{"id":347,"date":"2010-03-25T22:42:14","date_gmt":"2010-03-25T21:42:14","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=347"},"modified":"2024-02-15T17:22:00","modified_gmt":"2024-02-15T16:22:00","slug":"beim-kudlicka-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/beim-kudlicka-teil-2\/","title":{"rendered":"Beim Kudlicka &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Mit dieser Geschichte begeben wir uns in die Vergangenheit (ins Jahr 1990), sie ist mir aber noch so in Erinnerung, als w\u00e4re es erst letztes Jahr gewesen. Kurz die Vorgeschichte: Im Sommer ein Jahr zuvor hatte ich mir einen zweiten Motor f\u00fcr eine alte Vespa gekauft, leider mit steckender Kurbelwelle und einem nur halb abgezogenen Zylinder, in den der Kolben hineingerostet war. Trotz diverser Tricks (f\u00fcr Kenner: 2 Seegerringe plus Spreizmetallst\u00fcckchen etc.) bekam ich das Polrad nicht runter und den Zylinder sowieso nicht. In meiner beginnenden Verzweiflung fuhr ich zu meinem Automechaniker, auf dass er mit seinen besseren Werkzeugen vielleicht Erfolg h\u00e4tte. Er hatte nicht, wollte aber auch keine Gewalt anwenden (\u201cwer wei\u00df, wie das da drin im Motor aussieht und was ich dann kaputt mache\u201d), also zog ich unverrichteter Dinge wieder von dannen.<\/p>\n<p>Am Heimweg \u00fcber neue L\u00f6sungen sinnierend bemerkte ich pl\u00f6tzlich, dass ich am direkten Weg zum Kudlicka war &#8211; Schicksal wahrscheinlich. Auch ein Parkplatz in der engen \u00d6sterleingasse war mir verg\u00f6nnt und ich ging direkt in die kleine Werkstatt, wo ein (kroatischer) Mitarbeiter vom Kudlicka gerade an einer Rally zangelte.<br \/>\nAuf meine Bitte um einen guten Tipp f\u00fcr das Polradabziehen meinte er: &#8222;Wo ist Motor? Herbringen!&#8220; &#8211; gesagt getan, schon hatte er den n\u00e4chsten Ratschlag: &#8222;R\u00fcber zum Kudlicka&#8220; &#8211; d. h. auf die andere Stra\u00dfenseite ins Gesch\u00e4ft.<br \/>\nDas war gerade ohne Kundschaft und der Kudlicka meinte &#8222;legen Sie Motor rauf&#8220;. Dann \u00f6ffnete er eine der ber\u00fchmten Schubladen hinter dem Tresen und holte eine Schachtel mit Seegerringen raus &#8211; leider ohne die gew\u00fcnschte Gr\u00f6\u00dfe zu finden. Mit kurzem Brummen verschwand er und kam mit den richtigen Ringen wieder. Einsetzen, einen kleinen Teil aus einer Beilagscheibe ausschneiden, als Verspannung in den Seegerring hineinh\u00e4mmern, Stecknuss, Polrad springt raus. Also, normalerweise tut es das, diesmal tat es das nicht. &#8222;Jebem ti oca!&#8220; der mit stoischer Miene vorgebrachte Kommentar.<br \/>\n&#8222;Wir brauchen Pressluftschrauber, r\u00fcber in die Werkstatt!&#8220;<br \/>\nDort angekommen bewaffnete sich der Kudlicka (er ist inzwischen deutlich \u00fcber 80 Jahre alt, hat sich aber optisch seit dem ich ihn kenne &#8211; 25 Jahre &#8211; nicht ver\u00e4ndert) mit der gro\u00dfen Pressluftpistole und st\u00fcrzte sich auf die Polradmutter. Geknattere, Druckluftgepfauche, kaputte Polradmutter und ein weiteres &#8222;Jebem ti oca&#8220;.<\/p>\n<p>Dann ging es richtig los. Der Kudlicka hat nur den einen stoischen Gesichtsausdruck, aber ein Funkeln in den Augen verhie\u00df nichts Gutes f\u00fcr das feststeckende Polrad.<br \/>\nGemeinsam mit seinem Mitarbeiter (ich war ab dem Zeitpunkt nur mehr zuschauender Statist) wurden auf Kroatisch Pl\u00e4ne geschmiedet, wie vorzugehen w\u00e4re.<br \/>\nErgebnis: Der Zylinder muss runter! Der alte Mann holte aus einer Ecke die Mutter aller Flacheisen und begann den Zylinder zu bearbeiten &#8211; ohne jeden Erfolg. <\/p>\n<p>Jetzt packte ihn der Ehrgeiz &#8211; der 50 Jahre alte Motor m\u00fcsste doch zu packen sein! Eine L\u00f6tlampe war mit einer gigantischen Stichflamme schnell angeheizt und der Kudlicka begann den Motor abzufackeln. Armageddon schien nahe, Stichflammen in allen Farben, wahrscheinlich durch die Umengen MoS2-Spray, die bereits \u00fcberall im Motor verteilt waren. Gestank, das Fauchen der L\u00f6tlampe und auch der Gehilfe neben mir nur mehr Statist.<br \/>\nDann packte der Kudlicka eine massive Eisenstange und einen riesigen Hammer und begann den Kolben aus dem Zylinder zu schlagen (egal, der war sowieso kaputt und h\u00e4tte nach dem Zylinderschleifen durch einen \u00dcberma\u00dfkolben getauscht werden m\u00fcssen).<br \/>\nEs kam Bewegung in die Sache, leider war das Ergebnis: Schlacht gewonnen, Patient tot &#8211; der Zylinder hatte das auch nicht \u00fcberstanden (&#8222;ah, das ist nichts, das kann man reparieren und ich hab guten Zylinder samt Kopf im Keller, fertig geschliffen&#8220;).<\/p>\n<p>Der Kudlicka war jetzt so richtig in Fahrt gekommen und der Satz &#8222;machen wir jetzt den ganzen Motor auf&#8220; war keine Frage mehr, sondern eine Feststellung &#8211; nein, eine Drohung gegen\u00fcber dem Motor, dem widerspenstig zu z\u00e4hmenden.<br \/>\nMit schwerem Ger\u00e4t ging es zur Sache: Schrauben, abfackeln, h\u00e4mmern, wieder abfackeln &#8211; irgendwann gab der Motor auf und seine metallenen Eingeweide preis. Und pl\u00f6tzlich l\u00f6ste sich wie von Geisterhand das Polrad. Nach insgesamt 1,5 Stunden und zahlreichen &#8222;Jebem ti ocas&#8220; war die Schlacht letztlich doch gewonnen, der kleine, leicht gebeugte Feldherr Kudlicka in seinem obligaten blauen Arbeitsmantel hatte gesiegt.<br \/>\nIch meinte, dass ich noch die Teile ins Auto r\u00fcberbringen w\u00fcrde und dann ins Gesch\u00e4ft zahlen k\u00e4me (es waren 1,5 Stunden x zwei Personen geworden). Darauf meinte der Kudlicka: &#8222;Sie brauchen nicht kommen, das war eine GELEGENHEIT!&#8220;<\/p>\n<p>Ich werde nie erfahren, ob er meinte, dass es eine Gelegenheit f\u00fcr MICH oder f\u00fcr IHN war. Ich h\u00e4tte mit meiner Erfahrung und meinen Werkzeugen den Motor nie und nimmer aufbekommen.<br \/>\nAls Hintergrund muss man wissen, dass es beim Kudlicka auf seine Tages- oder auch gerade vorherrschende Minutenverfassung und -stimmung ankommt. Ich hatte Gl\u00fcck und sinnierte auf der Heimfahrt dar\u00fcber, wie die Vespa-Welt aussehen wird, wenn es den Kudlicka irgendwann einmal nicht mehr gibt.<br \/>\nVom alten Kudlicka kann ich wahre Leidenschaft lernen, gepaart mit der philosophischen Haltung des wahren Stoikers. Au\u00dferdem wei\u00df er, wie man Vespas zangelt.<\/p>\n<p>M\u00f6ge er uns noch lange erhalten bleiben, das Wiener Original aus Kroatien, der Herr der Vespas, diese unvergleichliche Mischung aus Grantscherm und g\u00fctigem Opa, der in seinem zeitlosen Imperium im 15. Hieb jungen und nicht mehr ganz jungen Rollerfahrern ihr Hobby oft \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dieser Geschichte begeben wir uns in die Vergangenheit (ins Jahr 1990), sie ist mir aber noch so in Erinnerung, als w\u00e4re es erst letztes Jahr gewesen. 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