{"id":3043,"date":"2025-07-12T07:09:31","date_gmt":"2025-07-12T06:09:31","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3043"},"modified":"2025-07-12T07:09:31","modified_gmt":"2025-07-12T06:09:31","slug":"kuenstliche-intelligenz-oder-die-rechenleistung-einer-maschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/kuenstliche-intelligenz-oder-die-rechenleistung-einer-maschine\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstliche Intelligenz oder die Rechenleistung einer Maschine?"},"content":{"rendered":"<p>Gleich vorweg meinen Dank an Christian Pohl, der mich auf Fehler bzw. fehlende Elemente in diesem Artikel hingewiesen und freundlicherweise auch gleich die Elemente mitgeliefert hat.<\/p>\n<p>Die Urspr\u00fcnge der \u201eKI\u201c lassen sich mindestens 250 Jahre zur\u00fcckverfolgen, als 1769 am kaiserlichen Hof von Maria Theresia eine Maschine vorgestellt wurde, die Menschen im Schach besiegen konnte. Es war eine Art Blechroboter, dem ein Turban aufgesetzt war \u2013 daher wurde er \u201eSchacht\u00fcrke\u201c genannt.<br \/>\nEs handelte sich aber um keine k\u00fcnstliche Intelligenz und genau genommen nicht einmal um einen Roboter, sondern um einen Schwindel \u2013 in der Maschine sa\u00df ein Mensch, der gut Schach spielen konnte.<br \/>\nErst ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter flog der Betrug auf und seitdem spricht man davon, dass etwas \u201eget\u00fcrkt\u201c ist.<br \/>\nSo lange halten sich Worte, aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p>Bei der heutigen Faszination um die \u201eAI\u201c (also \u201eartificial intelligence\u201c) oder \u201eKI\u201c (\u201ek\u00fcnstliche Intelligenz) sitzen wir m\u00f6glicherweise einem \u00e4hnlichen Schwindel auf: Wir glauben, dass analoges Denken (und in Folge Intelligenz \u2013 was auch immer das sein mag) durch digitale Rechenvorg\u00e4nge nachgemacht werden kann.<br \/>\nDazu m\u00fcssen wir verstehen, was der Unterschied ist. Ich war 1984 der erste Jahrgang in unserem Gymnasium, der das Freifach \u201eInformatik\u201c belegen durfte. Das war auch deswegen eine Herausforderung, weil wir dazu einen kleinen Computer brauchten, der eine Menge Geld kostete. Es war ein \u201eTexas Instruments Pocket Computer\u201c, etwa so gro\u00df wie ein heutiges Handy, mit einer einzigen LCD-Bildschirmzeile, wie ein Taschenrechner. Und er konnte \u201eBasic\u201c programmieren \u2013 das war auch das, was wir lernten.<br \/>\nVor allem aber lernten wir die Basis der Informatik, n\u00e4mlich wie ein Computer funktioniert. Ohne jetzt hier auszuschweifen, die Grundlage von allem bildet bis heute das \u201edigitale System\u201c, also die Darstellung von allem im Schema \u201eNull\u201c oder \u201eEins\u201c. Diese 0\/1-Kombination nennt man ein \u201eBit\u201c und 8 davon sind ein \u201eByte\u201c. Ein Kilobyte sind allerdings nicht 1.000 Byte, sondern 1.024.<br \/>\nEin Megabyte sind dann 1.048.576 Byte usw.<br \/>\nSo haben wir es gelernt und das gilt bis heute.<\/p>\n<p>Die Aufeinanderfolge von Bits ergibt eine Rechenoperation, also \u201edrei Mal Null, dann zwei Mal Eins, dann zwei Mal Null\u201c bedeutet etwas anderes als \u201eein Mal Null, dann 4 Mal Eins\u201c.<br \/>\nEin Computer beherrscht verschiedene Rechenoperationen, etwa \u201ewenn \u2013 dann\u201c. Wenn er also \u201edrei Mal Null\u201c vorgesetzt bekommt, macht er etwas. Wenn er aber \u201evier Mal Null\u201c vorgesetzt bekommt, macht er etwas anderes.<br \/>\nDie Rechenoperation lautet \u201eWenn du drei Mal Null liest, dann mach \u201eA\u201c, wenn du aber vier Mal Null liest, dann mach \u201eB\u201c.<br \/>\nIch habe das mit einem kleinen, analogen Bild dargestellt.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.07.12_KI\/Kugeln.jpg\" title=\"Kugeln.jpg\" alt=\"Kugeln.jpg\" \/><\/center><\/p>\n<p>Das ist ein \u201eKugelautomat\u201c. Von oben rollt \u00fcber die schr\u00e4ge Fl\u00e4che eine Kugel runter und f\u00e4llt in den Beh\u00e4lter. Das funktioniert bis zur dritten Kugel. Wenn eine vierte Kugel kommt, leitet sie der Automat in den n\u00e4chsten Beh\u00e4lter.<br \/>\nSomit haben wir eine Wenn-Dann-Funktion: Wenn die vierte Kugel kommt, dann leite sie in den anderen Beh\u00e4lter.<br \/>\nSo funktionieren Computer \u2013 ein wenig vereinfacht dargestellt, aber hoffentlich verst\u00e4ndlich.<br \/>\nDas analoge Bild wurde von mir mit einer Digitalkamera fotografiert und dann auf den Computer \u00fcberspielt.<br \/>\nDort habe ich das Bild dann verkleinert, also \u201eruntergerechnet\u201c. Es setzt sich ja aus einer bestimmten Anzahl winziger Punkte zusammen, die entweder schwarz oder wei\u00df sind \u2013 also Null oder Eins.<br \/>\nDer Computer nimmt das Bild und legt dar\u00fcber ein Raster, also so etwas wie ein Gitter. Dann sieht er sich an, in welchem Rasterfeld es wei\u00df ist und in welchem schwarz.<br \/>\nEr merkt sich den Wert f\u00fcr jedes Bild (dazu hat er einen Speicher) und stellt dies in einer Folge von Null-Eins-Werten dar: Im ersten Gitterfeld findet er einen schwarzen Punkt \u2013 und gibt diesem den Wert Null, im zweiten einen wei\u00dfen, daher der Wert Eins, im dritten wiederum einen schwarzen, daher Null usw.<br \/>\nDie Folge der ersten drei Felder lautet also Null \u2013 Eins \u2013 Null (0-1-0).<br \/>\nUm das ganze Bild darstellen zu k\u00f6nnen, muss der Computer also nur eine ausreichend lange Aufeinanderfolge von Nullen und Einsen erzeugen, in diesem Fall 3,4 Megabyte. Wenn ich auf meinem Rechner die Info \u00fcber das Bild ansehe, dann zeigt er mir das:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.07.12_KI\/Bildinfo.png\" title=\"Bildinfo.png\" alt=\"Bildinfo.png\" \/><\/center><\/p>\n<p>Wenn ich das Bild jetzt herunterrechne, vergr\u00f6\u00dfert der Computer in Wahrheit nur das Raster, weil ich f\u00fcr die Darstellung dieser Zeichnung einfach nicht so ein feines Raster brauche. Das nennt man dann die \u201eAufl\u00f6sung\u201c.<br \/>\nDas obige Bild hat jetzt nur mehr 283 Kilobyte, also 281.634 Byte.<br \/>\nDas spart Speicherplatz und in Summe Energie, weil der Computer f\u00fcr jede Rechenoperation Strom braucht.<br \/>\nWenn man solche Bilder vergr\u00f6\u00dfert, sieht man das Raster. Das nennen wir dann \u201ePixel\u201c. Wenn im Fernsehen \u2013 das heute ja digital ist \u2013 die Bilder auf einmal so seltsame Vierecke zeigen, dann nennen wir das \u201everpixelt\u201c und meinen damit, dass der Computer, der f\u00fcr die Erzeugung verantwortlich ist, nicht schnell genug rechnen kann oder die Informationen nicht bekommt, um die Bilder (Videos sind nichts anderes als viele Standbilder hintereinander) so darzustellen, dass wir sie im Kopf ins Analoge zur\u00fcckrechnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein paar Erg\u00e4nzungen f\u00fcr Neugierige, die noch etwas tiefer in die Materie hineinschauen wollen: Die Bild-Logik funktioniert nur bei s\/w-Bildern, bei Farbbildern kommt dann klarerweise zum Bit 0\/1 pro Bildpunkt die Farbinformation dazu. Bei den ersten Computern war diese Farbinformation auf die H\u00e4lfte eines Bytes, also 4-Bit, beschr\u00e4nkt, was zu max. 16 (=2 hoch 4) Farben f\u00fchrte. Bei den sp\u00e4teren grafischen Benutzeroberfl\u00e4chen (z.B. erste Windows-Versionen 1.0 und 2.0) wurde schon ein ganzes Byte (=2 hoch 8) daf\u00fcr verwendet, was zu 256 Farben f\u00fchrte, sp\u00e4ter 2 Byte (Windows 3.0) f\u00fcr 65536 Farben, heute haben wir generell einen Farbraum von 3 Byte, also 24-bit, mit \u00fcber 16 Millionen Farben, was gemeinhin als True-Color bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Kommen wir zur\u00fcck zur K\u00fcnstlichen Intelligenz. Sie ist nichts anderes als genauso ein Rechner, wie ich ihn f\u00fcr dieses Bild verwende. Sie bekommt Informationen, die sie in digitale Null-Eins-Codes \u00fcbersetzt, \u00e4hnlich wie das analoge Bild in ein Raster \u00fcbersetzt wurde, in dem man dann Nullen und Einsen findet.<br \/>\nDie K\u00fcnstliche Intelligenz ist ein Programm, das eine bestimmte Menge von Rechenoperationen wie unsere mit \u201eWenn-Dann\u201c beherrscht. Sie kann sehr viele Operationen mit sehr vielen Daten in sehr kurzer Zeit durchf\u00fchren. <\/p>\n<p>Sie kann aber nicht mehr als das.<br \/>\nSie kann nicht denken, au\u00dfer wir sehen das menschliche Denken als eine Art digitale Operation, die in einem Rechner namens Gehirn durchgef\u00fchrt wird.<br \/>\nWenn das so ist, dann m\u00fcsste man wahrscheinlich bei einem Computerprogramm tats\u00e4chlich von Intelligenz sprechen.<br \/>\nDas wird aber nicht nur von mir bezweifelt, denn es fehlt noch eine wichtige Komponente, das \u201eVerstehen\u201c.<br \/>\nHier streiten sich Philosophen, Neurowissenschafterinnen, Informatiker, Biologen, Psychologinnen und noch viele andere darum, was das wirklich ist.<br \/>\nDie KI-Hardliner meinen, das Verstehen ist nur eine Kombination von Daten, quasi das Ergebnis von Rechenoperationen: Wenn die vierte Kugel in das neue Gef\u00e4\u00df f\u00e4llt, dann hat der Computer sozusagen \u201everstanden\u201c, dass in das erste Gef\u00e4\u00df nur drei Kugeln passen.<\/p>\n<p>Ganz so einfach ist es nat\u00fcrlich nicht, aber letztlich bleibt immer die Frage: Ist unsere Welt in Wahrheit digital, also nichts anderes als eine unfassbar gro\u00dfe Anzahl an Nullen und Einsen?<\/p>\n<p>Es gibt Zweifel an der Begrenztheit der KI, wie ich sie eben dargestellt habe. Dabei ist wichtig anzumerken, dass wir wahrscheinlich erst am Anfang einer interessanten Entwicklung stehen und auch die besten Expertinnen und Experten noch nicht wissen, in welche Richtung sich die KI (samt allem, was daraus gemacht wird) entwickelt.<br \/>\nM\u00f6glicherweise entsteht hier doch mehr als ein einfaches Computerprogramm und es ist zu fr\u00fch zu behaupten, dass wir die Wahrheit bereits kennen.<\/p>\n<p>Sehen wir uns die Elemente an, die seitens KI entwickelt wurden:<\/p>\n<p><strong>Lernf\u00e4higkeit:<\/strong><br \/>\nKI kann aus Daten lernen, ohne dass jeder Einzelfall manuell programmiert werden muss. Zum Beispiel:<br \/>\nKlassisches Programm: \u201eWenn E-Mail Betreff enth\u00e4lt &#8218;Rechnung&#8216;, dann verschiebe in Ordner X.\u201c<br \/>\nKI: \u201eIch habe Millionen E-Mails gesehen und erkenne, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rechnung ist.\u201c<\/p>\n<p><strong>Generalisierung:<\/strong><br \/>\nKI kann neue, unbekannte Situationen behandeln, wenn sie gen\u00fcgend \u00e4hnliche Muster zuvor gelernt hat.<\/p>\n<p><strong>Verarbeitung unstrukturierter Daten:<\/strong><br \/>\nKI kann Bilder, Sprache oder Texte interpretieren \u2013 etwas, das f\u00fcr klassische Programme kaum m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p><strong>Probabilistische Entscheidungen:<\/strong><br \/>\nStatt Ja\/Nein entscheidet KI oft auf Basis von Wahrscheinlichkeiten \u2013 z.?B. \u201eZu 87?% ist dies ein Hund.\u201c<\/p>\n<p><strong>Skalierbarkeit &#038; Anpassungsf\u00e4higkeit:<\/strong><br \/>\nEin KI-Modell l\u00e4sst sich f\u00fcr viele Aufgaben anpassen (Transfer Learning, Fine-Tuning) \u2013 von Chatbots bis zur medizinischen Diagnostik.<\/p>\n<p>Das alles kann die KI, weil sie in der Lage ist, zus\u00e4tzlich zu ihren programmierten Algorithmen statistische Daten und Modelle zu verwenden, um Muster zu erkennen. Diese Muster dienen dann als Vorlage f\u00fcr den \u201eLernprozess\u201c, dh. zuk\u00fcnftige Entscheidungen (Wenn-Dann) werden aufgrund dieser gelernten Muster angepasst \u2013 was einer Verhaltens\u00e4nderung entsprechen kann.<br \/>\nDie Entscheidungen sind daher nicht v\u00f6llig deterministisch, sondern h\u00e4ngen vielmehr vom Trainingsprozess und der damit errechneten Wahrscheinlichkeiten ab. <\/p>\n<p>An dieser Stelle vermuten Fachleute, dass es sinnvoll ist, von einer gewissen Intelligenz zu sprechen.<br \/>\nSelbst Philosophen, die gerne das letzte Wort haben, m\u00fcssen hier eingestehen, dass sie es einfach nicht wissen.<br \/>\nEs zahlt sich also sicher aus, an der Diskussion dranzubleiben, vor allem, wenn es um die Fragen nach Bewusstsein geht \u2013 \u00fcbrigens die letzte, alles entscheidende Frage in der ganz gro\u00dfen Diskussion.<br \/>\nIch m\u00f6chte auch hier nur ein Element herausnehmen, die Lernf\u00e4higkeit.<br \/>\nDazu sehen wir uns obigen Satz noch einmal an:<\/p>\n<p>KI: \u201eIch habe Millionen E-Mails gesehen und erkenne, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rechnung ist.\u201c<\/p>\n<p>Wahrscheinlichkeitsberechnung ist ein Programmteil, das konnten Computer schon in recht fr\u00fchen Phasen ihrer Entwicklung. Spannender ist der Begriff \u201eerkennen\u201c, denn hier m\u00fcssen wir uns genauer ansehen, was das bedeutet.<br \/>\nWenn ich erkenne, dass das, was mir auf der Stra\u00dfe entgegenkommt, ein Auto ist, dann ist das eine Art Rechenoperation in meinem Gehirn: Es hat abgespeichert, dass bestimmte Formen den Begriff \u201eAuto\u201c bekommen. Wenn ich jetzt ein Auto sehe, vergleicht das Gehirn die Form mit Formen, die es kennt und ordnet diese Form zu. Das ist f\u00fcr uns lebenswichtig, denn wir m\u00fcssen Formen, die wir erkennen, einordnen k\u00f6nnen, um damit umgehen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDie urspr\u00fcngliche Rechenoperation \u201eWenn diese Form, dann Auto\u201c muss aber programmiert werden \u2013 sowohl im Computer, wie auch im Gehirn. Im Gehirn funktioniert das \u00fcbrigens indem uns irgendwann gesagt wird, dass diese Form \u201eAuto\u201c genannt wird.<br \/>\nBis daher ist das eigentlich noch recht banal und der Unterschied zwischen \u201eintelligenten Menschen\u201c und \u201eunintelligenten Rechnern\u201c noch nicht erkennbar.<br \/>\nSpannender wird es, wenn wir dar\u00fcber hinausdenken: Was bedeuten Autos f\u00fcr Menschen? Wir wissen etwa, dass sie als Statussymbole verwendet werden, um Emotionen auszul\u00f6sen. Diese Funktion flie\u00dft in die Entwicklung von Autos mit ein, die dann eine \u201eaggressive Front\u201c bekommen, wo etwa die Scheinwerfer wie Augen gestaltet werden, die zu Sehschlitzen verformt sind, weil wir diese Form von aggressiven Gesichtsausdr\u00fccken kennen.<br \/>\nKann das die KI auch \u201eerkennen\u201c und wenn ja, was macht sie draus?<\/p>\n<p>Ich glaube, dass ihr diese Erkennungsoperationen programmiert werden m\u00fcssen und dass sie dies nicht von selbst entwickeln wird. Aber wissen kann ich das nicht.<br \/>\nBleibt die KI ein Computerprogramm, das einfach nur besser, weil komplexer ist?<br \/>\nUnd die Frage nach Bewusstsein ist damit nat\u00fcrlich noch nicht einmal angeschnitten. Wir wissen ja nicht einmal, was es beim Menschen genau ist, wie es funktioniert und wie es sich entwickelt hat. Wie sollen wir dann wissen, ob es sich in Computern bzw. Netzwerken entwickelt?<\/p>\n<p>Kommen wir zur\u00fcck zur Ausgangsfrage.<br \/>\nIch bin der Ansicht, dass alle Menschen, die \u00fcber K\u00fcnstliche Intelligenz mitdiskutieren, zuerst einen Test machen sollten, ob sie wissen, wie Computer \u00fcberhaupt funktionieren. Zumindest die Grundfunktionen sollten bekannt sein.<br \/>\nSie m\u00fcssen nicht wissen, wie Quantenphysik funktioniert und auch nicht mit der Diskussion vertraut sein, ob unser Gehirn nicht in Wahrheit ein Quantencomputer ist. Aber was ein Bit und ein Byte und eine Rechenoperation ist, sollten sie wissen.<br \/>\nSonst passiert n\u00e4mlich das, was wir derzeit in den Sozialen Medien sehen k\u00f6nnen. Menschen lassen sich von KI-Bildern oder auch von ChatGPT-Texten in die Irre f\u00fchren. Derzeit ist das noch recht einfach erkennbar, denn die KI-Bilder weisen noch sichtbare Fehler auf, das wird sich aber im Laufe der n\u00e4chsten Jahre \u00e4ndern.<br \/>\nEs ist aber erschreckend, wie viele Menschen heute schon glauben, dass KI-Bilder echte Fotos sind, auch wenn sie wirklich schlecht gemacht sind. (Am besten l\u00e4sst sich so ein Bild \u00fcbrigens erkennen, wenn man die H\u00e4nde der darauf dargestellten Menschen ansieht. Das kann die KI meistens noch nicht gut errechnen.)<\/p>\n<p>Es wirkt fast so, als w\u00fcnschen sich die Menschen get\u00e4uscht zu werden. Das hat ja eine lange Tradition, wenn ich an das \u201eHeumarktcatchen\u201c denke, heute besser bekannt unter dem amerikanischen Namen \u201eWrestling\u201c, wo Menschen sich bewusst t\u00e4uschen lassen. Sie vergessen w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe gerne, dass diese nicht echt sind. Ist es die erw\u00fcnschte Ablenkung von ihrem realen Leben? Auch Filme mit Schauspielern stellen kein reales Leben dar, sondern eine Art k\u00fcnstliche Abbildung davon, verzerrt, idealisiert, gesch\u00f6nt.<br \/>\nMich erinnert das an die Aussage einer \u00e4lteren Frau, die \u00fcber ihr Leben befragt wurde und auf die Frage nach ihren Hobbies antwortete \u201eFernschauen\u201c. Auf die Frage, was sie gerne fernschaut, meinte sie \u201eSerien\u201c und auf die Frage, welche Serien: \u201eReich und sch\u00f6n\u201c.<br \/>\nSie selbst war arm und schiach. Menschen (mich nat\u00fcrlich eingeschlossen) lassen sich gerne in \u201eunechte Welten\u201c verf\u00fchren, ganze Unterhaltungsindustrien leben nur davon. Ob das \u201eferne Welten\u201c in Science-Fiction-Filmen sind oder kleine Videos am Handy \u2013 das ist alles die gleiche Masche.<\/p>\n<p>Das alles k\u00f6nnte man jetzt als nette Freizeitbesch\u00e4ftigung einstufen, wenn nicht handfeste Gefahren davon ausgehen w\u00fcrden.<br \/>\nSchon heute werden im Internet gef\u00e4lschte Bilder und Videos verbreitet, um Menschen dadurch Schaden zuzuf\u00fcgen. Fotos wurden auch fr\u00fcher schon gef\u00e4lscht, das war aber nicht einfach und nur mit entsprechender Ausr\u00fcstung zu schaffen. Durch das Computerprogramm Photoshop hat sich hier schon einiges ver\u00e4ndert, aber auch das musste man noch bedienen k\u00f6nnen.<br \/>\nHeute gebe ich Befehle in ein Programm ein und lasse mir ein Bild vom Computer erstellen. Das kann jeder Mensch mit einem Handy und einer App vom Wohnzimmer aus.<br \/>\nIch bin \u00fcbrigens der Meinung, dass es eine Kennzeichnungspflicht f\u00fcr KI-Bilder geben sollte. \u201eAI-generated\u201c oder so \u00e4hnlich, mit einem Symbol \u00e4hnlich dem \u00a9 f\u00fcr Copyright.<\/p>\n<p>Jetzt stellt sich die Frage nach sozialer Korrektur. Es gibt dazu einen alten Spruch: \u201eEs gab immer schon in jedem Dorf einen Trottel, nur heute hat er Internet.\u201c<br \/>\nWenn der Trottel im Dorf etwas gesagt hat, seine Meinung verbreiten wollte, dann war allen klar: Das ist ein Trottel. (Das Wort stammt \u00fcbrigens von \u201etrotten\u201c, was langsam gehen hei\u00dft. Gemeint war das Herumwanken, nicht gerade gehen k\u00f6nnen, was oft mit nicht gerade denken k\u00f6nnen einhergeht.)<br \/>\nWenn eine relevante Mehrheit etwas gesagt hat bzw. eine Meinung gebildet hat, dann wussten alle, dass sie sich diese Meinung anh\u00f6ren bzw. auch sich ihr anschlie\u00dfen sollten. Die Quantit\u00e4t erzeugte sozusagen Wahrheit.<br \/>\nHeute treffen tausende Trottel im Internet zusammen und entwickeln eine Meinung. Davon lassen sich viele Menschen t\u00e4uschen, weil was viele sagen, ist ja laut ihrer Erfahrung die Wahrheit.<br \/>\n\u201eSchei\u00dfe schmeckt gut \u2013 Milliarden Fliegen k\u00f6nnen sich nicht irren\u201c hei\u00dft der Spruch, der diesen Fehler aufdecken soll.<br \/>\nEr war in der Geschichte schon oft ein Thema, denn auch fr\u00fcher hatte die Mehrheit nicht unbedingt Recht. F\u00fcr Sokrates hat das eine wichtige Rolle gespielt, denn er wurde von der Mehrheit der Volksversammlung zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt \u2013 \u00fcbrigens wegen Aufhetzung der Jugend (und noch ein paar anderer Delikte).<br \/>\nDie Abstimmung ging recht knapp aus, was Sokrates dazu veranlasste, das Urteil zu akzeptieren und den Schierlingsbecher zu trinken, seiner Nachwelt aber eine Botschaft zu hinterlassen: Er empfiehlt, die Suche nach der Wahrheit nicht durch die Suche nach der Mehrheit zu ersetzen.<\/p>\n<p>Das ist auch f\u00fcr unsere Diskussion \u00fcber KI ein wichtiges Thema, denn wenn die Computerprogramme ihre Entscheidungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten treffen (siehe obiges Element der \u201eprobabilistischen Entscheidungen\u201c), dann treffen sie diese aufgrund von Quantit\u00e4ten (87 ist gr\u00f6\u00dfer als 18) und nicht aufgrund dahinterliegender Qualit\u00e4ten.<br \/>\nOb sie diese als solche erkennen k\u00f6nnen, ist die n\u00e4chste spannende Diskussion. Sie ist praxisrelevant, denn es gibt immer mehr Menschen, die dem KI-Programm \u201eChatGPT\u201c eine Frage stellen, wenn sie etwas nicht wissen, und die Antwort als Wahrheit einstufen. Das ist aus mehreren Gr\u00fcnden bedenklich, etwa weil es f\u00fcr diese Antworten keinerlei Quellenangaben mehr gibt. Das KI-Programm durchsucht das Internet und stellt aus den dort gefundenen Informationen eine Antwort zusammen. Die ist manchmal gut und manchmal schlecht.<br \/>\nSich darauf zu verlassen ist auf jeden Fall schlecht.<\/p>\n<p>Menschen treffen f\u00fcr wichtige Entscheidungen zusammen und diskutieren diese. Dabei versuchen sie die Wahrheit zu finden, was oft eine schwierige Aufgabe ist. Die Meinungen der Trottel k\u00f6nnen aber meistens recht schnell entdeckt und dann richtig eingestuft werden, auch weil es pro Dorf im Regelfall nicht allzu viele davon gibt.<\/p>\n<p>Im Internet bzw. den sozialen Medien ist das anders, da gibt es diese Korrektive gar nicht, sp\u00e4testens in geschlossenen Gruppen entsteht die dort herrschende Wahrheit aufgrund der Meinungen (und Interessen, oft auch Emotionen wie \u00c4ngsten) von Trotteln.<br \/>\nWir sprechen in diesem Fall von sogenannten \u201eBlasen\u201c, in denen Menschen agieren und denken und wo die Realit\u00e4t au\u00dferhalb der Blase keine Rolle mehr spielt.<br \/>\nWenn die Menschen aus so einer Blase dann geballt auf die Realit\u00e4t, sprich die soziale \u00d6ffentlichkeit losgelassen werden, gibt es Probleme.<\/p>\n<p>Punkto KI stellt sich hier die Frage, ob sie auch au\u00dferhalb ihrer \u201eprogrammierten Blase\u201c existieren kann und was das bedeutet. Kann sie die Meinung von Trotteln erkennen, wenn diese eine Mehrheit bilden? Ist ihr dann klar, dass es sich nicht um die Wahrheit handelt, auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist?<br \/>\nGut funktionierende soziale Gef\u00fcge k\u00f6nnen das. Ein gutes Beispiel ist der Hofnarr. Dieser hatte am Hof Narrenfreiheit, d.h. er konnte dem Herrscher widersprechen, ohne dass seine Meinung (und er selbst) sofort eliminiert wurde.<br \/>\nDas war immer dann wichtig, wenn die Mehrheit falsch lag und es daher ein Korrektiv brauchte.<br \/>\nWelches qualitative Korrektiv hat die KI?<br \/>\nDas ist vor allem dann wichtig, wenn sie Entscheidungen trifft, nach denen gehandelt wird. K\u00f6nnen Kampfdrohnen gute von schlechten Menschen unterscheiden? Und wenn ja, auf welcher Basis?<br \/>\nEs kommt wohl darauf an, wie sie programmiert wurden. Sobald wir aber Entscheidungen zulassen, die nicht mehr auf der direkten Programmierung basieren, sondern auf Schl\u00fcssen, die von der KI der Drohne selbst gezogen wurden, wird es heikel.<\/p>\n<p>Dies ist nur ein Aufriss eines gro\u00dfen und komplexen Themas, mit dem wir uns besch\u00e4ftigen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich vorweg meinen Dank an Christian Pohl, der mich auf Fehler bzw. fehlende Elemente in diesem Artikel hingewiesen und freundlicherweise auch gleich die Elemente mitgeliefert hat. 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