Dirndl – die Königin unter den Marmeladen

Ich mache seit 2006 Marmeladen selbst. Ein Freund hat in Greifenstein an der Donau einen wunderschönen Marillenbaum, der manchmal mehr, manchmal weniger trägt, immer aber in herausragender Qualität. Damals entstand der Wunsch nach selbstgemachter Marmelade, ohne Konservierungs- oder Farb- oder sonstige Zusatzstoffe. Einfach nur mit Zucker und einem Geliermittel, ich nehme Quittinpulver.

Zudem bevorzuge ich sortenreine Marmeladen, auch wenn sie gerade nicht in Mode sind, sondern viele Leute gerne mischen (Rhabarber-Erdbeer-Marille oder Zwetschke-Hollunder-Himbeer etc.). Mir schmeckt es besser, wenn ich die eine Frucht schmecke, die da drin ist.

Seit einigen Jahren produziere ich viele Sorten, die Dirndlmarmelade war aber die zweite nach Marille und gehört bis heute zu meinen Favoriten.
Es gibt viele verschiedene Sorten, die aber alle ähnlich schmecken und sich eher in Größe und Farbe unterscheiden, von knallrot bis fast schwarz.
Allen gemeinsam ist die hohe Säure und das wenige Fruchtfleisch bei zugleich großem Kern. Offiziell heißt sie ja „Kornellkirsche“, wird aber in Österreich gern Dirndl genannt. Nach ihr ist sogar ein ganzes Tal benannt, nämlich das Pielachtal, übrigens ein wunderschönes Ausflugsziel, ich durchquere es gerne bei meinen Vespatouren. Dort wachsen die Bäume in großer Zahl und die Menschen haben erkannt, dass diese Frucht wertvoll ist und vermarkten sie gern und gut. Es gibt neben der Marmelade auch Chutney, Schnaps, Saft und noch vieles mehr.

Ich mag die Dirndlmarmelade aufgrund ihrer Vielseitigkeit. Sie passt in die Palatschinke genauso wie auf´s Brot oder zum Käse. Süß oder sauer, Dirndlmarmelade geht immer.
Zusätzlich ist ihr Geschmack mit keiner anderen Frucht vergleichbar und ihre Herstellung aufwändig, zumindest im Vergleich mit anderen Marmeladen.

Ich möchte mit diesem kleinen Beitrag zur Herstellung anregen. Es gibt speziell in Ostösterreich jede Menge Dirndlbäume, die nicht abgeerntet werden, auch in Wien und rund um Wien. Ich finde das schade und möchte auch noch auf den Nebeneffekt verweisen, dass solche selbst produzierten Marmeladen besser schmecken und zudem noch erkennen lassen, welche Schätze die Natur rund um uns bereithält.
Dirndlbaumstandorte gibt es da zwar keine, aber sonst kann ich diesen Link für alle sehr empfehlen, die nicht wissen, wo sie gratis Obst aus der Nähe bekommen können:

Fruchtfliege – Obstbäume auf öffentlichem Grund

Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich im Freundeskreis umzuhören. Meist kennt wer wen, der wen kennt, der weiß, wo ein Baum steht.
Und so funktioniert die Herstellung:

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BILD 1: Planen mit heruntergeschüttelten Dirndln

Geerntet werden die Dirndl möglichst reif, sie sollen schon weich sein, vielleicht noch nicht völlig gatschig. Man kann sie mit der Hand pflücken, was eine enorme Arbeit ist und nur bei kleineren Mengen für den Eigenbedarf empfehlenswert. Es ist aber auch da notwendig, wo sich unter dem Baum kein Platz befindet, auf den man eine Plane legen könnte, sondern etwa Gestrüpp, in das die Dirndln hineinfallen, wenn man sie herunterschüttelt.
Das ist natürlich die einfachere Variante. Im nächsten Schritt empfehle ich sie so aufzuklauben, dass möglichst wenig „Beifang“ wie kleine Äste, Blätter oder Insekten dabei sind. Ich sortiere auch die verrunzelten, vertrockneten oder sonstwie kaputten Früchte aus, vor allem die noch unreifen.
Das macht die nächsten Schritte leichter.

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BILD 2: Die Früchte im Sack, bereit zur Verarbeitung

Jetzt werden die Dirndln gebadet, um sie zu reinigen. Noch übriger Dreck schwimmt auf und kann weggefischt werden.

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BILD 3: Dirndln im Bad

Das Problem bei den Dirndln besteht vor allem darin, dass sie Steinfrüchte sind, im Gegensatz zu Marillen oder Zwetschken aber nicht vom Kern gehen. Es gibt meiner Ansicht nach nur eine sinnvolle Variante: den Einsatz einer wirklich guten flotten Lotte. Die bekommt man im Fachhandel, sollte aber Wert auf hohe Qualität legen, das macht sich schon beim ersten Einsatz bezahlt und das Ding hält auch ewig.
Im Sinne des Erhalts von Fachgeschäften empfehle ich vom Kauf bei Amazon und Co Abstand zu nehmen. Eine Möglichkeit wäre z.B. hier:
https://binder-schramm.at

Bevor die flotte Lotte zum Einsatz kommt, müssen die Dirndln noch ein zweites Bad nehmen, diesmal ein heißes. Ich nehme dazu einen großen Topf und fülle ihn mit Wasser, allerdings nicht zu viel. Es sollen ja die Dirndln hinein und darin leicht aufkochen.
Beim Aufkochen gehen sie auf und verbrauchen mehr Platz, daher dürfen nicht zu viele Dirndln im Topf sein und auch zu viel Wasser ist nicht gut – dafür gibt es noch einen guten Grund, etwas später.

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BILD 4: Dirndln im Kochtopf

Sobald den Dirndln ordentlich heiß wird, platzen sie auf und schwimmen nach oben. Das ist genau der richtige Zeitpunkt um sie rauszuholen und sofort in die flotte Lotte zu geben, die am eigentlichen Kochtopf drauf liegt.

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BILD 5: Die Früchte werden durch die flotte Lotte passiert.

Das Passieren ist keine Kunst, jedoch tendieren die Kerne zur spontanen Flucht und sausen dann gern durch die ganze Küche. Nicht so gut ist es, wenn sie darunter im Topf landen, also ein wenig aufpassen und dann zu passieren aufhören, wenn der erste Kern springt.
Das Wasser, in dem die Dirndln „blanchiert“ wurden, bitte nicht wegschütten, sondern die nächste Ladung Dirndln hinein geben. So fortfahren, bis alle Früchte im großen Topf sind.
Jetzt kommt das Quittin dazu. Es gibt drei Varianten: 1:1 oder 1:2 oder 1:3 – das bedeutet, eine Packung ist für 1 Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucke oder für ein Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucker etc.
Wichtig ist, das Quittin zuerst in die Früchte zu rühren und diese dann aufzukochen und erst dann den Zucker dazu zu geben. Wenn man alles zugleich mischt, funktioniert das Quittin aus irgend einem Grund nicht – keine Ahnung, weshalb.

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BILD 6: Quittin dazu mischen

Sobald das Ganze ordentlich aufgekocht ist, kommt der Zucker dazu. Jetzt zahlt es sich aus einen ausreichend großen Topf genommen zu haben, damit nichts übergeht. Ich nehme ein wenig mehr als einen halben Kilo Zucker auf ein Kilo Dirndln, weil sie von Grund auf sehr sauer sind. Das hilft beim Gelieren (je mehr Zucker desto härter) und erzeugt die richtige süß-sauer Mischung.
Man kann den Zucker gleich aus der Packung hineinleeren, er löst sich schnell auf, Umrühren ist jetzt sowieso ständig angesagt. Ich verwende Feinkristallzucker, das geht schneller und kostet auch nicht mehr als Normalkristallzucker.

Jetzt geht es ans Abfüllen. Wenn die Marmelade kocht, dann kann sich oben Schaum bilden. Das ist nicht weiter tragisch, ich versuche den Schaum auf mehrere Gläser aufzuteilen und alles ist gut.
Es gibt hier sicher unterschiedliche Möglichkeiten, ich verwende einen Trichter und richte mir die Gläser möglichst alle her. Es kann nämlich passieren, dass gegen Ende die gut gelierende Marmelade schon zu stocken beginnt und sehr schnell abgefüllt werden muss. Das letzte Glas ist immer ein kleines, in das ich die Reste einfülle und meistens schon am nächsten Tag aufesse.

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BILD 7: Abfüllen der Marmelade

Die idealen Gläser sind übrigens die mit Klick-Klack-Deckel. Ich persönlich sammle über das ganze Jahr Gläser von Freunden, die sonst weggeworfen werden. Sie sind meist besser als neu gekaufte, müssen natürlich gut ausgewaschen werden, schonen aber jede Menge Ressourcen.
Während die Marmelade für 24 Stunden auskühlt, kann der Rest entsorgt werden. Außerdem nehme ich jetzt den Topf mit dem übrigen Blanchier-Wasser und fülle es in Flaschen ab. Das ist nämlich ein großartiger Dirndl-Saft, der noch gesüsst werden muss und auch im Kühlschrank nicht ewig hält. Ich nehme den Saft gerne zu den letzten schönen Festen im Freien mit, die es im September noch gibt.
Das war der Grund, die Dirndln vorher schon gründlich zu waschen.

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BILD 89´: Der Rest der Dirndln – viele Kerne

Meistens koche ich am Abend ein. Wenn ich mich dann ins Bett begebe, höre ich vor dem Einschlafen noch das eine oder andere „Popp!“ wenn einer der Klick-Klack-Deckel Unterdruck bekommt und die Marmelade für mehrere Jahre haltbar macht. Sofern sie nicht vorher aufgegessen wird.

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BILD 9: Die abgefüllte Marmelade kühlt aus und geliert.

Gedanken zu Terror und Gewalt

Anlässlich des Terroranschlags in Wien vom 2. November 2020 wurde ich heftig attackiert, weil die Wiener Grünen im Wiener Wahlkampf angeblich eine Entwaffnung der Polizei gefordert hätten.

Das ist eine verkürzte Darstellung und somit eine falsche. Es ging darum das Konzept der englischen, nicht bewaffneten Bobbys zu diskutieren, ob dies auch bei uns eine deeskalierende Funktion haben könnte. Dieser Gedanke ging in der emotionalen Diskussion unter und wurde auch seitens der Grünen nicht so dargestellt.

Leider gewinnen gerade in unserer jetzigen Zeit nicht die differenzierten Darstellungen oder Argumente, sondern immer öfter die vereinfachten, polarisierenden. Auch die Grünen sind hier keine Ausnahme.
Verschärft wurde das noch durch zahlreiche Medienberichte, die auch nicht gerade auf Differenzierung Wert legten, etwa durch den Standard oder den ORF.

Dabei ist gerade dieses Thema zu komplex und lässt sich nur dann eindimensional darstellen, wenn man statt Information und Diskussion lieber Propaganda betreiben will.

Die Wurzel aller Ideen ist ein Grundwert der Grünen, nämlich die „Gewaltfreiheit“. Sie wird gerne und oft missverstanden, und zwar von fast allen Seiten, auch von zahlreichen Grünen selbst.
Ich kann hier nur meine Interpretation anbieten: Gewaltfrei bedeutet, dass ich immer nach Möglichkeit versuche einen Konflikt gewaltfrei zu lösen. Gewalt ist somit nicht meine erste Option, sondern im Idealfall die letzte.
Wenn ich aber mit Gewalt konfrontiert bin, gegen mich oder andere, muss ich mich bzw. andere selbstverständlich verteidigen.
Und wenn es keine andere Möglichkeit gibt, dann darf und kann ich auch selbst Gewalt anwenden.
Wer tiefer in diese Materie eintauchen will, dem empfehle ich Beschäftigung mit dem „Prisoners Dilemma“ – dazu gibt es jede Menge Infos und Literatur im Internet, gerne auch bei mir.

Eine spezielle Form der Gewalt ist der Terror, er richtet sich im Normalfall gegen eine ganze Gesellschaft. Auch wenn die häufigste Form in unserer Zeit in unserer „westlichen“ Welt der rechtsextreme Terror ist, so erscheint der islamistische Terror stärker und öfter vorzukommen. Das mag an den medialen Darstellungen liegen oder auch an den politischen Kräften, die ganz bestimmte Feindbilder bewusst aufbauen, oder an der spektakuläreren Form, uns bleibt jedenfalls nichts anderes übrig, als uns damit zu beschäftigen.

Ich finde den Ansatz gut, muslimischen Glauben und radikalen Islam auseinanderzuhalten. Das funktioniert aber nur, wenn sich die friedlichen Muslime klar von ihren radikalen Ablegern distanzieren und diese von sich aus bekämpfen.
Ein paar freundliche Worte reichen da leider nicht aus, hier ist eine offene Zusammenarbeit mit dem österreichischen Staat gefordert.
Ich möchte es noch klarer formulieren: Sie müssen selbst tätig werden, um keine Mitschuld auf sich zu nehmen. Und sie müssen kooperieren, ständig und in engem Austausch. Dies hat der ORF-Korrespondent Karim El-Gawhari in seinen „Arabesken“ folgendermaßen beschrieben (Quelle: Facebook-Post vom 3. November 2020):

„Das ist jetzt ein Post den ich nach den Anschlägen in Wien als besonders wichtig erachte, damit man in Österreich nicht in die IS-Falle tappt. In einem Manifest 2015 im IS-Online-Magazin Dabiq, wurde eine Dynamik beschrieben, die die militanten Islamisten für sich nutzen wollen. Die Idee war relativ einfach. Mit jedem islamistischen Anschlag in Europa und dem Westen wächst dort die antiislamische Stimmung. Die Folge wäre eine Polarisierung und wie es damals hieß, „die Eliminierung der grauen Zone“, wie die Koexistenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen dort umschrieben wurde. Mit der Ausgrenzung der Muslime im Westen, könnten diese so leichter in die Arme der militanten Islamisten und ihrer Ideologie getrieben werden und wären leicht zu rekrutieren.“

Das ist das eine. Auf der anderen Seite brauchen wir eine gut funktionierende, gut ausgebildete und gut bezahlte Polizei. Sie soll quasi ein nach außen sichtbares Zeichen einer sicheren Stadt bzw. Eines sicheren Landes sein.
Dafür schlage ich folgendes vor:

1.) Das generelle Ziel muss eine massive Aufwertung des Jobs sein. PolizistIn sein bedeutet, zu einer gefragten Elite zu gehören. Dann bewerben sich dort auch die richtigen Leute, was wiederum den Job aufwertet, wodurch sich noch bessere Leute bewerben etc.

2.) Die Bezahlung muss überdurchschnittlich sein. Selbst die „normalen“ Streifendienste können gefährlich sein, sie sind oft anstrengend, auch oder vor allem durch mangelhafte Besetzung der Polizeiinspektionen.

3.) Die Ausbildung muss aufgewertet, verbessert und verlängert werden. Der Lehrkörper soll aus einer gut ausgesuchten Mischung bestehen: Fixe Lehrkräfte, alte Hasen mit viel Erfahrung sowie externe SpezialistInnen für bestimmte Themen wie Konfliktmanagement, Inklusion, Kommunikation, Stressbewältigung etc.
Sie alle müssen ebenfalls überdurchschnittlich bezahlt werden, sprich dem Honorar der freien Wirtschaft angepasst.
Eine fertig ausgebildete Sicherheitskraft ist dem Bachelor gleichzusetzen.

4.) Die Ausrüstung ist bereits verbessert worden, diese Entwicklung muss weitergehen. Und ja, selbstverständlich sind die gut ausgebildeten Sicherheitskräfte bewaffnet, und zwar den Anforderungen adäquat. Minimum sind Glock und Pfefferspray. Bei gut ausgebildeten PolizistInnen braucht auch niemand Angst zu haben, dass diese die Waffen falsch anwenden.

5.) Auch die Spezialeinsatzkräfte sind zu verstärken. Die Basis dafür sind gut ausgearbeitete Szenarien, die jederzeit abgedeckt werden können.
Der wichtigste Punkt muss sein: So lange die Polizei die Lage im Griff hat, kann die Bevölkerung ein normales Leben führen. Dieser Wert muss so hoch angesetzt sein, dass die Maßnahmen dafür ein hohes Budget rechtfertigen.

6.) Alle Maßnahmen dieses Konzepts müssen von einer Kommission beschlossen werden, die vielfältig zusammengesetzt ist, mit Schwerpunkt auf StreifenpolizistInnen, die direkt aus den Inspektionen kommen. Es darf hier keine politische Einflussnahme geben und vor allem darf nicht danach der Sparstift angesetzt werden.
Das Motto muss lauten: besser es fadisiert sich eine Polizistin/ein Polizist im Dienst als es fehlt eine/r.

Währing bleibt grün

Eine Nachwahlanalyse zur Wahl am 11. Oktober 2020

Ich kann mich noch sehr gut an den Moment an diesem Montag erinnern, als wir in der Pizzeria Cavallo Bianco gesessen sind. Im Hinterzimmer, nervös und angespannt, weil wir immer noch nicht wussten, ob wir den Bezirk gewonnen haben. Es war der 12. Oktober 2015.
Es gibt nämlich keinen zweiten Sieger (bzw. keine zweite Siegerin) – die stimmenstärkste Partei stellt die Bezirksvorstehung, so ist es Tradition in Wien.
Also: Nur eine einzige Stimme weniger und alles war umsonst. Das stimmt natürlich nicht, aber gefühltermaßen ist es so.
Das mussten die Grünen im vierten Bezirk, auf der Wieden, vor zehn Jahren schmerzlich zu spüren bekommen, als sie den ersten Platz nur um 1-2 Handvoll Stimmen verpasst haben. Oder die FPÖ in der Leopoldstadt, als sie 2015 nur 21 Stimmen hinter den Grünen auf dem dritten Platz lagen und dann die Wahl angefochten haben, um einen bezahlten Stellvertreter zu bekommen. Mit dem Ergebnis, dass die Grünen dann die Bezirksvorstehung hatten – bis 2020 zumindest.

In Währing waren es 2015 zum Schluss 212 Stimmen, die wir vor der ÖVP lagen, die den Bezirk 69 Jahre beherrscht hat. Arschknapp, bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 50.000 Menschen. Das hätte genauso gut andersrum ausgehen können.

Wir waren darauf eingestellt, denn 1,5 Jahre vorher mussten wir eine Entscheidung treffen, ob wir uns die enorme Arbeit antun auf die Eroberung der Bezirksvorstehung zu gehen. Unser Bauchgefühl sagte: 50% Chance.
Am Endergebnis konnten wir dann sehen, dass das exakt zutraf. Daher war auch das Zittern entsprechend groß und dauerte auch lang, weil wir das Ergebnis erst am Montag gegen 22 Uhr bekamen. Dann die entscheidende SMS: Geschafft!

Der Jubel war enorm, wir hatten die Bezirksvorstehung erobert. Auch wenn das wie ein Kampf klingt – gefühlt war es das auch. Da wir als Grüne den Grundwert „gewaltfrei“ haben, stellt sich natürlich die Frage, wie das vereinbar ist: Wahlkampf.
Geht kämpfen ohne Gewalt?
Ich glaube, dass es sich hier um eine Zivilisationsfrage handelt. Damit Menschen nicht miteinander kämpfen müssen, lagern sie das aus, z.B. in eine Arena, wo eine Handvoll Menschen stellvertretend für alle kämpft. Der Rest kann sich mit jeweils einer Seite identifizieren und so den eigenen Kampf und die gegenseitige Gewalt substituieren. Das funktioniert weltweit gut, etwa in Fußballstadien oder bei Skirennen oder sonstigen sportlichen Auseinandersetzungen. Und in der Politik.

Es folgten fünf Jahre grüne Bezirksvorstehung mit größeren und kleineren Veränderungen in Währing, etwa durch die Einführung des Parkpickerls, die 30er-Zonen, Radfahren gegen die Einbahn, Schulwegsicherung und noch einiges mehr.
Was hier auffällt, ist die starke Konzentration auf das Thema Verkehr. Es gab natürlich auch noch andere, etwas die Schaffung von 3 Gemeinschaftsgärten, viele Sitzbänke für gebrechliche Menschen sowie die komplette Neugestaltung des Johann-Nepomuk-Vogel Platzes.
Trotzdem dominieren Verkehrsthemen, dort spitzt es sich zu, dort prallen die Welten aufeinander: die alte Welt, vertreten durch ÖVP und FPÖ und Teilen der SPÖ, sowie die neue Welt, vertreten durch die Grünen und tw. durch die NEOS (wie viel „tw“ wird sich demnächst zeigen, in der neuen rot-pinken Stadtregierung).
Das ist deswegen so brisant, weil wir uns in einem Kulturwandel befinden, von der Welt des 20. Jhd. mit der fetischisierten Überhöhung des motorisierten Individualverkehrs in Form des eigenen PKW, zunehmend in eine Welt des 21. Jhd., in der es um eine Neudefinition von Mobilität generell geht, angesichts des bereits stattfindenden Klimawandels inkl. der ständig zunehmenden Klimakrise.
In Währing sind die konservativen Kreise groß und stark, vor allem in Pötzleinsdorf und im Cottage, aber auch in Gersthof.
Nachdem 60 Jahre alles getan wurde, um den PKW-Verkehr zu stärken, kommen jetzt die Grünen und meinen, alle anderen Mobilitätsformen haben auch das Recht auf öffentlichen Raum.
Und da dieser nur einmal verteilt werden kann, muss man dem Auto Platz wegnehmen. Das empfinden viele Autofahrer als Angriff auf ihre scheinbar unantastbaren Rechte bzw. nehmen es persönlich. Verstärkt wird das Problem noch durch die Klimakrise, weil für die Gegenmaßnahmen ebenfalls öffentlicher Raum benötigt wird, sprich: Bäume statt Parkplätze.

Das ist vielen bös aufgestoßen, auf das geliebte eigene Auto wollen viele nicht verzichten, wobei hier die Betonung auf „eigene“ liegt, denn mit gut ausgereiften Car-Sharing-Modellen wäre das Platzproblem quasi auf der Stelle lösbar. So haben sehr viele Menschen ihr Auto zu 95% der Zeit herumstehen und brauchen 10m2 öffentlichen Raum.

In den letzten fünf Jahren wurde viel verändert und daher entstand eine verstärkte Polarisierung: diejenigen, die sich das alte Währing mit der radikalen Optimierung für den PKW-Verkehr wünschen und die anderen, die das Gegenteil wollen.
Stellvertretend für diese beiden widersprüchlichen Positionen sind die ÖVP und die Grünen. Deswegen war schnell klar, dass es wieder auf ein Duell zwischen diesen beiden hinauslaufen würde.

Was nicht klar war: Wie viele Währingerinnen und Währinger befinden sich auf welcher Seite?
Ein Ergebnis war aus vielen Gründen nicht prognostizierbar:
1.) Es gibt keine Umfragen für die Bezirke
2.) Es gibt in jedem Bezirk so etwas wie einen „BezirksvorsteherInnenbonus“, von dem aber nie klar ist, wie groß er ausfällt. Also unberechenbar.
3.) Es gibt nach fünf Jahren jede Menge neue BürgerInnen in einem Bezirk, in Währing sind das ca. 30%. Auch hier ist unklar, woher die kommen und welchen politischen Hintergrund sie haben. Also auch unberechenbar.
4.) Wie groß ist die Menge der Zufriedenen, die nicht wahrgenommen werden, weil sie sich still verhalten?
5.) Wie groß ist die Menge der Unzufriedenen und wie viele ziehen sie in ihrer Unzufriedenheit mit? Sind sie nur laut oder auch viele?
6.) Welche Rolle spielen die anderen Parteien, etwa die SPÖ oder die NEOS? Im letzten halben Jahr gab es etwa eine riesige Aufregung wegen der Verlängerung des 42A, der durch zwei Gassen fahren sollte, deren AnwohnerInnen das nicht wollen. Alle Parteien bis auf die Grünen haben sich da draufgesetzt und sind in Radikalopposition gegangen. Wie wird sich das auswirken? Es gab immerhin 1.000 Unterschriften gegen die Grünen, selbst wenn wir dafür gar nicht verantwortlich waren, weil die Routenwahl von den Experten entworfen wird.
In dieser Geschichte gingen die Emotionen besonders hoch und alle Parteien erhofften sich satte Stimmengewinne und grüne Verluste.
7.) Wie viele EU-BürgerInnen machen von ihrem Wahlrecht im Bezirk Gebrauch und wie wählen die?
8.) Wie wirkt sich kontinuierliche Politik aus, die aufgrund eines vorher erarbeiteten Programms durchgezogen wird und daher auch Widerstände hervorruft? Was geschieht, wenn man nicht auf die lautesten Zurufe hört und ständig den Kurs wechselt, immer dorthin, wo am lautesten geschrien wird? Wird so etwas belohnt oder bestraft?
9.) Welche Partei wird von welcher Partei wie viele Stimmen abziehen und wie groß wird die Gruppe der NichtwählerInnen sein? Und von welcher Partei wenden sie sich stärker ab und von welcher weniger?
10.) Wie wirkt sich die Gemeindeebene aus, da die Wahlen ja zusammen abgehalten werden? Wie viele Menschen splitten hier ihre Stimme und wählen z.B. rot auf Gemeindeebene und grün auf Bezirksebene? Sind das mehr als das letzte Mal oder weniger?

Diese und noch viele weitere Fragen ergeben einen Cocktail der Unberechenbarkeit. Und selbst das Bauchgefühl ist keine verlässliche Informationsquelle, weil es erstens auf den eigenen Wahrnehmungen basiert – und die kommen aus der eigenen Zustimmungs- bzw. Ablehnungsblase -, und zweitens waren sich alle Beteiligten einig, dass sie in dieser speziellen Frage nicht einmal eins hätten, ein halbwegs brauchbares Bauchgefühl.

Also hieß es wieder abwarten und zittern. Der Wahlkampf war so ziemlich wie immer und begann früh, nämlich in Wahrheit ein Jahr vorher.
Seinen langen Schatten warf er schon beim Projekt zur Umgestaltung des Gersthofer Platzls voraus. Die anderen Parteien – bis auf die NEOS, die standhaft blieben – schwenkten alle um und stimmten gegen den Entwurf der Agendagruppe. Für die war das ein harter Schlag, denn sie hatten unglaublich viel Arbeit hineingesteckt, die Entwürfe etliche Male korrigiert, möglichst viele Interessen eingebaut – und dann das plötzliche Aus. Dass Rot und Türkis kurz vor der Wahl noch ähnliche Entwürfe als neu und von ihnen stammend präsentierten, machte die Sache für die Agendagruppe nicht lustiger.
Corona warf dann viele Pläne über den Haufen, unsere Strategie hatten wir aber schon ein Jahr vor der Wahl fertig und konnten glücklicherweise rechtzeitig viele Aktionen (Standln, Aussendungen, Gimmicks, mediale Auftritte etc.) planen und vorbereiten.

Die Stimmung bei den Wahlkampfstandln ist für mich ein wichtiger Indikator, vielleicht sogar der wichtigste, weil es nicht viele andere gibt. Es werden keine Umfragen gemacht und niemand weiß, wie viele Zufriedene oder Unzufriedene es wirklich gibt. Vor zwei Jahren, als die Grünen aus dem Nationalrat geflogen sind, war die Stimmung erkennbar mies. Ich habe das daran erkannt, dass ich höchst ungern in der grünen Jacke auf die Straße gegangen bin.

Diesmal war die Stimmung großteils gut, aber allen von uns fehlte das Bauchgefühl und den anderen Parteien erging es nicht anders, wie ich im Gespräch mit ihnen erfahren konnte. Der Bezirk war wie eine Blackbox, die sich nach der Wahl öffnen und ihren Inhalt preisgeben würde.
Also hofften wir, dass die vielen freundlichen PassantInnen, die uns „ich hab euch eh schon gewählt“ oder „ihr habt das im Bezirk super gemacht“ zuriefen, es auch so meinten. Wir wussten, dass es 50% Wahlkarten oder noch mehr geben wird. Wir wussten auch, dass es seit der letzten Wahl ca. 30% neue BürgerInnen in Währing gibt (in Neubau sind es 50%).

Was wir nicht wussten, ist die Anzahl der Menschen, die unsere Bezirkspolitik gut finden und uns wählen, auch wenn sie nicht sichtbar sind, weil sie sich über nichts beschweren. Die andere Gruppe ist viel sichtbarer und scheint größer zu sein. Und weil auch wir nachher viel gescheiter sind, wissen wir jetzt, dass diese Gruppe doch nicht so groß war und ist.

Dann kam der Sonntag. Die Anspannung stieg den ganzen Tag über, ich war wieder in einer Wahlkommission und somit auch bei der Auszählung. Ich wusste, dass wir alles vergessen könnten, wenn mein Sprengel nicht sehr grün ist. 2017 war er nicht mehr grün, 2019 schon, sowohl bei der Europawahl als auch bei der Nationalratswahl. Glücklicherweise war er es diesmal auch, was aber noch genau gar nichts aussagte, denn gewinnen oder verlieren würden wir es in Gersthof.

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BILD 1: Sprengel 17 – händische Ergebnisnotiz

Die Sprengelergebnisse sind noch aus einem weiteren Grund nicht sehr aussagekräftig: die Wahlkartenstimmen werden nicht mitgezählt, weil sie den Sprengeln nicht zugeordnet werden können. Bei 50% Wahlkarten liegt somit ein riesiger Unsicherheitsfaktor in den Sprengeln, der sich auch nicht beseitigen lässt und in jedem Fall größer ist als die möglichen und erwartbaren Prozentverschiebungen.
Die Hochrechnung ergab übrigens im Sprengel 17, dass nur die Grünen merkbar zulegen konnten.

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BILD 2: Sprengel 17, Ergebnis mit hochgerechneten Wahlkarten

Nach Wahlschluss und nach dem fertigen Auszählen begann das bange Warten, das mindestens bis Montag Nachmittag, vielleicht sogar bis Dienstag oder Mittwoch dauern würde.
Recht flott kam das Wien-Ergebnis, wenngleich ohne Wahlkarten, somit auch nur als Hochrechnung.
Ohne Wahlkarten lagen die Grünen da bei 12-13 Prozent, die Hochrechnung mit Wahlkarten prognostizierte bis zu 15%.

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BILD 3: Hochrechnung des Ergebnisses der Gemeinderatswahl

Das war eigentlich sehr erfreulich, wir würden auf jeden Fall über dem Ergebnis von 2015 liegen. Ich selbst hatte für mich entschieden, dass alles über 15% einem Wunder gleich käme, alles zwischen 12 und 15 ein gutes Ergebnis wäre und alles darunter eher ein Debakel.
Für den Bezirk bedeutete das mehr oder weniger gar nichts, war aber zumindest kein Zeichen für einen Absturz.
Da war mir der Erhalt der Bezirksvorstehung mit Abstand das wichtigste. Wir hatten 2015 in Währing 28,07% der Stimmen, jeder Gewinn über 30% wäre der Oberhammer. Unsere größten Phantasten träumten von 35% – für mich war das jenseits des Denkbaren.

Die erste Hochrechnung für den 18. Bezirk kam um 23:36 und war für uns mehr als nur toll.

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BILD 4: Hochrechnung des Ergebnisses der Bezirksvertretungswahl für Währing

Ich persönlich hatte damit erstens nicht gerechnet und zweitens konnte ich es auch nicht wirklich glauben. Zu falsch lagen die Hochrechnungen in der Vergangenheit, zu optimistisch für die Grünen, die dann am Schluss oft lange Gesichter machten, wenn die Prozente dann plötzlich deutlich nach unten kletterten.
Trotzdem war irgendwie klar: wir werden den Bezirk halten. Oder war das doch nicht so klar?
Spontan trafen sich einige von uns bei Robert in seinem Hof, der teilweise überdacht ist, um ein Glas Sekt zu trinken. Es regnete in Strömen und war eher kalt, aber wir hatten Freude daran uns ungläubig anzustarren und zu versuchen, an ein Wunder zu glauben.

Wissen würden wir es erst am nächsten Tag, da ja noch keine Wahlkarten ausgezählt waren. Der nächste Tag begann mit einer neuen Hochrechnung:

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BILD 5: Neue Hochrechnung in der Früh

Das sah sogar noch besser aus und schön langsam begann ich es zu glauben: Wir haben es geschafft. Wir haben den Bezirk gehalten und vielleicht sogar noch einiges dazugewonnen.
Doch noch hieß es warten, konkret bis wann auch immer. Wir hofften, dass es schon am Dienstag ein Ergebnis geben würde. Es lässt sich nämlich nicht voraussagen, wie lange die Wahlkartenauszählung dauert, da ein kleiner Fehler eine erneute Auszählung bewirken kann und das schiebt das Ergebnis dann gewaltig nach hinten.

Am Dienstag um 14 Uhr war es dann soweit:

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BILD 6: Endergebnis der Bezirksvertretungswahl

Das übertraf unsere kühnsten Erwartungen. Wir hatten ja alle pauschal für verrückt erklärt, die uns 35% prognostiziert hatten. Und jetzt waren es 38,7%.
Wir hatten uns von 12 auf 17 Mandate gesteigert, die SPÖ hatte 2 verloren und die ÖVP eines dazu gewonnen, obwohl sie nur 0,22% Steigerung und einen de-facto-Stimmenverlust hinnehmen musste.
Die NEOS waren gleich geblieben, für die FPÖ war es ein Debakel: von 5 auf 1 Mandat und kein Klubstatus mehr, d.h. sie würde in keinen Ausschüssen und Kommissionen dabei sein.

Erleichterung und Freude waren ungeheuer, da es keinen zweiten Sieger gibt. Wer auch nur eine Stimme hinten ist, verliert alles, nämlich die Bezirksvorstehung.
Wir hatten jetzt nicht mehr knappe 212 Stimmen Vorsprung wie 2015, sondern mehr als das Zehnfache.

Unser Sieg bedeutet für mich folgendes:
1.) Die Grünen bleiben in der Bezirksvorstehung und können gestalten.
2.) Je nachdem, ob die Grünen in der Stadtregierung bleiben, können wir auch größere, wenn sie rausfliegen, nur mehr kleine Projekte planen und umsetzen, da der Bezirk nur sehr wenig eigenes Budget hat. Sollte es rot-magenta werden, dann haben wir schlechte Karten, denn weder die SPÖ noch die NEOS haben ein Interesse grüne Bezirke in ihrer grünen (Umwelt)Politik zu stärken.
3.) Ich bleibe Nahversorgungsbeauftragter. Das ist zwar ein ehrenamtlicher Job, ich mache ihn aber trotzdem gerne.
4.) Es hat die Art von Politik gewonnen, für die ich stehe und für die die Grünen Währing stehen. Wir machen ein Programm, werden dafür gewählt und setzen dieses Programm dann auch um, so weit und so gut wir können. Die anderen Parteien haben im Wahlkampf die andere Variante gewählt, die wir aus der Ochlokratie (der „Herrschaft der Lauten“) kennen: Wer am lautesten schreit, bekommt Recht und für dessen Interessen tritt man ein. Das ist das exakte Gegenteil unseres Ansatzes. Gut zu beobachten war das bei der 42A-Diskussion. Die anderen Parteien sind sofort auf die laut Schreienden aus den beiden Gassen zugegangen und haben ausschließlich deren Interessen verfolgt, durchaus in der berechtigten Hoffnung, dass ihnen das Wählerstimmen bringt. Die Protestler waren plötzlich „die Währinger“ oder „ganz Gersthof“.
Die anderen Interessensgruppen – die BewohnerInnen des Schafbergs oder der Simonygasse (dort soll die noch ungeplante Alternativroute durchführen) oder die Wiener Linien, die für die Umsetzung zuständig sind, wurden nicht gehört oder als unwichtig eingestuft. Hätten sie auch gleich laut zu schreien begonnen, wäre das zum Problem geworden.
Das hat sich bei der Wahl gerächt, vor allem für die SPÖ, die den Grünen gleich mehrere (mediale) Hackln ins Kreuz gehaut hat. Sie haben im Bezirk zwei Mandate verloren und wurden dadurch zur schwächsten Bezirksgruppe von ganz Wien.
Die Grünen haben in den beiden Sprengeln, in denen es die Bürgerproteste samt Unterschriftsliste gab, natürlich verloren, im Gegenzug aber am Schafberg gewonnen, was in etwa auf ein Nullsummenspiel hinausgelaufen ist. Das war zwar so nicht geplant und wir konnten damit auch nicht rechnen, es ist aber höchst erfreulich.
Besonders ungläubig staunten wir übrigens bei einigen Cottage-Sprengeln, die von türkis auf grün gewechselt hatten. Das zu erklären wird schwierig.

Spannend ist auch die Statistik der Gesamtbevölkerung. Es leben ja in Wien jede Menge Menschen, die nicht wählen dürfen, weil das Wahlrecht an die Staatsbürgerschaft gebunden ist und nicht daran, wo der Lebensmittelpunkt ist. Das wäre deswegen fair (und die Grünen treten auch dafür ein), weil diese Menschen nicht nur hier Steuern zahlen, sondern von der Politik ja direkt betroffen sind.
So sieht quasi das „echte“ Ergebnis aus:

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BILD 7: Theoretische Aufteilung der Prozente

Da stellt sich natürlich die Frage, wie diese nicht Berechtigten wählen würden. Darauf gibt es leider keine Antwort, allerdings veranstaltet SOS Mitmensch jedes Mal eine „Pass egal-Wahl“, deren Ergebnis folgendermaßen aussieht:

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BILD 8: Ergebnis der Pass-egal-Wahl 2020

Das könnte also für die Grünen interessant sein. Warum die SPÖ hier weiter abblockt, ist mir ein Rätsel.

Ergänzung: Seit heute 27. Oktober wissen wir, dass die rot-grüne Koalition in Wien Geschichte ist. Michael Ludwig macht mit den NEOS weiter. Für uns im Bezirk ist das höchst unerfreulich, weil weder die SPÖ noch die NEOS haben den Umweltschutz oder die Klimakrise auf ihrer Agenda – zumindest nicht nach der Wahl.
Wir dürfen gespannt sein, was sich da entwickelt.

Der Gesundheitsweg für Autofahrer

Es gibt ihn wahrscheinlich schon seit den 1970er-Jahren und er war damals nicht der einzige. Zumindest drei oder vier kannte ich damals und fand es witzig, auf den Geräten herumzuturnen.

Heute ist er ein Anachronismus erster Ordnung und zeigt ein Gesellschaftsbild, das sich dringend weiterentwickeln muss.

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Bild: Der Gesundheitsweg für Autofahrer

Was ist das eigentlich, so ein „Gesundheitsweg für Autofahrer“? Konkret besteht er aus einem Weg im Wald, auf dem in kurzen Abständen Reckstangen und sonstige Geräte verteilt sind. Autofahrer sollen durch Schilder animiert werden diesen Weg zu gehen und die Geräte zu benützen. Scheinbar soll das ihrer Gesundheit dienen.
Aber wieso brauchen die das? Ich habe niemals einen Autofahrer gesehen, der das verwendet. Scheinbar sind nur Männer angesprochen, aber um das zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Zeit ihrer Entstehung machen, also nicht der Männer, nur der Gesundheitswege.
Zu dieser Zeit fuhren fast ausschließlich Männer die Autos. Frauen waren am Beifahrersitz (es gab keinen Beifahrerinnensitz, weil es keine Fahrerinnen gab) geduldet und hatten artig und ruhig den Fahrer zu unterstützen.
Die dazu gehörende Radiosendung hieß „Autofahrer unterwegs“ und erfreute sich extrem hoher Beliebtheit. Das Themen Feminismus und Gendern waren noch nicht erfunden oder steckten in den Kinderschuhen.
Männer waren die heldenhaften Bezwinger des Autos, diejenigen, die die Arbeit des Chauffierens erledigen mussten, weil Frauen das nicht können sollten und nur ausgesprochen selten ans Steuer durften, genau genommen nur dann, wenn sie alleine oder mit den Kindern fuhren.
Selbstverständlich gab es Ausnahmen, aber ihre Größenordnung können wir gut erahnen, wenn wir uns heute an eine belebte Straße stellen und anschauen, wie viele Männer immer noch am Steuer und wie viele Frauen am Beifahrersitz zu sehen sind.

Es war auch die Zeit der Ausflüge mit dem Auto, ein anderes Verkehrsmittel war nicht wirklich vorstellbar, mit der Bahn fuhren nur arme Leute und Spinner. Wer sich ein Auto leisten konnte, hatte eins.
Also fuhr man am Wochenende ins Grüne, hinaus aus der grauen Stadt, die unter anderem so grau war, weil dort die Luft vom Autoverkehr verpestet war. Man hatte sich einen Dreckverursacher gekauft, um damit dem Dreck davon zu fahren, den er verursachte.

Weit sind wir in der Entwicklung seither nicht gekommen, das Auto (besser: der eigene PKW) ist auch heute noch das Verkehrsmittel der ersten Wahl und wird nach wie vor benützt, um aus der Stadt ins Grüne zu fahren. Ein so ein Ort ist die Windischhütte, die man und frau auch problemlos im Zuge einer kleinen Wanderung erreichen kann, um sich erstens Appetit zur Einkehr in das dortige Gasthaus zu holen und zweitens wirklich etwas für die Gesundheit zu tun.

Der Gesundheitsweg ist eigentlich ein Krankmacher, denn er suggeriert, dass man gefälligst alles mit dem Auto fahren soll und dann hin und wieder ein paar Minuten an einer Reckstange baumeln. Was genau soll das bringen? Ein Dehnen der vom Fahren müden Glieder? Beseitigung von Verspannungen, wie sie nach einem ganzen Tag Autofahren auftreten, sicher aber nicht nach 30 Minuten Fahrt zur Windischhütte?
Ich vermute, dass diese Tafeln den Autofahrern signalisieren sollen, dass sie nur ja nicht auf die Idee kommen irgend einen Weg ohne das Auto zu machen. Ein Grund dafür könnte ja sein, dass man etwas für seine Gesundheit machen möchte und sich daher überlegt, zu Fuß zu gehen. Dann könnte man entdecken, wie schön und gesund Wanderungen sind – das gilt es auf jeden Fall zu unterbinden.
Daher die Botschaft: Fahr alles mit dem Auto und gehe hin und wieder so einen Gesundheitsweg.

Dass man dort maximal Kinder spielen sieht, mag vielleicht darauf hinweisen, dass die Autofahrer den Trick durchschauen. Oder dass es ihnen einfach egal ist.
Auf jeden Fall erinnert es mich an die Fitness-Center, zu denen die Fitnesshungrigen mit dem Auto hinfahren, dann mit dem Lift in den Stock des Centers, um sich dort wie verrückt auszupowern, nur um dann wieder in ihr Auto zu steigen.

Ich meine, es ist höchste Zeit, dass die Menschen im 21. Jahrhundert ankommen. Und dass die Gesundheitswege bald Geschichte sind.

Der Stabmixer

Er fehlt eigentlich in keiner Küche, ich brauche ihn meistens zum Marmelademachen. Als ich mir den Stabmixer kaufte, war ich frisch in die Wohnung eingezogen und legte damals noch wenig Aufmerksamkeit auf die mögliche Qualität von Küchengeräten. Ich kann mich an das Auswahlkriterium nicht erinnern, aber es wurde ein Braun Stabmixer.

Viele Jahre, fast Jahrzehnte verschwendete ich keinen Gedanken an das Gerät – es funktionierte einwandfrei und konnte genau das, was ich wollte.
Irgendwann vor ein paar Jahren brach dann unten ein Stück Plastik ab, aber ich konnte ihn weiter verwenden, die Funktion war gegeben.

Jetzt war es soweit – ein weiteres, großes Stück brach ab und bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass das Plastik generell schon rissig und brüchig ist. Jetzt erst fiel mir auf, wie lange ich das Ding schon verwendet habe – 28 Jahre. Das ist eine lange Zeit und zeigt, wie gut Braun damals die Stabmixer baute und welcher Wert auf Langzeitgebrauch gelegt wurde.

Also hab ich mir wieder einen Braun gekauft und witzigerweise hat er ein paar ähnliche Designelemente, Braun ist quasi der Linie treu geblieben, ich hoffe auch punkto Qualität und dass ich den neuen Stabmixer wieder 28 Jahre verwenden kann.
Der Preis lässt das leider nicht vermuten, der Mixer ist mit 19,90 Euro ausgesprochen billig.

braun.jpg

Bild: 2 Stabmixer von Braun, 28 Jahre Differenz

Ich hoffe, dass ich nicht bald wieder darüber berichten muss. Und jetzt gehe ich Marmelade kochen.