{"id":785,"date":"2011-12-27T13:22:14","date_gmt":"2011-12-27T12:22:14","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=785"},"modified":"2011-12-27T13:22:14","modified_gmt":"2011-12-27T12:22:14","slug":"wer-das-herz-am-rechten-fleck-hat-wunscht-sich-keinen-crash","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wer-das-herz-am-rechten-fleck-hat-wunscht-sich-keinen-crash\/","title":{"rendered":"Wer das Herz am rechten Fleck hat, w\u00fcnscht sich keinen Crash"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;Das ist das Fazit von Robert Misik, der mir in seinem Podcast ein bisschen den Kopf zurecht ger\u00fcckt hat. Ich mag nicht alle seine Analysen, aber diesmal hat er quasi ins Schwarze getroffen (n\u00e4mlich mich, da passt dieses Wortspiel). Wer es sich selbst ansehen will:<\/p>\n<p>http:\/\/derstandard.at\/1324170167037\/Videocast-von-Robert-Misik&#8212;Folge-212-Wir-wollen-den-totalen-Finanz-Kollaps<\/p>\n<p>Kurz und knackig herbei geleitet: In einer Zeit, in der Blicke nach vorne weniger lustig sind als Blicke nach hinten und viele Grunds\u00e4ulen einer Kultur zusammenbrechen oder zumindest wackelig erscheinen, ist es einfach sehr schwer, optimistisch und voller Freude in die Zukunft zu blicken. Zus\u00e4tzlich sehe ich Entwicklungen, die auf etwas zuzusteuern scheinen und die mir missfallen.<br \/>\nUnd dann lese ich noch an jeder Ecke von kommenden oder in Wahrheit schon da seienden Krisen und \u00e4hnlichen Gebilden. Und ich sehe hamsterartige Weihnachtseink\u00e4ufe und Menschen, die ihr Geld ausgeben, statt es zu sparen. Das tut man \u00fcbrigens immer dann, wenn man nicht an eine gute Zukunft glaubt und das Vorhandene noch schnell in sich hinein stopfen will. Da das innere Aufnahmeverm\u00f6gen begrenzt ist, dient das erweiterte Konsum-Ich als Reserve-Auffangbeh\u00e4lter.<\/p>\n<p>Der Blick auf die in allen Medien st\u00e4ndig gezeigten Umweltkatastrophen macht es auch nicht einfacher und so taucht irgendwann das Bild auf: Hoffentlich ist das alles bald vorbei. Und nat\u00fcrlich &#8211; hier bleiben auch die schlimmsten Pessimisten Optimisten: Danach soll es besser weitergehen. In Form eines Neuanfangs, einer besseren, gerechteren, sch\u00f6neren, saubereren Welt.<\/p>\n<p>Was sagt die Geschichte? Gab es das jemals? Und vor allem: Gab es das jemals f\u00fcr alle, sprich: f\u00fcr den Gro\u00dfteil einer Bev\u00f6lkerung, einer Kultur?<\/p>\n<p>Diese Frage ist schon weitaus schwieriger, denn die Geschichtsschreibung ist hier stets verzerrend. Und vor allem wissen wir meist nicht, wie und wie viel verzerrt wurde. Letztlich bleibt aber folgende Frage offen: Lernen Gesellschaften aus Kataklysmen (Katastrophen) und Krisen? Ist das, was danach kommt, in der Entwicklung eine Stufe h\u00f6her, reifer, besser (im Sinne eines Hegelianischen Idealismus)? Oder beginnt es wieder von vorne, mit den gleichen Dummheiten, den selben Entwicklungen, hin zum n\u00e4chsten Knaller? Hat die Postmoderne die Wahrheit?<br \/>\nWas wurde aus dem Zusammenbruch des r\u00f6mischen Reichs gelernt? Was aus den Kreuzz\u00fcgen? Aus der gro\u00dfen Pest? Aus dem drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg? Aus der franz\u00f6sischen Revolution? Aus dem ersten und dem zweiten Weltkrieg? Aus dem Finanzkollaps von 2008? Was habe ich selbst aus meinem durchaus schweren Motorroller-Unfall 2009 gelernt?<\/p>\n<p>Was die Mayas, die Azteken, die Inkas, die Babylonier, die Armenier, die Buschm\u00e4nner und unz\u00e4hlige andere V\u00f6lker gelernt haben, wissen wir: Nichts, weil es sie nicht mehr gibt. Sie haben nicht einmal gelernt, wie man sich selbst vernichtet, weil es niemand mehr gab, der das lernen und als Wissen weitergeben konnte.<\/p>\n<p>Was wir gelernt haben, ist die Entwicklung von Methoden, mittels derer Wissen weiter gegeben werden kann. Wir haben heute die Medien dazu, das Wissen zu sammeln und zu konservieren, somit auch weiterzugeben. <\/p>\n<p>Die Frage ist nur: Was lernen wir daraus?<\/p>\n<p>In erster Linie scheinbar nur wenig, weil wir das Wissen nicht mit Methode sammeln und vor allem nicht auswerten. Zumindest erscheint mir das so. Selbst das Internet mit Clouds und Terabyte-Speichern etc. sammelt ungeordnet und der allergr\u00f6\u00dfte Teil besteht somit aus Wissen, mit dem wir nur schwer oder gar nicht etwas anfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Selbst wenn wir das k\u00f6nnten, wenn wir das Wissen von ein paar gescheiten und integren Menschen aufbereiten lassen, bedeutet das noch nicht, dass wir die Ergebnisse verwenden. Sie m\u00fcssten zuerst durch die politische Mangel und w\u00fcrden durch Einzel- und Gruppeninteressen hindurchgewaschen. Was dann noch \u00fcbrig bleibt, mag sich jede(r) selbst ausmalen. Und auch wenn dies funktioniert, m\u00fcssten Entscheidungsprozesse stattfinden und danach die passende Umsetzung. Das erscheint mir noch unwahrscheinlicher als das Lernen durch Katastrophen &#8211; die pr\u00e4gen sich wenigstens lange ein und wirken nach.<\/p>\n<p>Die Alternative ist somit das Lernen auf die harte Tour, sprich: durch Notwendigkeiten und Fakten. Das ist aber wiederum das Crash-Szenario. Und selbst hier handelt es sich leider m\u00f6glicherweise nicht um Lernprozesse, sondern einfach um Zyklen von Wachstum und Niedergang. Das ist zwar ein sehr nat\u00fcrliches Szenario, aber kein besonders erfreuliches, weil es viel Leid inkludiert. Das ist auch ein Fazit von Robert Misik: Wer auf die Krise hofft, ist frivol (im Sinne von leichtfertig und das hei\u00dft wiederum, dass es sich jemand leicht macht mit seinen Schlussfolgerungen).<\/p>\n<p>Die Psychologie dahinter ist interessant: Wer auf die Krise hofft, empfindet sich nicht als Teil derselben. Nat\u00fcrlich wissen auch die Krisenpropheten, dass sie mitten drin sind, aber sie f\u00fchlen sich in einer Schutzglocke, die sie gerne mit &#8222;Wahrheit&#8220; bezeichnen. &#8222;Wir haben es gewusst und deswegen kann uns jetzt nichts passieren&#8220; meinen sie. Warum glauben sie das? Haben sie wirklich vorgesorgt, besitzen sie die Rettungskapsel, die m\u00f6glicherweise einzig und allein aus ihrem Glauben gebaut ist? Haben sie die Weichen so gestellt, dass sie als Sieger, als \u00dcberlebende, als Profiteure aus der Krise emporsteigen? <\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, so einfach wird es nicht sein. Es gibt keine Inseln der Seligen und auch keine abgelegenen Bauernh\u00f6fe, auf denen man in selbst gestrickter Endzeitromantik und eben solchen Pullovern \u00fcberdauert. Dazu sind wir zu klein, zu global geworden. Es gibt weder R\u00fcckzugsgebiete noch gen\u00fcgend hohe Mauern. <\/p>\n<p>Wenn es eine echte Weltwirtschaftskrise gibt, dann trifft sie uns alle. Und selbst diejenigen, die es am wenigsten trifft, sind dann immer noch schlechter dran als jetzt. Das m\u00fcssten wir in Kauf nehmen. Niemand von uns kann sagen, ob und wie er am Ende rausgesp\u00fclt wird. Und wir m\u00fcssten auch in Kauf nehmen, dass es kein echtes Happy-End gibt, dass also (und auch das ist sein Fazit von Robert Misik) keine neue Gemeinsamkeit entsteht, auf der man einen neuen Staat aufbaut, der besser und gl\u00fccklicher ist als der jetzige. M\u00f6glicherweise reagieren in der Krise die Menschen so wie immer, n\u00e4mlich panisch um sich schlagend und alles rundherum in den Abgrund rei\u00dfend. Krieg w\u00e4re vielleicht der totale Krieg, der beim ersten Versuch noch verhindert werden konnte. Nur gibt es diesmal keine Amerikaner, die uns befreien k\u00f6nnen. Und auch sonst niemand auf dieser Welt. Und auf die Au\u00dferirdischen warten ist auch nicht unbedingt erfolgsversprechend, denn die hei\u00dfen m\u00f6glicherweise alle Godot.<\/p>\n<p>Was bleibt nun \u00fcbrig? Das friedliche Evolutions-Szenario scheint unm\u00f6glich, das Crash-Modell hingegen unerw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Ich versuche, eine Entwicklung zu skizzieren, durchaus in dem Bewusstsein, dass sie unglaublich viele unbekannte Variablen enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Erderw\u00e4rmung kommt, aber sie l\u00e4sst uns noch so viel Zeit, dass wir die wichtigsten Ma\u00dfnahmen treffen k\u00f6nnen. \u00d6l geht so langsam zu Ende, dass Alternativen entwickelt und ausgebaut werden k\u00f6nnen. Da Geld in erster Linie ein virtuelles Glaubensinstrument ist, kann es als solches ohne echten Realwirtschaftscrash reformiert und repariert werden. Etliche Ma\u00dfnahmen greifen und wir kommen dem Zusammenbruch gef\u00e4hrlich nahe, schlittern aber daran vorbei. Eine Weltwirtschaftsw\u00e4hrung entsteht, auch wenn das noch dauert.<br \/>\nDie Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder profitieren so stark von den neuen Technologien, dass ihre Kaufkraft unsere marode Wirtschaft rettet. Zugleich geht dies mit wesentlich gr\u00fcneren Methoden, als wir jetzt noch glauben. Auch die aufkeimende Demokratieentwicklung greift und zieht die \u00fcbrig bleibenden Diktaturen mit sich. Die Korruption sinkt, der Wohlstand steigt und die Bev\u00f6lkerungsexplosion kommt zu einem Stillstand. Wir k\u00f6nnen die 10 Milliarden Menschen gerade noch so lange ern\u00e4hren, bis sich die Menschheit auf einem niedrigeren Niveau einpendelt. <\/p>\n<p>Alles in allem w\u00e4re das erstens ein reizvolles, zweitens ein friedliches und drittens ein durchaus herausforderndes Szenario. Und eigentlich auch ein Lerneffekt. Sogar f\u00fcr die ganze Menschheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;Das ist das Fazit von Robert Misik, der mir in seinem Podcast ein bisschen den Kopf zurecht ger\u00fcckt hat. Ich mag nicht alle seine Analysen, aber diesmal hat er quasi ins Schwarze getroffen (n\u00e4mlich mich, da passt dieses Wortspiel). 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