Montag Nachmittag, vielleicht sogar bis Dienstag oder Mittwoch dauern w\u00fcrde.<br \/>\nRecht flott kam das Wien-Ergebnis, wenngleich ohne Wahlkarten, somit auch nur als Hochrechnung.<br \/>\nOhne Wahlkarten lagen die Gr\u00fcnen da bei 12-13 Prozent, die Hochrechnung mit Wahlkarten prognostizierte bis zu 15%.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/3.jpg\" title=\"3.jpg\" alt=\"3.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 3: Hochrechnung des Ergebnisses der Gemeinderatswahl<\/p>\n<p>Das war eigentlich sehr erfreulich, wir w\u00fcrden auf jeden Fall \u00fcber dem Ergebnis von 2015 liegen. Ich selbst hatte f\u00fcr mich entschieden, dass alles \u00fcber 15% einem Wunder gleich k\u00e4me, alles zwischen 12 und 15 ein gutes Ergebnis w\u00e4re und alles darunter eher ein Debakel.<br \/>\nF\u00fcr den Bezirk bedeutete das mehr oder weniger gar nichts, war aber zumindest kein Zeichen f\u00fcr einen Absturz.<br \/>\nDa war mir der Erhalt der Bezirksvorstehung mit Abstand das wichtigste. Wir hatten 2015 in W\u00e4hring 28,07% der Stimmen, jeder Gewinn \u00fcber 30% w\u00e4re der Oberhammer. Unsere gr\u00f6\u00dften Phantasten tr\u00e4umten von 35% &#8211; f\u00fcr mich war das jenseits des Denkbaren.<\/p>\n<p>Die erste Hochrechnung f\u00fcr den 18. Bezirk kam um 23:36 und war f\u00fcr uns mehr als nur toll. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/4.jpg\" title=\"4.jpg\" alt=\"4.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 4: Hochrechnung des Ergebnisses der Bezirksvertretungswahl f\u00fcr W\u00e4hring<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich hatte damit erstens nicht gerechnet und zweitens konnte ich es auch nicht wirklich glauben. Zu falsch lagen die Hochrechnungen in der Vergangenheit, zu optimistisch f\u00fcr die Gr\u00fcnen, die dann am Schluss oft lange Gesichter machten, wenn die Prozente dann pl\u00f6tzlich deutlich nach unten kletterten.<br \/>\nTrotzdem war irgendwie klar: wir werden den Bezirk halten. Oder war das doch nicht so klar?<br \/>\nSpontan trafen sich einige von uns bei Robert in seinem Hof, der teilweise \u00fcberdacht ist, um ein Glas Sekt zu trinken. Es regnete in Str\u00f6men und war eher kalt, aber wir hatten Freude daran uns ungl\u00e4ubig anzustarren und zu versuchen, an ein Wunder zu glauben.<\/p>\n<p>Wissen w\u00fcrden wir es erst am n\u00e4chsten Tag, da ja noch keine Wahlkarten ausgez\u00e4hlt waren. Der n\u00e4chste Tag begann mit einer neuen Hochrechnung:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/5.jpg\" title=\"5.jpg\" alt=\"5.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 5: Neue Hochrechnung in der Fr\u00fch<\/p>\n<p>Das sah sogar noch besser aus und sch\u00f6n langsam begann ich es zu glauben: Wir haben es geschafft. Wir haben den Bezirk gehalten und vielleicht sogar noch einiges dazugewonnen.<br \/>\nDoch noch hie\u00df es warten, konkret bis wann auch immer. Wir hofften, dass es schon am Dienstag ein Ergebnis geben w\u00fcrde. Es l\u00e4sst sich n\u00e4mlich nicht voraussagen, wie lange die Wahlkartenausz\u00e4hlung dauert, da ein kleiner Fehler eine erneute Ausz\u00e4hlung bewirken kann und das schiebt das Ergebnis dann gewaltig nach hinten.<\/p>\n<p>Am Dienstag um 14 Uhr war es dann soweit:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/6.jpg\" title=\"6.jpg\" alt=\"6.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 6: Endergebnis der Bezirksvertretungswahl<\/p>\n<p>Das \u00fcbertraf unsere k\u00fchnsten Erwartungen. Wir hatten ja alle pauschal f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt, die uns 35% prognostiziert hatten. Und jetzt waren es 38,7%.<br \/>\nWir hatten uns von 12 auf 17 Mandate gesteigert, die SP\u00d6 hatte 2 verloren und die \u00d6VP eines dazu gewonnen, obwohl sie nur 0,22% Steigerung und einen de-facto-Stimmenverlust hinnehmen musste.<br \/>\nDie NEOS waren gleich geblieben, f\u00fcr die FP\u00d6 war es ein Debakel: von 5 auf 1 Mandat und kein Klubstatus mehr, d.h. sie w\u00fcrde in keinen Aussch\u00fcssen und Kommissionen dabei sein.<\/p>\n<p>Erleichterung und Freude waren ungeheuer, da es keinen zweiten Sieger gibt. Wer auch nur eine Stimme hinten ist, verliert alles, n\u00e4mlich die Bezirksvorstehung.<br \/>\nWir hatten jetzt nicht mehr knappe 212 Stimmen Vorsprung wie 2015, sondern mehr als das Zehnfache.<\/p>\n<p>Unser Sieg bedeutet f\u00fcr mich folgendes:<br \/>\n1.) Die Gr\u00fcnen bleiben in der Bezirksvorstehung und k\u00f6nnen gestalten.<br \/>\n2.) Je nachdem, ob die Gr\u00fcnen in der Stadtregierung bleiben, k\u00f6nnen wir auch gr\u00f6\u00dfere, wenn sie rausfliegen, nur mehr kleine Projekte planen und umsetzen, da der Bezirk nur sehr wenig eigenes Budget hat. Sollte es rot-magenta werden, dann haben wir schlechte Karten, denn weder die SP\u00d6 noch die NEOS haben ein Interesse gr\u00fcne Bezirke in ihrer gr\u00fcnen (Umwelt)Politik zu st\u00e4rken.<br \/>\n3.) Ich bleibe Nahversorgungsbeauftragter. Das ist zwar ein ehrenamtlicher Job, ich mache ihn aber trotzdem gerne.<br \/>\n4.) Es hat die Art von Politik gewonnen, f\u00fcr die ich stehe und f\u00fcr die die Gr\u00fcnen W\u00e4hring stehen. Wir machen ein Programm, werden daf\u00fcr gew\u00e4hlt und setzen dieses Programm dann auch um, so weit und so gut wir k\u00f6nnen. Die anderen Parteien haben im Wahlkampf die andere Variante gew\u00e4hlt, die wir aus der Ochlokratie (der \u201eHerrschaft der Lauten\u201c) kennen: Wer am lautesten schreit, bekommt Recht und f\u00fcr dessen Interessen tritt man ein. Das ist das exakte Gegenteil unseres Ansatzes. Gut zu beobachten war das bei der 42A-Diskussion. Die anderen Parteien sind sofort auf die laut Schreienden aus den beiden Gassen zugegangen und haben ausschlie\u00dflich deren Interessen verfolgt, durchaus in der berechtigten Hoffnung, dass ihnen das W\u00e4hlerstimmen bringt. Die Protestler waren pl\u00f6tzlich \u201edie W\u00e4hringer\u201c oder \u201eganz Gersthof\u201c.<br \/>\nDie anderen Interessensgruppen \u2013 die BewohnerInnen des Schafbergs oder der Simonygasse (dort soll die noch ungeplante Alternativroute durchf\u00fchren) oder die Wiener Linien, die f\u00fcr die Umsetzung zust\u00e4ndig sind, wurden nicht geh\u00f6rt oder als unwichtig eingestuft. H\u00e4tten sie auch gleich laut zu schreien begonnen, w\u00e4re das zum Problem geworden.<br \/>\nDas hat sich bei der Wahl ger\u00e4cht, vor allem f\u00fcr die SP\u00d6, die den Gr\u00fcnen gleich mehrere (mediale) Hackln ins Kreuz gehaut hat. Sie haben im Bezirk zwei Mandate verloren und wurden dadurch zur schw\u00e4chsten Bezirksgruppe von ganz Wien.<br \/>\nDie Gr\u00fcnen haben in den beiden Sprengeln, in denen es die B\u00fcrgerproteste samt Unterschriftsliste gab, nat\u00fcrlich verloren, im Gegenzug aber am Schafberg gewonnen, was in etwa auf ein Nullsummenspiel hinausgelaufen ist. Das war zwar so nicht geplant und wir konnten damit auch nicht rechnen, es ist aber h\u00f6chst erfreulich.<br \/>\nBesonders ungl\u00e4ubig staunten wir \u00fcbrigens bei einigen Cottage-Sprengeln, die von t\u00fcrkis auf gr\u00fcn gewechselt hatten. Das zu erkl\u00e4ren wird schwierig.<\/p>\n<p>Spannend ist auch die Statistik der Gesamtbev\u00f6lkerung. Es leben ja in Wien jede Menge Menschen, die nicht w\u00e4hlen d\u00fcrfen, weil das Wahlrecht an die Staatsb\u00fcrgerschaft gebunden ist und nicht daran, wo der Lebensmittelpunkt ist. Das w\u00e4re deswegen fair (und die Gr\u00fcnen treten auch daf\u00fcr ein), weil diese Menschen nicht nur hier Steuern zahlen, sondern von der Politik ja direkt betroffen sind.<br \/>\nSo sieht quasi das \u201eechte\u201c Ergebnis aus:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/7.jpg\" title=\"7.jpg\" alt=\"7.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 7: Theoretische Aufteilung der Prozente<\/p>\n<p>Da stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, wie diese nicht Berechtigten w\u00e4hlen w\u00fcrden. Darauf gibt es leider keine Antwort, allerdings veranstaltet SOS Mitmensch jedes Mal eine \u201ePass egal-Wahl\u201c, deren Ergebnis folgenderma\u00dfen aussieht:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2020.10.27_Wahl\/8.jpg\" title=\"8.jpg\" alt=\"8.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 8: Ergebnis der Pass-egal-Wahl 2020<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte also f\u00fcr die Gr\u00fcnen interessant sein. Warum die SP\u00d6 hier weiter abblockt, ist mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzung: Seit heute 27. Oktober wissen wir, dass die rot-gr\u00fcne Koalition in Wien Geschichte ist. Michael Ludwig macht mit den NEOS weiter. F\u00fcr uns im Bezirk ist das h\u00f6chst unerfreulich, weil weder die SP\u00d6 noch die NEOS haben den Umweltschutz oder die Klimakrise auf ihrer Agenda \u2013 zumindest nicht nach der Wahl.<br \/>\nWir d\u00fcrfen gespannt sein, was sich da entwickelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Nachwahlanalyse zur Wahl am 11. Oktober 2020 Ich kann mich noch sehr gut an den Moment an diesem Montag erinnern, als wir in der Pizzeria Cavallo Bianco gesessen sind. 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