{"id":749,"date":"2011-11-22T01:10:07","date_gmt":"2011-11-22T00:10:07","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=749"},"modified":"2017-07-15T13:27:50","modified_gmt":"2017-07-15T12:27:50","slug":"einst-lehnte-er-im-stoll-am-fassl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/einst-lehnte-er-im-stoll-am-fassl\/","title":{"rendered":"Einst lehnte er im Stoll am Fassl&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;heut lehrt er an der Uni Kassel.<\/p>\n<p>Dieser Spruch stammt von meinem lieben Freund Peter Bachmann und geh\u00f6rt leider seit gestern der Vergangenheit an (das &#8222;Stoll&#8220; ist ein Lokal in Klosterneuburg und unser Stammplatz war rund um ein altes Holzfass zwischen Bar und DJ-Pult). Nach den ersten drei Semestern gab es letztes Sommersemester schon eine Pause, und dann jetzt noch ein letztes Aufflackern, bevor die Flamme meines Lehrauftrags endg\u00fcltig erlischt.<br \/>\nObwohl schlecht bezahlt und mit viel M\u00fche verbunden, hinterl\u00e4sst es doch ein bisschen Wehmut, und ich frage mich, wieso.<\/p>\n<p>Die Antwort liegt in den StudentInnen, ihre Freude an meinen Geschichten wird mir fehlen. Daher ist ein Blick zur\u00fcck angebracht, jetzt, wo die Eindr\u00fccke noch frisch sind.<\/p>\n<p>Die Uni Kassel ist eine Agglomeration von Backsteinbauten, Anfang der 1970er Jahre errichtet und der Architekt wurde nicht get\u00f6tet, obwohl er es gleich mehrfach verdient h\u00e4tte. Ich erw\u00e4hne als besondere Schmankerln nur die unglaubliche Anordnung von Bauten, H\u00f6rs\u00e4len und G\u00e4ngen. Wer sich dort nicht wirklich gut auskennt, ger\u00e4t in einen Irrgarten, alles scheint gleich auszusehen, es gibt tausende Ecken und Winkel, selbst die z\u00f6gerlichen Beschilderungen helfen nichts.<br \/>\nIn den Geb\u00e4uden sieht es nicht viel anders aus. Man sollte an jedem Eingang Ariadne-F\u00e4den verteilen, wobei man dann vor lauter F\u00e4den auch nicht mehr durchkommen w\u00fcrde. Manche Stiegenaufg\u00e4nge sind offen, andere hinter T\u00fcren versteckt, und es gibt keinerlei erkennbare Struktur in der Anordnung der unz\u00e4hligen R\u00e4ume und auch nicht in deren Nomenklatur. Ein Beispiel gef\u00e4llig? Der H\u00f6rsaal 1215 befindet sich eine Ecke neben dem H\u00f6rsaal 1309. Warum? Das wei\u00df niemand. Manchmal scheint eine Reihenfolge erkennbar zu sein, die ganz pl\u00f6tzlich wieder aufh\u00f6rt. Die Hinweisschilder in jedem Stockwerk teilen mit, dass es bestimmte R\u00e4ume in genau diesem Stockwerk gibt. Wo man sie findet, sagen die Schilder nicht. <\/p>\n<p>Die H\u00f6rs\u00e4le selbst sind wahnwitzige Gebilde mit teilweise unbrauchbaren Formen. So gibt es Fenster, die man nur mit akrobatischen Meisterleistungen \u00f6ffnen kann oder mitten im H\u00f6rsaal wurde eine S\u00e4ule hingebaut. Das ist nicht nur f\u00fcr einen Vortragenden verwirrend, denn bei voller Belegung gibt es eine Art toten Winkel, hinter dem sich dann eine Anzahl Studenten verbirgt. Vielleicht hei\u00dft es ja deswegen &#8222;H\u00f6rsaal&#8220; und nicht &#8222;Sehsaal&#8220;, weil man von dort aus halt nichts sieht.<\/p>\n<p>Manche S\u00e4le sind offen, andere versperrt, wieder andere haben ein Nummernschloss. Und man erlebt jedes Mal eine neue \u00dcberraschung, etwas wenn es darum geht, ob man Tische und Sessel vorfindet, und wie viele, und wie sie gerade angeordnet sind. Es gibt in den H\u00f6rs\u00e4len stets dreckige Tafeln, meist aber keine Kreide und niemals ein Waschbecken, um Wasser f\u00fcr das S\u00e4ubern der Tafeln zu organisieren.<br \/>\nDer Willkommensgru\u00df letzten Freitag sah so aus:<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2011.11.22_Kassel\/paper.jpg\" title=\"paper.jpg\" alt=\"paper.jpg\" \/><\/center><\/p>\n<p>Ich hatte wieder einmal ein hartes Wochenende vor mir: Freitag 5.30 Tagwache, dann mit dem ICE ca. 8 Stunden mit 1x Umsteigen bis Bahnhof Kassel Wilhelmsh\u00f6he, dann mit der Stra\u00dfenbahn quer durch die Stadt bis zur Uni, Seminar bis 20.30 Uhr, Samstag den ganzen Tag, Sonntag fr\u00fch bis Mittag, dann wieder zur\u00fcck mit dem ICE und um ca. 22 Uhr in Wien. Wobei das eine sehr optimistische Sch\u00e4tzung ist, denn meist gibt es irgendwo eine Versp\u00e4tung. Wir hatten diesmal eine Baustelle zu umfahren und bekamen nur eine halbe Stunde aufgebrummt. <\/p>\n<p>Die erste nette \u00dcberraschung erfuhr ich gleich zu Beginn, als ich an der Uni ankam. Mein H\u00f6rsaal (der schon erw\u00e4hnte 1215) war eine Art extended Besenkammer, klein, mit besonders fetter S\u00e4ule, Fenster nur in Form von seltsamen Oberlichten, vor allem aber viel, viel zu klein, f\u00fcr etwa 20 Personen geeignet, notfalls 30. Ich wusste: ich habe 50. Das w\u00e4re nicht nur eng, sondern g\u00e4nzlich unm\u00f6glich. Also neuen H\u00f6rsaal suchen. Mein lieber Freund Rudi verriet mir den Zahlencode f\u00fcr 1219, den ich vor zwei Jahren schon einmal hatte. Auch mit prachtvoller S\u00e4ule, aber gr\u00f6\u00dfer, knapp ausreichend. Also zog ich wie Moses mit der Karawane aus und brachte meine StudentInnen in das gelobte Land, \u00e4h, den gefundenen H\u00f6rsaal. Leider war klar, dass ich ihn Samstags und Sonntags nicht haben konnte, da Rudi dort selbst Lehrveranstaltung hatte.<br \/>\nAlso zog die Karawane am Samstag weiter. Die H\u00f6rs\u00e4le 1102 und 1309 waren belegt, und zwar beide durch den mir pers\u00f6nlich unbekannten Kollegen Jurkovsky. Wie das genau funktionieren sollte, war mir nicht klar. W\u00fcrde er sportlich zwischen beiden R\u00e4umen hin- und hersprinten, Gruppenarbeiten beaufsichtigen und kleine Vortr\u00e4ge halten? Meine Hochachtung vor solch famosen Leistungen schwand, als sich herausstellte, dass der Kollege weder den einen noch den anderen H\u00f6rsaal brauchte &#8211; schlicht und einfach, weil er nicht da war, weder Samstags noch Sonntags. Er hatte nur beide reserviert und somit f\u00fcr mich blockiert. Gab es ihn \u00fcberhaupt, oder ist der das Phantom der Uni?<\/p>\n<p>So schnappten wir uns die R\u00e4ume, einen f\u00fcr das Plenum und den anderen f\u00fcr zwei Arbeitsgruppen. Mir ist unbekannt, ob der Kollege f\u00fcr Abwesenheit bzw. Mehrfachbelegung (oder eben Nicht-Belegung) von H\u00f6rs\u00e4len bezahlt wird. Wenn ja, so einen Job h\u00e4tte ich auch gerne. Und ich koffere f\u00fcr ein Wochenende von Wien nach Kassel und zur\u00fcck. Nun gut, es war eh das letzte Mal.<\/p>\n<p>Das administrative System der Uni Kassel hat auch etwas Gutes: Man lernt Selbst\u00e4ndigkeit, und zwar als Student wie auch als Dozent. Diese Selbst\u00e4ndigkeit f\u00f6rdert die Tatsache, dass ab Freitag Mittag alle Sekretariate fest verschlossen sind, die Dozenten der geblockten Wochenendveranstaltungen d\u00fcrfen daher improvisieren: Wo bekomme ich Kreide her? Wer sperrt Sonntags den pl\u00f6tzlich abgeschlossenen H\u00f6rsaal auf? Man f\u00fchlt sich unwillk\u00fcrlich gewollt, unterst\u00fctzt, gewertsch\u00e4tzt etc.<\/p>\n<p>Ich will nicht meckern, die von mir bestellten Flipcharts waren samt Papier und Stiften vorhanden. Da man die H\u00f6rs\u00e4le jedoch nicht zusperren kann, musste ich sie jeden Tag zwei Mal in den Lift hineinquetschen und in den durch Code versperrbaren Postraum bringen, damit sie nicht gestohlen werden, so wie die vielen Beamer in den H\u00f6rs\u00e4len, von denen nur noch leere Boards und ins Nichts ragende Stecker zeugen. So bleiben alte Professoren jung und junge Dozenten sehen manchmal ein wenig alt aus. Die StudentInnen d\u00fcrften es gewohnt sein, sie nehmen die Lage recht stoisch hin, ganz im Gegensatz zu der praktizierten Gesch\u00e4ftst\u00fcchtigkeit eines meiner (mir ebenfalls unbekannten) Kollegen, der von all seinen TeilnehmerInnen verlangt, dass sie sein Buch kaufen, um die Lehrveranstaltung absolvieren zu k\u00f6nnen. Zum Sonderpreis von 80 Euro. Deswegen waren sie bei mir so erstaunt, dass sie mein Buch erstens nicht kaufen mussten und wenn sie doch wollten, dann um 15 Euro. Ich gebe n\u00e4mlich den Autorenrabatt weiter.<\/p>\n<p>So geht eine anstrengende Zeit vorbei. Vielleicht lehne ich ja demn\u00e4chst wieder einmal im Stoll am Fassl. Und denke an Kassel, an diese seltsame Stadt in Nordost-Hessen, die im Krieg dem Erdboden gleich gemacht wurde (Panzerproduktion) und der man das heute stimmungsm\u00e4\u00dfig noch immer anmerkt. Die als einzige kulinarische Errungenschaft &#8222;Aaale Woarst&#8220; hat, eine Art Kantwurst in einem Weckerl. Wo die Menschen meinen Vornamen &#8222;Giiido&#8220; aussprechen und wo ich letzen Samstag Abend eine Kirschplunder und eine Marzipantasche um zusammen nur einen Euro bekam, weil sie von gestern waren. So wie ich inzwischen, an der Uni Kassel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;heut lehrt er an der Uni Kassel. 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