{"id":3024,"date":"2025-06-06T15:59:24","date_gmt":"2025-06-06T14:59:24","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3024"},"modified":"2025-06-06T15:59:24","modified_gmt":"2025-06-06T14:59:24","slug":"zerrissene-jeans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/zerrissene-jeans\/","title":{"rendered":"Zerrissene Jeans"},"content":{"rendered":"<p>ZERRISSENE JEANS<\/p>\n<p>Beobachtungen sind fein, aber wertlos, wenn daraus keine Schl\u00fcsse gezogen werden k\u00f6nnen. Sie zeigen auch immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und haben dr\u00e4uend im Hintergrund die Frage nach der Wahrheit h\u00e4ngen.<br \/>\nFred Sinowatz h\u00e4tte wohl gesagt \u201ees ist alles so kompliziert\u201c und selbst bei dieser Aussage ist nicht sicher, ob er sie seinerzeit als \u00f6sterr. Bundeskanzler genauso gesagt hat.<\/p>\n<p>Als Udo J\u00fcrgens vor vielen Jahren gesungen hat, dass er noch nie mit \u201ezerrissnen Jeans\u201c durch San Franzisko gegangen ist, meinte er das Gegenteil von dem, was wir heute sehen. Die kaputten Hosen standen als Zeichen f\u00fcr Menschen, die a.) wenig Geld hatten, daf\u00fcr b.) Freiheitsliebe und daraus resultierend c.) m\u00f6glichst viel der Welt bereisten.<br \/>\nDazu war San Franzisko zu dieser Zeit eine Stadt der Hippies, also der Blumenkinder, die gegen das Establishment in den USA k\u00e4mpften und daher lange Haare als Protest gegen die Ordnung in Form eines akkuraten, braven Kurzhaar-Unterordnungsschnitts trugen.<br \/>\nIch selbst habe das noch erlebt in meiner Zeit als Grundwehrdiener beim \u00f6sterr. Bundesheer. Damals hatte ich noch eine Menge Haare am Kopf und vorne eine lange Str\u00e4hne.<br \/>\nDas war nicht erlaubt, Soldaten mussten als Zeichen der Unterordnung unter eine hierarchische Ordnung die Haare kurz tragen, da gab es genaue Vorschriften. Disziplin war gefragt und wild herumflatternde Haare waren undiszipliniert.<br \/>\nAlso wurde ich vom Hauptmann zu einem Haarschnitt verurteilt und als Strafe zu einem Wochenenddienst.<br \/>\nDas war immer eine bittere Strafe, weil es an jedem Wochenende Parties jeder Art gab und ich da nicht dabei sein konnte. Auch an dem Freitag, an dem ich die Strafe bekam und am Abend noch raus durfte, fand so eine Party statt. Weil ich keine Chance mehr auf einen Friseurbesuch hatte, beschlossen meine Freunde spontan mir die Haare auf der Party zu schneiden. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich in eine Badewanne setzte und leicht alkoholisierte Freunde an meinen Haaren herumschnippelten.<br \/>\nDann waren sie kurz, sahen aber schrecklich aus.<br \/>\nDas wiederum brachte mir bei der n\u00e4chsten Haarkontrolle einen weiteren Wochenenddienst wegen \u201eSelbstverst\u00fcmmelung\u201c ein. Das war auch verboten.<\/p>\n<p>Mein Respekt vor dem Bundesheer rasselte ins Bodenlose und hat sich bis heute nur teilweise erholt. Lange Haare haben sich aber wenige Jahre sp\u00e4ter aufgrund erblich bedingter Glatzenneigung ohnehin erledigt.<\/p>\n<p>Kommen wir zu den Jeans zur\u00fcck. Sie haben, seitdem sie Modehosen sind, stets eine symbolische Aufladung: Urspr\u00fcnglich Arbeiterhosen aus dem robusten \u201eDenim\u201c-Baumwollstoff, mit Nieten als Schutz vor dem Zerrei\u00dfen, eroberten sie die Welt im Sturm und wurden bald \u00fcberall getragen. Wobei das nicht ganz stimmt, in erster Linie gab es sie in der westlichen, von den USA massiv beeinflussten Konsumwelt. Sie ver\u00e4nderten sich, als sie zu Modeobjekten wurden. Die Schnitte folgten der Mode, es gab sie als Schlaghosen, als hautenge R\u00f6hrljeans, als Jogging-Jeans und in der DDR als schrecklich geschnittene Ostblockjeans.<br \/>\nUnd es gab noch eine weitere Entwicklung, die uns dem urspr\u00fcnglichen Thema n\u00e4her bringen. In den 1980er-Jahren gab es immer h\u00e4ufiger Jeans, die in der Fabrik auf \u201egebraucht\u201c getrimmt wurden, das nannte man \u201estonewashed\u201c, weil man sie mit Steinen zerrieb, um sie so aussehen zu lassen, als w\u00e4ren sie \u00fcber viele Jahre von Arbeitern bei ihrer Arbeit getragen worden.<br \/>\nAuch die normalen Jeans sahen nach einigen Jahren so aus, daf\u00fcr musste man sie aber sehr oft tragen und tats\u00e4chlich Strapazen aussetzen.<br \/>\nSolchen Menschen wehte der Nimbus wagemutiger Abenteurer voraus, braungebrannte Cowboys, die jeden Abend am Lagerfeuer sitzen und ein wildes, freies Leben f\u00fchren. Sie starben zwar aufgrund der filterlosen Zigaretten, die sie den ganzen Tag rauchten, ziemlich elendiglich an Lungenkrebs, daf\u00fcr war das Leben halt wild und frei.<\/p>\n<p>Wer so eine Jeans hatte, musste auch ein wilder, freier Abenteurer sein, begehrt von den sch\u00f6nsten Frauen.<br \/>\nDie Marketingindustrie erkannte das Potenzial und befeuerte den Trend so gut es ging. Die Jeans wurden immer mehr stonewashed, was auch dazu f\u00fchrte, dass sie immer d\u00fcnner wurden. Das war ausgesprochen praktisch f\u00fcr die Jeansindustrie, denn die wollte ja m\u00f6glichst vielen Menschen m\u00f6glichst oft neue Jeans verkaufen. Wenn diese von Beginn an fast schon kaputt waren, mussten die Konsument:innen auch viel \u00f6fter neue Hosen kaufen.<\/p>\n<p>Irgendwann waren die Jeans so stonewashed, dass sie schon als Neuware zu zerrei\u00dfen begannen. Das f\u00fchrte aber nicht zu einem Gegentrend, sondern die Werbeindustrie trat die Flucht nach vorne an und machte zerrissene Jeans zum Trend. Jetzt wurden sie schon in der Fabrik k\u00fcnstlich zerrissen, um den alten Mythos an die Spitze zu treiben: Seht her, ich habe so viel gearbeitet und so wilde Dinge erlebt, dass meine Hosen schon total zerrissen sind.<\/p>\n<p>Warum ich mir keine guten, neuen Hosen kaufe? Diese Frage darf nicht gestellt werden und wird von den braven K\u00e4uferinnen und K\u00e4ufern auch nicht gestellt. Sie sind n\u00e4mlich das Gegenteil von Hippies oder irgendwelchen anderen Typen, die gegen das Establishment sind, ganz im Gegenteil: Sie folgen jedem Trend, und sei er noch so absurd. Sie hecheln der k\u00fcnstlich erzeugten Mode hinterher, h\u00e4ngen an den Lippen der Marketingindustrie und verk\u00f6rpern den Boden des Konformismus, indem sie jede Art von Reflexion aufgegeben haben.<br \/>\nH\u00e4tten sie das nicht, w\u00fcrde ihnen auffallen, was sie eigentlich tun. Die zerrissenen Jeans kosten n\u00e4mlich deutlich mehr als welche, die nicht kaputt sind. Sie zahlen also extra daf\u00fcr, dass sie etwas Kaputtes bekommen \u2013 f\u00fcr mich eins der besten Zeichen einer kaputten Gesellschaft.<br \/>\nDer wichtigste Aspekt ist aber die unglaubliche Arroganz, die Menschen vor sich hertragen, die sich zerrissene Jeans kaufen. Diese werden n\u00e4mlich m\u00f6glichst billig von Arbeiterinnen in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen erzeugt, damit die Gewinnspanne f\u00fcr Industrie und Handel m\u00f6glichst gro\u00df ist.<br \/>\nJe teurer die Jeans, desto mehr Geld bleibt in den Kassen, allerdings nicht in denen der Arbeiterinnen, die sie erzeugen. Die bekommen irgendwo in Indien, Bangladesh oder der T\u00fcrkei einen Hungerlohn, der meistens sogar unter dem Existenzminimum liegt. Sie arbeiten unter extremen Umweltbedingungen und sind gef\u00e4hrlichen Chemikalien schutzlos ausgesetzt, die man bei der Erzeugung solcher Jeans braucht.<br \/>\nSie schneiden L\u00f6cher in neue Hosen und tragen selbst Hosen mit L\u00f6chern, weil sie sich keine anderen leisten k\u00f6nnen.<br \/>\nSie wissen, dass diese absichtlich zerst\u00f6rten Hosen von Menschen gekauft werden, die daf\u00fcr mehr Geld zahlen als f\u00fcr Hosen, die nicht kaputt sind.<br \/>\nIst das nicht ein bisschen krank? Mit der Arroganz meine ich den Luxus, sich keine Reflexion zu leisten. Die Konsument:innen leben in einer sch\u00f6nen, neuen Welt (durchaus im Sinne von Aldous Huxley) und sind sehr ungehalten, wenn man diese st\u00f6rt. So ungehalten wie damals das US-amerikanische Establishment \u00fcber die Hippies war.<br \/>\nDas Au\u00dferhalb ihrer Blase interessiert sie nicht, dar\u00fcber denken sie nicht nach und die Konsumindustrie tut ihr M\u00f6glichstes, sie am Nachdenken zu hindern. <\/p>\n<p>Ich habe in meiner Jugend auch Stonewashed-Jeans getragen, allerdings nur so lange, bis der Stoff d\u00fcnner zu werden begann. Dann kam mir das seltsam und irgendwie falsch vor und ich h\u00f6rte damit auf.<br \/>\nIch war damals noch kein Gr\u00fcner, aber der Gedanke an diese sinnlose Umweltzerst\u00f6rung war scheinbar schon irgendwo in mir.<br \/>\nZerrissene Jeans sind n\u00e4mlich die Quadratur der Umweltverschmutzung und sinnlosen Ressourcenverschwendung plus sozialer Ausbeutung. Man braucht Ressourcen, um sie zu zerst\u00f6ren und noch viel mehr Ressourcen, um noch mehr zerst\u00f6rte Jeans zu produzieren, die ja nicht lange halten, weil sie nicht lange halten sollen. Befeuert wird dieser Kreislauf zus\u00e4tzlich noch durch die immer schneller wechselnden Modetrends. Die Konsument:innen kaufen die Hosen inzwischen oft nicht mehr, um sie wirklich zu tragen, sondern um sie zu kaufen \u2013 der Trend der Fast-Fashion bzw. der Ultra-Fast-Fashion. <\/p>\n<p>Wie geht es weiter?<br \/>\nWir haben hier einen typischen Fall, bei dem Verbote nichts n\u00fctzen. Selbst wenn es EU-weit verboten w\u00fcrde, k\u00e4men die Hersteller auf immer neue Ideen, wie sie das Verbot umgehen k\u00f6nnten, denn es gibt damit sehr viel Geld zu verdienen.<br \/>\nAuch von den Konsument:innen d\u00fcrfen wir hier nicht viel erwarten. Es gibt derzeit keine Hinweise auf eine Trendwende weg von der Wegwerfgesellschaft, ganz im Gegenteil. Es wird mehr konsumiert als je zuvor und die Konsumgegenst\u00e4nde werden zunehmend umweltsch\u00e4dlicher, was sich sehr gut an den unfassbaren Plastikm\u00fcllbergen ablesen l\u00e4sst, die jedes Jahr deutlich anwachsen. Die wenigen Gegentrends fallen statistisch nicht ins Gewicht.<br \/>\nDie Natur wird uns fr\u00fcher oder sp\u00e4ter einen Riegel vorschieben. Je l\u00e4nger wir damit warten, umso h\u00f6her wird ihr Preis sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZERRISSENE JEANS Beobachtungen sind fein, aber wertlos, wenn daraus keine Schl\u00fcsse gezogen werden k\u00f6nnen. Sie zeigen auch immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und haben dr\u00e4uend im Hintergrund die Frage nach der Wahrheit h\u00e4ngen. 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