{"id":676,"date":"2011-08-20T07:15:41","date_gmt":"2011-08-20T06:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=676"},"modified":"2011-08-22T09:38:44","modified_gmt":"2011-08-22T08:38:44","slug":"wenn-einer-eine-reise-tut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wenn-einer-eine-reise-tut\/","title":{"rendered":"Wenn einer eine Reise tut&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;dann kann er was erleben. Dieser Spruch ist zugegeben erstens nicht gegendert, zweitens nicht neu, drittens nicht von mir und viertens verwende sogar ich ihn nicht das erste Mal. Und? Wurscht! Besser ich fange gleich an:<\/p>\n<p>Es sind die folgenschweren Entscheidungen, die unser Leben pr\u00e4gen. Und den Urlaub. Eine davon war die Entscheidung, statt \u00fcber Zagreb besser \u00fcber Ljubljana und Rijeka zu fahren. Unser Ziel war \u00fcbrigens ein kleiner Ort auf der Vokalkaiserinsel Krk. Der Grund war pure Nostalgie. Und Hunger. Wir wollten die sensationellen Krapfen am Trojane-Pass besuchen und au\u00dferdem durch Knezak fahren.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die beides nicht kennen, folgt hier eine kurze Erkl\u00e4rung. Ich war das letzte Mal Sommer 1996 in Kroatien und hatte es als sch\u00f6nes Land mit tollen Tauchm\u00f6glichkeiten in Erinnerung.<br \/>\nDie Anreise dorthin war immer schon ein wenig abenteuerlich. Wenn man die 1980er Jahre au\u00dfer acht l\u00e4sst, als die S\u00fcdautobahn noch hinter Seebenstein zu enden pflegte und man bis Jugoslawien oder gar Griechenland auf der Autoput 17 Schutzengeln brauchte, dann begann mein Abenteuer im Sommer 1993 mit den neuen Staaten Slowenien und Kroatien und ihren Besonderheiten.<br \/>\nUm nach Istrien zu kommen, fuhr man \u00fcber Graz bis Spielfeld und dann noch bis Maribor auf der Autobahn. Danach begann und beginnt bis heute der Balkan. Erst kurz nach Laibach gab es dann wieder Autobahn, und die ging nur bis Postojna.<br \/>\nVor Laibach jedoch galt es den Trojane-Pass zu \u00fcberwinden. Das war und ist jetzt nicht der Gro\u00dfglockner, aber es handelte sich um eine Landstra\u00dfe, auf der der gesamte Verkehr dahinrollte. Viel Verkehr, viele Kurven und wenige \u00dcberholm\u00f6glichkeiten. Am besten fuhr man diese Strecke in der Nacht, denn da konnte man die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos sehen.<br \/>\nWer die Passh\u00f6he erklommen hatte, konnte bei einer Art fr\u00fcher Evolutionsstufe einer Autobahnrastst\u00e4tte Station machen und dort gab und gibt es die legend\u00e4ren &#8222;Trojanski Krofi&#8220;. Das sind XXL-Krapfen mit Marillenmarmelade oder Schokolade. Sie sind superfrisch und etwa doppelt so gro\u00df wie unsere Krapfen. Sie sehen sonst ganz normal aus, schmecken hervorragend, sind immer ganz frisch gemacht und um 1,20 Euro wohlfeil. Wer sechs St\u00fcck nimmt und einen Karton bezahlt, bekommt einen siebenten Krapfen gratis dazu.<br \/>\nAls Plus gibt es noch eine sensationell schnelle Bedienung und ein sauberes H\u00e4usl gratis.<\/p>\n<p>Gut gest\u00e4rkt ging es weiter und bei Postojna runter von der Autobahn, die von dort weiter nach Koper f\u00fchrt.<br \/>\nNur wenige Minuten sp\u00e4ter im kleinen Ort Pivka gibt es eine scharfe Rechtskurve, bei der man als Auskenner geradeaus weiter f\u00e4hrt, Richtung Knezak.<br \/>\nIch wei\u00df nicht genau warum, aber diese Strecke w\u00e4hlten wir schon 1993 bei unserer ersten Fahrt und sie blieb mir in dauerhafter Erinnerung. Man f\u00e4hrt damit einen Abschneider, der sowohl Zeit als auch Kilometer spart. Aber das allein ist es nicht, was die Faszination dieser Strecke ausmacht. Es ist die Gegend, der Karst. Ihn sieht und erlebt man auf der normalen Strecke nicht, dazu muss man ausscheren, den kleinen, verwinkelten Weg nehmen, sich eine Auszeit vom Touristenstrom nehmen.<br \/>\nDer Karst ist eine faszinierende Landschaft. Er ist h\u00fcgelig und trocken, mit Wiesen und kleinen W\u00e4ldchen und Buschland und Steinen. Der Karst ist nicht sehr fruchtbar und will erarbeitet werden, was \u00fcbrigens auch f\u00fcr die Stra\u00dfe gilt. Sie ist genauso eigenwillig wie die Landschaft und f\u00fcgt sich gut in sie ein. Es gibt auf dieser Strecke, die man in gut zwanzig Minuten durchfahren hat, keine einzige nennenswerte Gerade. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Kurven, die st\u00e4ndig leicht bergauf und bergab f\u00fchren, un\u00fcbersichtlich sind und daher das \u00dcberholen nicht erlauben.<br \/>\nVom Karst braucht man quasi f\u00fcr alles eine Erlaubnis, er ist eine Art stiller Herrscher, dem man sich unterzuordnen hat. Wasser ist nicht im klassischen Sinne rar, sondern in sich ein Mysterium. Es gibt im Karst Seen, die alle paar Jahre verschwinden, binnen weniger Stunden. Und dann gibt es sie einfach nicht mehr. Und nach einiger Zeit kommen sie wieder, niemand wei\u00df genau warum. Der Karst ist eigenwillig, er ist quasi der Esel unter den Landschaften. Wenn er nicht will, dann geht gar nichts. Er zwingt sogar die Autofahrer, sich seinem Rhythmus zu unterwerfen. Aber das tut man gerne, denn der Karst belohnt auch. Er tut das nicht reichlich und somit sind die Belohnungen auch mehr wert.<br \/>\nDie Menschen, die dort leben, haben sich dem Karst angepasst. Klassische Profitgeier, die der Landschaft das Letzte herauspressen wollen, gibt es dort nicht, denn der Karst w\u00fcrde sie schnell vertreiben. Nicht weil er nichts zu bieten hat, sondern weil er sich den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Menschen widersetzt. Er ist nicht planbar, eben eigenwillig.<br \/>\nSo wirkt diese Landschaft mystisch, ein bisschen geheimnisvoll, sehr konkret und doch bewegt man sich auf der Stra\u00dfe wie ein tanzendes Irrlicht, vor allem in der Nacht oder in der D\u00e4mmerung, wenn der Karst links und rechts nur zu erahnen ist. Wie rasende Derwische preschten wir durch den Karst, die wilde Jagd, Kosaken gewisserma\u00dfen, oder besser: Knezaken!<br \/>\nKurz vor Knezak gibt es eine Kurve, hinter der ein Friedhof liegt plus eine kleine Kirche. Rundherum ist eigentlich nichts, und der Friedhof selbst ist von einer Mauer umz\u00e4unt. Die Autofahrer, die diese Kurve nicht packen, kann man gleich direkt \u00fcber die Mauer werfen, an der sie kleben. Man ist im Karst, da ist alles anders.<br \/>\nDer Ort Knezak ist f\u00fcr sich unspektakul\u00e4r, wirkt ein wenig verfallen, ruhig und nat\u00fcrlich ist die Stra\u00dfe durch den Ort ebenfalls kurvig. Im Karst wei\u00df man irgendwie nie, was einen hinter der n\u00e4chsten Ecke erwartet. Knezak liegt in der Mitte und ist eigentlich nur deswegen interessant, weil dorthin die Wegweise f\u00fchren. Es wirkt, als h\u00e4tte es keine Vergangenheit und keine Zukunft.<br \/>\nIrgendjemand, der damals schon ortskundig war, hat uns den Abschneider \u00fcber Knezak gezeigt, wahrscheinlich Hannes Hantl.<br \/>\nImmer wieder raunten wir uns an langen Abenden, wenn die Kroatien-Geschichten ausgepackt wurden, den Namen &#8222;Knezak&#8220; zu. Es hat etwas Wissendes, Verschw\u00f6rerisches &#8211; wer \u00fcber Knezak fuhr, der war irgendwie dabei.<br \/>\nWir sind auch einmal nicht \u00fcber Knezak gefahren, aber das war irgendwie billig, fad sowieso und wir haben das auch nie wieder getan. Einmal Knezak &#8211; immer Knezak! Wir hatten zwar nie vor, uns &#8222;Knezakianer&#8220; zu nennen oder Aufkleber auf unseren Autos anzubringen, aber irgendwie war trotzdem immer klar: Knezak rules!<br \/>\nWir sind \u00fcbrigens nie in Knezak stehen geblieben.<\/p>\n<p>Wenn man nach einigen Serpentinen wieder hinunter in das gew\u00f6hnliche Land kommt, trifft man auf die Hauptstra\u00dfe und findet sich im Ort Illica Bistrica. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur kroatischen Grenze und wir fanden uns auf einmal mitten im Ort in einer Autoschlange wieder. Ich \u00fcberlegte, ob hinter der n\u00e4chsten Kurve eine Ampel w\u00e4re, konnte mich aber an keine erinnern. Da uns der Gegenverkehr immer schubweise entgegen kam, vermuteten wir bald eine Baustelle, die demn\u00e4chst auftauchen w\u00fcrde, so mit Ampel und blockweiser Abfertigung. Wir wussten ja, dass es bis zur Grenze noch etwa zehn Kilometer waren und das daher nicht der R\u00fcckstau von dort sein konnte.<br \/>\nBl\u00f6derweise war auch hinter der n\u00e4chsten Kurve keine Baustelle und auch nicht hinter der \u00fcbern\u00e4chsten. Wir standen nur herum, es war sauhei\u00df, vor uns Piefke, hinter uns Italiener, was man sich so eigentlich nicht w\u00fcnscht. Manchmal ging es 100 oder auch 300 Meter vorw\u00e4rts, dann wieder Stillstand.<br \/>\nPeter erwog, Blumen pfl\u00fccken zu gehen, Mario fand eine Kinder-DVD f\u00fcr sein Navi, das \u00fcbrigens alle europ\u00e4ischen L\u00e4nder eingespeichert hat au\u00dfer Slowenien und Kroatien. Eine Ausweichstrecke zu w\u00e4hlen, war also nicht m\u00f6glich, ganz abgesehen davon, dass wir ja hofften, dass jeweils hinter der n\u00e4chsten Kurve der Stau zu Ende w\u00e4re, zu Ende sein m\u00fcsste.<br \/>\nIrgendwann d\u00e4mmerte uns, dass es sich tats\u00e4chlich um den Grenzr\u00fcckstau handeln musste und es wurde klar, dass wir einen Samstag gew\u00e4hlt hatten, an dem in Deutschland und Italien Ferien begannen bzw. endeten. Zehn Kilometer Schritttempo. Besonders weh tun die Motorradfahrer, die locker nach vor fahren. Aber das geht nicht mit Tauchgep\u00e4ck, leider.<br \/>\nIrgendwann nach gef\u00fchlten \u00c4onen erreichten wir den Grenz\u00fcbergang. Mario beschleunigte z\u00fcgig in unsere neue kroatische Freiheit, die neu gebaute Autobahn wirkte befl\u00fcgelnd, das Meer war in Sicht, die Erl\u00f6sung war da.<\/p>\n<p>Bis zur n\u00e4chsten Kurve. Dann waren wir im Stau vor der Mautstelle, dreispurig, mit Piefke und Italienern. Es war zum verzweifeln. Die Zeit verging nicht und nicht, aber irgendwann war auch das geschafft. Mario beschleunigte noch z\u00fcgiger Richtung Stadtautobahn Rijeka und meinte scherzend, wir k\u00f6nnten ja in Opatja abfahren und dann die K\u00fcstenstra\u00dfe w\u00e4hlen (&#8222;so wie fr\u00fcher&#8220;). Die K\u00fcstenstra\u00dfe! Was f\u00fcr eine Schnapsidee, dort kriecht man dann hinter ein paar Urlaubern her, die gerade vom Sonnenbaden kommen.<br \/>\nDa bleiben wir nat\u00fcrlich auf der Autobahn. Die Stadtautobahn von Rijeka ist quasi deren S\u00fcdost-Tangente. Leider ist sie auch so verstaut wie die S\u00fcdost-Tangente, und wir standen schon wieder. Diesmal war das ein richtig fetter Stau mit viel Piefke und Italienern plus einer Menge genervter Einheimischer. Vor uns ein riesiges Wohnmobil, neben uns ein riesiges Wohnmobil, hinter uns ein riesiges Wohnmobil. Unser Ziel r\u00fcckte in weite Ferne.<br \/>\nDann forderte ich abzufahren. Es war gerade eine Abfahrt da und ich wollte einfach nicht mehr im Stau stehen. Besser schlecht gefahren als gut gestanden. Peter drohte mir mit Steinigung (&#8222;mindestens&#8220;), falls uns die Abfahrt in einer Schleife wieder hinten zum Ende des Staus f\u00fchren w\u00fcrde. Ich akzeptierte das. <\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise erreichen wir so tats\u00e4chlich die K\u00fcstenstra\u00dfe und nach einiger Zeit die Br\u00fccke nach Krk. Nach acht Stunden Fahrt (normal: f\u00fcnf bis f\u00fcnfeinhalb) war das Martyrium zu Ende. Glaubten wir.<br \/>\nDa wir von faszinierender Schlauheit reich beschenkt waren, hatten wir sowohl ein Tauchpaket als auch ein tolles Apartement reserviert, beides bei Silvia, der Assistentin der lokalen Tauchschule mit dem ausgefallenen Namen &#8222;Divesport&#8220;. Der Ort hei\u00dft Kornic und ist eine Art Feriensiedlung mit Strand. Dort befindet sich auch die Basis, gleich neben einem Restaurant.<br \/>\nDer neue Kreuzweg begann f\u00fcr uns, als wir zu unserem Apartment fuhren. Die nette Dame von der Tauchbasis schickte uns zu einer netten Dame der Agentur, die nicht da war, sondern nur ihr Assistent (auch nett) und der wiederum schickte uns zu der netten Dame, die unsere Zimmerwirtin war. Gebucht hatten wir ein Apartement mit Wohnzimmer (plus einem Zusatzbett) und zwei Schlafzimmern. Bekommen haben wir ein Apartment mit Wohnzimmer plus Zusatzbett und einem Schlafzimmer.<br \/>\nEin anderes h\u00e4tte sie nicht, meinte die nette Dame, und es w\u00e4re Hauptsaison und alles \u00fcbervoll belegt. <\/p>\n<p>Also zur\u00fcck zur Tauchbasis, denn die letzte der netten Damen hatte keine Ahnung von unseren Buchungen und war somit nicht zust\u00e4ndig. Zur\u00fcck zum Start, wie beim Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht, nach acht Stunden Autofahrt.<br \/>\n&#8222;Ui, das kann jetzt dauern&#8220; meinte Silvia von der Tauchbasis. So war es auch, aber irgendwann hatten wir zwar kein neues Apartment, aber immerhin ein zus\u00e4tzliches Zimmer.<br \/>\nLeider war dieses Zimmer einige wenige Autominuten und einige viele Gehminuten vom Apartment entfernt und selbst nur eine Notkammer, welche die nette Dame von der Agentur irgendwie in einem privaten Ferienhaus organisiert hatte. Dort wohnte eine sehr nette Familie aus Zagreb, die so wie die meisten hier auch Zimmer vermietet. Der Raum war winzig, aber viel mehr als ein Bett brauchte ich ja auch nicht, ich war schlie\u00dflich zum Tauchen da und nicht zum Schlafen. Das Zimmer lag im zweiten Stock, ganz im Gegensatz zum Badeklo, das im Erdgescho\u00df lag, echt winzig und vor allem sensationell verbaut war. Irgendwie hatte man den Abfluss zum Kanal falsch berechnet und so befand sich die Klomuschel direkt neben der Wand. Da das gesamte Bad unter der Treppe eingebaut war, war die Decke schr\u00e4g und ich darf voller Stolz mitteilen, dass ich jetzt die Technik des Beine-\u00fcberkreuz-Schei\u00dfens perfekt beherrsche. Mit nur vier Tagen \u00dcbung! Wer wei\u00df, wof\u00fcr ich das in Zukunft brauchen kann.<\/p>\n<p>Ich hatte ein so kleines Bad schon einmal gesehen, und zwar in einem U-Boot-Film aus dem Weltkrieg. Aus dem ersten Weltkrieg, genauer gesagt. <\/p>\n<p>Ich bleibe noch kurz beim Tauchen. Das ist im Norden Kroatiens immer so lala. Es gibt ein paar nette Wracks (Lina, Peltastis, Baron Gautsch&#8230;), von denen wir diesmal wegen Reichweitemangel nur die Peltastis erreichen konnten (Autofahrt quer \u00fcber Krk). F\u00fcr alle anderen und noch weitere gute Pl\u00e4tze war das Boot einfach nicht schnell genug. Die Tauchbasis besitzt zwar ein Speedboot, mit dem kann aber nur eine Handvoll TaucherInnen fahren und somit ist es auch eher witzlos. Die von der Basis gecharterten Boote sind alte K\u00e4hne mit schwachen Motoren und fahren vielleicht 5-10 km\/h. Von Krk direkt hin\u00fcber nach Cr\u00e8s zu einer Steilwand braucht man 1,5 Stunden. Eine Steilwand ist nett, aber kennst du eine, kennst du alle.<br \/>\nZus\u00e4tzlich waren wir in der Hochsaison dort und die Boote waren notorisch \u00fcberladen. Schattensitzpl\u00e4tze gab es etwa f\u00fcnf f\u00fcr insgesamt 25 Personen, entsprechend wenig Platz gab es auch zum Umziehen.<br \/>\nDaf\u00fcr hatten wir sehr gutes Wetter und k\u00f6nnen die Summe der f\u00fcnf Tage positiv bilanzieren.<br \/>\nEnorm viel zu dieser Bilanz tr\u00e4gt das Abendessen bei, das wir an vier von f\u00fcnf Tagen im &#8222;Saloon&#8220; zu uns nahmen. Das Lokal im Ort Baska w\u00fcrde einem gar nicht auffallen, aber darum geht es auch nicht.<br \/>\nWer am Abend vor dem Saloon vorbei f\u00e4hrt, der sieht eine Menschentraube drau\u00dfen stehen. Das schreckt ab, aber es ist auch ein Zeichen daf\u00fcr, dass es da drinnen offensichtlich etwas gibt, das das Warten lohnt.<\/p>\n<p>Wir waren erst am zweiten Abend dort, etwas fr\u00fcher und somit erlebten wir etwas ganz Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Ein wirklich kr\u00e4ftiger Herr so um die 50 kommt auf uns zu und wei\u00df aus irgend einem Grund, dass wir Deutsch sprechen. Er ruft mit lauter Stimme &#8222;Drei Personen?&#8220;, wir nicken kurz und er f\u00fchrt uns sofort zu einem Tisch. Wir scheinen Gl\u00fcck zu haben, denn das ganze Lokal ist voll. Nach einiger Zeit und durch Beobachtung des Wirts und des Treibens er\u00f6ffnet sich ein fast magischer Mechanismus. Obwohl nichts frei zu sein scheint, weist der Chef keinen Gast ab. Und es kommen st\u00e4ndig G\u00e4ste. Es gibt noch 2-3 leere, weil reservierte Tische, aber alle anderen sind voll. Und trotzdem bekommen st\u00e4ndig G\u00e4ste einen Tisch. Wie er das genau macht, habe ich nicht herausfinden k\u00f6nnen. Es ist aber klar, dass er jeden Tisch pro Abend mehrfach besetzt. Die G\u00e4ste haben sich daran gew\u00f6hnt, nicht stundenlang sitzen zu bleiben. Es gibt aber kein Dr\u00e4ngen, man kann bleiben so lange man will, der Wirt w\u00fcrde niemals auch nur einen schr\u00e4gen Blick auf G\u00e4ste werfen, die nach einem guten Essen noch l\u00e4nger da bleiben. Das ist wie in guten Wiener Kaffeeh\u00e4usern.<br \/>\nDas allein war schon faszinierend, aber bei weitem noch nicht alles.<\/p>\n<p>Die treibende Kraft ist der Wirt. Er rennt die ganze Zeit herum, hat auf Wienerisch gesagt eine &#8222;Wampn&#8220; und wirkt, als w\u00fcrde es ihn jede Minute mit Herzinfarkt oder Schlaganfall umwerfen. Vielleicht ist das auch irgendwann einmal so, aber bis dorthin ist er Wirt mit Leib und Seele. Er hat Spa\u00df daran den Menschen einen Platz in seinem Lokal zu verschaffen, sich dann st\u00e4ndig und gut um sie zu k\u00fcmmern und dazu noch den ganzen Betrieb zu organisieren. Er ist freundlich zu den G\u00e4sten und sehr bestimmt zu seinen Angestellten. Die wiederum arbeiten wie verr\u00fcckt, das ist sicher einer der anstrengendsten Jobs auf ganz Krk. Wahrscheinlich auch einer der bestbezahlten.<br \/>\nDer Wirt spricht mehrere Sprachen, zumindest Kroatisch (und damit auch Bosnisch, Serbisch, Slowenisch, Russisch etc.), Deutsch, Italienisch und Englisch. Wahrscheinlich noch ein paar mehr.<br \/>\nWenn es ihn einmal umprackt, dann wei\u00df er genau, wof\u00fcr er gelebt hat. Der Beruf Wirt ist seine Berufung. Ich habe selten jemand getroffen, bei dem dies mehr zutrifft. Er wei\u00df wof\u00fcr er da ist und wie man den Laden schupft. Sollten alle anderen Lokale aufgrund eines massiven Einbruchs des Tourismusgesch\u00e4fts pleite gehen, der Saloon wird bestehen. So lange es den Wirt gibt, denn ich habe auch noch selten ein Lokal gesehen, bei dem so viel von der Person und dem Engagement des Wirts abh\u00e4ngt.<br \/>\nEr ist so und er kann gar nicht anders.<\/p>\n<p>Wer auch nur kurze Zeit warten muss, bekommt auf der Stelle einen Begr\u00fc\u00dfungsschnaps. Und die Damen einen Lik\u00f6r. Und die Kinder einen Schlecker. Seine Schleckergrenze liegt \u00fcbrigens bei 17 Jahren, alle dar\u00fcber bekommen einen Schnaps. Das f\u00fchrt zu lustigen Begebenheiten, denn es kam etwa eine bundesdeutsche Familie vom Typ &#8222;Wohnmobil aus Wuppertal&#8220; und musste kurz vor dem Lokal warten. Der Wirt fragte die beiden baumlangen S\u00f6hne, wie alt sie w\u00e4ren. Der eine knapp 17 und der andere ein Jahr j\u00fcnger. Dann bekamen die beiden feierlich je einen Schlecker und den sozialen Tod gleich mitgeliefert. Aber so ist er, der Wirt.<br \/>\nEr hat auch ein unglaubliches Ged\u00e4chtnis, denn er merkt sich, wer am Vorabend da war und zu wievielt man war. Wir hatten st\u00e4ndig den Eindruck, privilegiert zu sein, sozusagen ganz besonders willkommene G\u00e4ste. Vor allem am zweiten Abend, als ich durch die fette Traube durchmarschierte, seinen Blick aufnahm und ihm &#8222;drei&#8220; zurief, mit drei erhobenen Fingern als Verst\u00e4rkung. Keine zehn Sekunden sp\u00e4ter sa\u00df ich an einem Zweiertisch mit Zusatzsessel. H\u00e4tte ich &#8222;f\u00fcnf&#8220; gesagt, w\u00e4re uns eine lange Wartezeit und eine Menge Schnaps bevorgestanden.<br \/>\nDer Wirt tr\u00e4gt n\u00e4mlich st\u00e4ndig Schnaps vor das Lokal, das man sich als komplett offen vorstellen darf. Die Tische stehen direkt neben dem Gehsteig, nur durch ein h\u00fcfthohes M\u00e4uerchen getrennt, auf dem die leeren Schnapsgl\u00e4ser abgestellt werden.<\/p>\n<p>Der Wirt schafft es, dass mehr Leute hinein als hinauswandern. &#8222;Wait here to be seated&#8220; ist bei ihm in Perfektion umgesetzt. Und die Leute kommen wieder. Am dritten Tag sa\u00df pl\u00f6tzlich das junge Paar neben uns, das am Vorabend auch neben uns sa\u00df. Und dann kamen noch die beiden Italiener, die auch gestern neben dem Paar sa\u00dfen und fanden auch wieder exakt den gleichen Platz daneben. Wir begr\u00fc\u00dften uns wie alte Freunde und freuten uns kurz, bevor wir reinhauten. Wer dorthin kommt, wird automatisch Teil einer Community. Bei uns g\u00e4be es schon l\u00e4ngst eine Facebook-Gruppe, dort gibt es das reale Leben.<br \/>\nWer dorthin essen geht, der kommt wieder. Da hat nicht nur mit dem Wirt und dem blitzschnellen, freundlichen und perfekt organisierten Service zu tun, sondern auch mit dem fantastischen Essen. Ich habe in Kroatien noch nie so gut gegessen. Das betrifft mehrere Bereiche:<br \/>\n1.) Qualit\u00e4t. Alles was wir a\u00dfen, war hervorragend. Von Scampi Buzzara bis zum Risotto, vom Drachenkopffilet bis zu den gegrillten Kalamari, von den Pljeskavica bis zum Salat. Die unglaublich gro\u00dfen Pizze haben wir nicht ausprobiert, aber wir vermuten, dass sie ebenfalls exzellent sind.<br \/>\n2.) Quantit\u00e4t. Jede Portion ist mehr als ausreichend. Wir a\u00dfen danach stets noch eine Portion Palatschinken, die wir uns aber teilen mussten. Mehr ging nicht mehr rein.<br \/>\n3.) Preis. Wir hauten rein, als ob es kein Morgen g\u00e4be und tranken dazu jeder mehrere Biere und Verdauungsschn\u00e4pse und Aperitive (Pelinkovac). Das Maximum waren 55 Euro zu dritt. Das ist eine Ansage.<br \/>\n4.) Service. Die Kellner haben ihre Stationen, es gibt eigene Abr\u00e4umkr\u00e4fte und man kann auf Wunsch getrennt zahlen. Das d\u00fcrfte sich aufgrund des touristischen Drucks ver\u00e4ndert haben, denn das ist scheinbar jetzt generell schon \u00fcblich. In den 90ern ging das noch nicht. Der Kellner hat ein elektronisches Bestellsystem und kann sofort in seinem umgeh\u00e4ngten K\u00e4stchen die Rechnung ausdrucken. Sie reagieren auf jede Handbewegung mehr oder weniger sofort und das bestellte Bier ist keine zwei Minuten sp\u00e4ter da. Der Pizzakoch arbeitet wie ein Derwisch und die K\u00fcche hat einen enormen Output. Das Besondere sind jedoch die Kleinigkeiten. Wenn man etwa Miesmuscheln Buzzara bestellt, bekommt man zwei zus\u00e4tzliche Suppenteller mitgeliefert. Wenn man etwa die H\u00e4lfte der Muscheln gegessen hat, ist der erste Suppenteller voll mit Schalen und wird auf der Stelle abserviert. Dann f\u00e4ngt man den zweiten an. <\/p>\n<p>Der Saloon ist etwas Besonderes. Am zweiten Abend kam der Wirt ganz pl\u00f6tzlich mit einem riesigen Topfdeckel und schmiss ihn neben den Tisch hinter uns, an dem ein junges P\u00e4rchen sa\u00df, auf den Boden. Das machte einen Riesenschepperer und das ganze Lokal drehte sich um. Dann zog der Wirt ein kleines K\u00e4stchen heraus und \u00fcberreichte es der Dame mit feierlichen Worten (auf Kroatisch, aber es war eh klar, worum es ging). Es war ein Heiratsantrag des jungen Mannes, und wer k\u00f6nnte den besser unterst\u00fctzen als der Wirt? Tosender Applaus im Lokal und die junge Dame hatte keine andere Wahl als anzunehmen. Zweiter tosender Applaus, dann noch eine langstielige rote Rose vom Wirt (wo zum Teufel er die auch immer her hatte), fr\u00f6hliche Gesichter rundherum. <\/p>\n<p>Hoffen wir, dass es diesen Wirt und sein Lokal noch lange gibt. Das ist einer der Hotspots f\u00fcr lukullischen Genu\u00df und soziale Gesundheit. Dort geht niemand unzufrieden raus und das ist f\u00fcr jeden eine bleibende Erinnerung an den Urlaub auf der sch\u00f6nen kroatischen Insel Krk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;dann kann er was erleben. Dieser Spruch ist zugegeben erstens nicht gegendert, zweitens nicht neu, drittens nicht von mir und viertens verwende sogar ich ihn nicht das erste Mal. Und? Wurscht! 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