{"id":2837,"date":"2022-02-09T21:26:48","date_gmt":"2022-02-09T20:26:48","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2837"},"modified":"2022-02-09T21:26:48","modified_gmt":"2022-02-09T20:26:48","slug":"die-demokratie-der-leichtglaeubigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-demokratie-der-leichtglaeubigkeit\/","title":{"rendered":"Die Demokratie der Leichtgl\u00e4ubigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Gedanken zu einer ARTE-Philosophiesendung (\u201eKritisches Denken in Zeiten von Fake News\u201c, von und mit Raphael Enthoven, als Gast Gerald Bronner, Soziologe in Paris).<\/p>\n<p>Eine scheinbare Demokratisierung des Wissens durch das Internet h\u00e4lt leider nicht, was sie verspricht. Man kann sich zwar uneingeschr\u00e4nkt jede Art von Information schnell besorgen, wird aber dabei nicht mehr von einem Diskurs geleitet oder gebremst, den es vor dem WWW durchaus gab, etwa im akademischen Kontext.<br \/>\nWer auf der Uni durch B\u00fccher, Fachzeitschriften und Artikel mit wissenschaftlichen Arbeiten Informationen zu einem bestimmten Thema sammelte, stie\u00df dabei auch auf Gegenmeinungen, Konkurrenztheorien usw. Durch die langsamere Rezeption blieb Zeit zum \u00dcberlegen, Nach-Denken und nat\u00fcrlich zur Diskussion mit anderen, die man z.B. in einem Institut oder sonst wo traf.<br \/>\nAbende waren nicht zwangsl\u00e4ufig von Voll-Entertainment gepr\u00e4gt und es gab keine tragbaren Bildschirme, auf die man den ganzen Tag glotzen konnte. Nicht einmal das Fernsehen strahlte rund um die Uhr Programm aus.<br \/>\nWir m\u00fcssen uns diese Zeit nicht zur\u00fcckw\u00fcnschen, aber wir k\u00f6nnen durchaus einen Blick darauf werfen, um aus den Unterschieden eine kritische Haltung aufzubauen.<\/p>\n<p>Deswegen gab es genauso spinnerte Ansichten, Verschw\u00f6rungstheorien und extreme Positionen, aber sie verbreiteten sich nicht so schnell wie heute. Man k\u00f6nnte etwas polemisch sagen: Es gab auch damals die Dorftrottel, nur hatten sie kein Internet.<\/p>\n<p>Das Problem reicht aber tiefer. Durch die blitzschnelle Informationssammlung entsteht ein \u00dcberfluss, der bew\u00e4ltigt werden muss, um zu einer fundierten und abgesicherten Meinung bzw. Haltung zu kommen, die in Folge Sicherheit f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der gro\u00dfen oder auch kleineren Lebensfragen bietet. Diese Bew\u00e4ltigung scheitert aber oft an mehreren H\u00fcrden:<\/p>\n<p>1.) <strong>Denken ohne Denken gelernt zu haben funktioniert nicht.<\/strong> Das ist ja genau der Grund, warum in einem Studium auch die Verarbeitung und Strukturierung von Wissen und Information gelehrt und gelernt wird. K\u00f6nnten das Menschen von selbst, w\u00e4ren diese Kurse, Vorlesungen und Seminare komplett \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>2.) In Folge kann der \u00dcberfluss nicht geistig aufgegessen werden, \u00e4hnlich wie wir es tw. auch bei unseren Ern\u00e4hrungsgewohnheiten sehen. Auch dort wird viel, manchmal sogar sehr viel weggeworfen. Im Wissensbereich landen diese \u00fcberfl\u00fcssigen Artikel im virtuellen Mist. Das reicht aber nicht, denn der Rest muss trotzdem irgendwie bew\u00e4ltigt werden und hier setzt ein zus\u00e4tzliches Ph\u00e4nomen ein.<br \/>\nAuf der Uni bzw. anderen, vergleichbaren Lernm\u00f6glichkeiten erfolgt die Strukturierung in angeleitetem Selbststudium bzw. in der Diskussion mit anderen. Wenn es das nicht gibt, muss anders strukturiert werden. Das funktioniert durch Vorschl\u00e4ge von au\u00dfen, also etwa durch <strong>scheinbar stimmige Gesamttheorien<\/strong>, denen man glaubt, ohne sie zu hinterfragen, weil man\/frau das Hinterfragen nie gelernt hat.<\/p>\n<p>3.) Die Sicherheit strukturierten und reflektierten Denkens ist nicht gegeben, daher sucht man sich die notwendige <strong>Sicherheit durch Best\u00e4tigung Gleichgesinnter<\/strong>. Mit anderen Worten: man begibt sich in eine Blase und bleibt, da dort alles auf sich selbst referenziert wird. Man kann das mit einer Sekte vergleichen, in der man von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten wird. Hier kommt noch das gruppendynamische Ph\u00e4nomen dazu, dass die Identit\u00e4t durch einen gemeinsamen Au\u00dfenfeind st\u00e4rker wird. Diese so dringend gesuchte Identit\u00e4t der im Internet verlorenen Individuen, der Idioten (\u00fcbersetzt: Vereinzelten), die <strong>keine soziale Geborgenheit mehr<\/strong> kennen, alleine daheim vor dem Bildschirm hockend. Viele von ihnen schotten sich in der \u00d6ffentlichkeit noch zus\u00e4tzlich ab, mit Kopfh\u00f6rern und Smartphones, auf die pausenlos gestarrt wird.<br \/>\nDort befindet sich ja auch das Ich, das verwirrt und in Folge auch \u00e4ngstlich auf die Umwelt zu reagieren beginnt, weil die fr\u00fcher gewohnten Haltepunkte nicht mehr vorhanden sind. Langsam entfernen diese Menschen sich von der Gemeinschaft und werden asozial, r\u00fccken das Ich ins Zentrum (werden ego-zentrisch) und so entstehen z.B. die Impfverweigerer, die den sozialen Sinn der Covid-Impfung nicht mehr verstehen, weil sie mit sozialem Sinn nichts mehr anfangen k\u00f6nnen.<br \/>\nDie letzten sechzig Jahre an Dauerpenetration mit Werbung, die ausschlie\u00dflich auf das Ich fokussiert, zeigen ihre Wirkung, der wichtigste Satz lautet jetzt \u201eIch will alles und das jetzt gleich\u201c.<\/p>\n<p>4.) Das immer schneller werdende Internet macht aus den Menschen <strong>Ungeduldige<\/strong>, die Warten nicht mehr aushalten k\u00f6nnen und in Folge <strong>keinen Triebaufschub mehr dulden<\/strong>. Durch die Verst\u00e4rkung ihrer Blase in Verbindung mit dem aufgeblasenen Ich beginnen sie die schnelle, die sofortige Triebbefriedigung als ihr Recht anzusehen und entsprechend einzufordern. Das Essen wird zum Fast-Food, das Auto zum Rennwagen und das Fernsehen zum Netflix, wo der Qualtinger nur mehr selten zu Gast ist und sagt \u201eI waa\u00df zwoa no ned wo i hin w\u00fc, oba daf\u00fcr bin i gschwinder durt.\u201c<\/p>\n<p>5.) Durch die gef\u00fchlte Orientierungslosigkeit richtet sich der Fokus, die Motivation auf die eine Wahrheit, die scheinbar hilft die Komplexit\u00e4t nicht aushalten zu m\u00fcssen. In diesem Fall helfen Argumente nichts mehr, der <strong>Ideologie<\/strong> ist immanent, dass sie nicht kritisierbar ist, weil Kritik daran verboten ist. Die Leichtigkeit des Lebens innerhalb eines akademisch reflektierten und durch soziale Absicherung stabilen Weltbildes wird ersetzt durch die Leichtigkeit des \u201e<strong>Mono-Theorismus<\/strong>\u201c, an den sich passende Teile anheften und von dem nicht passende Teile sofort abgesto\u00dfen werden. Man nennt das \u201e<strong>Best\u00e4tigungsverzerrung<\/strong>\u201c und es bedeutet, dass man nur mehr Fakten als solche akzeptiert, die die eigene Grundannahme best\u00e4tigen. Dadurch wird keine anstrengende Argumentation mehr notwendig, kein Austausch.<br \/>\nDas im Ergebnis leichte, weil schwer erarbeitete Wissen wird ersetzt durch den leichten Glauben, die Leichtgl\u00e4ubigkeit. Dazu passend sind Verschw\u00f6rungstheorien reizvoller, lustvoller, als die komplexen offiziellen Theorien und extreme Ansichten bieten eine sichere Ecke anstelle des scharfen Windes am unsicheren Grat der Relativierung.<\/p>\n<p><strong>Wer nichts mehr wei\u00df, muss alles glauben<\/strong> \u2013 dieser Satz beginnt an Bedeutung zu gewinnen und f\u00fchrt uns sanft, aber konsequent in eine d\u00fcstere Prognose, wenn nicht gar in eine dystopische Soziallandschaft, in der die Menschen fette Pizza und noch fettere Burger bewegungslos mit \u00fcbers\u00fc\u00dften Limonaden hinuntersp\u00fclen und nur mehr \u00fcber kurze Worte am Bildschirm kommunizieren.<\/p>\n<p>Guido Schwarz, 9. Februar 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken zu einer ARTE-Philosophiesendung (\u201eKritisches Denken in Zeiten von Fake News\u201c, von und mit Raphael Enthoven, als Gast Gerald Bronner, Soziologe in Paris). 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