Die Zero DSR – fast lautlos durch die Landschaft surren.

„Oh, eine Camouflage-Lackierung!“ – so meine erste Reaktion, als ich die neue ZERO in der Garage stehen sehe. Gefolgt von „oh, kein Hauptständer“.
Das verwirrt mich dann doch ernsthaft, denn das Motorrad wurde extra als Europa-Modell aufgebaut und ich frage mich, ob sie in Kalifornien wissen, dass es hier auch Untergründe gibt, auf denen ein Seitenständer blitzschnell einsinkt.
Ich führe diese Entscheidung auf die scheinbar dringende Notwendigkeit zur Gewichtsersparnis zurück, so wie den Verzicht auf eine zweite Bremsscheibe vorne.
Da die ZERO im Touringbereich auf alteingesessenen Mitbewerb stößt, muss hier ein kritischer Blick erlaubt sein, auch wenn man diesem tollen Bike gerne ein paar Vorschusslorbeeren geben möchte.

Im Fahrbetrieb erweist sich die vordere Bremse als fröhlich zupackend und sehr angenehm dosierbar. Dazu kommt noch ein lustiges Surren, wenn in der ECO-Einstellung die Rekuperation aktiviert wird.
Ob sie nennenswert Strom erzeugt, müsste getestet werden. Hier würden mich Leistungszahlen im Realbetrieb wirklich interessieren. In diversen Fahrzeugen gibt es dafür eine Anzeige im Display und das könnte auch für nicht so verspielte Fahrer interessant sein.

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Bild 1: Das Display – neben der Geschwindigkeit ist die Ladestandsanzeige das wichtigste Instrument.

Die Motorleistung kann dreifach verstellt werden. Im ECO-Modus zeigt der Tacho maximal 114 km/h an, die Beschleunigung ist vergleichbar mit einer sehr gut gehenden 250er und für entspanntes Cruisen absolut ausreichend. Man darf nicht vergessen, dass ordentlich Gewicht geschleppt werden muss und hier eine echte Schwachstelle von E-Bikes liegt. Bergauf ordentlich beschleunigen saugt an den Akkus so gewaltig, dass du die Prozente fast sekündlich schmelzen siehst wie Eis in der Sonne. Die Unterschiede zu einem benzingetriebenen Fahrzeug sind hier entweder deutlich größer oder erscheinen zumindest so.

Noch massiver zeigt sich das im SPORT-Modus. Du beginnst irgendwie instinktiv nach der nächsten Steckdose zu suchen und schaust noch einmal nach, ob du das Ladekabel eh nicht daheim vergessen hast. Dafür geht beim Beschleunigen so richtig die Post ab. Die Tachoanzeige kommt nicht mehr mit, vor allem zwischen 60 und 110 braucht die ZERO den Vergleich mit einer 750er-Klasse nicht scheuen, wenngleich genau der Vergleich eigentlich nicht angebracht ist, denn das Fahrerlebnis lässt sich nur beschränkt mit Drehmomenten oder PS-Zahlen ausdrücken.
Auch die oft gehörte und gelesene Aussage, dass bei einem Elektro-Bike das volle Drehmoment gleich von Null weg zur Verfügung steht, hat in der Praxis keinerlei Bedeutung, denn die Kraft wird vom Steuergerät geregelt und das lässt genau das eben nicht zu. Mit einem spontanen Wheelie absteigen will aber ohnehin niemand.

Der SPORT-Modus macht eindeutig süchtig und wird seinem Namen gerecht. Du kannst ordentlich und fast lautlos durch die Landschaft sägen, zumindest bis dir der Akku eine klare Grenze setzt.
Die beiden Modi ECO und SPORT sind meines Erachtens bereits ausreichend und machen aus der ZERO quasi zwei Motorräder.
Der dritte Modus namens CUSTOM lässt eine individuelle Programmierung zu und ist jetzt auch über eine App am Handy steuerbar. Das ist ein sehr nettes Feature und wird bei den hoffentlich zahlreichen Besitzern in Zukunft wohl Verwendung finden.

Die inzwischen elend strapazierte Frage der Reichweite kann bei der neuen ZERO auf zwei Arten beantwortet werden: Entweder nimmt man sich ein zusätzliches Power-Pack oder eine Schnell-Ladestation mit auf die Reise.
Ich würde mich für die Ladestation entscheiden, wenngleich die Herstellerangaben über Reichweite und Ladedauer einer realen Prüfung unterzogen werden müssten, bevor ich daran glaube. Angeblich kann man in einer Stunde 150 km Reichweite nachtanken. Das wäre absolut ausreichend für gute Tagestouren.

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Bild 2: Der Anschluss für das Schnellladekabel.

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Bild 3: Hier wird das normale Ladekabel angeschlossen – mit einem Kaltgerätestecker.

Auch die vollmundige Ansage, dass man das stärkste Akkupack am Markt hat, verlangt einen Realitätscheck. ZERO verbaut nämlich die gleichen Zellen (Rundzellen 18650) wie fast alle anderen Hersteller von Elektrofahrzeugen, BMW und Tesla inklusive. Derzeit ist der nächste Entwicklungsschub noch nicht am Horizont erkennbar und bis dorthin lässt sich punkto Reichweite nicht mehr allzu viel optimieren. Dem Problem, dass Akkuzellen Platz brauchen und schwer sind, kann sich kein Hersteller entziehen.

Der Lenker ist sehr breit, die Sitzposition aber angenehm, zumindest für meine 186 cm. Das Fahrverhalten möchte ich als ordentlich bezeichnen, sie geht recht gut in die Kurve und hat einen ordentlichen Geradeauslauf. Die Federung gefällt mir sogar sehr gut, nicht zu hart, trotzdem fühlt sie sich nicht unsicher an.

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Bild 4: Das zentrale hintere Federbein mit guter Leistung. Das Ding mit den Kühlrippen dahinter ist der Motor.

Das Outfit der „ZERO DSR Black Forest“ ist modern, die GIVI-Koffer sind wuchtig und passen gut zum ebenfalls nicht dezenten Sturzbügel.

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Bild 5: Die drei Koffer wirken nicht nur wuchtig, sie sind es auch.

Vielleicht ist das ja die Antwort auf den fehlenden Hauptständer: Wenn sie dir schon umfällt, dann ist wenigstens nichts kaputt.
Kaputt sollte auch sonst nichts werden – laut Hersteller müssen in den ersten 40.000 Kilometern gerade mal Bremsen und Reifen erneuert werden. Ich habe aber auch berichtet bekommen, dass es in der Vergangenheit mit der Wartung große Probleme gegeben hat, bedingt durch das dünne Servicenetz und mit der Elektronik überforderten Mechanikern. Hoffentlich hat man hier reagiert und die Probleme sind tatsächlich welche aus der Vergangenheit.
Wenn wir schon bei den Schwachstellen sind: drei Givi-Koffer, drei verschiedene Schlüssel. Die Logik dahinter bleibt mir verborgen. Ansonsten wirkt aber alles soweit praktisch und praxisgerecht.

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Bild 6: Sie ist eigentlich recht schlank, sicher weniger wuchtig als viele große Enduros. Die Sonderausstattung zeigt sich mit Zusatzscheinwerfern, einem Gitter vor dem Hauptscheinwerfern, wuchtigen Sturzbügeln, der Camouflage-Lackierung, den Koffern und einer Scheibe plus Handschutz.

Die erste ZERO (damals das Modell DS) habe ich 2012 getestet. Die Kraftentfaltung war damals schon ganz okay, die Reichweite lag bei echten 120 km im Realbetrieb. Die SR drei Jahre später hatte schon mehr Schmalz, aber auch hier war bei ca. 125 Schluss. Die DSR dreht auf der Geraden bis 155 aus, mehr brauche ich persönlich nicht, sie eignet sich sowieso nur bedingt für Autobahnrennen über mehrere hundert Kilometer.

Spaß macht es zwischen 60 und 130 – da ist sie ganz in ihrem Element und ich musste aufpassen, dass ich einige Kurven noch gut erwischen konnte. Durch die extrem geringe Lautstärke ist die Geschwindigkeit schwieriger einschätzbar und so konnte ich auch das ABS ausprobieren. Es bewirkt ein Stampfen und Versetzen des Vorderrads. Das fühlt sich zwar nicht gut an, dafür muss man die DSR aber schon an ihre Grenzen bringen.

Das Gummibandgefühl ist der süchtig machende Faktor, vor allem in Kombination mit der Bequemlichkeit nicht schalten zu müssen. Das erlaubt einerseits volle Konzentration auf die Straße, lässt aber andererseits generell bequem werden. Jederzeit die volle Kraft zu haben ist wie eine Dauererektion – irgendwann will man wieder runter von der Welle. Die Zero im Sportmodus ist das Viagra unter den Motorrädern. Und so schalte ich wieder in den Eco-Modus und genieße das flotte, aber normale Dahingleiten.
Beides zu haben ist toll, will aber bei der Zero auch bezahlt werden und da taucht die Frage des Wertverlusts auf, der eine schnelle Antwort fehlt. Der Markt ist klein und die Akkutechnik entwickelt sich schnell genug weiter um gebrauchte E-Motorräder skeptisch beäugen zu müssen. Vielleicht kann man sich aber die alte Porsche-Philosophie ausborgen: Wer einen günstigen Porsche will, soll einen gebrauchten kaufen.

Die Zero hat sich einen fixen Platz unter den Motorrädern verdient, so viel ist sicher. Möglicherweise bewirkt sie auch Entwicklungsschübe bei anderen Herstellern, die den Kaliforniern den Markt nicht einfach so überlassen wollen. Und irgendwann wird der Lärm in den Wäldern weniger werden und die meisten Benzinbrüder werden zu Strombrüdern. Sogar Harley Davidson arbeitet schon an einem Elektrochopper. Wer darauf nicht warten will, kann ja inzwischen mit der Zero durch die Landschaft surren.

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Meine Eudora geb ich nicht her

Als ich vor inzwischen 27 Jahren in die Edelhofgasse gezogen bin hat mir meine Schwester eine Eudora-Waschmaschine empfohlen. Die Wahl fiel auf die „Sparmeister 701“ – eine kleine Waschmaschine, für eine Person aber völlig ausreichend. Robuste Mechanik, meine Schwester hatte die gleiche. Allerdings nicht so lange wie ich, das liegt auch daran, dass sie einen Haushalt mit vier Personen zu waschen hatte.

Im Laufe der Jahre musste ich einmal den Antriebsriemen erneuern und einmal die Trommeldichtung. Beides kann von einem einigermaßen technisch begabten Mensch selbst gemacht werden, die Kosten halten sich in Grenzen und man bekommt auch die meisten Ersatzteile noch, obwohl Eudora vor etlichen Jahren aufgeben musste und gekauft wurde. Seitdem existiert zwar noch der Name, die Maschinen sind aber Standardware aus Fernost.

Meine Eudora rennt noch und vielleicht ist das ja auch der Grund für die Pleite – die Maschinen halten zu lange und das wird in einem auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftssystem bestraft, und zwar mit der höchsten Strafe, der Vernichtung.
Wer „zu gute“ Produkte erzeugt, verkauft weniger und müsste daher teurer anbieten. In einer Geiz-ist-geil-Gesellschaft, die ständig nach neuen Produkten verlangt, lässt sich aber kein höherer Preis durchsetzen, denn es gibt zu wenige KonsumentInnen, denen Langlebigkeit auch einen höheren Preis wert ist.
Zudem bekommen wir alle seit Jahrzehnten eingeredet, dass wir alles besitzen müssen, was uns die bunte Konsumwelt anbietet. Da wir nicht uneingeschränkt Geld zur Verfügung haben, müssen die Dinge billig sein, damit wir sie uns kaufen können. Daher kann die Qualität nicht stimmen, was aber in diesem System nicht weiter schlimm ist, weil sie sowieso nicht lange halten müssen.
Der Kreislauf funktioniert deswegen, weil Umweltkosten nie mit einberechnet werden. Ansonsten gäbe es nicht nur Eudora noch, sondern viele andere Unternehmen, die auf Qualität gesetzt haben.
Weder die Ausbeutung der Natur noch die von Menschen wird einberechnet und somit werden sie zu Gewinnfaktoren. Das heißt, je umweltschädigender und sozial ausbeuterisch ich agiere, desto mehr Gewinn mache ich. Da Gewinn in einem Wirtschaftssystem wie dem unseren inzwischen der einzige Faktor ist, der wirklich zählt, haben wir hier einen Systemverstärker. Wer nicht mitspielt, wird letztlich vom Konsumenten abgestraft.

Als ich noch lange nicht grün oder gar politisch engagiert war, habe ich im Fernsehen eine Szene aus einer Wiener Vorstadtserie gesehen. Sie hieß „Mozart und Meisel“ und spielte in der „Wildsau“, einem Heurigen an der Mauer vom Lainzer Tiergarten, zu dem ich heute noch manchmal hinfahre. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern, aber die eine Szene ist extrem lebendig vor meinem geistigen Auge: Das Lokal wird renoviert und ein Yugo sieht die alten Sessel, die sich vor dem Lokal stapeln. Er nimmt sie und will sie wieder ins Lokal bringen, als der Wirt (gespielt von Andreas Vitasek) kommt und sagt, dass sie weggeschmissen werden. Der Yugo darauf: „Wieso wegschmeissen? Sind doch gut!“
Die Antwort des Lokalbesitzers: „Sind alt. Alt nix gut, nur neu gut.“

Das sagt eigentlich alles, die Serie lief übrigens 1987 und unser Wirtschaftssystem ist in den vergangenen vierzig Jahren immer mehr in diese Richtung gegangen, was im derzeitigen Trend zum „Fast Shopping“ sichtbar wird. Dabei gehen vor allem Jugendliche in Geschäfte und kaufen Dinge, die sie nach dem Kauf sofort entsorgen. Ohne sie ein einziges Mal verwendet zu haben. Die Sachen werden manchmal getauscht, manchmal verkauft, meist aber einfach weggeschmissen. Sie sind schon bei der Erzeugung genau genommen Müll, haben auch keinen Verwendungsanspruch und somit auch keine Qualität, dafür kosten sie wenig.
Was die Jugendlichen danach machen? Sie gehen wieder ins Geschäft um sich das nächste Kauferlebnis (Dauer des Adrenalinschubes angeblich sieben Sekunden) zu holen.
Die Dinge es Fast-Shoppings werden übrigens nicht mehr konsumiert, also ge- oder verbraucht, sondern nur mehr gekauft und dann entsorgt. Es sind eigentlich keine Konsumgegenstände mehr und somit kann man auch nicht mehr von einer Konsumgesellschaft sprechen, das Wort „Wegwerfgesellschaft“ dürfte es eher treffen. Ob wir letztlich damit uns selbst wegwerfen, sollte diskutiert werden.

Begonnen hat dies mit „alt nix gut, nur neu gut“.
Ich konnte schon damals nichts damit anfangen und erinnere mich noch an den Widerstand, den ich empfunden habe. Vielleicht war das die Geburtsstunde meines grünen Engagements.
Somit will ich auch keine neue Waschmaschine so lange die alte gut funktioniert. Die neuen können eigentlich nichts wirklich besser. Sie haben 100 Programme, ich komme seit Jahrzehnten mit 2-3 aus. Sie haben tolle Digitalanzeigen, dadurch wird die Wäsche aber nicht sauberer. Sie brauchen auch nicht weniger Strom, das ist so wie bei den Kühlschränken ein Marketingschmäh, der nach der Methode der Abgastests funktioniert: ein spezieller Testzyklus, der mit dem Realbetrieb genau gar nichts zu tun hat.

Seit ein paar Jahren hüpft meine Eudora beim Schleudern. Das hat langsam begonnen und ich habe mir damals eine spezielle Matte gekauft, die unter die Maschine gelegt wird. Das hat eine Zeit lang geholfen, in den letzten zwei bis drei Jahren musste ich mich aber beim Schleudervorgang immer öfter auf die Maschine setzen, was zwar einer Art Ganzkörpermassage gleich kommt, letztlich aber nicht Sinn der Sache ist und mir auch immer mehr auf die Nerven ging.

Glücklicherweise kenne ich den Sepp Eisenziegler vom RUSZ (Reparatur- und Servicezentrum in 1140, www.rusz.at), den ich für sein Engagement bewundere. Er hat mir schon vor längerer Zeit gesagt, dass ich den Rüttelsensor austauschen soll. Der hilft das Schütteln zu verringern.
Als er neulich bei einer Veranstaltung zu Gast war, habe ich ihn darauf angesprochen und die Telefonnummer eines Betriebes bekommen, der Ersatzteile für alte Eudora-Waschmaschinen hat.(Haushaltsgeräte Hildegard Maier, Hasenweg 2, A-8141 Premstätten, service_eudora@aon.at, 0664 1360849, 0316 252800)
Dort bekomme ich nicht nur den Rüttelsensor (heißt offiziell „Unwuchtregler), sondern auch noch eine gute Beratung. Herr Maier meint, dass ich nachschauen soll, ob auch die Rollen kaputt sind. Daran hätte ich gar nicht gedacht, aber sie sind tatsächlich vollkommen hinüber und das macht viel aus, meint Herr Maier. Also kaufe ich auch die Rollen und komme inkl. Versand auf Gesamtkosten von Euro 85,80-

Um 200 Euro bekommt man schon eine neue Waschmaschine, muss diese 200 Euro aber alle drei Jahre investieren, denn so lange hält so eine Waschmaschine – wenn man Glück hat. Reparieren kann man die nicht, nämlich gar nicht, das ist bei der Konstruktion nicht vorgesehen bzw. es ist vorgesehen, eventuelle Reparaturmöglichkeiten schon von vornherein zu unterbinden. Daher wird verklebt statt geschraubt, dann hat sich die Sache erledigt und ein Ersatzteillager braucht auch niemand. Wenn innerhalb der Garantiezeit etwas kaputt wird, tauscht man die Waschmaschine gegen eine neue und die alte wird weggeworfen, auch wenn nur ein Widerstand um 0,15- Euro kaputt ist.

Was ich noch vergessen habe: Die neuen Waschmaschinen machen die Wäsche nicht sauberer. Das ist ebenfalls ein Marketingschmäh, ähnlich wie der mit den Waschmitteln.

Nach ein paar Tagen bekomme ich die Teile und schiebe meine Waschmaschine ins Wohnzimmer, wo ich sie auf ein altes Tuch lege, um nichts zu beschädigen.
Für die gesamte Reparatur braucht man einen Kreuzschraubendreher, ein 5-Cent-Stück, einen Durchschlag und einen Hammer. Weil sich eine der Rollenachsen ein wenig verklemmt hat, dauert die Reparatur eine Stunde, ansonsten wäre es in 30 Minuten erledigt gewesen.

Spannend war der erste Waschvorgang. Glücklicherweise ist alles gut gegangen, die Maschine hüpft nicht mehr und ich bin gespannt, wie lange sie noch halten wird. Sepp hat mir geraten, sie möglichst lange zu behalten, weil die Mechanik ziemlich schwer kaputtzukriegen ist und er mit der modernen Elektronik fast aller Marken (Miele hat angeblich noch eine qualitativ hochwertige Produktlinie, alle anderen sind mehr oder weniger Schrott schon beim Kauf) sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat.

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Bild 1: Die Rückseite der Waschmaschine lässt sich mit einem Schraubendreher und einem 5-Cent-Stück abschrauben. Dann kommt man überall gut dazu.

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Bild 5: Hier sieht man den Unwuchtregler und die alten Rollen, deren Gummis schon brüchig und eckig waren.

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Nach 27 Jahren wieder im Zillertal

Ich kann es selbst kaum glauben, aber es ist tatsächlich schon so lange her. Anfang der 1990er war ich mit Freunden eine Woche Mountainbiken in Fügen im Zillertal, am Asterhof der Familie Steinberger.
Die Maria Daigl ist jetzt 94 Jahre alt. Kurz nach dem Krieg ist meine Oma quasi zum „Aufpäppln“ ins schöne Zillertal gekommen, da es dort – im Gegensatz zu Wien – genügend zu essen gab. Es entstand eine Freundschaft, die 70 Jahre lang halten sollte. Die „Mariedl“, wie sie genannt wird, ist heute noch eine rüstige alte Frau, die den Haushalt im alten Bauernhof fast alleine schupft, geistig erstaunlich fit ist und die ich auch besuchen will.
Ihre Kinder Lisl und Karl sind mit meiner Mutter befreundet und so kam ich in den frühen 1980er Jahren auch ins Zillertal – allerdings auf Urlaub und gut genährt.

Irgendwann war ich dann ein paar Jahre lang nicht dort und aus den paar Jahren wurden fast drei Jahrzehnte – so vergeht die Zeit. Ich wollte immer wieder hinfahren und dann ist doch nichts draus geworden.
Doch jetzt ist es anders. Drei Tage wandern mit Susanne, einer lieben alten Freundin und Kollegin, sind für den Sommer geplant. Irgendwohin, ins Waldviertel oder in die Steiermark. Warum mir nicht sofort das Zillertal eingefallen ist, weiß ich nicht. Es könnte daran liegen, dass die Pension meist schon ein halbes Jahr vorher ausgebucht ist, oft auch noch länger. Und irgendwie wäre es schade, wenn ich nicht am Asterhof sein könnte, wo ich viele schöne Tage und Wochen verbracht habe. In irgendeiner Pension – das ist wenig reizvoll.

Doch dann erzählt mir meine Mutter, dass sie gerade dort war, auch weil ein neuer Golfplatz im Zillertal gebaut wurde und sie leidenschaftlich Golf spielt.
Und auf einmal kommt die Idee – ich könnte ja anrufen und fragen. Wahrscheinlich müssen wir woanders wohnen, aber das darf diesmal kein Grund sein nicht ins Zillertal zu fahren.

Die Telefonnummer stimmt nicht mehr – es ist einfach zu lange her, dass ich dort angerufen habe. Die Website www.asterhof.at gibt aber Auskunft. Dort sehe ich, dass sich alles massiv weiterentwickelt hat. Inzwischen hat die ältere Tochter von Lisl, die Anni, die Pension gemeinsam mit ihrem Mann Patrick übernommen und sie haben auch schon zwei Söhne, von denen der ältere gerade den L17-Führerschein macht.

Als ich anrufe, hebt Monika ab, die jüngere Tochter von Rudl und Lisl. Sie erinnert sich tatsächlich an mich und als ich es wage um ein Zimmer zu fragen, meint sie, dass wir Glück haben – zwar nicht von Dienstag bis Samstag, aber von Mittwoch bis Sonntag wäre ein Zimmer frei.
So schnell hab ich noch nie was gebucht. So viel Glück hatte ich auch schon lange nicht mehr. Und mehr Wink vom Schicksal geht auch nicht. Es ist Zeit für´s Zillertal.

Die Freude ist groß und ich plane sofort die Bergtouren, die wir machen werden. In Erinnerung habe ich die majestätischen Gletscher der hohen Berge am Hauptalpenkamm. Von dort gehen die Seitentäler weg, die in Mayrhofen zusammentreffen. Einige, fast alle davon, sind seit Jahrzehnten mit Speicherseen verbaut. Von dort aus kann man diverse Berghütten besuchen, die jeweils ein spannendes Panorama bieten. Und natürlich wollen wir den Hausberg von Fügen besuchen, das Spieljoch. Die Bahn dort hinauf führt nahe am Asterhof vorbei. Ich bin schon gespannt, welche Touren es dann tatsächlich sein werden.

DER MITTWOCH

Mittwoch Mittag, Abfahrt. Wir fahren mit dem Auto von Susanne und hoffen auf nicht allzu viel Verkehr. Das funktioniert auch bis Salzburg, dort erwartet uns dann ein Stau am Walserberg. Ich hasse Stau und beschließe über das kleine deutsche Eck zu fahren, versäume aber die Abfahrt. Es ist auch schon ewig her, dass ich hier gefahren bin.
Also stehen wir im Stau, glücklicherweise nur eine halbe Stunde. Danach geht es bei dichtem Verkehr bis Rosenheim und dann weiter über Kufstein bis Abfahrt ins Zillertal.
Dort hat man einen Tunnel gebaut, der einen Abschneider ins Tal bietet, bei viel Tourismusverkehr aber von Zeit zu Zeit gesperrt ist, weil man Blockabfertigung machen muss.
Wir haben Glück, Mittwoch Nachmittag ist nicht viel los.

In Fügen besuche ich noch die Tourismusinformation und kaufe mir eine gute Wanderkarte. Einen Führer gibt es gratis dazu, auch eine Karte vom vorderen Zillertal kostet nichts. Das Service ist gut und ich erinnere mich an einen Film, den wir quasi zur Einstimmung ein paar Tage vorher angesehen haben: Die Piefke-Saga, Teil 4. Der ORF traut sich nur selten diesen Teil auszustrahlen, er stellt eine Dystopie dar und wurde Anfang der 1990er-Jahre gedreht. Genau zu dieser Zeit war ich auch das letzte Mal im Zillertal und der Film spielt dort, genauer gesagt in Mayrhofen, das im Film „Fahnenberg“ heißt.
Mein Fazit: Natürlich ist nicht alles so eingetroffen wie es Felix Mitterer damals dargestellt hat. Einige Details sind jedoch erschreckend gut getroffen und ich werde darauf noch eingehen.

Jetzt freue ich mich einfach wieder hier zu sein und wir finden auch auf Anhieb den Asterhof, wenngleich sich der Weg dorthin massiv verändert hat. Der Ort ist den Berg hinauf gewachsen, es gibt eine große Zahl neuer Häuser, meist Pensionen, alle in stattlicher Größe. Und der Schiestl ist jetzt ein riesiges Hotel – er war damals eine kleine Pension, in die wir am Abend öfter essen gegangen sind. Der „Waldfriede“, einst das mit Abstand größte Haus am Pankratzberg, fällt nicht mehr auf. Auch die Spielhochbahn ist komplett modernisiert worden und die Straße nach Hochfügen hat man in einem großen Bogen rundherum gebaut.

Als wir beim Hubertus rechts Richtung Asterhof abbiegen, bin ich zunächst verwirrt – wo ist das Haus? Dann entdecken wir es hinter einem großen, neuen Haus, das gleich daneben gebaut wurde. Früher war da Wiese.
Auch der Hof hat sich verändert, wurde vergrößert, erneuert, schöner gemacht. Aus dem winzigen Bach, der früher zwischen Pension und dem alten Bauernhof vorbei geflossen ist und den wir immer wieder aufgestaut haben, wurde ein schön gefasster Brunnen mit einer kleinen Terrasse daneben.

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Bild 1: Brunnen

Es gibt eine neue Rezeption, ein Stock wurde draufgesetzt und auch sonst einiges umgestaltet. Trotzdem ist der Ort noch immer schön, was aber nicht nur am äußerst gepflegten Gebäude liegt, sondern an den Menschen, die dort leben.
Anni winkt schon vom Balkon und ich freue mich riesig sie wieder zu sehen. Ihren Mann Patrick lernen wir auch gleich kennen, Monika und die Eltern etwas später.
Der Asterhof unterscheidet sich in einigen wichtigen Punkten von anderen Hotels bzw. Pensionen. Anni und ihre Familie sind unglaublich fleißig und arbeiten seit Jahrzehnten hart an Aufbau und Verbesserung ihrer Lebensgrundlage. Dafür gehört ihnen auch all das, was sie aufgebaut haben. Das ist seltener der Fall als man glaubt, viele Hotels gehören der Bank und die Besitzer sind maximal Verwalter.

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Bild 2: Asterhof

Die Familie Plattner ist eigenständig und gestaltet Ihr Apart-Hotel nach ihren eigenen Vorstellungen. Das macht sie so erfolgreich, dass die Gäste gerne und oft wiederkommen – manche schon seit Jahrzehnten. Das ermöglicht eine gute Auslastung und eine gewisse Planbarkeit. Das kostet aber auch enorm viel Kraft, denn Urlaub ist oft jahrelang ein Fremdwort und die Tage beginnen früh und enden spät. Trotzdem haben sie es geschafft eine gute Balance zu finden, was sich massiv auf den Geist, auf die Seele des Asterhofs auswirkt. Das ist das eigentliche Geheimnis: genügend Zeit für die Gäste, die trotzdem auf keinen Komfort verzichten müssen. Sie werden nicht durchgeschleust, sondern möglichst individuell betreut.

Wir wollen uns nach der langen Fahrt noch ein wenig die Beine vertreten und bekommen von Patrick den Tipp für eine kleine halbstündige Runde. Sie führt an zwei Häusern vorbei an den Waldrand, dort auf dem Wanderweg Richtung Spieljoch durch den Wald bergan und dann wieder links hinunter in einer Runde auf die Wiese oberhalb des Hofs.
Ich bin glücklich wieder diese Luft riechen zu dürfen. Kaum sind wir im Wald, wachsen links die Himbeeren, geradeaus die Brombeeren und rechts die Heidelbeeren. Preiselbeeren gäbe es auch noch, die sind aber noch nicht reif.
Irgendwie ist das unglaublich und wirkt wie aus einem Film. Es ist aber echt, der Reichtum der Natur ist im Zillertal noch vorhanden, sein Herz ist noch nicht gebrochen und hoffentlich passiert das auch noch nicht so bald.
Es wird an den Tirolern liegen ihre Heimat zu erhalten.

Wir schaffen es vor einem Regenguss rechtzeitig wieder zurück zu sein und planen das Abendessen. Meine Mutter hat mir vom Wöscherhof vorgeschwärmt. Dieser befindet sich im Nachbarort Uderns und gehört der Familie Daigl. Geführt wird er von Sabine, der Cousine von Anni und Monika, die ich seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Das Essen in diesem inzwischen großen Hotel soll hervorragend sein und wir beschließen, diesem Tipp nachzugehen.

Das Hotel ist wirklich beeindruckend und das Essen hält was es verspricht. Sabine hätte ich nicht wiedererkannt und sie mich auch nicht. Trotzdem freuen wir uns und sie erzählt mir, wie sie damals als kleines Mädchen mit auf die Berliner Hütte gegangen ist. Ich hatte das vergessen, aber jetzt fällt es mir wieder ein. Ein paar Erinnerungsfetzen sind noch da. Heute ist sie eine erwachsene Frau mit einer fast erwachsenen Tochter und führt ein Hotel als Familienbetrieb. Wir sitzen nach dem Essen noch lange an der Bar und ich gönne mir den einen oder anderen „Zirbenen“. Irgendwann taucht auch Andreas auf, ihr Bruder. Er ist mir als kleiner, lockiger Bub in Erinnerung, der unbedingt einmal Bauer werden wollte.
Das Bild, das ich noch im Kopf habe, ist ein Traktor, bei dem Andreas neben seinem Vater Karl sitzt. Heute ist er tatsächlich Bauer, unterstützt Sabine mit dem Hotel, ist leider geschieden und hat zwei Kinder. Daneben führt er eine Landwirtschaft, geht die Kühe melken, wenn es sein Vater gerade nicht tun kann. Am Abend spielt er in einer großen Blaskapelle. Dazu muss ich anmerken, dass alle Mitglieder dieser großen Familie äußerst musikalisch sind. Anni und Monika sind über die Landesgrenzen für ihr Harfenspiel bekannt und meine Mutter versucht seit vielen Jahren sie nach Wien zu locken bzw. abzupassen, wenn sie irgendwie in der Nähe einen Auftritt haben.
Es hat den Eindruck, als hätten die Zillertaler mehr als nur 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Trotzdem geht sich ein Schnapsl mit Gästen aus und die Herzlichkeit ist echt. Hier hat Felix Mitterer nur einen Teil der Realität gezeigt.

Hundemüde fallen wir ins Bett, gespannt auf den nächsten Tag, an dem wir zur Olperer Hütte wandern wollen. Patrick meint, der Wirt vom Furtschaglhaus sei unfreundlich und Sabine meint, von der Olperer Hütte aus hätte man sowieso einen schöneren Ausblick. Mir ist das egal, ich lerne gerne was Neues kennen.

DER DONNERSTAG

Nach einem exzellenten Frühstück mit hausgemachter Butter und ebenso hausgemachter Heidelbeer-Marmelade machen wir uns auf den Weg. Dieser ist leider ziemlich weit, denn wir müssen nicht nur bis zum Ende des Zillertals fahren, sondern dort noch über 20 Kilometer auf einer schmalen Straße bis hinauf zum Schlegeis-Speicher, dem größten im Zillertal.

Bei der Mautstellen müssen wir 15 Minuten warten, da der dahinter liegende Tunnel nur einspurig befahrbar ist. Die Maut kostet sportliche 12,50- Euro, wobei die Erhaltung dieser Straße sicher nicht billig ist.

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Bild 3: Die gewaltige Staumauer des Schlegeis-Speichers

Die Staumauer ist beeindruckend, der Speicher hat aber relativ wenig Wasser, was zum Teil dem sehr trockenen Frühsommer geschuldet ist.

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Bild 4: Schlegeisspeicher

Wir parken uns ein und beginnen mit dem steilen Anstieg zur Hütte. Patrick hat gemeint, das sei in einer Stunde zu bewältigen und das Essen oben wäre sehr gut.
Es tröpfelt leicht und schwere Wolken ziehen hin und her, dazwischen gibt es immer wieder sonnige Abschnitte. Für eine Regenjacke ist es zu wenig, nur das T-Shirt ist aber auch zu wenig.

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Bild 5: Wetterstimmung über dem Schlageis-Speicher

Egal – der Anstieg führt durch Bergwald und dann durch Latschenkiefer steil bergauf. Wir überholen einige kleinere Wandergruppen, einige kommen uns auch entgegen, sie dürften auf der Hütte übernachtet haben.

Dann plötzlich liegt die Hütte vor uns, nach einer Stunde und fünf Minuten – wir waren gar nicht so langsam. Es waren immerhin 585 Höhenmeter.
Die Hütte selbst ist gut besucht und bietet einen wunderschönen, großen Gastraum mit Panoramascheiben. Junge Studentinnen von überall bedienen flott und nett, wir bestellen eine Portion Kaiserschmarren und Susanne eine zweite Portion Apfelmus dazu.
Ich bin erstaunt über die niedrigen Preise. DAs kostet nicht mehr als unten im Tal, obwohl sie alles mangels Materialseilbahn mit dem Hubschrauber hinauf fliegen müssen – jährlich 75 Tonnen in insgesamt 100 Flügen. Ein dicker Prospekt gibt darüber und noch über vieles anderes Auskunft.
Hier hat sich einiges verändert. Früher gab es das berühmte „Skiwasser“ – ein mit Wasser verdünnter Dicksaft. Dazu Speckbrot und vielleicht noch Linsen mit Speck oder ein Käsebrot. Heute gibt es eine umfangreiche Speisekarte und man kann zwischen mehreren Bieren wählen oder eine gute Flasche französischen Rotwein bestellen.

Olpererhuette

Bild 6: Olpererhütte

Der Kaiserschmarren ist köstlich und die Portion reicht für zwei. Wir sind zufrieden mit dem tollen Tipp von Patrick, einzig und allein die Aussicht ist zwar schön, jedoch nicht vergleichbar mit dem spektakulären Blick vom Furtschaglhaus auf die – einstmals – mächtigen Gletscher von Hochfeiler, Hochferner und Großem Möseler.

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Bild 7: Der Große Möseler

Auch wenn diese heute fast verschwunden sind (dazu später noch mehr), so war es doch ein beeindruckender Anblick, wenn wir damals einen Gletscher beim „kalben“ sehen durften. Dabei brechen große Eismassen ab und den lauten Knall dazu hört man erst ein paar Sekunden nachdem man das Schauspiel gesehen hat.
Am nächsten Bild sieht man wo sich das Furtschaglhaus befindet und die rote Linie zeigt, wie weit die Gletscher vor 30 Jahren gereicht haben.

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Bild 8: Gletscherlandschaft

Wir beschließen auch noch den zweiten Tipp von Patrick umzusetzen und die „Neumarkter Runde“ zu gehen, die uns in einer großen Linksrunde wieder zurück zum Speichersee bringen wird.

Es ist immer noch bewölkt und wir freuen uns, dass die nette Kellnerin das zweite Apfelmus nicht berechnen wollte. Im Gegenzug können wir die Olperer Hütte wärmstens empfehlen.
Es geht weiter über eine Art von Weg wie ich ihn noch nie gesehen bzw. begangen habe. Früher stieg man einfach über das Geröll, heute wirkt der Weg als wäre er von einem Designer angelegt worden. Große Steinplatten wurden kunstvoll so geschlichtet, dass man äußerst bequem über die großen Geröllfelder gehen kann.

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Bild 9: Die Platten auf der Neumarkter Runde

Als ich Patrick später frage, wie das gemacht wird, kommt er selbst an die Grenzen seines Wissens. „Sie verwenden einen Hupfer, das ist so ein Bagger auf spinneiförmigen Auslegern“ meint er. Das erscheint plausibel, denn auch viele Menschen könnten die meisten Platten bzw. Felsen nicht heben und schon gar nicht so schlichten.

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Bild 10: Die Platten am Weg

Dass es so etwas gibt, war mir neu. Wir sind hier sicher an der Grenze des Sinnvollen angekommen und es ist schwer zu sagen, was mehr zählt: die Bequemlichkeit der Touristen oder die Unberührtheit der Berge. Letztere gibt es zwar sowieso nicht mehr, aber es ist immer noch eine Entscheidung möglich wie weit man gehen möchte.
Wir finden dann noch ein Steinschild, auf dem erklärt wird, was hier getan wurde:

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Bild 11: Wegabschnitt der Neumarkter Runde

Es geht somit gut voran und ich entdecke, dass es die alten Orientierungshilfen, die Steinmandln, noch immer gibt

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Bild 12: Neben einem großen Steinmandl

Dann geht es hinab in einen Talkessel, der früher einmal sehr beeindruckend gewesen sein muss. Als es noch Gletscher gab, deren kümmerliche Reste wir bewundern können.
Also gehen wir weiter und begegnen im Ausläufer des Talkessels einer deutschen Familie. Der Vater fragt uns, wie weit es noch bis zur Olperer Hütte ist.
Hinter ihm wandern seine Frau und zwei Kinder, die kleine Tochter vielleicht neun Jahre alt. Er hat eine ganz brauchbare Ausrüstung, seine Frau schon weniger und die Kinder sind fast gar nicht für den Berg gerüstet. Das Schlimmste sind die Hella-Kitty-Schuhe der Kleinen, mit Klettverschlüssen und fast ganz glatten Sohlen. Alle wirken schon müde und die Mutter zeigt etwas Erleichterung, als wir darlegen, wie weit es noch bis zur Hütte und vor allem wie dann der Abstieg beschaffen ist.
Der Vater hat Ehrgeiz, er möchte zur Hütte. Leider versteht er nicht, dass sie sich in hochalpinem Gelände bewegen und weit entfernt davon sind die richtige Ausrüstung dabei zu haben.
Selbst wenn die Kleine den Weg bis zur Hütte schafft, muss sie danach noch den steilen Abstieg bewältigen. Genau genommen ist es fahrlässig so etwas auch nur zu probieren.
Unten im Tal sieht alles recht leicht aus, man marschiert über eine nette Almwiese auf einem breiten Weg, der dann zwar schmäler und steiler wird, aber nicht ahnen lässt, was oben noch kommt.
Wir hoffen, dass die Familie rechtzeitig umdreht, bevor ein übles Wetter kommt oder die Kleine nicht mehr weiter kann. Bisher dachte ich, diese Art von Touristen gibt es nur in Filmklischees, aber uns sollten noch einige von dieser Sorte begegnen.

Es gab zwar immer schon Menschen, die in Sandalen ins Hochgebirge gegangen sind, und nicht alle waren Deutsche (okay, sehr viele, aber das liegt daran, dass es auch sehr viele gibt). Ich habe aber den Eindruck, dass es mehr geworden sind. Möglicherweise ist die Ursache die Anpassung der alpinen Welt an die ständig steigende Bequemlichkeitssucht der Menschen. Statt einem Schlepplift muss es ein Sessellift sein und statt eines Sessellifts eine Gondelbahn. Statt der Gondelbahn eine noch größere, schnellere und klimatisierte Gondelbahn und auf der Bergstation eine perfekt ausgestattete Erlebniswelt, idealerweise mit Hallenbad und Wellness-Bereich.
Was – das habt ihr nicht? Dann fahren wir halt woanders hin.

Wer würde in so einem Disneyland schon an alpine Gefahren denken? Diesmal hat Felix Mitterer ins Schwarze getroffen, als er in seiner Piefke-Saga im Alpendorf Mayrhofen eine moderne Tiefgarage bauen ließ. Diese gibt es heute wirklich. Und noch vieles mehr.

Wir steigen ab und kommen wieder zurück zum Auto. Bergab haben wir Glück mit der Ampel und beschließen noch einen Sprung bei der alten Mariedl vorbei zu schauen – mehr auf Glück, vielleicht ist sie ja da.

Ich finde das alte Bauernhaus fast auf Anhieb und läute an der versperrten Tür. Als ich schon wieder gehen will, wird sie plötzlich aufgesperrt und die Mariedl steht vor uns. Es dauert ein bisschen bis sie mich genau zuordnen kann, aber dann werden wir herein gebeten und sie freut sich sichtlich über Besuch.
Wir haben auch nicht ewig Zeit, denn sie hat in einer Stunde eine Massage-Termin, wegen ihrem Rücken und weil sie vor einiger Zeit gestürzt ist.
Sie hat sich aber gut erholt und wirkt recht frisch und munter. Alte Zeiten tauchen auf und wir schwelgen gemeinsam in Erinnerungen und denken an meine Omi, die vor vier Jahren im ebenfalls stolzen Alter von 92 gestorben ist.
Nur die verdammten Batterien vom Hörgerät, die muss sie noch schnell tauschen, meint Mariedl und serviert uns einen Saft. Dass sie extra wegen uns eine Kuchen auftaut können wir gerade noch verhindern.
Dann taucht auch noch Karl auf, ihr Sohn, der auch schon um die Siebzig ist, aber kurz danach hinüber in den Stall muss die Kühe melken.

Wir verabschieden uns und fahren zum Asterhof, erschöpft vom langen Tag, aber glücklich über das Erlebte. Und wir haben Hunger, und zwar nach Zillertaler Essen. Gestern war es zwar köstlich, aber recht international, wenngleich der Hirsch aus dem Zillertal war, wie Sabine beteuert hat.

Zillertaler Krapfen – ich erinnere mich mit Sehnsucht an diese lokale Köstlichkeit. Und Moschbeernockn – das ist die zweite Spezialität. Beides ist leider nirgends zu bekommen, Anni macht ein paar vergebliche Anfragen, muss dann aber passen. Was wir aber bekommen könnten, wäre die dritte Zillertaler Spezialität, nämlich Ofenleber. Die gäbe es beim Gasthof Linde in Stumm, keine zehn Kilometer das Tal hinein. Und wir erfahren von Anni, dass es doch noch eine Chance auf Zillertaler Krapfen gibt – am Samstag wäre nämlich Sommerfest in Stumm und da gäbe es normalerweise einen Stand, an dem man Krapfen bekommen könnte. Wir speichern das einmal für Samstag ab und mir rinnt beim Gedanken an diese Köstlichkeit schon das Wasser im Mund zusammen.

Also fahren wir nach Stumm und setzen uns dort in den Garten des uralten Gasthofs, der voll mit Obstbäumen ist. Äpfel und Birnen – das braucht man, um hier einen erstklassigen Obstler zu erzeugen. Der Nachteil des idyllischen Gartenplatzes sind die Birnen, von denen eine beschließt, mir einen kurzen Besuch abzustatten. Mit einem lauten Knall zerspringt sie am Tisch direkt vor mir und ich bekomme eine Ladung Birnensaft und Birnenstücken ab. Alles nicht tragisch und als Malheur gleich wieder vergessen.

Das Essen ist gut, die Portionen könnten einen Hauch größer sein, passen aber letztlich, weil wir noch Marillenknödel als Nachtisch bestellen.
Der stellt sich als genau ein Stück Knödel heraus, wenngleich es recht groß war. Und mit Marillenspiegel und Lavendeleis. Beides recht nett, aber gute Marillenknödel leben von ihrem Eigengeschmack, die brauchen kein Klimbim rundherum.
Wir teilen uns den Knödel und fahren wieder heim, erschöpft und zufrieden von einem wunderschönen und erlebnisreichen Tag.

DER FREITAG

Der Muskelkater in den Wadln mittelprächtig, ebenso das Wetter. Kurz wolkenlos, aber noch vor dem Frühstück wird klar, dass es auch ein wenig regnen könnte. Sicher ist da gar nix, hier in den Alpen.

Selbstverständlich gibt es wieder einen guten Tipp von Patrick – diesmal werden wir noch einen der fünf Talgründe erkunden, die Wahl fällt auf den Stillupgrund. Auch dort war ich schon, kann mich aber nicht mehr erinnern, wie die Tour genau ausgesehen hat. Ist ja schon mehr als dreißig Jahre her.
Patrick meint, wir sollten bis zum Wasserfallboden fahren, also zur Stauseemauer, und von dort weiter mit dem Shuttle bis zur Grüne Wand Hütte. Dann hinauf zur Kasseler Hütte.
Dass diese Hütten alle deutsche Namen tragen hat damit zu tun, dass sie erstens am Berliner Höhenweg liegen und zweitens dem Deutschen Alpenverein gehören. Warum der dort Hütten gebaut hat und nicht der Österreichische Alpenverein entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber auch egal.

Wir versuchen wieder möglichst zeitig aufzubrechen, da es aber erst ab acht Uhr Frühstück gibt, verzögert sich die Anfahrt zur Bergtour naturgemäß.
Von Mayerhofen geht es nach Bezahlung einer Maut von acht Euro eine schmale Straße hinauf bis zum Speicher Stillup. Der ist anders als alle anderen, weil es vom Untergrund her nicht möglich war eine Betonmauer zu bauen. Daher hat man eine Art Erdwall errichtet, der jedoch einen festen Beton-Asphaltkern hat.

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Bild 1: Die Staumauer des Stillup-Speichers

Die Stauseeingenieure haben meine Bewunderung für diese Meisterwerke, wenngleich der ewige Konflikt Natur-Kultur hier immer einseitig gelöst wird. Aber wir wollen alle Strom und hier wird er erzeugt. Die zahlreichen großen und kleinen Stauseen plus den dazu gehörigen Kraftwerken gehören dem Verbund und sind auch miteinander durch ein ausgeklügeltes Rohrsystem verbunden. So kann man zwischen den Seen das Wasser hin- und herleiten und sich aussuchen, wann und wo man wieviel Strom erzeugen will. Das ist sehr praktisch, hat aber auch seine Kehrseiten. Der Verbund kauft z.B. an der Leipziger Strombörse billig Atomstrom und betreibt damit Pumpen, die Wasser von unten in die Stauseen hinaufpumpen.
Dann kann er „grünen“ Strom durch Wasserkraft erzeugen. Das geht sogar so weit, dass bei Stromüberschuss – etwa wenn viel Sonne scheint und viel Wind weht – der Verbund sogar noch Geld bekommt, wenn er den überschüssigen Strom abnimmt. Das ist ökonomisch sehr sinnvoll, ökologisch lässt sich darüber streiten.
Im Zillertal erkauft man sich diese flexiblen Stromerzeugungsmaßnahmen durch eine Unzahl an Umspannwerken und riesigen Stromleitungen samt den dazu gehörigen Masten, die das Tal durchziehen – eine davon läuft ja direkt über dem Asterhof und summt auch brav, wenn man darunter steht und ihr zuhört.
Eines der großen Umspannwerke steht mitten in Mayrhofen und dort fährt man auch vorbei, wenn man zu den großen Speicherseen hinauffährt.

Am Parkplatz ist ein Schild mit einer Telefonnummer. Dort kann man anrufen und fragen, wann das nächste Shuttle fährt. Abheben tut der Wasserfall-Hans, ein uriger Typ, der meint, es geht in ein paar Minuten los.
Neben uns wartet schon eine deutsche Partie mit einem Organisator, allesamt aus Kassel. Sie sind – no na – am Weg zur Kasseler Hütte.

Der Wasserfall-Hans kommt und wir fahren gemeinsam den Talgrund entlang. Die Asphaltstraße gibt es seit ca. 30 Jahren, ich kannte sie also damals noch nicht und muss irgendwann meine Mutter fragen, was war seinerzeit gemacht haben. Den gesamten Talgrund zu durchwandern – es sind 8 Kilometer – dauert nämlich etwa zwei Stunden und dann beginnt erst der eigentliche Aufstieg zur Hütte.

Das Tal ist wunderschön, mit zahlreichen Almen, die auch noch bewirtschaftet sind. Links und rechts stürzen über steile Berghänge zahlreiche Wasserfälle, die es wahrscheinlich in ein paar Jahren so nicht mehr geben wird – dann nämlich, wenn oben die großen (inzwischen kleinen) Gletscher ganz verschwunden sind. Dann wird sich nicht nur das Panorama ändern, sondern das Leben all der Leute, die jetzt in der Wasserreichweite der Gletscher leben und arbeiten.

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Bild 1: Grüne Wand Hütte

Wir kommen schon um 09:50 an der Grüne Wand Hütte an und starten sofort los, gleich hinter uns die Gruppe aus Kassel. Vorher haben wir noch mit dem Hans ausgemacht, dass wir um 15:30 wieder zurück fahren, können aber auch noch das Shuttle um 16:45 nehmen, wenn sich das erste nicht ausgeht.
Die Sonne scheint und es geht auf einer Schotterstraße bergan bis zum Talschluss, danach links hinauf bis zur Hütte. Zeit ist keine angegeben, der Weg scheint aber eindeutig.

Ein massiver Unterschied zu früher sind die zahlreichen Radfahrer, die hier hinauffahren, viele übrigens schon von Mayrhofen, was ein ordentliches Stück Arbeit ist. Die meisten haben Leihräder mit Elektrounterstützung und ziehen mit ordentlicher Geschwindigkeit den Berg hinauf. Seitdem die neueste Li-Ion-Akkugeneration eingebaut ist, kann man einen ganzen Tag elektrisch unterstützt fahren. Das erfreut sich scheinbar großer Beliebtheit und auch am Osterhof kann man solche E-Bikes mieten. wir haben leider keine Radausrüstung dabei und bleiben beim Wandern.

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Bild 1: Güllerutsche

Wir kommen an einer Alm vorbei, die eine Güllerutsche hat, wo der Kuhdung hinuntergelassen wird. Darunter befindet sich eine Güllegrube. Susanne bietet mir fünf Euro, wenn ich die Rutsche benütze, ich muss aber dankend ablehnen.

Die Sonne knallt ziemlich herunter und ich bin froh, dass ich mich mit Sonnencreme eingeschmiert habe, obwohl ich das klebrige Zeug hasse. Die Deutschen bleiben deutlich hinten und wir erreichen das Ende der Straße, an dem die Talstation der Materialseilbahn zur Hütte liegt. Das ist immer noch die wesentlich ökologischere und natürlich günstigere Variante als der Hubschrauber.

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Bild 1: Anmarsch zur Kasseler Hütte

Der Weg ist traumhaft und ich kann diese Tour nur wärmstens weiterempfehlen. Warm ist uns übrigens auch, links und rechts wachsen in Unmengen die reifen Heidelbeeren und nach einem eher kurzen Waldstück geht es in den Hang hinein, der Anstieg ist steil, aber gut ausgebaut. Die Tourismusverbände und Alpenvereine kümmern sich hervorragend um die Wege, das muss man ihnen lassen. Bei steilen Abbrüchen gibt es eine Absperrung, bei ausgesetzten Stellen ein kleines Seil und überall die gelben Schilder, die den richtigen Weg anzeigen. Nur die alten farblichen Markierungen gibt es nicht mehr, jetzt findet man nur noch rot-weiß-rote Markierungen auf den Steinen, die den richtigen Weg anzeigen. Also nix mehr mit gelber, blauer oder roter Markierung.

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Bild 1: Der Weg auf die Kasseler Hütte

Auch hier fließen überall Bäche hinunter, an denen man seine Wasserflasche auffüllen kann. Sie sind wirklich glasklar und kalt und prägen die Alpen und den Gesamteindruck einer wasserreichen Gegend.

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Bild 1: Gebirgsbach

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Bild 1: Die Kasseler Hütte

Nach 1:55 erreichen wir die Kasseler Hütte und marschieren gleich einmal schnurstracks in die Küche, aus der uns eine resolute Kellnerin hinauskomplimentiert. Die Terrasse ist aber eh viel schöner und wir machen es uns gemütlich, nachdem wir die durchgeschwitzten Leiberln vor der Hütte auf einen großen Stein zum Trocknen aufgelegt haben.
Auch wenn schon erste Wolken aufziehen ist das Wetter trotzdem sehr schön und das Panorama immer noch beeindruckend. Hoch oben befindet sich die beeindruckende Laienscharte, durch die der Weg von der Greizer Hütte auf die Kasseler Hütte führt. Beim Aufstieg haben wir eine deutsche Gruppe getroffen, die vier Tage den Berliner Höhenweg gegangen ist, dann jedoch vor dem Weg zur letzten Hütte (Edelhütte) kapituliert hat. Das wären neun Stunden Marsch gewesen, ohne Hütte dazwischen.

Wir bestellen wieder einen Kaiserschmarrn – das ist die Spezialität der Kasseler Hütte, es wird extra vor den großen Portionen gewarnt und wir nehmen wieder einen zu zweit.
Es gibt ihn hier mit oder ohne Rosinen und je nach Jahreszeit auch mit anderen Zutaten. Wir wählen den mit Moosbeeren und die Kellnerin meint, das könnte klappen.
Als sie ihn bringt, werden all unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Es ist der beste Kaiserschmarren, den ich seit Ewigkeiten gegessen habe. Und die Portion ist tatsächlich üppig, der Preis mit 12 Euro mehr als fair.
Nur dafür zahlt es sich schon aus heraufzumarschieren.

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Bild 1: Kaiserschmarren mit Moosbeeren

Nicht so toll in Schuss sind die Gletscher. Genau genommen handelt es sich um eher erbärmliche Überreste, die mächtigen Gletscherbäche donnern auch nicht mehr zu Tal, sondern fließen recht unspektakulär hinunter. Ich hatte ein bisschen Angst vor diesem Anblick, denn er zeigt, womit wir in Zukunft zu rechnen haben.

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Bild 1: Gletscherrückgang

Auch wenn mir die dreißig Jahre recht lang erscheinen – genau genommen spielt sich der Klimawandel hier in unglaublicher Geschwindigkeit ab und ich fürchte, dass man sich nicht mehr lange auf irgend eine Form von natürlichem Klimavorgang wird ausreden können, um die eigene Bequemlichkeit uneingeschränkt zu erhalten. Wobei die meisten Menschen sie ja nicht erhalten, sondern noch deutlich ausbauen wollen.

Auch die Tiroler führen gerne die „Kleine Eiszeit“ im 16. bis 19. Jahrhundert an, bei der sich auch binnen weniger Jahrzehnte das Klima verändert hat. Wikipedia sagt dazu folgendes:

„Als Ursachen für die Kleine Eiszeit gelten hauptsächlich verstärkter Vulkanismus und eine geringere Aktivität der Sonne. Für Wiederbewaldung, die durch Bevölkerungsrückgang oder durch regionale Klimaänderungen hervorgerufen worden sein könnte, sowie veränderte Meeresströmungen wird eine verstärkende Rolle vermutet. Zusätzlich zu diesen über Zeiträume von Jahrzehnten wirkenden Einflüssen gab es einen geringen, über Jahrtausende reichenden Abkühlungstrend, der durch Änderungen der Erdumlaufbahn bewirkt wurde.[20]
Die mit dem Ende der Kleinen Eiszeit einsetzende Wiedererwärmung ist für die ersten Jahrzehnte wahrscheinlich teilweise auf die Änderung von Faktoren zurückzuführen, die die Kleine Eiszeit verursachten. So nahm bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Intensität der Sonnenstrahlung wieder zu. Die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte dagegen ist höchstwahrscheinlich durch menschliche Treibhausgasemissionen verursacht und nicht durch weggefallene Ursachen der Kleinen Eiszeit erklärbar.[21] “

Ich fürchte, wir werden uns da nicht mehr rausreden können und ich wünsche den Tirolerinnen und Tirolern, dass die Auswirkungen nicht so hart werden wie befürchtet.

Nach einer guten halben Stunde treffen die Kasseler ein und nach einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg ins Tal. Zuvor bewundern wir noch den kleinen Kräutergarten, den die Hüttenwirte angelegt haben:

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Bild 1: Kleiner Kräutergarten vor großer Kulisse

Am Weg bergab begegnen uns noch zahlreiche Wanderer, die zur Hütte ansteigen. Wieder befinden sich Touristen darunter, die mit komplett ungeeigneter Ausrüstung hinaufsteigen. Meistens sind die Schuhe das erschreckendste Merkmal dafür, wie sich die Leute die Verhältnisse am Berg vorstellen. Das Klischee vom Deutschen in Sandalen ist keines, wir sehen täglich die Realität hier in den Bergen.
Vor allem Kinder und Jugendliche sind oft extrem schlecht ausgerüstet, meist hat nur der Vater einen kleinen Rucksack. Wenn da jemand bergab umknöchelt, ist es durchaus ein Segen, dass dort oben überall Handyempfang ist. Wie viel Einsätze die Bergrettung tatsächlich hat, weiß ich aber nicht.
Was sich übrigens verbreitet durchgesetzt hat und auch sehr sinnvoll ist, sind Wanderstecken. Sie helfen besonders beim Abstieg wenn man müde wird und ich verwende sie vor allem in Afrika, wenn ich auf einen hohen Berg gehe. Diesmal funktioniert es auch ohne sehr gut, vor allem, weil ich meine robusten Wanderschuhe trage, wenngleich ich auch mit ihnen beim steilen Abstieg auf einer geraden Fläche (Straße) an die Grenzen komme und mit den Zehen anstoße. Eigentlich passen sie, mir ist das ein Rätsel.

Als wir bei der Hütte ankommen, sitzt der Wasserfall-Hans gerade mit ein paar Leuten bei einem erfrischenden Getränk. Wir vereinbaren, dass wir noch ein Stück zu Fuß Richtung Parkplatz gehen, denn das Tal ist wirklich wunderschön. Er klaubt uns dann ca. eine Stunde später auf. Die einfache Fahrt mit dem Shuttle kostet übrigens 5 Euro, die Hin- und Rückfahrt 7.

Der Weg führt jetzt leicht bergab über eine asphaltierte Straße. Links und rechts rauschen Wasserfälle über sehr steile Felswände, das Tal ist grün und es gibt jede Menge Kühe, die vor allem zur Milchwirtschaft verwendet werden.

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Bild 1: Das Stilluptal

Bei einer Alm bleiben wir stehen und bewundern den mehrere Jahrhunderte alten Holzbau. Ob das nur mehr Folklore ist oder die Milchkannen tatsächlich noch in Verwendung sind, konnten wir nicht eruieren. Die Almen sind aber alle noch bewirtschaftet und auch wenn wir an einem traumhaften Sommertag da sind, so darf dies nicht darüber hinweg täuschen, dass das Leben hier nicht einfach ist. Die zahlreichen technischen Hilfen, die es heute gibt – vom Traktor bis zur Melkmaschine – machen es zwar einfacher, aber faul darf man hier wirklich nicht sein.

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Bild 1: Alte Milchkannen

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Bild 1: Uralte Alm

Irgendwo kommen wir an einem Minikraftwerk vorbei. der Bach wird ein Stück weiter oben in einem Reservoir gefasst, von dort geht eine Druckleitung hinunter und treibt eine kleine Turbine an, die Strom erzeugt. Dieser wird dann zu den benachbarten Häusern geleitet.
Eines dieser Häuser ist besonders schön und hat ein Foto verdient:

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Bild 1: Haus auf einer Alm im Stilluptal

Nach ca. einer Stunde Fußmarsch klaubt uns der Hans dann auf und wir sind ein paar Minuten später wieder am Parkplatz. Dann geht es ab nach Hause, wir sind rechtschaffen müde von der langen Tagestour.
Als wir in Fügen zurück sind, genehmigen wir uns erst einmal eine Kneippkur. Der Asterhof hat vor einiger Zeit ein eigenes Kneippbecken bekommen, das mit dem hofeigenen, eiskalten Quellwasser betrieben wird. Das tut den Füßen mehr als nur gut.
Danach stellt sich erneut die Frage, wohin wir Abendessen gehen. Anni schlägt eine Alm am Weg Richtung Hochfügen vor, knappe zehn Minuten Autofahrt, denn für das Fahrrad sind wir heute zu müde.
Wir müssten uns allerdings beeilen, denn warmes Essen gäbe es nur bis sieben Uhr. Also flitzen wir hinauf und direkt an der Straße befindet sich die Schellenberg-Alm mit einer einigermaßen urigen Hütte. Wir sind allerdings die einzigen Gäste und der Wirt wirkt nicht allzu motiviert uns noch zu bedienen, ist aber nicht unfreundlich.
Wir gönnen uns Kässpätzle und ich schiele schon nach dem hausgemachten Apfelkuchen, voll der Erinnerung an den sensationellen gedeckten Mürbeteig-Apfelkuchen von Mariedl vor 30 Jahren.
Die Spätzle sind okay – nicht mehr und nicht weniger. Der geröstete Zwiebel ist aus dem Packerl, der Mais und die Karotten im Salat aus der Dose.
Und der Apfelkuchen stellt sich als Rührteigkuchen heraus, der oben eine ganz dünne Schichte mit einem Hauch von Apfel hat. Nicht schlecht, aber kein Vergleich mit dem, was ich erwartet habe.

Der Wirt möchte zusperren und sich noch mit seinen Jagerskollegen über den morgigen Ansitz unterhalten, daher machen wir uns auf den Weg hinunter zum Asterhof.
Wieder geht ein langer und wunderschöner Tag zu Ende, mit der Option auf einen weiteren morgen.

SAMSTAG

Das Frühstück mundet wieder hervorragend und das Wetter ist wunderschön. Es bahnt sich ein weiterer heißer Sommertag an. Neben uns sitzen neue Gäste – eine Familie mit zwei Buben, so 8 und 10 Jahre alt. Ich finde es ein wenig schade, dass sie all die guten Sachen wie die hausgemachte Butter oder die großartige Heidelbeermarmelade keines Blickes würdigen und sich statt dessen ausschließlich von Nutella und diesen kleinen Actimel-Fläschchen ernähren. Beides besteht eigentlich fast zur Gänze aus Zucker und Fett und den Eltern dürfte die Ernährung der Kinder reichlich egal sein. Der Sieg der Marketingindustrie scheint schon ziemlich vollständig zu sein.
Auch der Verpackungstrend stimmt mich bedenklich – Actimel kommt in einem kleinen Plastikfläschchen mit einem Alu-Deckel. Beides wird zu Müll. Auch die Nutella ist in einem winzigen Plastikschälchen.
Die Marmelade hingegen wird aus einer kleinen Glasschale gegessen, die danach abgewaschen und wiederverwendet wird.

Heute steht der Hausberg der Fügener am Programm, das Spieljoch. Wir marschieren zur Spieljochbahn und kaufen zwei Karten (einfache Bergfahrt) zu sportlichen 13,50 Euro pro Karte.
Die Bahn beginnt um neun Uhr mit dem Betrieb und wir sind in einer der ersten Gondeln. Viel ist um die Zeit noch nicht los, ein paar Wanderer fahren mit uns hinauf.

Auch hier war ich über 30 Jahre nicht mehr oben und erinnere mich noch an meinen damaligen Schreck, als ich die Mondlandschaft einer Skipiste im Sommer gesehen habe.
Damals war ich noch politisch eher uninteressiert und auch nicht grün, trotzdem hat mich die Umweltzerstörung bereits gestört. Wie wird es diesmal sein?

So wie die gesamte Spieljochbahn wurde auch die Bergstation komplett neu gebaut und zwar in Form eines „Spa-Ressorts“ – was auch immer das genau ist. Ich habe es mir innen nicht genauer angesehen, der Bau ist hochmodern und imposant und rundherum haben sie eine Art Disneyland aufgebaut. Es sieht aus wie ein überdimensionierter Spielplatz und das Foto zeigt einen Ausschnitt davon:

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Bild 1: Bergstation Spielhochbahn

Mir gefällt das nicht, aber ich bin auch kein Zielpublikum. Wie ich später von Anni erfahre, sind es vor allem Familien mit Kindern, die davon angelockt werden. Die Eltern wollen die Kinder im Urlaub irgendwie beschäftigen und je mehr Entertainment und Spielanlagen es gibt, umso besser.
Ich frage mich, was wir als Kinder früher gemacht haben und erinnere mich zurück. Wir haben und einen kleinen Bach gesucht und dort stundenlang gespielt. Oder wir sind einfach in den Wald gegangen, haben uns einen Ast abgeschnitten und daraus Pfeil und Bogen gebaut. Manchmal sind wir auch einfach herumgegangen und haben die Natur erkundet, Blätter oder Steine gesammelt oder Insekten, Kaulquappen aus einem kleinen Tümpel oder Aus Ästen und Moos eine Burg gebaut. Wir sind auf Bäume geklettert und haben uns mit unserem ersten Taschenmesser kleine Holzpfeifen geschnitzt (irgendwo besitze ich sogar noch so eine). Wir haben Schwammerl und Beeren gebrockt und uns an Brennesseln verbrannt. Das alles hat uns riesigen Spaß gemacht und ich hatte nicht das Gefühl, dass uns irgend eine Form von vorgefertigtem Entertainment fehlt.

Das alles gibt es heute nicht mehr, die Kinder brauchen scheinbar einen Vergnügungspark mit allerlei Geräten. Die Natur ist nur mehr Kulisse, die man zwar ganz nett findet, genau genommen aber nicht mehr braucht. Die Klettergeräte könnten auch in Wuppertal aufgebaut sein, vielleicht rundherum mit einer gigantischen Videoleinwand, auf die man eine Bergkulisse aus Tirol projiziert. Jetzt fällt mir doch wieder die Dystopie der Piefke-Saga ein, dort gab es ähnliche Dinge und die Natur hatte sich in einen Plastikfriedhof verwandelt.
Die netteste Idee dort oben und mit wenig Naturzerstörung verbunden ist ein Barfussweg, den sie vor kurzem gebaut haben:

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Bild 1: Der Barfuss-Weg am Spieljoch

Er ist für Menschen, die nicht mehr wissen, wie man barfuß geht. Er darf übrigens ohne Zusatzkosten benützt werden und nach wenigen Metern gibt es eine kleine Bank um sich auszuruhen.
Jetzt ist mir auch klar, mit welchen Gedanken und Vorstellungen die Touristen in die Berge gehen. Sie sehen sie als großen Vergnügungspark und in einem Park braucht man weder Schutzkleidung noch gibt es die Gefahr in Bergnot zu geraten. Also kann man drauflos marschieren, jeder Weg in einem Park ist ein Spaziergang und hinter jeder Ecke gibt es noch eine Steigerung zur momentanen Bequemlichkeit. Passieren kann nichts, im Notfall, der eigentlich gar nicht vorstellbar ist, ruft man kurz die Parkaufsicht und lässt diese übernehmen.

Das gilt übrigens auch für den Winterbetrieb. Als ich mit Anni darüber diskutiere, erzählt sie mir, dass die Ansprüche der Urlauber massiv gestiegen sind. Heute verlangen sie eine rund um die Uhr bestens präparierte und vollkommen glatte Skipisten und wehe es gibt irgendwo eine apere Stelle. Früher haben wir und da und dort die Lauffläche der Ski zerkratzt, irgendwo ein Stein oder eine raue Stelle waren ganz normal und manche Piste hatte Buckeln – da sind wir halt drüber gefahren.
So etwas darf heute nicht mehr sein und führt zu sofortigen Beschwerden. Die Betreiber der Skigebiete reagieren darauf, denn man hat Angst, dass die Touristen in ein anderes Skigebiet abwandern, in dem es noch ein wenig mehr an Bequemlichkeit gibt. Deswegen stehen am Berg überall die dauernd installierten Schneekanonen und der Boden ist mit Rohren, Leitungen, Steuerungskästen und noch vielem mehr durchzogen.
Oben am Spieljoch haben sie neben den alten Wasserspeicher einen noch größeren, neuen hingebaut. Etwas abseits liegt die riesige Anlage mit den Generatoren, denn zur Erzeugung von Kunstschnee braucht man enorme Mengen Strom und Wasser, das zu diesem Zweck hinaufgepumpt werden muss.

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Bild 1: Sammelbecken für den Schneekanonenbetrieb im Winter

Dieser steigende Strombedarf muss durch noch mehr Kraftwerke abgedeckt werden und für den Bau dieser Kraftwerke muss weitere Naturzerstörung genehmigt werden, was politisch aber kein Problem zu sein scheint. Es dürfen zwar keine neuen Skigebiete mehr gebaut werden, aber die Erneuerung und Vergrößerung der bestehenden ist erlaubt. Dafür gibt es auch großzügige Kredite von Banken und ich frage mich, ab wann und mit wieviel Steuergeld wir diese werden retten müssen, wenn durch die Erderwärmung irgendwann auch die beste Schneekanone nicht mehr funktioniert.

Wir machen uns bereit dem Disneyland zu entkommen und beschließen auf das Kreuzjoch zu wandern. Vorher gibt es aber noch einen Blick ins Tal, wo der Asterhof gut zu erkennen ist:

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Bild 1: Blick vom Spieljoch ins Tal

Wir haben mehrere Möglichkeiten das Kreuzjoch zu erreichen. Es ist vom Spieljoch gut sichtbar, denn ganz oben steht eine Kapelle, die dort übrigens in ihrer ersten Variante schon im 16. Jahrhundert gebaut wurde.
Es gibt den Weg über die Geolsalm und Gartalm hinauf zur Kreuzjochhütte oder den Alpinsteig. Im Touristenführer steht dazu folgendes:

„VORSICHT! Wenn Sie ihren Weg über den Alpin-Steig nehmen wollen, sprechen Sie erst mit dem Hüttenwirt der Kellerjoch-Hütte! Dieser Weg ist NUR für erfahrene Bergsteiger mit Ausrüstung!“

Das ist schon einschüchternd, denn welche Ausrüstung ist hier gemeint? Eine komplette Kletterausrüstung mit Haken, Seil und Gurt? Oder reichen feste Schuhe?
Wir beschließen den Alpin-Steig zu riskieren, weil man so eine sehr nette Runde gehen kann. Vorbei an schon verblühten Almrauschfeldern geht es über einen einfachen Weg bis zu einer Abzweigung, nach der man auf einem Steig den Hang eines Kessels quert und dann hinauf zu einer Scharte geht. Dahinter geht es noch einmal querend bis zu einem Grashügel und dann den Grashang hinauf auf das Kellerjoch. Der Weg ist keine wirkliche Herausforderung für Bergsteiger oder Wanderer, die einigermaßen trittfest sind. Wenn es nass ist, wäre allerdings Vorsicht geboten und es ist letztlich gut, dass im Wanderführer davor gewarnt wird, wenn man an die Disneyland-Besucher und ihre Ausrüstung denkt.

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Bild 1: Der Alpinsteig zum Kreuzjoch

Unterhalb des Gipfels weidet eine Herde Schafe und der ganze Gipfel ist eigentlich ein einziger großer Grashügel.

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Bild 1: Schafe am Kreuzjoch

Wir marschieren bei prächtigem Wetter auf das Kellerjoch, der ein unglaubliches Panorama bietet, weit ins Inntal hinein und zu den zahlreichen hohen Gipfeln des Hauptalpenkamms. Man sieht den Großvenediger und den Hintertuxer Gletscher, auf der anderen Seite gerade mal nicht den Achensee, weiter drüben den Wilden Kaiser und noch viele andere Berge.

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Bild 1: Panoramablick vom Kreuzjoch

Dann geht es bergab zur Kreuzjochhütte, alles in sehr angenehmer Reichweite. Der Weg ist da und dort ein wenig ausgesetzt, aber an den heiklen Stellen gut mit Seilen gesichert, an denen man sich anhalten kann. Da kann man durchaus auch mit Kindern hinaufgehen, wenn sie gute Schuhe haben.
Auf der Hütte sind aufgrund eines derzeitigen Wassermangels die WCs gesperrt und wir gehen weiter hinunter zur Gartalm, die im Wanderführer als unglaublich toll angepriesen wird. Sie stellt sich als nackter Betonklotz heraus mit einer Unzahl an Coca-Cola-Schirmen davor. Auch die Speisekarte (Schnitzel mit Pommes und ähnliches) reizt uns nicht wirklich und wir beschließen unsere Mittagsrast auf der Geolsalm einzulegen, die nur eine halbe Stunde weiter liegt und an die ich mich noch erinnern kann.
Der gesamte Weg gleicht dort eher einem Spaziergang und die Geolsalm ist tatsächlich um einiges stimmungsvoller als die Gartalm. Ich bestelle eine Brettljause und freue mich schon auf eine zünftige Bergmahlzeit.
Was dann kommt ist eine ziemliche Enttäuschung. Das Brot ist am Rand schwarz verkohlt, alles ist lieblos angerichtet und der Speck sollte echt nicht so genannt werden. Das Fächergurkerl ist okay, der Käse auch, insgesamt aber würde zumindest unser Mittagessen zu keiner Empfehlung führen, vielleicht zum Preis für die schlechteste Brettljause im Zillertal. Schade eigentlich, aber vielleicht hatten wir auch gerade Pech und das Essen ist sonst eh gut.

Wir marschieren durch den Fügener Wald bergab Richtung Mittelstation der Spieljochbahn. Auf diesen Wald habe ich mich seit Jahren gefreut und habe ihn als eine Art Märchenwald in Erinnerung. Wir haben dort vor langer Zeit Unmengen an Eierschwammerln und Heidelbeeren gefunden und mein Erinnerungsbild zeigt alte, moosbewachsene Baumriesen, keine Tümpel mit Farnkraut und einen geheimnisvoll anmutenden, dunklen Pfad über Wurzeln und Felsen.

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Bild 1: Ein Fliegenpilz im Fügener Wald

Die heutige Realität ist eine andere. Der Weg ist breiter, aber immer noch reizvoll. Es ist aber alles sehr trocken, was einem sehr trockenen und warmen Frühsommer geschuldet ist, wie ich später von Anni erfahre. Der Märchenwald existiert nur mehr in meiner Erinnerung, wenngleich es die Unmengen Heidelbeeren auch heute noch gibt. Auch Eierschwammerl finden wir, wenn auch nur eine kleine Menge. Alles in allem ist es eine kleine Enttäuschung und mein Bild hat sich massiv verändert, wenn auch nicht zum Guten.

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Bild 1: Der Fügener Wald

Es gibt auch große Schneisen, die mitten durch den Wald geschlagen wurden und auf mehreren Forststraßen liegen große Mengen an Rohren für eine Stromleitung, die wahrscheinlich bald gebaut wird.
Wir erreichen die Mittelstation und beschließen, den Rest des Weges zum Asterhof auch noch zu gehen. Es ist heiß und wir sind schon ein wenig müde, die Zehen und Unterschenkel schmerzen vom langen Bergabgehen, dafür ist das Wetter nach wie vor schön.

Als wir wieder beim Asterhof ankommen, sind wir schon recht erschöpft und genießen das kühle Wasser des Kneipp-Beckens. Und ich freue mich schon auf die Zillertaler Krapfen, die es am Abend hoffentlich geben wird.
Das Dorffest in Stumm ist unser Ziel und nicht weit entfernt, eine knappe Viertelstunde mit dem Auto. Rund um die Kirche ist eine große Bühne aufgebaut, auf der die Blaskapelle aus Scheffau am Wilden Kaiser spielt.

Blaskapelle

Bild 1: Blaskapelle

Das Fest ist sehr gut besucht und an einem Stand gibt es tatsächlich die Krapfen. Ich bestelle gleich 4 Portionen zu je sechs Krapfen, was mit 28 Euro zu Buche schlägt.

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Bild 1: Zillertaler Krapfen

Kurz gesagt: Sie treffen all meine Erwartungen, sind wirklich gut und ich bin froh, dass wir noch eine Gelegenheit gefunden haben diese alte lokale Spezialität essen zu können. Bis auf zwei Stück schaffe ich alle (Susanne hat ca. 6 Stück gegessen) und das Zillertaler Bier mundet auch und ist nach der heutigen Wanderung durchaus verdient.
Zum Schluss gibt es – das gehört hier dazu – noch ein Schnapsl, das hier von jungen Marketenderinnen ausgeschenkt wird und einen Euro kostet. Die Mädchen gehören zur Blaskapelle und erwirtschaften mit der Ausschank einen kleinen Nebenverdienst. Sie tragen vor sich ein kleines Holzfässchen und haben vier Metallstamperln, in denen sie den Obstler ausschenken, der übrigens gar nicht übel war.
Danach wird das Stamperl mit einem Tuch abgewischt und sie marschieren zum nächsten Gast. So ist das hier in Tirol.

schnapsl

Bild 1: A Schnapsl wird ausg´schenkt

Nach der Blaskapelle spielt eine Band aus Reith im Winkel und als sie „Joli-joli-joooli-joli-jäää“ vom Geballier spielen, ist es für uns Zeit zu gehen.
Es war wieder ein langer und sehr schöner Tag, leider der letzte, denn morgen geht es wieder zurück nach Wien.

SONNTAG

Nach dem letzten Frühstück und einer ausführlichen Abschiedsplauderei mit Lisl und Anni geht es zurück nach Wien. Wir beschließen diesmal über das kleine Deutsche Eck zu fahren, um eventuellen Grenzstaus zu entkommen. Das stellt sich als mäßig schlauer Plan heraus, denn auch auf der Bundesstraße nach St. Johann und Lofer ist viel Verkehr und die zahlreichen Sonntagsschleicher sind schwer zu überholen. Doch auch das geht irgendwann vorbei und die restliche Rückfahrt verläuft störungsfrei und flott.

Es war ein wunderschöner Urlaub und ich hoffe, dass ich bald einmal wieder ins Zillertal komme – vielleicht ja schon nächstes Jahr, im Zuge meiner Österreich-Tour mit der Elektrovespa.

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Der Stein des Schmerzes

Die folgende Geschichte ist leider weder lustig noch erfreulich. Vielleicht kann sie aber den geschätzten LeserInnen dieses Weblogs die eine oder andere Erkenntnis liefern.

Es begann letzten Freitag, am 25. Mai 2018 in der Früh, kurz nach dem Aufstehen. Auf einmal verspürte ich ein Ziehen in der linken Nierengegend, wie ich es noch nie gespürt hatte.
Dann schlug der Blitz ein. Absolut unerwartet und mit voller Härte. Ich hatte solche Schmerzen bisher nur einmal erlebt, nämlich in Form von schwerem Zahnweh.
Und ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte. Ich krümmte mich am Boden, einfach hoffend, dass der Schmerz verschwinden würde. Ein brutales Stechen, das sich in den Unterleib ausbreitete, vor allem in die Hodengegend. Ich versuchte eine Stellung zu finden, in der die Schmerzen weniger würden, blieb aber erfolglos. Auch der Kreislauf drohte zusammenzubrechen, ich musste mich auf den Boden legen.
Irgendwann, das Zeitempfinden ist in solchen Fällen gestört, wurden die Schmerzen weniger und hörten fast auf. Ich musste zu einem Termin und konnte nur hoffen, dass sie nicht mehr auftreten würden.
Das war glücklicherweise auch so, beim Termin gab es noch da und dort ein Zwicken, aber es schien überstanden zu sein. Ich hatte immer noch keine Ahnung womit ich es zu tun hatte, aber da es weg war, vergaß ich es – nicht ohne dass eine kleine Sorge zurück blieb. Was mag das wohl gewesen sein? Eine Darmschlinge, die sich verirrt hatte?

Am Abend ging es mir prächtig, ich fuhr zum Heurigen und am nächsten Tag zu einem Vespa-Treffen. Alles war wie immer, bis ich am frühen Abend bei mir auf der Couch saß und auf einmal das Ziehen wieder kam.
Und dann wieder der Blitz. Mindestens genauso brutal wie beim ersten Mal am Tag davor. Eindeutig aus der Nierengegend, linke Seite. Es dauerte diesmal länger und ich dachte, ich müsste verrückt werden. Die Schmerzen waren eigentlich nicht auszuhalten.
Doch es ging auch diesmal vorüber. Nur war mir inzwischen klar, dass ich zu hoch gepokert hatte. Und ich musste ins alte AKH zu einem Festival, 3 Stunden einen Stand betreuen.
Also stieg ich auf den Roller und fuhr hin. Kurz nach der Begrüßung meiner Kollegen ging es dann wieder los. Fast so schlimm wie zuvor, nur dass ich dort kein Bett hatte, auf das ich mich legen konnte. Stehen ging aber nicht, also legte ich mich auf den nackten Asphaltboden und meine Kolleginnen schoben ihre Jacken drunter.
Ich konnte noch immer nicht erklären, was da los war, aber sie holten sicherheitshalber die Rot-Kreuz-Sanitäter, die am Festival sowieso Dienst taten.
Denen schilderte ich die Schmerzen und da kam von irgendwo auch das erste Mal der Begriff „Nierenkolik“ auf. Die Sanis beschlossen mich zu einem Sanitätsraum zu bringen, wo auch eine Notärztin anwesend war. Also wurde ich auf eine Art Rollstuhl geschnallt und durch die neugierige Menge abtransportiert.
Mir war das aber weitgehend egal, die Schmerzen bestimmten mein gesamtes Dasein in diesen Minuten.

Bei der Notärztin angekommen begann die Anamnese. Ein kurzer Schlag auf die linke Niere und der Verdacht erhärtete sich: eine Nierenkolik. Also bekam ich eine Infusion mit Schmerzmitteln und die Sanis riefen die Rettung, die an diesem schönen Abend allerdings noch einige dringendere Fahrten zu erledigen hatten und sich somit verspätete. Das war aber okay, denn die Schmerzmittel wirkten schnell und ich hatte durch einen der sehr netten Sanis eine gute Ansprache – er war AHS-Lehrer für Religion und Ethik.

Irgendwann kam die Rettung und wir fuhren zu meinem Glück ins AKH. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Rettungswägen werden dorthin geleitet, wo gerade Platz ist bzw. Dienst getan wird.
Sie nahmen gleich die Abkürzung durch die AKH-Akademie und so waren wir keine zwei Minuten später schon in der Notaufnahme. Dort gibt es eine Erstbegutachtung und da ich mit der Rettung geliefert wurde, kam ich auch gleich dran. Ein Harntest, dann zur Leitstelle (6D), von dort die Info, dass ich vor einem Zimmer auf einem langen Gang warten solle, bis der Urologe käme um sich das anzuschauen.
Das dauerte, denn der Arzt hatte Nachtdienst auf der Station und kam nur auf Anfrage, die leider nicht stattfand, weil – wie er später meinte – er keinen Anruf erhalten hätte. Neben mir saßen noch diverse andere Patientinnen und Patienten, viele davon mit Begleitung, alle mit ganz unterschiedlichen Problemen. Bei mir wirkte noch das Schmerzmittel von der Notärztin und so ging es einigermaßen.
An diesem Ort würden Experten der neuen Datenschutz-Grundverordnung sofort einen Kollaps bekommen – die Namen der PatientInnen werden laut durch die Gänge gebrüllt, so dass jeder, absolut jeder hören kann, dass die Frau Novak oder der Herr Schwarz jetzt in der Urologie dran wären.

Irgendwann war er dann da und ich war sehr erleichtert. Endlich sieht sich jemand mein Problem an, der was davon versteht. Einen kurzen Ultraschall später kam die Diagnose „Nierenstein“ und der Arzt meinte, er würde mich jetzt gleich zum CT schicken, weil er sicher sein wolle. Dazu noch eine Blutabnahme, die er gleich sofort und selbst durchführte. Jetzt ging was weiter.
Das Röhrchen mit dem Harntest hatte er übrigens sofort in den Mülleimer geschmissen. Auf meine Nachfrage bekam ich zur Antwort: „Was soll ich damit anfangen? Wir verwenden hier ein anderes System.“
Das war interessant und erinnerte mich an die Blutabnahme seinerzeit bei meiner Einlieferung wegen des Rollenunfalls. Die war auch verschwunden und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Krankenhäuser sind schon ein seltsamer Ort.

Die CT ist nur zwei Gänge weiter (das AKH als voll ausgestattetes Krankenhaus hat hier so seine Vorteile) und ich kam auch fast gleich dran, lediglich ein älterer Herr war noch vor mir, aber rein in die Röhre und wieder raus aus der Röhre dauert nicht lang.
Die Röhre selbst ist unspektakulär. Du bekommst erklärt, dass dir eh alles erklärt werde und dann verschwindet der Bediener hinter der Schutztüre. Eine Computerstimme sagt dir, wann du den Atem anhalten sollst und wann nicht. Summend rein, ein paar Mal hin und her – fertig.

Dann wieder zurück und warten. Irgendwann kam der Arzt wieder und meinte, er hätte jetzt auch schon den Blutbefund, der aber unauffällig wäre. Er zeigte mir den Nierenstein am CT und meinte, der wäre ca. 4 mm groß und würde normalerweise durch den Harnleiter in die Blase abgehen und damit wäre der Fall erledigt.
Dazu würde er mir schmerzstillende Medikamente verschreiben plus eines, das den Abgang unterstützen solle. Und ich müsste halt warten und Geduld haben.

Da „patientia“ bei den alten Lateinern die Geduld war, blieb mir als Patient auch nichts anderes übrig und ich fuhr zur Nachtapotheke. Die nahm mir zwar gepflegte 23 Euro ab, das war aber mein geringstes Problem.
Die Nacht war aushaltbar, der Sonntag dann so lala. Ich schluckte brav meine Medikamente und hoffte, dass der Stein abgehen würde. Im Internet war zu lesen, dass Bewegung und auch Treppen hüpfen helfen würde, den Stein los zu werden. Also hüpfte ich die Treppen in meinem Stiegenhaus hinunter und auch in meiner Wohnung herum. Viel trinken sollte ich auch. Allerdings hat das den Nachteil, dass die Niere mehr arbeiten muss und die Harnleiter dann ihre Kontraktionen erhöhen. Das treibt zwar den Nierenstein hinaus (wenn er sich hinaustreiben lässt, bewirkt aber die mir inzwischen bekannten höllischen Schmerzen.
Sie bewirkten wiederum dass ich keinen Hunger hatte. Am Abend war ich bei einer Kollegin zum Essen eingeladen, wusste aber nicht, ob ich das ohne neue Kolik schaffen würde. Die Vorstellung, am Motorroller von diesen Schmerzen überrascht zu werden, von denen ich nie wusste, wann sie kommen würden, war weniger erbaulich.
Irgendwann fuhr ich aber hin (es sind nur wenige Minuten) und konnte auch was essen – wenngleich nur vergleichsweise wenig.

In der Nacht kamen die Schmerzen wieder und ich begann langsam Angst davor zu bekommen. Ängste sind ja nie angenehm, aber die Angst vor unerwartetem Schmerz ist eine besonders unangenehme.
Besonders schlimm ist es in der Früh, wenn die Niere zu arbeiten anfängt. Dummerweise hatte ich am Montag mehrere wichtige Termine. Den ersten konnte ich verschieben, der zweite bestand aus zwei schwierigen und langen Interviews bei einem Kunden. Ich wollte sie nicht verschieben, hatte aber um fünf Uhr morgens wieder eine so starke Kolik, dass ich keinen Ausweg mehr wusste als wieder ins AKH zu fahren.

Um 07:30 machte ich mich auf den Weg und wusste, dass ich gleich zur Urologie-Ambulanz gehen konnte. Die befindet sich auf 8D und hat die schon bekannte Leitstelle.
Dummerweise war ich nicht der einzige, die Sesselreihen im Wartebereich waren schon halbvoll. Ich konnte mir ausrechnen, wie lange ich hier warten müsste und wusste: das stehe ich nicht durch!
Also griff ich zu einem Trick, der zwar alt, aber bewährt ist. Und ich musste genau genommen gar nicht schummeln, denn ich hatte ja Schmerzen und es ging mir tatsächlich nicht sehr gut.
Also durfte ich mich auf ein bereit stehendes Bett legen und dann warten, bis die Ärzte aus der Morgenbesprechung kamen.
Das dauerte nicht lange und ich wurde aufgerufen. Ein junger Arzt begleitete mich in sein Behandlungszimmer und hörte sich meine Geschichte an.
Eine Ultraschall-Untersuchung zeigte: Stark gestaute Niere. Der Stein war definitiv noch nicht weg. Okay, das hätte ich auch so gewusst.
Trotzdem meinte der Arzt, er würde gerne noch bei der konservativen Therapie bleiben. Leider könne man nicht sagen, wie weit sich der Stein schon fortbewegt hätte, denn es gäbe keine Möglichkeit das im Ultraschall zu sehen und noch ein CT wolle er mir wegen der Strahlenbelastung nicht antun.
Das mit der Strahlenbelastung erschien mir komisch, ich war aber nicht kräftig genug um Widerstand zu leisten und wollte den Stein ja auch durch natürlichen Abgang loswerden.
Er würde mir die Novalgin-Tabletten in einer großen Packung verschreiben, ich müsse dazu aber ein paar Minuten warten, weil sie chefarztpflichtig wären.
Also warten. Glücklicherweise dauerte es nur ca. 30 Minuten, dann bekam ich mein Rezept und ging wieder, da und dort hüpfend und mit sehr gemischten Gefühlen.

Das erste Interview konnte ich machen, wenngleich ich es auch nach einer guten Stunde abbrechen musste. Das zweite ging gar nicht mehr, ich musste nach Hause fahren um mich auszuruhen. Auch zum Abendtermin musste ich mich entschuldigen.

Das Gemeine ist das Auf und Ab. Manchmal war ich fast schmerzfrei und dachte mir: Hurra, der Stein hat den Harnleiter durchwandert, ist in der Blase angekommen und wartet jetzt nur darauf ausgespült zu werden. Ich pinkelte ja schon seit dem Krankenhaus brav durch ein Sieb, bisher war aber noch kein Stein erschienen.
Das blieb leider auch den ganzen Montag so und machte mir einigermaßen zu schaffen. Es tauchen ständig Fragen und Phantasien auf, die ins Leere gehen: Ist der Stein vielleicht doch zu dick, obwohl der Arzt gesagt hatte, dass er mit 3 mm oder 4 mm durchpassen müsste?
Was ist, wenn die Koliken öfter kommen? Und wenn sie stärker werden? Kann da sonst noch was passieren? Die grauenvolle Vorstellung einer überstauten und platzenden Niere kommt einem nur in solchen Situationen.
Die Hauptfrage war und blieb aber: Wann kommt der blöde Stein raus? und wo befindet er sich schon? Ich war am Vortag eine Runde im Türkenschanzpark spazieren gegangen, das hatte nichts geholfen. Jetzt hüpfte ich wieder herum und hoffte ständig auf den entscheidenden Ruck. Der kam aber nicht und ich aß die Reste vom Vorabend, die ich von meiner Kollegin mitbekommen hatte.

Die Nacht war wieder mittelprächtig. Da die Niere in der Nacht auch ruht konnte ich einigermaßen gut schlafen. Am Dienstag Vormittag ging ich noch einmal eine Runde in den Türkenschanzpark, was aber ebenfalls nichts bewirkte.
Zu Mittag hatte ich einen wichtigen Akquisitionstermin für ein neues Projekt gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne. Den konnte ich einigermaßen würdevoll absolvieren und danach sogar noch nach Traiskirchen fahren, um die neue Kurbelwelle für die Crank-E-Vespa abdrehen zu lassen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, waren aber immer da. Und ich wusste natürlich nicht, wie stark sie ohne die Tabletten wären. Das ist auch ein beunruhigender Faktor.

Am Abend wurde es schlimmer und bei mir setzte langsam eine gewisse Verzweiflung ein. Wie lang könnte das noch dauern? Wo ist dieser verdammte Stein und wann geht er endlich ab? Bei jedem Mal pinkeln die Hoffnung, bei jedem Mal die Enttäuschung und die Gewissheit, dass die nächste Kolik wohl nicht mehr fern wäre.
Auch die Qualität der Koliken veränderte sich – sie wurden stärker, wenngleich ich mich psychisch schon darauf einstellen konnte, wenn das Ziehen begann. Dafür hielten sie länger an – was zu Beginn noch in 20 Minuten erledigt war, dauerte jetzt zwei Stunden. Das begann mich langsam aber sicher zu zermürben.

Mittwoch Mittag war es dann soweit. Ich hielt die Schmerzen einfach nicht mehr aus und fuhr ins AKH. Ich lebe in der komfortablen Situation das größte Spital Österreichs quasi vor der Haustüre zu haben. Die beiden riesigen Türme des größten Skandalbaus der 1970er sind allgegenwärtig, weshalb mein Großvater schon meinte: Die beiden Türme sind der schönste Ort in ganz Wien, denn nur von dort sieht man die beiden Türme nicht.
Das war mir aber heute herzlich egal, ich brauchte Hilfe. Auf der Notfall-Ambulanz wollte man mich aber nicht zum Urologen lassen, sondern schickte mich eine Schleife zur Erstbegutachtung. Dort hieß es warten, lange warten. In einer Schlange stehend warten – wobei ich nicht wusste, wie lange ich es aushalten würde.
Rettungen kamen und gingen, brachten Patientinnen und Patienten, die (mein alter Trick) sofort dran kamen. Ich erinnerte mich an die Patientia und konnte mich durch die ältere Frau ablenken lassen, die im Rollstuhl saß und sich lautstark beschwerte, dass sie entführt worden sei. Die Rettung habe sie entführt, sie wollte eigentlich auf die Baumgartner Höhe, aber die Rettung hätte sie gegen ihren Willen ins AKH geführt.
Man ging mir ihr genauso routiniert um wie mit allen Patienten. Dann war ich endlich an der Reihe, – Fieber messen, Blutdruck und wieder ein Harntest.
Dieser konnte aber nicht ordentlich ausgewertet werden, weil die Maschine streikte. Also meinte die Ärztin zur Pflegerin, sie solle „manuell auswerten“, was sich aber zu einem mittleren Missverständnisdrama entwickelte. („Leuko negativ, bei 4“ – „Was, Leuko?“ „Nein, das dritte da…“ usw.)

Mir war das herzlich egal, ich wusste eh, was und wohin ich wollte. Dann also zur Anmeldung, wieder eine grüne Mappe ausfassen (man hätte die andere weiterverwenden können, sie war noch wie neu und ich hatte sie ja dabei), wieder warten vor dem Raum „G“.
Dann kam der junge Arzt von Montag Morgen wieder. Das war für mich erfreulich, weil er mich schon kannte und wir gleich zur Sache kamen. Ich dachte, man könnte jetzt mit einem neuen CT zumindest Klarheit schaffen, ob der Stein kurz vor dem Abgang ist oder nicht. Doch das wurde abgelehnt, jetzt müsse eine Schiene gelegt werden – kein großer Eingriff. Man würde mich stationär aufnehmen und ich bekäme die Schiene noch am gleichen Tag und könnte am nächsten Tag wieder heim gehen.
Der Stein müsste dann allerdings bei einem weiteren Termin ein paar Tage später herausoperiert werden, wenn er nicht zufällig dazwischen abgehen würde. Aber die Nierenstauung wäre beseitigt.
Mir erschien das zwar okay, aber ich erlaubte mir sicherheitshalber noch nach einer Alternative zu fragen. Der Arzt dachte nach und meinte dann, doch, es gäbe vielleicht noch eine andere Möglichkeit. Sie würden gerade eine Studie machen über Schiene ja oder nein nach einer Steinentfernung. In diese Studie könnte er mich eventuell aufnehmen, aber das würde davon abhängen, was die Anästhesisten sagen, die nur auf Notfallbetrieb eingestellt wären. Er käme später auf der Station zu mir und würde mir das sagen.

Das waren grundsätzlich einmal keine schlechten Nachrichten: Auf jeden Fall weniger Schmerzen, vielleicht sogar eine größere Lösung.
Also wanderte ich zur Urologiestation auf 17C, jetzt schon wieder mit wirklich starken Schmerzen.
Die Schwester machte die Aufnahme und ich kam in ein Zimmer. Dort gab es dann das ersehnte Fläschchen mit Schmerzinfusion und die Schwester versprach mir, dass die Schmerzen in 15 Minuten vorbei wären.
Das war eine Perspektive, mit der ich gut leben konnte. Glücklicherweise hatte ich außer einem winzigen Stück Striezel in der Früh nichts gegessen und auch nur wenig getrunken (aus Angst vor zu starken Koliken). Eine Operation wäre also möglich.

Ich bekam dann noch einen riesigen Tropf, damit der Durst nicht zu groß werden sollte, dem ich geduldig beim Tropfen zusah.
In dem Zimmer lag noch ein alter Inder mit Turban und langem, weißem Bart samt Frau, Tochter und Enkelin, die alle irgendwie gleich aussahen, nur unterschiedlich alt.
Und ein älterer Herr, der eine Prostataoperation aufgrund von Krebs gerade hinter sich hatte. Sie war allerdings schon so lange vorbei, dass er sehr energiegeladen mit seiner Frau und seiner Tochter streiten konnte, und zwar laut und ohne Pause. Es war eine Unterhaltung, die ich nicht wiedergeben kann und will. Dann kam noch der Sohn, der ebenfalls Arzt sein dürfte und man unterhielt sich gemeinsam über die Professoren und wer gut und wer schlecht wäre und über noch sehr vieles andere. Die Inder verstand ich wenigstens nicht, das war ein Segen.

Es dauerte eine Zeit, aber dann kam der junge Arzt und meinte, die Chancen für die große Lösung ständen gut, ich müsste nur mehr hier und hier und hier und hier unterschreiben und dann könnte ich heute noch operiert werden. Wann genau könne er mir nicht sagen, das hinge von den Anästhesisten ab und wann sie einen Slot für unsere Geschichte hätten.

Ich war definitiv erfreut, sehr erfreut sogar. Vom sehr netten Nachtpfleger (es war inzwischen ca 21 Uhr) bekam ich ein Operationshemd (hinten offen) und die Nachricht, dass es jetzt irgendwann losgehen würde.
Diese jetzt irgendwann kam keine Minute später. Ein Pfleger kam („i bin des Taxi“) und nahm mich mit. Meine Stimmung war ob der Aussicht auf baldige endgültige Schmerzfreiheit exzellent.
Wir fuhren durch die Gänge in den Vorbereitungsraum, wo eine sehr nette OP-Schwester auf mich wartete. Ich erklärte, dass ich mit absolut allem einverstanden wäre, was sie von mir wolle.
Es musste noch entschieden werden, ob die Anästhesistin bei einer Geburt dabei sein würde oder ob ich gleich dran wäre, der Arzt schätzte die Dauer meiner Operation auf eine halbe Stunde und schon ging es los.
Auf die Frage, ob ich eine Vollnarkose bekäme, grinste der Arzt und meinte: ja, das würde ich mir bewusst nicht anschauen wollen.

Der Aufwachraum. Ich kannte so etwas schon von meiner Siebbeinhöhlen-Operation. Es ist ein komisches Gefühl, aber ich war irgendwie bester Laune und als ein Pfleger einen Sack mit Eiswürfeln brachte (um wen oder was auch immer zu kühlen), orderte ich ein Gin Tonic.
Das bekam ich zwar nicht, aber die Stimmung im Aufwachraum war okay.

Irgendwie bekam ich noch mit, dass die Operation offenbar gut verlaufen war. Das ist übrigens eine irre Sache – sie fahren mit einem Endoskop durch die Harnröhre in die Harnblase und von dort weiter in den Harnleiter. Auf diesem Endoskop befinden sich neben der Kamera und einer Lampe noch ein Greifarm, um den Stein packen zu können und eine Laserkanone, um ihn zu zertrümmern. Und das alles passt da durch – mir eigentlich unbegreiflich.
Ich bin der Schulmedizin in vielen Dingen durchaus kritisch gegenüber eingestellt, aber in ebenso vielen Dingen wissen die schon, was sie tun und können es auch sehr gut. Auch der Stand der Technik ist bewundernswert. Ich stelle mir vor mit dem Nierenstein bei einem Schamanen in Behandlung zu sein und es kommt mir absurd vor. Wobei ich nichts gegen Schamanismus habe – letztlich hat alles seine Berechtigung, aber auch seine Grenzen.

In der Früh ging es mir dann plötzlich gar nicht gut. Ich hatte zwar keine Koliken mehr, aber starken Harndrang. Doch das war es nicht. Ich brauchte eine Zeit um drauf zu kommen, was mein Problem war. Mir ging es irgendwie hundeelend und ich wusste nicht warum. Ich war sehr schwach, der Kreislauf ließ noch nicht zu, dass ich aufstand und als ich auf´s Klo ging, konnte ich einen Zusammenbruch gerade noch vermeiden. Das war zwar scheußlich, aber noch keine Erklärung für meinen Zustand.
Dann entdeckte ich, dass mein Problem psychischer Natur war. Ich hatte plötzlich keinen Halt, irgendwie nur negative Gedanken, die sich ineinander verwoben, um sich drehten, wuchsen, intensiver wurden. Es war keine Angst, keine Panik, aber ein Unwohlsein an der Grenze des Erträglichen.
Ich wusste, dass ich positive Gedanken bräuchte – konnte sie aber nicht fassen. Zukünftige Vespa-Touren durch sonnendurchflutete Landschaften – funktionierte nicht. Fast am schlimmsten war, dass ich keine Ahnung hatte, was da los war.

Dann kam der Arzt, der mich operiert hatte. Er brachte die gute Nachricht, dass die Operation gut verlaufen wäre und man den Stein zertrümmern hätte können. Danach wurden die Fragmente entfernt und ich bekam die Schiene in den Harnleiter (übrigens 26 cm lang). In die Studie wurde ich nicht aufgenommen, da bei den Verletzungen meines sehr engen Harnleiters diese sowieso obligat gewesen wäre.
Und es war klar: Der Stein wäre von alleine nie und nimmer abgegangen – er war zu groß für meinen Harnleiter und steckte immer noch dort, wo er fünf Tage zuvor diagnostiziert worden war.
All das Hüpfen und Hoffen waren umsonst gewesen – aber wer hätte das wissen können?
Ich würde wohl noch einige Tage Blut im Urin haben und die Schiene könnte zwicken – aber sonst sollte ab jetzt alles okay sein, meinte er. Und ich könnte heute noch nach Hause gehen oder aber noch eine Nacht da bleiben – sie hätten gerade genügend Betten und das wäre kein Problem.

Meine Stimmung besserte sich, ich vergaß aber leider noch einige wichtige Fragen zu stellen – was ich später bereuen sollte.
Auch bei der Visite, die durch einen mir unbekannten Oberarzt durchgeführt wurde, hatte ich die richtigen Fragen nicht parat – etwa woher die Koliken kommen könnten, die der Oberarzt als mögliche Nachwirkungen erwähnte. Er meinte aber auch, dass all die Schmerzen, die jetzt kommen würden, kein Vergleich mit dem wären, was ich durchgemacht hätte. Das war beruhigend.

Ich blieb noch einige Stunden, genau genommen bis zum Mittagessen, von dem ich aber nur ein paar Bissen runterbrachte. Immerhin, ein wenig Appetit kam langsam zurück, ich hatte in der Früh nur die Banane gegessen und fühlte mich insgesamt noch sehr schwach.
Dann war es Zeit zu gehen. Dummerweise war die Schwester grad so beschäftigt, dass sie mir keine Entlassungspapiere vorbereiten konnte. Auch die Ärztin, von der noch Papiere fehlten, war gerade nicht verfügbar.
Also ging ich so – aus ärztlicher Sicht war ich ja (mündlich) entlassen worden. Mit etwas wackeligen Beinen, aber ohne Schmerzen. Dafür mit dem Gefühl als müsste ich ständig pinkeln. Die Papiere, so meinte die Schwester, könnte ich irgendwann abholen, da ging es vor allem um den Patientenbrief für den Urologen, der mir in zwei Wochen die Schiene entfernen sollte.

Es war ein traumhafter Tag und ich war fertig. Der Heimweg hatte viel Kraft gekostet und wahrscheinlich hatte ich auch noch Nachwirkungen von der Narkose.
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag konnte ich ganz gut schlafen und hatte einiges aufzuholen. Auf jeden Fall jedoch eine wichtige Projektbesprechung, zu der ich in den dritten Bezirk fahren musste. Das klappte aber, wenngleich ich mich bei der Besprechung sehr konzentrieren musste.
Aber der Appetit kam wieder und mit dem Essen auch die Kraft. Die Schiene drückte, Harnlassen schmerzte und auch ganz generell fühlte ich mich alles andere als gesund und war froh, als ich wieder daheim war.

Dann kam ein leichtes Ziehen links hinten. Nur ganz leicht, aber das löste sofort ein deutlich spürbares Angstgefühl aus. Angst vor den Schmerzen, die ich schon kannte. Wobei – ein wenig Ziehen macht noch nichts.
Doch das Ziehen wurde stärker und stärker. Ich musste mich wieder ins Bett legen, doch auch da wurden die Schmerzen wieder stärker. Zu meiner riesigen Enttäuschung wurde klar: Das ist der alte Schmerz, das ist die linke Niere, das ist der totale Frust. Meine Stimmung entwickelte sich zu einer Mischung aus Ärger auf alles, Enttäuschung, Frust, Hilflosigkeit und ein Rest von Hoffnung, dass das irgendwie schnell vorbeigehen würde.

Es ging nicht vorbei, ganz im Gegenteil. Die Schmerzen wurden stärker und stärker, ich schluckte zwei Novalgin (eigentlich hatte ich gehofft ohne Schmerzmittel über die Runden zu kommen) und nahm später noch Novalgin-Tropfen.
Doch es nutzte nichts. Die Schmerzen wurden mehr und mehr, nicht ganz so stechend wie der Blitz, der vor der Operation immer wieder eingeschlagen hatte, aber in Summe nicht viel leichter. Und vor allem gingen sie nicht mehr weg, sondern nahmen kontinuierlich zu, so wie meine Angst, dass es von vorne losgehen würde.
Ich erinnerte mich an die Worte des Arztes bei der Visite, dass Koliken durchaus noch möglich wären und ärgerte mich, dass ich ihn nicht gefragt hatte, woher die kommen würden. Das freundliche Nicken auf meine Frage, ob die Schmerzen eh lange nicht so stark sein würden wie vor der Operation, erschien mir jetzt wie blanker Hohn.
Ganz besonders schlimm war die Ungewissheit nicht zu wissen, wo die Schmerzen herkamen. Der Stein war doch draußen – was veranlasste den Harnleiter zu diesen schmerzhaften Kontraktionen? Und wieso waren die so stark, wenn sie doch nur leichte Nachwehen hätten sein sollen?

Und vor allem: Was kann ich jetzt tun? Die Schmerzen waren eigentlich nicht aashaltbar, vor allem, weil die Schmerzmittel gefühltermaßen überhaupt nicht (mehr) ansprachen.
Bei einem kurzen Telefonat empfahl mir Susanne doch den Ärztefunkdienst anzurufen und um Rat zu fragen. Ich hatte sonst ja nur mehr die Option mich mit der Rettung wieder ins AKH bringen zu lassen – keine angenehme Vorstellung: wieder die gleiche Prozedur, wieder das Warten – ich hatte einfach keine Lust.
Die nette Ärztin vom Ärztefunkdienst war jedoch ein Lichtblick. Sie meinte, es könnte sein, dass ein kleiner Rest des Nierensteins noch irgendwo steckte und diese Schmerzen – ja, auch starke Schmerzen – verursachte.
Allein diese Erklärung half mir schon und auch die Tatsache, dass mir jemand zuhörte, der kompetent war. Sie meinte, dass sie mir einen Kollegen vorbei schicken könnte, der mir ein stärkeres Schmerzmittel geben könnte und ob ich es noch so lange aushalten würde, denn die Wartezeit würde etwa eine Stunde betragen.
Ich antwortete ihr, dass das völlig in Ordnung wäre und dass es mir ohnehin unangenehm sei, einen Arzt von vielleicht wichtigeren Einsätzen abzuhalten.
Ihre Reaktion war deutlich: „Wir wissen, wie Nierenkoliken sind. Da wird der leichte Schnupfen von jemand anderem halt warten müssen.“

Also wartete ich und beschloss, in der Zwischenzeit eine Dusche zu nehmen. Als ich gerade das Wasser aufdrehte, läutete es an der Türe. Es war bereits der Notarzt, der mich auch sofort untersuchte: Bauch abtasten, schauen, wo es schmerzt – Ergebnis: Bauch weich, Schmerzen wahrscheinlich von einem Nierensteinrest – gleiche Diagnose wie von der Ärztin am Telefon.
Der Arzt empfahl mir eine Novalgin-Spritze intramuskulär – hinein in den Hintern und nach ca. 45 Minuten würde dann die volle Wirkung einsetzen. Das wäre insofern gut, weil ich dann beim gleichen Schmerzmittel bleiben könnte.

Also hinein mit dem Jauckerl! Und dann warten. Lange warten, denn nach 45 Minuten geschah leider erst einmal gar nichts und meine Verzweiflung nahm langsam wieder zu. Was, wenn das Mittel nicht wirkt? Und was ist mit dem Nierensteines – geht der diesmal von alleine ab?
Es dauerte 75 Minuten, dann aber setzte die Wirkung fast schlagartig ein und die Schmerzen ließen deutlich nach, gingen fast ganz weg. Unterstützend wirkte, dass ich mich langsam entspannte, als die Schmerzen weniger wurden, auch durch die Gewissheit, dass zumindest das Mittel jetzt wirken würde.
Als ich etwas später pinkeln ging, sah ich auf einmal ein kleines, schwarzes Ding in der Muschel, das aber wenige Sekunden später hinunter rutschte, noch bevor ich es bergen konnte.
Meine Hoffnung war, dass dies das letzte Reststück vom Nierenstein war, das bei der Operation übersehen wurde. Da gebe ich die Schuld nicht dem Operateur, denn es war irgendwie einleuchtend, dass in diesem geschwollenen Harnleiterchaos mit der kleinen Endoskopkamera keine Garantie inkludiert sein konnte, dass alle Teile restlos entfernt werden konnten.

Hoffentlich war es das. Hoffentlich. Ein bisschen Glück hätte ich jetzt verdient.
Also die Nacht abwarten. Glücklicherweise ohne Schmerzen, nur mit starken Schweißausbrüchen, die aber als Nebenwirkung von der Spritze angekündigt waren und kein Problem darstellten.
Nach einer durchschwitzten Nacht wachte ich Samstag früh schmerzfrei auf. Das Gefühl in der Nierengegend war gut, es war keinerlei Ziehen mehr da, wobei ich natürlich nicht wusste, wie das ohne Schmerzmittel aussehen würde und auch nicht, ob und wie stark die Spritze noch wirkte.
Zur Sicherheit beschloss ich noch ein oder zwei Novalgin einzuwerfen, denn ich hatte einfach überhaupt keine Lust auf neue Schmerzen, auch nicht auf schwache.
Doch es kamen keine Schmerzen, und zwar auch nicht, als ich zu Mittag keine weiteren Tabletten mehr nahm. Und auch nicht am Nachmittag oder am Abend. Nur das unangenehme Gefühl des dauernden Harndrangs, das ich darauf zurück führte, dass die Schiene (ein 26 cm langer Plastikschlauch) in der Harnblase Druck verursachte, was diese als Harndrangsgefühl weiterleitete.
Das war unangenehm, aber auszuhalten. Der Urin entsprach farblich in etwa einem gepflegten Rotwein, das war jedoch normal, wie der Arzt mir versichert hatte.

So überstand ich den Samstag und die Chancen stiegen, dass die Nierensteingeschichte jetzt überwunden war. Ich beschloss noch auf den Sonntag zu warten, der jedoch auch ohne neue Schmerzen ablief. Alles inzwischen ohne Schmerzmittel und somit quasi „real“.
Meine Lebensgeister kamen langsam zurück, denn jeder neue Tag vergrößerte die Chance, dass es überstanden war. Der Blasendruck war und blieb unangenehm, der Urin wurde langsam gelb, dann wieder rötlicher, dann wieder gelb, wieder rötlicher – wahrscheinlich eine normale Entwicklung. Ich würde das den Urologen fragen, mit dem ich mir ja einen Termin für die Schienenentfernung ausmachen musste.

In der Ordination wurde mir bestätigt, dass der Urologe die Schiene ambulant entfernen könnte, einen Termin gäbe es aber erst wieder Mitte August.
Auf meine Frage, was ich denn dann tun könnte, antwortete die nette Sprechstundenhilfe, dass ich einfach zur Ordinationszeit vorbei kommen könnte, aber es würde halt eher lange dauern und ich sollte eine Menge Geduld mitbringen.
Mein Gedanke: Wenn schon vorher eine ewige Wartezeit angekündigt wird – wie sieht das dann in der Praxis aus?

Glücklicherweise fiel mir bei meiner Internetrecherche der Jörg auf, ein alter Bekannter, bei dem ich vergessen hatte, dass er ja Urologe ist. Ich hatte beim Aufbau der Vespa seines Sohnes mitgeholfen und irgendwie war es da dann doch leichter einen echten Termin zu bekommen.

Jörg empfahl mir die zwei Wochen auf jeden Fall abzuwarten, damit der Harnleiter ordentlich ausheilen könnte. Sehr angenehm war diese Vorstellung nicht, aber der Gedanke, dass es danach zu Komplikationen kommen könnte, war noch weniger erfrischend.

Die nächsten Tage würde ich als mittelprächtig beschreiben. Nierenschmerzen gab es keine mehr, doch der ständige Blasendruck war nervig. Dazu kam die weiterhin wechselnde Urinfarbe, die ebenfalls demotivierend wirkte: Jöö, kein Blut mehr… und dann, meist am Abend: alles wieder rot.
Was wirklich half: Bier trinken. Vielleicht nur wegen der vermehrten Flüssigkeitsaufnahme und der beruhigenden Wirkung des Alkohols, aber das war mir herzlich egal – es wirkte.

So vergingen die Tage ohne nennenswerte Veränderung bis zum Dienstag, den 12. Juni. Ich fuhr mit dem Roller nach Baden, wo es nach nicht einmal fünf Minuten Wartezeit zur Sache ging: Hose runter, auf eine Liege legen und schon kam Jörg samt Assistentin mit einem seltsamen Gerät. Sein Versprechen das möglichst sanft zu versuchen klang durchaus glaubwürdig und ich war mir außerdem sicher, dass die Schmerzen im Vergleich zu dem, was ich durchgemacht hatte, maximal Kinderfaschingsqualitäten haben würden und zudem noch sehr kurz andauern sollten.

„Jetzt muss ich an der Prostata vorbei“ klang weniger verlockend, aber auch das war aushaltbar. Vor allem, weil keine zwei Minuten später die Schiene heraußen war – ein dünner Plastikschlauch mit eingekringelten Enden. Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie das alles durch die Harnröhre passt, aber es ist nun einmal so.
Hose anziehen, mit herzlichem Dank verabschieden und schon ging es (nach einem kurzen Besuch am WC) wieder ab nach Hause. Das Brennen würde nicht lange anhalten, meinte Jörg, ein wenig Blut im Urin als Nachwirkung könnte es schon geben. Und ich hätte ja sicher noch Schmerzmittel daheim.

Mein Ehrgeiz war erwacht und ich wollte versuchen ohne Schmerzmittel die Nachwirkungen zu überstehen. Der Blasendruck war leider immer noch da und am späten Nachmittag kam auch noch ein leichtes Ziehen in der linken Nierengegend dazu. Ich kannte dieses Ziehen nur allzu gut, als aber Jörg am Abend noch einmal anrief, konnte er mich beruhigen: Da könnte nichts passieren, ein Nierenstau wäre auszuschließen und ich solle noch die Nacht abwarten.

Am nächsten Morgen war das Gefühl gut – keine Schmerzen, ein sehr leichtes Brennen und klarer Urin. Wenn das so bleibt – alles bestens.

Fazit: Auch einige Tage später blieb alles im grünen Bereich und es sieht so aus, als wäre die Sache endgültig überstanden. Ich hoffe, dass ich zu den 50% der Menschen gehöre, die keine weiteren Nierensteine mehr bekommt, denn diese Tortur möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Echt nicht. Und ich wünsche sie auch niemandem, nicht einmal meinem schlimmsten Feind.

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Wie wir an Afrika verdienen

Es ist manchmal erschütternd zu sehen, mit welcher Dreistigkeit Europa in Afrika vorgeht. Ein Dokumentarfilm („Konzerne als Retter?“) hat dieses Thema aufgegriffen und anhand von 7 Projekten gezeigt, wie das funktioniert.

1.) Erdäpfel für Kenia
Auf den ersten Blick klingt das gut: Durch Ertragssteigerung soll der Hunger bekämpft werden. Erdäpfel sind nahrhaft und werden von 800.000 Kleinbauern in Kenia angepflanzt. Wenn man verbessertes Saatgut unter die Bauern bringt, so lässt sich die Erntemenge deutlich steigern und die Bauern bekommen erstens mehr Geld und zweitens sind größere Mengen vorhanden.

Also fördert man über eine Gesellschaft für Zusammenarbeit dieses Projekt, an dem vor allem gewinnorientierte Unternehmen aus Deutschland beteiligt sind. Ein Betrieb in Kenia erzeugt das potente Saatgut, das jedoch 25 Euro pro Sack kostet und somit nur für wohlhabende Bauern in Frage kommt.
Da es sich dabei um holländische und andere europäische Erdäpfelsorten handelt, müssen diese mit Düngemittel und Pestiziden versorgt werden. Das und die notwendigen industriellen Großmaschinen liefern deutsche Hersteller.
Gefragt sind vor allem Sorten, die sich für die Weiterverarbeitung zu Fast Food eignen (Pommes).

Fazit: Zur Hungerbekämpfung oder um Kleinbauern zu fördern eignet sich dieses Projekt nicht, für das Entwicklungshilfegelder eingesetzt werden.

2.) Dr. Oetker
Über einen Hilfsfonds werden zwei Millionen Euro Entwicklungshilfegeld in eine Firma investiert, die in Nairobi von einem Deutschen betrieben wird und in Deutschland erzeugte Pizzae, Tiefkühlbeeren und Torten nach Kenia importiert.
Dazu braucht man eine lückenlose Kühlkette und somit wird das Geld für Kühlmaschinen bzw. Kühlhäuser ausgegeben.
Abgesehen davon, dass die Umweltbilanz einer solchen importierten Tiefkühlpizza katastrophal ist, kann sich nur die kenianische Oberschicht diese Pizzae leisten. Man könnte sie auch in Kenia erzeugen, aber dann würde Dr. Oetker nicht so viel daran verdienen.
Immerhin hat der Deutsche 25 Arbeitsplätze geschaffen.

3.) Baumwolle
Sambia ist das viertärmste Land der Welt mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 52 Jahren. Die Armut ist groß, gefördert wird mit Entwicklungshilfegeld jedoch der Anbau von sogenannten „Cash Crops“, das sind Feldfrüchte, die man nicht essen kann, wie etwa Baumwolle. Die Zusammenarbeit der deutschen Entwicklungshilfegesellschaft GEZ mit profitorientierten Firmen verhindert den Aufbau staatlicher Strukturen. Die Lehrer, die Bauern punkto Baumwollanbau schulen, kommen von den Firmen, die an der Baumwolle für den Export interessiert sind und den Bauern Dünger und Pestizide verkaufen wollen.

Dagegen wäre ja noch nichts einzuwenden, aber nachhaltig ist das natürlich nicht, da keine festen Strukturen aufgebaut werden, sondern die Bauern kurzfristig mehr Einkommen haben, wenn die Weltmarktpreise entsprechend sind. Ihre Abhängigkeit von ausländischen, ausschließlich profitorientierten Konzernen (wie dem südafrikanischen NWK) maximiert sich dadurch. Wenn die Firmen nicht mehr genug verdienen, ziehen sie weiter, in ein anderes Land oder auf einen anderen Kontinent.

Die Firmen geben den Kleinbauern Kredite für Maschinen, Saatgut und Pestizide und sie kaufen ihnen die Ware ab.
Die Bauern selbst können weder Entwicklungshilfegelder beantragen noch haben sie sonst irgend einen Einfluss bzw. Rechte. Sie spielen keine wirkliche Rolle, was man auch daran erkennen kann, dass sie ohne Schutzkleidung arbeiten müssen. Die gibt es nur für ausgewählte Bauern im Einzelfall. Zynischerweise werden sie aber darauf hingewiesen, dass sie Schutzkleidung tragen müssen.

Erhaltung der Bodenqualität, Artenvielfalt, Gesundheit der Bauern – all das ist in den Businessplänen nicht vorgesehen. Das zeigt auch das nächste Beispiel:

4.) 20.000 Hektar Palmölplantagen
Wo Palmfrüchte angebaut werden, wächst keine Nahrung. Wir sind schon wieder in Sambia, ein Land, das sich offensichtlich gut zur Ausbeutung eignet. Dort hat die Firma „Zambeef“ 35 Mio. Euro von Entwicklungshilfebanken bekommen.
Die Versprechen für die vorher dort ansässige Bevölkerung wurden nicht eingelöst – weder die Schule gebaut, noch die Krankenstation noch sonst etwas.
Das ist verständlich, denn das würde Geld kosten, das den Gewinn schmälert. Und wenn die Menschen, denen man es versprochen hat, nicht die Macht haben das Versprechen einzuklagen, wäre es aus betriebswirtschaftlicher Sicht vollkommen falsch es zu bauen.
Das Land wird von der Regierung an die Firmen vergeben – wer vorher dort gewohnt hat, muss weg und hat Pech, auch wenn ihm das Land rechtlich zustehen würde. „Landgrabbing“ nennt man das übrigens.

Ökologische Richtlinien spielen bei der Plantage mit 430.000 Ölpalmen ebenfalls keine Rolle und die DEG (Deutsche Entwicklungshilfe Gesellschaft) ist keinerlei Rechenschaft schuldig, was sie mit dem Geld tut.
Das größte Problem ist hier das der Monokultur. Sie macht die Pflanzen anfällig für Schädlinge, da die Resilienz durch die Biodiversität nicht mehr gegeben ist.

Schwierig wird es, wenn man die Finanziers betrachtet. Beliebt ist z.B. der ATIF-Fonds, nach außen hin geschaffen um die Armut zu verringern. Wenn man sich die Investoren wie z.B. die Deutsche Bank ansieht, dann kommt der Verdacht auf, dass es hier um Gewinnmaximierung geht. Die Deutsche Bank ist schließlich keine Caritas, sondern ausschließlich auf Profit ausgelegt. Der Fonds sitzt in Luxemburg um keine Steuern zahlen zu müssen und finanziert private Großunternehmen.
Das Modell des Fonds: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Und das alles unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe und angeblichem „Private Public Partnershop“.

5.) Tanzania und der Kaffee
Auch hier werden die Bauern ausgebeutet.
Ein Beispiel, wie das konkret aussieht:
Der Konzern OLAM schenkt den Kleinbauern Kaffee-Setzlinge. Sie bauen jetzt statt Maniok oder Bananen den Kaffee an, den man aber nicht essen kann. Zusätzlich müssen sie beim Konzern Dünger und ev. einen Generator zur Bewässerung kaufen, weil Kaffee im Gegensatz zu dem, was vorher angebaut wurde, viel mehr Wasser braucht. Und Nahrung müssen sie auch kaufen. OLAM borgt ihnen aber gerne Geld.
Die Schulden steigen jedes Jahr, weil Kaffee erst nach vier Jahren Ertrag bringt. Die Bauern bekommen aber keinen Vertrag mit OLAM, d.h. sie haben keine Abnahmegarantie und schon gar keinen Preis.
Wenn die Ernte schlecht ist und die darauf folgende Ernte auch, stellt OLAM die Kredite fällig und bekommt das Land der Bauern. Wenn die Ernte gut ist, sinkt der Preis und die Bauern können die Kredite ebenfalls nicht zurück zahlen. OLAM bekommt das Land der Bauern, mit bereits erntefähigen und bewässerten Kaffeesetzlingen.
Toll, nicht?
Und das Beste: OLAM musste nicht einmal selbst investieren, weil sie das Geld aus einem Entwicklungshilfefonds bekommen haben. Eine Win-Win-Win Situation, nämlich für OLAM, OLAM und OLAM.

Und die Bauern? Die müssen von dort weggehen. Zum Beispiel nach Europa. Hier gelten sie dann als „Wirtschaftsflüchtlinge“, die sich bei uns bereichern wollen.

6.) Die Gewürzbauern von Sansibar
Es gibt aber auch positive Beispiele: Auf Sansibar werden Bauern mittels Förderungen geschult, damit sie z.B. die Zertifizierungen ihrer Gewürze selbst machen und sie dann verkaufen können. Hier erhält zwar auch die DEG die Förderungen, macht damit aber sinnvolle Projekte. 3x im Jahr kommt ein Berater nach Sansibar, der den Bauern Mikroorganismen mitbringen, die ihnen den Einsatz von Pestiziden ersparen bzw. dafür sorgen, dass sie weniger Gift und vor allem keinen teuren Kunstdünger brauchen.
Die Bauern können so bessere und mehr Produkte erzeugen und bekommen auch einen guten Preis. Sie bleiben eigenständig und verdienen so viel, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken können. Das ist echte Investition in die Zukunft.

Dass die Industrie die Nahrungsprobleme dieser Welt löst, ist wohl ein Märchen. Die Welt wird zu 2/3 von Kleinbauern ernährt. Zugleich sind auch 2/3 der Hungernden dieser Welt Kleinbauern.
Vielleicht wäre es an der Zeit das Leben dieser Menschen zu entwickeln oder sie zumindest nicht auszubeuten.

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