{"id":705,"date":"2011-09-02T08:29:43","date_gmt":"2011-09-02T07:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=705"},"modified":"2011-09-02T08:29:43","modified_gmt":"2011-09-02T07:29:43","slug":"warum-wegwerfen-sexy-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/warum-wegwerfen-sexy-ist\/","title":{"rendered":"Warum Wegwerfen sexy ist"},"content":{"rendered":"<p>1.) Die meisten Menschen fahren mit dem Auto zum Lebensmittelgesch\u00e4ft und m\u00fcssen schwere Sachen nicht mehr nach Hause tragen.<br \/>\n2.) Die meisten Menschen kaufen Mineralwasser in Plastikflaschen, weil diese leichter zu tragen sind.<\/p>\n<p>Der Spruch ist altbekannt: Wir leben in einer bequemen Wegwerfgesellschaft.<\/p>\n<p>Und, hat das Emotionen ausgel\u00f6st? Etwa: Buh, das kann nicht sein, das geh\u00f6rt sofort ge\u00e4ndert&#8230; Nein, hat es nicht, weil es zu einer wertfreien Beschreibung geworden ist, weil es alle tun, weil ein guter Teil des Reichtums der Reichen und auch derer, die die Macht haben, darauf beruht. Wir alle profitieren davon, zumindest eine Zeit lang. Es dient unserer Bequemlichkeit, und diese wiederum ist Zeichen unseres Wohlstands.<br \/>\nSchon vor Jahrtausenden wurden diejenigen Menschen bewundert, die sich Bequemlichkeit (nicht hart arbeiten m\u00fcssen, sich von h\u00fcbschen Frauen an hei\u00dfen Tagen Luft zuf\u00e4chern lassen etc.) leisten konnten. Das war ein Zeichen f\u00fcr Macht, Einfluss und Reichtum.<\/p>\n<p>Wer will nicht gern m\u00e4chtig, einflussreich und wohlhabend sein? Daher gilt die Gleichung: Bequemlichkeit = Wohlstand. Die einen sind bequem, weil es so einfach ist, die anderen, weil es f\u00fcr sie gesellschaftlichen Aufstieg oder zumindest Erhalt der Stellung bedeutet. Der Ostbahn-Kurti hat in seinem Lied &#8222;Arbeit&#8220; folgende Strophe gesungen:<\/p>\n<p>&#8222;Vorbei an die grauen H\u00e4user, voller z\u00b4samg\u00b4stauchte Leut, z\u00b4erscht mit\u00b4n Radl, dann mit\u00b4n Moped, aufs Auto spart er bis heut&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Das ist gesellschaftlicher Aufstieg, mit dem Moped ist es bequemer als mit dem Fahrrad und mit dem Auto bequemer als mit dem Moped. Ich leite daraus eine vorsichtige Arbeitshypothese ab: Der Mensch strebt nach maximaler Bequemlichkeit, sofern sich kein h\u00f6heres Ziel bietet, f\u00fcr das er bereit ist, einen Teil der Bequemlichkeit aufzugeben. Wenn ich heute auf den Kilimandjaro steige, dann muss ich einiges an Bequemlichkeit aufgeben. Ich werde mich etwa 6 Tage lang nicht duschen k\u00f6nnen und in keinem ordentlichen Bett schlafen. Auch hier gibt es Abstufungen: Wer bereit ist, die so genannte &#8222;Coca Cola Route&#8220; zu gehen, gemeinsam mit knapp 18.000 anderen Touristen j\u00e4hrlich, der erh\u00e4lt daf\u00fcr die Bequemlichkeit von H\u00fctten mit Betten. Wer eine sch\u00f6nere Route w\u00e4hlt, muss in Zelten schlafen.<br \/>\nDas h\u00f6here Ziel ist das Erleben der sch\u00f6neren Route.<\/p>\n<p>Aber was ist das h\u00f6here Ziel f\u00fcr denjenigen, der es endlich geschafft hat, sich ein eigenes Auto zu leisten, auch wenn es sich nur mit Ach und Krach ausgegangen ist? Was k\u00f6nnte den bewegen, es nicht oder weniger zu benutzen? Eines ist ganz klar: Umweltschutz ist kein solch h\u00f6heres Ziel, denn das bedeutet, dass er sein Auto nicht ben\u00fctzt, der Nachbar aber schon, denn dem ist Umweltschutz vollkommen egal. Er w\u00fcrde seine direkt erlebbare Bequemlichkeit gegen ein Zukunftsziel tauschen, das er m\u00f6glicherweise in der eigenen Erlebenswelt gar nicht mehr erreicht, etwa weil die Auswirkungen erst seine Enkelkinder zu sp\u00fcren bekommen.<br \/>\nEr w\u00fcrde diesen Schritt also nur tun, wenn es ein direkt erlebbares Ziel gibt, etwa eine neue Freundin, die aus der gr\u00fcnen Ecke kommt und mit der er nur Sex haben kann, wenn er auf die t\u00e4gliche Autofahrt ins B\u00fcro verzichtet. Da dieser Fall wahrscheinlich eher selten eintritt, ver\u00e4ndert er unsere Diskussion nicht merklich.<\/p>\n<p>Wenn das auch f\u00fcr andere Lebensbereiche gilt, dann gibt es nur eine logische Konsequenz: Die Bequemlichkeit wird erst aufgegeben, wenn sie entweder nicht mehr erh\u00e4ltlich ist (es gibt pl\u00f6tzlich kein Erd\u00f6l mehr und Elektroautos liegen noch in den Schubladen der Autokonzerne) oder so teuer, dass das zu erbringende Geldopfer zu gro\u00dfe andere Opfer fordert. Wir k\u00f6nnten es bei den Fetisch-Produkten (das sind diejenigen, die pervers hohe Notwendigkeit zu besitzen scheinen: Auto, Handy, Fernseher) erleben, dass es zu seltsamen Entwicklungen kommt: Hungernde Menschen sitzen im Auto und fahren mit eingefallenen Wangen am Supermarkt vorbei, in dem sie sich nichts kaufen k\u00f6nnen, weil das Geld im Tank gelandet ist.<\/p>\n<p>Derzeit verursacht der Drang nach Bequemlichkeit noch weitere perverse Ausw\u00fcchse: Statt Lebensmitteln wird Biosprit erzeugt. Weil wir das besser nicht sehen wollen, verlagern wir diese Erzeugung an Orte, wo es uns nicht auff\u00e4llt, etwa nach S\u00fcdamerika oder nach Afrika. Die dort ans\u00e4ssigen Menschen k\u00f6nnen sich dagegen nicht wehren und so k\u00f6nnen die europ\u00e4ischen und amerikanischen Firmen dort machen, was sie wollen. Vertriebene bzw. get\u00f6tete Menschen oder gr\u00e4ssliche Umweltsch\u00e4den sind belanglos angesichts der Notwendigkeit, unsere Bequemlichkeit zu erhalten. <\/p>\n<p>Wenn ich mit meinen Freunden rede, dann verteidigen diese ihre Bequemlichkeit mit 1.000 Argumenten, die mir vor allem dann nicht einleuchten, wenn ich einen Schritt zur\u00fcck mache und versuche, das Ganze zu betrachten.<br \/>\nLebensmittelhandel: &#8222;Die Konsumenten wollen das so.&#8220;<br \/>\nKonsumenten: &#8222;Der Lebensmittelhandel bietet mir nichts anderes an.&#8220;<br \/>\nIch bin es leid, mir von allen Seiten das Gegackere um die Frage nach Henne oder Ei anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, wir werden unsere Bequemlichkeit mit samt der Wegwerfgesellschaft erst aufgeben, wenn wir gezwungen sind, sie selbst wegzuwerfen. Wird es die Natur sein, die uns eine fette Breitseite verpasst, oder schaffen wir das selbst? Das ist nur eine der noch nicht beantwortbaren Fragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.) Die meisten Menschen fahren mit dem Auto zum Lebensmittelgesch\u00e4ft und m\u00fcssen schwere Sachen nicht mehr nach Hause tragen. 2.) Die meisten Menschen kaufen Mineralwasser in Plastikflaschen, weil diese leichter zu tragen sind. 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