{"id":3110,"date":"2025-12-26T09:45:55","date_gmt":"2025-12-26T08:45:55","guid":{"rendered":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=3110"},"modified":"2025-12-26T09:45:55","modified_gmt":"2025-12-26T08:45:55","slug":"die-reste-vom-ueberfluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/die-reste-vom-ueberfluss\/","title":{"rendered":"Die Reste vom \u00dcberfluss"},"content":{"rendered":"<p>Dezember 2025 \u2013 in der Kanalisation von London hat sich ein \u00fcber hundert Meter langer Fettberg gebildet, aus einer Mischung von Speiseresten, entsorgten Hygienet\u00fcchern und eben Fett.<br \/>\nF\u00fcr die Verwaltung ist das nichts Neues, 2017 war so ein Fettberg 250 Meter lang und es hat Wochen gebraucht ihn zu beseitigen.<br \/>\nDie Kanalisation ist f\u00fcr viele Dinge ein guter Indikator, in den Ged\u00e4rmen der Stadt findet sich quasi unser Leben bzw. die Reste davon. In der Coronazeit konnte man dort Viren-Hotspots lokalisieren und die Polizei findet auf diese Art heraus, wo besonders viele Drogen konsumiert werden.<br \/>\nDie Reste vom \u00dcberfluss finden sich nicht nur dort \u2013 leider, sonst w\u00e4ren die Probleme leichter l\u00f6sbar.<\/p>\n<p>Unsere Konsumgesellschaft lebt vom \u00dcberfluss \u2013 das ist jetzt keine neue Erkenntnis. Ich m\u00f6chte trotzdem einmal die Folgen und das beleuchten, was dahinter verborgen scheint.<br \/>\nFr\u00fcher war Fett ein wertvoller Stoff, heute sp\u00fclen wir ihn im Klo hinunter. Wir haben einfach zu viel davon.<\/p>\n<p>A pro pos zu viel &#8211; da gibt es die Theorie, dass jeder Mensch im Durchschnitt 10.000 Dinge besitzt. Ob das jetzt eine valide Zahl ist, kann ich nicht beurteilen, aber es sind in jedem Fall viele. Bei mir geht es sich mit 10.000 wahrscheinlich nicht aus. Allein B\u00fccher und CDs sind schon ein paar tausend, und wenn man jedes Blatt Papier einzeln z\u00e4hlt oder jede Schraube in meinem Vespa-Hobbyraum, kommt sicher deutlich mehr zusammen.<\/p>\n<p>Ich versuche daher immer wieder die Zahl zu reduzieren, immerhin mit dem Erfolg, dass es nicht mehr wird.<br \/>\nDas \u201eReduzieren\u201c bedeutet aber, dass ich vorhandene Dinge entweder verkaufe, verschenke oder wegwerfe. Unsere Konsumindustrie k\u00f6nnte aber vom Verkaufen und Verschenken nicht existieren, sie braucht das Wegwerfen, und zwar in gro\u00dfem Stil.<br \/>\nDaher d\u00fcrfen viele Dinge nicht allzu lange halten. H\u00e4user geh\u00f6ren auch zu diesen Dingen und das wird wohl der Hauptgrund sein, warum sie so gebaut werden, wie sie eben gebaut werden. Verglichen mit r\u00f6mischen Bauwerken aus der Antike halten sie nur 1\/20 der Zeit.<br \/>\nAuch alle anderen Dinge m\u00fcssen quasi ein Ablaufdatum haben, zumindest aber eine grobe Zeitperiode, innerhalb derer sie kaputt gehen.<br \/>\nWeil manche Dinge trotzdem l\u00e4nger halten als es der Industrie lieb ist, serviert sie uns diverse andere Gr\u00fcnde, um sie wegzuwerfen.<br \/>\nBei Kleidung ist das die Mode, bei Autos und Freizeittechnik der technische Fortschritt, auch wenn es den gar nicht wirklich gibt.<br \/>\nOft ist die Technik so ausgereift, dass sinnvolle Verbesserungen nicht mehr m\u00f6glich sind. Dann muss auf eine andere Ebene umgeschwenkt werden, etwa das Design oder \u2013 beim PKW \u2013 das Entertainment.<br \/>\nEigentlich m\u00f6chte man mit einem Auto nur m\u00f6glichst sicher und bequem von A nach B kommen \u2013 das w\u00e4re zumindest der normale Anspruch. Das urspr\u00fcngliche Bed\u00fcrfnis war die Mobilit\u00e4t. Dann wurde der private PKW um einige weitere Bed\u00fcrfnisdimensionen angereichert, etwa Status oder Sportlichkeit oder Freizeitartikel (das \u201eSports Utility Vehicel\u201c).<br \/>\nHeute bekommen wir jedoch ein vielf\u00e4ltiges Unterhaltungsangebot mitgeliefert, das sich jedes Jahr ver\u00e4ndert bzw. umfangreicher wird.<br \/>\nDa gibt es riesige Bildschirme, auf denen man fernsehen, spielen, Musik h\u00f6ren, im Internet surfen und in sozialen Medien aktiv sein kann.<br \/>\nDer Nachteil besteht darin, dass man eigentlich mit dem Auto fahren und nicht auf den Bildschirm konzentriert sein sollte, zumindest als Fahrer:in.<br \/>\nDaher w\u00e4re es sinnvoll das riesige Entertainmentprogramm nur im Stillstand oder auf der R\u00fcckbank nutzen zu k\u00f6nnen, was theoretisch ja auch so sein m\u00fcsste, weil vom Gesetzgeber so definiert.<\/p>\n<p>In der Praxis sieht das anders aus, es wird gespielt, geh\u00f6rt, gesehen, getippt, gewischt und gedr\u00fcckt was das Zeug h\u00e4lt. Der Grund ist einfach: Es ist da, es funktioniert ganz leicht und bequem, also wird es gemacht.<br \/>\nWer h\u00e4lt es aus, eine Whatsapp-Nachricht erst bei der n\u00e4chsten Pause anzusehen? Vor allem, wenn dann noch ein Anruf kommt, ob man die Whatsapp eh bekommen hat. Oder eine zweite Whatsapp und wenig sp\u00e4ter eine dritte, die auf die vermeintliche Dringlichkeit hinweist.<br \/>\nHeutzutage ist man gewohnt, dass solche Nachrichten sofort gelesen werden. Und daher erwartet man auch sofort eine Antwort. Die Schreibenden wissen ja nicht, ob man gerade im Auto f\u00e4hrt oder daheim auf der Couch sitzt. Und es ist ihnen auch egal.<\/p>\n<p>Bei Unf\u00e4llen wird das meist etwas versch\u00e4mt umschrieben: Aus ungekl\u00e4rter Ursache\u2026<br \/>\nDie Strafen, wenn man erwischt wird, sind milde und die Wahrscheinlichkeit, \u00fcberhaupt erwischt zu werden, geht nahezu gegen Null.<br \/>\nEs gibt also keine Notwendigkeit das anders zu handhaben, obwohl die Ablenkung ungef\u00e4hr einer Alkoholisierung von 0,8 Promille entspricht (das wurde in einer Masterarbeit erforscht, die ich betreut habe).<br \/>\nF\u00fcr die Alkoholisierung bekommt man den F\u00fchrerschein abgenommen, f\u00fcr die gleichwertige Ablenkung durch das Handy\u2026 keine Ahnung. Kennen Sie jemand, der daf\u00fcr bestraft wurde? Ich nicht.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Thema. Wir werden erzogen, st\u00e4ndig das Neueste haben zu wollen, unabh\u00e4ngig davon, ob wir es brauchen oder nicht.<br \/>\nWobei \u201ebrauchen\u201c erst definiert werden muss. Es gibt n\u00e4mlich immer eine Form des Brauchens, und sei es nur, um die Nachbarn zu beeindrucken oder sich selbst (siehe Artikel \u00fcber T\u00e4uschung).<br \/>\nWenn wir etwas Neues kaufen, muss etwas Altes weg, sonst ersticken wir bald in Dingen. Das gilt f\u00fcr fast alle Lebensbereiche, bis hin zu den Lebensmitteln. Es gibt heute in unserer Konsumwelt ein unfassbar riesiges Angebot an Nahrungsmitteln, ein Vielfaches von dem, was noch vor einem halben Jahrhundert angeboten wurde.<br \/>\nDie Lebensmittelindustrie hilft sich hier mit sogenannten \u201eAblaufdaten\u201c, denen die Menschen meistens brav folgen. Sie unterscheiden nicht zwischen einem Mindesthaltbarkeitsdatum und einem Ablaufdatum, selbst wenn man sie darauf oft und intensiv hinweist.<br \/>\nDas betrifft nat\u00fcrlich nicht alle Konsument:innen, aber ausreichend viele, um den Rest getrost vergessen zu k\u00f6nnen. Er spielt statistisch und somit in den Berechnungen der Lebensmittelindustrie keine Rolle.<br \/>\nIch sehe hier auch noch keinen Gegentrend, im Gegenteil. <\/p>\n<p>Bleibt das Problem, was wir mit den weggeworfenen Dingen machen. Sie werden zu M\u00fcll und der muss verschwinden. Das funktioniert, indem man ihn verbrennt, vergr\u00e4bt, versenkt, weit weg transportiert oder der Wiederverwertung zuf\u00fchrt.<br \/>\nLetzteres ist der Industrie leider ein Dorn im Auge, weshalb sie sich mit allen vorhandenen Kr\u00e4ften dagegen wehrt. Entsprechende Gesetzesvorschl\u00e4ge werden abgeschmettert und wenn man ihnen aus Marketinggr\u00fcnden formell zustimmt, dann werden sie hintenrum so sehr verw\u00e4ssert, dass nichts \u00fcbrigbleibt.<br \/>\nManchmal sind diese Gesetzesvorschl\u00e4ge auch so schlecht gemacht, dass es sogar gute Gr\u00fcnde gibt, ihnen nicht zuzustimmen. Dann wurde im Vorfeld schon sehr gr\u00fcndliche Arbeit geleistet.<br \/>\nDie Verschmutzung der Umwelt sowie der enorme Ressourcen- und Energieverbrauch spielt auch nicht wirklich eine Rolle.<br \/>\nDas l\u00e4sst sich wohl nur verstehen, wenn wir in das Wesen der Menschen hineinblicken. Dann finden wir folgende Gr\u00fcnde: <\/p>\n<p>1.) Als Mangelwesen suchen wir den \u00dcberfluss. Weil es den in der Vergangenheit nie lange und nur in beschr\u00e4nktem Ausma\u00df gab, haben wir nie gelernt, selbst Grenzen zu setzen.<\/p>\n<p>2.) Selbstverst\u00e4ndlich gibt es Menschen, die Grenzen kennen. Sie werden aber zu Au\u00dfenseitern oder\/und Spinnern erkl\u00e4rt. Dann h\u00f6rt man S\u00e4tze wie \u201ewillst du, dass wir wieder auf den B\u00e4umen leben?\u201c oder \u201egeh doch in den Wald und lebe dort als Eremit!\u201c. Auch die philosophischen Ans\u00e4tze eines reduzierten Lebens haben sich \u2013 zumindest bisher \u2013 nicht durchgesetzt.<\/p>\n<p>3.) Wir k\u00f6nnen schlecht in die Zukunft schauen und Entwicklungen nur sehen, wenn sie schlagartig passieren und uns massiv betreffen. Dass unsere Enkel durch unsere Lebensweise h\u00f6chstwahrscheinlich ein Problem bekommen werden, das ihr Leben bedrohen k\u00f6nnte, sehen wir nicht, wenn in der bunten Auslage ein gl\u00e4nzender Gegenstand um 299,- statt um 349,- angeboten wird.<br \/>\nNoch schwieriger ist das bei Online-Angeboten, wo ein einziger Mausklick oder ein Fingertipser reicht, um den Gegenstand am n\u00e4chsten Tag wie durch ein Wunder an der Wohnungst\u00fcr in die Hand gedr\u00fcckt zu bekommen. Die Schuldnerberatungen dieser Welt k\u00f6nnen ein Lied davon singen, welche Konsequenzen das irgendwann hat.<br \/>\nJa, irgendwann, in der Zukunft, die wir sehr gerne ausblenden, wenn wir geblendet werden.<\/p>\n<p>Ich habe neulich eine Bildergalerie mit Autos auf einem Schrottplatz gesehen. Sie symbolisieren sehr gut, was ich meine.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.12.26_Wegwerfen\/1.jpg\" title=\"1.jpg\" alt=\"1.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Alte Autos und Autoteile, gesammelt auf irgendeinem Hinterhof. (Quelle: Kurt Satzer)<\/p>\n<p>Manchmal werden einzelne St\u00fccke sogar noch gebraucht, etwa um ein altes Auto zu reparieren oder f\u00fcr eine Restaurierung. Das ist aber sehr selten und wird bald der Vergangenheit angeh\u00f6ren, auch wenn es immer noch eine beachtliche Anzahl an Oldtimer-Liebhabern gibt. Sie sind \u2013 wie schon oben erw\u00e4hnt \u2013 f\u00fcr das Konsummodell statistisch nicht relevant. Letztlich sind sie Freaks, die sich gegen den Trend stemmen \u2013 liebenswert, schrullig, aber nicht ernst zu nehmen.<br \/>\nViele dieser Menschen haben zus\u00e4tzlich auch ein neues Auto, mit dem sie im Alltag fahren und bei dem sie \u00fcber die Erhaltung gar nicht nachdenken.<\/p>\n<p>Jedes dieser Autos hat eine Geschichte, jedes wurde mit hohem Aufwand erzeugt. Und alle enden sie nach mehr oder weniger langer Zeit auf so einem Schrottplatz, irgendwo im Wald oder in einer Schrottpresse. Dann wird wenigstens ein Teil wiederverwertet, wenn auch nur kein kleiner, und zwar das brauchbare Metall.<br \/>\nGegen die sinnvolle Zerlegbarkeit und Wiederverwertung str\u00e4ubt sich die Autoindustrie mit allen verf\u00fcgbaren Kr\u00e4ften. Es gibt zwar Ausnahmen wie aufbereitete Teile (Lichtmaschinen, Wasserpumpen und noch eine Handvoll mehr), der Gro\u00dfteil ist aber nicht wieder verwendbar, vor allem, weil es sich um verklebte Verbundstoffe handelt, die man nur verbrennen, shreddern, in ein fernes Land exportieren oder vergraben kann.<br \/>\nRecycling oder gar Upcycling gibt es nur in extremen Ausnahmef\u00e4llen und auch das oft nur f\u00fcr die Medien, klassisches Greenwashing sozusagen.<br \/>\nManchmal erfolgt noch Downcycling (aus einem hochwertigen Gegenstand wird ein niederwertiger), aber das beschr\u00e4nkt sich auf einen winzigen Teil der Gesamtmenge.<\/p>\n<p>Sehen wir uns noch ein Beispiel an, um weitere Aspekte zu erkennen.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.12.26_Wegwerfen\/2.jpg\" title=\"2.jpg\" alt=\"2.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Der Scheinwerfer eines alten Ford (Quelle: Kurt Satzer)<\/p>\n<p>Hier sehen wir die Front eines Ford Taunus 17M aus den 1960er-Jahren. Die Teile wurden zwar schon maschinell am Flie\u00dfband erzeugt, aber die Qualit\u00e4t und das eigenst\u00e4ndige, liebevolle Design ist immer noch bemerkenswert. Der aufw\u00e4ndig produzierte K\u00fchlergrill aus Metall, einstmals verchromt, oder die Umrahmung des Scheinwerfers mit Riffelmuster. Das alles war f\u00fcr die Besitzer trotzdem nicht erhaltenswert.<br \/>\nMeine Theorie dazu: Je automatisierter die Teile erzeugt werden, desto wertloser sind sie. Je weniger menschliche Handarbeit dabei ist, desto leichter werden sie weggeworfen. Je weniger sorgf\u00e4ltig sie erzeugt werden, desto k\u00fcrzer ist ihre Existenzdauer.<\/p>\n<p>Das ist verst\u00e4ndlich und erschreckend zugleich. Und es ist eine direkte Konsequenz der \u00dcberflussgesellschaft, denn in allen anderen Gesellschaften ist das absolut nicht der Fall. Wer in ein Industriegebiet am Stadtrand von Nairobi geht und sich ansieht, wie dort kaputte Gegenst\u00e4nde liebevoll wieder aufbereitet werden, erkennt das sofort.<br \/>\nMeistens mitten auf der Stra\u00dfe wird repariert, improvisiert, ersetzt, erg\u00e4nzt und wiederhergestellt. Das funktioniert allerdings nur mit Autos oder anderen Gegenst\u00e4nden, die noch zerlegbar bzw. reparierbar sind. Moderne Autos k\u00f6nnen so nicht mehr behandelt werden. Dort sind die einzelnen Bauteile nicht mehr aufbereitbar, weil verklebt, verschwei\u00dft oder sonst wie behandelt, damit das nicht m\u00f6glich ist.<br \/>\nDie Front eines modernen Ford besteht aus Plastik, das nicht oder nur mit gro\u00dfem Aufwand repariert werden kann. Der Scheinwerfer ebenso, dort kann nicht einmal mehr das Leuchtmittel getauscht werden. Einen modernen LED-Scheinwerfer kann man nur als Ganzes austauschen, selbst wenn nur ein winziger Teil wie die LED-Diode kaputt ist. Der Rest wird weggeworfen. All das Drumherum eines komplexen Gegenstandes ist nicht zerlegbar und somit auch nicht reparierbar.<br \/>\nWenn man auf das obere Foto schaut, sind zwei kleine Schrauben im Scheinwerferrahmen sichtbar. Damit konnte der Rahmen abgeschraubt werden und der Scheinwerfer war reparabel. St\u00f6ren die Schrauben im Design? Ich finde nicht, ganz im Gegenteil, sie zeigen das, was Design eigentlich sein sollte: Ausdruck durchdachter Konstruktion. Heute bedeutet Design einfach nur oberfl\u00e4chliche Beh\u00fcbschung nach der neuesten Mode. <\/p>\n<p>Sehen wir uns auf einem letzten Foto noch ein paar weitere Aspekte an.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.12.26_Wegwerfen\/3.jpg\" title=\"3.jpg\" alt=\"3.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Ein Auto auf einem Schrottplatz \u2013 das Moos erobert sich die Armaturen. (Quelle: Kurt Satzer)<\/p>\n<p>Zuerst war mir nicht klar, warum ich bei diesem Bild h\u00e4ngengeblieben bin. Aber es ist die Kombination aus vielen Aspekten.<br \/>\nDas ist ein typisches Armaturenbrett eines Autos aus der Zeit, in der fast alles Wesentliche fertig entwickelt war, sp\u00e4te 1970er-Jahre etwa. Die Kippschalter waren funktionell, mit klarer, guter Haptik und tauschbar, falls sie einmal kaputt gingen, was sehr selten der Fall war. Das doppelte Rundinstrument gab es in fast allen Autos, ob gro\u00df oder klein, das Lenkrad mit Hupknopf in der Mitte, sp\u00e4ter maximal durch den Airbag verbessert, ebenso. Die Schieberegler f\u00fcr Heizung und L\u00fcftung, das Z\u00fcndschloss an der Lenks\u00e4ule rechts vom Lenkrad, die beiden Hebel f\u00fcr Blinker und Licht \u2013 all das war weitgehend ausgereift. Ab da gab es keine echte Innovation mehr \u2013 okay, andere Materialien, leicht andere Formen und diverse Kleinigkeiten. Es blieb aber \u00e4hnlich \u00fcber Jahrzehnte, bis die Touchscreens alles ver\u00e4nderten. Aber selbst in der Digitalarmaturenzeit wurden die Rundinstrumente (Tacho und Drehzahlmesser) noch simuliert, als w\u00e4ren es noch analoge Zeiger. Reparierbar ist heute fast gar nichts mehr, die Funktionalit\u00e4t ist auch nicht besser geworden und \u00fcber das Design kann man streiten. In einem Tesla gibt es zwar noch ein Lenkrad, sonst aber fast nur mehr einen riesigen Bildschirm, \u00fcber den alles gesteuert wird. Diese Entwicklung hat sich inzwischen auch in den Motorradmarkt hineingezogen, die neue BMW GS (Enduromotorrad) hat auch einen Bildschirm, \u00fcber den fast alles gesteuert wird. Deswegen kann man mit ihr auch keine Fernreisen abseits der perfekten Serviceinfrastruktur mehr machen. Wenn eine Kleinigkeit in der Elektronik nicht passt, steht die Kiste. Da braucht man f\u00fcr die Reparatur einen Softwareprogrammierer, keinen Mechaniker.<\/p>\n<p>Heute sind Autos Computer auf vier R\u00e4dern. Einzelne Komponenten sind tauschbar, \u00e4hnlich einem Computer. Alles ist verklebt, fast alles aus Verbundmaterialien. Wiederverwertbarkeit wird vorgegaukelt, weil die Hersteller daran kein echtes Interesse haben. Die wollen m\u00f6glichst viele Neuwagen verkaufen.<br \/>\nIn der \u00c4ra der Elektroautos wird sich daran nur wenig \u00e4ndern. Es gibt noch einige mechanische Komponenten wie Fahrwerk und Bremsen, die auch in Zukunft ein Service brauchen, wobei sogar die Bremsen heute bereits an die Bordelektronik angeschlossen sind. Demn\u00e4chst wohl nur mehr \u00fcber ein Diagnoseger\u00e4t wartbar.<\/p>\n<p><strong>Wie hat es soweit kommen k\u00f6nnen?<\/strong><br \/>\nLetztlich ist eine Kombination mehrerer Faktoren daf\u00fcr verantwortlich:<\/p>\n<p><strong>Die massive Besteuerung auf Arbeit bei gleichzeitiger Steuerentlastung f\u00fcr Maschinen<\/strong><br \/>\nReparieren ist deswegen deutlich teurer als wegzuwerfen und neu zu kaufen. Zugleich erm\u00f6glicht es den Aufbau pervers hoher Verm\u00f6gen durch Maximierung der Maschinenleistung. Mit anderen Worten: Menschen durch Maschinen ersetzen maximiert den Profit.<\/p>\n<p><strong>Die Nicht-Besteuerung von Abfall<\/strong><br \/>\nEs gab einmal in Wien eine Geb\u00fchr f\u00fcr die R\u00fcckgabe von K\u00fchlschr\u00e4nken, damit diese ordentlich entsorgt werden k\u00f6nnen. Das hast nicht funktioniert, weil viele Menschen ihre K\u00fchlschr\u00e4nke dann einfach im Wald entsorgt haben. Das war gratis und die Gefahr erwischt zu werden gleich null.<br \/>\nMan darf den Menschen nicht die Wahl lassen, ob sie f\u00fcr etwas bezahlen wollen oder nicht, das dem Gemeinwohl dient. Sie entscheiden sich immer f\u00fcr den egoistischen Weg, das bringen Jahrzehnte entsprechender Erziehung plus entsprechende gesellschaftliche Werte so mit sich.<br \/>\nWertvolle Rohstoffe zu entsorgen m\u00fcsste so teuer sein, dass es sich rechnet sie wiederzuverwerten. Wenn der Coffee-to-go-Becher 30 Euro kostet, wird er nicht mehr achtlos aus dem Autofenster in die Landschaft geworfen. Wenn eine Red-Bull-Dose (das am h\u00e4ufigsten am Stra\u00dfenrand zu findende M\u00fcllst\u00fcck) das kosten w\u00fcrde, was ihre Erzeugung wirklich kostet, also inklusive aller Umweltbelastungen, w\u00e4re sie \u00e4u\u00dferst wertvoll.<br \/>\nDiese Nicht-Besteuerung von Abfall ist die Nicht-Besteuerung von Umweltkosten und m\u00fcsste schleunigst abgeschafft werden. Sie ist aber ein so gro\u00dfer Hebel, dass das derzeitige Wirtschaftssystem zusammenbrechen w\u00fcrde, weil es ja genau auf dieser Nicht-Besteuerung aufbaut.<\/p>\n<p><strong>Das Lohngef\u00e4lle zwischen erster und dritter Welt<\/strong><br \/>\nSo lange es wesentlich billiger ist irgendwo produzieren zu lassen und der Transport ebenfalls fast gratis ist, wird sich nichts \u00e4ndern. Bilder oder Berichte von halbverhungerten N\u00e4herinnen in Bangladesch hindern niemand am Fast-Shopping. Freiwillig verzichtet niemand auf billige Konsumwaren und das Dahinter wird wirkungsvoll abgeschottet und verborgen.<\/p>\n<p><strong>Menschliche Bequemlichkeit<\/strong><br \/>\nEs ist bequemer sich nur auf die eigene Lustmaximierung im Hier und Jetzt zu k\u00fcmmern anstatt um eine gute Zukunft f\u00fcr alle oder zumindest f\u00fcr die eigenen Nachkommen. Daher macht man Flugreisen, kauft \u00fcberfl\u00fcssige Dinge \u2013 das ist gut f\u00fcr die momentane, individuelle Lustbefriedigung. Der Coffee-to-go im Plastikbecher, der sofort wieder weggeworfen wird, ist fast schon ein Symbol unserer Zeit. Es ist bequem, m\u00f6gliche Konsequenzen f\u00fcr die Zukunft einfach auszublenden \u2013 selbst, wenn sie einen pers\u00f6nlich noch betreffen werden.<\/p>\n<p><strong>Unsere Gier nach Luxus in der Freizeit<\/strong><br \/>\nWir folgen dabei vorgegebenen, klar definierten sozialen Normen. In den 1960er-Jahren fuhr man im Urlaub mit dem Auto nach Italien. Heute fliegt man m\u00f6glichst weit weg. Wer das nicht tut, hat das Gef\u00fchl nicht dabei zu sein, nicht dazuzugeh\u00f6ren. Das halten die meisten Menschen nicht oder nur sehr schlecht aus.<\/p>\n<p>Das beste Symbol daf\u00fcr sind die Ferieninseln der Malediven. Sie basieren auf der radikalsten Ausbeutung von Mensch und Natur, die ich kenne.<br \/>\nDie Inseln sind aus Korallenriffen entstanden und bestehen gro\u00dfteils aus Sand. Darauf wachsen Palmen und noch ein paar andere Pflanzen. An Produkten gibt es Kokosn\u00fcsse, Fische und Meeresfr\u00fcchte. Sonst nichts.<br \/>\nDe facto kann man dort alles bekommen, was es an Urlaubs-Luxusartikeln auf dieser Welt gibt.<br \/>\nDer Preis daf\u00fcr ist ein unfassbar hoher \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck von allem, was es dort gibt. Die \u00fcber tausende Kilometer eingeflogenen Erdbeeren symbolisieren nur den Rest des Wahnsinns.<br \/>\nUnd weil auf diesen Inseln enorm viel Abfall produziert wird, es aber keine M\u00f6glichkeit der sinnvollen Entsorgung gibt, wurde eine eigene, inzwischen riesige M\u00fcllinsel erschaffen. Sie besteht nur aus M\u00fcll.<br \/>\nDas alles bekommen die G\u00e4ste nicht zu sehen. Auch die Nebengeb\u00e4ude der Hotels und Bungalowanlagen sind gut hinter hohen Z\u00e4unen versteckt und der Zutritt ist nicht erlaubt. Au\u00dfer mir hat sich daf\u00fcr aber ohnehin niemand interessiert, so mein Eindruck.<br \/>\nDas S\u00fc\u00dfwasser f\u00fcr die mehrfach am Tag genossenen Duscherlebnisse muss m\u00fchsam aus Salzwasser erzeugt werden. Der Energieaufwand f\u00fcr die mit Diesel betriebenen Entsalzungsanlagen ist enorm, die Abgase nicht gerade gefiltert.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.12.26_Wegwerfen\/4.jpg\" title=\"4.jpg\" alt=\"4.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Der gut versteckte, nicht so malerische Teil auf einer typischen Insel.<\/p>\n<p>Durch den steigenden Meeresspiegel und die inzwischen nahezu vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rten Korallen wird sich das Thema Malediven in den n\u00e4chsten Jahrzehnten ohnehin erledigen. Die Touristen werden dann woanders hinfliegen.<br \/>\nEine Zeit lang werden die k\u00fcnstlich betonierten Mauern noch helfen, dann holt sich die Natur zur\u00fcck, was wir ihr streitig gemacht haben.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2025.12.26_Wegwerfen\/5.jpg\" title=\"5.jpg\" alt=\"5.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild: Das Meer erodiert die ohnehin ganz flachen Inseln einfach weg.<\/p>\n<p><strong>Das Grundprinzip des Kapitalismus in seiner neoliberalen Form<\/strong><br \/>\nM\u00f6glichst gro\u00dfe Spreizung von Arm und Reich durch Konzentration des Kapitals bei einer kleinen Elite, zugleich das Credo ewigen Konsumwachstums und die politische Durchsetzung kostenfreier Ausbeutbarkeit von Mensch und Natur. Dazu gibt es das Gl\u00fccksversprechen durch st\u00e4ndig steigenden Konsum.<\/p>\n<p>All das f\u00fchrt wohl dazu, dass wir den Wert der Dinge nicht mehr richtig einsch\u00e4tzen und uns in eine Spirale begeben haben, die scheinbar immer aufw\u00e4rts, in meiner Wahrnehmung aber schon seit Jahrzehnten abw\u00e4rts f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wenn wir nicht lernen anders gl\u00fccklich zu werden, wird es ein bitteres Erwachen brauchen, damit wir unser Verhalten \u00e4ndern.<br \/>\nHoffen wir, dass es nicht dazu kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dezember 2025 \u2013 in der Kanalisation von London hat sich ein \u00fcber hundert Meter langer Fettberg gebildet, aus einer Mischung von Speiseresten, entsorgten Hygienet\u00fcchern und eben Fett. 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