{"id":789,"date":"2011-12-28T20:54:50","date_gmt":"2011-12-28T19:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=789"},"modified":"2011-12-28T20:56:19","modified_gmt":"2011-12-28T19:56:19","slug":"peter-kruse-zum-thema-soziale-netze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/peter-kruse-zum-thema-soziale-netze\/","title":{"rendered":"Peter Kruse zum Thema Soziale Netze"},"content":{"rendered":"<p>Endlich ein alter Mann mit Bart! So der erste Gedanke. Dann zeigt sich: Der ist gar nicht alt, zumindest nicht im Kopf. Ich habe sowohl eine kurze Rede (Peter Kruse (D) auf YouTube zum Thema soziale Netze &#8211; Internet zu Gast beim Dt. Bundestag am 5. Juli 2010) als auch seinen halbst\u00fcndigen Auftritt auf der re:publika 2010 zusammengefasst und kommentiert (meine Kommentare kursiv).<\/p>\n<p>Steigen wir gleich ein:<\/p>\n<p>Wenn wir uns das INternet mit dem Web 2.0 ansehen, dann ist der Vergleich mit einer Revolution durchaus angebracht:<\/p>\n<p>1.) Extrem hohe Dichte eines neuen Netzes,<br \/>\n2.) extrem hoher Austausch und extrem hohe Spontanreaktionen,<br \/>\n3.) plus kreisende Erregungen im Netzwerk (Re-Twitter-Funktion).<\/p>\n<p>Das fu\u00dft auf Bed\u00fcrfnissen der Menschen:<br \/>\n1.) Informationssammlung<br \/>\n2.) Spuren hinterlassen<br \/>\n3.) zu Bewegungen zusammenschlie\u00dfen = m\u00e4chtig werden.<\/p>\n<p>Ergebnis: Hochschaukelung, das System wird m\u00e4chtig und nicht vorhersehbar \u2013 weil nicht linear, der Schmetterlingseffekt steht dazwischen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Es entsteht eine grundlegende Verschiebung der Machtverh\u00e4ltnisse vom Anbieter zum Nachfrager.<br \/>\nGro\u00dfe Firmen etwa verlieren binnen ganz kurzer Zeit stark an Sympathie und Image, vor allem, wenn sie falsch reagieren und das neue System mit alten Mitteln bek\u00e4mpfen. Kruse: Umsatzr\u00fcckgang kann man nicht mehr durch die Erh\u00f6hung von Werbemitteln oder Preissenkung wettmachen \u2013 der Dialog mit dem Kunden ist notwendig und meist neu zu lernen.<\/p>\n<p>Vorhersehbarkeit geht daher nur mehr durch Empathie \u2013 der Wahrnehmung dessen, was zur Zeit resonanzf\u00e4hig ist im System. Wenn man einigerma\u00dfen nah dran ist an den Menschen und am Markt, dann kann man ein Gef\u00fchl bekommen f\u00fcr die Resonanzmuster der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Folge: Wir bekommen einen extrem starken Mitarbeiter, B\u00fcrger und Kunden.<\/p>\n<p>Internet-Thesen von Peter Kruse:<\/p>\n<p><strong>1.) Die Sch\u00e4rfe des Disputes pro und contra Internet ist Indikator f\u00fcr unzureichend reflektierte Wertedifferenzen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Diese Werte werden vom limbischen System gesteuert und interpretieren blitzschnell alle Alltagssituationen. Sie st\u00fclpen feste, fr\u00fch entstandene Werte \u00fcber und bauen so Stress ab (\u201eAh, das ist das also&#8230;\u201c \u201eDas ist X, das kenne ich \u2013 mag ich \u2013 mag ich nicht etc.\u201c). \u00c4hnlich k\u00f6nnen wir das Ph\u00e4nomen interpretieren, dass sich 90 % aller Autofahrer zu den 10 besten Prozent rechnen. Mathematisch geht as nicht, aber wenn wir das nicht t\u00e4ten, k\u00f6nnten wir nicht mehr Auto fahren, weil wir st\u00e4ndig \u00fcber unsere eigene m\u00f6gliche Inkompetenz stolpern w\u00fcrden.<br \/>\n<\/em><br \/>\nSpannender sind aber die kulturellen Wertewelten \u2013 also sozusagen das limbische System einer Gesellschaft.<br \/>\nEine Untersuchung ergab, dass sich die Wertesysteme bezogen auf das Internet in zwei Welten spalten: Die \u201eDigital Visitors\u201c finden das Netz gut, Freundschaften orten sie dort aber nicht. Die \u201eDigital Residents\u201c finden das Netz auch gut, legen ihre Pr\u00e4ferenzen punkto echten Freundschaften aber auch genau dort hinein. Fazit: Wenn diese beiden Gruppen \u00fcber \u201eFreunde im Internet\u201c reden, kommen sie zwangsl\u00e4ufig in einen Konflikt, und zwar wegen der hinter den Ph\u00e4nomenen und Gegebenheiten steckenden Wertewelten, die sich unterscheiden.<br \/>\nZur Erkl\u00e4rung: Die Visitors finden die Aktivit\u00e4ten (Flashmobs organisieren, Online-Petitionen, Twittern etc.) bezogen auf das Internet zwar wichtig, m\u00f6gen sie aber nicht, sie widersprechen ihren dahinter verankerten Werten.<\/p>\n<p>Die Untersuchung ergab, dass die beiden Gruppen in allen Altersschichten etwa gleich verteilt sind!<\/p>\n<p><strong>2.) Die Ver\u00e4nderungen durch das Internet sind systembedingt und daher au\u00dfer durch Abschaltung des Netzwerkes nicht zu stoppen.<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<em>Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn das bedeutet: Die Gesellschaft hat das Internet erzeugt, weil sie es braucht, so wie ein Landlebewesen eine Lunge hat, um zu atmen, und keine Kiemen.<br \/>\nDas l\u00e4sst das Gedankenspiel biomorpher Strukturen in Gesellschaften reizvoll erscheinen. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft verh\u00e4lt sich in gewisser Weise wie ein Organismus, wie ein Lebewesen sozusagen.<br \/>\nWir k\u00f6nnen das gut bei Ameisen oder Termiten, aber auch bei Fischschw\u00e4rmen beobachten, wo Einzeltiere so gut in ein Gesamtsystem integriert sind, dass sie quasi automatisch so reagieren, wie es f\u00fcr das System am besten ist. Das dahinter sichtbare Ziel ist das \u00dcberleben des Systems durch m\u00f6glichst gute Anpassung an die \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten. Das \u00dcberleben der Individuen steht dazu in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis (eigentlich in einem aporetischen, aber die genauen Ausf\u00fchrungen dazu erspare ich den mir sonst nicht mehr so geneigten LeserInnen) \u2013 mit anderen Worten: sie widersprechen sich und bedingen einander und sind beide notwendig. Es kann die einzelne Termite nicht ohne ihren Staat \u00fcberleben und der Staat nicht ohne die einzelne Termite. Das Verh\u00e4ltnis erscheint leicht verschoben, denn es muss nur EIN Staat zugrunde gehen, damit alle Individuen sterben. Wenn jedoch ein Individuum stirbt, geht der Staat nicht zugrunde. Das l\u00e4sst den vorl\u00e4ufigen (!) Schluss zu, dass der Staat (die Gemeinschaft, die Gesellschaft&#8230;) das wichtigere System ist. Es l\u00e4sst aber auch den ebenso vorsichtigen Schluss zu, dass Individuen nicht einen ganzen Staat beherrschen sollten.<br \/>\nDas Ph\u00e4nomen, warum Menschen trotzdem gerne einen allm\u00e4chtigen F\u00fchrer in Form eines Einzelwesens f\u00fcr alle Entscheidungen erschaffen, f\u00fchrt in eine andere Diskussion, hat aber meiner Meinung nach mit einer leicht pervertierten \u00dcberbewertung (inklusive der dazu passenden Wehleidigkeit) des Individuums zu tun. Aber vielleicht geh\u00f6rt das ja auch zur menschlichen Entwicklung.<\/em><\/p>\n<p>Kruse f\u00fchrt hier die oben erw\u00e4hnten Faktoren noch einmal genauer aus:<\/p>\n<p><strong>Drei zentrale Faktoren zur Wirkungssteigerung in Netzwerken:<\/strong><\/p>\n<p>1.) Die Zahl der Netzknoten und deren Verbindungen (hohe Koppelungsdichte)<br \/>\n2.) Der Grad der Spontanaktivit\u00e4t der Knoten im Netz (starkes Grundrauschen)<br \/>\n3.) Das Vorhandensein l\u00e4nger kreisender Erregungen (dynamische Engramme)<\/p>\n<p>In diesem System ist Selbstaufschaukelung ein Basisprinzip: Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Autokatalyse durch emotionale Resonanzen.<\/p>\n<p><em>Das mit den emotionalen Resonanzen ist so eine Sache. Es handelt sich hier um einen Begriff aus der Systemtheorie, ich erkl\u00e4re es aber ein wenig anders: Das Bauchgef\u00fchl gewinnt wieder an Bedeutung. Spontane Reaktionen (und manche Wissenschafter behaupten, \u00fcberhaupt alle Entscheidungen) werden nicht rational und bewusst getroffen bzw. finden auf diese Weise statt. Das entm\u00fcndigt uns \u00fcbrigens nicht, aber das ist ein anderes Thema. Die unglaubliche Vielzahl und Differenziertheit der Informationen, die wir st\u00e4ndig bekommen, l\u00f6st Schutzmechanismen aus. Der frontale Kortex ist derjenige Gehirnteil, der in der Evolution als letztes hinzugekommen ist. Dort sitzt die Vernunft. Unter Stress (auch z. B. bei \u00dcberinformation) schaltet er sich weg, weil der K\u00f6rper die Gehirnteile in umgekehrter Reihenfolge ihrer Entstehung abschaltet. Unter Stress kann man nicht mehr klar denken, heisst das.<\/p>\n<p>Also bleibt die emotionale Entscheidung.<\/p>\n<p>Autokatalyse ist die positive R\u00fcckkoppelung, also in diesem Falle die Aufschaukelung.<\/em><\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zur n\u00e4chten These:<\/p>\n<p><strong>3.) Die Social Software des Web 2.0 ist ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken.<\/strong><\/p>\n<p>Handlungsmotive von Einzelnen haben schon in der Vergangenheit immer nach Netzwerken gesucht, die ihre M\u00f6glichkeiten aufschaukeln (Macht der Massenmedien). Jetzt suchen wir nicht mehr das Netzwerk, meint Kruse, sondern ES sucht UNS. <\/p>\n<p><em>Das w\u00fcrde wiederum f\u00fcr meine These des biomorphen Struktur sprechen, die sich im Organismus quasi als neues, wichtiges Organ verankert, seinen Platz sucht.<\/em><\/p>\n<p>Kruse legt noch eine Hypothese drauf:<\/p>\n<p><strong>4.) Das Internet f\u00fchrt zur Erh\u00f6hung des Selbst-Bewusstseins der Gesellschaft. Eine Re-Politisierung jenseits der Parteien ist nur konsequent.<\/strong><\/p>\n<p><em>Das Spannende daran: Die Menschen sind nicht unbedingt prinzipiell politisch uninteressiert oder faul \u2013 sie wollen nur eine neue Form der Politik. Die alte Form d\u00fcrfte die Notwendigkeiten unserer Welt nicht mehr abdecken. Dass das die Politiker als letzte Gruppe erkennen, ist jedoch interessant, wenn es auch nicht sehr verwunderlich erscheint, da ihr Muster die Reaktion und nicht die Aktion ist.<\/em><\/p>\n<p>Die Musterbildung im Netz, so erg\u00e4nzt Kruse, ist nur von denen durchschaubar, die auch mitten drin sind.<br \/>\nKruse leitet Handlungsparameter ab:<\/p>\n<p>1.) schnell und expansiv auch ohne Unterst\u00fctzung der alten Medien<br \/>\n2.) penetrant und dauerhaft ohne R\u00fcckgriff auf etablierte Strukturen<br \/>\n3.) schlagkr\u00e4ftig und organisiert ohne Hierarchie und F\u00fchrungsanspr\u00fcche<\/p>\n<p><em>Das wird m\u00f6glicherweise nur schwer zu schaffen sein und ev. nur in Schritten gehen. Hierarchie etwa steckt so tief in uns drin, dass es wahrscheinlich mehrere Generationen braucht, um neue kollektive Ordnungsprinzipien zu entwickeln. Als Gruppendynamiker darf ich hinzuf\u00fcgen: Wir kennen sie noch nicht!<\/em><\/p>\n<p>Kruse bringt den Satz von Max Winde (auf Twitter): Die sozialen Netze werden die Politik ver\u00e4ndern. Ihr werdet euch noch w\u00fcnschen wir w\u00e4ren politikverdrossen.<\/p>\n<p>Und er gibt noch einen Tipp: Vergessen Sie Expertengremien \u2013 wenn Sie sich \u00fcber das Netz unterhalten, dann tun Sie es bitte im Netz.<\/p>\n<p>Seine letzte Hypothese lautet daher:<\/p>\n<p><strong>5.) Die Lawine donnert bereits zu Tal. \u00dcberzeugungsarbeit ist nicht notwendig. Und bist Du nicht willig, so brauch ich&#8230; Geduld!<\/strong><\/p>\n<p>Und er meint: Entspannt zur\u00fccklehnen! Denn diese Systeme werden eine Dynamik bekommen, aufgrund derer wir es uns gar nicht leisten k\u00f6nnen, sie nicht entsprechend zu beachten.<\/p>\n<p><em>Ich erg\u00e4nze, was mir daher notwendig erscheint:<\/p>\n<p>1.) Das Social Web kritisch hinterfragen, um seine Grenzen kennen zu lernen und die darin m\u00f6glicherweise verborgenen Perversit\u00e4ten und Grenz\u00fcberschreitungen (Kinderpornographie, Mobbing etc.) beschreiben und bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>2.) Die Kontrolle vieler (Wikipedia-Modell) \u00fcber die Kontrolle Einzelner (staatliche Zensur) stellen. Das erfordert Mut und Risikobereitschaft.<\/p>\n<p>3.) Durch die F\u00f6rderung lokaler, nachhaltiger Energieerzeugung die Aufrechterhaltung der Knoten gew\u00e4hrleisten. Parallel dazu der Ausbau demokratischer Strukturen in den Regionen und auf lokaler Ebene (Gemeinden etc.). Dezentral kontrollierte Netze k\u00f6nnen nicht abgeschaltet werden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich ein alter Mann mit Bart! So der erste Gedanke. Dann zeigt sich: Der ist gar nicht alt, zumindest nicht im Kopf. 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