{"id":731,"date":"2011-11-03T14:54:12","date_gmt":"2011-11-03T13:54:12","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=731"},"modified":"2017-07-15T13:24:27","modified_gmt":"2017-07-15T12:24:27","slug":"sind-korallenriffe-bald-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/sind-korallenriffe-bald-geschichte\/","title":{"rendered":"Sind Korallenriffe bald Geschichte?"},"content":{"rendered":"<p>1.000 \u2013 das ist in etwa die Anzahl der Taucher, die ein Riff auf Small Giftoun Island betauchen. T\u00e4glich. Eine unfassbare Horde an Freizeitsportlern, von kleinen und gro\u00dfen Schiffen von allen Seiten herbeigekarrt, die meisten aus der in Sichtweite gelegenen Stadt Hurghada.<br \/>\nWir befinden uns in \u00c4gypten und es ist Hochsaison, Ende September. Da ist es unter Tags nicht mehr so knallhei\u00df wie im Sommer, das Meer ist angenehm warm und es schein immer die Sonne. Das sind ideale Bedingungen und sie werden seit ca. drei\u00dfig Jahren gerne gen\u00fctzt.<br \/>\nHans Hass hat sich diese Art von Massentourismus sicher nicht vorstellen k\u00f6nnen, als er vor \u00fcber 70 Jahren das erste Mal in diese unglaublich sch\u00f6ne Unterwasserwelt eintauchte, als erster Mensch unter Wasser atmend, mit einem selbst entwickelten \u201eSchwimmtauchger\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Heute kann jedermann \u2013 und jedefrau \u2013 binnen drei Tagen und um wenig Geld den Tauchsport lernen und die Industrie lebt gut davon. Sowohl der Sportartikelverkauf als auch der gesamte Tourismus haben das Tauchen inzwischen professionalisiert und kommerzialisiert, und zwar weltweit bzw. \u00fcberall dort, wo man tauchen kann.<br \/>\nIn \u00c4gypten am Roten Meer geht das besonders gut, es ist das Hausmeer der Europ\u00e4er, die geographische und klimatische Lage erlauben einerseits eine schnelle Anreise, andererseits die Existenz tropischer Korallenriffe in einer eigentlich subtropischen Zone.<br \/>\nDie Touristen bewirken leider die Zerst\u00f6rung der Unterwasserwelt, ironischerweise gerade weil sie es dort so sch\u00f6n finden.<\/p>\n<p>Es sind allerdings nicht nur die Touristen, auch die \u00e4gyptische Industrie sowie der Schiffshandelsverkehr tun ihr m\u00f6glichstes, um eines der gr\u00f6\u00dften Wunder dieser Erde zu zerst\u00f6ren. Korallenriffe gibt es seit Millionen Jahren und sie sind eine der Lebensgrundlagen dieser Erde.<br \/>\nDas Rote Meer ist quasi die S\u00fcdost-Tangente der Meere, zwanzig Prozent des weltweiten Konsumg\u00fcter, die per Schiff transportiert werden, fahren dort durch und dann durch den Suez-Kanal. All diese Schiffe werden mit Schwer\u00f6l betrieben. Wissen Sie, wie Schwer\u00f6l aussieht? Es sieht so \u00e4hnlich wie Teer aus und wird in gro\u00dfen Bl\u00f6cken auf die Schiffe gebracht, wo es mit hochgiftigen Chemikalien fl\u00fcssig gemacht und dann verbrannt wird. Es Die Abgase sind hochgiftig und werden ohne jegliche Filterung durch die Schornsteine geblasen, mit dem 16.000-fachen Schwefelanteil von Superbenzin und noch jede Menge anderer Schadstoffe. Der weltweite Schiffsverkehr verursacht mehr Abgase als der Autoverkehr und ist g\u00e4nzlich ungeregelt. Es gibt keine Vorschriften f\u00fcr Filter oder sonst irgend etwas, kein Gesetz gegen die Verschmutzung oder irgend jemand, der dieses international durchsetzen k\u00f6nnte. Lediglich die Schweden\/Norweger haben ihren Schiffen die Umr\u00fcstung auf Diesel verordnet.<br \/>\nDieser Dreck landet in der Luft und dann nat\u00fcrlich auch im Meer und wir alle profitieren davon, denn die \u00d6lindustrie m\u00f6chte das bei der Benzinerzeugung \u00fcbrig gebliebene Abfallprodukt Schwer\u00f6l los werden und die Eigner der Schiffe wollen m\u00f6glichst billigen Sprit. Das erm\u00f6glicht, dass die Transportkosten per Schiff weltweit extrem niedrig sind und wir billige Waren aus der ganzen Welt kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den Preis daf\u00fcr zahlen unter anderem die Korallenriffe, da sie durch die Luftverschmutzung und den Treibhauseffekt massiv gef\u00e4hrdet sind. Wenn sich die Meere erw\u00e4rmen, sterben sie ab. Wenn El Nino kommt, sterben sie ab. Wenn sich durch Dreck und andere Faktoren die Balance unter Wasser verschiebt, haben die Sch\u00e4dlinge wie die Dornenkrone (riesiger Seestern, der Korallen frisst) Hochsaison und die Korallen sterben ab. Wenn Heerscharen von Tauchern die Riffe bev\u00f6lkern und zertrampeln, sterben sie ab. Man wird auf der Welt wohl keinen einzigen Unterwasserexperten finden, der die Riffe nicht weltweit als \u00e4u\u00dferst bedroht einstuft.<\/p>\n<p>Als Tourist merkt man von all dem nur etwas, wenn man genau hinschaut. An vielen Riffen muss man \u00fcbrigens gar nicht genau hinschauen, denn es ist offensichtlich. Wo fr\u00fcher ein bunter Korallengarten mit einer Vielzahl von Lebewesen war, sieht man jetzt tote Korallenst\u00f6cke, die mit schleimigen Algen \u00fcberzogen sind, die in dem mit N\u00e4hrstoffen angereicherten Wasser gut gedeihen. Woher die N\u00e4hrstoffe kommen? Rund um das kleine Fischerdorf Marsa Alam wurde vor ein paar Jahren ein internationaler Flughafen er\u00f6ffnet und pro Jahr kommen 5-7 neue Ressorts dazu, jedes f\u00fcr 1.000 bis 3.000 Touristen. Woher die Touristen kommen? Wenn man durch Hurghada geht, dann sieht man alles auf Englisch, Deutsch und seit einigen Jahren auch auf Russisch angeschrieben. Die Russen haben \u00c4gypten als billigen Ferienort entdeckt und holen sich jetzt ihren Teil vom Massentourismus westlicher Pr\u00e4gung. Es gibt billiges Fressen und Klimaanlagen wohin man schaut, Burger King und McDonald\u00b4s, Pizza Hut und Kebab, StarBucks und Kentucky Fried Chicken. Noch Fragen?<\/p>\n<p>Jedes dieser Ressorts leitet seinen gesamten Dreck ins Meer. Es gibt keine Kl\u00e4ranlagen und der Strom wird aus riesigen Dieselgeneratoren gewonnen, die f\u00fcr die Entsalzungsanlagen sowie die Klimaanlagen gebraucht werden. Man darf nicht vergessen: Wir befinden uns in der W\u00fcste und dort sieht es eigentlich auch so aus. Jetzt findet man Golfpl\u00e4tze und Swimming Pools, Stahlbeton-Hotels und Shopping-Center. Neben dem Flughafen von Marsa Alam wurde eine k\u00fcnstliche Stadt (Port Ghalib) rund um eine k\u00fcnstlich angelegte Marina gebaut. Das Vorbild war eine andere, schon ein paar Jahre l\u00e4nger existierende \u00e4hnliche Plastikstadt n\u00f6rdlich von Hurghada, n\u00e4mlich El Gouna. <\/p>\n<p>Ich war vor ein paar Jahren in El Gouna. Dort haben sie einen Golfplatz und eine Handvoll gro\u00dfe Hotels (Steigenberger Golf Hotel etc.) hingebaut. Das Gras des Golfplatzes ist gentechnisch so ver\u00e4ndert, dass es mit Salzwasser (bzw. teilentsalzenem Wasser) gegossen werden kann. Auch das verbraucht Unmengen an \u00d6l, das es allerdings in \u00c4gypten noch in ausreichenden Mengen und somit zu Spottpreisen gibt. Mit diesen Petrodollars sind einige \u00c4gypter sehr sehr reich geworden, und sie haben sich dann jeweils eine eigene k\u00fcnstliche Stadt gebaut, mitten in die vorher komplett unber\u00fchrte W\u00fcste.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/Ghalib.jpg\" title=\"Ghalib.jpg\" alt=\"Ghalib.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 1: Anlegestelle mit Stromtankstelle in Port Ghalib. Im Hintergrund sind die Appartements erkennbar, ein St\u00fcck Kanal und eine Br\u00fccke<\/p>\n<p>Port Ghalib ist auch so eine Stadt und wenn man durch marschiert, sprich: an der Hafenmole entlang geht, dann kann es einem so vorkommen, als ob man in einem Potjemkinschen Dorf w\u00e4re. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass die H\u00e4user nur aus einer Fassade bestehen, hinten durch Holzpfeiler abgest\u00fctzt, wie bei einer Filmkulisse. <\/p>\n<p>Es ist eine Art Geisterstadt, denn die dort gebauten Wohnungen und Appartements sind gro\u00dfteils unbewohnt. Der Besitzer und Erbauer der Stadt hat ohnehin genug Geld und ist nicht darauf angewiesen, die Wohnungen billig zu verkaufen. Auch die Angestellten der zahlreichen Gesch\u00e4fte und Lokale h\u00e4ngen gelangweilt herum, da und dort sitzt ein kleines Gr\u00fcppchen Touristen und isst Hamburger mit Pommes. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/Ghalib2.jpg\" title=\"Ghalib2.jpg\" alt=\"Ghalib2.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 2: Abendspaziergang an der Hafenmole von Port Ghalib<\/p>\n<p>Es gibt kleine Br\u00fccken \u00fcber unben\u00fctzte Kan\u00e4le, wie in Venedig, nur sind sie hier aus Stahl-beton. Die Palmen sehen aus wie aus Plastik und das t\u00fcrkisblaue Wasser in der Lagune wirkt gef\u00e4rbt. Mir lief ein kalter Schauer \u00fcber den R\u00fccken, obwohl es ein sehr warmer Abend war. \u00dcbrigens: Auch in Hurghada, wo es eine neue Marina gibt, sieht die Hafenpromenade genau gleich aus, alles wirkt k\u00fcnstlich und ist es auch.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/Ghalib3.jpg\" title=\"Ghalib3.jpg\" alt=\"Ghalib3.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 3: Hafeneinfahrt Port Ghalib mit k\u00fcnstlich angelegtem Rasen und Lagune im Hintergrund<\/p>\n<p>In Planung sind weitere Kan\u00e4le, die bis zum ca. zwei Kilometer entfernten Flughafen reichen sollen, so dass die Touristen ohne Bus direkt auf ihre Schiffe gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/Ghalib4.jpg\" title=\"Ghalib4.jpg\" alt=\"Ghalib4.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 4: Private Motoryacht \u201ePort Ghalib\u201c im Hafen von Port Ghalib. Geh\u00f6rt wahrscheinlich einem Scheich namens Ghalib. D\u00fcrfte nicht ganz billig gewesen sein. Die gro\u00dfe wei\u00dfe Fl\u00e4che am Heck ist \u00fcbrigens eine Garage f\u00fcr Wetbikes.<\/p>\n<p>Den Meeresbewohnern entgeht die Verschmutzung und der Druck auf ihren Lebensbereich nicht. Besonders hervorheben m\u00f6chte ich die Korallen, denn sie sind die Basis allen Lebens am Riff. Ihre staatenbildenden Polypen dienen im Larvenstadium vielen Fischen als Nahrung und als Riffbauer erzeugen sie erst das gesamte Biotop, von dem unz\u00e4hlige Arten abh\u00e4ngig sind. Wenn sie sterben, stirbt das Riff und mit ihm alle Bewohner.<br \/>\nAuch die Menschen kommen dann auf lange Sicht nicht ungeschoren davon, so viel ist sicher.<\/p>\n<p>Kommen wir wieder zu unserem Tauchausflug zur\u00fcck. Um sechs Uhr fr\u00fch geht es los, die am Riff festgebundenen oder gerade angekommenen Safariboote lassen die ersten TaucherInnen ins Wasser \u2013 je zwanzig St\u00fcck pro Schiff. Das sind meist noch diejenigen, die am wenigsten Schaden anrichten, weil sie meist gute und somit kontrollierte Taucher sind, die oft auch ein gewisses Verantwortungsbewusstsein mitbringen. Sie passen auf, was sie mit ihren Flossen tun und versuchen, nichts zu ber\u00fchren. Aber auch sie \u00fcben Druck aus, weil sie seit der Erfindung der kleinen, billigen Digitalkameras viel \u00f6fter einen Fotoapparat mit haben und sich zum besseren Knipsen gerne auf den Korallen abst\u00fctzen. Wenn das hin und wieder ein Taucher macht \u2013 kein Problem, aber die Masse ist f\u00fcr das Riff schwer zu verkraften.<\/p>\n<p>Ab zehn Uhr geht es dann los. Im 5-Minutentakt treffen die Tagesboote ein, die ebenfalls zwischen f\u00fcnfzehn und zwanzig Taucher an Bord haben. Bis zu Mittag habe ich etwa 40 Schiffe gez\u00e4hlt, allein f\u00fcr das eine Riff mit einer L\u00e4nge von ein paar hundert Metern.<\/p>\n<p>Auf diesen Booten befinden sich TaucherInnen jeglicher G\u00fcte, bis hin zu so genannten \u201eBubblemakern\u201c \u2013 meist Anf\u00e4nger oder unroutinierte GelegenheitstaucherInnen. Auch sie wollen alle die fantastische Unterwasserwelt sehen und geben daf\u00fcr gutes Geld aus. Auch sie zerst\u00f6ren nicht mutwillig die Korallen, aber sie tun es, denn sie wirken unter Wasser wie eine Dampfwalze, Millionen Flossenschl\u00e4ge setzen das Riff gewaltig unter Druck, denn eine abgebrochene Koralle hat oft Jahrzehnte gebraucht, um heranzuwachsen. Dazu kommen noch der ins Wasser geworfene M\u00fcll sowie die F\u00e4kalien, die einem dann unter Wasser geschmackvoll entgegen treiben. Die meisten Boote haben n\u00e4mlich als Abfluss f\u00fcr die Toilette einfach ein Rohr, das den Dreck unten raus l\u00e4sst. Auch die gro\u00dfen Safariboote lassen s\u00e4mtliche F\u00e4kalien ins Wasser, jedoch meist bei einer \u00dcberfahrt auf hoher See, wenn es niemand merkt.<br \/>\nDazu kommt noch das \u00d6l und Benzin, das die Boote verlieren \u2013 es ist auch hier die Summe der Verschmutzungen, die das Riff belasten.<\/p>\n<p>Am folgenden Bild sieht man die gro\u00dfe Schar der Schnorchler und Taucher, die \u00fcber das Riff herfallen. Die Tagesboote, die sie dorthin bringen, stehen unter starkem Konkurrenzdruck und m\u00fcssen so auf ihre Kosten schauen. Die Umwelt steht da an allerletzter Stelle, was bei den Safaribooten nicht ganz so schlimm ist.<\/p>\n<p>Die Schnorchler (darunter auch viele Kinder) bekommen eine Schwimmweste und dann d\u00fcrfen sie \u00fcber das Riff schnorcheln. Einen Vorteil hat das ganze: Durch die Weste k\u00f6nnen sie wenigstens nicht hinunter tauchen und unten nichts kaputt machen, zumindest nicht direkt.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/Schnorchler.jpg\" title=\"Schnorchler.jpg\" alt=\"Schnorchler.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 5: Tagesboote mit Schnorchlern und Tauchern vor einem Riff bei Small Giftoun Island, 5. Oktober 2011<\/p>\n<p>Wer zu einem Korallenriff hinabtaucht, befindet sich pl\u00f6tzlich in einer anderen, uns sehr fremden Welt, und zwar als Eindringling. Unz\u00e4hlige Augenpaare starren die TaucherInnen an, manche neugierig, viele \u00e4ngstlich und bei einigen l\u00e4sst sich das nicht so genau sagen. Das System unter Wasser ist perfekt abgestimmt, viele Riffbewohner gibt es in nahezu unver\u00e4nderter Form schon seit vielen Millionen Jahren.<br \/>\nEiszeiten, Meteoriten, Vulkanausbr\u00fcche, Erdbeben, Klimaver\u00e4nderungen \u2013 all das konnte dem System Korallenriff nichts anhaben, denn sie waren immer lokal oder fanden in einem so langen Zeitraum statt, dass sich die Riffe daran anpassen konnten.<\/p>\n<p>Jetzt stehen sie vor einer neuen Herausforderung, denn der Mensch bedroht sie global (es gibt auf der ganzen Welt kein einziges wirklich unbelastetes Riff mehr) und extrem schnell. <\/p>\n<p>Binnen weniger Jahrzehnte hat er es geschafft, die Meere gr\u00fcndlich zu verschmutzen und zu pl\u00fcndern. Einige Meeresbewohner stehen am Rand der Ausrottung. 95 % des weltweiten Haibestandes sind bereits verschwunden, das merkt man auch beim Tauchen ganz massiv. Noch vor ein paar Jahren sah man in einigen Gebieten bei jedem Tauchgang einen Hai. Wenn man heute dort taucht, ist man \u00fcber 2-3 kleine Exemplare pro Woche schon zufrieden. Geldgier und mangelndes Verst\u00e4ndnis f\u00fchren eine Tierart, die es schon vor den Dinosauriern gab, wahrscheinlich bald zu einem Ende. Daf\u00fcr k\u00f6nnen einige Menschen sagen, dass sie Haifischflossensuppe gegessen haben.<br \/>\nHaie sind insofern ein spezielles Beispiel, als sie beim Menschen (auch durch den Film \u201eDer wei\u00dfe Hai\u201c) einen Angstreflex ausl\u00f6sen. Und wovor der Mensch Angst hat, das t\u00f6tet er. Die Haie sind aber seit Jahrmillionen ein wichtiger Bestandteil der Nahrungskette der Meere, die man nicht einfach beliebig ver\u00e4ndern kann, ohne mit drastischen Folgen leben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/Pfoetchenkoralle.jpg\" title=\"Pfoetchenkoralle.jpg\" alt=\"Pfoetchenkoralle.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 6: Eine Pf\u00f6tchen-Koralle k\u00e4mpft ums \u00dcberleben. Im Hintergrund sieht man den noch intakten Teil (mit einer F\u00fcnfbinden-Demoiselle), im Vordergrund den abgestorbenen, von schleimigen Algen \u00fcberzogenen Bereich.<\/p>\n<p>Echte, d.h. verantwortungsvolle TaucherInnen stehen vor einem Dilemma: sie lieben die Unterwasserwelt und wollen sie sch\u00fctzen. Sie wollen aber auch genau diese Unterwasserwelt besuchen und erleben:<\/p>\n<p>Am besten sch\u00fctze ich diese Welt, wenn ich ihr fernbleibe.<br \/>\nAm besten sch\u00fctze ich diese Welt, wenn ich sie besuche.<\/p>\n<p>Wer nicht dorthin fliegt und taucht, bricht keine Korallen ab und tr\u00e4gt nicht zur Verschmutzung bei. Leider ist das nicht so einfach, denn wir alle konsumieren diejenigen Produkte, die durch das Rote Meer auf riesigen Containerschiffen und Tankern zu uns gebracht werden. Wir alle tanken das Benzin, wir alle kaufen das Plastik aus China und fast alle kaufen auch die Birnen aus S\u00fcdafrika (statt aus dem Mostviertel).<br \/>\nWer dorthin auf Tauchurlaub fliegt, sichert eine Menge Arbeitspl\u00e4tze: die Werftarbeiter, die das Schiff bauen, die Crew der Schiffe, die H\u00e4ndler, die Bauern, die Tourismusmanager und noch unz\u00e4hlige Menschen mehr leben vom Tauchtourismus. Wollen wir ihnen das weg nehmen? Welche Verantwortung wiegt schwerer?<\/p>\n<p>Wer die Unterwasserwelt kennen und lieben lernt, wird oft zu ihrem Botschafter. Diese Menschen erz\u00e4hlen ihren Freunden davon, wie traumhaft sch\u00f6n und somit sch\u00fctzenswert diese Lebensr\u00e4ume sind. Manche w\u00e4hlen dann sogar eine Partei, die sich wirklich f\u00fcr Umweltschutz engagiert, einige setzen sich selbst auch aktiv daf\u00fcr ein. <\/p>\n<p>Ich wage eine erste, vorsichtige Auflistung, was der einzelne Taucher tun kann:<\/p>\n<p><strong>1.) Boote buchen, die sich bem\u00fchen, die Umwelt zu sch\u00fctzen<\/strong><\/p>\n<p>Leider gibt es die nicht wirklich, denn die meisten \u00c4gypter haben (zumindest meiner Erfahrung nach) keinerlei Sinn f\u00fcr die Umwelt. Es f\u00e4llt ihnen gar nicht auf, wenn in einer leeren Kabine eine Woche lang die Klimaanlage auf voller Kraft l\u00e4uft. Das Benzin ist in \u00c4gypten staatlich subventioniert und immer noch spottbillig. Das folgende Bild zeigt einen Ausschnitt des Problems:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.03_Tauchen\/greenforce.jpg\" title=\"greenforce.jpg\" alt=\"greenforce.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 7: Das 32-Meter-Safariboot von Greenforce.be. \u2013 es unterscheidet sich nicht von anderen Booten, links hinten kann man den Dreck sehen, den der Auspuff rausschleudert. <\/p>\n<p>M\u00fclltrennung ist \u00fcberhaupt ein Fremdwort, hier w\u00e4re es jedoch sehr aufw\u00e4ndig, eine Ver\u00e4nderung zu versuchen, denn man m\u00fcsste ja nicht nur auf dem Schiff trennen, sondern dahinter ein System wissen, das ebenfalls die Trennung weiter verarbeitet. Und das gibt es in \u00c4gypten schlicht und einfach nicht.<\/p>\n<p><strong>2.) M\u00f6glichst wenig kaputt machen<\/strong><\/p>\n<p>Ein guter Vorsatz, er entspricht dem Taucher-Motto \u201eTake only impressions, leave only bubbles\u201c. Wer seine Tauchg\u00e4nge so plant, dass er\/sie m\u00f6glichst wenig kaputt macht, entwickelt ein Bewusstsein der eigenen F\u00e4higkeit dem Meer zu schaden: Wir entstammen dem Meer \u2013 was gibt uns das Recht, es kaputt zu machen? Das ist ein guter Anfang.<\/p>\n<p><strong>3.) Auf Kleinigkeiten achten<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDa wird es schon schwieriger: Klimaanlage abdrehen, wenn sie nicht wirklich gebraucht wird, das gleiche gilt f\u00fcr Licht und andere Energiefresser. Wir hatten diesmal an Bord der \u201eGolden Dolphin II\u201c pro Person eine beschriftete Wasserflasche, die an den diversen Tankstationen, die \u00fcberall im Schiff verteilt waren, nachgef\u00fcllt wurde. Das hat eine Menge Plastik gespart.<\/p>\n<p><strong>4.) Initiativen unterst\u00fctzen<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt sie zuhauf und es ist gar nicht so leicht, die richtigen herauszusuchen: Wale, Haie, auch Riffe, Delphine, Tunfische \u2013 alles m\u00f6gliche m\u00fcsste gesch\u00fctzt werden und f\u00fcr fast alles gibt es Initiativen. Manchmal ist schon eine Unterschrift oder ein \u201eGef\u00e4llt mir\u201c hilfreich, man wird sehen, wie es in Zukunft im Social-Media-Bereich weiter geht.<\/p>\n<p><strong>5.) Parteien w\u00e4hlen, die f\u00fcr den Schutz der Meere sind<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind alle f\u00fcr den Schutz der Meere, aber sind sie das wirklich? Kann man zugleich der \u00d6lindustrie huldigen und die Meere sch\u00fctzen? Bleiben nur die Gr\u00fcnen als in diesem Punkt w\u00e4hlbare Partei \u00fcbrig, oder nicht einmal die? Letztlich muss das jede(r) selbst entscheiden.<\/p>\n<p><strong>6.) BotschafterIn der Meere werden<\/strong><\/p>\n<p>Artikel schreiben, mit leuchtenden Augen \u00fcber die Sch\u00f6nheiten berichten, aber auch \u00fcber die Zerst\u00f6rung, die unter Wasser inzwischen un\u00fcbersehbar ist. Das geht den Leuten mit der Zeit auf die Nerven, daher muss jeder die maximal zumutbare Dosierung selbst finden.<\/p>\n<p>Irgendwie ist das nicht sehr viel, als TaucherIn f\u00fchlt man sich meist ein wenig hilflos. Es ist klar, dass die Belastung der Meere in den n\u00e4chsten Jahren noch erheblich zunehmen wird. Noch mehr Menschen mit noch mehr Hunger und anderen Bed\u00fcrfnissen, wie etwa dem nach endlosem Konsum und Luxus. Das verursacht bei unserem heutigen Lebensstil in der Wegwerfgesellschaft noch mehr M\u00fcll, der letztlich wieder in den Meeren landen wird. Mehr Plastik, mehr \u00d6l, mehr Chemikalien, mehr Pestizide, mehr Phosphate und nat\u00fcrlich immer mehr Freizeitw\u00fcnsche, die befriedigt werden wollen \u2013 jetzt gleich und f\u00fcr alle. <\/p>\n<p>In \u00c4gypten zeigt sich im so genannten \u201eTiefen S\u00fcden\u201c an der Grenze zum Sudan folgendes Bild: Ein Drittel jedes Riffs ist tot: abgestorbene Korallenst\u00f6cke, von schleimigen Algen \u00fcberzogen, die sich von dem Dreck ern\u00e4hren, den wir ins Meer leiten. Da und dort ein kleiner Fisch. Ein weiteres Drittel ist am Absterben und bereits massiv gesch\u00e4digt. Das dritte Drittel ist noch ganz okay. Wenn Hans Hass mit einer Zeitmaschine aus den 1950ern in die heutige Zeit reisen w\u00fcrde, dann erschiene ihm auch das sch\u00f6ne Drittel als katastrophal, aber wir haben nichts mehr, mit dem wir es vergleichen k\u00f6nnten. Selbst die Erinnerungen reichen da nicht aus.<br \/>\nDie Zerst\u00f6rung passiert blitzschnell \u2013 gemessen in erdgeschichtlichen Rhythmen, wie eine Explosion. F\u00fcr einen menschlichen Rhythmus ist es \u00fcberhaupt keine Explosion, sondern ein langsamer Vorgang, den man nicht wirklich mit freiem Auge beobachten kann. Ich war im Abstand von f\u00fcnf Jahren zwei Mal auf den St. Johns-Riffen und bin entsetzt, wie sehr sich die Riffe zum Negativen ver\u00e4ndert haben.<br \/>\nNun passiert folgendes: Das gute Drittel wird umso mehr betaucht, da die TaucherInnen ja nur die sch\u00f6nen Pl\u00e4tze sehen wollen. Die Guides wissen das und drehen meist vor der Ecke, hinter der man den Korallentod gut sehen k\u00f6nnte, mit ihrer Gruppe um.<br \/>\nDamit ist es nur eine Frage der Zeit, bis das noch gute Drittel auch abstirbt, denn es wird die massive Dauerbelastung nicht mehr lange aushalten.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden, es gibt ja noch die arabische Seite mit genauso vielen sch\u00f6nen und spektakul\u00e4ren Riffen wie her\u00fcben auf der \u00e4gyptischen Seite. Und dann gibt es noch den Sudan und Eritrea, beide Staaten mit endlos langen K\u00fcsten. Dort m\u00fcssten die Korallen eigentlich noch in Ordnung sein, quasi ein Paradies, wie wenn man mit einer Zeitmaschine zu den Zeiten gesunder Riffe zur\u00fcckfahren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Leider ist dem nicht so. In all diesen L\u00e4ndern wird auf Teufel komm raus mit Dynamit gefischt. Das ist die kurzfristigste Art wie man schnellen Profit manchen kann und somit sehr beliebt.<br \/>\nIrgendwie d\u00fcrften Araber keinen Sinn f\u00fcr die Umwelt haben, denn die Saudis haben gen\u00fcgend Geld, um die Zerst\u00f6rung ihrer Umwelt zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.<br \/>\nSie haben aber keinerlei Interesse daran, warum auch immer. Daf\u00fcr plant der Saudische K\u00f6nig den Bau von einem Dutzend Atomkraftwerke oder mehr. <\/p>\n<p>Seit ein paar Jahren gelten Tauchsafaris in den Sudan als Geheimtipp. Dort befinden sich noch die unber\u00fchrten Riffe, hei\u00dft es. Wenn man dann mehr Informationen einholt, dann \u00e4ndert sich auch dieses Bild. Vor dem Sudan und vor Eritrea fahren die gleichen Supertanker und Containerschiffe, einzig und allein die Belastung durch Taucher und Industrie ist geringer. Aber das Rote Meer ist das Rote Meer und Str\u00f6mungen kennen keine Nationalgrenzen. <\/p>\n<p>Was wir jedoch sehr wohl tun k\u00f6nnen, ist unser Leben Schritt f\u00fcr Schritt ein wenig gr\u00fcner zu machen, oder \u201e\u00f6kologischer\u201c, wem das Wort \u201egr\u00fcn\u201c zu sehr nach linkslinken Chaoten klingt. Man kann z. B. auf gestressten Fisch verzichten (Lachs, Tunfisch) und statt dessen Karpfen und Reinanken essen. Das fetzt nicht so rein wie Wolfsbarsch und Seeteufel? Mag sein, aber letztere spielt es dann auch nicht mehr so lange. Wer von uns m\u00f6chte derjenige sein, der mit einem zarten Schmatzen und einem gepflegten R\u00fclpser den letzten Branzino verschlingt?<\/p>\n<p>\u00a9 Guido Schwarz, 14. Oktober 2011<\/p>\n<p>Bildquellen: Alle Bilder Guido Schwarz, au\u00dfer Bild 6 (Andrea Blanzano)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.000 \u2013 das ist in etwa die Anzahl der Taucher, die ein Riff auf Small Giftoun Island betauchen. T\u00e4glich. 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