{"id":964,"date":"2012-08-10T21:16:03","date_gmt":"2012-08-10T20:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/?p=964"},"modified":"2017-08-22T15:37:00","modified_gmt":"2017-08-22T14:37:00","slug":"rom-mit-einer-39-jahre-alten-vespa-tag-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/rom-mit-einer-39-jahre-alten-vespa-tag-1\/","title":{"rendered":"Rom mit einer 39 Jahre alten Vespa &#8211; Tag 1"},"content":{"rendered":"<p>In den folgenden Tagen berichte ich \u00fcber meine Romreise &#8211; 100 % Abenteuer, 0 % Urlaub.<\/p>\n<p>Ich hatte die Romreise schon f\u00fcr Sommer 2011 geplant, leider lief der daf\u00fcr vorgesehene Motor meiner Vespa Sprint nicht so, dass ich auch nur an so eine Reise h\u00e4tte denken k\u00f6nnen.<br \/>\nHeuer im Fr\u00fchjahr war es dann soweit. Der Motor lief zufriedenstellend und auch der Rest der Vespa war quasi bereit f\u00fcr die lange Reise. Knapp drei Wochen im August sollten es werden &#8211; alleine, denn so eine Tour tut sich nicht so schnell wer an bzw. ist verr\u00fcckt genug dazu.<\/p>\n<p>Mein Zeitfenster \u00f6ffnete sich am 28. Juli und schloss sich am 1. August, ich hatte also f\u00fcnf Tage Zeit um aufzubrechen. Das Wetter sollte f\u00fcr die Wahl des Starttages ausschlaggebend sein und so begann es am Montag, den 30. Juli in der Fr\u00fch. Bew\u00f6lkung gab es reichlich, aber laut Vorhersage sollte es bis auf wenige Ausnahmen trocken bleiben und in den n\u00e4chsten Tagen dann langsam immer sch\u00f6ner werden.<\/p>\n<p>Bevor ich \u00fcber die Fahrt berichte, m\u00f6chte ich kurz den Hintergrund schildern. Was treibt mich zu so einer Aktion, die von vielen meiner Freunde mit &#8222;Wahnsinn&#8220; und &#8222;verr\u00fcckt&#8220; locker kommentiert wurde?<\/p>\n<p><strong>Der Traum<\/strong><\/p>\n<p>Die Basis ist ein uraltes Bild, das sich in meinem Kopf festgesetzt war und aus dem heraus die Idee entstand. Es ist das Bild der Via Appia Antica, auf der ich vor 28 Jahren gemeinsam mit meiner Schulklasse im zarten Alter von siebzehn spazierte. Bei einem kleinen Alimentari kaufte ich mir damals zwei Panini mit Mortadella und eine Flasche Wasser (damals noch aus Glas) und dann sa\u00dfen wir auf einem Jahrtausende alten Stein und machten eine kleine Pause.<\/p>\n<p>Diese Bild wurde mit den Jahren immer st\u00e4rker und n\u00e4hrte die Sehnsucht, diesen Ort wieder zu besuchen. Nat\u00fcrlich w\u00e4re das in Begleitung noch feiner gewesen, aber es ergab sich halt nun einmal nicht und so wurde klar, dass ich diese Reise alleine w\u00fcrde unternehmen m\u00fcssen. So hatte ich als Begleitung die Einsamkeit, immerhin besser als gar niemand.<\/p>\n<p>Eine Motivation bot mir Peter Moore, ein australischer Globetrotter und Autor, der kurz vor seiner Hochzeit eine alte Vespa kaufte und mit ihr ein paar Wochen lang durch Italien fuhr \u2013 und nat\u00fcrlich kam er auch bis Rom. Seine B\u00fccher waren mir nicht nur Ansporn f\u00fcr mein eigenes erstes Vespa-Buch, sondern zeigen auch den Weg eines Mannes, der ein guter sein d\u00fcrfte. Er machte seine erste Vespa-Tour (es folgte noch eine zweite kurz vor der Geburt seiner Tochter) als eine Z\u00e4sur, als deutliches Zeichen f\u00fcr den Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt.<\/p>\n<p>Etwas geht zu Ende, etwas Neues f\u00e4ngt an \u2013 der \u00dcbergang ist nicht immer einfach, oft mit Selbstzweifeln und \u00c4ngsten besetzt. Peter Moore hat sich den Weg ein wenig leichter gemacht, indem er sich einen alten Traum aus seiner Jugend erf\u00fcllt hat. So wie ich hatte er auch ein Bild vor Augen: Marcello Mastroianni auf einer alten Vespa, der gerade am Abend in den Ort hinunter f\u00e4hrt, um sich dort in einem kleinen Caf\u00e9 oder einer Bar mit netten Leuten zu treffen. Deswegen nannte er seine zweite Vespa auch \u201eMarcello\u201c und fuhr mit ihr durch Sardinien, Sizilien und wieder hinauf bis Rom.<\/p>\n<p>Mein eigenes Bild es das der Via Appia Antica. Es ist ein sehr friedliches Bild mit viel Gr\u00fcn und einer uralten Stra\u00dfe mit viel Vergangenheit. Hohe B\u00e4ume s\u00e4umen die Stra\u00dfe, die es in dieser Form schon seit mehr als zwei Jahrtausenden gibt.<\/p>\n<p>In meinem Traum ist es Sommer, oder Fr\u00fchling wie 1984. Der Fr\u00fchling hat den Vorteil, dass alles bl\u00fcht und gr\u00fcn ist. Daf\u00fcr ist es noch ein wenig k\u00fchler und vom Wetter her unbest\u00e4ndig. Ich w\u00fcnsche mir Sonnenschein und keinen Regen. Da es ruhig warm sein darf und ich im Sommer eher Zeit finden werde, ist es Sommer in meinem Traum. Da darf das Gras schon ein wenig gelb sein, der Himmel blau und die Zypressen dunkelgr\u00fcn. Die Landschaft dort ist sehr kontrastreich, beginnt urban und wird dann schnell l\u00e4ndlich. Die Via Appia Antica ist 18 km lang und ich m\u00f6chte sie gerne komplett abgehen. <\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte gerne st\u00f6rungsfrei nach Rom kommen. Dieses W\u00f6rtchen ist wichtig. Ich bin nicht mehr zwanzig und will nicht an jeder Ecke eine Panne haben, auch wenn das immer ein Abenteuer verspricht. Die Reise wird so und so Abenteuer genug, auch ohne St\u00f6rungen. Ich werde versuchen, kleineren Pannen einigerma\u00dfen vorzu-beugen, indem ich eine Menge Ersatzteile und Werkzeug mitnehme. Inzwischen bin ich auf diesem Motor so gut eingearbeitet, dass ich viele Pannen selbst beheben kann. Ich habe ihn schlie\u00dflich selbst aufgebaut.<br \/>\nMit St\u00f6rung ist aber auch die Gefahr des Diebstahls gemeint. Das ist in Italien nicht ganz von der Hand zu weisen, vor allem, wenn man ein so auff\u00e4lliges Gef\u00e4hrt wie das meine hat. Ich habe unendlich viel Arbeit und Geld investiert und m\u00f6chte die Vespa weder durch Langfinger noch durch einen Unfall verlieren.<\/p>\n<p>Daher wird es notwendig sein, die richtigen Unterschl\u00fcpfe zu finden, also M\u00f6glichkeiten, wo ich sie sicher abstellen kann. Zu meinem Traum geh\u00f6ren kleine Pensionen mit freundlichen Menschen, die einen Suchenden wie mich aufnehmen, f\u00fcr eine Nacht oder zwei.<\/p>\n<p><strong>Die Planung<\/strong><\/p>\n<p>Ohne ordentliche Planung kann das nicht funktionieren &#8211; so viel war mir klar. Es war aber auch wichtig, eine echte italienische Reise daraus zu machen, also die Quartiere nicht schon von Wien aus zu buchen. Ich w\u00fcrde sowieso nicht wissen, wie weit ich jeweils komme und auch die Route war nur teilweise planbar. Wie sich sp\u00e4ter herausstellte, fuhr ich komplett anders als ich vorher dachte, so in Wien vor dem Computer sitzend.<\/p>\n<p>Der mit Abstand wichtigste Teil der Planung betraf die Vespa und da wiederum das Herzst\u00fcck, den Motor. Ich hatte vor einem Jahr einen 200er aus Einzelteilen komplett neu aufgebaut, mit Originalzylinder und leichten Verbesserungen. Es sollte eine langstreckentaugliche Maschine werden, mit ein bisschen mehr Kraft als das Original, nicht zu hohem Verbrauch und vor allem standfest. (f\u00fcr die Technik-Interessierten: O-Tuning, also Originalzylinder mit aufgemachten \u00dcberstr\u00f6mern, optimiertem Kolben, Gravedigger-Kopf mit verbessertem Brennraum und Quetschfl\u00e4che, gelippte 60er Langhubwelle vom Polinist, Vergaser gefr\u00e4st, Einlass gefr\u00e4st, Zylinderauslass optimiert plus SIP Road Auspuff)<br \/>\nDas ergibt insgesamt etwa 15 PS gegen\u00fcber 12 im Original. Eine 125er h\u00e4tte 5,9 PS und w\u00e4re nur sehr bedingt tauglich f\u00fcr so eine Reise, au\u00dfer man hat extrem viel Zeit und braucht keine Kraftreserven. <\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr war es dann soweit, ich erkl\u00e4rte den Motor f\u00fcr fahrtauglich, nat\u00fcrlich ohne zu wissen, wie er sich auf knapp 3000 km Langstrecke verhalten w\u00fcrde. Ein neuer Sto\u00dfd\u00e4mpfer hinten, gecheckte Bremsen, Elektrik wunderbar funktionierend &#8211; alles war bereit. Ich hatte mir als Weihnachtsgeschenk selbst noch eine Staubox geschenkt, die vorne innen in der Sch\u00fcrze montiert wurde. Da die Sprint links hinten keinen Reservereifen, sondern ein Staufach in der Seitenbacke hat, war ich nun mit zwei (versperrbaren) F\u00e4chern ausger\u00fcstet. In die Backe kamen s\u00e4mtliche Ersatzteile sowie das Werkzeug, in das vordere Staufach die schwere Absperrkette, ein Reservekanister mit zwei Litern Fassungsverm\u00f6gen sowie das \u00d6l und das Fahrtenbuch. Das sollte laut meiner Planung reichen und mir einige Reserven f\u00fcr eventuelle Pannen bieten. (auch hier wieder die Liste f\u00fcr die Techniker. Ersatzteile: Seile, Z\u00fcndgrundplatte, Blackbox\/Elektronikzentrale, Vergaserd\u00fcsen, Halbmondkeile, diverse Schrauben in allen Gr\u00f6\u00dfen, Nipperl, Birnen bzw. Sofitten, Z\u00fcndkerzen, Z\u00fcndkerzenstecker, ein Satz Simmerringe, Kabelbinder, Schlauch f\u00fcr den Reifen, ein d\u00fcnner 2m-Schlauch zum Benzinabpumpen, eine kleine Spritze mit Schmierfett, ein Elektrokabel, ein rotes Blinklicht\/R\u00fccklicht mit Batterie; Werkzeug: div. Schraubenzieher inkl. dem kleinen, mit dem man das Gasseilnipperl im Lenkerkopf festdrehen kann, Gabelschl\u00fcssel, Stecknuss-Satz, Schwungscheibenabzieher, Schwungscheibenhalter, Kupplungshalter, Gummihammer, Kombizange, Flach\/Spitzzange, Kerzenb\u00fcrste sowie eine Kopftaschenlampe.)<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/teile.jpg\" title=\"teile.jpg\" alt=\"teile.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 1: Ersatzteile<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/werkzeug.jpg\" title=\"werkzeug.jpg\" alt=\"werkzeug.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 2: Werkzeug<\/p>\n<p>Es gab einige Teile, die ich leider nicht mit hatte, dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p><strong>Der Start<\/strong><\/p>\n<p>Bew\u00f6lkter Himmel plus das Gef\u00fchl, einfach los zu m\u00fcssen. Ein Abschiedsfoto mit der fertig gepackten Vespa. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/abfahrt.jpg\" title=\"abfahrt.jpg\" alt=\"abfahrt.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 3: Das Startfoto<\/p>\n<p>Ich hatte einen Rucksack f\u00fcr alle Wertgegenst\u00e4nde, das Navi, das ich mir ausgeborgt hatte, Karten sowie Essen und Wasser, Fotoapparat, Sonnenbrille etc.<br \/>\nIn einem gro\u00dfen, wasserdichten Sack hatte ich das Gewand, Kulturbeutel und noch einige Dinge, von denen ich mir sicher war, dass ich die H\u00e4lfte nicht brauchen w\u00fcrde. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/packen.jpg\" title=\"packen.jpg\" alt=\"packen.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 4: Vespa, fertig gepackt f\u00fcr die Abreise<\/p>\n<p>Was ich an diesem Morgen noch dabei hatte, war ein gewisses Reisefieber, jedoch nicht allzu stark und wahrscheinlich normal f\u00fcr eine Fahrt ins Ungewisse.<br \/>\nDie erste Etappe f\u00fchrte mich nur bis St. Ruprecht an der Raab (gleich bei Gleisdorf und nicht weit von Graz) zu meinem lieben alten Freund Heinz Bauer und seiner Isabella. Ich hatte noch nie die Gelegenheit sie dort zu besuchen und durfte mich f\u00fcr eine Nacht einquartieren. Das war ein Ziel, auf das ich mich schon sehr freute und das auch in einer sinnvollen Distanz lag. Auf der Autobahn w\u00e4ren das nur ca. 180 km gewesen, ich hatte aber die Kombination mit einer alten und gerne gefahrenen Motorradroute vorgesehen, auch um zu testen, wie es dem Motor unter Bergstra\u00dfenbeanspruchung gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nach dem Start um 9 Uhr ging es \u00fcber Purkersdorf und den Wienerwaldsee nach Hochroterd, dann nach Klausenleopoldsdorf und nach St. Corona am Sch\u00f6pfl. Der dortige kleine Pass war auch der erste Halt und zugleich der Ort der ersten Panne. So schnell hatte ich das nicht erwartet, doch zum Gl\u00fcck war es nichts Schlimmes. Es hatten sich die Befestigungsstangen des hinteren Gep\u00e4cktr\u00e4gers losvibriert und eine war bereits verschwunden. Das ist auch keine besonders schlaue Konstruktion, vor allem, weil sie sich unter dem Gewicht der Gep\u00e4ckrolle st\u00e4ndig ver\u00e4ndert und nur schwer ausreichend zu fixieren ist.<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/stange.jpg\" title=\"stange.jpg\" alt=\"stange.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 5: Die Befestigungsstange, die noch \u00fcbrig ist<\/p>\n<p>Bis Gleisdorf w\u00fcrde der Gep\u00e4cktr\u00e4ger auch ohne die Stangen halten und dort w\u00fcrde ich ihn dann mit einem Spanngurt festzurren. So w\u00e4re dann die erste Panne erfolgreich behoben.<br \/>\nDunkle Wolken deuteten an, dass mich das Wetter eventuell doch nicht ungeschoren (besser: ungewaschen) bis nach St. Ruprecht kommen lassen w\u00fcrde, aber vorerst blieb es trocken. Das war \u00fcbrigens eine meiner gr\u00f6\u00dften \u00c4ngste, daher auch das Zeitfenster, um dem Regen zu entkommen: Ich mache mir bei N\u00e4sse ziemlich in die Hose. Insgesamt bin ich in 13 Jahren Zweiradfahren 12 Mal gest\u00fcrzt und fast jedes Mal bei N\u00e4sse, weil mir das Vorderrad weggerutscht ist. Eine Vespa hat noch dazu eine ziemlich miese Stra\u00dfenlage, kleine Reifen (10 Zoll) und ist daher besonders anf\u00e4llig. Da das f\u00fcr mich puren Stress bedeutet, hatte ich mir geschworen bei Regen sofort eine Pause in irgend einem Wirtshaus zu machen und abzuwarten, bis der Regen vorbei und die Stra\u00dfe wieder trocken ist. Bei einem ordentlichen Tiefdruckgebiet kann das allerdings ein paar Tage dauern, w\u00e4hrend ein Gewitter keine gro\u00dfe Katastrophe ist, au\u00dfer es erwischt mich gerade auf einer Passh\u00f6he und die Abfahrt wird zur Rutschpartie.<br \/>\nUnd ich kenne mich: ich werde dann sehr ungeduldig, wenn es regnet, und m\u00f6chte so schnell wie m\u00f6glich weiter. Das Wirtshaus, in dem ich in solchen F\u00e4llen strande, ist nicht das Ziel und dort h\u00e4lt mich auch wenig.<br \/>\nKurz und gut: Die bessere Variante bestand darin, gar nicht erst in den Regen zu kommen. <\/p>\n<p>\u00dcber Altenmarkt ging es nach Berndorf und von dort \u00fcber den so genannten &#8222;Hals&#8220; nach Pernitz und weiter nach Gutenstein. Die Vespa lief pr\u00e4chtig, allerdings ging langsam der Sprit zur Neige. Ich erinnerte mich, dass es in Gutenstein eine Tankstelle gibt. und machte mir keine Sorgen. Bis ich an der Tankstelle in Gutenstein vorbei fuhr. Oder besser: an dem, was von ihr noch \u00fcbrig war. Sie war scheinbar Pleite gegangen und hatte nun geschlossen. Eine nette Dame erkl\u00e4rte mir, dass die n\u00e4chste Tankstelle in meiner Richtung in Gloggnitz w\u00e4re. Da ich nicht zur\u00fcck fahren wollte (vorw\u00e4rts geht\u00b4s, vorw\u00e4rts!) versuchte ich auszurechnen, wie lange ich mit dem Tank noch durch k\u00e4me. Bei der Vespa gibt es nat\u00fcrlich keine Tankanzeige, sondern man f\u00e4hrt, bis der Motor ausgeht. Dann dreht man den Benzinhahn auf Reserve und hat noch 20 bis 30 km, je nachdem, wie viel der Motor schluckt und welchen Tank man eingebaut hat.<br \/>\nFazit: Je nachdem, wie schnell ich auf Reserve bin, komme ich damit noch bis Gloggnitz (von Gutenstein etwa 45 Kilometer). Also los, hinauf aufs Klostertaler Gscheid. Als ich den Gedanken fertig hatte, musste ich auf Reserve schalten und es war klar, dass sich Gloggnitz auch mit bestem Willen nicht ausgehen w\u00fcrde. Aber ich hatte ja noch meine zwei Liter im Reservekanister, das m\u00fcsste reichen.<br \/>\nIm H\u00f6llental f\u00fcllte ich dann um und bemerkte, dass mir ein Einf\u00fclltrichter fehlt. Das funktioniert auch ohne, ergibt aber eine geh\u00f6rige Sauerei am Tank. Die zwei netten Motorradfahrer, die auch gerade dort stehen blieben, w\u00fcnschten mir eine Gute Reise nach Rom und ich fuhr weiter bis Reichenau. Dort gibt es auch eine Tankstelle (das hatte ich vergessen) und die w\u00e4re sich auch ohne Einf\u00fcllsauerei ausgegangen. Aber so ist das Vespafahren.<br \/>\nDa ich jetzt noch Sprit im Tank hatte, fuhr ich an der Tankstelle in Reichenau locker vorbei, schlie\u00dflich kommt ja elf Kilometer weiter die n\u00e4chste in Gloggnitz. Dachte ich zumindest. Leider war dem nicht so, vielleicht gibt es gut versteckt im Ort eine, auf der Hauptstra\u00dfe ist jedenfalls nichts. Mit langem Gesicht fuhr ich weiter, denn danach geht es \u00fcber den Ramssattel nach Kirchberg am Wechsel (das &#8222;am Wechsel&#8220; ist wichtig, dort in der Gegend gibt es ein gesch\u00e4tztes Dutzend Kirchbergs). Also wieder zittern. Gl\u00fccklicherweise kam direkt hinter Kirchberg eine offene Tankstelle mit einer sehr netten Dame, die vor dem Kassieren noch schnell zur Preistafel musste, um den Preis nach oben zu korrigieren. &#8222;Jeden Tag um zw\u00f6lf Uhr Mittags wird der Treibstoff teurer&#8220; meinte sie und ich hatte das unversch\u00e4mte Gl\u00fcck, noch davor getankt zu haben.<br \/>\nDanach ging es nach St. Corona am Wechsel, wo ich in meinem Lieblingswirtshaus einkehren wollte, mit herrlichem Blick zu Schneeberg, Rax und ins ganze Land hinein.<br \/>\nDas hatte leider geschlossen, also fuhr ich weiter, um ein paar Minuten sp\u00e4ter woanders Mittagspause zu machen. Ich erwischte eine leicht bizarre Szenerie, denn in dem Wirtshaus machten drei alte Weiblein scheinbar einen Sommerfrischeaufenthalt, und das seit gesch\u00e4tzten 100 Jahren jeden Sommer. Sie sa\u00dfen jede auf einem anderen Tisch, durch je einen Paravent getrennt und gaben hintereinander Wortmeldungen ab, etwa &#8222;K\u00f6nnen Sie sich noch an den Doktor erinnern, den mit dem Hund, der m\u00fcsste auch schon l\u00e4nger tot sein, der hat immer Schweinsbraten gegessen.&#8220; Sie a\u00dfen jede ihr Men\u00fc und ich eine gebackene Leber, quasi um den Kontrast zum hoffentlich bald folgenden italienischen Essen deutlicher zu machen.<\/p>\n<p>Nach einer Abfahrt durch die Kleine Klause ging es hinauf auf den Wechsel, einst das Tor zum S\u00fcden, viel befahren und ber\u00fchmt. Jetzt f\u00fchrt ein paar Kilometer weiter die Autobahn vorbei und an der Stra\u00dfe stehen verlassene Wirtsh\u00e4user und geschlossene Tankstellen, ein tristes Bild. Ich war aber guter Dinge, denn das Wetter wurde besser und die Vespa lief hervorragend. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/wechsel.jpg\" title=\"wechsel.jpg\" alt=\"wechsel.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 6: Am Wechsel<\/p>\n<p>Der Rest der Fahrt verlief unspektakul\u00e4r, nur nach dem kurzen Halt in Hirnsdorf sprang die Vespa etwas schwer an. Ich kannte dieses Ph\u00e4nomen des schlechten Warmstarts bereits und hatte etwas Angst davor, denn ich w\u00fcrde in den n\u00e4chsten Tagen oder Wochen sehr oft einen Warmstart machen, ausgesprochen oft sogar. Da konnte ich eine schlecht startende Vespa gar nicht brauchen. Ich hatte schon versucht das Problem in Wien zu beheben, aber auch die Experten unter meinen Zanglerfreunden wussten nicht wirklich, warum es so war. Es m\u00fcsste etwas mit dem Vergaser zu tun haben. Aber was?<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/hirn.jpg\" title=\"hirn.jpg\" alt=\"hirn.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 7: Hirnsdorf<\/p>\n<p>Egal, ich erreichte St. Ruprecht um 14 Uhr 45, also nach knapp sechs Stunden, inklusive 45 Minuten Mittagspause. Nun musste ich nur noch das Haus von Heinz und Isabella finden, das sich am Bahnhofsweg befindet, interessanterweise mit der Hausnummer Dreihundertirgendwas. &#8222;Die m\u00fcssen aber lange Stra\u00dfen haben&#8220; war der erste Gedanke. Oder sie haben alle H\u00e4user wild durchnummeriert. Das k\u00f6nnte die Suche etwas erschweren, wobei ich den Bahnhofsweg sofort fand. Dort war dann die Nummer 151 neben 208 und daneben befand sich 193.<br \/>\nIrgendwo blieb ich stehen und sah einen Herren, der gerade auf seinem Garagenvorplatz mit irgendwas besch\u00e4ftigt war. Er blickte freundlich auf die Vespa und ich fragte ihn nach &#8222;Bauer und Petz&#8220; sowie der Hausnummer. Stirnrunzelnd meinte er, mit den Hausnummern h\u00e4tte er es nicht so und er kenne weder jemand mit dem Namen Bauer noch mit dem Namen Petz. Vielleicht w\u00e4ren das die Leute, die erst vor kurzem daher gezogen w\u00e4ren, am Ende der Stra\u00dfe, meinte seine hinzukommende Frau. Wir diskutierten ein wenig herum und dann sagte ich &#8222;Heinz und Isabella&#8220;. Das bewirkte ein sofortiges Strahlen in ihren Gesichtern: &#8222;Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, das sind unsere Nachbarn, gleich das Nebenhaus.&#8220; Mit den Nachnamen h\u00e4tte man es hier nicht so, aber den Heinz, denn w\u00fcrden sie nat\u00fcrlich gut kennen.<\/p>\n<p>Dann ergab ein Thema das n\u00e4chste, Silvio hatte bis vor kurzem auch eine Vespa, dann jedoch wegen der beiden Kinder eine Ape Calessino gekauft, damit k\u00f6nnte man alle mitnehmen. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/calessino.jpg\" title=\"calessino.jpg\" alt=\"calessino.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 8: Ape Calessino, in einer sehr netten Sonderlackierung, mit 400ccm Dieselmotor<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass Silvio und seine Frau ums Eck eine Pizzeria und ein Eisgesch\u00e4ft haben und sehr italophil sind. Sie erz\u00e4hlten von lieben Freunden in Cavallino bei Venedig und dass sie dort \u00f6fter zu Gast w\u00e4ren.<br \/>\nSo ergab sich mein n\u00e4chstes Quartier und ich hatte durch die Vespa meine ersten netten Bekanntschaften gemacht. <\/p>\n<p>Das ist es, was ich suche und versuche in diesem Buch zu beschreiben &#8211; der Mythos Vespa ist nur deswegen einer, weil er funktioniert. Eine alte Vespa l\u00f6st bei vielen Menschen ein Gef\u00fchl aus, das sie positiv stimmt. Silvio h\u00e4tte mir auch den Weg gezeigt, wenn ich mit irgendeinem Roller oder Motorrad gekommen w\u00e4re. Aber wir h\u00e4tten wahrscheinlich kein Gespr\u00e4ch angefangen bzw. es w\u00e4re ganz anders verlaufen. Ich bin mir sicher, dass ich das tolle Quartier (siehe Bericht Tag 3) nicht bekommen h\u00e4tte. Die Vespa \u00f6ffnet T\u00fcren, die vorher als T\u00fcren gar nicht sichtbar bzw. gar nicht vorhanden waren.<br \/>\nMit einer alten Vespa zu fahren macht dich zum Teil eines unsichtbaren Netzwerkes, das sehr gut funktioniert. Es ist immer wieder als solches erkennbar, etwa wenn sich die Fahrer alter Vespas gr\u00fc\u00dfen, was sehr oft vorkommt. Ich habe auf dieser Reise nur zwei bis drei andere Tourenfahrer getroffen, man gr\u00fc\u00dfte sich stets anerkennend und freundschaftlich.<br \/>\nIch darf an dieser Stelle ein wenig ausholen: Gesellschaft &#8211; was ist das eigentlich? Wir nehmen dieses Wort oft und schnell in den Mund, aber wissen wir, wor\u00fcber wir hier reden? Ich habe in meiner Zeit an der Uni Klagenfurt im Bereich der Gruppendynamik oft und intensiv \u00fcber den Gesellschaftsbegriff nachdenken d\u00fcrfen &#8211; wir sind nie auf ein wirklich befriedigendes Ergebnis gekommen. Die Vespa bietet nun einen Blick durchs Schl\u00fcsselloch, in das Geheimnis des menschlichen Kollektivlebens sozusagen.<br \/>\nDas Netzwerk ist sehr fein gesponnen und wie ein Spinnennetz trotzdem recht belastbar bzw. tragend. Jede(r) kennt eine(n), der eine Vespa hat, zumindest in unserem Kulturkreis. Oder er kennt einen, der einen kennt, der eine hat. Und der kennt jemand, der Vespas reparieren kann. Diese Leute sind wiederum meist in einem der virtuellen Netzwerke wie dem German Scooter Forum oder auch bei einem der unz\u00e4hligen Clubs. Eine Vespa \u00f6ffnet nicht nur T\u00fcren, sie schafft eine Art gemeinschaftlicher Grundstimmung, die tragbar genug f\u00fcr etwa gegenseitige Hilfe ist. Diesen Punkt werde ich im Laufe dieses Buches noch ein paar Mal aufgreifen und er\u00f6rtern.<br \/>\nEine lange Tour mit einer alten Vespa er\u00f6ffnet zus\u00e4tzlich noch weitere Perspektiven. Man ist klar als Reisender erkennbar, der zumindest den Mut hat, einen Oldtimer in einer neuen Zeit zu fahren. Man sendet Signale aus, optische in erster Linie, die von den Menschen klar erkannt werden. Sie erm\u00f6glichen eine schnelle Einordnung und Kategorisierung, die folgende Eckdaten enth\u00e4lt: nicht aggressiv, traditionsbewusst oder zumindest mit Freude an alten, erhaltenswerten Dingen, ein wenig schr\u00e4g und jenseits der Norm, nicht fad, individualistisch etc.<br \/>\nSilvio hat etwa sofort erkannt, dass da jemand unterwegs ist, der mit Liebe und Hingabe seinen Oldtimer pflegt &#8211; und das war ihm zumindest so sympathisch, dass er sich auf ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch einlassen konnte. Die Vespa hat uns nicht auf eine Linie gebracht, aber sie hat erm\u00f6glicht, dass wir das \u00fcberhaupt versuchen konnten.<br \/>\nGesellschaft ist also ein Netzwerk von Beziehungen, das durch gemeinsame Normen und Regeln sich selbst erh\u00e4lt. Es gibt gemeinsame Werte (&#8222;Ich hatte auch eine alte Vespa und verstehe dich, der du auch eine hast&#8220;), die erkennbar sind und auf die man sich bis zu einer bestimmten Grenze verlassen kann. Das gibt Sicherheit und das wiederum ist die Basis, um Vertrauen aufzubauen. Dieses Vertrauen wiederum ist der Kitt der Gesellschaft. Die Tragf\u00e4higkeit der Grundbeziehung zeigte sich bei Silvio, als er bereit war, mir die Nummer von Sigi und Helga Karlegger zu geben, die mich bei sich wohnen lassen w\u00fcrden. Meine Seriosit\u00e4t war einerseits durch die Freundschaft zu Heinz als Silvios Nachbar gegeben, andererseits auch durch die gemeinsame Leidenschaft f\u00fcr alte italienische Motorroller. Die Tragf\u00e4higkeit zeigte sich dann auch am n\u00e4chsten Tag, als ich tats\u00e4chlich in Italien anrief, um das Quartier zu bekommen.<\/p>\n<p>Die alte Vespa ist wie ein Codewort, wie ein Schl\u00fcssel, der in viele Schl\u00f6sser passt. Sie ist in dieser Eigenschaft sehr universell und somit ein Element, das Gesellschaft erzeugt, stiftet. <\/p>\n<p>Abends sa\u00df ich noch l\u00e4nger mit Heinz und Isabella zusammen. Der erste Abend war in sich sehr stimmig und stimmungsvoll, ich genoss sehr das Treffen mit guten Freunden. Und ein Highlight wartete auch noch: Heinz f\u00fchrte mich seinen Keller, wo er seine Plattensammlung lagert. Da ich keine Kamera habe, die 360-Grad-Bilder schie\u00dfen kann, sieht man auf dem n\u00e4chsten Bild nur einen Ausschnitt. Ich darf versichern: Alles vom Feinsten! Das zweite Bild zeigt seine The-Who-Plattensammlung, weit gr\u00f6\u00dfer als meine, zum Niederknien, sicher eine der gr\u00f6\u00dften und sch\u00f6nsten in \u00d6sterreich (Wo PostIts h\u00e4ngen: The Who&#8230;)<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/platten.jpg\" title=\"platten.jpg\" alt=\"platten.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 9: Die Plattensammlung &#8211; oder besser: Ein Ausschnitt<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/bilder\/2012.08.10_Rom\/who.jpg\" title=\"who.jpg\" alt=\"who.jpg\" \/><\/center><br \/>\nBild 10: The Who<\/p>\n<p>Die Tour hatte gut begonnen, der erste Tag war ein voller Erfolg. Nun w\u00fcrde sich zeigen, was die n\u00e4chsten Tage bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den folgenden Tagen berichte ich \u00fcber meine Romreise &#8211; 100 % Abenteuer, 0 % Urlaub. Ich hatte die Romreise schon f\u00fcr Sommer 2011 geplant, leider lief der daf\u00fcr vorgesehene Motor meiner Vespa Sprint nicht so, dass ich auch nur<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-964","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-reiseberichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/964","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=964"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/964\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2343,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/964\/revisions\/2343"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=964"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=964"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidoschwarz.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=964"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}