{"id":879,"date":"2012-04-02T15:29:52","date_gmt":"2012-04-02T14:29:52","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=879"},"modified":"2012-04-02T15:29:52","modified_gmt":"2012-04-02T14:29:52","slug":"bunker-cities-und-gated-communities","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bunker-cities-und-gated-communities\/","title":{"rendered":"Bunker Cities und Gated Communities"},"content":{"rendered":"<p>Bunker Cities<\/p>\n<p>Sie werden auch \u201eGated Communities\u201c genannt und sind derzeit weltweit im Aufschwung: Wohnviertel f\u00fcr Reiche, mittels hoher Z\u00e4une, Elektronik und Wachpersonal gegen Gefahr von au\u00dfen abgesichert.<\/p>\n<p>Je weniger ein Staat auf das Gemeinwohl achtet, desto h\u00f6her werden die Mauern und Z\u00e4une der Bunker Cities.<\/p>\n<p>Die einen sind reich, die anderen arm. Die einen sind wenige, die anderen sind viele.<\/p>\n<p>Das Problem: Zum Arbeiten m\u00fcssen die Reichen ihre Hochsicherheitszonen verlassen.<\/p>\n<p>Das 21. Jhd. wird als ein Jahrhundert der Mauern in die Geschichte eingehen. Diese Entwicklung ist in vollem Gange.<\/p>\n<p>Besonders in denjenigen Gebieten auf dieser Welt, in denen es sehr viele Menschen und eine extrem gro\u00dfe soziale Kluft gibt, entstehen die Bunker Cities.<\/p>\n<p>\u2022\tS\u00fcdamerika \u2013 etwa in Rio<br \/>\n\u2022\tS\u00fcdafrika \u2013 etwa in Johannesburg oder Kapstadt<br \/>\n\u2022\tIndien<br \/>\n\u2022\tRussland<br \/>\n\u2022\tUSA &#8211; Florida und Kalifornien<\/p>\n<p>Beispiel 1: Frankreich \u2013 Mirail in Toulouse<\/p>\n<p>Es w\u00e4re falsch, das System zu verteufeln oder alles in einen Topf zu werfen. Der Beginn verl\u00e4uft stets nach dem Muster der Ghettoisierung, d.h. die Mischung der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung l\u00f6st sich auf, einzelne Gruppen (in Frankreich z.B. die Nordafrikaner) werden gr\u00f6\u00dfer, \u00fcbernehmen H\u00e4userbl\u00f6cke, Stra\u00dfenz\u00fcge und letztlich ganze Viertel. Diejenigen Menschen, die urspr\u00fcnglich dort gelebt haben, ziehen weg. Zuerst gehen die Sensiblen, aber ganz zum Schluss auch die Robusten, die eigentlich um jeden Preis bleiben wollten. Selbst sie f\u00fchlen sich dann nicht mehr wohl.<\/p>\n<p>Diejenigen, die weg gehen, m\u00fcssen irgendwohin. Sie ziehen manchmal in die harmlose Form der Gated Communities und bilden dort neue Gemeinschaften. Diese zeichnen sich einerseits durch echtes Zusammenleben (Nachbarschaftshilfe, Treffen, Aufeinander schauen etc.) aus, andererseits durch eine gewisse Abgrenzung nach au\u00dfen, etwa durch interne Regeln, die befolgt werden m\u00fcssen. Das betrifft meist die L\u00e4rmentwicklung, kann aber auch so restriktiv werden, dass sogar die Anzahl der Balkonpflanzen streng reglementiert ist.<\/p>\n<p>Man schafft sich neue Orte des sozialen Friedens, der in dem Viertel, in dem man ursp\u00fcnglich gelebt hat, nicht mehr existiert. Die dortigen Verh\u00e4ltnisse empfindet man als feindselig und anarchisch. Dieser Nicht-Ordnung setzt man die \u00fcbertriebene Ordnung der Bunker Cities entgegen.<\/p>\n<p>Diese Form hat mit Reichtum nichts zu tun, es sind die Menschen der Mittelschicht, die sich nach Oasen der Ruhe sehnen und sich daher in solchen Communities zusammen schlie\u00dfen. Selbstverst\u00e4ndlich zahlt man einen Preis, etwa den der massiv gestiegenen \u00dcberwachung \u2013 es gibt Videokameras an jedem Eck und man zahlt f\u00fcr Security.<\/p>\n<p>Beispiel 2: Lake View, Nairobi<\/p>\n<p>Die Hauptstadt von Kenia w\u00e4chst und gedeiht. Das f\u00fchrt ebenfalls zu sozialen Spannungen, denn es gibt eine immer reicher werdende Oberschicht aus Wei\u00dfen, Kenianern und Indern, aber auch eine st\u00e4ndig wachsende Armut, die sich in Slumbildung widerspiegelt.<br \/>\nDaher entstehen auch in Nairobi in den Au\u00dfenvierteln Gated Communities und \u201eLake View\u201c ist eine davon. In der Mitte ist ein k\u00fcnstlicher See, der von 12 Parzellen umgeben ist. Das Areal wurde von einer indischen Familie (Sanghani) gekauft und angelegt. Davor war dort ein Sumpfgebiet.<br \/>\nLake View hat rund um die Parzellen noch weitere Grundst\u00fccke und alle zusammen sind von einer Mauer umgeben. Es gibt nur eine Einfahrt und diese ist mit Schranken und Sicherheitspersonal versehen. <\/p>\n<p>Im Gegensatz zu anderen Gated Communities ist Lake View relativ offen, somit auch relativ ungesch\u00fctzt, aber auch weniger goldener K\u00e4fig. Es gibt keine Videokameras, keine umherstreifenden Hundestaffeln, keinen Stacheldraht und sogar die Mauer ist eigentlich ein Zaun mit hoher Hecke.<\/p>\n<p>Aber es wohnen nur reiche Menschen dort: Diplomaten, Gesch\u00e4ftsleute, der spanische Botschafter. Bettler und andere Menschen, die dort nicht wohnen und auch nichts anliefern oder sonst wie beruflich zu tun haben, d\u00fcrfen nicht hinein.<\/p>\n<p>Beispiel 3: Die Condominios in Rio de Janeiro, Brasilien<\/p>\n<p>Allein schon der Name ist Programm \u2013 wie ein Kondom sch\u00fctzt es vor Ansteckung und trennt, was eigentlich so gerne vereint w\u00e4re. Auf der anderen Seite sind die Favelas, mit armen Leuten, Drogen, Gangs und sonst noch allem, was man gerne nicht in seiner N\u00e4he h\u00e4tte.<br \/>\nEs ist aber in der N\u00e4he der Condominios, und es verursacht st\u00e4ndige Angst und weitere Aufr\u00fcstung, die Mauern werden sozusagen st\u00e4ndig h\u00f6her gezogen.<\/p>\n<p>Das ist einerseits verst\u00e4ndlich, denn die Armen w\u00fcrden sich nur zu gerne bei dem Vielen bedienen, das die Reichen haben (oft zu viel haben?).<br \/>\nAndererseits beschleicht die Menschen hinter den hohen Mauern hin und wieder der Verdacht, dass sie in einem goldenen K\u00e4fig leben und dass eigentlich sie die Eingesperrten sind, und nicht diejenigen, die nach ihrem Rechtsempfinden eingesperrt geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Es ist eine k\u00fcnstliche Trennung, herbeigef\u00fchrt durch die Einf\u00fchrung des Unterschieds zwischen \u201earm\u201c und \u201ereich\u201c, die uns heute schon so selbstverst\u00e4ndlich erscheint.<\/p>\n<p>Die Gated Communities, die Bunker Cities trocknen aus. Damit ist nicht gemeint, dass sie kein Wasser mehr haben, denn das k\u00f6nnen sie sich mit dem vielen Geld kaufen, sondern sie trocknen sozial aus. Die Menschen verdorren innerlich und manche w\u00fcnschen sich, dort wieder wegziehen zu k\u00f6nnen \u2013 irgendwo hin, wo man leben kann. <\/p>\n<p>Beispiel 4: Die Gated Communities in Indien<\/p>\n<p>Es sieht aus wie in einem Bollywood-Film und das soll es auch, denn es simuliert eine heile Welt. Sch\u00f6ne, reiche Menschen schlendern sorglos \u00fcber Blumenwiesen, dahinter allerdings befindet sich eine hohe Mauer mit Stacheldraht und Selbstschuss-Anlage. In Indien ist die Kluft arm-reich besonders krass und entsprechend extrem sind auch die gesch\u00fctzten Areale. Aber auch hier besteht das Problem, dass die Menschen zum Arbeiten hinausfahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Beispiel 5: USA, Florida und Kalifornien<\/p>\n<p>In diesen beiden Bundesstaaten gibt es die meisten Areale dieser Art in den USA. Hier herrschen im Gegensatz zu Indien nicht Protz und Prunk, sondern alles dreht sich um die Ordnung. Wer in der Fr\u00fch sein Garagentor offen l\u00e4sst, nachdem er hinausgefahren ist, riskiert eine Strafe. Die Anordnung, Anzahl und Art der B\u00fcsche im Vorgarten ist genau geregelt und darf keinesfalls anders aussehen. Die gesamte Welt wirkt extrem k\u00fcnstlich und hier ist wohl der Begriff des Goldenen K\u00e4figs am ehesten angebracht, wenngleich es auch in Indien mehr Gold gibt.<br \/>\nIm Dokumentarfilm wird gezeigt, wie ein r\u00fcstiger Herr im besten Alter dieses Leben nicht mehr aush\u00e4lt. Er zog in die Gated Community, weil seine Frau es so wollte. Jetzt f\u00e4hrt er einmal pro Tag mit dem Rennrad hinaus, um weite Touren zu unternehmen. Sonst w\u00fcrde er es drinnen nicht aushalten, meint er. Und er w\u00fcrde gerne wieder wegziehen. Das ist f\u00fcr ihn nicht das Amerika der Freiheit, die er so liebt.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich gut der alte Widerspruch: Wer zu viel Freiheit (in USA: des Marktes, was auch immer das dann genau ist) fordert, bekommt wie bei einem Boomerang die Rechnung serviert, und sie hei\u00dft Ordnung und Kontrolle.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>In gewisser Weise d\u00fcrfen wir beruhigt sein \u2013 die Gated Communities sind ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen. Sie werden in der Welt der Zukunft entweder sinnlos sein, oder sie werden \u00fcberrollt von der Menschenmaschine, die dann alles niederwalzen wird. So hoch k\u00f6nnen die Mauern gar nicht sein, so dichte Grenzen gibt es nicht, dass sich solche Unget\u00fcme mittelfristig halten k\u00f6nnen. Sie sind ein Menetekel, ein Mahnmal, dass wir uns dringend um einen Fortschritt in unserem Gesellschaftssystem k\u00fcmmern sollten, bevor er von alleine entsteht, dann wahrscheinlich unkontrollierbar.<\/p>\n<p>Quellen: Doku-Film \u201eBunker Cities\u201c von Paul Moreira, 2011<br \/>\nDoku-Film \u201eAuf der sicheren Seite\u201c von Corinna Wichmann, 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bunker Cities Sie werden auch \u201eGated Communities\u201c genannt und sind derzeit weltweit im Aufschwung: Wohnviertel f\u00fcr Reiche, mittels hoher Z\u00e4une, Elektronik und Wachpersonal gegen Gefahr von au\u00dfen abgesichert. 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