{"id":386,"date":"2010-04-27T09:25:20","date_gmt":"2010-04-27T08:25:20","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=386"},"modified":"2024-02-15T17:26:40","modified_gmt":"2024-02-15T16:26:40","slug":"schwarzes-gold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/schwarzes-gold\/","title":{"rendered":"Schwarzes Gold"},"content":{"rendered":"<p>Vor vielen Jahren, eigentlich Jahrzehnten hat Peter Alexander einen Schlager gedichtet, der Kohle besingt. Der Text klingt ein wenig altbacken, zeigt aber in der Analyse gut auf, gegen welche m\u00e4chtigen Geister wir heute k\u00e4mpfen, wenn wir etwas gegen den Wahnsinn der Verbrennung fossiler Rohstoffe unternehmen wollen:<\/p>\n<p><em>&#8222;Unter den N\u00e4geln noch Kohlenstaub<br \/>\nso kam er von der Arbeit nach Haus,<br \/>\nm\u00fcde und von all dem L\u00e4rm fast taub<br \/>\nund so ging es tagein und tagaus.<br \/>\nUnten im Berg<br \/>\nda war immer Nacht<br \/>\nund er bracht dort die Kohle raus.<br \/>\nDoch wenn man fragte<br \/>\nwarum er&#8217;s macht<br \/>\nsah er stolz und auch gl\u00fccklich aus &#8211;<br \/>\nund er sprach:<\/p>\n<p>Schwarzes Gold<br \/>\nist das Herz der Nacht<br \/>\nund solang es schl\u00e4gt<br \/>\nwird die Welt sich dreh&#8217;n<br \/>\nwird es weitergeh&#8217;n.<\/p>\n<p>Schwarzes Gold<br \/>\nist wie ein Edelstein,<br \/>\nder im Dunkel liegt,<br \/>\ndoch im Feuer gl\u00fcht<br \/>\nund die Menschen w\u00e4rmt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>So lange es schl\u00e4gt wird die Welt sich weiterdreh\u00b4n, wird es weitergeh\u00b4n &#8211; das sagt auch aus, dass im Umkehrschluss die Welt stehenbleibt, wenn keine Kohle mehr gef\u00f6rdert wird. Diese Angst sitzt vor allem der Generation, die Peter Alexander-Publikum war, scheinbar noch tief in den Knochen. Es ist wertvoll wie ein Edelstein, daher kann es nur gut sein, so viel wie m\u00f6glich davon zu f\u00f6rdern und es w\u00e4rmt die Menschen. Hier wird das archaische Bed\u00fcrfnis angesprochen, in einer Umwelt &#8222;jenseits von Afrika&#8220; sich gegen das Erfrieren sch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Diese Grundbed\u00fcrfniserf\u00fcllung darf nie in Frage gestellt werden, denn sonst m\u00fcsste man sich fragen: was machen wir au\u00dferhalb der Warmzonen dieser Erde?<br \/>\nEs zeigt aber auch, wie selbstverst\u00e4ndlich es f\u00fcr uns ist, Kohle (und \u00d6l) zu verbrennen. Feuer zu haben war \u00fcber zigtausend Jahre DIE \u00dcberlebensgarantie schlechthin und das sitzt uns tief in den Knochen. Dass Kohle und \u00d6l zu wertvoll sind, um sie zu verbrennen, dieser Gedanke kommt uns nur sehr selten: Was sollen wir denn sonst damit machen? Kohle = W\u00e4rme = \u00dcberleben. Es gilt aber auch: Kohle\/\u00d6l = Energie = Maschinen = weniger manuelle Hacke = Wohlbefinden\/Fortschritt\/Zivilisation.<\/p>\n<p>Weiter im Text:<\/p>\n<p><em>&#8222;Mit seinem M\u00e4dchen da lebte er<br \/>\nin dem Reihenhaus dort im Revier.<br \/>\nFr\u00fchmorgens ging er und kam erst sp\u00e4t.<br \/>\ndoch die N\u00e4chte geh\u00f6rten nur ihr.<br \/>\nManchmal da war ihre Sehnsucht gro\u00df<br \/>\nund sie ha\u00dfte den Alltagstrott.<br \/>\nWenn sie dann weinte,<br \/>\ndann sprach er blo\u00df: wir sind die Kinder vom Kohlenpott, ich und du.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Schnell noch eine schnulzige Liebesgeschichte hinein und fertig ist der echte Peter Alexander, adrett auf einer sauberen B\u00fchne vor versammelter Pensionistenschar, mit Frack und fesch und lieb.<br \/>\nSpannend ist das Ende der Strophe: wir sind Kinder vom Kohlenpott &#8211; das hei\u00dft nat\u00fcrlich, dass der Vater nicht der Vater ist, sondern der Kohlenpott, also die Firma, f\u00fcr die man arbeitet, eingebettet in eine gro\u00dfe Maschinerie. Wir sind Kinder der gro\u00dfen Maschine, die aus viel Eisen und Kohle und Feuer und sich rund um die Uhr drehenden Zahnr\u00e4dern besteht, ein Bild wie aus dem Film Metropolis. Wir sind aber auch Kinder (vor allem S\u00f6hne) des Patriarchen.<br \/>\nAuch hier finden wir ein interessantes Muster, das uns noch st\u00e4rker in das Patriarchat hineinf\u00fchrt, denn das Bild ist ein extrem m\u00e4nnliches, allerdings m\u00e4nnlich pervertiertes, mit gut erkennbarer Unterdr\u00fcckung des Archetyps der Gro\u00dfen Mutter (C.G. Jung, f\u00fcr Interessierte), die durch den Maschinenvater ersetzt wird. Die Frau darf sich sehnen und sie darf weinen, es wird aber schnell klar gestellt: das nutzt nix, das nutzt gar nix, der allm\u00e4chtige Maschinenvater l\u00e4sst ein schnelles Vergn\u00fcgen nur in der Nacht zu, heimlich d\u00fcrfen sich seine S\u00f6hne f\u00fcr eine kurze Zeit in die Welt der Weiblichkeit begeben, bei Sonnenaufgang m\u00fcssen sie zur\u00fcck sein in der Welt der Maschinen und der dreckigen Arbeit und des Stahls, und auch in der Welt, in der sie uneingeschr\u00e4nkt zu gehorchen haben und das tun m\u00fcssen, was der gro\u00dfe Vater (Boss) will.<\/p>\n<p>Noch eine Strophe gef\u00e4llig? Hier erst der Rest des Refrains:<\/p>\n<p>&#8222;Schwarzes Gold<br \/>\ntief im Berg versteckt<br \/>\nund wer nach dir sucht,<br \/>\nhat dich oft verflucht<br \/>\ndenn dein Preis ist hoch.<\/p>\n<p>Schwarzes Gold<br \/>\nMillionen Jahre alt<br \/>\nist so kalt wie Eis,<br \/>\ndoch es brennt so hei\u00df<br \/>\nwie der Sonnenschein.&#8220;<\/p>\n<p>Der Preis, der da so hoch ist, wird von den Kindern bezahlt, die in einer kaputten Welt leben m\u00fcssen. Hier wird auch den M\u00e4nnern in einem kurzen Moment der Erleuchtung klar, dass da irgendwas m\u00f6glicherweise falsch l\u00e4uft. Kurz taucht die Frage auf, ob man nicht doch dem falschen G\u00f6tzen nacheifert und man die Fr\u00fcchte der harten Arbeit im Bergwerk nicht vielleicht doch keineswegs selbst genie\u00dfen kann. Diejenigen, die das k\u00f6nnen, wohnen im Gr\u00fcnen und fahren gerne mit ihrem Drittporsche mal kurz vorbei.<br \/>\nDer zweite Teil des Refrains ist auch interessant, denn das schwarze Gold brennt so hei\u00df wie der Sonnenschein. Es wird noch einmal klar gestellt, dass die Erl\u00f6sung im Verbrennen liegt, dass die M\u00e4nner mit jedem Feuer eine kleine Sonne entz\u00fcnden, also immer ein klein wenig Minisch\u00f6pfung betreiben. Das Feuer hat \u00fcber Jahrhunderttausende die wilden Tiere verscheucht und Sicherheit geboten. Mittels Kohle und \u00d6l kann man dies nun selbst herstellen und beherrschen &#8211; eine Verlockung, der Mann nur schwer widerstehen kann. \u00dcbrigens: wer z\u00fcndet heute den Griller an? Alles klar?<\/p>\n<p>Jetzt der Rest:<\/p>\n<p><em>&#8222;Und jeden Morgen da zog er los<br \/>\nin die endlose Nacht unter Tag.<br \/>\nSie hat gewu\u00dft<br \/>\ndie Gefahr ist gro\u00df<br \/>\nauch wenn er mit ihr nie davon sprach.<br \/>\nUnd eines Tages stand die Zeche still<br \/>\nund er kam nicht mehr zu ihr heim.<br \/>\nSie sagte sich<br \/>\nda\u00df es Gott so will<br \/>\nund nur heimlich hat sie geweint und gedacht:<\/p>\n<p>Schwarzes Gold<br \/>\nist das Herz der Nacht<br \/>\nund solang es schl\u00e4gt<br \/>\nwird die Welt sich dreh&#8217;n<br \/>\nwird es weitergeh&#8217;n.&#8220;<\/em> (Refrain bis zum Ende)<\/p>\n<p>Welcher Gott hat das so gewollt? Letztlich der Chef seiner Firma, denn der hat ihn dort hinunter geschickt. Sonst ist daran eigentlich kein Gott beteiligt. Dieser Gott muss sehr m\u00e4nnlich sein, wenn das Weinen nur heimlich erlaubt ist, sogar den Frauen, und er muss auch sehr m\u00e4chtig sein. Auch das Denken gibt der Chef vor, denn sie denkt weiterhin, dass man sogar sein Leben f\u00fcr die Kohle opfern muss. Das ist wahre Sklaverei im Kopf!<br \/>\nZu hinterfragen ist die gesamte Ideologie, die hinter diesem Modell steht. Wie sieht das eigentlich mit uns aus, Jahrzehnte sp\u00e4ter? Opfern wir nach wie vor dem selben Gott unsere Arbeitskraft, unsere Gesundheit, unser Leben? Vielleicht in modernerer Verpackung? Gerade eben hat mir ein Freund erz\u00e4hlt, dass der sonnt\u00e4gliche Besuch bei Freunden abgesagt wurde, weil der Gastgeber unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben ist, mit 37 Jahren: &#8222;Er hat sehr viel gearbeitet&#8230;&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor vielen Jahren, eigentlich Jahrzehnten hat Peter Alexander einen Schlager gedichtet, der Kohle besingt. 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