{"id":3010,"date":"2025-01-08T18:08:02","date_gmt":"2025-01-08T17:08:02","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3010"},"modified":"2025-01-08T18:08:02","modified_gmt":"2025-01-08T17:08:02","slug":"die-renaissance-der-ochlokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-renaissance-der-ochlokratie\/","title":{"rendered":"Die Renaissance der Ochlokratie"},"content":{"rendered":"<p>Ich kannte den Begriff selbst bis vor ein paar Jahren nicht, finde ihn aber inzwischen als wichtigen Orientierungspunkt in der politischen Diskussion.<\/p>\n<p>Anlass ist die 180-Grad-Kehrtwende der \u00d6VP punkto FP\u00d6 im Januar 2025. Davor gab es im Wahlkampf und auch danach (Herbst 2024) eine sehr klare Linie: Keine Koalition mit der Kickl-FP\u00d6.<br \/>\nDas war ohnehin schon eine Mauer mit Hintert\u00fcrchen, das aber letztlich gar nicht benutzt werden musste. Nach dem Scheitern der Verhandlungen zu einer Dreierkoalition (\u00d6VP-SP\u00d6-NEOS) gab es binnen weniger Stunden eine Kehrtwende und auf einmal war die FP\u00d6 ein willkommener Regierungspartner, wobei man seitens der \u00d6VP den Kanzler abgeben muss und noch einiges mehr.<\/p>\n<p>Interessant ist f\u00fcr mich das, was dahintersteckt.<br \/>\nPrinzipiell gibt es zwei M\u00f6glichkeiten Politik zu betreiben:<\/p>\n<p>1.) Ich mache ein Programm und versuche m\u00f6glichst viele Menschen davon zu \u00fcberzeugen. Wenn ich eine Mehrheit zustande bringe, setze ich das Programm in der mir zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit bis zur n\u00e4chsten Wahl um.<\/p>\n<p>2.) Ich h\u00f6re, wer am lautesten schreit und das verk\u00fcnde ich dann als Programm. Das \u00e4ndert sich immer, wenn die Lauten etwas anderes schreien oder wenn andere lauter werden.<\/p>\n<p>Die zweite Variante nannten die Griechen &#8222;Ochlokratie&#8220;, was so viel hei\u00dft wie &#8222;Herrschaft der Lauten&#8220;. Dazu passt folgender, alter Witz:<\/p>\n<p>In einer Gef\u00e4ngniszelle sitzen drei Herren und unterhalten sich, warum sie eingesperrt wurden.<br \/>\n&#8222;Ich habe f\u00fcnf Jahre bekommen, weil ich war f\u00fcr Popov.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich habe zehn Jahre bekommen, weil ich war gegen Popov.&#8220;<br \/>\n&#8222;Gestatten: Popov.&#8220;<\/p>\n<p>Die Ochlokratie ist heute manchmal auch als &#8222;Populismus&#8220; bekannt. Man braucht daf\u00fcr keinerlei Programm mehr, gew\u00e4hlt werden stattdessen Einzelpersonen bzw. deren \u00f6ffentliches Auftreten. Die Spr\u00fcche zu den Bildern sind meistens austauschbar, ohne konkrete Inhalte, kurz gehalten und oft auch sehr schreierisch, also f\u00fcr die Lauten gemacht, die das dann laut nachschreien.<br \/>\nAu\u00dferdem wird man dadurch selbst laut.<\/p>\n<p>Inhaltliche Tiefe ist dabei nicht mehr notwendig, alles kann oberfl\u00e4chlich bleiben, muss es sogar, die Tiefe w\u00fcrde die Menschen langweilen, weil sie nach einiger Zeit nur gewohnt sind alles in kleinen, gut verdaulichen H\u00e4ppchen serviert zu bekommen. Die Ochlokratie funktioniert nur, wenn die Menschen &#8211; die W\u00e4hler:innen &#8211; auch mitmachen. In einer Zeit, in der sich die Convenience-Food-Regale in den Superm\u00e4rkten vervielfacht haben und der Trend immer st\u00e4rker wird alles von daheim vom Sofa aus mit einem Knopfdruck zu kaufen, hat die Ochlokratie als Convenience-Politik mit ihrem Bequemlichkeitsangebot leichtes Spiel.<br \/>\nDie Nebenerscheinungen sind gravierend: Wir k\u00f6nnen eine zunehmende Volatilit\u00e4t der W\u00e4hler:innen erkennen, die immer \u00f6fter spontan und sehr kurzfristig entscheiden, wem sie ihre Stimme geben. Die Schwankungen sind in den Wahlergebnissen der letzten 20 Jahre gut zu bemerken. Die Gr\u00fcnen etwa flogen 2017 aus dem Nationalrat und erzielten 2019 das beste Ergebnis seit ihrer Gr\u00fcndung.<br \/>\nDie Partei hat sich dabei genauso wenig ver\u00e4ndert wie ihr Programm. Daran kann man gut erkennen, dass das eigentliche Herzst\u00fcck einer politischen Partei, n\u00e4mlich ihr Programm, das einer Linie folgt, die wiederum auf Grundwerten aufgebaut ist, immer weniger z\u00e4hlt.<br \/>\n2024 war fast noch extremer: Die Gr\u00fcnen sind auf den Populismus-Zug aufgesprungen und haben statt eines Programms eine junge Frau als Quereinsteigerin quasi als Programm zur Wahl aufgestellt. Aus der recht vehementen Umweltaktivistin wurde ein s\u00fc\u00dfes Mauserl mit Herz gemacht. Die Umfragewerte sagten ein gutes Ergebnis voraus.<br \/>\nDann wurde die Spitzenkandidatin (dahinter gab es medial und in der Kampagne eigentlich nichts mehr, kein Programm, kein Team) rausgeschossen und das Ergebnis war ein Wahldebakel.<br \/>\nDie Gegner hatten leichtes Spiel, sie mussten nur eine Schwachstelle finden und diese medial ausbreiten. <\/p>\n<p>Aber selbst wenn es ein Programm gibt oder zumindest einen programmatischen Ansatz, funktioniert das nur mehr sehr bedingt. Die Gr\u00fcnen hatten bei der Nationalratswahl 2024 immerhin den Klimaschutz als Ansage. Das hat nur sehr wenige Menschen interessiert, sie w\u00e4hlten vor allem laute M\u00e4nner.<br \/>\nDas mag die Komplexit\u00e4t vielleicht nicht ganz beschreiben, aber die Grundstr\u00f6mung meine ich zu erkennen. <\/p>\n<p>Leben wir in einem ochlokratischen System? Nach dem Sieg von Trump in den USA und dem Triumph der Rechtspopulisten in zahlreichen europ\u00e4ischen Staaten beantworte ich diese Frage inzwischen mit einem klaren &#8222;Ja&#8220;.<\/p>\n<p>Wie geht es weiter?<br \/>\nDas h\u00e4ngt davon ab, wie intensiv uns die Klimakrise trifft und welchen Narrativ das ausl\u00f6st. Es w\u00e4re eigentlich h\u00f6chste Zeit der momentanen Entwicklung weltweit eine vern\u00fcnftige Politik mit einem klaren Programm entgegenzusetzen. Dazu m\u00fcssen die Menschen aber aus der Bequemlichkeit heraus und das wird schwierig.<br \/>\nDas Problem der Populisten ist, dass sie f\u00fcr komplexe politische Herausforderungen und Aufgaben keine L\u00f6sungen haben. Dort, wo oberfl\u00e4chliches Geschrei nicht reicht, braucht es einen Plan, der die Komplexit\u00e4t b\u00e4ndigen kann und als Basis f\u00fcr Entscheidungen dient, die sehr oft nicht popul\u00e4r sind. Da bedarf es dann gemeinsamer Kraftanstrengungen, da muss man schwierige Phasen durchhalten und noch einiges mehr.<br \/>\nDie Verlockungen der \u00dcberflussgesellschaft haben bewirkt, dass viele Menschen glauben ein Recht auf \u00dcberfluss und Bequemlichkeit zu haben. So lange ihnen das jemand verspricht, wird die Ochlokratie wohl noch die Oberhand behalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kannte den Begriff selbst bis vor ein paar Jahren nicht, finde ihn aber inzwischen als wichtigen Orientierungspunkt in der politischen Diskussion. 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