{"id":916,"date":"2012-07-13T07:29:06","date_gmt":"2012-07-13T06:29:06","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=916"},"modified":"2012-07-13T07:29:06","modified_gmt":"2012-07-13T06:29:06","slug":"mein-neues-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/mein-neues-leben\/","title":{"rendered":"Mein neues Leben"},"content":{"rendered":"<p>Zugegeben &#8211; der Titel wird nicht halten, was er verspricht. Aber ich bem\u00fche mich.<\/p>\n<p>Neulich im Vorfeld unserer Veranstaltung &#8222;Besser statt mehr &#8211; Perspektiven und Chancen einer Postwachstums-\u00d6konomie (PW\u00d6)&#8220; hatte ich ein Gespr\u00e4ch mit meinem Kollegen Stefan und wie \u00fcblich kamen wir auch auf das Thema Vespa-Basteln.<br \/>\nSein Kommentar: &#8222;Du machst eigentlich schon das, was wir vielleicht in Zukunft alle machen werden: Du arbeitest da und dort, f\u00fcr verschiedene Auftraggeber, hast kein oder nur ein geringes regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen und bist in vielen verschiedenen Bereichen t\u00e4tig: Motivforschung, Training, Organisationsentwicklung, Vespas Restaurieren, bei der Gr\u00fcnen Wirtschaft, B\u00fccher schreiben etc.&#8220;<\/p>\n<p>Aufgrund dieses Gespr\u00e4chs habe ich begonnen nachzudenken und das m\u00fcndet manchmal in einem Vordenken. Das Ergebnis deckt sich mit den Annahmen der PW\u00d6 und geht dar\u00fcber hinaus, als Philosoph darf ich noch etwas freier denken als die \u00d6konomen und Naturwissenschafter: <\/p>\n<p>1.) Unsere Wirtschaft wird sich ver\u00e4ndern und damit unser Leben. Das gilt f\u00fcr fast alle Mitglieder einer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wirtschaft hat sich immer ver\u00e4ndert, aber es wird einen Paradigmenwechsel geben und er wird ein recht radikales Umdenken notwendig machen. Das wird alle wichtigen Bereiche unseres Lebens betreffen und fast alle Menschen. Selbst diejenigen, die jetzt schon in einer Art PW\u00d6 und somit &#8222;modern&#8220; leben (auch wenn uns das derzeit noch als veraltet vorkommt) werden nicht unber\u00fchrt bleiben. Die Aussage meiner Freunde, &#8222;Du und die Gr\u00fcnen, ihr wollt ja nur, dass wir in Zukunft alle wieder in Lehmh\u00fctten leben&#8220; l\u00e4sst mich kalt, Lehm ist ein sensationeller, umweltfreundlicher, klimaaktiver, billiger und stets vorhandener Baustoff und hat sicher Zukunft.<\/p>\n<p>2.) Die Ver\u00e4nderung wird global sein.<\/p>\n<p>Randgebiete und die dort lebenden Menschen werden etwas weniger betroffen sein, am st\u00e4rksten wird man es in den gro\u00dfen St\u00e4dten merken, denn die sind erstens nicht direkt an den notwendigen Ressourcen (deswegen entstehen gerade in New York City gerade so viele Projekte im Community Gardening) und zweitens brauchen sie besonders viel davon.<\/p>\n<p>3.) Sie kommt entweder schnell und heftig oder etwas langsamer.<\/p>\n<p>Alle, auch die Postwachstums\u00f6konomen haben Angst vor einem gro\u00dfen Knall, der weder in seiner Quantit\u00e4t (Ausma\u00df) noch in seiner Qualit\u00e4t (von \u00d6lkrise bis Weltkrieg) vorhersehbar ist. Von der Theorie, dass die Krise vor allem dann kommt, wenn man sie &#8222;herbeiredet&#8220;, halte ich nichts. Diese Ansicht wirkt pervers angesichts der hemmungslosen Ressourcenverschwendung, die fast global zu sp\u00fcren ist. Das einzige Argument, das hier noch zu h\u00f6ren ist, lautet: &#8222;Die Technik wird sich so schnell weiterentwickeln und wir (wer eigentlich?) werden so tolle Dinge und Techniken und Verfahren entwickeln, dass es ohne Bruch gut weitergehen wird.&#8220;<br \/>\nWie diese Techniken aussehen, kann von den Anh\u00e4ngern der Theorie &#8222;Der (Technik-)Papa wird\u00b4s scho richten&#8220; auch niemand sagen. Man vertraut auf m\u00f6gliche Erfindungen, die uns retten &#8211; das ist mir zu wenig.<\/p>\n<p>4.) Es geht um Energie<\/p>\n<p>Wie auch immer man es betrachtet, das Thema Energie steht immer im Vordergrund, sowohl bei den Ressourcen als auch bei der Umweltverschmutzung, dem Verkehr, der industriellen Produktion, der Landwirtschaft, dem Klima etc. Letztlich ist alles eine Energiefrage, vielleicht wurde ja deswegen der Heilsversprechung der Atomenergie so viel Geld in den Rachen geworfen &#8211; sie haben eine endg\u00fcltige L\u00f6sung der Energiefrage versprochen. Den Preis daf\u00fcr haben sie uns nicht verraten, aber inzwischen kennen wir ihn.<\/p>\n<p>5.) Durch die richtigen Schritte k\u00f6nnen wir die Ver\u00e4nderung weder aufhalten noch verhindern, wir k\u00f6nnen nur den Weg frei r\u00e4umen bzw. den Fall d\u00e4mpfen. Das ist auch das Fazit der Postwachstums\u00f6konomie, vor allem der Spezialisten aus Oldenburg. Daher m\u00fcssen wir uns \u00fcberlegen, wie es danach weiter geht, gut weiter geht. <\/p>\n<p>Mein Idealszenario: Ein Weltw\u00e4hrung, die den globalen Handel sowie die Vernetzung erm\u00f6glicht. Dazu lokale Komplement\u00e4rw\u00e4hrungen, die zueinander unabh\u00e4ngig sind und den Handel vor Ort gew\u00e4hrleisten. Die Verwaltungen sind ebenfalls national-global und regional-lokal. In \u00d6sterreich kann man die Bundesl\u00e4nder weitgehend abschaffen, offiziell k\u00f6nnen sie aus sentimentalem Lokalkolorit und f\u00fcr den Tourismus erhalten bleiben. Landeshauptleute sind Repr\u00e4sentationsfiguren ohne jede Macht, Bierzeltclowns, das reicht.<br \/>\nWeltweite Vernetzungen werden auf weit h\u00f6herem Niveau stattfinden als jetzt, der Lokalb\u00fcrger wird zugleich Weltb\u00fcrger sein, wenngleich mehr auf virtueller Ebene, weil den derzeitigen Flugverkehr wird es nicht mehr geben. Wer nach Afrika reisen will, braucht eben mehr Zeit. Die haben wir dann auch, weil der wahnsinnige Druck wegf\u00e4llt, den wir uns mit dem derzeitigen Produktionsirrsinn selbst schaffen. Druck ist immer Zeitdruck, oder fast immer. Hier folge ich den Ideen der PW\u00d6, die neue Arbeitsmodelle proklamiert: 20 Stunden klassische Erwerbsarbeit, etwa als Angestellter in einer Firma, der Rest f\u00fcr andere T\u00e4tigkeiten, die meist auch Arbeit sind. Hier erfolgt dann die Bezahlung in der Komplement\u00e4rw\u00e4hrung, etwa in Zeitaustauschmodellen oder \u00e4hnlichem.<\/p>\n<p>Wir werden weit weniger Produkte produzieren als jetzt und auch hier habe ich ein Idealszenario: Es werden genau die Produkte wegfallen, die wir jetzt schon nicht brauchen, sondern nur kaufen, weil sie der Nachbar auch hat oder weil uns fad ist oder Konsumrausch es uns erm\u00f6glicht, den Kopf so vollzubrummen, dass wir \u00fcber nichts anderes nachdenken k\u00f6nnen und daher auch nicht m\u00fcssen. Es gibt auf jeden Fall gen\u00fcgend Ressourcen auf dieser Welt, um alle Menschen zu ern\u00e4hren und ihnen ein durchaus gutes Leben auf hohem Niveau zu erm\u00f6glichen. Mag sein, dass dann nicht mehr vier Leute mit f\u00fcnf Autos auf den Golfplatz fahren k\u00f6nnen. Diesen Preis werden wir bezahlen k\u00f6nnen, auch wenn einige jammern werden.<\/p>\n<p>Ja, es wird gravierende soziale Ver\u00e4nderungen geben. Die derzeit sich immer noch stark \u00f6ffnende Schere arm-reich wird sich wieder schlie\u00dfen, schlie\u00dfen m\u00fcssen. Die Reichen k\u00f6nnen sich aussuchen, wie das geschieht, diese Wahl haben sie. Ich erinnere mich an die alte Gerechtigkeitsgeschichte, bei der die Mutter einen Kuchen zwischen zwei Kindern aufteilen muss. Sie l\u00e4sst das erste Kind teilen und das zweite aussuchen. Genau so wird es aussehen, die Reichen werden teilen d\u00fcrfen und die Armen aussuchen. <\/p>\n<p>Wie immer wird es Gewinner und Verlierer geben und es ist nicht klar, wer wo dabei sein wird. Das erinnert mich ein wenig an die &#8222;Theorie der Gerechtigkeit&#8220; des amerikanischen Philosophen John Rawls, der das Modell des &#8222;Schleier des Nichtwissens&#8220; erschaffen hat: In einer Art virtuellem Raum treffen Menschen vor ihrer Geburt aufeinander und m\u00fcssen gemeinsam (und dann nat\u00fcrlich jeder f\u00fcr sich) entscheiden, wer in welcher Rolle geboren wird. Sie wissen aber nicht, was jeder sein wird &#8211; wie schnapsen sich die ein Modell aus? Rawls meint, dann w\u00e4re es ein gerechtes Modell. Er hat eine gute Theorie erschaffen, allerdings nicht mit einer menschlichen Eigenschaft gerechnet: dem Hasardieren (&#8222;Ich werde m\u00f6glicherweise ein armer Schlucker, aber das Risiko geh ich ein, vielleicht werde ich ja Million\u00e4r.&#8220;)<\/p>\n<p>Sicherheit wird haupts\u00e4chlich definiert durch Vielfalt und Vernetzung. Das ist \u00fcbrigens jetzt schon so, da die klassischen Sicherheiten ohnehin schon weggebr\u00f6ckelt sind (Kirche, Familie, Job, Geld, Energie, Rohstoffe&#8230;), nur merken es noch nicht viele. Ich habe aber das Gef\u00fchl, dass es viele schon sp\u00fcren und dass sich ein Hauch von Panik durch die Gesellschaften zieht, wie ein dumpfer, noch recht weit entfernter Donner. Wenn ich die Menschen in meiner Umgebung frage, dann sagen die meisten, dass sie schon Donner geh\u00f6rt haben (bis auf die, die st\u00e4ndig ihre Kopfh\u00f6rer aufhaben). Viele versuchen auch, sich vor dem kommenden Regen ins Trockene zu fl\u00fcchten und kaufen Immobilien bzw. versuchen ihr Eigentum auf irgend eine Art zu sch\u00fctzen. F\u00fcr einige wird das funktionieren, f\u00fcr andere nicht. Bl\u00f6derweise wissen wir noch nicht, wer durch die Flut wohin gesp\u00fclt wird. Reichtum wird m\u00f6glicherweise keinen Schutz bieten, zumindest nicht materieller Reichtum. <\/p>\n<p>Ich kann somit nur hoffen, dass dann die Stunde der Philosophen schl\u00e4gt, der ruhigen Vor- und Nachdenker, die sich jetzt schon Modelle und Techniken \u00fcberlegen, die uns dann weiter helfen, so dass es m\u00f6glichst vielen Menschen m\u00f6glichst gut geht. \u00dcbrigens ein g\u00e4nzlich anderes Modell, als es in unserer Gesellschaft derzeit in Mode ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben &#8211; der Titel wird nicht halten, was er verspricht. Aber ich bem\u00fche mich. 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