Das Regierungsprogramm – eine Analyse

Ich konnte mir bisher nur einen kleinen Teil vornehmen, aber das ist immerhin ein Anfang. (Und ich verstehe auch nicht von allen Teilen etwas)

Rechtssicherheit und Entlastung für Selbstständige und KMUs
(Seiten 95+96)

Anmerkung: Es fehlen zu den KMU (ohne „s“, das KMU ist bereits die Mehrzahl) noch die EPU, also die Ein-Personen-Unternehmen. Vielleicht wurde darauf auch nur in der Eile vergessen.
Legen wir los:

Das GmbH-Mindeststammkapital auf 10.000 Euro senken.

Ja, das erleichtert natürlich die Gründung. Es verleitet aber auch dazu eine Gesellschaftsform zu wählen, die sehr verlockend klingt, aber ihre Tücken hat (Vormänner-Solidarhaftung etwa – noch nie gehört? Eben.).

Evaluierung einer Verbesserung der sozialen Absicherung der Gruppe der Selbst- ständigen (ehem. SVA-Versicherte) im Rahmen der Zusammenführung der Träger SVA und SVB zu SVS

Das ist ein Platzhalter, der erst mit Inhalt gefüllt werden muss. Eine Evaluierung selbst bringt noch nix. Vor allem, weil die Zusammenführung gerade erst erfolgt und durchaus kritisch zu sehen ist. Könnte aber wichtig werden.

Regelmäßige und frühzeitige Informationsverpflichtung der SVS bzgl. der Nachbemessung nach dem 3. Jahr und bzgl. der freiwilligen Höherversicherung – „opt-in“ bzw. Verbesserung der Information zur freiwilligen Arbeitslosenversicherung

Das ist gut, denn es hilft vielen, die mit der eigenen Planung und Organisation ihres Unternehmens etwas überfordert sind. Die neigen dazu diesen wichtigen Punkt zu übersehen und dann besteht die Gefahr, dass eine nicht geplante Nachbemessung das Unternehmen gefährdet. Die Verbesserung der Info zur Arbeitslosenversicherung ist nett, ich halte davon aber generell nichts, weil sie sehr teuer ist.

Rechtssicherheit in der Abgrenzung von Selbstständigkeit und Dienstverhältnissen: Der Dienstnehmerbegriff soll im Sozialversicherungs- sowie Steuerrecht vereinheitlicht und klarer umschrieben werden, um Rechtssicherheit zu schaffen. Dabei ist sowohl auf die Privatautonomie (bzw. Entscheidungs- freiheit, „Recht auf Selbstständigkeit“) als auch auf Missbrauchsfälle im Bereich der Scheinselbstständigkeit ein besonderes Augenmerk zu legen. Hierbei sind im Besonderen die Mehrfachversicherung und damit in Zusammenhang stehende Probleme zu evaluieren.

Ein wichtiger Punkt, der durchaus grüne Handschrift trägt, vor allem, weil diese Details dem ÖVP-Wirtschaftsbund bisher einfach nicht wichtig waren. Da hat die Grüne Wirtschaft eine Marke gesetzt.
Es ist ein erster Schritt in eine gute Richtung, nämlich der Blick auf die Vielfalt von Arbeitsformen, die in Zukunft neue Modelle vor allem im Steuerrecht brauchen.

Evaluierung eines Modells, um die soziale Absicherung in der Startphase der Unternehmertätigkeit sicherzustellen

Wieder ein Platzhalter. Und sie hätten wenigstens „Unternehmerinnen“ auch berücksichtigen können. So viel Zeit wäre schon gewesen.
Zur Sache: Ja, das ist wichtig. Wir dürfen gespannt sein, was ihnen dazu einfällt.

Leichtere Absetzbarkeit von Arbeitszimmern: Die steuerliche Absetzbarkeit von Arbeitszimmern zuhause (anteilig am Gesamtwohnraum) soll ausgeweitet werden, indem analysiert wird, ob die Voraussetzungen „ausschließliche, berufliche Nutzung“ und „Mittelpunkt der Erwerbstätigkeit“ noch zeitgemäß sind bzw. wie diese Regelung vereinfacht und der heutigen Arbeitswelt angepasst werden kann. Eine Pauschalierung soll angestrebt werden.

Klingt nach einer Kleinigkeit, hat aber vielen UnternehmerInnen schon zahllose graue Haare und schlaflose Nächte beschert. Es zeigt vor allem, dass KleinunternehmerInnentum (grässliches Wort) einen Wert bekommt, den es vorher nicht hatte. Die Grüne Wirtschaft lässt grüßen.

Erhöhung der Freigrenze für geringwertige Wirtschaftsgüter (GWG) auf 1.000 Euro, mit Ziel einer weiteren Erhöhung auf 1.500 Euro für GWG mit besonderer Energieeffizienzklasse (mit minimalem bürokratischen Aufwand)

Auch nur eine „Kleinigkeit“, die sich aber summiert. Bis vor kurzem waren es 400 Euro, jetzt sind es 800, die 1000 sind ein typischer Kompromiss, in dem die Handschrift der Grünen erkennbar ist (grüne Geräte werden belohnt).

Vereinfachung ausgewählter sonstiger Bezüge (z.B. Vergleiche, Kündigungsentschädigungen etc.) mit dem Ziel, die Komplexität zu reduzieren. Daher soll durch eine einheitliche Besteuerung mittels pauschalen Steuersatzes eine Vereinfachung erreicht werden.

Darüber weiß ich zu wenig.

Modernisierung der Gewinnermittlung, z.B. die „Unternehmensgesetzbuch-Bilanz“ und die „Steuerbilanz“ sollen stärker zusammengeführt werden („Einheitsbilanz“) (u.a. abweichendes Wirtschaftsjahr für alle Bilanzierer, Harmonisierung der Firmenwertabschreibung)

Ein Stück Entbürokratisierung, durchaus zu begrüßen.

Förderung des Prinzips „Reparieren statt wegwerfen“ durch steuerliche oder andere Anreizmaßnahmen zur gleichzeitigen Stärkung von Gewerbe und Handwerk

Das öffnet möglicherweise die Büchse der Pandora: weg von der Wegwerfgesellschaft, hin zur Reparaturgesellschaft. Das ist eine rein grüne Forderung, die in dieser Variante natürlich noch nicht weh tut, aber möglicherweise eine Türe öffnet, die einen Paradigmenwechsel schmackhaft macht. Das gilt es jetzt voranzutreiben, mit Inhalten, Regeln und Leben zu füllen. Um zu zeigen, in welche Richtung das führt, darf ich ein Modell der Grätzlwirtschaft hernehmen:
Schritt 1: Die Dinge werden im Grätzl verkauft („Nahversorgung“ im engeren Sinn)
Schritt 2: Die Dinge werden im Grätzl produziert
Schritt 3: Die Dinge werden im Grätzl repariert und wiederverwertet

Mit dieser Maßnahme wird ein erster Schritt in diese Richtung gesetzt.

Erleichterungen für Betriebsübergaben:
o Unternehmensübergaben in der Familie sollen erleichtert werden.
o Weiters soll eine zweijährige „grace period“ eingeführt werden, in der nur die nötigsten betrieblichen Kontrollen durchgeführt werden und an deren Ende der Übertritt in das Regelregime stattfindet.

Als Spezialist für Betriebsübergaben freut mich das natürlich ganz besonders, wenngleich hier noch nicht klar ist, welche Erleichterungen es konkret sein werden. Aber allein der Fokus darauf ist brandneu – zumindest für die Türkisen.

Die Bundesregierung bekennt sich grundsätzlich zur Förderung der Weiterbildung der Unternehmerinnen und Unternehmer, vor allem EPU und KMU, durch steuerliche oder andere Maßnahmen.

Ja, ganz nett. Und gegendert – das erste Mal in diesem Kapitel.

Kleinunternehmer-Steuererklärungen vereinfachen: Besonders für Einnahmen-Ausgaben-Rechner sollen bürokratische Vereinfachungen durch intuitive Online- Eingabemasken ausgebaut werden („Steuer-App“).

Klingt nach einer Kleinigkeit, hat aber schon vielen Menschen die Selbständigkeit vermiest bzw. die Angst davor geschürt. Ob das „Allheilmittel App“ das Richtige ist, möchte ich aber bezweifeln. Die Steuererklärung vom Handy aus zu machen – na ja…

Die Bundesregierung bekennt sich zur Stärkung der Rolle von Frauen in der Unternehmerschaft und damit zu spezifischen Förderprogrammen in der Gründungssituation.

Da haben wir die ganze Chuzpe der ÖVP in einem Satz. Die Rolle der Frauen soll gestärkt werden und im gleichen Satz wird nur von Männern gesprochen („Unternehmerschaft“). Die Sache an sich ist okay, wenngleich ich vermute, dass genauso viele Männer diese Förderprogramme nötig hätten.

Einführung eines Qualifizierungsschecks für Wiedereinsteigerinnen und – einsteiger sowie Langzeitarbeitslose, damit Unternehmen punktgenau Schulungen und Fortbildungen finanzieren können.

Ist okay.

Die Bundesregierung bekennt sich zur Stärkung wirtschaftlicher Kooperationsmodelle in der Rechtsform der Genossenschaft. Wir wollen Genossenschaften als nachhaltige und krisenfeste Unternehmensform in den unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen stärken, um folgende Ziele zu erreichen:
• Unterstützung der kleinen und mittelständischen Unternehmen in den Regionen im Wettbewerb, z.B. durch gemeinsame Projekte der Digitalisierung
• Gründung und Etablierung von lokalen und nationalen Initiativen im Bereich des kooperativen Wirtschaftens und Sharing Economy als Alternative zu den Angeboten internationaler Konzerne
• Ausbau und Absicherung der kommunalen Infrastruktur in den ländlichen Regionen unter Einbeziehung von bürgerlichem Engagement
• Ausbau der Versorgungssicherheit für die Bürgerinnen und Bürger durch Kooperationen insbesondere im Bereich Gesundheit, Pflege und Energie.

Ganz zum Schluss der Knaller. Der grüne Knaller wohlgemerkt. Sharing Economy ist für brave ÖVP-ler mit Industriellenvereinigungsaffinität nahe dran an der Wirtschaftsapokalypse. Und die einzige Genossenschaft (wie links das schon klingt), die man gut findet, ist der Raiffeisenkonzern und der ist keine mehr – zumindest nicht in der Form, wie sie die Grünen bzw. die Grüne Wirtschaft fordern.
Wer noch Zweifel an der Grünen Handschrift hat – in diesem Kapitel ist sie unübersehbar.
„Alternativen zu internationalen Konzernen“ – da mussten wohl einige Türkise schwer schlucken, das ist eine klare Ansage gegen den Neoliberalismus.

All das muss natürlich noch mit Inhalten gefüllt und dann auch noch umgesetzt werden. Zu früh dürfen wir uns nicht freuen, aber es ist deutlich mehr, als ich mir hier erwartet hätte.

Was mir das Vespa-Fahren bedeutet

Jetzt habe ich schon zwei Bücher darüber geschrieben und trotzdem scheint es noch nicht genug zu sein.
Der Anlass für diese Zeilen sind die letzten drei oder vier Touren, die ich diesen Sommer gefahren bin. Ich werde versuchen in der Analyse noch ein wenig tiefer zu gehen als bisher. Und ich lasse mich überraschen, was dabei herauskommt.
Heuer dürfte es sowieso noch einmal spannend werden – die Elektrovespa wird fertig und verspricht weitere, neue und sehr interessante Fahreindrücke.
Aber vorerst einmal das schon Bekannte, Erforschte, Erlebte:

1.) Die magischen Orte

Vielleicht sind es einfach Orte, an denen ich mich wohl fühle, vielleicht ist es mehr. Um zu erkennen, welches Phänomen hier zu entdecken ist, habe ich versucht die Orte miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Meistens sind es Orte, die einen Weitblick erlauben, aber nicht immer. Das Gegenteil wären kleine, versteckte Höhlen, die ich beim Vespafahren aber selten finde. Am ehesten sind es schattige Plätze, die ich beim Wandern entdecke.
Mit der Vespa sind die Distanzen größer und die Orte kommen wie im Zeitraffer daher. Ich finde sie meistens, wenn ich einen Rastplatz suche. Oft ist es eine kleine Anhöhe, gerne am Waldrand, fast immer mit einer Bank, die vielleicht auch nicht zufällig genau dort hingestellt wurde.
Es sind niemals eintönige Orte und sie sind immer im Grünen, meist in der Nähe von Bäumen. Es sind Orte der Kulturlandschaft, oft mit Wiesen rundherum, an denen ich mich einfach gerne aufhalte.
Ich würde sie ohne Vespa nie finden, denn mit dem Auto komme ich maximal zufällig vorbei und habe dann auch nicht die Zeit um stehenzubleiben. Eventuell ginge es noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad, aber ich mache keine so langen Touren, zumindest derzeit nicht.

Wegen dieser Orte bevorzuge ich auch die Selbstversorgung beim Mittagessen. So bin ich unabhängig von Zeit und Ort und kann eine Pause machen, wann immer ich will.

2.) Die richtige Geschwindigkeit

Zu langsam ist öd, denn Geschwindigkeit macht Spaß. Zu schnell ist auch öd, weil dann geht es nur noch um Geschwindigkeit. Mit der Vespa schaffe ich die richtige Mischung. Wie das funktioniert, muss ich ein wenig näher erklären.
Die Vespas mit 125er-Motor sind für lange Touren zwar auch geeignet, mir aber ein wenig zu schwach. Mit 6-8 PS verhungerst du an jeder Steigung und um die ideale Geschwindigkeit fahren zu können, musst du den Gasgriff geradezu auswinden.
Als ideal empfinde ich einen leicht getuneten 200er. Im Originalzustand hat er 12 PS und geht am Tacho ca. 100 km/h. Das ist ausreichend für lange Touren.
Ein wenig stärker bedeutet in meinem Fall ein 221 ccm Polini-Aluzylinder, der nicht viel mehr Höchstgeschwindigkeit liefert, dafür aber viel Drehmoment von unten. Ich habe seit mehr als zehn Jahren verschiedene Motore getestet und dieser hat sich als die ideale Mischung herausgestellt. Er ist nicht so stark, dass er anfällig wird und zugleich sehr sparsam. Im Schnitt braucht er 4,3 Liter, womit ich sehr zufrieden bin.

Der eigentliche Trick ist die Art und Weise, wie er sich fahren lässt. Wenn ich auf der Ebene mit 80 dahinrollere, habe ich den Gasgriff knapp über Standgas. Der Motor spielt sich, dreht nicht allzu hoch und verbraucht deswegen wenig Sprit. Ich habe jederzeit eine Reserve und laut ist er auch nicht, weil er keinen Rennauspuff braucht, um seine Leistung zu bringen. Wenn der Vergaser gut eingestellt ist, riecht man zwar, dass ein Zweitakter vorbei fährt, es gibt jedoch keinerlei Rauchwolke.

Ein weiterer Vorteil ist die enorme Zuverlässigkeit des Alu-Zylinders. Er ist nicht auf Höchstleistung ausgelegt und ich fahre ihn jetzt seit über 15.000 Kilometern. Er springt fast immer auf den ersten Kick an und war niemals schuld an den kleinen Pannen, die ich in den letzten Jahren hatte.

Die ideale Geschwindigkeit ist immer und überall verschieden. Ich merke, dass ich sie fahre, wenn ich mich erstens sicher fühle und zweitens nicht auf den Tacho schaue. Es kommt vor, dass sich die richtige Geschwindigkeit einfach ergibt. Meine Hand wandert mit dem Gasgriff automatisch an die Stelle, an der sich die ideale Geschwindigkeit befindet. In den meisten Fällen ist das zwischen 70 und 90 am Tacho, was 65 bis 85 entspricht.

Bei dieser Geschwindigkeit habe ich nicht nur gute Chancen rechtzeitig zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes auftritt, ich bekomme auch mit, wo ich fahre.
Bei schnellen Motorrädern ist das nur sehr bedingt der Fall. Zu wichtig ist die Beherrschung der Geschwindigkeit und die Konzentration auf die Fahrbahn.
Mit der Vespa kann ich die Eindrücke rund um mich herum aufnehmen, wenngleich eine gewisse Konzentration natürlich auch notwendig ist.

3.) Die Technik

Ich kenne ja beide Welten sehr gut – sowohl die Puch Typhoon als auch die Gilera Fuoco und jetzt die Honda SH sind Automatikroller, wenngleich die Puch noch ein Zweitakter war und am ehesten Ähnlichkeiten mit alten Vespas hatte.
Und doch ist das Fahren eines historischen Schaltrollers eine ganz andere Angelegenheit. Seit 2017 sind übrigens alle Schaltroller historisch, da seitdem keine mehr erzeugt werden und somit auch nicht neu kaufbar sind. Bis dahin waren die LML Star und die Vespa PX aber sowieso seit vielen Jahren die einzigen die es noch gab, mit einem über vierzig Jahre alten Konzept.
Die 4-Gang-Handschaltung, die einseitige Schwinge vorne, der Zweitaktmotor mit Direktantrieb, die Blechkarosserie – in Summe ergibt das ein ganz eigenes Konzept von Fahrzeug, das über Jahrzehnte die Menschen beeinflusst hat, die damit gefahren sind bzw. heute noch fahren. Der Philosoph Günther Anders hat einmal gesagt, die Menschen übernehmen die Logik der Maschinen, die sie bedienen und das gilt auch für Fahrzeuge. Also: Wer mit dem Rad fährt, übernimmt die Logik des Fahrrads, z.B. was Geschwindigkeit betrifft oder Platzverbrauch und noch viele andere Dinge. Das Gleiche gilt für Menschen, wenn sie im Auto sitzen oder im Zug.
Sollte er Recht haben, dann gilt das auch für Motorroller und wohl ganz speziell für Vespas. Sie verlangen von ihren FahrerInnen einiges, was moderne Automatikroller nicht verlangen. Dazu gehört ein Mindestmaß an Gefühl für die Technik, auf der man sitzt. Es gehört aber auch die Art und Weise dazu, wie man mit der Straße umgeht, mit Kurven und Steigungen, mit Schlaglöchern und rutschiger Fahrbahn.
Mit der alten Vespa wird die Strecke anders erfahrbahr, irgendwie unmittelbarer, direkter, ich möchte fast sagen: lebendiger. Für die Motoren z.B. ist die Bewältigung einer langen Tour eine Herausforderung, auch wenn sie gut eingestellt sind. Einem modernen Automatikroller ist das weitgehend egal und somit wird es auch dem Fahrer bzw. der Fahrerin egal. Natürlich wollen Kurven mit jedem Fahrzeug richtig gefahren werden, aber es ist doch etwas ganz anderes.
Zu alldem gibt es dann noch eine Steigerungsstufe, nämlich wenn die Vespa frisiert ist, also einen stärkeren Motor hat. Bei mir sind das gerade mal 24ccm und ein Aluzylinder statt einem Grauguss. Dazu kommt aber noch ein anderer Vergaser und ein anderer Auspuff. Das alles verändert den gesamten Motor und zwar immer – egal wie gut man ihn aufbaut – in Richtung Labilität. Es gibt mehr Möglichkeiten wie etwas kaputt gehen kann und das passiert dann auch.
Dadurch bekommt genau der Technik-Aspekt noch mehr Bedeutung. Es ist zwar nicht so, dass ich bei jeder Ausfahrt bangen muss, ob ich auch wieder zurück komme, aber der Motor braucht einfach mehr Zuwendung. Es muss öfter etwas getauscht, neu eingestellt oder repariert werden. Und es kommt der Aspekt der Steigerung dazu: Wird der neue Aufbau des Motors halten? Wie gut bewährt er sich punkto Drehmoment, Fahrspaß oder Laufruhe?
Mit jeder kleinen Veränderung baut man auch eine Schwachstelle ein.
Das ist natürlich nicht beabsichtigt, denn kein Mensch bleibt gerne irgendwo im Nirgendwo mit einer Panne liegen und will sich überlegen müssen, wie er wieder nach Hause kommt und ob die Vespa noch da ist, wenn er sie abholt – am nächsten Tag oder wann auch immer man ein Fahrzeug organisieren kann.
Die Schwachstellen lassen sich aber nur bedingt vermeiden, allein schon wegen der Streuung in der Erzeugung der Teile. Da kauft man nicht immer Qualität und das zeigt sich dann nach ein paar Kilometern oder auch erst nach einem halben Jahr.

4.) Der Charme des Mangelhaften

Wenn man hängen bleibt, entwickelt sich die Tour ganz plötzlich zu einem Abenteuer. Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine interessante Panne. Es war kurz nach Pottenstein in einem Tal (die Anfahrt zum Hals, wer´s kennt), als der Motor plötzlich ausging. Bei alten Vespas ist das an und für sich nichts Besonders und bedeutet meistens nur, dass der Sprit auf Reserve gesprungen ist. Dann dreht man den Benzinhahn auf Reserve und fährt weiter. Meist geht das sogar noch während der Fahrt, wenn man schnell genug hinunter greift.
Diesmal war es anders. Ich war mit Stefano unterwegs und wir waren auf der 2-Corona-Tour, also meiner längsten Tagestour mit eher wenig Zeitreserve.
Das Tröstliche war, dass im Falle des endgültigen Liegenbleibens Stefano mit einem großen Automatikroller unterwegs war und mich problemlos hätte mitnehmen können.
Die Aussicht, die Vespa aber genau dort neben der Straße parken zu müssen – dort ist weit und breit kein Haus oder sonst was – war wenig prickelnd, also machten wir uns an die Fehlersuche.
Wir tauschten Zündkerze und schraubten den Vergaser auseinander, konnten aber nichts finden. Nach ca. 30 Minuten war ich schon kurz davor aufzugeben, als der Motor urplötzlich wieder ansprang und so tat, als wäre nichts gewesen.
In so einem Fall steigt man einfach auf und fährt weiter – das hab ich auf meiner Rom-Reise gelernt.
Das funktionierte auch diesmal, und zwar ca. eine Stunde lang. Dann war wieder Sense. Diesmal zückte ich jedoch meinen letzten Trumpf und montierte eine neue CDI – das ist die elektronische Zündbox mit Zündspule. So eine hab ich immer in Reserve mit und die lässt sich mit zwei Schrauben binnen weniger Minuten tauschen.
Damit war der Fehler gefunden und wir konnten die Tour an diesem Tag erfolgreich zu Ende fahren.

Wenn ich keine Reservebox mitgehabt hätte, wäre die Vespa gestanden. Ich hätte sie wahrscheinlich irgendwie zum nächsten bewohnten Ort geschoben und dort einen netten Menschen gesucht, bei dem ich sie für ein oder zwei Tage unterstellen hätte können. Das wäre nicht das erste Mal gewesen.

Solche und ähnliche Pannen verlangen Improvisationsfähigkeiten, hie und da ein wenig Chuzpe und noch einiges andere. Dafür lernt man immer wieder nette Menschen kennen und manchmal interessante Orte. In meinen Vespa-Büchern habe ich einige dieser Ereignisse genau beschrieben.
Man taucht bei solchen Gelegenheiten auch in eine längst vergangene Welt ein, als Fahrzeuge generell noch recht unzuverlässig waren und es auf Reisen und generell im Straßenverkehr zu deutlich mehr Begegnungen kam. Pass-Straßen mussten überwunden werden und lange Distanzen verlangten nach mehreren Etappen, während man heute von Wien bis Venedig auf der Autobahn durchfahren kann, im minimalen Fall mit einer einzigen Tankpause von wenigen Minuten.
Mit einer alten Vespa geht das nicht. Die Technik zwingt zu anderem Verhalten, letztlich zu einer anderen Sichtweise auf die Umgebung und auf die Welt im weitesten Sinn.
Durch die anfällige und mangelhafte Technik wird der Fahrer/die Fahrerin selbst auch anfällig und mangelhaft, aber auch reicher, vielfältiger, näher an der Welt. Reisen bekommt eine andere Bedeutung, Ziele sind verbunden mit dem manchmal recht beschwerlichen Weg dorthin.
Wer heute an´s Meer will, ist mit dem Auto, dem Flugzeug oder dem Schnellzug quasi im Handumdrehen dort. Das Meer ist das gleiche wie früher, aber der erste Anblick ist ein anderer, wenn man sich die Strecke, den Weg dorthin erarbeiten musste.
Die Technik einer alten Vespa verlacht die Bequemlichkeit und verlangt von ihrem Benützer eine entsprechende Anpassungsleistung. Wetter spielt auf einmal eine Rolle, Straßenbeschaffenheit auch und Zeit sowieso.
Ziele bekommt man nicht geschenkt, dafür fühlen sie sich dann, wenn man sie erreicht hat, wie ein Geschenk an.

Wenn du fluchend bei einsetzendem Regen oder hereinbrechender Dunkelheit oder beidem am Straßenrand stehst und die Autos an dir vorbei rasen, verfluchst du das ferne Ziel und wünscht dir die Bequemlichkeit herbei.
Wenn du aber dann die netten Motorradfahrer kennenlernst, die stehen geblieben sind und dich in den nächsten Ort mitnehmen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Mit einer alten Vespa tauscht du die Anonymität gegen die Begegnung, die Bequemlichkeit gegen das Abenteuer und die vorbeiziehende Landschaft gegen echte Orte.
Das ist etwas, was viele Menschen zum Vespafahren bringt und auch dort festhält.

Woher kommen wir?

Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit der Frage des Ursprungs der Menschheit. Nach einigem Hin und Her sind sich aber inzwischen alle WissenschafterInnen einig, dass unser Ursprung in Afrika ist. Wo genau, das ist noch nicht ganz klar und auch nicht, ob es parallele Entwicklungen des Homo sapiens gab.
Durch die moderne Genetik konnten jedoch einige Fragen geklärt werden: Es gab tatsächlich eine Urmutter, eine Art genetische Eva, von der alle modernen Menschen abstammen.
Da finde ich spannend und es wäre vor allem ein lustiger Ansatz für eine neue Religionsgründung, sofern man Religionen überhaupt für sinnvoll hält. Im Gegensatz zu den patriarchalen Monotheismen wäre das eine matriarchale Form, die sich aus der Vererbungslinearität ergibt.

Auf die ebenso wichtige Frage, wann und wie die Menschen Afrika verlassen haben, um dann zuerst Asien und später Europa zu besiedeln, gibt es ebenfalls neue Antworten: Es geschah vor ca. 100.000 Jahren, also vor ca. 4.000 Generationen. Eine Gruppe von wenigen hundert Menschen dürfte sich von Ostafrika hinauf in Richtung Israel aufgemacht haben. Dort fand man menschliche Knochen, die auf eine durchaus hohe Zivilisation hindeuten. Konkret dürften diese Menschen bereits eine Idee eines Lebens nach dem Tod gehabt haben, die Grabbeigaben lassen darauf schließen.

Vor 125.000 Jahren war die Sahara mehr oder weniger grün, es gab Flüsse und Seen, Vegetation und Wild, sie war also einfach durchquerbar, vor allem an den Rändern. Die Menschen konnten so durch Äthiopien ans Rote Meer gelangen und dort Richtung Norden wandern. Sie kamen dann nach Israel, das ist quasi eine uralte Geschichte einer Migrationsbewegung in ein gelobtes Land, die später dann wieder aufgegriffen wurde.

Wir wissen nicht, ob es eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis gibt und wie es funktioniert. Vielleicht kann auch hier die Genetik einmal Aufschluss geben, so weit sind wir aber noch nicht.
Interessant ist es allemal, dass eine so wichtige und große Geschichte wie die erste Migration des modernen Menschen genau an der Stelle auftaucht, wo sie 100.000 Jahre zuvor tatsächlich stattfand.
Welche Art von Wissen kann sich über tausende Generationen erhalten? Ich erlebe es manchmal, dass Freunde und Bekannte, die ich mit nach Ostafrika nehme, mir von einer seltsamen Regung erzählen. Sie empfinden ein flüchtiges Deja-vu, so als ob sie schon einmal dort gewesen wären.
Das ist nachweislich nicht der Fall, also woher kommt diese Wahrnehmung, die sicher keine klassische Erinnerung ist und sein kann?

Wir finden dort eine Landschaft, die dem Auge und dem Gemüt gut tut. Es ist eine Gegend mit sanften Hügeln, Ketten niedriger Berge (so genannte „Escarpments“), weite Graslandschaften, durchzogen von kleinen und größeren Bächen und Flüssen, an deren Rändern so genannte „Galeriewälder“ wachsen.
Es ist eine stark strukturierte Landschaft, die sehr friedlich und einladend wirkt. Das ist wohl kein Zufall, denn in solch einer Landschaft sind die modernen Menschen entstanden, beginnend mit dem homo australopithecus, der sich dann zum homo habilis und schließlich zum homo sapiens weiterentwickelt hat.
Eine Theorie besagt, dass es durch Klimaveränderungen einen Rückzug der riesigen Regenwälder gab und die Landschaft trockener wurde, bis sie so aussah, wie die heutige ostafrikanische Savanne. Am Übergang zwischen Wald und Savanne entwickelte sich der Mensch, mit seiner Fähigkeit aufrecht zu gehen, durch die unsere Wirbelsäule unter den Kopf rutschte (bei Primaten steht sie hinten raus) und dadurch die Mund- und Kehlkopfpartie frei wurde für die Entwicklung einer Sprache.
Dazu kam die Fingerfertigkeit, die mit Händen entwickelt werden konnte, die nicht mehr zur Fortbewegung nötig waren.

Haben wir eine Erinnerung an unser eigenes Entstehen? Haben wir sozusagen unsere Seinsbedingung in uns gespeichert? Diese Frage ist nicht nur für Evolutionsbiologen interessant, sondern auch für Philosophen.

Eine andere Theorie besagt übrigens, dass die Menschen, die nach Kleinasien gewandert sind, dort wieder ausstarben und dass andere Entdecker über die Straße von Bab al Mandab, also der engsten Stelle des Roten Meeres, übergesetzt haben. Die Distanz beträgt 30 Kilometer, ist also mit einem einigermaßen guten Boot machbar.
Vor ca. 70.000 Jahren war die Meerenge sogar nur ca. 11 Kilometer breit und die Menschen konnten so auf die arabische Halbinsel gelangen. Die dortige Küste war damals fruchtbar und sorgte somit für eine gute Basis um zu überleben. Eine frühe Hochkultur gab der Region, die wie ein großer Garten wirkte, einen Namen: Eden.

Unsere Zukunft und die Drake-Gleichung

Wir kümmern uns um Plastiksackerln und ob sie verboten werden sollten oder nicht. Und natürlich um Parkplätze für unsere Autos. Das sind zwar auch interessante Fragen, aber wenn wir uns eine oder mehrere Stufen höher begeben, tauchen andere, noch wichtigere auf.

Die Astrophysiker etwa haben das schon 1961 getan und ein junger Physiker namens Frank Drake hat daraufhin die „Drake-Gleichung“ erstellt:

N = R x fp x ne x fl x fi x fc x L

Diese Gleichung soll helfen auszurechnen, wie hoch die Anzahl außerirdischer intelligenter Lebensformen ist, mit denen wir in Kontakt treten könnten.

Die Gleichung liest sich wie folgt:
„N“ ist die auszurechnende Zahl
„R“ ist die mittlere Sternentstehungsrate pro Jahr in unserer Galaxis
„fP“ ist der Anteil an Sternen mit mindestens einem Planeten
„ne“ ist die Anzahl der Planeten innerhalb der habitablen Zone
„fI“ ist der Anteil an Planeten, auf denen sich Leben entwickelt hat
„fi“ ist der Anteil an Planeten mit intelligentem Leben
„fc“ ist der Anteil an Planeten, auf denen intelligentes Leben mit uns in Kontakt treten kann und will
„L“ ist die Zeitdauer des Überlebens solcher Lebensformen

Am spannendsten ist für uns der Faktor „L“, denn er betrifft uns direkt.
Damals, im Jahr 1962, war die Gefahr eines atomaren Weltkrieges die größte, die „L“ beeinflussen konnte. Heute ist es wohl die Klimakrise, in der wir gerade stecken. Sofern wir bereit sind, uns auf die Ebene zu begeben, die Zukunft jenseits von Plastiksackerln und Parkplätzen zu betrachten, stoßen wir wohl zwangsläufig auf dieses „L“ als unbekannten Faktor.

Auf der Suche nach außerirdischem Leben ist er deswegen so interessant, weil die Wahrscheinlichkeit Kontakt aufzunehmen, stark von der Lebensdauer anderer intelligenter Lebensformen abhängt. Es kann durchaus sein, dass wir einen Planeten entdecken, auf dem es so etwas gab, aber eben nicht mehr gibt. Und das gilt natürlich auch umgekehrt, also wenn wir von Außerirdischen entdeckt werden, selbst aber bereits ausgestorben sind.

Vielleicht sollten wir uns darum kümmern, unseren Planeten nicht so zu zerstören, dass wir selbst darauf nicht mehr leben können. Das liegt nämlich in unserer Hand, wir haben die Wahl. Wir können das als Chance sehen oder einfach so weiter tun wie bisher und die eigene Bequemlichkeit über alles stellen.

Es gibt wichtigere Dinge als den Griff zu den Sternen, aber auch der wird nur möglich sein, wenn unsere Zivilisation so lange existiert, dass wir überhaupt die Zeit dazu haben.

Quelle: TV-Doku „Leben im All“, gesendet auf Arte am 18. August 2019

Überfluss

Neulich, bei mir um´s Eck, gehe ich an einem Erdgeschoßfenster vorbei und sehe am Fensterbrett ein halb gegessenes Kabab liegen.

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Bild: Essen am Fenster

Das ist für sich jetzt noch kein besonderes Ereignis und auch nicht sehr berichtenswert. Ich möchte trotzdem ein paar Gedanken dazu loswerden.

Irgendwo in der Nähe gibt es ein Kebabstandl, bei dem sich jemand eine Portion gekauft hat, das lässt sich auch ohne detektivische Fähigkeiten feststellen. Nach dem Verzehr der Hälfte hat diese Person den Rest auf das Fensterbrett gelegt und ist weggegangen. Vielleicht war er oder sie nicht mehr hungrig oder es ist etwas eingetreten – ein Anruf, der sofortiges Hinlegen des Kebabs und ebenso sofortiges Davoneilen notwendig gemacht hat. Vielleicht war nicht mehr die Zeit um den nächsten Mistkübel zu suchen. In Tatort-Fernsehkrimis gibt es solche Szenen.

Wahrscheinlicher ist, dass die Augen größer waren als der Magen – das kommt vor, auch bei mir. Und dass es dem Esser schlicht und einfach egal war, wohin der Rest seines Essens gelangt. Irgendjemand wird die Reste schon wegräumen. Es war ihm oder ihr vielleicht genauso egal wie die Größe der Portion egal war.
Mich erinnert das an die Malediven (im Reisebericht findet sich eine ausführlichere Analyse), wo sich die Menschen im Paradies wähnen. Dort ist Verschwendung Teil des umfassenden Luxuslebens, in dem man nicht verantwortlich ist für sein eigenes Verhalten und tun und lassen kann, was man will.
Auch im Kebab-Fall orte ich kein besonders hohes Verantwortungsbewusstsein, weder gegenüber der Nahrung noch der Umwelt. Verständlich wird das nur durch die Überflussgesellschaft. Wenn wir uns das Wort genauer ansehen, wird die eigentliche Bedeutung klar: Etwas fließt über. Das, was über den Rand fließt, wird nicht nur nicht gebraucht, es ist zu viel und im Idealfall verschwindet es möglichst schnell. Das Überfließende ist aber nicht nur störend, wenn es nicht von alleine verschwindet, sondern auch nützlich, nämlich als Zeichen, dass man mehr hat als man braucht und sogar mehr, als man verwenden, verbrauchen, konsumieren kann. Sparen ist kontraproduktiv, niemand würde das Überfließende wieder zurück in den Behälter leeren, da es ein sofortiges nochmaliges Überfließen zur Folge hätte.

Die Menschen waren fast die gesamte Evolutionsgeschichte lang Mangelwesen. Es gab zwar temporären Überfluss, etwa wenn ein großes Tier erfolgreich gejagt war oder im Spätsommer Früchte ohne Ende zur Verfügung standen, tendenziell gab es aber fast immer Grund zur Sorge.
Andauernder Überfluss muss für die Menschen eine nahezu unwiderstehliche Verlockung gewesen sein: immer warm, immer satt – das ist vor allem dann das Paradies, wenn man selbst nicht dafür sorgen muss.

Es ist wahrscheinlich, dass unser Kebab-Zurücklasser weder das Aluminium für die Folie selbst im Bergwerk abgebaut oder im Aluminiumwerk gewalzt hat, noch das Schwein oder Huhn geschlachtet oder den Weizen für die Flade selbst angebaut hat.
Er oder sie hat es gerade mal gekauft und selbst dieser Vorgang dürfte schnell und ohne große Anstrengung vonstatten gegangen sein. Es ist fast wie gefüttert werden. Dazu ist so ein Kebab auch noch sehr billig, d.h. es ist auch fast kein anderer Aufwand notwendig, um sich so ein Kebab kaufen zu können.
Wegwerfen steht nicht nur nicht unter Strafe, es ist ein gesellschaftlich gewollter Vorgang, der auch noch reich belohnt wird, nämlich durch die Freude auf das nächste Kauferlebnis. Wegwerfen hat sich zur Norm entwickelt, wenngleich die gesellschaftliche Forderung sehr wohl dahin geht, dass ordentlich weggeworfen wird. Das Kebab hätte also mindestens im Mülleimer landen müssen.
Aber selbst das ist nur empfohlen, da die Nichtbeachtung keine echten Folgen hat. Wie viel Prozent aller Zigarettenkippen werden – außer vielleicht daheim – einfach in die Gegend geschnippt?
Die Umgebung wirkt wie ein riesiger Wunscherfüllungsraum, in dem ich in bestimmter Hinsicht tun und lassen kann, was ich will.
Wenn wir uns ein wenig zurückerinnern, dann war das nicht immer so. Meine Großmutter hat mir noch beigebracht, dass man Essen nicht wegwirft. Mehr nehmen oder kaufen, als man braucht, ist ein Fehler, sozusagen eine Sünde, die man tunlichst nicht begehen sollte.

Diese kulturelle Norm ist heute fast gänzlich verschwunden und das ist nicht nur eine Frage der Bildung. Wir brüsten uns mit dem Überfluss, protzen damit in die ganze Welt hinaus und wundern uns dann, wenn andere Menschen, die diesen Überfluss nicht haben, zu uns kommen. Ich erinnere: Das Überfließende ist unbrauchbar und wir können froh sein, wenn es schnell verschwindet ohne uns Aufwand zu machen. Trotzdem geben wir es nicht gerne her.
In der Kapitalismustheorie nennt man das den Trickle-Down-Effekt: Wenn die Reichen so reich sind, dass ihnen etwas über den Tischrand fällt und sie es aufgrund ihrer Trägheit oder aus anderen Gründen nicht mehr halten können, dann profitieren die Armen davon, die unter dem Tisch leben. Das sind übrigens nicht einmal mehr Almosen, weil die werden noch gegeben. Das, was über den Tischrand fällt, tut dies quasi ungewollt und konnte nur nicht daran gehindert werden.
Die Armen erhalten es quasi durch Zufall und haben darauf auch kein Recht. Und wehe, sie greifen auf den Tisch hinauf. Das ist so streng verboten, dass Eigentumsdelikte in unserem Strafsystem oft härter bestraft werden als solche, die an Leib und Leben gehen.

Interessanterweise lehnen sich die Armen nicht gegen dieses System auf. Das dürfte mehrere Gründe haben:
1.) Es fällt ausreichend viel runter und das, was runterfällt, macht träge und gleichgültig. („Gib dem Österreicher ein Schnitzerl, ein Glaserl, ein Auto, ein Handy und einen Fernseher und er wird immer die Pappn halten, egal was du tust.“ – das ist ein Zitat von mir)
2.) Kommt doch einmal Ärger auf, dann wird er umgelenkt auf die noch Ärmeren. („Schau, da ist ein Ausländer, der will dir was wegnehmen. Ich beschütze dich vor ihm.“)
3.) Viele werden in dem Glauben gehalten, dass sie irgendwann oben am Tisch sitzen werden und bleiben selbst auch gern in diesem Glauben.
4.) Man gibt den Menschen das Gefühl, dass sie das Heruntergefallene selbst verdient und daher ein Recht auf uneingeschränkten Dauerluxus hätten. („Unser Geld für unsere Leut“.)

Wie geht es weiter?
In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. Vielleicht an Weisheit und ähnlichen immateriellen Gütern, nicht aber an Materie, an Dingen. Der Überfluss hat also irgendwann ein Ende, spätestens wenn alle davon profitieren wollen.
Derzeit sieht es so aus, als würde uns die Erde selbst eine Grenze setzen. Es wird spannend, ob wir diese akzeptieren oder versuchen uns darüber hinweg zu setzen. Diese Entscheidung wird dafür ausschlaggebend sein, ob wir nur unseren Überfluss abbauen müssen oder durch ein dunkles Zeitalter durch müssen.
Mahatma Gandhi hat gesagt: Es gibt auf dieser Welt genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.
Ich bin gespannt, ob die Menschen auf Gandhi hören werden.