{"id":3005,"date":"2025-01-04T16:08:39","date_gmt":"2025-01-04T15:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3005"},"modified":"2025-01-04T16:08:39","modified_gmt":"2025-01-04T15:08:39","slug":"die-kuenstliche-intelligenz-und-die-bequemlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-kuenstliche-intelligenz-und-die-bequemlichkeit\/","title":{"rendered":"Die K\u00fcnstliche Intelligenz und die Bequemlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Gedanken anl\u00e4sslich eines des Videos \u201eWarum die K\u00fcnstliche Intelligenz zum Tod des Internets f\u00fchren wird\u201c (2024) von Matthias Zehnder.<\/p>\n<p>Von Guido Schwarz, 4. J\u00e4nner 2025<\/p>\n<p>Die Bequemlichkeit ist mir schon l\u00e4nger ein Dorn im Auge. Dabei bin ich selbst auch gerne bequem, erkenne aber die Sinnhaftigkeit einer Grenze.<br \/>\nH\u00e4tte sie mich schon \u00fcberw\u00e4ltigt, dann g\u00e4be es auch diesen Artikel nicht. Es w\u00e4re viel bequemer ihn nicht zu schreiben.<br \/>\n<strong>Bequemlichkeit<\/strong> geh\u00f6rt zu unserem Leben, sie ist fast so etwas wie ein <strong>Grundbed\u00fcrfnis<\/strong>, einfach weil sie die l\u00e4ngste Zeit der Menschheitsentwicklung nicht vorhanden war. Das Leben war nicht bequem \u2013 zuerst f\u00fcr niemand, sp\u00e4ter dann f\u00fcr einige wenige.<br \/>\nDas hat sich ge\u00e4ndert und das ist auch gut so. Ich mag es, wenn die Waschmaschine meine W\u00e4sche erledigt und ich das nicht mit der Waschrumpel selbst tun muss.<br \/>\nAuch die elektrischen Fensterheber im Auto sind sehr bequem, hier beginnt aber bereits die Grenze aufzutauchen.<br \/>\nAn diese sto\u00dfe ich etwa in Afrika, genauer gesagt auf Safari irgendwo in freier Natur. Dort sind die elektrischen Fensterheber zwar auch praktisch, werden aber irgendwann kaputt, so wie alles an einem Auto, weil die Stra\u00dfenverh\u00e4ltnisse (Waschbrettpisten etc.) daf\u00fcr sorgen. Also ist es dort praktisch etwas NICHT eingebaut zu haben, weil es sowieso nur kaputt wird, wenn man es hat: Autoradios, Stoffsitze, Klimaanlagen und noch vieles andere, vor allem aber empfindliche Elektronik. Deswegen gibt es f\u00fcr das Milit\u00e4r spezielle Ger\u00e4te, die gegen diese Umwelteinfl\u00fcsse (Staub, Feuchtigkeit, Ersch\u00fctterung) gesch\u00fctzt sind.<\/p>\n<p>Wer also die Bequemlichkeit des elektrischen Fensterhebers genie\u00dfen will, bezahlt das mit unbequemen Reparaturen, Werkstattaufenthalten und dem Problem, dass das Zeug genau dann kaputt geht, wenn man am weitesten von der n\u00e4chsten Reparaturm\u00f6glichkeit entfernt ist. Irgendwo in der afrikanischen W\u00fcste mit einem Fenster, das sich nicht \u00f6ffnen oder nicht schlie\u00dfen l\u00e4sst, ist ziemlich unbequem.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht ist es sinnvoll die <strong>Grenzen von Bequemlichkeit<\/strong> auszuloten: Bis wohin ist es sinnvoll und ab wo \u00fcberwiegen die Nachteile?<br \/>\nNotwendig wird das \u00fcberall dort, wo wir mit der Bequemlichkeit \u00fcbertreiben. Prinzipiell ist sie n\u00e4mlich verf\u00fchrerisch, weil wir tief in uns nicht genug davon bekommen k\u00f6nnen. Wahrscheinlich liegt das an unserem Mensch-Sein, genauer an der Entwicklung, die wir durchgemacht haben und die uns gepr\u00e4gt hat.<br \/>\nWenn jemand \u00fcber Jahrhunderttausende Bequemlichkeit als h\u00f6chst seltenes und \u00e4u\u00dferst attraktives Element erlebt hat, wird er wohl keine Grenzen kennen, wenn pl\u00f6tzlich viel davon vorhanden ist.<br \/>\nDurch die <strong>Industrialisierung<\/strong> unserer Gesellschaft sind die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Bequemlichkeit sprunghaft und massiv angestiegen. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass wir uns daran gew\u00f6hnt haben, und zwar so weit, dass wir jede Abnahme, jede Verringerung als st\u00f6rend empfinden. Jede Einschr\u00e4nkung wird dann zur Zumutung, vor allem, wenn man die Bequemlichkeit als Recht ansieht, das einem uneingeschr\u00e4nkt zusteht.<br \/>\nDas gilt vor allem f\u00fcr die individuelle Bequemlichkeit und hier darf wieder ein Beispiel aus der Welt unseres liebsten Spielzeugs dienen, n\u00e4mlich das Auto.<br \/>\nWir haben uns daran gew\u00f6hnt, dass wir jederzeit uneingeschr\u00e4nkt \u00fcberallhin fahren k\u00f6nnen.<br \/>\nWir sind auch der Meinung, dass jede Einschr\u00e4nkung eine Zumutung ist.<br \/>\nEine solche Einschr\u00e4nkung kann durch das Wetter entstehen, etwa wenn es im Winter schneit. Dann liegt Schnee auf der Autobahn und man muss die Geschwindigkeit reduzieren, weil es sonst gef\u00e4hrlich wird.<br \/>\nDas wird von vielen Menschen als Zumutung empfunden, sie wollen auf der Autobahn immer und \u00fcberall die H\u00f6chstgeschwindigkeit fahren, ob sie es nun eilig haben oder nicht.<br \/>\nDas geht aber nur bedingt, denn der Schnee muss wegger\u00e4umt werden. Wenn es viel schneit, wird das schwierig, daher versucht man das Problem durch enormen Einsatz von chemischem Streumittel zu l\u00f6sen, so dass man auch bei dichtestem Schneetreiben 150 fahren kann. (Das sind \u201eechte 140\u201c und f\u00fcr die 10 km\/h zu viel wird man nicht bestraft, wenn 130 erlaubt sind. Willkommen in \u00d6sterreich.)<br \/>\nDie Stra\u00dfenverwaltung hat gef\u00e4lligst daf\u00fcr zu sorgen, schlie\u00dflich zahlen wir Autofahrer ja Autobahnmaut und f\u00fchlen uns auch sonst gerne als die Spitzensteuerzahler schlechthin, ob das nun stimmt oder nicht. F\u00fcr das eigene Gewissen ist so eine Gedankenkonstruktion \u00e4u\u00dferst bequem.<\/p>\n<p>Matthias Zehnder er\u00f6rtert in seinem Video eine dieser Grenzen, n\u00e4mlich den Einsatz von KI bei Suchmaschinen, konkret bei Google.<br \/>\nEr behauptet, dass die <strong>Chatbots<\/strong> durch die Bequemlichkeit, die sie anbieten, die normale Suche im Internet obsolet machen werden.<br \/>\nEs ist n\u00e4mlich viel bequemer dem Chatbot eine Suchanfrage zu diktieren und als Ergebnis eine gef\u00e4llige, gut formulierte Zusammenfassung zu bekommen, anstatt eine Vielzahl an Links zur Durcharbeitung vor sich zu haben. Laut seiner Theorie wird das Bequemlichkeitsbed\u00fcrfnis siegen und die normalen Suchvorg\u00e4nge langsam verdr\u00e4ngen.<br \/>\nDie Grenze ist hier nicht auf den ersten Blick sichtbar, weil alles sehr nett und bunt und freundlich aussieht. Der Chatbot erledigt sozusagen die Kauarbeit f\u00fcr mich, ich muss nur noch runterschlucken.<br \/>\nWer will das nicht? Vor allem, weil die <strong>Alternative<\/strong> viel <strong>m\u00fchsamer<\/strong> ist: Ich muss eine Anzahl an Links anklicken, mich dort durchk\u00e4mpfen, das Informative vom Informationsm\u00fcll trennen, absch\u00e4tzen, hinterfragen, abw\u00e4gen, weiterdenken, mich auf Neues einlassen und dieses in Bezug zum Alten setzen und noch vieles mehr.<br \/>\nKlingt anstrengend und ist es auch.<br \/>\nWarum soll ich mich nicht in die H\u00e4ngematte der KI legen, die das auf Knopfdruck f\u00fcr mich erledigt? So wie die Waschmaschine, die bringt mir ja auch keine Nachteile.<\/p>\n<p>Matthias Zehnder sieht sehr wohl einen Nachteil an der H\u00e4ngematte der KI. Wir werden <strong>fett im Gehirn<\/strong>, so wie wir durch diverse Bequemlichkeiten in unserem Leben auch k\u00f6rperlich immer fetter werden.<br \/>\nSogar zum Fitnesscenter fahren die meisten Menschen mit dem Auto und dann mit dem Lift hinauf, weil das viel bequemer ist.<br \/>\nZum Problem wird das sobald wir uns daran gew\u00f6hnen und in Folge die Fertigkeit der obigen, m\u00fchsamen T\u00e4tigkeiten verlieren. Dann k\u00f6nnen wir es n\u00e4mlich auch dann nicht mehr, wenn die KI versagt. Das ist \u00e4hnlich wie viele Menschen heute keine Karten mehr lesen k\u00f6nnen, weil sie ja sowieso ein Navi haben, das ihnen die Arbeit abnimmt. Bergfex (eine Navi-App am Mobiltelefon) etwa ist extrem bequem, ich ben\u00fctze das gerne bei Wanderungen. Wenn dann aber der Akku vom Handy bei einer langen Tour zu Ende ist und ich kein Powerpack dabeihabe, wird es schnell ungem\u00fctlich, weil ich dann nicht mehr wei\u00df, wo ich bin und wo ich hinmuss. Eine Karte mitzuf\u00fchren w\u00e4re viel zu unbequem. Das hat schon bei vielen Menschen so manche Bergnotsituation ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Es kann nun sein, dass wir die <strong>verlorenen Fertigkeiten<\/strong> nicht mehr erwerben k\u00f6nnen, weil sie nicht mehr gelehrt werden. Schlie\u00dflich ben\u00fctzen ja alle die bequeme KI und die alten F\u00e4higkeiten werden als nicht mehr notwendig eingestuft. Von da bis zu dem Punkt, an dem sie nicht mehr gelehrt werden und in Folge verloren gehen, ist es nur mehr ein kurzer Schritt.<br \/>\nDa die K\u00fcnstliche Intelligenz aber nicht wirklich intelligent ist, sondern eine Rechenmaschine, die die Wahrscheinlichkeit von Wortkombinationen ausrechnet, f\u00fchrt das m\u00f6glicherweise zu einer Abnahme unserer eigenen Intelligenz, weil sie nicht mehr trainiert wird, ganz im Gegenteil zur KI.<br \/>\nDazu noch ein Beispiel: Die Arch\u00e4ologie hat bei der genauen Untersuchung des Parthenon auf der Akropolis entdeckt, dass beim Bau Techniken verwendet wurden, die wir heute nicht mehr beherrschen. Mehr noch: Es ist uns inzwischen \u2013 zumindest teilweise \u2013 unbegreiflich, wie die Menschen das damals geschafft haben, n\u00e4mlich ohne die technischen Hilfsmittel, die uns heute zur Verf\u00fcgung stehen.<br \/>\nBeim Auseinandernehmen von zwei S\u00e4ulensegmenten fand man \u2013 quasi als Nut-Feder-System \u2013 einen Holzpflock. Es war nicht nur erstaunlich, dass dieser nach fast 2.500 Jahren noch erhalten war, sondern er roch noch nach frischem Holz. Bei der Untersuchung wurde festgestellt, dass die aufeinander liegenden Fl\u00e4chen der S\u00e4ulensegmente so pr\u00e4zise gearbeitet waren, dass ein Vakuum gebildet wurde. Durch die fehlende Luftzufuhr wurde der Holzpflock konserviert. (Quelle: Doku-Film \u201eDer Parthenon\u201c von Gary Glassmann)<br \/>\nEs w\u00e4re mit heutigen Technologien sehr schwierig so etwas zustande zu bringen.<br \/>\nDie Menschen damals hatten die modernen Technologien nicht, daher d\u00fcrfte hier eine entsprechende Intelligenzleistung vorliegen.<br \/>\nEs ist kaum vorstellbar wie sehr die Menschen \u00fcberlegt, get\u00fcftelt, ausprobiert, modifiziert und reflektiert haben m\u00fcssen. Jede Menge Training f\u00fcr\u00b4s Hirn sozusagen.<\/p>\n<p>Dass es ein Segen ist, wenn uns Maschinen die Arbeit abnehmen, gilt als uneingeschr\u00e4nkter <strong>Narrativ<\/strong>, d.h. es wird nicht mehr wirklich hinterfragt. Die Buchstaben \u201ebot\u201c in \u201eChatbot\u201c stehen als Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201erobot\u201c, also f\u00fcr die Arbeit, die f\u00fcr uns vom Roboter erledigt wird.<br \/>\nDer Segen ist unbestritten, seine Grenzen sind es nicht.<\/p>\n<p>Die eigentliche Gefahr liegt in der <strong>Gew\u00f6hnung<\/strong> an die sch\u00f6ne, neue, bequeme KI-Welt, die uns so angenehm erscheint, weil sie es auch tats\u00e4chlich ist. Es wird niemand zu irgendetwas gezwungen, unser eigener Drang zur Bequemlichkeitsmaximierung l\u00e4sst uns freiwillig auf das m\u00fchsame Denken verzichten.<br \/>\nDie <strong>Gegenkraft<\/strong> dazu ist die menschliche <strong>Neugier<\/strong>, die <strong>Kreativit\u00e4t<\/strong>, die sich gerne eigene Wege bahnt. Es war f\u00fcr Forscher:innen und Wissenschaftler:innen nur sehr selten bequem, neue Wege zu beschreiten und nur allzu oft waren diese auch ohne pekuni\u00e4ren Reiz. Selbst des Ruhms war man sich nicht sicher, daf\u00fcr lauerte hinter jeder Ecke ein unkalkulierbares Risiko. Ziemlich unbequem eigentlich, was Menschen freiwillig auf sich nehmen \u2013 \u00fcbrigens soweit das historische Auge zur\u00fcckblicken kann.<\/p>\n<p>Wer beim Kampf Bequemlichkeit gegen Neugier gewinnen wird, k\u00f6nnten wir uns jetzt von der KI erkl\u00e4ren lassen. Oder wir denken selber dar\u00fcber nach, auch wenn das nicht ganz so bequem ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken anl\u00e4sslich eines des Videos \u201eWarum die K\u00fcnstliche Intelligenz zum Tod des Internets f\u00fchren wird\u201c (2024) von Matthias Zehnder. Von Guido Schwarz, 4. J\u00e4nner 2025 Die Bequemlichkeit ist mir schon l\u00e4nger ein Dorn im Auge. 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