{"id":650,"date":"2011-07-21T08:08:49","date_gmt":"2011-07-21T07:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=650"},"modified":"2011-11-02T09:04:25","modified_gmt":"2011-11-02T08:04:25","slug":"warum-uns-afrika-was-angeht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/warum-uns-afrika-was-angeht\/","title":{"rendered":"Warum uns Afrika was angeht"},"content":{"rendered":"<p>Der ORF verschweigt es beharrlich und m\u00fcllt uns stattdessen mit Habsburger-Begr\u00e4bnis zu: In Ostafrika herrscht die schlimmste D\u00fcrrekatastrophe seit 60 Jahren. Nur &#8211; was geht uns das an?<\/p>\n<p>Wer hier eine ehrliche und die Realit\u00e4t erfassende Analyse machen will, muss einiges an Komplexit\u00e4t bew\u00e4ltigen. Ich werde es versuchen und wahrscheinlich mehrere Teile ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>Im ersten Schritt gehe ich autobiographisch vor: Was ist mein eigenes Bild von Afrika?<br \/>\nEs stammt aus der Kindheit und hat mein Bild genau genommen so lange gepr\u00e4gt, bis ich selbst das erste Mal in Afrika war, und zwar mit jugendlichen 17 Jahren. Davor machte ich mir \u00fcber Afrika keine Gedanken. Ich hatte ein noch recht kindliches Bild, das war durch Kinderb\u00fccher gepr\u00e4gt war, da wir in der Schule auch nie sehr viel \u00fcber Afrika lernten. Dieses Bild sieht folgenderma\u00dfen aus:<\/p>\n<p>Afrika ist ein Kontinent, aber was genau ein Kontinent ist und wie ich ihn mir vorzustellen habe, war nicht so klar, vor allem im Volksschulalter. In Afrika leben die Neger im Urwald. Sie sind nackt bis auf ein paar Bananen, die sie um ihre H\u00fcften tragen. Sie wohnen in Negerkrals (Strohh\u00fctten) am Rande des Urwalds. Sie sind pechschwarz, haben wulstige Lippen, lustige rosa Hand- und Fu\u00dffl\u00e4chen sowie gekr\u00e4uselte Haare, in denen ein Knochen steckt. Sie hei\u00dfen Hotten-Totten, Aschanti-Neger oder sonst wie und sind wild. Sie haben hin und wieder Speere und tanzen herum. Der Urwald hinter ihnen ist hoch und dicht und es schwingen sich lustige \u00c4ffchen von Baum zu Baum.<\/p>\n<p>Man beachte: Das ist das Bild, das ein Kind Anfang der 1970er-Jahre hatte, nicht 1870 oder 1770. Dieses Bild ver\u00e4nderte sich aus mehreren Gr\u00fcnden lange Zeit nicht: Erstens weil ich mich nicht mit Afrika besch\u00e4ftigte &#8211; Amerika oder Europa, auch Asien waren spannender. Zweitens hatte ich lange Zeit keine Gelegenheit hinzufahren, obwohl mein Vater bereits seit 1975 dorthin fuhr, aber er redete nie viel dar\u00fcber und es interessierte mich und meine Geschwister auch nicht sehr. Also dauerte es bis 1984.<br \/>\nDavor war zwar schon klar, dass Afrika sehr gro\u00df ist, aus vielen verschiedenen L\u00e4ndern besteht und auch in sich sehr vielf\u00e4ltig ist. \u00c4gypten, die Sahara, die Sahelzone mit ihren verhungerten Kindern oder auch S\u00fcdafrika waren mir bekannt, aber trotzdem \u00e4nderte sich das Bild vom Urwald mit den wilden Negern nicht.<br \/>\nBis heute vermitteln die Medien durchg\u00e4ngig ein Bild eines Landes namens Afrika, nicht eines Kontinents mit ca. 54 Staaten (seit ein paar Tagen ist ja der S\u00fcdsudan ein eigener Staat).<br \/>\nDrittens gab es bei uns zu dieser Zeit noch keine Afrikaner, nicht einmal in Ausnahmef\u00e4llen. Vielleicht sah ich einmal im Jahr einen auf der Stra\u00dfe gehen. Das reichte bei weitem nicht aus, um mein Afrika-Bild zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Afrika war so unbekannt wie Atlantis. Und es hatte noch etwas mit Atlantis gemein: Es war wunderbar und geheimnisvoll. Das l\u00e4sst sich am Urwald am besten erkl\u00e4ren. Der Urwald (genauer: der tropische Regenwald Zentralafrikas, also rund um den \u00c4quator) war in meinem kindlichen Bild ein magischer Ort: unendlich gro\u00df und undurchdringlich, in diesem Sinne m\u00e4chtig, weil unerfassbar, \u00e4hnlich wie das Meer. Ein gr\u00fcner Schlund, der einen verschlingen kann. In ihm lebt eine Unzahl an Tieren in einer nicht fassbaren Menge. Der Urwald ist unendlich gro\u00df und beherbergt unendlich viele Ressourcen. <\/p>\n<p>Dieses Bild kann man ein wenig mit der psychologischen Brille betrachten und dann entdecken, dass es ein Urmutter-Bild ist. Die Ur-Mutter (als C.G. Jung\u00b4scher Archetyp w\u00e4re das die Gro\u00dfe Mutter) ist unbegreifbar, allm\u00e4chtig und geheimnisvoll &#8211; genauso wie der Urwald. Damit war er aber auch unangreifbar und unzerst\u00f6rbar, da unendlich gro\u00df.<\/p>\n<p>Bis heute ist es fast unvorstellbar, dass der tropische Regenwald in Afrika und im Amazonas gerodet werden k\u00f6nnte. Wir wissen zwar, dass die Menschheit am besten Weg dorthin ist, aber irgendwie erscheint es uns doch nicht wirklich real. Vielleicht spielt uns da das Bild der Urmutter einen Streich.  Es ist daher auch nicht notwendig, den Urwald zu sch\u00fctzen, so wie ein kleines Baby die Mutter nicht sch\u00fctzen muss, weil es das auch nicht kann.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen jedoch sehr wohl, und es handelt sich eher um eine Frage des Wollens. Aber auch die &#8222;Neger&#8220; haben unser Bild von Afrika gepr\u00e4gt. Manfred Deix hat dies in einem seiner genialsten Cartoons dargestellt: Auf dem linken Bild ein blonder junger Mann mit akkuratem Scheitel, wei\u00dfem Hemd, Anzug und Krawatte. Daneben ein Neger mit wulstigen Lippen und Knochen in den Haaren, der in der Sprechblase das Wort &#8222;Uga-Uga&#8220; von sich gibt. Darunter stand in etwa der Text: &#8222;Mit welchem von den beiden wollen Sie einen spannenden Diskussionsabend beim Dinner verbringen?&#8220;<\/p>\n<p>Deix hatte immer schon ein gutes Gesp\u00fcr, worum es eigentlich geht. Wer so ein Bild von den Schwarzafrikanern hat, der darf sich nicht wundern, wenn die eigentlichen Geschichten aus der Realit\u00e4t nicht bis \u00fcber seinen Wahrnehmungshorizont kommen. Wir leben in einer langen Historie mit einem sehr seltsamen Afrika-Bild, das sich von dem \u00fcber 200 Jahre alten Bild des eigentlich sehr gescheiten Philosophen nicht sehr stark unterscheidet:<\/p>\n<p>&#8222;Man kann sagen, da\u00df es nur in Afrika und Neuguinea wahre Neger gibt. Nicht allein die gleichsam ger\u00e4ucherte schwarze Farbe, sondern auch die schwarzen  wollichten Haare, das breite Gesicht. die platte Nase, die aufgeworfenen Lippen, machen das Merkmahl derselben aus, ingleichen plumpe und gro\u00dfe Knochen. In Asien haben diese Schwarzen weder die hohe Schw\u00e4rze, noch wollichtes Haar, es sey denn, da\u00df sie von solchen abstammen, die aus Afrika her\u00fcbergebracht worden. In Amerika ist kein Nationalschwarzer, die Gesichtsfarbe ist kupferfarbig, das Haar ist glatt; es sind aber gro\u00dfe Geschlechter, die von afrikanischen Mohrensklaven abstammen. In Afrika nennt man Mohren solche Braune, die von den Mauren abstammen. Die eigentlich Schwarzen aber sind Neger. Diese erw\u00e4hnten Mohren erstrecken sich l\u00e4ngst der barbarischen K\u00fcste bis zum Senegal. Dagegen sind von da aus bis zum Gambia die schw\u00e4rzesten Mohren, aber<br \/>\nauch die sch\u00f6nsten von der Welt, vornehmlich die Ialofs. Die Fulier sind schwarzbraun. An der Goldk\u00fcste sind sie nicht so schwarz und haben sehr dicke Wurstlippen. Die von Congo und Angola bis Cap Negro sind es etwas weniger. Die Hottentotten sind nur schwarzbraun, doch haben sie sonst eine ziemlich mohrische Gestalt &#8211; Auf der andern Seite, n\u00e4hmlich der \u00f6stlichen, sind die Caffern keine wahren Neger. Ingleichen die Abyssinier.&#8220; (Immanuel Kant, Physische Geographie, Zweyter Band, K\u00f6nigsberg. 1802)<\/p>\n<p>Bei diesem Bild darf es uns nicht wundern, wenn wir tief in uns drinnen die Afrikaner nicht als gleichwertige Menschen ansehen. Wir wissen nicht, dass sie auch bluten, wenn sie sich schneiden, weil wir haben so etwas noch nie gesehen.<br \/>\nWie schwierig ist es eigentlich, so ein Bild zu ver\u00e4ndern? Ich behaupte einmal, je fr\u00fcher in der Jugend bzw. Kindheit das Bild entsteht, desto schwieriger ist seine Ver\u00e4nderung. Das gef\u00e4hrlichste an diesen Bilder ist, dass sie unsere Wahrnehmung einf\u00e4rben und somit ver\u00e4ndern. Uns fallen bestimmte Dinge, Ph\u00e4nomene, Aussagen, Meinungen dann gar nicht auf oder sie bekommen eine g\u00e4nzlich andere Bedeutung. M\u00f6glicherweise ist es nicht einmal ausreichend, eine Zeit in Schwarzafrika zu leben. Ich kenne eine gro\u00dfe Zahl von \u00d6sterreichern, die seit vielen Jahren in Kenia leben und deren Bild der &#8222;Neger&#8220; sich nicht wesentlich ver\u00e4ndert, oft sogar ins Negative entwickelt hat. Der gr\u00f6\u00dfte Brocken dieses &#8222;Negativen&#8220; besteht darin, dass wir die &#8222;Neger&#8220; f\u00fcr d\u00fcmmer als andere Menschen halten, ihnen daher viele Dinge nicht zutrauen und sie au\u00dferdem nicht als gleichwertige Menschen oder Gesch\u00e4ftspartner ansehen. Das passiert &#8211; so meine Beobachtungen &#8211; nahezu allen Europ\u00e4ern, die l\u00e4nger in Afrika leben. Sie halten &#8211; wenn auch hinter hervorgehaltener Hand &#8211; die Afrikaner f\u00fcr dumm bzw. zumindest f\u00fcr d\u00fcmmer als sie selbst.<br \/>\nIn bestimmten Bereichen mag dies da und dort sogar stimmen, aber es stellt sich die Frage, wie es dazu kommt. Ein Schimpanse hat nicht die anatomischen Voraussetzungen um sprechen zu k\u00f6nnen. Er kann es auch nicht lernen, das ist bei ihm einfach nicht vorgesehen.<br \/>\nBei den &#8222;Negern&#8220; ist das anders. In ihren Erbanlagen ist genau das gleiche vorgesehen wie in unseren, zumindest was ihre Intellektualit\u00e4t und ihre Kulturkomplexit\u00e4t angeht.<br \/>\nDas w\u00fcrde hei\u00dfen: Dummheit in Form von Nichtwissen und Unverm\u00f6gen komplexe Zusammenh\u00e4nge zu erkennen &#8211; aufgrund von mangelnder Bildung ja. Dummheit in Form fehlender Grundvoraussetzungen: nein. Und noch etwas: Wer hier noch ein wenig weiter denken m\u00f6chte, dem darf ich hier eine weitere Definition von Dummheit anbieten: Dummheit hei\u00dft, das Wesentliche nicht leben.<br \/>\nAuch die Kulturarmut ist eine Fehlannahme. Es stimmt zwar, dass kein Afrikaner bisher eine Beethoven-Sonate komponiert hat, aber bis auf Beethoven haben das auch bei uns nicht viele getan.<br \/>\nEs geht aber um etwas anderes: Wir glauben fest daran, dass wir die reichere, komplexere, modernere und letztlich bessere Kultur haben. Daher ist es notwenig und moralisch sogar w\u00fcnschenswert, den Afrikanern unser &#8211; besseres &#8211; System zu geben. Wenn sie es nicht wollen, dann bezeichnen wir das einfach als Dummheit, Primitivit\u00e4t und Unwissen und sehen gn\u00e4dig dar\u00fcber hinweg, anstatt uns mit ihnen und ihrer Kultur und ihrem Denken zu besch\u00e4ftigen. Und wir zwingen ihnen unser System trotzdem auf, denn wir nehmen ja an, dass es das bessere ist und somit auch der Feind des guten. Wir nehmen ihnen die Rohstoffe weg und reden uns hinaus, dass sie damit ohnehin nicht viel anfangen k\u00f6nnten und wir ihnen besser die komplexen, aus ihren Materialien gefertigten Werkst\u00fccke bringen sollten.<br \/>\nDas funktionierte in der urspr\u00fcnglichen Kolonialzeit gut, um Ausreden war man nie verlegen wenn es darum ging, ein Gebiet zu erobern. <\/p>\n<p>to be continued<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ORF verschweigt es beharrlich und m\u00fcllt uns stattdessen mit Habsburger-Begr\u00e4bnis zu: In Ostafrika herrscht die schlimmste D\u00fcrrekatastrophe seit 60 Jahren. Nur &#8211; was geht uns das an? 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