{"id":3084,"date":"2025-11-20T19:24:49","date_gmt":"2025-11-20T18:24:49","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3084"},"modified":"2025-11-20T19:24:49","modified_gmt":"2025-11-20T18:24:49","slug":"ki-der-neue-zauberspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/ki-der-neue-zauberspiegel\/","title":{"rendered":"KI &#8211; der neue Zauberspiegel?"},"content":{"rendered":"<p>Mein Vater Gerhard Schwarz schrieb 1980 \u00fcber die \u201eAnthropologie des Fernsehens\u201c (Berichte zur Medienforschung, Band 22, anl\u00e4sslich 25 Jahre Fernsehen in \u00d6sterreich, Herausgeber: ORF). Das ist jetzt 45 Jahre her und inzwischen hat sich technisch und sozial einiges getan.<br \/>\nWas ist von seiner Grundthese noch \u00fcbrig?<\/p>\n<p>Gerhard Schwarz baut seine Analyse historisch auf: Von der Erfindung der Schrift \u00fcber das Foto bis zum Fernsehen.<br \/>\nDie Schrift konnte das verg\u00e4ngliche Wort unsterblich machen, der Preis daf\u00fcr war die Trennung des lebendigen Wortes vom Redner.<br \/>\nDas Foto bewirkt \u00e4hnliches, der lebendige Anblick wird get\u00f6tet, das fotografierte Bild daf\u00fcr unsterblich.<br \/>\nDer Weg zum Fernsehen f\u00fchrt uns \u00fcber den uralten Wunschtraum der Menschen, fliegen zu k\u00f6nnen. Dadurch lassen sich ferne Orte in kurzer Zeit erreichen.<br \/>\nNoch sch\u00f6ner w\u00e4re es, wenn man ferne Orte ohne Zeitverz\u00f6gerung und m\u00fchsame Reise zu sich holen k\u00f6nnte.<br \/>\nDazu br\u00e4uchte man einen Zauberspiegel: Damit kann man gleichzeitig sehen, was sich an verschiedenen Orten abspielt. Wer einen solchen Zauberspiegel (in verschiedenen V\u00f6lkern als Kristalle, Metall oder Tieraugen verwirklicht) beherrschte, war ein Magier.<\/p>\n<p>Gesucht wurde in den Zauberspiegeln \u00fcbrigens stets die Wahrheit. Mit ihnen konnten die Magier Diebe \u00fcberf\u00fchren oder Feinde erkennen. Der Spiegel selbst war daf\u00fcr nur das Medium, mit dem man die Gegenwart, die Vergangenheit und auch die Zukunft sehen konnte.<\/p>\n<p>Mit dem Fernseher konnte der Mensch sich diesen Wunschtraum erf\u00fcllen, er konnte fern-sehen.<br \/>\nDie \u201eDauerfernseher\u201c waren in allen Mythologien die G\u00f6tter, die allwissend sind und daher auch alles sehen k\u00f6nnen. Christian Morgenstern hat dazu ein Gedicht geschrieben:<\/p>\n<p>Ein Hase sa\u00df auf einer Wiese,<br \/>\ndes Glaubens, niemand s\u00e4he diese.<br \/>\nDoch im Besitze eines Zei\u00dfes,<br \/>\nbetrachtet voll verhaltnen Flei\u00dfes<br \/>\nein Mensch den kleinen L\u00f6ffelzwerg.<br \/>\nDoch diesen sieht hinwiederum,<br \/>\nein Gott von fern an, mild und stumm.<\/p>\n<p>G\u00f6tter waren immer schon dazu da, menschliche Schw\u00e4chen zu kompensieren.<br \/>\nMit dem Fernseher ist eine dieser Schw\u00e4chen \u2013 alles \u00fcberall sehen und somit beherrschen zu k\u00f6nnen \u2013 kompensiert worden, wenn auch nicht zur G\u00e4nze.<br \/>\nBesonders beliebt sind seit jeher \u201eLive\u201c-Sendungen, bei denen man tats\u00e4chlich in Echtzeit ein sehr weit entferntes Ereignis beobachten kann.<br \/>\nDer Nachteil: Man sieht immer nur einen Ausschnitt, n\u00e4mlich den, den die Kamera erfasst. Durch die Weiterentwicklung der Technik konnte das zumindest teilweise kompensiert werden: Zahlreiche Kameras erfassen heute die gro\u00dfen Sportereignisse dieser Welt, man kann im Split-Screen zugleich mehrere Ausschnitte betrachten und im Falle der Aufnahme (beginnend mit der \u00c4ra der Videorekorder) einer Sendung diese beliebig oft sehen, vor- und zur\u00fcckspulen, also Vergangenheit und Zukunft sehen.<br \/>\nIch bin dadurch dabei und auch nicht, weil ich physisch ja immer noch daheim bin. Ich habe das ganze Universum in meinem Wohnzimmer, bin aber de facto auch nur in meinem Wohnzimmer.<br \/>\nIn unserem Kopf verschwimmen Phantasie und Wirklichkeit, etwa wenn wir uns bei Krimis f\u00fcrchten oder bei Science-Fiction-Filmen in die Zukunft fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>Der Fernseher hat sich im Laufe der Zeit zum Massenmedium entwickelt, es gibt ihn inzwischen in den hintersten Winkeln dieser Welt, man kann durchaus sagen, er hat die gesamte Menschheit erfasst.<br \/>\nEr hat sich aber auch zum Herrschaftsmedium entwickelt, denn durch die konkrete Steuerung des Gesendeten l\u00e4sst sich eine eigene Wirklichkeit bzw. Wahrheit erschaffen. Deswegen versuchen Autokraten auch immer die Sender ihres jeweiligen Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. \u00c4hnlich ist es heute mit dem Internet in verschiedensten Formen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Stufe war die Erfindung ebendieses Internets. Im ersten World-Wide-Web konnte man noch nicht fernsehen (\u201estreamen\u201c), daf\u00fcr hat die Technik noch nicht ausgereicht.<br \/>\nIn den ersten Jahren waren die \u00dcbertragungsgeschwindigkeiten und Bandbreiten f\u00fcr die enormen Bilddaten noch nicht ausreichend, das ber\u00fchmte \u201ePixeln\u201c kennzeichnet diese Zeit.<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es immer mehr technische L\u00f6sungen, aber auch seltsame Ver\u00e4nderungen, die in gewisser Weise einen R\u00fcckschritt darstellen.<br \/>\nMit einem Videorekorder konnte man Sendungen aufnehmen und zu einem beliebigen Zeitpunkt ansehen. Durch die Funktion des Vorspulens konnte man die l\u00e4stigen Werbebl\u00f6cke umgehen.<br \/>\nHeute wird \u201egestreamt\u201c, d.h. man sieht sich eine Fernsehsendung nicht mehr \u00fcber eine Funk- oder Kabel\u00fcbertragung an, sondern \u00fcber eine Internetleitung und\/oder W-LAN. Die alte Fernsehantenne hat endg\u00fcltig ausgedient, ebenso die SAT-Sch\u00fcssel.<br \/>\nDie neuen Medienkonzerne beeinflussen \u00fcber die Technik unsere M\u00f6glichkeiten, sie stellen die neuen Autokraten, die neuen Machthaber dar.<br \/>\nViele Sender unterbinden das Vor- oder R\u00fcckspulen und so ist man gezwungen, sich die Werbebl\u00f6cke zur G\u00e4nze anzusehen. Man kann maximal auf Pause dr\u00fccken um aufs WC zu gehen oder sich etwas zu Essen zu holen.<br \/>\nDen alten Videorekorder ersetzt die \u201eTV-Thek\u201c, allerdings mit einem Haken: Ich kann mir nicht mehr aussuchen, wann ich welche Sendung ansehen m\u00f6chte, sondern bin auf die Speicherdauer in der TV-Thek angewiesen und auch auf eine gut funktionierende Internetverbindung.<br \/>\nMit dem Videorekorder konnte ich etwas nach einer Woche oder erst nach 1,5 Jahren ansehen. Das erlauben heute nur die wenigsten Streaming-Dienste und wenn, dann nur f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Sendungen.<br \/>\nDas ist in gewisser Hinsicht ein R\u00fcckschritt um ca. 40 Jahre.<br \/>\nEs ist erstaunlich, dass sich die Menschen diese Freiheit nehmen lassen, es gibt keinen nennenswerten Widerstand dagegen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt kennzeichnet die heutige Zeit: die Reiz\u00fcberflutung.<br \/>\nBis in die 1980er-Jahre gab es nur eine sehr beschr\u00e4nkte Anzahl an Sendern, deren Programm man sich ansehen konnte. In \u00d6sterreich war das \u201eFS1\u201c und \u201eFS2\u201c. Nur wer damals schon eine Sat-Sch\u00fcssel hatte, konnte deutlich mehr Sender empfangen.<br \/>\nIn den USA gab es auch damals schon wesentlich mehr Sender, die allerdings privat waren und somit mit Werbebl\u00f6cken vollgepumpt.<br \/>\nHeute gibt es auch in Europa bei den staatlichen Sendern sehr lange Werbebl\u00f6cke, im Internet-TV sind diese auch nicht \u00fcberspringbar, man wird zum Ansehen gezwungen, wie vor 40 Jahren.<\/p>\n<p>Durch neue, private Sender, die inzwischen ja nicht mehr klassisch \u201esenden\u201c, sondern TV im Internet anbieten, ist auch die Propaganda im gro\u00dfen Stil wiedergekehrt. Parteien bieten ihr eigenes Fernsehen an und wer einen funktionierenden Internetanschluss samt entsprechendem Datenvertrag hat, kann all das ohne Geb\u00fchren genie\u00dfen. Der \u00f6sterr. Staat kassiert trotzdem mit, Haushalte m\u00fcssen inzwischen eine Abgabe leisten, ob sie einen Fernseher besitzen oder nicht.<\/p>\n<p>Dort erzeugen und verbreiten Parteien und andere Interessensgruppen ihre eigene Wahrheit. Das f\u00fchrt zu skurrilen und teilweise be\u00e4ngstigenden Ph\u00e4nomenen, eines darf als Beispiel dienen:<br \/>\nEine gute Bekannte ist nicht sehr technik-affin und hat in der Corona-Zeit fast ausschlie\u00dflich ein einziges Medium konsumiert, n\u00e4mlich \u201eServus-TV\u201c. Dieser Sender vertritt eine politische Linie, die sehr weit rechts angesiedelt ist. Daher propagierten sie eine eigene Kampagne: Impfen ist schlecht und gef\u00e4hrlich, da man einen Chip injiziert bekommt, der die Aufgabe hat einen zu t\u00f6ten.<br \/>\nMeine Bekannte glaubte das, da sie keine Gegenargumente sehen konnte, sie n\u00fctze als Informationsquelle ja nur Servus-TV. Sie bekam gro\u00dfe Angst vor der Impfung und verlor so fast ihren Job als Stewardess. Lediglich die Flucht in eine Karenz erm\u00f6glichte ihr die Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken, bis die Fluglinie die Impfpflicht wieder aufhob.<br \/>\nSie war der Meinung, dass ihr bei Servus-TV die Wahrheit vermittelt wurde und wollte daher auch von mir keine Argumente h\u00f6ren, da diese ja keine Wahrheit mehr enthalten konnten \u2013 sie hatte die Wahrheit ja schon. Georg Danzer hat das in seinem Lied \u201eDer Kniera\u201c gut beschrieben: \u201eI glaub ollas, was in der Zeitung steht\u2026\u201c<br \/>\nDas Fernsehen scheint noch mehr Wahrheit als die Zeitung zu vermitteln, schlie\u00dflich sieht man dort Bilder, die ja stimmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dieser etwas seltsame Wahrheitsbegriff wird seit einiger Zeit noch deutlich mehr strapaziert. Schon seit vielen Jahrzehnten ist es m\u00f6glich Bilder zu f\u00e4lschen. Fr\u00fcher war dies ein sehr aufw\u00e4ndiger Vorgang und erforderte eine Menge differenzierter F\u00e4higkeiten. Durch die Erfindung spezieller Computerprogramme (Photoshop etc.) wurde dies dann wesentlich einfacher und auch f\u00fcr den Hausgebrauch m\u00f6glich.<br \/>\nSeitdem wird die Welt mit ver- oder gef\u00e4lschten Bildern milliardenfach geflutet.<br \/>\nDoch auch daf\u00fcr musste man bis vor kurzem mit den Programmen einigerma\u00dfen arbeiten k\u00f6nnen.<br \/>\nDurch neue Internetprogramme gibt es den n\u00e4chsten Schub, den n\u00e4chsten Technologiesprung.<br \/>\nJetzt ist es m\u00f6glich durch die Eingabe von wenigen Parametern ein Bild zur G\u00e4nze k\u00fcnstlich erzeugen zu lassen. Bezeichnet werden diese Programme als \u201eKI\u201c also \u201eK\u00fcnstliche Intelligenz\u201c, was auch wieder irref\u00fchrend ist, weil sie nur rechnen k\u00f6nnen, allerdings sehr schnell und unter Zuhilfenahme des Scannens des Internets.<br \/>\nDiese Programme sind derzeit (Stand 2025) noch leicht fehlerhaft, die k\u00fcnstlichen Bilder sind als solche noch recht gut erkennbar, die Programme schaffen etwa die Darstellung von H\u00e4nden und Fingern noch nicht sehr gut.<\/p>\n<p>Wenn man jedoch Internetforen durchst\u00f6bert, f\u00e4llt etwas auf: Sehr viele Menschen, oft die Mehrheit in einem Forum, glauben an die Echtheit der gef\u00e4lschten Bilder, auch wenn diese offensichtlich nicht der Realit\u00e4t entspringen. Sie wollen die Hinweise auf die Fehler gar nicht h\u00f6ren, lieber glauben sie an die Illusion.<br \/>\nWas ist daran so faszinierend? Letztlich d\u00fcrfte es funktionieren, weil den Menschen die Erf\u00fcllung ihrer Tr\u00e4ume versprochen wird. Sie wollen daran glauben, so wie Menschen an Horoskope glauben wollen.<br \/>\nSie sehen etwa Bilder von perfekt sch\u00f6nen Frauen. Dass es diese gar nicht gibt, wird nicht zu Kenntnis genommen. Wer die Echtheit anzweifelt, wird erbittert bek\u00e4mpft, beschimpft oder ignoriert.<br \/>\n\u201eD\u00b4Leit woin d\u00b4Woarheit hoid ned wissen und so wer i hochkant ausseg\u00b4schmissn\u201c hat Georg Danzer gesungen.<\/p>\n<p>Das ist jetzt der neue Zauberspiegel: Ich kann mir von Midjourney oder \u00e4hnlichen Programmen W\u00fcnsche erf\u00fcllen lassen. In der Pornoindustrie hat das letztlich sogar einen skurrilen Vorteil, sofern dieser auch realisiert wird: Es ist nicht mehr notwendig echte Frauen zu missbrauchen, man kann sie jetzt k\u00fcnstlich erzeugen.<br \/>\nDie Faszination des neuen Zauberspiegels ist f\u00fcr manche Menschen fast grenzenlos, vor allem, weil er inzwischen im Handy gelandet ist. Immer mehr Menschen starren in die kleinen Bildschirme und nehmen ihre Umwelt eingeschr\u00e4nkt oder gar nicht mehr wahr. Wenn sie dann noch Kopfh\u00f6rer tragen (das ist inzwischen \u00fcberall zu beobachten), sind sie fast zur G\u00e4nze von der Umwelt entkoppelt.<\/p>\n<p>Das erm\u00f6glicht auch neue Formen der Manipulation. K\u00fcnstlich erzeugte Videosequenzen von Politikern, die irgendetwas Sch\u00e4ndliches tun, werden nicht auf ihre Echtheit \u00fcberpr\u00fcft. Wenn die Menschen dann auch noch ihr Wahlverhalten danach ausrichten, ist die Manipulation perfekt, weil sie von den Manipulatoren direkt in die echte Welt transferiert wird.<\/p>\n<p>Das funktioniert aber nur, weil sehr viele Menschen inzwischen in einer Bequemlichkeitswelt leben. Sie sitzen daheim am Computer oder Handy, lassen sich alle ben\u00f6tigten Waren liefern und konsumieren viele Stunden am Tag das grenzenlose Angebot im Internet.<br \/>\nDie technische Entwicklung ist inzwischen so rasant, dass die Sozialforschung nicht mehr nachkommt und eventuelle Gefahren nicht mehr rechtzeitig erkannt werden.<br \/>\nEin Beispiel sind Videos f\u00fcr Kinder am Handy. Sie sind so einfach und praktisch zu handhaben, dass immer mehr Eltern ihre Kinder damit ruhigstellen, um ihren eigenen, oft sehr stressigen Alltag bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Das betrifft vor allem Eltern, die selbst schon in der Bequemlichkeitswelt aufgewachsen sind und gar nichts anderes mehr kennen.<\/p>\n<p>\u00dcber bestimmte Programme (YouTube, Tiktok etc.) l\u00e4sst man die Kinder Videos sehen. Im Laufe der letzten Jahre sind diese Videos immer k\u00fcrzer geworden, weil die Kinder ihre Aufmerksamkeitsspanne verringert haben. Noch 2023 waren die Videos zwischen f\u00fcnf und zehn Sekunden lang, heute stehen wir bei ca. 1,5 Sekunden.<br \/>\nIn dieser Zeit lassen sich keine Inhalte mehr vermitteln, es sind einfach schnell wechselnde, bunte Bilder.<br \/>\nDie Anbieter dieser Bilder scannen die Verweildauer, bis ein Kind zum n\u00e4chsten Video weiterwischt. Dieser Vorgang ist maximal vereinfacht worden, eine kleine Bewegung mit dem Finger reicht.<br \/>\nWenn die Kinder schneller wegwischen, also ein 30-Sekunden-Video nur bis zur Sekunde 15 ansehen, dann werden ihnen nach einiger Zeit nur mehr 15-Sekunden-Videos angeboten.<br \/>\nWie weit diese Entwicklung noch geht, l\u00e4sst sich schwer absch\u00e4tzen. Vielleicht ist es in ein paar Jahren nur mehr ein flimmernder Brei, der von den Kindern mit den Augen gefressen wird.<br \/>\nBesonders erstaunlich w\u00e4re das wohl nicht, in anderen Lebensbereichen gibt es diese Entwicklung auch. Ein Beispiel ist das Ultra-Fast-Shopping. Jugendliche gehen in ein Bekleidungsgesch\u00e4ft und kaufen sich neue Sachen. Die werden kurz anprobiert und dann bezahlt. Nach dem Kauf werden sie entweder sofort entsorgt oder \u2013 im Idealfall \u2013 mit anderen getauscht.<br \/>\nDanach gehen sie wieder in das Gesch\u00e4ft und kaufen die n\u00e4chsten Sachen. Das klingt absurd, ist aber das g\u00e4ngige Modell und auch Ziel der Bekleidungsindustrie. Sie verdient damit unfassbare Mengen an Geld.<br \/>\nDie Frage, woher die Jugendlichen das Geld daf\u00fcr haben, ist sinnlos. Die Bekleidung wird unter maximaler Ausbeutung von Mensch und Natur extrem billig hergestellt und kann daher auch sehr billig verkauft werden \u2013 eine Hose etwa ist um 4,90- Euro erh\u00e4ltlich, T-Shirts noch wesentlich billiger. Die Transportkosten sind niedrig und die Firmen m\u00fcssen auch keine Entsorgungskosten zahlen, da dies auf die Allgemeinheit abgew\u00e4lzt wird. Industrie und Handel befeuern diesen Trend noch zus\u00e4tzlich, indem sie die Frequenz der neuen Kollektionen immer mehr verk\u00fcrzen, \u00e4hnlich wie die Dauer der angesprochenen Videos. Wenn es fr\u00fcher eine jahreszeitlich gestaffelte Mode gab, bieten manche Hersteller inzwischen w\u00f6chentlich oder sogar noch \u00f6fter neue Kollektionen an.<br \/>\nDiese Kleidungsst\u00fccke m\u00fcssen auch keinerlei Qualit\u00e4tskriterien gen\u00fcgen, da sie sowieso nie getragen werden.<br \/>\nDie Ausbeutung der Menschen und der Natur spielt keine Rolle, der Trend geht derzeit sogar in die Gegenrichtung, gut gesteuert durch die Industrielobbies und in Folge durch Politik und Medien. Es sieht so aus, dass die Wegwerfgesellschaft gewonnen hat, zumindest vor\u00fcbergehend.<\/p>\n<p>Auf einer anderen Ebene setzt sich ein Pendant zum Zauberspiegel durch: wunscherf\u00fcllende KI-Programme, das ber\u00fchmteste ist ChatGPT.<br \/>\nMan gibt eine Frage ein oder stellt eine Anforderung (in der Fachsprache \u201ePrompt\u201c) und schon bekommt man ein Ergebnis, oft binnen weniger Sekunden, in Zukunft wahrscheinlich noch k\u00fcrzer.<br \/>\nDie Programme analysieren die Worte, durchsuchen das Internet und erstellen aufgrund von Rechenoperationen ein Ergebnis.<br \/>\nSo kann man etwa eine Recherche durchf\u00fchren oder sich eine Diplomarbeit schreiben lassen. Man muss lediglich ein wenig \u00fcben, bis man die Fragen optimal formuliert. Das ist aber auch das Einzige, was man lernen bzw. k\u00f6nnen muss.<\/p>\n<p>Das ist unglaublich praktisch, vor allem weil es oft Wissenschaft simuliert. Darin liegt auch die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, denn es gibt genau genommen keine echte Recherche mehr, keine \u00dcberpr\u00fcfung auf wahr und unwahr, denn die Rechenprogramme wissen nicht, was \u201ewahr\u201c und \u201eunwahr\u201c ist, auch bei \u201erichtig\u201c und \u201efalsch\u201c versagen sie. Sie k\u00f6nnen lediglich z\u00e4hlen, wie oft etwas im Internet vorkommt und dann statistisch nach Wahrscheinlichkeitsrechnung entscheiden. Aber selbst diese Entscheidung ist nur eine Rechenoperation.<\/p>\n<p>In den neuen Zauberspiegeln wird nach wie vor nach der Wahrheit gesucht, allerdings unterliegt man der Herrschaft der Internetkonzerne, die f\u00fcr die Menschen bestimmen, was wahr und was falsch ist.<br \/>\n\u201eWas du auf Google nicht findest, gibt es nicht\u201c hei\u00dft ein \u2013 inzwischen schon alter \u2013 Spruch. Es war zwar vor der Internetzeit auch nicht immer leicht etwas zu finden, aber damals hat man wenigsten noch verschiedene \u201eAnbieter\u201c konsultiert \u2013 Bibliotheken, Fachjournale, Karteien etc. Man konnte vergleichen, sich ein Bild machen und dann differenziert entscheiden.<br \/>\nHeute schaut man sich die erste Seite einer Google-Recherche an und das war\u00b4s.<br \/>\nChatGPT geht hier noch einen Schritt weiter, das Programm \u00fcbernimmt die gesamte Suche samt Einsch\u00e4tzung der Ergebnisse. Es l\u00e4sst keine Recherche mehr zu, keinen Blick nach links oder rechts.<br \/>\nDurch die gef\u00e4llige Formulierung simulieren diese Programme, dass irgendwo eine Art Mensch sitzt, der das schreibt. Erstaunlich viele Menschen fallen darauf herein, eventuell weil die Bequemlichkeit keine anstrengende Suche nach Alternativen erlaubt, eventuell weil die T\u00e4uschung so gut gemacht ist: Wenn es so aussieht, als h\u00e4tte es ein Mensch gemacht, dann glaubt man das auch gerne, allzu gerne.<br \/>\nMan vertraut der Maschine, weil sie vertrauenerweckend gebaut ist.<br \/>\nMan vertraut der Maschine, weil es so einfach ist.<br \/>\nMan vertraut der Maschine irgendwann, weil man gar nichts anderes mehr kennt.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich gut beim Wandern in der Natur zeigen. Fr\u00fcher musste man sich mit Karten orientieren, heute verwendet man ein Programm am Handy (\u201ebergfex\u201c ist eines davon). Das hat enorme Vorteile, denn am Handy kann ich st\u00e4ndig sehen, wo ich bin. Die Ortung ist auf wenige Meter genau, ich kann damit kleine Pfade und Abzweigungen finden, was \u00e4u\u00dferst praktisch ist. Es ist auch leichter sich nicht zu verirren, wenngleich daf\u00fcr Restf\u00e4higkeiten von fr\u00fcher durchaus hilfreich sind.<br \/>\nDie Nachteile sehen wir erst, wenn es zu einer St\u00f6rung kommt. Das Handy f\u00e4llt runter und ist kaputt. Dann finden wir den Weg nicht mehr und k\u00f6nnen auch keine Hilfe holen, zumindest wenn wir alleine unterwegs sind oder kein Zweithandy dabeihaben.<br \/>\nOder der Akku ist leer, oder es gibt keinen Empfang \u2013 in all diesen F\u00e4llen ergibt sich eine sofortige, manchmal ernste Krise. Die Bergrettungen k\u00f6nnen Lieder davon singen.<br \/>\nEine Landkarte braucht keinen Strom und kein Internet. Wer einmal versucht hat im str\u00f6menden Regen den Touchscreen seines Handys zu bedienen, kennt die Schw\u00e4chen des Systems. Eine Karte funktioniert immer, sofern man sie nicht verliert und lesen kann.<\/p>\n<p>Es gibt auch Menschen, die nicht f\u00fcr die Bequemlichkeitsmaschine anf\u00e4llig sind, aber es werden immer weniger und sind inzwischen so weit, dass sie keine Rolle mehr spielen, weil das Geld mit der Mehrheit verdient wird.<br \/>\nDas Geld, das die Maschinen am Laufen h\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Vater Gerhard Schwarz schrieb 1980 \u00fcber die \u201eAnthropologie des Fernsehens\u201c (Berichte zur Medienforschung, Band 22, anl\u00e4sslich 25 Jahre Fernsehen in \u00d6sterreich, Herausgeber: ORF). Das ist jetzt 45 Jahre her und inzwischen hat sich technisch und sozial einiges getan. 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