{"id":665,"date":"2011-08-07T19:58:55","date_gmt":"2011-08-07T18:58:55","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=665"},"modified":"2017-07-15T13:05:16","modified_gmt":"2017-07-15T12:05:16","slug":"das-dilemma-der-rating-agenturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/das-dilemma-der-rating-agenturen\/","title":{"rendered":"Das Dilemma der Rating-Agenturen"},"content":{"rendered":"<p>Sie sind im Gespr\u00e4ch, derzeit mehr als je zuvor. Die meisten Menschen inklusive meiner Wenigkeit sch\u00fcttelten schon bei der 2008er-Finanzkrise den Kopf und fragten sich, wieso diese Firmen erstens so viel Macht haben und zweitens so ungeschoren davon kommen.<br \/>\nJetzt ist es wieder so weit. Die Ratingagentur Standard&#038;Poors hat die USA von AAA auf AA+ zur\u00fcckgestuft. Ganz abgesehen davon, dass das den kleinen B\u00fcrger vorerst nicht interessiert, hat das doch etwas zu bedeuten.<\/p>\n<p>Wieso d\u00fcrfen Rating-Agenturen eigentlich Staaten bewerten? Hier liegt meiner Ansicht nach der erste Fehler im System. Ganz abgesehen davon, dass ich auf ihre sonstigen Bewertungen genau gar nichts gebe, etwa weil sie seinerzeit Lehman Brothers in den Olymp gehoben haben und die waren kurz danach einfach pleite, sollten die Agenturen nur Firmen bewerten, und nicht Staaten. Ich glaube n\u00e4mlich, dass sie das nicht k\u00f6nnen. Erstens weil sie es &#8211; auf wienerisch gesagt &#8211; nicht derheben, zweitens weil Staaten nach anderen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten funktionieren als Firmen. Sie k\u00f6nnen nicht pleite gehen, weil sie kein betriebswirtschaftliches Unternehmen sind. Daher macht es auch keinen Sinn, sie im gleichen Schema wie einen Autohersteller oder eine Softwarefirma zu bewerten. <\/p>\n<p>Drittens sind die Rating-Agenturen selbst politisch interessiert und zwar mindestens wirtschaftspolitisch. Sie geh\u00f6ren jemandem und derjenige, der Eigent\u00fcmer der Rating-Agentur, hat ganz bestimmte Eigeninteressen. Die Ratings richten sich daher nach den Interessen des Eigent\u00fcmers, das sollte jedem klar sein. Diese Interessen sind in erster Linie pekuni\u00e4rer Natur, sprich: der Eigent\u00fcmer will m\u00f6glichst schnell m\u00f6glichst viel Geld verdienen. Genau genommen hat er sonst keine weiteren Interessen. Eine Rating-Agentur ist eine betriebswirtschaftlich gef\u00fchrte Firma mit dem Ziel, Profit zu machen. Daher tun sie genau das, was ihre Geldgeber wollen.<br \/>\nSie bewerten etwa die Firmen, denen sie geh\u00f6ren und von denen sie bezahlt werden. Nat\u00fcrlich bewerten sie diese gut, denn sonst bekommen sie vom Eigent\u00fcmer eine aufs Dach. Das ist mehr als logisch.<\/p>\n<p>Leider oder Gott sei Dank &#8211; je nachdem, von welcher Seite aus man es betrachtet &#8211; leben die Rating-Agenturen auch davon, dass sich jemand f\u00fcr ihre Ratings interessiert, mit anderen Worten: Andere Firmen (Investmentbanken etwa) richten ihre Entscheidungen nach den Ergebnissen der Ratings. Das ist viel praktischer, als sich selbst um die Anlagen zu k\u00fcmmern: man kauft, was von der Agentur f\u00fcr gut befunden wird, und verkauft, was herabgestuft wird. Das geht einfach und schnell und man muss sich nicht viel antun. Dass dies so ist, hat man etwa an der Lehman-Pleite gesehen, die niemandem aufgefallen ist, bevor es zu sp\u00e4t war. Milliarden versenkt? Das hat niemand bemerkt, weil man gebannt auf die Ratings geschaut hat &#8211; und die waren ja hervorragend, also wozu noch nachfragen, st\u00f6bern, Geld und Zeit investieren?<\/p>\n<p>Nun kommen die Agenturen in ein Dilemma. Wenn sie n\u00e4mlich wirklich objektiv bewerten w\u00fcrden (ganz abgesehen davon, dass man bezweifeln kann, ob sie das \u00fcberhaupt beherrschen, die richtigen Werkzeuge daf\u00fcr haben, bisher mussten sie das ja nicht), dann h\u00e4tten ihre Eigent\u00fcmer ein Interessenproblem. Wenn sie es nicht tun, haben sie ein Akzeptanzproblem.<\/p>\n<p>Bisher konnten sie dieses Dilemma elegant umschiffen, indem sie vor der gl\u00fccklichen Lage standen, dass ihnen die relevanten Kunden blind geglaubt haben, ganz egal wie viel Mist sie verzapft haben. Damit konnten sie den Widerspruch bew\u00e4ltigen. Bisher hat niemand von ihnen verlangt, dass sie sauber bewerten. <\/p>\n<p>Warum glauben die Leute eigentlich dem, was die Rating-Agenturen so von sich geben? Der erste Grund ist oben schon angef\u00fchrt, das ist die Bequemlichkeit. Man erspart sich eigene Recherche und damit Arbeit und Geld. Der zweite Grund ist schon etwas diffiziler: Menschen glauben gerne an etwas. Das ist beruhigend und angenehm und man kann damit Verantwortung abw\u00e4lzen. Man glaubt gerne, dass die gro\u00dfen, reichen und m\u00e4chtigen Agenturen mit ihren Glaspal\u00e4sten sehr genau wissen, was sie tun. Man glaubt gerne, dass sie die tollen komplexen und nat\u00fcrlich streng geheimen Computerprogramme haben, die ihnen sagen, wie es wirklich ist. Man glaubt gerne, dass die smarten, feschen Herren in ihren teuren Anz\u00fcgen Fachleute sind, redlich und ehrlich. Man glaubt gerne, dass sie unabh\u00e4ngig und objektiv bewerten und dass diese Bewertungen daher das ausdr\u00fccken bzw. sind, was wir alle wollen: die Wahrheit.<\/p>\n<p>Noch ein weiterer Aspekt spielt hinein: die gro\u00dfen vier Agenturen haben quasi ein Oligopol, denn au\u00dfer ihnen bewertet niemand oder zumindest niemand, dem man glaubt. Diese Position haben sie sich \u00fcber die Jahre erarbeitet und daf\u00fcr entsprechendes Lobbying betrieben. Was w\u00e4re, wenn es staatliche Rating-Agenturen g\u00e4be, mit denen sie konkurrieren m\u00fcssten? Sie h\u00e4tten vielleicht mehr Geld, aber sicher weniger Akzeptanz, weil sie keinerlei Unabh\u00e4ngigkeit vorweisen k\u00f6nnen. Daher haben sie daf\u00fcr gesorgt, dass es keine staatlichen Agenturen gibt. Braucht noch irgendwer einen zus\u00e4tzlichen Beweis f\u00fcr Macht? <\/p>\n<p>Wer also irgendwelche Zahlen braucht, um vor seinem Chef das Investment rechtfertigen zu k\u00f6nnen, greift gerne bei den Rating-Agenturen zu, und zwar ganz egal, was sie liefern. <\/p>\n<p>Nun fangen sie jedoch an, mit ihrem Image zu k\u00e4mpfen. Je mehr Mist sie bauen und je klarer ihre Abh\u00e4ngigkeit und Parteilichkeit wird, desto mehr sinkt ihr Stern. Dadurch geraten sie in ein neuerliches Dilemma:<br \/>\nWenn wir so weiter tun, gibt es uns vielleicht bald nicht mehr, weil keiner mehr unseren Ratings glaubt und daher auch nichts bezahlt.<br \/>\nWenn wir nicht so weiter tun, gibt es uns vielleicht bald nicht mehr, weil dann kann man gleich staatliche (oder auch eine europ\u00e4ische&#8230;) Agenturen gr\u00fcnden und beauftragen.<\/p>\n<p>Damit nicht genug, er\u00f6ffnet sich ein weiteres Dilemma:<br \/>\nWenn wir zugeben, dass wir uns f\u00fcr die Ratings bezahlen lassen (wie m\u00f6glicherweise bei Lehman Brothers), verlieren wir an Glaubw\u00fcrdigkeit.<br \/>\nWenn wir es nicht zugeben, dann waren wir scheinbar zu unf\u00e4hig und verlieren an Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p>Die haben es nicht leicht, die Rating-Agenturen. Mein Mitleid h\u00e4lt sich trotzdem in Grenzen, und ich bin daf\u00fcr sie aufzul\u00f6sen und durch staatliche Agenturen zu ersetzen, die den Job unabh\u00e4ngig machen k\u00f6nnen. Ich k\u00f6nnte mir auch vorstellen, dass die genauso viel Kompetenz haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie sind im Gespr\u00e4ch, derzeit mehr als je zuvor. Die meisten Menschen inklusive meiner Wenigkeit sch\u00fcttelten schon bei der 2008er-Finanzkrise den Kopf und fragten sich, wieso diese Firmen erstens so viel Macht haben und zweitens so ungeschoren davon kommen. Jetzt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-665","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analytisches"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=665"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2273,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665\/revisions\/2273"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}