{"id":2854,"date":"2022-07-02T17:54:38","date_gmt":"2022-07-02T16:54:38","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=2854"},"modified":"2022-07-02T17:54:38","modified_gmt":"2022-07-02T16:54:38","slug":"nach-schladming-mit-dem-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/nach-schladming-mit-dem-zug\/","title":{"rendered":"Nach Schladming &#8211; mit dem Zug"},"content":{"rendered":"<p>Dunkle Erinnerungen an Schulskikurse in den 1980ern. Selbst damals sind wir mit dem Bus gefahren, scheinbar aus guten Gr\u00fcnden.<br \/>\nInzwischen hat sich enorm viel getan \u2013 die Autobahnen wurden gewaltig ausgebaut, da ist es nur verst\u00e4ndlich, dass f\u00fcr den Ausbau der Bahnstrecken kein Geld mehr da ist. Deswegen qu\u00e4len sich die Z\u00fcge immer noch quietschend und langsam \u00fcber den Semmering, gerade mal so schnell, dass man nicht daneben hergehen und Blumen pfl\u00fccken kann.<br \/>\nEs soll ja irgendwann einmal einen Tunnel geben, vielleicht so einen, wie es schon seit vielen Jahren f\u00fcr die Autos gibt.<br \/>\nEgal \u2013 ich muss zu einem Kongress nach Schladming und wieder einmal f\u00e4llt meine Wahl auf die Bahn. Mit etwas Bauchweh und \u00fcblen Vorahnungen, aber egal.<\/p>\n<p>Los geht es um 08:25 vom Hauptbahnhof Wien. Der ist f\u00fcr mich einigerma\u00dfen stressfrei mit dem Bus und zwei U-Bahnen erreichbar. Das birgt zwar ein gewisses Risiko, weil vor allem die U-Bahnen hin und wieder eine St\u00f6rung haben und das dann bedeutet, dass ich den Zug vers\u00e4ume, was ich echt gar nicht leiden kann.<br \/>\nDiesmal geht alles gut und ich erreiche den Zug rechtzeitig. Zudem bin ich noch echt froh, dass ich reserviert habe, denn er ist knackevoll. Wir reden hier nicht vom letzten besetzten Sitzplatz, sondern von mehreren Schulklassen, die an diesem Montag auf irgendwelche Landschulwochen fahren. Es handelt sich um klassische Halbw\u00fcchsige mit einem harten Kern von laut kreischenden, laut TikTok-Videos schauenden M\u00e4dchen.<br \/>\nSie sind \u00fcberall im Zug, verteilen sich irgendwie, hocken auf den G\u00e4ngen, dazwischen jede Menge Gep\u00e4ck, so \u00e4hnlich stelle ich mir die Atmosph\u00e4re in einem Zug zwischen Kalkutta und Mumbai vor. Lehrer:innen wuseln gesch\u00e4ftig durch den Zug und versuchen irgendwie irgendwen zusammenzuhalten oder irgendetwas zu bewegen.<br \/>\nEs geht dann doch nicht um 08:25 los, denn irgendwie funktioniert das nicht mit den vielen Schulklassen. Es gibt aber keinerlei Durchsage oder sonst irgendeine Info, nur den K\u00e4rtner Schaffner in Mitten seine Gesamt\u00fcberforderung, schwitzend und im Dauerversuch freundlich zu bleiben. Ja, er hofft, dass wir bald wegkommen. Nein, er kann mir nicht sagen ob ich meinen Anschlusszug vers\u00e4umen werde.<br \/>\nGenau genommen brauche ich diese Info auch nicht, denn nach 15 Minuten Versp\u00e4tung und der Gewissheit, dass Z\u00fcge Versp\u00e4tungen prinzipiell nicht aufholen, sondern meistens noch mehr Versp\u00e4tung aufreissen (in diesem Fall gleich ein paar Minuten sp\u00e4ter in Meidling: noch einmal f\u00fcnf Minuten drauf), ist mir ohnehin klar, dass ich meinen Anschlusszug in Leoben ganz sicher vers\u00e4ume.<br \/>\nAls dann irgendwann ein paar unverst\u00e4ndliche Worte kratzend aus irgendeinem Lautsprecher kommen, f\u00e4llt mir mein alter Freund Bacherl ein, der in gekonnter Analyse meinte, die Menschen k\u00f6nnen zwar selbstfahrende Roboterautos zum Mars schicken, schaffen es aber nicht funktionierende Lautsprecher f\u00fcr Zugdurchsagen zu bauen.<\/p>\n<p>Zu allem \u00dcbel hat die Bahn scheinbar begonnen sich der Flugindustrie anzun\u00e4hern, bemerkbar an einem Sitzabstand, der schon stark nach Economy im Billigflieger erinnert. Das ist besonders bitter, denn so verspielt die Bahn einen ihrer Vorteile gegen\u00fcber dem Flugzeug oder dem Reisebus: gen\u00fcgend Platz.<br \/>\nZu viert gegen\u00fcbersitzen, in der Mitte ein Tisch \u2013 geht nur im Zug. Ich f\u00fcrchte, dieser Trend wird sich fortsetzen, denn die Bahn versucht zu sparen und das wunderbare Klimaticket hat eine Schattenseite: viel mehr Zugfahrende und in Folge \u00fcberf\u00fcllte Z\u00fcge, aus denen sogar G\u00e4ste mit Ticket wieder aussteigen m\u00fcssen, weil sie keine Reservierung haben.<br \/>\nDie \u00d6BB konnte auf die Einf\u00fchrung des Klimatickets nur sehr eingeschr\u00e4nkt reagieren, sie d\u00fcrften weder die notwendigen Zuggarnituren noch das notwendige Personal haben. Vielleicht gibt es auch andere Gr\u00fcnde, die ich aber nicht kenne. Jedenfalls waren sie davon \u00fcberrascht wie die Schneer\u00e4umung im Dezember, wenn es schneit.<\/p>\n<p>Wenn ich mich \u00e4rgere, wirkt der Sitz gleich noch enger, vielleicht auch wegen der dicken Dame, die neben mir sitzt und deren Tuchf\u00fchlung aufgrund der Beengtheit bei mir nur wenig Freude ausl\u00f6st.<br \/>\nWenigstens muss ich ab der Stadtgrenze keine Maske mehr aufhaben, die meisten Sch\u00fcler:innen hatten in moralischer L\u00e4ssigkeit auch in Wien schon keine mehr auf und der \u00fcberforderte Schaffner hatte andere Sorgen, als sie darauf hinzuweisen.<br \/>\nIn Wr. Neustadt war dann aufgrund von inzwischen 30 Versp\u00e4tungsminuten klar, dass ich mir wohl eine andere Zugverbindung nach Schladming suchen m\u00fcsste. Ohne reservierten Sitzplatz, versteht sich.<br \/>\nDaf\u00fcr gab es keine Fahrkartenkontrolle, weder im Zug von Wien nach Leoben noch von Leoben nach Schladming.<br \/>\nVielleicht fielen die Schaffner ja auch schon einem Kostensenkungsprogramm zum Opfer, wer wei\u00df das schon.<\/p>\n<p>Nach zwei Stunden bin ich endlich in Leoben und muss dort in die S8 umsteigen und eine Station nach St. Michael fahren. Von dort kann ich dann nach einer ca. 30-min\u00fctigen Pause den R 4476 nehmen, der mich nach Schladming bringt.<br \/>\nAlso eigentlich nicht nur nach Schladming, sondern zu jedem Misthaufen zwischen St. Michael und Schladming. Der Regionalzug ist die langsamste Variante des Zugfahrens in \u00d6sterreich, nur die Zahnradbahn auf den Schneeberg ist noch langsamer. Die h\u00e4lt daf\u00fcr nicht so oft.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2022.06.28_Schladming\/Bahnhof.jpg\" title=\"Bahnhof.jpg\" alt=\"Bahnhof.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 1: Ein Gru\u00df aus der Vergangenheit<\/p>\n<p>Jedenfalls dauert es noch weitere zwei Stunden bis Schladming. Auch hier habe ich wieder Gruppen von Sch\u00fclern im Zug, die ihre Energie\u00fcbersch\u00fcsse abbauen m\u00fcssen. Das geschieht in einer Lautst\u00e4rke und Vehemenz, dass an so T\u00e4tigkeiten wie arbeiten oder ein Buch lesen nicht zu denken ist.<br \/>\nHier verspielt die Bahn ihren zweiten Vorteil, vor allem gegen\u00fcber dem Auto. Nat\u00fcrlich kann ich erste Klasse buchen und es gibt zarte Versuche das Problem in den Griff zu bekommen, etwa durch l\u00e4rmberuhigte Waggons, die aber nicht wirklich gut funktionieren, weil die Leute dann halt doch telefonieren und der Mitzi-Tant ihre Lebensgeschichte erz\u00e4hlen. Meistens zweimal, jedenfalls aber bis zum Zielbahnhof.<br \/>\nIm Auto kann ich Musik h\u00f6ren, kann mit anderen plaudern oder ganz alleine reisend meine Ruhe haben. Das ist zwar nett, aber im Zug kann ich die Zeit zum Arbeiten n\u00fctzen, das geht im Auto nur, wenn ich einen Chauffeur habe.<br \/>\nF\u00fcr mich war das in den letzten Jahrzehnten oft ein Grund das Auto zu nehmen, weil ich den Arbeitsm\u00f6glichkeitsvorteil nahezu nie realisieren konnte. Dass es ihn in der Theorie gibt, n\u00fctzt mir nichts.<br \/>\nIch hasse Autofahren, das elende Stehen im Stau, die st\u00e4ndige Konzentrationsnotwendigkeit aufgrund immer st\u00e4rker werdenden Verkehrs, die Umweltkosten, die Kosten generell und noch vieles mehr.<br \/>\nWenn die Bahn aber ihre strukturellen Vorteile nicht ausspielt, fahren die Menschen wieder mit dem Auto. So einfach ist das.<br \/>\nMein Zug nach Schladming ist wenigstens nicht \u00fcberf\u00fcllt und so gondle ich vorbei an kleinen Ortschaften durch die wundersch\u00f6ne Steiermark. H\u00e4tte ich kein Nachmittagsprogramm, dann k\u00f6nnte ich das durchaus genie\u00dfen.<br \/>\nSo aber \u00e4rgere ich mich, weil die Gesamtversp\u00e4tung von zwei Stunden meine Pl\u00e4ne doch ordentlich \u00fcber den Haufen wirft.<br \/>\nDas Problem besteht darin, dass der Versp\u00e4tungsnachteil noch zum generellen Zeitnachteil dazu addiert werden muss. Mit dem Auto steht man zwar auch oft im Stau und die Flugzeuge sind mindestens so oft und genauso brutal versp\u00e4tet wie die Bahn, aber auch hier verspielt die Bahn wieder einen Vorteil, der sie auf gut ausgebauten Strecken durchaus attraktiv macht. Von Wien nach Innsbruck kann man in vier Stunden mit dem Railjet Express fahren, das ist konkurrenzlos und selbst mit dem schnellsten Auto nicht zu schaffen.<br \/>\nAber das geht halt nur auf dieser einen Strecke in \u00d6sterreich \u2013 und selbst da w\u00e4re noch einiges drin, denn im Deutschen Eck gibt es keinen Hochgeschwindigkeitsausbau und die letzten 50 Kilometer vor Salzburg auch nicht.<\/p>\n<p>Aber noch sind wir nicht da und bummeln weiter durch das Ennstal. Pl\u00f6tzlich eine scharfe Bremsung, sehr ungew\u00f6hnlich.<br \/>\nDer Grund ist schnell ersichtlich: Der Lokf\u00fchrer hat die Station Nieder\u00f6blarn \u00fcbersehen und sich jetzt ordentlich eingequietscht, um nicht vollst\u00e4ndig im Nirwana stehenzubleiben.<br \/>\nDas gelingt auch, die letzte T\u00fcre hinten im Zug ist auf H\u00f6he der Bahnsteigs. Also kommt eine Durchsage, man m\u00f6ge doch bitte ganz hinten aussteigen.<br \/>\nLeider hat es die alte Dame mit dem gro\u00dfen Koffer nicht mehr geschafft. Ihr Pech, dass sie weit vorne im Zug war, sie muss wohl oder \u00fcbel weiterfahren, bei der n\u00e4chsten Station aussteigen und dann auf einen Zug warten, der sie wieder zur\u00fcckbringt.<br \/>\nVielleicht hat sie ja Gl\u00fcck und muss die ungewollte Fahrstrecke nicht extra bezahlen. Ich w\u00fcnsche es ihr jedenfalls.<\/p>\n<p>Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit sind wir in Schladming und ich hoffe, doch noch eine kleine Nachmittagsbergtour machen zu k\u00f6nnen \u2013 was auch gelingt.<br \/>\nEs ist traumhaft sch\u00f6n in Schladming und nach dem Kongress am n\u00e4chsten Tag muss ich leider schon wieder nach Wien zur\u00fcckfahren.<br \/>\nIch hoffe daher, dass wenigstens die R\u00fcckfahrt problemlos abl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Am Bahnhof angekommen muss ich feststellen, dass es dort irgendwie keine Anzeigetafel gibt, zumindest keine, die ich finde.<br \/>\nAlso frage ich am Bahnsteig 2 eine junge Dame, ob ich hier richtig bin f\u00fcr den Zug nach Leoben (bzw. Graz, dort f\u00e4hrt er eigentlich hin).<br \/>\nSie bejaht, meint aber, dass der Zug Versp\u00e4tung h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Geh bitte! Nicht schon wieder. Und ich hab wieder wenig Umstiegszeit in Leoben, also bleibt nur das Hoffen, dass das irgendwie noch geht.<br \/>\nDann eine Durchsage: Leider hat der Zug aufgrund eines Gleisdefekts 15 Minuten Versp\u00e4tung. 15 bis 20 Minuten, genauer gesagt.<br \/>\nIch krame mein Handy raus und suche neue Verbindungen nach Wien. Es gibt tats\u00e4chlich eine M\u00f6glichkeit schneller nach Wien zu kommen als mit dem n\u00e4chsten Zug der gleichen Verbindung, der f\u00e4hrt n\u00e4mlich erst zwei Stunden sp\u00e4ter.<br \/>\nWie ich die Warterei auf Bahnhofsbahnsteigen hasse! <\/p>\n<p>Die Alternative ist die S8, die ich schon von gestern kenne, sie f\u00e4hrt von Leoben nach Bruck\/Mur, dort kann ich dann in einen Railjet einsteigen, der mich nach Wien bringt.<br \/>\nIm Zug frage ich den Schaffner, ob und wie ich es machen k\u00f6nnte. Er meint, die Variante mit der S8 sei eh gut, aber er ist sich nicht sicher, wie wir in Selzthal wegkommen. Das ist ein Verschubbahnhof, bei dem unser Zug eine neue Lok an der anderen Seite bekommt. Und der Schaffner d\u00fcrfte schon wissen, dass das nicht immer so einfach und vor allem nicht schnell geschieht.<\/p>\n<p>So ist es dann auch, wir stehen schon eine gef\u00fchlte Ewigkeit herum, als irgendwo auf einem anderen Gleis langsam, sehr langsam eine einzelne Lok vorbeif\u00e4hrt.<br \/>\nDas ist nat\u00fcrlich unsere, und es dauert noch ein paar Minuten, bis wir weiterfahren k\u00f6nnen. Vielleicht tue ich der \u00d6BB Unrecht, aber sehr durchdacht erscheint mir das nicht. Der Schaffner ist wenigstens supernett und telefoniert extra mit der S8, damit die auf uns wartet.<br \/>\nDas tut sie auch, nur leider kommt sie dann in St. Michael (dort mussten wir umsteigen, nicht in Leoben, nur Gott und die \u00d6BB wissen warum) nicht weg. Wir verlieren zwar nur zwei Minuten, aber das sind letztlich genau die zwei Minuten, die uns den Anschlusszug doch nicht erreichen lassen. Er f\u00e4hrt uns buchst\u00e4blich vor der Nase davon.<\/p>\n<p>Ich habe keine Lust mich noch mehr zu \u00e4rgern und versuche die n\u00e4chste elende Warterei mit Wurstsemmelkauf zu verk\u00fcrzen. Das Panorama von Bruck\/Mur rund um den Bahnhof hebt meine Stimmung allerdings nicht merklich.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2022.06.28_Schladming\/Bruck.jpg\" title=\"Bruck.jpg\" alt=\"Bruck.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBILD 2: Bruck an der Mur, in der N\u00e4he des Bahnhofs<\/p>\n<p>Nach einer Stunde geht endlich mein Railjet nach Wien. Es ist ein tschechischer, was aber keinen wirklich gro\u00dfen Unterschied macht, \u00fcber den Semmering sind alle gleich langsam.<br \/>\nDer Zug ist wenigstens nicht \u00fcberf\u00fcllt und die Leute sind leise, so dass ich etwas lesen kann. <\/p>\n<p>In Summe waren es zwei Mal sechs Stunden, die ich f\u00fcr die Reise gebraucht habe. Plus den \u00c4rger ergibt das eine durchwachsene Bilanz. Es ist letztlich m\u00fchsam und ich mache es nicht freiwillig und schon gar nicht gerne.<br \/>\nWas schade ist, denn da w\u00e4re viel mehr drin. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dunkle Erinnerungen an Schulskikurse in den 1980ern. Selbst damals sind wir mit dem Bus gefahren, scheinbar aus guten Gr\u00fcnden. 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