Wie wir an Afrika verdienen

Es ist manchmal erschütternd zu sehen, mit welcher Dreistigkeit Europa in Afrika vorgeht. Ein Dokumentarfilm („Konzerne als Retter?“) hat dieses Thema aufgegriffen und anhand von 7 Projekten gezeigt, wie das funktioniert.

1.) Erdäpfel für Kenia
Auf den ersten Blick klingt das gut: Durch Ertragssteigerung soll der Hunger bekämpft werden. Erdäpfel sind nahrhaft und werden von 800.000 Kleinbauern in Kenia angepflanzt. Wenn man verbessertes Saatgut unter die Bauern bringt, so lässt sich die Erntemenge deutlich steigern und die Bauern bekommen erstens mehr Geld und zweitens sind größere Mengen vorhanden.

Also fördert man über eine Gesellschaft für Zusammenarbeit dieses Projekt, an dem vor allem gewinnorientierte Unternehmen aus Deutschland beteiligt sind. Ein Betrieb in Kenia erzeugt das potente Saatgut, das jedoch 25 Euro pro Sack kostet und somit nur für wohlhabende Bauern in Frage kommt.
Da es sich dabei um holländische und andere europäische Erdäpfelsorten handelt, müssen diese mit Düngemittel und Pestiziden versorgt werden. Das und die notwendigen industriellen Großmaschinen liefern deutsche Hersteller.
Gefragt sind vor allem Sorten, die sich für die Weiterverarbeitung zu Fast Food eignen (Pommes).

Fazit: Zur Hungerbekämpfung oder um Kleinbauern zu fördern eignet sich dieses Projekt nicht, für das Entwicklungshilfegelder eingesetzt werden.

2.) Dr. Oetker
Über einen Hilfsfonds werden zwei Millionen Euro Entwicklungshilfegeld in eine Firma investiert, die in Nairobi von einem Deutschen betrieben wird und in Deutschland erzeugte Pizzae, Tiefkühlbeeren und Torten nach Kenia importiert.
Dazu braucht man eine lückenlose Kühlkette und somit wird das Geld für Kühlmaschinen bzw. Kühlhäuser ausgegeben.
Abgesehen davon, dass die Umweltbilanz einer solchen importierten Tiefkühlpizza katastrophal ist, kann sich nur die kenianische Oberschicht diese Pizzae leisten. Man könnte sie auch in Kenia erzeugen, aber dann würde Dr. Oetker nicht so viel daran verdienen.
Immerhin hat der Deutsche 25 Arbeitsplätze geschaffen.

3.) Baumwolle
Sambia ist das viertärmste Land der Welt mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 52 Jahren. Die Armut ist groß, gefördert wird mit Entwicklungshilfegeld jedoch der Anbau von sogenannten „Cash Crops“, das sind Feldfrüchte, die man nicht essen kann, wie etwa Baumwolle. Die Zusammenarbeit der deutschen Entwicklungshilfegesellschaft GEZ mit profitorientierten Firmen verhindert den Aufbau staatlicher Strukturen. Die Lehrer, die Bauern punkto Baumwollanbau schulen, kommen von den Firmen, die an der Baumwolle für den Export interessiert sind und den Bauern Dünger und Pestizide verkaufen wollen.

Dagegen wäre ja noch nichts einzuwenden, aber nachhaltig ist das natürlich nicht, da keine festen Strukturen aufgebaut werden, sondern die Bauern kurzfristig mehr Einkommen haben, wenn die Weltmarktpreise entsprechend sind. Ihre Abhängigkeit von ausländischen, ausschließlich profitorientierten Konzernen (wie dem südafrikanischen NWK) maximiert sich dadurch. Wenn die Firmen nicht mehr genug verdienen, ziehen sie weiter, in ein anderes Land oder auf einen anderen Kontinent.

Die Firmen geben den Kleinbauern Kredite für Maschinen, Saatgut und Pestizide und sie kaufen ihnen die Ware ab.
Die Bauern selbst können weder Entwicklungshilfegelder beantragen noch haben sie sonst irgend einen Einfluss bzw. Rechte. Sie spielen keine wirkliche Rolle, was man auch daran erkennen kann, dass sie ohne Schutzkleidung arbeiten müssen. Die gibt es nur für ausgewählte Bauern im Einzelfall. Zynischerweise werden sie aber darauf hingewiesen, dass sie Schutzkleidung tragen müssen.

Erhaltung der Bodenqualität, Artenvielfalt, Gesundheit der Bauern – all das ist in den Businessplänen nicht vorgesehen. Das zeigt auch das nächste Beispiel:

4.) 20.000 Hektar Palmölplantagen
Wo Palmfrüchte angebaut werden, wächst keine Nahrung. Wir sind schon wieder in Sambia, ein Land, das sich offensichtlich gut zur Ausbeutung eignet. Dort hat die Firma „Zambeef“ 35 Mio. Euro von Entwicklungshilfebanken bekommen.
Die Versprechen für die vorher dort ansässige Bevölkerung wurden nicht eingelöst – weder die Schule gebaut, noch die Krankenstation noch sonst etwas.
Das ist verständlich, denn das würde Geld kosten, das den Gewinn schmälert. Und wenn die Menschen, denen man es versprochen hat, nicht die Macht haben das Versprechen einzuklagen, wäre es aus betriebswirtschaftlicher Sicht vollkommen falsch es zu bauen.
Das Land wird von der Regierung an die Firmen vergeben – wer vorher dort gewohnt hat, muss weg und hat Pech, auch wenn ihm das Land rechtlich zustehen würde. „Landgrabbing“ nennt man das übrigens.

Ökologische Richtlinien spielen bei der Plantage mit 430.000 Ölpalmen ebenfalls keine Rolle und die DEG (Deutsche Entwicklungshilfe Gesellschaft) ist keinerlei Rechenschaft schuldig, was sie mit dem Geld tut.
Das größte Problem ist hier das der Monokultur. Sie macht die Pflanzen anfällig für Schädlinge, da die Resilienz durch die Biodiversität nicht mehr gegeben ist.

Schwierig wird es, wenn man die Finanziers betrachtet. Beliebt ist z.B. der ATIF-Fonds, nach außen hin geschaffen um die Armut zu verringern. Wenn man sich die Investoren wie z.B. die Deutsche Bank ansieht, dann kommt der Verdacht auf, dass es hier um Gewinnmaximierung geht. Die Deutsche Bank ist schließlich keine Caritas, sondern ausschließlich auf Profit ausgelegt. Der Fonds sitzt in Luxemburg um keine Steuern zahlen zu müssen und finanziert private Großunternehmen.
Das Modell des Fonds: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Und das alles unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe und angeblichem „Private Public Partnershop“.

5.) Tanzania und der Kaffee
Auch hier werden die Bauern ausgebeutet.
Ein Beispiel, wie das konkret aussieht:
Der Konzern OLAM schenkt den Kleinbauern Kaffee-Setzlinge. Sie bauen jetzt statt Maniok oder Bananen den Kaffee an, den man aber nicht essen kann. Zusätzlich müssen sie beim Konzern Dünger und ev. einen Generator zur Bewässerung kaufen, weil Kaffee im Gegensatz zu dem, was vorher angebaut wurde, viel mehr Wasser braucht. Und Nahrung müssen sie auch kaufen. OLAM borgt ihnen aber gerne Geld.
Die Schulden steigen jedes Jahr, weil Kaffee erst nach vier Jahren Ertrag bringt. Die Bauern bekommen aber keinen Vertrag mit OLAM, d.h. sie haben keine Abnahmegarantie und schon gar keinen Preis.
Wenn die Ernte schlecht ist und die darauf folgende Ernte auch, stellt OLAM die Kredite fällig und bekommt das Land der Bauern. Wenn die Ernte gut ist, sinkt der Preis und die Bauern können die Kredite ebenfalls nicht zurück zahlen. OLAM bekommt das Land der Bauern, mit bereits erntefähigen und bewässerten Kaffeesetzlingen.
Toll, nicht?
Und das Beste: OLAM musste nicht einmal selbst investieren, weil sie das Geld aus einem Entwicklungshilfefonds bekommen haben. Eine Win-Win-Win Situation, nämlich für OLAM, OLAM und OLAM.

Und die Bauern? Die müssen von dort weggehen. Zum Beispiel nach Europa. Hier gelten sie dann als „Wirtschaftsflüchtlinge“, die sich bei uns bereichern wollen.

6.) Die Gewürzbauern von Sansibar
Es gibt aber auch positive Beispiele: Auf Sansibar werden Bauern mittels Förderungen geschult, damit sie z.B. die Zertifizierungen ihrer Gewürze selbst machen und sie dann verkaufen können. Hier erhält zwar auch die DEG die Förderungen, macht damit aber sinnvolle Projekte. 3x im Jahr kommt ein Berater nach Sansibar, der den Bauern Mikroorganismen mitbringen, die ihnen den Einsatz von Pestiziden ersparen bzw. dafür sorgen, dass sie weniger Gift und vor allem keinen teuren Kunstdünger brauchen.
Die Bauern können so bessere und mehr Produkte erzeugen und bekommen auch einen guten Preis. Sie bleiben eigenständig und verdienen so viel, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken können. Das ist echte Investition in die Zukunft.

Dass die Industrie die Nahrungsprobleme dieser Welt löst, ist wohl ein Märchen. Die Welt wird zu 2/3 von Kleinbauern ernährt. Zugleich sind auch 2/3 der Hungernden dieser Welt Kleinbauern.
Vielleicht wäre es an der Zeit das Leben dieser Menschen zu entwickeln oder sie zumindest nicht auszubeuten.

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Neues von der geplanten Obsoleszenz

Geplante Obsoleszenz bedeutet nicht immer, dass der Hersteller eine bewusste Sollbruchstelle einbaut, die nach einer gewissen, geplanten Zeit das Gerät so funktionsunfähig macht, dass der Besitzer ein neues kaufen muss.
Es geht auch subtiler.
Mein erstes Beispiel heute ist der Langhaarschneider, den ich seit vielen Jahren besitze und der mir immer treue Dienste geleistet hat. Seit ein paar Jahren kann ich ihn nicht mehr nur per Akku betreiben, weil eben dieser Akku schon zu schwach geworden ist.
Das macht aber nichts, ich stecke ihn halt über das Ladegerät an und schon habe ich volle Leistung.

Bis neulich. Da ging auf einmal nichts mehr, oder besser: nur mehr dann und wann. Ich fand heraus, dass das Kabel irgendwo in der Nähe des Steckers einen Wackelkontakt haben muss, denn wenn ich daran wackle, funktioniert es manchmal und manchmal nicht.
Ich habe das Ladegerät samt Kabel immer sorgsam behandelt und es ist auch sehr robust gebaut. Trotzdem funktionierte es nur mehr, wenn ich das Kabel in einem gewissen Winkel abknickte und dann fest hielt. Auf die Dauer keine Lösung.
Also zerlegte ich das Gerät, was sich als keine leichte Aufgabe erwies, denn das Zerlegen ist nicht vorgesehen. Man kann es trotzdem tun, aber dann brechen kleine Plastiklaschen ab, die dafür verantwortlich sind, dass die beiden Gehäusehälften nicht auseinander fallen.
Die Hersteller sparen so Geld, weil sie keine Metallschrauben verwenden und bezahlen müssen.

Am ersten Bild sieht man das zerlegte Gerät, das aus nur wenigen Teilen besteht: Das zweiteilige Gehäuse, eine Plastikhalterung für den Akku, den kleinen Elektromotor plus zwei Lötplatinen und noch 2-3 kleinere Teile wie die Schneidescheren.

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Bild 1: Zerlegter Langhaarschneider

Der Motor ist in China gefertigt, der Akku hört auf den witzigen Namen „Emmerich“ und ist ein Nickel-Metallhyridakku mit 700 Milliamperestunden Leistung, gefertigt in P.R.C., was wahrscheinlich „Peoples Republic of China“ heißt.
Das Gerät ist übrigens ein Philips-Haarschneider.

All das ist noch kein Problem und hier erkenne ich natürlich die Intention des Herstellers, durch die erschwerte Reparierbarkeit eine Reparatur zu verhindern, auf dass der Kunde ein neues Gerät kaufe, was wahrscheinlich die meisten Kunden auch tun.
Für mich wurde es erst haarig, als ich die kühne Idee entwickelte, das Ladegerät zu reparieren. Es war schnell klar, dass ein anderes Ladegerät nicht passen würde – so viel habe ich im laufe meines Konsumentenlebens schon gelernt. Aber den Stecker tauschen – das müsste doch möglich sein. Der ist nämlich nicht sehr kompliziert aufgebaut und die zwei Kabeln sind schnell neu zusammengelötet oder mittels einer Blockklemme verbunden. Das muss ja nicht schön ausschauen, nur funktionieren.

Also kramte ich meine Kiste mit den alten Ladegeräten hervor. Bei der Suche nach dem geeigneten Stecker musste ich entdecken, dass jedes, aber auch wirklich jedes Ladegerät einen anderen Stecker hat, untereinander überhaupt nicht kompatibel.
Es ist als hätten sie sich abgesprochen und eine möglichst große Vielzahl an Steckern entwickelt, damit die Geräte nur ja nicht untereinander austauschbar sind.

Am zweiten Bild sieht man die vielen verschiedenen Stecker, oder besser gesagt eine kleine Auswahl davon:

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Bild 1: Verschiedene Stecker

Also wegwerfen und einen neuen kaufen. Schade, denn das Gerät war völlig in Ordnung. Die Suche nach einem passenden Ladegerät hätte aber so lange gedauert, dass mir die Zeit dafür leider zu kostbar war.

Das zweite Beispiel ist mein Kühlschrank, den ich mir damals bei Bezug der Wohnung gekauft hatte. Ein Liebherr mit 3 Gefrierladen und einem für mich völlig ausreichenden, eigentlich sogar perfekt passenden Kühlteil, also eine sogenannte „Kühl- und Gefrierkombi“.
Dieser Kühlschrank steht bei mir jetzt seit 27 Jahren, was auf einer wirklich gute Qualität schließen lässt. Einmal, nach ca. 10 Jahren, war der Thermostat des Kühlteils kaputt und wurde an Ort und Stelle ausgetauscht. Seitdem weiß ich, dass so etwas kaputt gehen kann und die Reparatur aber keine Hexerei ein kann, da dies damals sehr flott ging.

Neulich war es dann soweit: Kühlschrank aufmachen – drinnen ist die gleiche Temperatur wie draußen. Da der Gefrierteil noch funktionierte, fiel mein Verdacht auf den Thermostat. Mittels 4 Schrauben lässt sich die gesamte Einheit abschrauben und wenn man die vier Flachstecker abzieht und zwei davon verbindet, kann man den Thermostat kurzschließen, was ich auch kurzerhand tat. Siehe da – der Kühlschrank läuft.
Also muss ein neuer Thermostat her. Auf der Website der Firma Liebherr gibt es eine Servicenummer, die aber ins Leere führt und nicht mehr existiert.
Bei der weiteren Suche stolperte ich über eine Liebherr-Niederlassung in Osttirol. Ein Anruf brachte mich zu einem Gespräch mit einer netten Dame, die wahrscheinlich in einem Call-Center sitzt, möglicherweise aber auch direkt im dort ansässigen Werk. Sie konnte mir zuerst keine Auskunft über die Lieferbarkeit des Thermostats geben, fand dann aber nach einer Nachfrage bei einem fachkundigen Kollegen heraus, dass es den Thermostat für den Gefrierteil noch gibt, den für den Kühlteil aber nicht mehr, wie sie zu ihrem und meinem Bedauern feststellte.

Noch wollte ich nicht aufgeben. Auf dem alten Thermostat steht der Name des Herstellers: Ranco.
Also rufe ich in Deutschland bei Ranco an, nachdem ich auf deren Website bereits eine sehr lange Liste mit Thermostaten gefunden hatte, die alle so aussehen wie mein alter.
Am nächsten Bild sieht man das gute Stück. Das weiße Kabel ist in Wahrheit ein biegsames Alu-Röhrchen, in dem eine Flüssigkeit steckt. Am Ende des Röhrchens bewirkt die Außentemperatur, dass die Flüssigkeit drinnen sich ausdehnt oder zusammenzieht, je nachdem, wie warm es ist.
Diese Flüssigkeit drückt dann auf eine Membrane und diese wiederum wird von einem Sensor abgenommen, der den Druck in elektrische Spannung übersetzt, die wiederum den Motor steuert. In dem Kästchen sitzt auch der Drehregler, mit dem man die Temperaturstufen regelt.
Hier ein Bild davon:

bild3.jpg

Bild 1: Thermostat

Der Herr am anderen Ende der Leitung ist nicht nur geduldig, sondern sehr freundlich, hilfsbereit und vor allem bereit, sich wirklich mit meinem Problem auseinander zu setzen. Es stellt sich nämlich heraus, dass es eine Unzahl an sehr ähnlichen Thermostaten gibt, dass ich aber genau den richtigen brauche. Der ist gar nicht leicht zu finden, denn die Modellbezeichnungen haben sich seit der letzten Reparatur mehrfach geändert.
Gemeinsam rätseln wir, welcher nun passen könnte. Auf dem alten ist ein Aufkleber mit einer Liebherr-Produktnummer, die jedoch nicht zur eingestanzten Produktnummer des Thermostats passt.
Nach einiger Zeit wird klar, dass genau dieser Thermostat bei Ranco nicht mehr lieferbar ist.

Das ist aber noch nicht das Ende der Geschichte, denn während unseres Telefonats hat der nette Herr im Internet die Nummer gegoogelt und ist auf eine eBay-Seite gekommen, wo genau dieser Thermostat angeboten wird. Er sieht auch genauso aus und hat die richtige Länge des Fühlers.
Er empfiehlt mir das Ding auf eBay zu kaufen und ich verabschiede mich mit passenden Dankesworten.

Dann bestelle ich das Ding auf eBay, es kostet 11 Euro plus 16 Euro Versand macht insgesamt 27 Euro. Was bleibt ist aber die Unsicherheit, ob das Ding dann auch funktioniert. Das werde ich aber erst wissen, wenn es eingebaut ist.

Nach exakt einer Woche und einer kleinen Unstimmigkeit wegen des Trackings (die Deutsche Post schreibt, dass sie auf das Ding wartet, die Firma schreibt, dass sie es bei der Post abgegeben hat) ist der neue Thermostat dann da.
Der Einbau gelingt und der Kühlschrank springt wieder an. Mit ein bisschen Glück habe ich den Kühlschrank noch ein paar Jahre. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass er länger hält als ein neuer halten würde, der dann noch dazu nicht mehr reparabel wäre, denn bei den meisten neuen Geräten wird der Thermostat in das Gehäuse eingeschäumt und ist nicht mehr austauschbar.

Sonst könnte ja jeder kommen und sich um 27 Euro den Kühlschrank reparieren. Und das ist etwa das letzte, was die Hersteller wollen.

So arbeitet die Industrie kontinuierlich und sehr erfolgreich daran, uns zu Idioten zu erziehen, zu vereinzelten Menschen, die nichts mehr selber tun können und sollen und irgendwann auch nicht mehr wollen. Dann werden sie ihr Ziel erreicht haben und ich habe das Gefühl, dass das schon sehr bald sein könnte.
Ich werde jedenfalls so lange ich kann Widerstand dagegen leisten.

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Die Knallerei

Aufgrund der steigenden Gewalt hat die Regierung beschlossen, dass einmal im Jahr eine Nacht zum Morden freigegeben wird. Die restlichen 364 Tage bzw. Nächte ist es verboten, aber in dieser Nacht darf sich jede und jeder eine Waffe nehmen und umbringen wen er/sie will.
Am nächsten Morgen werden dann die Leichen aus den Häusern bzw. von den Straßen weggeräumt und das normale Leben nimmt wieder seinen Lauf.

Das ist der Inhalt von „The Purge“, einem USA-Film, der bisher in das Genre „Science Fiction“ eingereiht wurde. Ich bin mir seit gestern nicht mehr sicher, ob so etwas ähnliches nicht in Zukunft Realität werden könnte.
In dem Film werden übrigens mehrheitlich Afro-Amerikaner umgebracht, das ist aber eher ein Nebenthema.
Eigentlich geht es um die Aufhebung der Gesetze. Im alten Griechenland waren das die dionysischen Spiele, bei denen man sich dem Rausch, dem Laster und der Gewalt hingeben konnte. Auch sie waren zeitlich beschränkt und dem Gott Dionysos gewidmet. Im alten Rom waren das die Bacchanalen, gewidmet Bacchus, dem Gott des Weins.

Wein und andere Rauschgetränke wurden gestern zu Silvester ebenfalls in Unmengen genossen. Und es war „erlaubt“ Lärm und Dreck zu machen ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Als ich heute durch die Gassen ging, glichen sie einem Schlachtfeld. Überall Kisten mit abgebrannten Raketenresten, die Gehsteige, Fahrbahnen und vor allem die Parks übersät mit den Resten der gestrigen Knaller-Orgie.

Mir wäre das nicht so bewusst geworden, wenn ich nicht das hässliche Erlebnis vor dem Lokal gehabt hätte, in dem ich gestern bei einer dezenten Silvesterfeier war. Davor ist ein winziger Park und dort saß eine Familie mit einem kleinen Mädchen, vielleicht drei oder vier Jahre alt. Sie zündete die ganze Zeit irgendwelche Knallkörper und kleine Leuchtkugeln. Als eine vor meinen Füßen landete (ich telefonierte gerade), rief ich ihnen zu, dass sie doch gefälligst aufhören sollten.
Mehr hab ich nicht gebraucht. Die Frau fing an mich wüst zu beschimpfen: Sie würden hier leben und es wäre Silvesternacht und alle würden knallen. Jedes dritte Wort war „fuck“ (sie sprach Englisch) und sie brüllte so lange auf mich ein, bis ich die Sinnlosigkeit jeder Intervention einsah und wieder in das Lokal zurück ging.

Zu Silvester darf jeder mehr oder weniger enthemmt tun was er oder sie will, zumindest was Lärmnachen und Dreckmachen betrifft. Ob andere darunter leiden ist vollkommen egal, und zwar – so traue ich mich zu behaupten – so ziemlich allen Menschen, die gestern ihre Raketen abgeschossen und ihre Knaller gezündet haben.
Umweltschutz? Gibt es nicht, interessiert niemand, nicht einmal ein bisschen. Verstörte Tiere? Pech gehabt!
Es ist eine Nacht der Rücksichtslosigkeit unter dem Deckmantel des Jahreswechsels. Der Pöbel darf, was er sonst nicht darf. Die Polizei müsste das eigentlich ahnden, die Menschen können sich aber in der Masse verstecken – deswegen schrie auch die Frau gestern, dass das erlaubt wäre, weil es alle tun.

Hier sind wir am Kern des Problems und wieder bei „The Purge“ angelangt. Wenn es alle machen, dann ist es erlaubt. Ich erinnere mich noch an den FPÖ-Politiker Uwe Scheuch, der mit einem Gesichtsausdruck nach seiner Verurteilung aus dem Gerichtssaal kam, der eindeutig sagte (und er hat es dann auch noch mit Worten gesagt): Was wollt ihr von mir? Das machen doch alle!

Der Fachbegriff dafür ist „Ochlokratie“, die „Herrschaft des Pöbels“. Wenn Gesetz ist, was die Masse macht, führt das irgendwann zu Gewaltorgien. Wer darüber besser Bescheid wissen will, dem schicke ich gerne meine Diplomarbeit („Der Mensch und die Gewalt“), bei der ich anhand der Thesen von René Girard die ständige, latente Gewaltbereitschaft der Menschen diskutiert habe, die im Gegensatz zu den Tieren nicht durch Instinkthemmungen gesteuert wird, sondern für die es soziale Steuerung (Gesetze und die Überwachung ihrer Einhaltung) braucht. Diese Gesetze werden im Krieg außer Kraft gesetzt, wo Soldaten auch alles tun dürfen, was sie wollen – im Nachhinein wird es meistens legitimiert bzw. darauf hingewiesen, dass ja Krieg war und die Gewalt außerdem provoziert.
Gut beobachten kann man es auch bei Plünderungen nach Naturkatastrophen, wo Menschen spontan ihre Hemmungen verlieren. Im kleinen Maßstab kann man das bei verunfallten Autos beobachten, die auch bei uns gerne ausgeplündert werden.

Gesetze sind nur so gut wie ihre Überwachung. Deswegen gelten sie auch de facto nicht, wenn sie nicht überwacht oder so gering bestraft werden, dass es niemanden stört. Das lässt sich gut bei den sogenannten „Kavaliersdelikten“ beobachten, wie etwa Telefonieren im Auto. Wie ich seit einer Massenarbeit weiß, die ich betreut habe, ist das vergleichbar mit einer Alkoholisierung von ca. 0,8 Promille. Wenn man dabei erwischt wird, ist der Führerschein weg. Wer beim Telefonieren erwischt wird, zahlt ein paar Euro und das war´s, obwohl die Gefährdung der Mitmenschen nachweislich die gleiche ist. Bei Unfällen, die durch das Telefonieren verursacht werden, wird dies im Gegensatz zu Alkoholunfällen übrigens nie dazu gesagt.

Hoffentlich werde ich nie ein Kavalier.

Der derzeitige Trend – vielleicht weltweit, zumindest bei uns – geht dahin, dass es als „Schikane“ empfunden wird, wenn man dafür bestraft wird, dass man ein Gesetz nicht einhält. Das ist zwar eine perverse Auslegung des liberalen Gedankens, ich erlebe es aber immer häufiger, dass so argumentiert wird. Unser neuer Innenminister will der Polizei verbieten mit Radargeräten die Geschwindigkeitsübertretungen zu messen. (Quelle: Kleine Zeitung, 1. Jänner 2018) Er empfindet das als Schikane.
Ob es möglich ist die Menschen durch das zeitweise Aussetzen von Gesetzen zu deren Einhaltung zu bringen, wird die Zukunft zeigen.
Und ob „The Purge“ in irgend einer Form Realität wird, ebenfalls.

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„Kann ich hinein?“

Ich marschiere gerade aus den Räumlichkeiten der Bezirksvorstehung hinaus, als ich sehe, dass gerade jemand hinein will. Also öffne ich die nach außen aufgehende Türe ganz langsam, damit die Person draußen reagieren und zurück treten kann. Es ist eine nette Dame, die mich überrascht anschaut, als ich ihr die Türe aufhalte, und meint: „Kann ich hinein?“
Meine normale Reaktion wäre gewesen „Ich weiß nicht, ob Sie können, aber dürfen tun sie natürlich.“
Ich habe sie aber nur freundlich angelächelt und gemeint „Selbstverständlich“ – unter anderem, weil mir das so selbstverständlich ist.
Die spannende Frage ist aber, warum es für sie nicht selbstverständlich ist. Der Eingangsbereich wurde neu gestaltet, es ist hell und freundlich und es handelt sich um eine Glastüre. Während der Bürozeiten braucht man sie nur aufmachen und kann eintreten. Zu dem Zeitpunkt war auch drinnen alles hell erleuchtet.

Vielleicht wäre mir das sonst nicht aufgefallen, aber als Philosoph wurde ich auch ausgebildet auf Sprache zu achten. Und die Dame hat nicht etwa „Darf ich hinein?“ gesagt, sondern „Kann ich hinein?“
„Können“ ist ja eine körperliche oder psychische Eigenschaft. Sie war sich also nicht sicher, ob sie dazu überhaupt befähigt ist. Da sie kräftig genug wirkte, um die Türe problemlos aufzubekommen, finden wir hier keine Antwort auf die Frage.
Und doch hat es mit dem Körper zu tun.
Meine Hypothese dazu: Gesellschaften formen die Menschen und autoritäre Gesellschaften nehmen den Menschen die Kraft – durchaus körperlich gemeint – um sich gegen die Autorität aufzulehnen. Sie greifen also sehr tief in unser Wesen ein.

Wenn an einer Türe ein Verbotsschild hängt oder sonst irgendwie angedeutet wird, dass hier nur Berechtigte eintreten dürfen, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen sich daran halten.
Weshalb jedoch reagieren Menschen bei der frei zugänglichen Türe zur Bezirksvorstehung so, als ob es so unglaublich verboten wäre einzutreten, so dass sie sich sogar körperlich nicht mehr dazu in der Lage sehen?

Ich glaube, dass wir hier die österreichische Seele sehen, die ein seltsames Verhältnis zur Autorität haben dürfte. Der Kaiser ist zwar schon lange tot, lässt aber irgendwie immer noch grüßen. Es gab in Österreich nie so etwas wie eine gesellschaftliche Revolution gegen autoritäre Regime. Selbst das autoritärste war uns genau genommen nicht suspekt und Hitler war schließlich Österreicher, auch wenn wir das nicht mehr ganz so gerne hören wie unsere Großeltern (nein, natürlich nicht alle, aber doch die meisten).
Wer sich gegen Autorität nicht auflehnt, muss sich mit ihr arrangieren. Das funktioniert am besten indem man das tut, was die Autorität möchte. Um dem Problem zu entgehen, dass die Autorität etwas will, das man selbst nicht will, verändert man seinen Willen so, dass er mit der Autorität konform geht. Wenn ich das will, was die Autorität will, habe ich es bequem. Österreicherinnen und Österreicher haben es gerne bequem und daher funktioniert das gut.
Da die Autorität aber vorgibt, was ich wollen soll, muss ich wollen können was ich wollen soll. Zu diesem Zweck muss ich eigenen, abweichenden Willen unterdrücken, verleugnen oder empört ablehnen. Dabei ist es hilfreich, wenn mich niemand in meinem Wollen-sollen stört, also anspricht, dass ich das doch auch anders wollen könnte, etwa weil er es auch anders will.
Solchen Menschen weicht man besser aus und umgibt sich mit denen, die das gleiche wollen sollen.
Besonders schwierig ist das dann, wenn der andere, der Umbequeme, das andere Wollende, damit mehr Erfolg hat als ich. Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Ich definiere den Erfolg um, und zwar so, dass sein Erfolg eigentlich ein Misserfolg ist. Dabei hilft mir die Unterstützung anderer, Gleichgesinnter (eigentlich: Gleichgeschalteter).
Das ist z.B. überall dort erforderlich, wo die eigene Bequemlichkeit durch das autoritätskonforme Verhalten leidet und jemand anderer, der sich der Autorität widersetzt, es eigentlich bequemer hat. Dann muss ich entweder meine eigene Bequemlichkeit modifizieren oder seine Bequemlichkeit verringern.
Das funktioniert durch die Zuhilfenahme des Internets viel einfacher als noch vor einigen Jahren, da ich für alles, was ich glauben möchte, irgendwo in den unendlichen Weiten des Netzes jemand finde, der das bestätigt.
Realität, Wirklichkeit, Wahrheit werden dann zu leeren Begriffen, die man genau genommen entsorgen kann. Schwieriger wird es, wenn jemand die Quelle meiner Information hinterfragt. Dann kann man aber immer noch so antworten, wie das ein Bekannter getan hat, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass seine Quelle unseriös ist:

quelle1.jpg

quelle2.jpg

Bild: Ausschnitt aus einer Facebook-Diskussion. Es ging um einen Bericht, der angeblich von der Polizei stammt und in dem geschildert wird, dass eine Mutter angeblich mit einem Messer drei Bösewichte erstochen hätte.

So einfach ist das und schon kann man glauben, was man gerne glauben möchte.
Im nächsten Schritt wird es noch etwas spannender, denn in der heutigen Zeit kann man sich die Autoritäten aussuchen, zumindest auf der virtuellen Ebene. Das ist ausgesprochen praktisch, denn jetzt kann man sich genau die Autorität aussuchen, die das verspricht, was meine Bequemlichkeit maximiert. Man wird im Internet immer jemand finden, der die gleich Meinung hat und so kann man sich auf diese virtuelle Gemeinschaft berufen. Die vermeintliche Freiheit besteht nun darin, die Autoritäten, denen man glaubt, jederzeit wechseln zu können.

An der Autoritätshörigkeit ändert das freilich nichts und so können sich die echten Autoritäten, die uns genau so mögen, wie wir sind, beruhigt zurücklehnen. So lange wir in unserer Bequemlichkeit nicht gestört sind, reicht ein wenig panem et circenses und schon tun wir, was verlangt wird.

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Das Phänomen Macron und was das mit den Grünen zu tun hat

Politische Themen sind immer heikel, denn ich bin nicht für alles ein Experte. Diesmal schildere ich einfach meine Gedanken zu den letzten französischen Wahlen, also zur Präsidentschaftswahl und der danach abgeschlossenen Wahl der Nationalversammlung. Und was das mit der derzeitigen Lage der österr. Grünen zu tun hat. Aber der Reihe nach:

Macron hat einen Erdrutschsieg eingefahren und somit die absolute Mehrheit plus das starke Präsidentenamt. Die Konservativen sind extrem geschrumpft und die Sozialisten nur mehr eine Kleinpartei, obwohl sie mit Hollande noch den letzten Präsidenten hatten. Auch die Front National mit Le Pen ist winzig geworden.
Die Wahlbeteiligung liegt bei nur mehr ca. 43% und auch wenn ein sehr schönes Wetter war, ist das doch erstaunlich.

Die wirklich spannende Frage für mich lautet: Was bedeutet das für uns? Ich versuche eine Antwort.
Nicht nur in Frankreich ist zu beobachten, dass die großen, oder besser: ehemals großen Parteien massiv schrumpfen und teilweise in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Das betrifft links wie rechts und dürfte eher mit der Etabliertheit zu tun haben als mit Größe oder ideologischer Ausrichtung.
Ich glaube, dass den Menschen genau das auf die Nerven geht, was ihnen (bzw. ihren Eltern) früher getaugt hat, nämlich die Machtansammlung, die dazu geführt hat, dass die Parteien Angebote machen konnten. Über die Partei bekam man eine gewisse Form von Sicherheit wie z.B. einen Job bei der Gemeinde oder beim Bund, eine Gemeindewohnung, aber auch einfach die Sicherheit einer gewissen Stabilität und Planbarkeit.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Karten großteils neu gemischt, vor allem die Wirtschaft wurde zum Wunder und es gab einfach viel zu verteilen. Die Parteien beherrschten diese Verteilung gut und taten sich im Proporz nicht weh. Die Zukunft war sichtbar, ein wenig kleinbürgerlich, aber gut.

Heute ist das anders. Nichts, aber auch gar nichts an der Zukunft ist sicher. Wir stehen de facto vor großen weltpolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen und viele Menschen haben den Verdacht, dass sie dadurch betroffen sein werden oder es jetzt schon sind. Kaputte Pensionssysteme, unsichere Jobaussichten, Klimawandel, Scheidungsrate und noch viel mehr.
Die Altparteien (wozu tw. auch die Grünen inzwischen gehören) haben keinerlei Antwort oder nur eine konservative, also den Versuch, alles irgendwie zu bewahren und die Menschen glauben zu lassen, dass das funktioniert.
Viele sind aber nicht dumm genug um das zu glauben.
Vor allem aber versuchen die Parteien ihre Machtstrukturen zu erhalten und sind bereit alles dafür über Bord zu werfen, dessen sie sich früher gerühmt hatten. Die Konservativen entledigen sich konservativer Werte schneller als man schauen kann und die Sozialisten pfeifen in der gleichen Sekunde auf Menschenrechte und alles, was dazu gehört.
Auch die Grünen in Österreich müssen sich hier Kritik gefallen lassen. Sie vertreten zwar ihre alten Werte, kommen damit aber intern immer schlechter zurecht, etwa mit der Basisdemokratie oder dem Widerspruch zwischen Opposition und Regierung. Dass sie noch dazu wenig bis nichts zu verteilen haben, ist auch nicht gerade ein Vorteil und so bleibt ihnen zwar eine solide WählerInnenbasis, die ist aber nicht sehr groß.

Die Bürgerinnen und Bürger suchen sich etwas Neues. Davon konnten in Österreich die NEOS profitieren, die bei der letzten Nationalratswahl neu waren. Neu wird gewählt, weil es neu ist und weil man die Hoffnung hat, das Neue könnte anders sein und im Idealfall besser.
Sie suchen aber auch nach neuen Formen der Politik und wählen „Bewegungen“, auch wenn hinter diesen etablierte Politiker wie Macron oder bei uns Kurz oder Pilz stecken. Macrons Denken ist nicht neu, sein Wirtschaftsprogramm neoliberal und er strebt wahrscheinlich genauso nach Macht wie die etablierten Parteien. Aber er verspricht anders zu sein und der Wunsch nach dem Anderen ist offensichtlich so groß, dass es funktioniert hat.
Macron hat die klassischen Wahlzuckerln verteilt und die Franzosen haben sie gelutscht, weil sie unter dem Deckmantel des Neuen verteilt wurden. Darin kann man durchaus einen Protest gegen die etablierten Strukturen sehen, von denen immer mehr Menschen nicht mehr profitieren können.

Und dann ist da noch der Wunsch nach dem starken Mann. Es ist übrigens tatsächlich immer ein Mann, nach dem gerufen wird, niemals nach einer starken Frau. Da auch die meisten Frauen nach einem Mann rufen, haben die Grünen noch ein weiteres Problem.
Dieser Ruf ertönt immer, wenn etablierte Strukturen keine Sicherheit mehr bieten oder – und das ist meiner Ansicht nach doppelt gefährlich – die aufgrund des Wohlstands errungenen Dinge als gefährdet dargestellt werden. Dann wird der alte starke Mann durch einen neuen ersetzt oder die Demokratie durch ein autoritäres System. Trump ist ein gutes Beispiel, Erdogan ein zweites, Orban ein drittes, Macron ein viertes und Mama Merkel kann als Ausnahme durchgehen, die die Regel bestätigt.
Wahrscheinlich werden in den nächsten Jahren andere Länder nachziehen und überall werden die neuen, starken Männer von niedrigen Wahlbeteiligungen profitieren.
Das ist ein interessantes Phänomen, das sich wahrscheinlich nur durch die Summe einiger Ursachen erklären lässt:

1.) Panem et circenses. Die Menschen haben Brot (Pizza, Pommes, Burger, Kebab – die ganze Palette an Convenience-Food), dazu ein Auto, einen Flachbildfernseher und ein Smartphone. Bequeme Menschen gehen nicht wählen, sondern schauen die Barbara-Karlich-Show. Und wenn sie wählen gehen, dann entscheiden sie sich meist für den Kandidaten, der ihnen am glaubwürdigsten verspricht, dass ihre Privilegien erstens wohlverdient, zweitens gerecht und drittens unantastbar sind.

2.) Die Parteien haben über viele Jahrzehnte erfolgreich versucht die Menschen von der Politik fernzuhalten. Sich damit zu beschäftigen war ihrer Meinung nach nicht notwendig, weil man ja ohnehin gute Politik für die Bürger macht und politische Bildung somit verschwendete Zeit ist. Daher gibt es auch in der Schule keinen Politikunterricht und das Studium der Politikwissenschaft bringt eine Handvoll antiautoritär denkende Protestierer hervor, die man leicht in den Griff bekommt.
Die meisten Menschen haben somit keine politische Bildung und können A von B nicht unterscheiden, weil sie es nicht gelernt haben. Sie glauben somit, dass sie durch Nicht-Wählen eine Proteststimme abgeben. Da aber nur Parteien gewählt werden und nicht der „Protest“, funktioniert das nicht, sondern es tritt das Gegenteil von dem ein, was sie erreichen wollen: Die Parteien (oder auch die Bewegungen, das ist egal) werden gestärkt. Da diese Menschen aber wenig bis keine politische Bildung haben, fällt ihnen das nicht auf und die Parteien werden ihnen das sicher nicht erklären.
Viele Menschen haben es satt, wie sie regiert werden, ihnen fällt aber keine andere Lösung ein als nicht wählen zu gehen.

3.) Ein für mich bisher neues Phänomen ist die „starke Reziprozität“ (vom Ökonom Ernst Fehr, Standard-Interview vom 2.9.2017). Michel Reimon hat das gut zusammengefasst: „Wenn ein politisches System von einem Menschen nicht als fair empfunden wird, dann ist diese Person bereit, dafür zu bezahlen, dass dieses System bestraft wird. Sie ist also bereit, sich selbst zu schädigen und weniger als zu Beginn zu haben, wenn sie nur die Unfairness des Systems sanktionieren kann. Und die rationale Argumentation, dass es ihr besser geht, das System zu akzeptieren, geht ins Leere.“ (Aus einem Facebook-Beitrag ebenfalls 2.9.2017)
Nicht wählen gehen wird ebenfalls als Bestrafungsinstrument eingestuft, genauso wie eine Protestpartei zu wählen oder einfach nur eine, die neu ist und somit eine sichtbare Alternative zum Bestehenden.
Auch hier haben die Grünen das Problem, dass sie zu den etablierten Parteien gezählt werden und das in vielen Bereichen wohl völlig zu Recht. Ein Phänomen dieser Etabliertheit ist in den Interviews der SpitzenpolitikerInnen zu erkennen, nämlich darin, dass sie auf Fragen jeglicher Art nicht mehr antworten. Sie bringen vorbereitete Sätze und Satzgruppen, die sich meist gar nicht auf die Frage beziehen. Sie bekommen von ihren BeraterInnen eingetrichtert, ja nichts anderes zu sagen als diese Sätze, denn alles andere könnte gegen sie verwendet werden. Nicht ohne Grund erinnert das an eine Gerichtsverhandlung, obwohl es genau das nicht sein sollte.
Ein weiteres Merkmal für die Etabliertheit ist die Beteiligung an Regierungen. Vorher war man solidarisch mit Bürgerinitiativen, jetzt bekämpft man sie. Das mag inhaltlich sinnvoll und sachpolitisch notwendig sein, für das Image ist es katastrophal. Spätestens seit die Grünen irgendwo in einer Regierung sitzen, sind sie für manche Menschen nicht mehr die Protestierer aus der Hainburger Au.
Auch hier finden wir die starke Reziprozität – ich bekomme von altgedienten GrünwählerInnen immer öfter an den Kopf geworfen, dass wir leider nicht mehr die sind, die damals in der Au noch ehrlich gegen alles waren. Das stimmt durchaus. Erstaunlich ist die Reaktion, nämlich jetzt nicht mehr die Grünen wählen zu können. Das bedeutet ja, dass diese Menschen entweder nicht zur Wahl gehen und damit eine der besonders etablierten Parteien stärken – bei der kommenden Nationalratswahl wird das möglicherweise der erklärte ideologische Gegner sein, also ÖVP oder FPÖ, oder sie wählen doch. Das bedeutet aber, dass sie eine Partei wählen, die bisher für sie unwählbar war. Jetzt wird diese gewählt und, sofern man/frau vorher wirklich grün war, wählt man jetzt gegen die eigenen Interessen – das ist genau das, was Michel Reimon mit „sich selbst schädigen“ meint.
Die Alternative ist „Neue“ zu wählen. Ob das funktioniert, wird sich erst nach der Wahl zeigen.
Das „starke“ an dieser Reziprozität (man könnte auch das psychologische Modell der Reaktanz verwenden) ist die Übertreibung, die hier zu beobachten ist. Eine „jetzt ehemalige“ Grünwählerin hat das so erklärt: Weil ihr ein Bauprojekt in der Nachbarschaft nicht gefällt, wählt sie bei der Nationalratswahl nicht mehr grün. Die beiden Dinge haben auch bei genauester Betrachtung nichts miteinander zu tun, denn die Bundespartei hat keinerlei Einfluss auf Wiener Bauprojekte, aber das ist ihr vollkommen egal. Sie konstruiert sich eine eigene Wirklichkeit, in der sie sich die Wahlentscheidung legitimiert. Von etwas wegzukommen, dem man lange Zeit verbunden war, verlangt einen besonders großen ersten Schritt, quasi wie eine Rakete, die zu Beginn besonders viel Energie braucht, um die Erdanziehungskraft zu verlassen.
Daher sammelt die ehemalige Grünwählerin jede Menge Anlässe, die ihr in Summe kräftig genug sind. Sie ist dabei nicht wählerisch – alles, was irgendwie passt, wird in den Topf geworfen, siehe obiges Beispiel. Auf meine Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist sie einfach nicht eingegangen.

Ich finde es nur schade, dass sie sich die Konsequenzen nicht vorher überlegt. Nach der letzten Wiener Wahl hat mich ein älterer Herr angerufen um mir zu sagen, dass er diesmal rot statt grün gewählt hat, um den Strache zu verhindern. Als ich ihn gefragt habe, was er denn auf Bezirksebene gewählt hat, wo dieses Problem ja gar nicht zur Debatte stand, wurde es ruhig am Telefon. Er hatte im Bezirk auch rot gewählt. „Das war wahrscheinlich ein Fehler“ meinte er dann kleinlaut.
Ich habe das Gefühl, dass sich viele Menschen nicht mehr die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wie das System funktioniert und welche Konsequenzen ihre oft spontan und aus einer Emotion getroffenen Entscheidungen haben. Das macht sie auch extrem leicht beeinflussbar. Es gewinnt dann derjenige, der am lautesten schreit, optisch am auffälligsten oder ganz einfach nur neu ist oder zumindest neu erscheint.
Die Gesellschaft wird sich dadurch wahrscheinlich massiv verändern.

Das werden wir wahrscheinlich auch am 15. Oktober beobachten können.

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