{"id":3079,"date":"2025-10-27T18:29:53","date_gmt":"2025-10-27T17:29:53","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3079"},"modified":"2025-10-27T18:29:53","modified_gmt":"2025-10-27T17:29:53","slug":"dleut-wolln-dwoahrheit-hoid-ned-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/dleut-wolln-dwoahrheit-hoid-ned-wissen\/","title":{"rendered":"D\u00b4Leut wolln d\u00b4Woahrheit hoid ned wissen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;und so wer I hochkant ausseg\u00b4schmissn.<\/p>\n<p>Das sang Georg Danzer in seinem Lied &#8222;Der Danzer&#8220;, wie so oft seiner Zeit voraus. Aber vielleicht war es auch schon immer so. Menschen wollen belogen werden, wenn es ihren Interessen dient.<br \/>\nDas derzeit aktuellste Beispiel findet sich bei k\u00fcnstlich von einem Computerprogramm generierten Bildern, die von den Menschen als echt eingestuft werden, auch wenn klar erkennbar ist, dass dem nicht so ist.<br \/>\nDie k\u00fcnstlich generierten Bilder werden von Programmen erzeugt, die als Rechenzeilen keine Schnittstelle zur Realit\u00e4t haben und daher nur Daten verarbeiten k\u00f6nnen, die ihnen eingespielt werden.<br \/>\nDie von solchen Programmen erzeugten Bilder haben daher nicht das, was wir als &#8222;Wissen&#8220; bezeichnen. Sie haben z.B. keine Ahnung, dass Menschen f\u00fcnf Finger haben und somit sehen viele dieser Bilder aus, als h\u00e4tten die dort generierten Menschen verkr\u00fcppelte H\u00e4nde, mit viel zu langen Fingern oder seltsam verbogenen. Manche Finger haben viel zu dicke Kn\u00f6chel und manche H\u00e4nde nur vier oder auch sechs Finger.<\/p>\n<p>Trotzdem glauben viele Menschen, erschreckend viele, dass diese Bilder echte Fotos sind. Und wenn man sie auf die verkr\u00fcppelten Finger oder andere seltsame Teile dieser Bilder hinweist, werden sie aggressiv und wollen das nicht h\u00f6ren bzw. lesen.<br \/>\nIn letzter Zeit tritt dieses Ph\u00e4nomen geh\u00e4uft auf sozialen Medienplattformen auf wie etwa Facebook. Dort gibt es unz\u00e4hlige Gruppen, die eine Vergangenheit verherrlichen, die es in der Form nie gab.<br \/>\nDas ist insofern verst\u00e4ndlich, als die 1950er bis 1980er tats\u00e4chlich eine Zeit waren, in der es viel Fortschritt und Wohlstandswachstum gab, aber noch keine bekannten Umweltprobleme, wenig Kriege, die unser Leben irgendwie beeinflusst haben und durch das st\u00e4ndige Wirtschaftswachstum auch eine gewisse Stabilit\u00e4t.<br \/>\nEs war eine Zeit, auf die viele Menschen gerne zur\u00fcckblicken und im Extremfall verherrlichen. Dann war dort alles gut, im Vergleich zu heute. Diese nach hinten gewandte Weltsicht macht nat\u00fcrlich den Blick nach vorne schwer bis unm\u00f6glich. Das ist vor allem dann schlecht, wenn dieser Blick dringend notwendig w\u00e4re, etwa weil schnelle Ma\u00dfnahmen notwendig sind. Aus der Blickrichtung nach hinten sind solche Ma\u00dfnahmen nicht zu sehen und werden somit auch nicht als wichtig empfunden, meistens sogar als st\u00f6rend, weil sie die derzeitige Bequemlichkeit angreifen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Auch hier ist eine steigende Aggressivit\u00e4t zu beobachten. In den sozialen Medien toben sich diese Menschen dann aus und zeigen so etwas wie ihr wahres Gesicht, indem sie entsprechende Aussagen machen. Sie sind dort anonym, zeigen weder ihr Gesicht noch ihren Namen und f\u00fchlen sich unangreifbar.<br \/>\nDann werden die guten, alten Zeiten beschworen, etwa so: &#8222;Yes the young ones these days will never know or enjoy the good times we had back then. Women were women and men were men.&#8220;<br \/>\nEin anderer schreibt: &#8222;NATURAL BEAUTIES &#8211; NO purple hair, tattoos, piercings in nose, fat flabby, or black lip stick.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist interessant, weil er nennt k\u00fcnstlich erzeugte Frauenbilder &#8222;natural beauties&#8220; &#8211; obwohl sie das exakte Gegenteil von nat\u00fcrlich sind. Noch deutlicher wird es bei diesem Kommentar: &#8222;Real women not the fake one&#8217;s we have today.&#8220;<br \/>\nDieser Mann empfindet k\u00fcnstlich erzeugte Frauenbilder f\u00fcr realer als echte Frauen. Die bisher einzige Erkl\u00e4rung f\u00fcr dieses seltsame Ph\u00e4nomen habe ich bisher bei Klaus Theweleit in seinem Buch &#8222;M\u00e4nnerphantasien&#8220; gefunden.<br \/>\nAls ich den Typen auf das gefakte Bild aufmerksam gemacht habe, dass n\u00e4mlich die Gesichter der Frauen alle gleich aussehen, antwortete er &#8222;Drillinge&#8220;.<br \/>\nDie Wahrheit ist oft unbequem, deswegen wird man auch hochkant hinausgeschmissen, wenn man die Bequemlichkeit der Menschen st\u00f6rt. Das haben viele Umweltaktivistinnen und -aktivisten schmerzlich zu sp\u00fcren bekommen, als sie den Autoverkehr behinderten, indem sie sich auf die Fahrbahn klebten. <\/p>\n<p>Theweleit zeigt, wie M\u00e4nner sich ganz bestimmte Frauenbilder erschaffen und dann versuchen, die Realit\u00e4t nach diesen Bildern zu gestalten. Alle Frauen, die nicht so sind wie die Wunschbilder, werden bek\u00e4mpft. Derzeit erleben wir m\u00f6glicherweise den Beginn einer Renaissance dieser k\u00fcnstlichen Frauenbilder, etwa im US-amerikanischen Trend der &#8222;Trad-Wifes&#8220;. Das sind Frauen, die versuchen einem traditionellen Frauenbild jenseits des Feminismus zu entsprechen: Sie machen sich f\u00fcr den Mann h\u00fcbsch, damit er etwas Nettes zu sehen bekommt, wenn er vom harten Arbeitstag nach Hause kommt. Sie putzen, kochen und k\u00fcmmern sich um die Kinder. Einen eigenen Beruf haben sie nicht und brauchen sie auch nicht, denn der Mann verdient genug, um das Leben der gesamten Familie finanzieren zu k\u00f6nnen. Sie sind in gewisser Weise Teil des Haushalts und tun das, was der Mann von ihnen verlangt &#8211; wie die Mikrowelle oder der Staubsauger. Sie hassen Feminismus und Emanzipation und empfinden dies als unnat\u00fcrlich. Frauen, die diesem Bild nicht entsprechen, k\u00f6nnen und d\u00fcrfen nicht real sein &#8211; deswegen bezeichnet sie der Facebook-Held oben auch als &#8222;fake ones&#8220;. Die Trad-Wifes sehen auch aus wie Frauen aus der Zeit, die sie bevorzugen. Sie sind wei\u00df, blond, schlank und haben auf keinen Fall Tattoos oder Piercings.<br \/>\nWer erinnert sich noch an die Austro-Pop-Gruppe STS? In ihrem Lied &#8222;F\u00fcrstenfeld&#8220; besingen sie den Steirer vom Land, der in die Gro\u00dfstadt nach Wien kommt und dort auf einmal ganz andere Frauen sieht als er es gewohnt ist: &#8222;Schwarze Lippen &#8211; gr\u00fcne Hoar, da kannst ja Angst kriagn, wirklich woar.&#8220;<br \/>\nDas d\u00fcrfte auch das Angstbild des Posters sein, wenn er von lila Haaren und schwarzen Lippen spricht und beides als unnat\u00fcrlich empfindet. Roter Lippenstift d\u00fcrfte okay sein, blondierte Haare auch &#8211; das entspricht dem klassischen Sch\u00f6nheitsbild, das auch genormt sein muss. Jede Abweichung macht Angst, daher wird &#8222;Diversity&#8220; auch abgelehnt und bek\u00e4mpft. <\/p>\n<p>Die Gefahr entsteht in den Echor\u00e4umen, die diese Menschen im Internet finden und wo sie sich wohlf\u00fchlen. Dort sind sie in ihrer Blase und verst\u00e4rken sich gegenseitig. Je geschlossener diese Blasen sind, desto verdichteter, desto radikaler, extremer die dortigen Meinungen. Ab einem gewissen Zeitpunkt bzw. einer gewissen Intensit\u00e4t stecken die Menschen in der Blase so fest, dass sich ihre Identit\u00e4t dorthin verlagert. Ihre bisher vielf\u00e4ltig gestaltete Identit\u00e4t wird einseitig bzw. das, was man als &#8222;einf\u00e4ltig&#8220; erkennt. Wir k\u00f6nnen hier eine Parallele zur Sektenbildung erkennen. Sekten leben auch davon, dass sie die Menschen von der Realit\u00e4t trennen (und nat\u00fcrlich auch von den sozialen Beziehungen dieser Realit\u00e4t) und dadurch in eine Abh\u00e4ngigkeit von einer ganz bestimmten Realit\u00e4t zwingen.<\/p>\n<p>Das ist gruppendynamisch kein neues Ph\u00e4nomen, es tritt normalerweise aber nicht in dieser St\u00e4rke, in dieser Intensit\u00e4t auf. Es gibt meistens noch einen Realit\u00e4tsbezug, etwa wenn die Menschen aus ihrer Blase hinaus ins echte Leben m\u00fcssen &#8211; um einzukaufen oder ihrer Arbeit nachzugehen.<br \/>\nWer jedoch arbeitslos ist und sich alles nach Hause liefern l\u00e4sst, muss aus seiner Blase gar nicht mehr hinaus. Irgendwann beginnt dann die Realit\u00e4t Angst zu machen, weil sich die Menschen dort nicht mehr zurechtfinden. Sie fl\u00fcchten sich so komplett wie m\u00f6glich in die Scheinwelt ihrer Social-Media-Blase. Die echte Welt wird als gef\u00e4hrlich, bedrohlich empfunden und die Menschen bekommen Angst davor. Damit sie mit dieser Angst zurechtkommen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie die echte Welt als unecht einstufen. Die Frauen dort sind dann nicht echt, sie sind &#8222;fake&#8220;.<\/p>\n<p>Das ist ein relativ neues Ph\u00e4nomen, das es fr\u00fcher nicht gab. Der Unterschied liegt in der Gemeinschaft, die diese Menschen heute finden k\u00f6nnen. &#8222;Es gab immer schon in jedem Dorf einen Trottel, aber heute hat er Internet&#8220; hei\u00dft der passende Spruch. Heute k\u00f6nnen sich die Dorftrottel zusammentun und sich eine gemeinsame Wirklichkeit schaffen, in der sie zumindest virtuell wirken k\u00f6nnen.<br \/>\nWenn diese Menschen dann aus ihrer Blase ausbrechen (freiwillig oder nicht), dann st\u00f6\u00dft ihre Wirklichkeit auf die Realit\u00e4t. Das f\u00fchrt im besten Fall zu einer R\u00fcckf\u00fchrung dieser Menschen in die Realit\u00e4t, im schlechtesten Fall zum Amoklauf. Dann wird alles bek\u00e4mpft, was nicht dem virtuellen Idealbild entspricht, im Extremfall die gesamte Welt, als deren Opfer sich diese Menschen &#8211; in der Logik fast immer M\u00e4nner &#8211; empfinden. Wenn sie in der echten Welt kommunizieren, dann mit den Worten ihrer Blase. Wenn das klarerweise als schr\u00e4g oder verr\u00fcckt abgelehnt wird, empfinden die Menschen, dass man &#8222;nichts mehr sagen darf&#8220;.<\/p>\n<p>Wohin f\u00fchrt das? Werden in Zukunft noch mehr Menschen in diesen Blasen leben? Und was passiert, wenn diese Blasen platzen? Wenn die Menschen raus m\u00fcssen aus ihren Bunkern in die reale Welt, k\u00f6nnte das zu Problemen f\u00fchren. Mir f\u00e4llt eine gute Doku \u00fcber Gated Communities ein, sozusagen die Blasen der realen Welt. Dort leben Menschen hinter hohen Mauern, gut durch Stacheldraht und mehr von der Au\u00dfenwelt abgeschirmt. Sie wohnen in sauberen Einfamilienh\u00e4usern mit Garage und kleinem Vorgarten mit gestutzten B\u00e4umchen und Plastikrasen. Ihre Kinder gehen in Schulen, die sich innerhalb dieser Areale befinden. Die gr\u00f6\u00dfte dieser Gated Communities befindet sich in Sao Paulo in Brasilien. Dort zeigen sich seit ein paar Jahren die negativen Auswirkungen: Jugendliche, die aus diesem Areal kommen, finden in der echten Welt keine Jobs, weil sie unter einem Glassturz aufgewachsen sind und sich in der realen Welt nicht zurechtfinden. Wenn sie sich um einen Job bewerben, dann n\u00fctzen ihnen die makellosen Zeugnisse ihrer Eliteschule nichts, weil sie damit in der Realit\u00e4t \u00fcberhaupt nichts anfangen k\u00f6nnen. Sie sind am Arbeitsmarkt unbrauchbar.<\/p>\n<p>Welcher Gegentrend wird uns wieder zur\u00fcckf\u00fchren in die Realit\u00e4t? Noch habe ich auch keine gute Antwort auf diese Frage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;und so wer I hochkant ausseg\u00b4schmissn. Das sang Georg Danzer in seinem Lied &#8222;Der Danzer&#8220;, wie so oft seiner Zeit voraus. Aber vielleicht war es auch schon immer so. Menschen wollen belogen werden, wenn es ihren Interessen dient. 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