Und nach Corona?

Vor weit über hundert Jahren hatte die damals noch junge Firma Dupont eine Sprengstofffabrik, in der es häufig Unfälle gab, mit Toten und Verletzten. Man bekam dieses Problem erst in den Griff, als man die Vorarbeiter samt ihren Familien mitten in der Fabrik ansiedelte. Danach sanken Anzahl und Schwere der Unfälle drastisch.

Wir haben es hier mit einem Widerspruch zwischen Chance und Risiko zu tun. Die Chance bestand darin, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Gewinn zu erzielen, das Risiko in den Unfällen.
Die Vorarbeiter waren für den Arbeitsablauf verantwortlich, mussten die Risiken aber nicht oder fast nicht mittragen. Erst als ihre Familien Teil des Risikos wurden, waren sie bereit auf einen Teil des Gewinns zu verzichten und Sicherheitsmaßnahmen einzuführen, die letztlich dazu führten, dass die Firma Dupont ein relevanter Player in der Sicherheitstechnikbranche wurde.

Was hat das mit Corona zu tun?
Menschen fühlen Risiken nicht, wenn sie davon nicht selbst betroffen sind und sind daher auch nicht bereit, diese Risiken mit eigenem Aufwand zu minimieren. Und sie sind auch selten bereit ihr Handeln zu verändern, wenn die Beibehaltung keine Konsequenzen mit sich zieht. Wenn ein Manager oder eine Managerin eine Firma an die Wand fährt und dafür auch noch einen Bonus bekommt, wird er/sie daraus maximal lernen, es das nächste Mal wieder so zu machen.

Corona zeigt uns jetzt die eigene Beteiligung, indem klar wird, dass wir es sind, die die Viren verbreiten, und zwar durch unsere Ansprüche an die Globalisierung. Zugleich wollen wir unsere Gewohnheiten, vor allem aber Luxus und Bequemlichkeit nicht einschränken. Jemand hat im Internet geschrieben, dass Corona uns in Hausarrest schickt, wie Kinder, die darüber nachdenken sollen, was sie falsch gemacht haben.
Luxus war ursprünglich das Besondere, das seinen Reiz durch den Mangel in der Normalität bekam. Das Zeichen war der Preis. Heute haben wir den Anspruch auf billigen Luxus für alle, mindestens aber für uns selbst.
Dass das nicht lange gut gehen kann, zeigt das alte Handwerkerbeispiel: Der ideale Handwerker soll schnell, günstig und gut sein. Dummerweise gibt es diesen Handwerker nicht – wer schnell und günstig ist, liefert meistens qualitativen Pfusch ab. Wer schnell und gut ist, hat seinen Preis und wer günstig und gut ist, braucht dafür ewig.
Corona deckt unseren Egoismus auf, getarnt als gesellschaftlich hoher Wert des Individualismus, gefördert durch die neoliberale Ideologie des Rechts des Stärkeren. Begründet wird das mantrahaft damit, dass es „der Markt verlangt“ und es daher so etwas die ein Gesetz wäre. Gerne sprechen die Vertreter dieser Ideologie auch vom „Gesetz des freien Marktes“.

Zugleich sind wir mit einer ganzen Reihe an Überhitzungen konfrontiert. Vielleicht ist es auch kein Zufall, jedenfalls aber eine Ironie des Schicksals, dass uns die Erde dafür Überhitzung liefert, deren Folgen wir nicht entkommen, auch wenn wir wollen.

Das betrifft vor allem zwei Bereiche: Reisen und Warenproduktion.

1.) Reisen

Sehr viele Menschen finden es „cool“ übers Wochenende nach London, Paris oder Mailand zu fliegen, oder eine Woche nach Dubai, drei Wochen nach Australien oder zum Meeting nach Berlin, New York oder sogar Peking.
Wir (mich nicht ausgenommen) haben uns daran gewöhnt, dass Reisen – genauer: Flugreisen – zu unserem Leben, unserer Kultur, unserem Standard, ja sogar Mindeststandard gehören. Jegliche Einschränkung dieser „Freiheit“ wird als unnötige Schikane empfunden, bei der uns jemand Freiheit wegnehmen will. Da werden sofort niedere Motive unterstellt, ähnlich wie bei der Parkraumbewirtschaftung („Abzocke“) und wir empfinden es als ungerecht, vielleicht auch, weil uns die Werbung seit Jahrzehnten suggeriert, dass wir alles verdienen, was es auf dieser Welt an Luxus und Freuden gibt.
Entscheidend ist jedoch, dass diese Einschränkungen sogar empfunden werden, wenn die Preise für den Luxus steigen, denn erstens empfinden wir diese Freiheiten nicht mehr als Luxus, sondern als Normalzustand und zweitens gewöhnen wir uns an die niedrigen Preise und empfinden sie ebenfalls als normal.
Sobald sie dann steigen, sind sie logischerweise abnormal und das soll, darf, kann nicht sein. Bei der Suche nach Schuldigen ist schnell wer gefunden, aber auch bei der Suche nach der Rettung ist der Messias nicht weit: der „freie Markt“ – er soll garantieren, dass jeder Mensch das angesprochene Recht auf uneingeschränkten Luxus jederzeit und überall und ohne irgendwelche negativen Konsequenzen ausüben kann.
Eine Einschränkung – welcher Art auch immer – wird als Angriff auf die eigenen Rechte empfunden und man behält sich rechtliche Maßnahmen vor.
Wenn also im Urlaubsort das Hotel nicht ganz den Erwartungen entspricht, wird eine Klage überlegt. Wenn der Flug sich um eine Stunde verspätet, ist das Grund zu grenzenloser Empörung.
Das Problem liegt darin, dass wir uns sehr schnell an Normalitäten gewöhnen, wenn sie auf dem Weg der Bequemlichkeit erreicht werden, uns aber sehr schwer tun mit neuen Normalitäten, die aus Einschränkungen entstehen.
Wir glauben an ein Recht der ständigen Verbesserung unserer Bequemlichkeit, zu der Luxus und unendlicher Konsum zählen. Die Auswirkungen des alten Werbespruchs „ich will alles, und das jetzt gleich“ sehen wir an Entwicklungen, die von einiger Distanz aus betrachtet nichts weniger als pervers erscheinen. Dazu gehören Kreuzfahrten, moderne Skigebiete mit Kunstschnee, Gletscherskilauf im Sommer, Wellness-Oasen auf Bergspitzen und noch vieles mehr.
Die Spitze des Eisbergs stellt sicher die Skihalle in Dubai dar, aber auch die Ressorts auf den Malediven bemühen sich sehr um maximalen ökologischen Fußabdruck. Hier wird die Überhitzung einer ursprünglich begrüßenswerten Entwicklung sehr deutlich, denn Tourismus selbst entstand aus dem Entdeckungsdrang der Menschen.

Den Preis dafür zahlen Angestellte in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen und natürlich die Umwelt. Den genussgewohnten Konsument*innen wird das jedoch tunlichst nicht unter die Nase gerieben und wenn, dann tritt obiger Mechanismus in Kraft und Empörung macht sich breit, man redet von einer „Verbotskultur“ und fühlt sich total im Recht.

Und jetzt ist auf einmal alles anders. Natürlich versuchen wir die Bequemlichkeit und Normalität zu retten, aber das wird jeden Tag schwieriger. Zu Beginn des Lockdowns im Frühling 2020 fühlten sich viele Menschen daheim wohl. Das hat sich im Laufe der Pandemie geändert.

2.) Warenproduktion

Lange Gesichter gibt es dort, wo Medikamente auf einmal nicht mehr vorhanden sind und Apotheker oder Arzt nur bedauernd den Kopf schütteln und meinen, sie wüssten auch nicht, wann das wieder lieferbar sein wird.
Der Großteil der Medikamente kommt nämlich aus China und wurde im Lockdown nicht oder verspätet geliefert. Dummerweise haben einige Pharmafirmen stets damit geprahlt, dass sie hier bei uns produzieren. Nur hat das halt nicht gestimmt.
Noch sind die meisten Warenlager voll, noch gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt, wenngleich die meisten Geschäfte geschlossen haben. Noch tut das nicht weh, denn wir kaufen es halt, wenn sie wieder offen haben oder kaufen online, was ja sehr bequem ist.
Noch ist überhaupt nicht klar, wie viele Unternehmen es danach überhaupt noch gibt, der Sommer 2021 wird das wahrscheinlich deutlich machen, vielleicht noch stärker der Herbst. Das Problem liegt unter anderem daran, dass bisher schon sehr viele Unternehmen am Limit gewirtschaftet haben bzw. wirtschaften mussten, weil sie „der Markt“ dazu zwingt. Kredite konnten nur mit guten Umsätzen bedient werden, jeder kleine Umsatzeinbruch ist da und dort schon ein Insolvenzgrund.
Das „Leben am Limit“ zieht sich quer durch alle Bereiche. Angestellte haben oft keine Rücklagen, dafür aber zwei Jobs. Unternehmen haben oft ebenfalls keine Rücklagen und müssen dann genau die Angestellten hinausschmeißen, die zwei Jobs haben und brauchen, von denen jetzt einer wegfällt.
Daraus entsteht im schlimmsten Fall eine Abwärtsspirale, die sich nur schwer aufhalten lässt, bevor wir alle ganz unten angekommen sind, zumindest sofern nichts oder das Falsche unternommen wird.

Die Überhitzung zeigt sich sehr gut im Überfluss, der durch die Warenüberproduktion entstand. Wir haben uns daran gewöhnt, in einer Wegwerfgesellschaft zu leben und verteidigen diese meist mit dem Argument, dass es erstens keine Alternative gäbe und wir zweitens ja nicht zurück in die Steinzeit wollen.
In zwei Bereichen zeigt sich das besonders gut: Wir werfen Lebensmittel weg, die vollkommen in Ordnung sind, weil ihr Wert verloren gegangen ist. Etwas, das stets überall im Überfluss zur Verfügung steht und relativ wenig kostet, verliert automatisch seinen Wert. Und wir werfen Kleidung oft weg ohne dass sie auch nur ein einziges Mal getragen wurde. Dieser Trend nennt sich „Fast shopping“ und wird seitens der Industrie auf vielfältige Weise unterstützt. Es gibt z.B. nicht mehr eine Frühjahrs- und eine Herbstmode, sondern monatlich wechselnde Kollektionen, teilweise sogar bereits wöchentlich.

Was ist das für ein System, das jetzt blitzschnell an seine Grenzen zu kommen scheint? Und was passiert danach?
Im Idealfall lernen wir daraus und ändern unser System, das sich in so einer Situation als – teilweise – fehlerhaft herausstellt, weil es an Resilienz fehlt.
Das betrifft z.B. folgende Bereiche:

Abhängigkeit durch die Globalisierung

Der Großteil unseres Wohlstands bzw. der Ressourcen, die wir dafür brauchen, ist importiert. Das betrifft die Energie, die Rohstoffe, aber auch die fertigen Waren, die zum Großteil woanders erzeugt werden, weil das billiger ist. Bisher – und das ist für eine spätkapitalistische Gesellschaft sicher typisch und in diesem Sinne auch ganz normal – ging es ausschließlich um den Preis.
Das betrifft auch in vollem Umfang unser Gesundheitssystem. Als meine Mutter starke Schmerzen im Bein hatte, wurde eine Hüftoperation fällig. Der Arzt meinte, ein Termin würde 4-6 Monate dauern. Wenn sie es selbst zahlt, ist sie nächste Woche dran.
Wer genügend Geld hat, kann sich gute Versorgung leisten. Die anderen haben Pech gehabt bzw. nicht genug geleistet, wobei als Leistung nur zählt, was mit Geld entlohnt wird, also die Erwerbsarbeit.

Glücklicherweise sind wir noch nicht ganz dort angelangt, auch wenn die neoliberalen Kräfte das versuchen durchzusetzen. Dazu gehört auch die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Wasser. Wie damit umgegangen wird, ist eine politische Entscheidung, genauso wie die 2-Klassen-Medizin. Die Commons-Bewegung hat an dieser Stelle die Forderung nach vier Bereichen erstellt, die vergemeinschaftet werden sollten: Boden, Arbeit, Geld und Wissen. (Für die genaue Aufarbeitung dieses Themas braucht es einen eigenen Beitrag.)

Zurück zur Globalisierung. Die ausschließlich profitorientierte Wirtschaft sucht sich immer den Ort, an dem die Kosten am niedrigsten sind und so geraten die einzelnen Länder, Kontinente und Regionen in Wettbewerb: Wer bietet die niedrigsten Kosten? Dabei sind zwei Faktoren ausschlaggebend: Die Lohnkosten und die Kosten für den Umweltschutz. Wer also die Ausbeutung von Mensch und Umwelt zulässt, gewinnt.
Damit diese Globalisierung der Märkte auch funktioniert, müssen die Transportkosten weltweit niedrig gehalten werden. Das hat etwa zu den ersten großen Öltankerkatastrophen geführt, weil die Tanker aus Kostengründen einwandig gebaut wurden. Bis heute hat sich nicht viel geändert, die Frachter fahren mit dem billigsten Treibstoff, den es weltweit gibt. Der ist deswegen so billig, weil keinerlei Umweltkosten eingepreist sind. D.h. wer mit Schweröl fährt, vergiftet die Umwelt, ohne dafür bezahlen zu müssen.
Es gibt für die internationale Seefahrt keinerlei Beschränkungen (der berühmte „freie Markt“) und daher ein Maximum an Umweltverschmutzung, weil ja jeder die billigste Variante wählt. Derzeit sieht es so aus, als ob das auch noch lange so bleiben wird.

Was wir also lernen können, wenn wir wollen:
1.) Wie wichtig Gesundheit für ein gutes Leben ist und dass es dafür ein leistungsfähiges System braucht, das auch was kostet.
2.) Egoismus funktioniert nur kurzfristig.
3.) Lokale bzw. regionale Produktion aller lebenswichtigen Güter ist sinnvoll.
4.) Entschleunigung schadet nicht.

Kommen wir zu den Lösungsansätzen einer PVÖ, einer „Post-Virus-Ökonomie“.
Über diesen Begriff wurde viel diskutiert, etwa weil man für ein positives Bild nicht so negative Begriffe wie „Virus“ verwenden sollte. Letztlich überwiegt aber ein Argument, nämlich dass der Begriff sofortige Klarheit schaffen soll, worum es geht.

Neudefinition des Glücks

Derzeit gibt es in unserer Gesellschaft einen dominanten Glücksbegriff, nämlich den des Konsumglücks. Je mehr ich kaufe und je mehr ich besitze, desto glücklicher bin ich.
In der Glücksforschung stellt sich das differenzierter dar, nach Herbert Laszlo gibt es drei Formen von Glück:
a.) Der Zustand innerer Zufriedenheit, ähnlich dem altgriechischen Begriff der „Eudaimonia“.
b.) Emotionale Glücksmomente, etwa wenn die Mutter ihr Baby lachen sieht.
c.) Fortuna, also das Glück etwa im Spiel.

In der Überhitzung unserer Konsumglücksgesellschaft, in der wir vor allem „Keep it up with the Jones“ spielen, erreichen wir maximal den kurzen Adrenalinausstoß, den uns ein Kauferlebnis bringt, angeblich ganze sieben Sekunden lang. Dann brauchen wir das nächste Erlebnis – das ist übrigens einer der Motoren des „Fast Shoppings“.
Ach ja: „Keep it up with the Jones“ ist ein US-amerikanischer Begriff. Die Familie Jones sind die Nachbarn, deren Konsum ich nacheifere und ständig glaube übertreffen zu müssen. Wenn Herr Jones ein neues Auto hat, brauche ich auch eins, am besten ein größeres, schöneres als er. Herr Jones sieht das übrigens genauso und Frau Jones ebenfalls.

Wie könnte ein moderner Glücksbegriff aussehen?
Jedenfalls kommt Eudaimonia wieder ins Spiel und führt zu einer Neugestaltung unserer Zeit. Derzeit verwenden und leben wir von den beiden Zeitbegriffen der alten Griechen nur einen einzigen, nämlich „Chronos“, die Quantität der Zeit. Alles wird in Monate, Tage, Stunden, Sekunden eingeteilt und treibt uns vor uns her. Gemessen wird mit Chronometern.
Der andere Begriff ist der des „Kairos“, was so viel bedeutet wie „der richtige Augenblick“. Es handelt sich hier um die Qualität der Zeit, also um den Genuss des Hier und Jetzt.
Statt Dingen bringen uns Menschen das Glück, also die Geselligkeit, auch der gemeinsame Genuss des Besonderen, der gemeinsame oder auch einsame Müßiggang, idealerweise in der Natur, die unseren Puls zu senken vermag, speziell im Wald.
Vielleicht schenkt uns die Corona-Krise ja auch einen neuen Blick auf Gesundheit, und zwar jenseits der individuellen Ebene. Wir können uns als Teil einer gesunden Gemeinschaft verstehen und sind bereit, Gesundheit umfassender zu denken. Das führt uns weg vom ungesunden Egoismus hin zu einer modernen Form einer sozialen Ordnung. Die Begriffe Kommunitarismus, Commons und Almende stehen plötzlich vor der Tür und wollen herein. Ihnen folgen in Zukunft wohl noch einige andere.
Essen und Trinken bekommen einen neuen Stellenwert, weil es nicht mehr alles immer und überall gibt und wir lernen, dass wir alles immer und überall zu unserem Glück gar nicht brauchen. Qualität will genossen werden, dazu muss sie als solche erkennbar sein, etwa durch klare Herkunftsnachweise. Der Sonntagsbraten ist wieder dem Sonntag zugedacht, was der Gesundheit der Gemeinschaft gleich auf mehreren Ebenen zuträglich ist.
Das Glück ist immer auch das Glück der anderen. Dazu brauchen wir aber sozialen Ausgleich und der beginnt mit einer gerechten Verteilung der Güter, die wiederum auf der Wertigkeit des Menschen aufbaut.
Natürlich gibt es nach wie vor individuellen Reichtum und auch eine ungleiche Verteilung der Güter, aber nicht in der derzeitigen Überhitzung.

Neudefinition des Wachstums

Die Post-Virus-Ökonomie ist auch eine Post-Wachstums-Ökonomie. Nein, das führt uns nicht in die Steinzeit zurück, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob an dieser viel beschworenen Zeit alles so schlecht war. Aber es steht sowieso nicht zur Debatte.
Wir folgen jetzt den Ideen von Leopold Kohr, der das richtige Maß eingefordert hat, und war von allem und somit auch von allen.
Er meinte, alles auf dieser Welt soll bis zu seiner idealen Größe wachsen. Diese ist aus der Natur der Dinge gut erkennbar, wenn man erkennen will. Nichts soll darüber hinaus wachsen, weil es dann pervers wird, und nichts soll unter seiner idealen Größe bleiben, weil es sonst verkümmert.

Wenn wir diesem Grundsatz folgen und etwa das Design der Dinge bzw. unseres Lebens danach gestalten, wäre das nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Ob wir dafür bereit sind oder noch eine zweite Pandemie plus eine Verschärfung der Klimakrise brauchen, wird die Zukunft zeigen.

Design

DESIGN

Anmerkungen zu einem Element unseres Konsumlebens

Auf Wikipedia heißt es schlicht „Entwurf“ oder „Formgebung“ und das hilft uns nicht weiter. Die Übersetzung aus dem Englischen („Gestaltung“) schon eher.
Aber auch Wikipedia wird noch genauer: „Insbesondere umfasst es auch die Auseinandersetzung des Designers mit der technischen Funktion eines Objekts sowie mit dessen Interaktion mit einem Benutzer. Im Design-Prozess kann somit unter anderem Einfluss auf die Funktion, Bedienbarkeit und Lebensdauer eines Objekts genommen werden, was insbesondere beim Produktdesign relevant ist.“

Wenn es also heißt „ein schönes Design“, dann kann damit die Gestaltung eines Objekts gemeint sein, also die äußere Form, oder das, was darin enthalten ist, denn mit „Funktion, Bedienbarkeit und Lebensdauer“ ist das Wesen beschrieben, das ein Gegenstand, ein Objekt hat.
Wer einen Gegenstand „designt“, übernimmt damit auch die Verantwortung für das, was er ist und für seine Relation zur Welt, denn es handelt sich um einen bewussten Vorgang.
Im Doku-Film „Design ist niemals unschuldig“ von Reinhild Dettmer-Finke wird dieser Verantwortungsaspekt unter die Lupe genommen.
Design gestaltet unsere Welt, es ist zumindest mitgestaltend und somit auch dafür verantwortlich, was die Dinge in und mit unserer Welt machen.

Wenn ein Gegenstand geplant, entworfen und gebaut wird, dann ist seine Form nicht zufällig, sondern steht für etwas. An dieser Stelle ist noch nicht gesagt, wofür er steht.
Ein gutes Beispiel ist der VW Käfer, der für „moderne Mobilisierung der Massen“ steht bzw. stand und ganz bewusst dafür entworfen wurde.
An dieser Stelle kommt eine politische Dimension dazu, denn der Käfer wurde sowohl vom Nationalsozialismus wie auch von der US-amerikanischen Hippie-Bewegung als Symbol verwendet.
Der Käfer hat 4-5 Sitzplätze und wurde somit für die Kernfamilie entworfen, also Vater, Mutter und 2-3 Kinder plus eine bestimmte Menge Gepäck. Durch seine Technik wurde er so gestaltet, dass die Erzeugung zu einem Preis möglich ist, den sich die erwünschten Besitzer auch leisten können.
Ist das Design des Käfers nun eine Antwort auf ein erwünschtes Gesellschaftsmodell oder wird dadurch dieses Modell erst entworfen?

Der Designtheoretiker Friedrich von Borries erklärt im Film anhand des Smartphones die verschiedenen Ebenen des Designs. Hören wir ihm kurz zu:
„Auf den ersten Blick würde man sagen, das Design eines Smartphones ist die Oberfläche, die Materialität, dass ich darüberwischen kann, dass ich es gerne anfasse, dass es der Hand schmeichelt, dass es gut aussieht usw. Das ist Design.
Auf den zweiten Blick kann man sagen, vielleicht ist das Design des Smartphones noch etwas anderes, nämlich die Art, wie wir es benutzen, wie wir miteinander kommunizieren, also dass wir jetzt alle erwarten, innerhalb von zwei bis vier Stunden – oder wie auch immer – eine Antwort auf eine E-mail oder SMS zu bekommen. Eine Interaktionserwartung an andere zu haben, ist auch das Design.
Das Design eines Smartphones ist aber auch, dass wir bereit sind uns überwachen zu lassen, dass wir aus Bequemlichkeit unsere Ortungsdaten zur Verfügung stellen, diese verknüpfen lassen mit den Informationen, die wir an dem Ort gesucht haben, um damit also selbst gläsern, transparent und kommerziell verwertbar zu werden.“

Laut von Borries ist Design politisch, weil es manipulativ die Überwachungsfunktion hinter der glänzenden Fassade verbirgt, weil es damit Selbstüberwachung schafft und in Folge auch eine ebenso gestaltete Gesellschaft.
Er meint, dass dies nicht von „durchgeknallten Politikern“ geschaffen wird, sondern von den Konsument*innen und den kommerziell interessierten Herstellern.

Es taucht die Frage auf, was wir für ein gutes Leben brauchen und ob Design die Verantwortung hat, uns das zur Verfügung zu stellen, dafür zu designen.
Design kann somit entweder die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft befeuern oder genauso gut einen anderen Entwurf, etwa eine Gesellschaft in einer Postwachstumsökonomie, in der die Gegenstände möglichst nachhaltig, möglichst reparierbar und möglichst langlebig entworfen werden.

Design hat in den letzten Jahrzehnten die Aufgabe übernommen, Gegenständen das Attribut „innovativ“ zu verleihen, „anzudesignen“ könnte man sagen. Eine Wachstumsgesellschaft braucht ständige Innovationen, um ständig neue Gegenstände verkaufen zu können, die eigentlich nicht gebraucht werden. Ein neu entworfener Sneaker (Turnschuh) kann nicht mehr als das Vorgängermodell, soll aber durch sein Design vermitteln, dass er etwas besser kann und daher gekauft werden soll.
Wir finden das natürlich ganz besonders bei der wichtigsten Ikone unserer Zeit, dem Auto. Neue Modelle unterscheiden sich von den Vorgängermodellen in winzigen Details, die aber durch die Werbung zu unglaublichen Innovationen aufgeblasen werden müssen, um einen entsprechenden Verkaufserfolg zu schaffen.
Wer hier nicht mitmacht, gerät ins Hintertreffen, verliert Marktanteile und verschwindet früher oder später.
Ein Beispiel dafür ist die Marke „Eudora“, die viele Jahrzehnte Haushaltsgeräte erzeugt hat, vor allem Waschmaschinen.
Diese Geräte haben sich als ausgesprochen langlebig erwiesen – ich selbst besitze eine seit dreißig Jahren. Das bedeutet, dass ich mir seit dreißig Jahren keine neue gekauft habe und Eudora kein Geld mit mir verdient hat.
An dieser Stelle greift wiederum die Politik ein, die unser System steuert, etwa indem sie Herstellern, die Geräte für Langzeitgebrauch erzeugen, steuerliche Vor- oder Nachteile verschafft.
Dadurch steuert sie, welche Art von Design belohnt und welche bestraft wird. Am Beispiel von Eudora können wir leicht erkennen, dass Langlebigkeit nicht gerne gesehen und somit bestraft wird.

An dieser Stelle wird gerne erwähnt, dass es ja die KonsumentInnen sind, die langlebige oder kurzlebige Waschmaschinen wollen und somit kaufen.
Ist das wirklich so? Weshalb sollte ich eine Waschmaschine kaufen, die schnell kaputt wird? Beim Smartphone kann ich das noch irgendwie verstehen, etwa wenn man mit dem neuen Modell bei Freunden angeben will und es somit äußerst praktisch ist, wenn das alte schnell kaputt geht– aber bei der Waschmaschine?
Da gibt es noch das Argument, dass die neue Maschine umweltfreundlicher ist als die alte und daher diese daher möglichst schnell ausgetauscht werden sollte.
Inzwischen hat sich herausgestellt, dass auch hier manipuliert wurde und die neuen Maschinen genauso viel Strom verbrauchen wie die alten. Man verwendet dafür den gleichen Trick wie VW mit seinen Dieselautos: Es wird ein bestimmter Testzyklus entworfen, in dem geringer Verbrauch gemessen werden kann. In der Praxis gibt es solche Zyklen aber nicht und daher handelt es sich bestenfalls um Manipulation.

Dinge können so designt werden, dass Menschen sie etwa gut teilen können oder dass sie reparierbar sind. Sie können so gestaltet werden, dass man sie gerne lange benützt, eine Beziehung zu ihnen aufbaut und in ihnen einen Wert erkennt. Das kann über die Materialwahl, die Verarbeitung oder die Formgebung geschehen.
All das macht das Design.

Design nimmt auch direkt Einfluss auf das Verhalten der Menschen, es kann beziehungsfördernd wirken oder hemmend. Wenn eine Freifläche, ein Innenhof, eine Straße, ein Haus so gestaltet wird, dass die Leute zum Beziehungsaufbau animiert werden, so ist das eine Frage des Designs, das nicht nur für einzelne Gegenstände zuständig ist.
Im Film wird ein Rondeau gezeigt, das aus einem grünen Ring mit Pflanzen besteht, die von Besucher*innen gestaltet werden können. Innen gibt es eine ringförmige Bank, ähnlich einem Sesselkreis. Sie lädt zum Plaudern oder Diskutieren ein.
Das Gegenteil ist das Design moderner Bahnhöfe, wo es gar keine Sitzgelegenheiten mehr gibt, die genützt werden können, ohne zu konsumieren. Selbst freie Bodenflächen werden umgestaltet, etwa durch spitze Zacken, so dass sich niemand hinlegen kann. Dadurch sollen Obdachlose vertrieben werden, die sich im Winter aufwärmen wollen.
Auch das ist Design.

Es kann Kreativität fördern oder verhindern. Das beste Beispiel ist LEGO. Die ursprüngliche Designidee war die Förderung der kindlichen Kreativität. Die Bausteine waren so gestaltet, dass sie vielfältig verwendbar waren. Wenn man genügend davon hatte, konnte man so ziemlich alles bauen, was man sich ausdenken konnte. Dafür reichten kleine, viereckige Bausteine unterschiedlicher Länge und Größe plus ein paar Sonderelemente wie Räder oder schräge Bausteine als Dachelemente.
Dann entwickelte LEGO die „Technik“-Serie. Damit konnten die Kinder nach genauer Anleitung technische Geräte wie Bagger oder Autos bauen. In den ersten Jahren waren auch diese Bausteine noch flexibel verwendbar und so konnte man aus einem Bagger auch einen Kran bauen und die Teile mit den alten Legosteinen mischen. Die Kreativität wurde dadurch schon deutlich eingeschränkt.
In der heutigen Form wird ein Objekt – etwa ein Raumschiff aus der Star-Wars-Serie – vorgegeben und kann nach genauer Anleitung zusammengesteckt werden. Die Elemente sind hochkomplex und nachdem etwas aufgebaut ist, kann zwar noch seine Funktion getestet werden, es animiert aber nicht mehr zu einer Umgestaltung. Die Kinder werden überhaupt nicht mehr dazu angeregt kreativ zu sein, sondern folgsam nach einer exakten Vorgabe etwas abzuarbeiten. Die meisten Bauelemente können nur für genau einen Zweck verwendet werden und passen nur auf genau einen Platz. Das Design der modernen LEGO-Elemente hat die Freiheit gegen die Gehorsamkeit getauscht und das Spiel gegen die Arbeit.

Die Forderung nach anderem Design als diesem ist alt, erschreckend alt. Auf der Design-Konferenz in Aspen forderten junge Designer bereits 1970: „Hören Sie mit dem unnötigen Ressourcenverbrauch auf! Weigern Sie sich Strukturen zu schaffen, deren einziger Zweck der Profit ist und damit eine zerstörerische Kraft in unserer Gesellschaft.“
Bereits damals wurde intensiv über ein alternatives Wirtschaftssystem nachgedacht. Aus heutiger Sicht ist klar, dass sich diese Gedanken, Wünsche und Forderungen nicht durchgesetzt haben. War ihre Zeit damals noch nicht gekommen? Ist sie es heute? Oder handelt es sich um ein kritisches Grundrauschen, mit dem der Kapitalismus damals wie heute locker fertig wird?

Haben Designer*innen Verantwortung für das, was sie entwerfen? Oder liegt diese Verantwortung bei ihren Auftraggebern?
Entwickeln die Designer*innen das, was die Konsument*innen fordern bzw. wünschen, oder nehmen diese einfach das, was designt wird? Erzeugt das Design erst den Wunsch?

Die politischen Dimensionen von Design sind vielfältig. Wer etwa Solarzellen entwirft, die jenseits der bekannten Paneele auf Fenstern oder verschiedenen, nicht auffälligen Gegenständen angebracht sind, verändert die Art und das Ausmaß der Akzeptanz. Das wiederum führt möglicherweise zu einer steigenden Zahl an Anwendungen und in Folge zu Autarkie oder auch stärkerer Vernetzung der Menschen durch Technologie: Wenn jeder Haushalt seinen eigenen Strom erzeugt, verändert das nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Machtverhältnisse und somit das demokratische System.

Der modernste Ansatz richtet sich gegen das ursprüngliche Ziel des Designs: Dinge so zu gestalten, dass Menschen sie kaufen, obwohl sie diese Dinge nicht brauchen, um das ständige Wachstum anzutreiben.
Heute geht es um das Gegenteil: Dinge so zu gestalten, dass die Menschen mit weniger auskommen und trotzdem keinen Mangel empfinden. Langandauernde Nützlichkeit rückt in den Vordergrund, Reparierbarkeit wird zum zentralen Gestaltungselement, vielfältiger Nutzen ebenso wie die Möglichkeit die Dinge nach ihrem Gebrauchszyklus wiederzuverwerten.
Modernes Design kehrt den Wert der Gegenstände hervor, optisch und haptisch, und lenkt das Begehren in eine Langzeitnutzung anstatt in die schnelle Erneuerung. Der Statusgewinn entsteht dann nicht mehr dadurch, dass ich das Neueste habe, sondern dass ich das Beste teile.

„Kritisches Design“ denkt heute schon über die Probleme der Zukunft nach. Wie werden wir leben (können), wenn die Klimakrise jetzt bewohnte Teile unserer Erde unbewohnbar macht? Wie müssen Lebensräume gestaltet sein, um ohne Ressourcenverschwendung auszukommen? Wie funktionieren Kreislaufsysteme?
All diese Fragen und die darauf fehlenden Antworten machen klar, welche Verantwortung die Querschnittsmaterie Design hat.

Sehen wir uns abschließend an, was Friedrich von Borries dazu zu sagen hat:
„Ich kann sagen, ich bin Transportation Designer und mache deshalb Autos und ich mache, dass die schön aussehen und sich gut verkaufen. Ich kann sagen, ich bin Transportation Designer und mich interessiert, wie in einer Stadt das Verhältnis zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern ist und deshalb gestalte ich nicht nur Fahrräder und Autos, sondern überlege mir, wie breit sind die Gehwege, wie breit sind die Straßen – aber ich überlege mir auch, wie kann ich von dem einen auf das andere umsteigen und deswegen entwerfe ich auch Umsteigestationen, entwerfe S-Bahn-Waggons, in die ich einfach die Fahrräder mitnehmen kann usw.
Und plötzlich gestalte ich an der Umweltverträglichkeit unserer Gesellschaft und nicht an der Verkaufbarkeit von einer Tonne Stahl und Motor.
Design kann alternative Lebensformen und den gesellschaftlichen Wandel attraktiv machen.“

Im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft wird die Zukunft einer Transformationsgesellschaft gehören, in der Design nicht die Aufgabe hat, schöne Produkte zu entwerfen, um möglichst viel davon zu verkaufen, sondern dem Design die wichtige Aufgabe zukommt, Gegenstände samt den notwendigen Ressourcen so einzusetzen, dass sie eine Zukunft mit einem guten Leben für alle ermöglichen.

Die Philosophie des Virus

Eine philosophische Betrachtung der Corona-Pandemie

Der französische Filmemacher Alain de Halleux nennt seinen Film über Corona „Sand im Weltgetriebe“ und legt damit den Finger auf die Wunde der Wachstumsideologie. Wir haben unsere Systeme ausgereizt, mindestens was die Ausbeutung von Mensch und Natur betrifft, im religiösen Sinne könnte man sagen, wir haben uns versündigt.

Um die Komplexität des Themas zu verstehen, müssen wir es auf mehreren Ebenen betrachten. Der Film hat mir dabei geholfen und mich vielfach inspiriert.

ERSTE EBENE: DAS VIRUS SELBST

Es (das Virus – oder der Virus?) ist angeblich nicht lebendig, weil es kein eigenes Stoffwechselsystem hat, es ist nur ein genetischer Code, oder – optisch dargestellt – eine Kugel mit einer Art von Stacheln, vergleichbar mit einer Treibmine.
Es ist winzig klein, Teil einer unsichtbaren Welt, in Relation so groß zu uns wie wir zur Welt. Es entsteht, verändert sich und zeigt doch so etwas wie ein eigenes Leben, in jedem Fall eine eigene Existenz. Es ist bedrohlich, hartnäckig, bekämpfbar, vielleicht sogar ausrottbar. Es existiert in vielen Formen und gehört zu unserem Leben.

Seine Variante Covid-19 hat die erste echte, weltweite Pandemie unserer Zeit ausgelöst. Dieses Virus und noch viele andere befallen lieber den Menschen als eine aussterbende oder stark dezimierte Gattung oder Art wie den Königstiger oder das Rentier. Es sucht sich die erfolgreichste und am weitesten verbreitete Gruppe von Lebewesen, um sie zu befallen. Es braucht lebende Zellen, um sich zu vermehren, um überhaupt zu existieren.
Für das Virus sind wir die Welt, so wie die Erde für uns die Welt ist, die wir befallen, in Besitz nehmen, verändern und zerstören. Wenn wir das geschafft haben, gehen wir genauso zu Grunde wie das Virus, wenn es seine gesamte Wirtspopulation ausgerottet hat.

Der Unterschied zwischen uns und dem Virus besteht eigentlich nur darin, dass wir die Wahl haben, wie wir mit unserer Welt umgehen.

„Luft… Luft! Das ist euer einziger Gedanke. Und während ich eure Lungen zerstöre, zerstört eure Maschine die Lunge der Erde. Das ist unser beider Dilemma. Wir leben von der Zerstörung und töten am Ende, was uns am Leben erhält“ sagt das Virus in dem Film.

Wer ist gefährlicher für das Leben der Menschen? Das Virus Covid-19 oder der Mensch selbst? Und wer ist verantwortlich für die derzeitige Corona-Situation mit Wirtschaftseinbrüchen, Depressionen, Armut und einer Vielzahl weiterer Folgen? Das Virus ist nur eines von tausenden Viren, die es in unserer Welt gibt und mit denen wir seit Anbeginn der Menschheit leben müssen.
Was ist das Besondere an gerade diesem Virus? Was ist der Unterschied zu anderen Viren?

ZWEITE EBENE: DAS VIRUS UND DIE WELT

Es ist nicht unbedeutend, ob das Virus in einem geheimen Labor im chinesischen Wuhan gezüchtet wurde oder von einer Fledermaus bzw. dem Schuppentier Pangolin stammt und auf einem Tiermarkt auf den ersten menschlichen Wirt übertragen wurde. Genau genommen ist es jedoch nur dann von zentraler Wichtigkeit, wenn alle bisherigen Viren (Grippe, Ebola, SARS, MERS etc.) künstlich gezüchtet wurden. Das wäre dann eine vollkommen andere Ausgangslage, als wenn die zweite Art des Ursprungs die Realität ist: Durch die ständig zunehmende Abholzung der Urwälder überall auf dieser Welt plus der massiven Bevölkerungszunahme geraten die bisherigen Balancen der Natur unter Druck und brechen zusammen. Dann kommt es zu vermehrtem Kontakt zwischen wilden Tieren und Menschen und irgendwo springt dann ein Virus auf einen Menschen um und verbreitet sich.
Diese Krankheiten heißen Zoonosen, weil sie von Tieren auf Menschen überspringen, auf Menschen, die dafür nicht bereit sind, weil sie nicht mehr nahe an der Natur leben.

Die Verbreitung wäre früher auch kein Problem gewesen, denn sie wäre lokal begrenzt geblieben. Selbst in frühen Globalisierungszeiten wäre das Virus nicht weit gekommen, denn nach einigen Wochen am Schiff wären entweder alle Träger gestorben oder geheilt und immunisiert in Europa oder wo auch immer angekommen.
Mit dem Flugzeug gelangt das Virus in wenigen Stunden rund um die Welt. Es sind wir, die das Virus verbreiten und es ist unsere Art zu leben.

Wir bleiben bei der zweiten Ursprungsvariante und identifizieren die Gründe für diese Pandemie.

1.) Starker Druck auf die Naturlandschaften, speziell die Urwälder, aufgrund der unkontrollierten Ausbeutung.
2.) Bevölkerungswachstum ohne geeignete Infrastruktur.
3.) Massiv ausgebauter Flugverkehr der letzten Jahrzehnte.
4.) Wenig Resilienz durch die Schwächung der Sicherheitsstrukturen

Diesen vierten Punkt gilt es zu erläutern. Die Resilienz ist die Widerstandskraft gegen Außeneinflüsse eines Systems. Die dominanten Strukturen der meisten Gesellschaften weltweit sind von zwei neoliberalen Grundprinzipien geprägt:

• Privat statt Staat – das bewirkt die Schwächung der staatlichen Strukturen.
• Nur die Stärksten sollen überleben – da in unserer Gesellschaft Stärke durch Macht ausgedrückt wird und Macht durch Geld, sollen die Reichen überleben.

DRITTE EBENE: DAS VIRUS UND DIE NATIONALSTAATEN

Als der österr. Bundeskanzler höchstpersönlich die Balkan-Route geschlossen hatte, durchströmte einen großen Teil der ÖsterreicherInnen das wohlige Wonnegefühl, das wir alle haben, wenn wir die Türe schließen und der kalte Schneesturm und mit ihm alles Grausliche draußen bleibt.
Wer am warmen Feuer sitzt, interessiert sich eher weniger für andere, die irgendwo draußen sind. Wenn diese anderen noch dazu auch gerne die wenigen Plätze rund um das wärmende Feuer hätten und wir diese anderen gar nicht kennen, wird aus dem Desinteresse klare Ablehnung.
Wer uns dann verspricht, diese anderen verlässlich draußen zu halten, bekommt unseren Applaus bzw. unsere Stimme.
Wir könnten zwar die menschlichen Eigenschaften Empathie und Mitleid auspacken, doch leider kommt uns die Behaglichkeitsdifferenz dazwischen, wie Eugen Roth treffend beschreibt:

„Ein Mensch liest, warm am Ofen hockend
Indem das Wetter nicht verlockend,
dass draußen, im Gebirg verloren,
elendiglich ein Mann erfroren.
Der Mann tut zwar dem Menschen leid,
doch steigert´s die Behaglichkeit.“
(Eugen Roth: „Traurige Wahrheit“ in: Von Mensch zu Mensch)

Dummerweise gibt es rund um das Feuer nicht genügend Holz und so müssen wir die Türe öffnen, um Nachschub zu holen. Ein Großteil unserer Konsumgüter kommt inzwischen aus Fernost, vor allem aus China. Rohstoffe bekommen wir aus Afrika und Südamerika und die Produktion der meisten Waren ist auch schon in Länder ausgelagert, in denen man billiger produzieren kann als in Europa.
Das ist äußerst bequem, denn wir verlagern die Umweltverschmutzung somit an das andere Ende der Welt und hoffen, dass sie auch dort bleibt. Zudem müssen uns die Arbeitsbedingungen am anderen Ende der Welt nicht kümmern und auch hier hoffen wir, dass die Menschen dort bleiben. Falls sie das nicht tun, kann man ja ein wenig nachhelfen. Wenn dann grausliche Bilder von zerstörten Landschaften und gequälten Menschen auftauchen, sagen wir einfach „Fake News“ dazu und müssen sie dann nicht ernst nehmen.

Und dann kam Covid19 und auf einmal mussten wir entdecken, dass unsere Behaglichkeit am Feuer gestört wird. Weil ein Mensch in China auf einem Markt ein Stück infiziertes Buschfleisch gekauft hat, dürfen wir unsere Oma nicht mehr besuchen. Der Bundeskanzler erklärt mit trauriger Miene, dass wir leider nicht zum Frisör dürfen und auch aus dem Strandurlaub in Dubai wird nichts, wenn wir nicht hinfliegen können.

Das Virus interessiert sich nicht für Nationalstaaten oder Grenzen. Es hat sich gezeigt, dass diese nicht so dicht gemacht werden können, dass sie durch das Virus unüberwindbar sind. Inselstaaten können das vielleicht eine Zeit lang, aber auch das misslingt meist. Das Virus zeigt, wie schwach unsere Identität ist, wenn wir sie auf Nationalität bauen. Die draußen, die im anderen Land sind so wie wir, deswegen können wir uns gegenseitig anstecken.
Im Frühling 2020 erwartete die Welt ein Schreckensszenario in Afrika, doch das trat nicht ein. Es stellte sich heraus, dass Covid-19 eine Krankheit alter Weißer ist, nicht junger Schwarzer. Das Virus weiß nichts von „White Supremacy“ und befällt alle. Es erwischt uns dort, wo wir auf die eigentliche, uralte Stärke des Homo Sapiens vergessen haben – die Kooperation.
Binnen kürzester Zeit brachen die Säulen der EU in sich zusammen: freier Personen- und Warenverkehr, das Defizitziel von max. 3% des BIP, aber auch die Solidarität in vielen Bereichen.
Das Virus zeigt uns, dass Abschottung nicht der richtige Weg ist.

VIERTE EBENE: DER VIRUS UND DIE GESELLSCHAFT

Schnell wird der Ruf nach mehr Freiheit laut. Wir wollen auf das Gewohnte, auf das als normal Empfundene auf gar keinen Fall verzichten und wenn, dann nur ganz kurz und möglichst wenig.
Da in unserem System das Geld der ausschlaggebende Faktor ist, gewinnen diejenigen, die das Geld haben. Ihre Bequemlichkeit wird fast nicht eingeschränkt, sie können zum Golfspielen nach Südafrika fliegen und sich Luxusgüter nach Hause liefern lassen. Sie können in ihrem großen Garten Freunde einladen und müssen sich auch nicht in enge U-Bahnen quetschen, weil in der Garage steht der Range Rover.
Selbst wenn wir nicht die Klischees strapazieren, bleibt übrig, dass das Geld regiert und die Politik dem Ruf des Geldes folgt. Auch die Entscheidungen punkto Pandemiebekämpfung werden leichter verständlich, wenn man sich ansieht, wem sie vor allem nützen.

WAS UNS DAS VIRUS ZEIGT

Es zeigt unsere menschliche Vergangenheit, aus der wir entstanden sind. Wir sind Produkte der Evolution der letzten zwei Millionen Jahre und haben Fähigkeiten entwickelt, aber auch deren Grenzen. Wir können Krisen gut bewältigen, wenn wir a.) zusammenhalten und b.) eine Perspektive haben, also ein Ende definieren oder erkennen können.

Wir sind soziale Wesen, die andere Wesen brauchen, um leben zu können. Das zeigt uns schon die Geburt, nach der wir auf fremde Hilfe angewiesen sind und ohne diese sehr schnell sterben. Unser Stress-System ist auf kurze, durchaus auch starke Stress-Spitzen eingestellt und kann diese gut bewältigen. Ein hohes Dauerbrummen an Stress macht uns kaputt und die Pandemie mit ihren ständig wechselnden Entscheidungen, den aufeinander folgenden und uns willkürlich erscheinenden Lockdowns bringen uns an Grenzen, die wir in der Größe und Art ihrer Folgen noch gar nicht einschätzen können.

Das Virus greift uns bei den Grenzen unserer Leistungsfähigkeit an, aus der die Verletzlichkeit entstanden ist. Je schneller und effizienter unsere globale Wirtschaft arbeitet, desto verletzlicher wird sie, da die Puffer längst wegrationalisiert wurden. Es gibt keine Leerräume mehr, keine Rückzugsgebiete, weder für Tiere noch für Menschen, fast jeder irgendwie nutzbare Quadratmeter ist privatisiert und kommerzialisiert. Wir haben unser Leben und die Natur ausgepresst bis zum letzten Tropfen und jetzt kommt die Dürre in Form des Virus. Und wir haben die Menschen ausgepresst, die jetzt oft mehrere Jobs brauchen um sich das Leben leisten zu können.

Die größte Verletzlichkeit ist wohl derzeit die Abhängigkeit von der Produktion lebensrelevanter Produkte durch Menschen, Unternehmen und Nationen, deren Ziel nicht das Gemeinwohl ist. Wir können das sehr gut an den Pharmafirmen erkennen, die auch in der Pandemie das tun, was sie immer getan haben: ihren Profit maximieren, die Preise durch Verknappung in die Höhe treiben und maximal erzielbare Gewinne generieren und abschöpfen.
Besonders abhängig ist Europa von China, wo fast alles produziert wird, was wir hier brauchen, von landwirtschaftlichen Produkten über jede Art von Konsumgütern bis hin zu großen Teilen der medizinischen Versorgung.
Wir haben rationalisiert und alles ausgelagert, was irgendwie möglich war.
Ganz besonders effizient, aber auch ganz besonders verletzlich ist die „Just-in-Time-Produktion“. Sie bricht bei der kleinsten Störung zusammen.
Es war in Europa zwar möglich sehr schnell eine Produktion von Schutzmasken der einfachsten Art zu entwickeln, das gilt aber nicht für komplexere Produkte oder gar technisch hochwertige Dinge wie medizinische Instrumente oder Pharmazeutika.
Es zeigt sich, dass die Schwächen globalisiert wurden, nicht die Stärken. Wenn das schwächste Glied der Kette zusammenbricht, bricht das gesamte System zusammen.

Einer dieser Zusammenbrüche zeigt sich im Gesundheitssystem, wo der Ausdruck „kaputtgespart“ wohl mancherorts seine Berechtigung hat. In einem auf Effizienz und Profitmaximierung ausgerichteten System ist die oberste Maxime die der Kosteneinsparung. Das beginnt beim Personal, geht über die medizinischen Geräte und endet beim Klopapier.
In einer Diskussion wären sich wohl schnell alle einig, dass Gesundheit wichtig ist und ein gut funktionierendes Gesundheitssystem auch Kosten verursachen darf. Nicht mehr ganz so einig wären sich die DiskutantInnen bei der Frage, wie viel es kosten darf und wer dafür zu sorgen hat, dass es funktioniert. Die einen meinen, dies müsste staatlich organisiert sein, die anderen wollen es in privater Hand sehen.
Die Pandemie kam nicht überraschend, sie wurde weltweit durch ExpertInnen vorausgesagt, die natürlich nicht wissen konnten, wo genau sie entstehen wird und wann. Einige ostasiatische Länder hatten aus den Erfahrungen mit SARS und MERS gelernt und waren besser vorbereitet, andere mehr oder weniger gar nicht.
Aber auch hier ist das Thema komplex.

Das Virus zeigt unseren gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod. Es zeigt unsere kulturellen Strukturen, unsere Grundwerte und wie wir damit umgehen. Sehr schnell tauchte ein Grundwiderspruch auf, nämlich der von jung und alt. Für die jungen Menschen ist es gut möglichst viel Freiheit zu haben, um sich gut entwickeln zu können. Jugendliche wollen sich treffen, über Kontakte mit Gleichaltrigen ihre soziale Kompetenz aufbauen, sie wollen möglichst viel differenzierte Interaktion, in der Schule, beim Mannschaftssport, in Lokalen, in Diskos, Clubs, Bars und privaten Feiern. Für sie ist jeder Lockdown schlecht.
All das verbreitet das Virus und trifft dann die Alten, die sich dagegen schlechter wehren können. Für sie ist jeder Lockdown gut.
Was ist nun wichtiger: das Leben der Jungen oder das Leben der Alten?
Mit anderen Worten: Wie viele Tote sind wir bereit zu akzeptieren?

Das Virus deckt aber noch etwas anderes auf: das Wegschauen, das Verleugnen, das Flüchten. Auch das gehört zu unserer Gesellschaft und zum Menschsein. Es zeigt unsere weniger schönen Seiten, den Egoismus, etwa bei den Hamsterkäufen oder wenn Menschen die Corona-Regeln brechen, zum Golfspielen nach Südafrika fliegen oder Parties feiern.

Das Virus zeigt die Grenzen unserer psychischen Widerstandskraft, und zwar die der Individuen und die der Gesellschaft. Nach einem Jahr Pandemie ist klar, dass Kinder und Jugendliche zum Teil stark betroffen sind, die Kliniken und Ambulanzen platzen aus allen Nähten: Angststörungen, Depressionen, Suizid, aber auch körperliche Schäden durch Bewegungsmangel und noch vieles mehr haben so massiv zugenommen, dass die Alarmglocken schrillen.
Durch Homeschooling und Homeoffice geraten Familiensysteme an ihre Belastbarkeitsgrenzen. Wenn beide Elternteile plus Kinder in einer kleinen Wohnung im Lockdown leben, arbeiten und lernen müssen, zeigen sich sehr schnell die Grenzen unseres Wirtschafts- und Sozialsystems. Dazu kommen der fehlende Urlaub und die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten.

Das Virus hat uns einen Blick in die Zukunft werfen lassen. Seit Jahrzehnten perfektionieren und bewundern wir ein Wirtschaftssystem, das von uns die Idiotie („Vereinzelung“) verlangt. In einem System, das nur durch ewiges Produktions- und Konsumwachstum funktioniert, müssen immer mehr Menschen immer mehr Dinge kaufen. Sie müssen sie weder brauchen noch verwenden, es reicht, wenn sie möglichst viel davon kaufen. Die Spitze dieser Entwicklung ist derzeit die „Fast Fashion“. Der weltweite Bekleidungsdiskonter Zara produziert bis zu 300 neue Linien jedes Jahr und möchte, dass die KundInnen möglichst jede Linie kaufen. Jeden Tag eine neue Mode. Da die Menschen diese Bekleidung nicht mehr tragen können, wird sie weggeworfen, ohne je getragen worden zu sein. Die Dinge werden wegen des Kauferlebnisses gekauft (sieben Sekunden Adrenalinausschüttung) und das ist nach dem Kauf vorbei.
Der Feind dieses Systems sind die „Commons“, die gemeinsam genützten Dinge. Wer Dinge gemeinsam benützt, gar tauscht oder repariert, gilt als „Kommunist“ und wird belächelt oder beschimpft, in jedem Fall sozial stigmatisiert.
Das Virus zeigt uns, was mit uns geschieht, wenn wir vereinzelt werden, wenn wir uns selbst zu den Idioten (und Idiotinnen) machen, die wir laut dem System sein sollen, das uns erzählt: geht es der Wirtschaft gut, geht es allen gut. Ein System, das die Wirtschaft über das Leben stellt und das mit dem Argument erklärt, dass Arbeitsplätze verloren gehen können. Genau die Arbeitsplätze, die genau dieses System mit aller Kraft vernichtet, weil Personalkosten den Gewinn schmälern.

Das Virus zeigt uns, wie schnell wichtige Dinge knapp werden, obwohl wir in einer Überflussgesellschaft leben. Es zeigt uns die Schwäche eines Systems, das von vielen als unfehlbar beschrieben wird, das sich angeblich selbst reparieren kann.
Wir leben in einer Welt, die es in der Form erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs gibt. Und genau diese Welt hat jetzt das erste Mal einen Schock bekommen. Es gab das erste Mal eine Angebots- und eine Nachfragekrise zur gleichen Zeit. Das war auch in der bisher größten Krise (Finanzkrise 2009) nicht der Fall. Das erste Mal stehen weltweit Flughäfen leer, Autofabriken still und die Tourismusindustrie befindet sich am Rande des Abgrunds.

Das Virus zeigt, was aus uns wird, wenn wir uns isolieren. Vor ein paar Jahren saß ich in einem Kaffeehaus, als fünf junge Mädchen hereinkamen und sich an einen Tisch setzten. Sie redeten kein einziges Wort miteinander, sondern starrten über eine Stunde auf ihre Handy-Bildschirme, um dann wieder zu gehen.
Jetzt sollen wir das tun, was wir bisher freiwillig getan haben: möglichst über Bildschirme miteinander kommunizieren, möglichst viele Maschinen benützen und uns von ihnen möglichst abhängig machen. Wir sollen möglichst wenige Menschen treffen und möglichst viel online kaufen, um unsere Wohnungen nicht verlassen zu müssen.

Das Virus hat uns auch gezeigt, was wir brauchen und was nicht, welche Berufe für das Funktionieren unserer Gesellschaft wichtig sind und welche nicht. Es hat uns auch gezeigt, dass wir genau diese Menschen, die in diesen Berufen arbeiten, schlecht bezahlen, dass wir sie ganz unten in der Pyramide ansiedeln, an deren Spitze die Hedgefondsmanager stehen und die Anwälte und die EigentümerInnen großer Unternehmen.
Schlecht bezahlen tun wir die Pflegekräfte, die Müllmänner, die Putzfrauen, die Menschen, die unsere Kläranlagen reparieren und warten und noch viele andere.

Das Virus zeigt uns die Randbereiche unserer Gesellschaft. Es wirkt wie ein Röntgengerät, das uns in die Tiefe schauen und die Knochen erkennen lässt. Wir sehen auf einmal die Menschen in unserer Gesellschaft, die bisher unsichtbar waren, weil sie gerade mal mehr recht als schlecht existieren. Wir sehen die blitzschnell zusammenkrachenden Existenzen, die wir bisher nicht gesehen haben, weil sie knapp unter der Wahrnehmungsschwelle waren. Wir sehen Menschen, die bisher irgendwie über die Runden gekommen sind, weil sie am Rand der Gesellschaft von dem lebten, was jetzt nicht mehr runterfällt.
Es zeigt uns die Grenzen eines an die Grenze getriebenen Effizienz-Profitsystems, mit Fluglinien, die niemals wirtschaftlich gearbeitet haben und nur durch staatliche Subventionen bisher existieren konnten.
Es zeigt uns die Grenzen zwischen dem, was wir brauchen und dem, was wir uns wünschen. Es zeigt die Perversion in vielen Lebensbereichen. Wir züchten 1,7 Milliarden Rinder auf der Welt – Milchkühe nicht eingerechnet. Die Bio-Masse dieser Rinder ist größer als die aller Menschen.

Es zeigt uns die Maschine, in der wir uns befinden. Damit sind nicht nur die vielen Maschinen gemeint, die uns umgeben und unser Leben beeinflussen, ob das jetzt das Handy ist oder das Auto oder der Computer oder die Beatmungsmaschine, sondern ein System, von dem viele bisher dachten, dass es als Ganzes sowieso nicht mehr steuerbar ist und quasi wie von alleine funktioniert.
Und jetzt verlangt diese Maschine nach massiven Eingriffen, nach Steuerung, nach vernetzten Entscheidungen für Millionen von Menschen.

Damit zeigt uns das Virus die Machtlosigkeit der Mächtigen. PolitikerInnen sind sich nicht sicher, wie und auf welcher Grundlage sie Entscheidungen treffen sollen. Sie richten sich bisher nach der Macht der Mächtigen und finden diese in den Wirtschaftssystemen und ihren Lobbys. Die allerdings kämpfen nur für ihre eigenen Interessen.

Und dann zeigt uns das Virus noch das, was Michel Foucault „Bio-Politik“ genannt hat: Ein Gesundheitsproblem dient als Vorwand um das Kollektiv zu kontrollieren. Krisen verlangen nach Kontrolle und sowohl demokratische wie auch autoritäre Systeme folgen diesem Ruf. Mich erinnert das an 9/11, wo der Terroranschlag in den USA von der dortigen Regierung zum Anlass genommen wurde, ein repressives Kontroll- und Überwachungssystem massiv auszubauen, das übrigens nicht mehr abgebaut wurde, so wie in allen anderen Staaten dieser Erde, die dem Beispiel der USA gefolgt sind, angeführt von China mit seiner inzwischen fast lückenlosen Überwachung.
Jetzt zeigt uns das Virus die Strukturen unserer politischen Systeme, es wirkt wie ein Turbo, wie ein Verstärker des schon Vorhandenen.
Zugleich mit dem Ruf nach mehr Freiheit erschallt der Ruf nach mehr Kontrolle – die Freiheit für mich, die Kontrolle für die anderen. Das Virus zeigt die Grenze des Individualismus, der darin gipfelt, dass ich gerne in meiner kleinen Gasse ein Fahrverbot für alle außer für mich selbst möchte – vielleicht noch für meine besten Freunde oder Besucher. Dafür hätte ich aber gerne ungehinderte Fahrt im Rest der Stadt, und zwar in der Geschwindigkeit meiner Wahl, denn sonst ist ja meine Freiheit eingeschränkt.
Das Ziel, quasi der Idealzustand ist eine auf mich zentrierte Welt, in der ich alle Rechte und Freiheiten habe, aber keine Verantwortung. Dieser Zustand wird in der Bibel als „Paradies“ beschrieben, eine Welt, in der ich wohl behütet lustwandeln kann und mich um nichts kümmern muss.
Dummerweise bin ich in so einer Welt alles andere als frei, denn ich darf nicht die Früchte des Baumes der Erkenntnis essen. Hier ist die Grenze meiner Freiheit. Wenn ich es doch tue, werde ich aus dem Paradies vertrieben und muss die Verantwortung für mein Leben übernehmen, also mein Brot im Schweiße meines Angesichts verdienen.
Das Virus zeigt uns, dass uns das System bisher das Paradies vorgegaukelt hat und die Politikerinnen und Politiker uns die Verantwortung abgenommen haben, allerdings zum Preis der Freiheit und Selbstbestimmung.
Jetzt agieren wir wie Kinder, die selbst- oder zumindest mitbestimmen wollen, aber noch nicht wissen, wie das geht. Aus Millionen BürgerInnen werden Millionen Möchtegern-Virus- und Impfexpertinnen und -experten.
Politische Parteien und demokratische Wahlen scheinen als Mittel nicht mehr zureichend zu sein, aber was gibt es sonst?

DAS VIRUS ALS CHANCE

So seltsam es klingt, Covid-19 könnte so etwas wie eine globale Impfung sein, also eine kleine Portion von etwas Tödlichem, auf das wir uns einstellen, so dass wir eine globale Immunantwort finden können.
Die Menschheit kann möglicherweise Resilienz aufbauen, wenn sie die Botschaft versteht.
Warum kam diese Pandemie genau jetzt?
Vielleicht liefert die Summe aller globalen Veränderungen die Antwort. Diese Mischung aus Naturzerstörung, Wachstumsideologie, Globalisierung, Tourismusindustrie, Überflussgesellschaft, Ausbeutung und noch vieles mehr ist möglicherweise an einem Punkt angelangt, an dem bestimmte Auslöser so häufig auftreten, dass irgendwann ein Einzelereignis den Stein ins Rollen bringt.

„Ihr entwickelt zwar einen Impfstoff gegen mich, aber warum nicht gegen die Maschine? Einst habt ihr ihre Auswüchse mit einem Impfstoff bekämpft, den ihr Demokratie nanntet. Doch jetzt mutiert die Maschine, und zwar so schnell, dass eure Demokratie sie nicht mehr stoppen kann“ sagt das Virus im Film.

Schreckt die Dystopie auf?

„Wer glaubt, 2020 sei nur ein Krisenjahr und danach wird alles besser, oder wieder wie vor der Krise, der irrt. Ich glaube, in zehn Jahren wünschen wir uns 2020 zurück.“ Das sagt die Klimaschutzaktivistin Carola Rackete, die als streitbare Kapitänin in der Flüchtlingskrise bekannt wurde.
Stimmt das? Werden wir wesentlich ernstere Krisen als Covid-19 bewältigen müssen? Und wenn ja, müssen wir uns dann nicht jetzt bereits darauf vorbereiten? Und wie sollen diese Vorbereitungen aussehen?

Falls dieses dystopische Szenario zur Wirklichkeit wird, werden wir ohne Zusammenhalt, Kooperation und funktionierende Lebenserhaltungssysteme nicht weit kommen.
Eine dieser Krisen kennen wir bereits und sie könnte sich als die schlimmste herausstellen: die Klimakrise.
Ähnlich wie die Corona-Pandemie gab es seit Anbeginn der Menschheit auch noch nie einen so tiefgreifenden Klimawandel.
Der Unterschied besteht in der Geschwindigkeit und im Auslöser. Im Gegensatz zu anderen ähnlich gravierenden Klimawandelzeiten findet der jetzige zehnmal oder hundertmal so schnell statt. Und im Gegensatz zu allen schnellen Klimawandeln, die allesamt entweder durch Vulkanausbrüche oder durch einschlagende Himmelskörper ausgelöst wurden, ist dieser hausgemacht.

Maßnahmen sind schwierig, denn es handelt sich um komplexe Probleme. Es reicht nicht, an einer Schraube zu drehen, denn das löst nicht eine Veränderung aus, sondern möglicherweise zehn und davon sind neun unvorhersehbar.
Ein Beispiel: Die Zoonosen entstehen nicht nur bei der Übertragung von Viren von Wildtieren auf Menschen, sondern auch in der industriellen Tierhaltung, also bei der Lachszucht und der Fleischzucht. Entscheidend ist die Art und Weise, wie die Tiere gehalten werden. Wenn auf der einen Seite Menschen glauben, dass sie täglich Fleisch brauchen, haben wir auf der anderen Seite eine Entwicklung hin zu einer Tierhaltung, die wiederum Krankheiten produziert, denn jeden Tag Fleisch geht nur, wenn es billig ist. Billiges Fleisch lässt sich nur durch Ausbeutung der Umwelt erzeugen.
Wenn jetzt neue Virenstämme auftauchen, dann führen die Menschen dies nicht auf ihren stark gestiegenen Fleischkonsumwunsch zurück. Das ist Komplexität.

Werden wir lernen?

Was werden wir aus der Pandemie lernen? Werden wir danach weniger sinnlose Business-Flüge machen? Werden wir mehr in der näheren Umgebung Urlaub machen oder zum Ausgleich noch mehr möglichst billig rund um die Welt fliegen?
Werden wir die notwendigen Dinge für eine Krise wieder lokal produzieren oder wird künftig noch mehr in China und Afrika gemacht, weil es ausschließlich um den Preis geht?
Werden wir die Botschaft des Virus verstehen und – noch viel wichtiger – werden wir daraus Konsequenzen ziehen?
Werden wir in Zukunft in Diktaturen leben, die nach außen hin einen Rest von demokratischem Anschein bewahren oder werden wir neue Formen der Politik erfinden und anwenden?
Werden wir wie konterdependente Kinder nur gegen die Autorität demonstrieren oder selbst Verantwortung übernehmen, auch wenn diese nicht unbedingt angenehm ist? Wir können unsere eigene Konterdependenz daran erkennen, dass wir zwar sofort schreien, wenn der Staat Daten von uns verlangt, aber in der nächsten Sekunde all unsere Daten einem anonymen und völlig unkontrollierbaren Internetkonzern zur Verfügung stellen. Wie Kinder haben wir noch nicht gelernt hier vernünftig zu handeln.
Früher kannte man die Burg und den Burgherrn und wusste, wohin man mit den Mistgabeln gehen musste, um etwas zu ändern. Heute sind die Herrschaftssysteme unbekannt oder unsichtbar, global verteilt, virtuell und da wir nicht wissen, wie wir uns gegen sie auflehnen sollen, lehnen wir uns gegen die auf, die wir greifen können. Falls das die falschen sind, werden wir scheitern.
Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist die Rückkehr in das, was vor Corona war, also in ein System, das hundert Mal gefährlicher für die Menschheit ist als das Covid-19-Virus.
Es hat uns gezeigt, wie sich ein kleines Ereignis massiv auf ganze Menschheit auswirken kann. Vielleicht hilft es uns auch zu erkennen, dass uns die Klimakrise alle betrifft, auch wenn sie noch nicht die spürbaren Auswirkungen auf unser Leben hat.
Wir brauchen eine neue Zukunft und wenn wir uns berechtigterweise nach Normalität sehnen, dann sollte diese ein Teil der neuen Welt sein, in der mehr Menschen ein besseres und möglichst alle ein gutes Leben haben.

Was wir tun müssen

Das wichtigste wird sein, lokale Gemeinschaften zu finden oder aufzubauen, innerhalb derer wir bereit sind gemeinsam auf einen Teil unserer Bequemlichkeit und unseres Wohlstands zu verzichten. Im Idealfall auf das, was uns sowieso nicht mehr glücklich macht. Die wenigsten Menschen halten es aus auf etwas zu verzichten, wenn alle anderen rundherum das nicht tun. Die Vernetzung dieser Gemeinschaften wird die Aufgabe der größeren politischen Strukturen sein.

Noch können wir etwas tun, um zu verhindern, dass wir unsere Erde zerstören. Wir besitzen keine zweite, auf die wir wechseln können. Die Zahlen sind längst bekannt, das Wissen ist vorhanden, die Ist-Situation ist klar sichtbar. Was jetzt fehlt, ist gemeinsames, schnelles Handeln. Wir wissen, was das Richtige ist, jetzt müssen wir es auch tun.

Möglicherweise hilft uns Covid19 dabei. Und wenn nicht, dann wird das nächste Virus kommen und uns oder unsere Kinder möglicherweise noch deutlich härter treffen als Covid19.
Wir haben die Wahl und ich habe mich schon entschieden.

Und das sind die Schlussworte des Virus in dem Film:

„Die Maschine wird mich überleben. Schade. Ich hätte so gerne gesehen, wie ihr sie bändigt, sie zum Schweigen bringt. Ihr schafft das, da bin ich mir sicher. Denn ihr Menschen habt Waffen, die weder ich noch die Maschine kennen: Liebe, Humor, Kreativität.“

(Die Zahlen und Fakten dieses Artikels stammen aus dem Film „Corona – Sand im Weltgetriebe“)

Covid19-Massentests – ein Bericht

Es ist jetzt 13:52 Uhr und ich bin bereits wieder daheim. Mein Time-Slot für den Massentest war um 13:30.
Das ist das Tolle daran.

Weniger toll ist, dass ich nicht getestet wurde. Die Gründe dafür möchte ich kurz schildern.

Zuerst ist die Anmeldung schon einmal sehr mühsam, weil ich mehrere Fehlermeldungen bekam:

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Bild 1: Fehlermeldung

Ich versuche es daraufhin mehrfach und mit ca. einer Stunde Verspätung bekomme ich dann die Nachricht, dass ich um 13:30 eingeteilt bin. Ich finde das prinzipiell gut, dass die Freiwilligen bestimmten Zeiten zugeteilt werden, damit es dort nicht zu langen Warteschlangen kommt.
Dann muss ich nur noch einen Laufzettel ausdrucken, auf dem eine Nummer stand (90048743) und mich zum Zeitpunkt am Roland-Rainer-Platz 1 einfinden. Das ist der Platz vor der Stadthalle, in der angeblich jede Menge Schnelltest-Straßen aufgebaut wurden.
Ich besteige frohen Mutes die U6, die sich als erfreulich leer erweist – nicht mehr als sonst jedenfalls, keine Spur von Gedränge.

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Bild 2: In der U6

Ich steige aus und marschiere zur Stadthalle. Dort sehe ich die Schlange. Genauer: die Mutter aller Schlangen. Die längste Schlange, die ich in meinem Leben je gesehen habe – noch viel länger als die damals in London Heathrow beim schlimmsten Urlaub meines Lebens. Und die war echt arg.

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Bild 3: Die Schlange, die ich aufgrund ihrer Länge nicht auf ein Bild bekommen konnte.

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Bild 4: noch eine andere Perspektive der Mutter aller Warteschlangen, die sich tatsächlich aufgrund ihrer Länge schlängeln musste

Auf dem Bild ist es leider nicht zu erkennen: Die Schlange reicht von der Stadthalle zurück quer durch den gesamten Park bis zum Gehsteig Hütteldorfer Straße, dort den gesamten Gehsteig wieder hinauf zur Stadthalle und noch einmal die gesamte Länge zurück bis zur Ecke des Parks. Geschätzt 500 Meter.
Die Leute bemühen sich nicht dicht gedrängt zu stehen, aber sie können auch keine Schlange quer durch halb Wien bilden, außerdem ist allen kalt (es weht ein eisiger Wind bei 3 Grad – wenigstens plus und nicht minus) und vielleicht hat ja auch der eine oder die andere nicht ewig Zeit.
Eine Ewigkeit dauert es nämlich bis zum Eingang in´s Warme. Ich schätze die Wartezeit auf ca. zwei Stunden.

Was dann dort drinnen stattfindet, konnte ich nicht mehr herausfinden. Für zwei Stunden Warten im Freien war ich nicht ausgerüstet, schon gar nicht ohne Bewegung.
Zudem gab es keinerlei Ordnerdienste, schlicht und einfach niemand, der Auskunft geben hätte können oder irgend eine andere Art der Information. Es gab nur einen frierenden Studenten, der am Eck des Parks FFP2-Masken austeilte und sonst nichts wusste und auch nicht helfen konnte.

Fazit: Ich bin wieder heimgefahren und hab den Laufzettel zum Altpapier befördert. Für mich hat sich die Fahrt trotzdem ausgezahlt, denn ich habe die schlechteste Organisation sehen dürfen, die ich je erlebt habe.
Da ich selbst seit ca. 25 Jahren Projekte organisiere, war das quasi das ultimative Lehrstück des Scheiterns, der Desorganisation.
Kurz aufgelistet:

1.) Wenn ich einen Zeitslot bekomme, dann kann ich nicht mit zwei Stunden Wartezeit rechnen, auch nicht mit einer Stunde. Daher bin ich nicht darauf eingestellt, schon gar nicht im Winter im Freien.
2.) Wozu werden die Slots vergeben, wenn ich mich genauso in eine Schlange einreihen muss wie ohne Slot?
3.) Ich kann drinnen in der Halle eine Million Teststraßen haben. Das nützt nichts, wenn ich genau eine einzige Türe als Eingang habe und somit ein Nadelöhr, an dem es sich stauen muss, egal wie schnell ich die Menschen durchschleuse.
4.) Es gibt Unternehmen, die so etwas perfekt organisieren können. Warum werden die nicht engagiert? Die wissen etwa, wie man so ein irres Nadelöhr verhindert. Da gibt es Gittergassen, Ordner, Absperrbänder, Orientierungsschilder etc. Diese Firmen haben derzeit eh wenig zu tun, weil es keine Großveranstaltungen gibt.

Wer auch immer das dort organisiert, mein Neffe Niklas könnte es besser. Der ist zwar erst 1,5 Jahre alt, aber schlechter hätte er es auch nicht gemacht.

Dirndl – die Königin unter den Marmeladen

Ich mache seit 2006 Marmeladen selbst. Ein Freund hat in Greifenstein an der Donau einen wunderschönen Marillenbaum, der manchmal mehr, manchmal weniger trägt, immer aber in herausragender Qualität. Damals entstand der Wunsch nach selbstgemachter Marmelade, ohne Konservierungs- oder Farb- oder sonstige Zusatzstoffe. Einfach nur mit Zucker und einem Geliermittel, ich nehme Quittinpulver.

Zudem bevorzuge ich sortenreine Marmeladen, auch wenn sie gerade nicht in Mode sind, sondern viele Leute gerne mischen (Rhabarber-Erdbeer-Marille oder Zwetschke-Hollunder-Himbeer etc.). Mir schmeckt es besser, wenn ich die eine Frucht schmecke, die da drin ist.

Seit einigen Jahren produziere ich viele Sorten, die Dirndlmarmelade war aber die zweite nach Marille und gehört bis heute zu meinen Favoriten.
Es gibt viele verschiedene Sorten, die aber alle ähnlich schmecken und sich eher in Größe und Farbe unterscheiden, von knallrot bis fast schwarz.
Allen gemeinsam ist die hohe Säure und das wenige Fruchtfleisch bei zugleich großem Kern. Offiziell heißt sie ja „Kornellkirsche“, wird aber in Österreich gern Dirndl genannt. Nach ihr ist sogar ein ganzes Tal benannt, nämlich das Pielachtal, übrigens ein wunderschönes Ausflugsziel, ich durchquere es gerne bei meinen Vespatouren. Dort wachsen die Bäume in großer Zahl und die Menschen haben erkannt, dass diese Frucht wertvoll ist und vermarkten sie gern und gut. Es gibt neben der Marmelade auch Chutney, Schnaps, Saft und noch vieles mehr.

Ich mag die Dirndlmarmelade aufgrund ihrer Vielseitigkeit. Sie passt in die Palatschinke genauso wie auf´s Brot oder zum Käse. Süß oder sauer, Dirndlmarmelade geht immer.
Zusätzlich ist ihr Geschmack mit keiner anderen Frucht vergleichbar und ihre Herstellung aufwändig, zumindest im Vergleich mit anderen Marmeladen.

Ich möchte mit diesem kleinen Beitrag zur Herstellung anregen. Es gibt speziell in Ostösterreich jede Menge Dirndlbäume, die nicht abgeerntet werden, auch in Wien und rund um Wien. Ich finde das schade und möchte auch noch auf den Nebeneffekt verweisen, dass solche selbst produzierten Marmeladen besser schmecken und zudem noch erkennen lassen, welche Schätze die Natur rund um uns bereithält.
Dirndlbaumstandorte gibt es da zwar keine, aber sonst kann ich diesen Link für alle sehr empfehlen, die nicht wissen, wo sie gratis Obst aus der Nähe bekommen können:

Fruchtfliege – Obstbäume auf öffentlichem Grund

Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich im Freundeskreis umzuhören. Meist kennt wer wen, der wen kennt, der weiß, wo ein Baum steht.
Und so funktioniert die Herstellung:

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BILD 1: Planen mit heruntergeschüttelten Dirndln

Geerntet werden die Dirndl möglichst reif, sie sollen schon weich sein, vielleicht noch nicht völlig gatschig. Man kann sie mit der Hand pflücken, was eine enorme Arbeit ist und nur bei kleineren Mengen für den Eigenbedarf empfehlenswert. Es ist aber auch da notwendig, wo sich unter dem Baum kein Platz befindet, auf den man eine Plane legen könnte, sondern etwa Gestrüpp, in das die Dirndln hineinfallen, wenn man sie herunterschüttelt.
Das ist natürlich die einfachere Variante. Im nächsten Schritt empfehle ich sie so aufzuklauben, dass möglichst wenig „Beifang“ wie kleine Äste, Blätter oder Insekten dabei sind. Ich sortiere auch die verrunzelten, vertrockneten oder sonstwie kaputten Früchte aus, vor allem die noch unreifen.
Das macht die nächsten Schritte leichter.

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BILD 2: Die Früchte im Sack, bereit zur Verarbeitung

Jetzt werden die Dirndln gebadet, um sie zu reinigen. Noch übriger Dreck schwimmt auf und kann weggefischt werden.

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BILD 3: Dirndln im Bad

Das Problem bei den Dirndln besteht vor allem darin, dass sie Steinfrüchte sind, im Gegensatz zu Marillen oder Zwetschken aber nicht vom Kern gehen. Es gibt meiner Ansicht nach nur eine sinnvolle Variante: den Einsatz einer wirklich guten flotten Lotte. Die bekommt man im Fachhandel, sollte aber Wert auf hohe Qualität legen, das macht sich schon beim ersten Einsatz bezahlt und das Ding hält auch ewig.
Im Sinne des Erhalts von Fachgeschäften empfehle ich vom Kauf bei Amazon und Co Abstand zu nehmen. Eine Möglichkeit wäre z.B. hier:
https://binder-schramm.at

Bevor die flotte Lotte zum Einsatz kommt, müssen die Dirndln noch ein zweites Bad nehmen, diesmal ein heißes. Ich nehme dazu einen großen Topf und fülle ihn mit Wasser, allerdings nicht zu viel. Es sollen ja die Dirndln hinein und darin leicht aufkochen.
Beim Aufkochen gehen sie auf und verbrauchen mehr Platz, daher dürfen nicht zu viele Dirndln im Topf sein und auch zu viel Wasser ist nicht gut – dafür gibt es noch einen guten Grund, etwas später.

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BILD 4: Dirndln im Kochtopf

Sobald den Dirndln ordentlich heiß wird, platzen sie auf und schwimmen nach oben. Das ist genau der richtige Zeitpunkt um sie rauszuholen und sofort in die flotte Lotte zu geben, die am eigentlichen Kochtopf drauf liegt.

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BILD 5: Die Früchte werden durch die flotte Lotte passiert.

Das Passieren ist keine Kunst, jedoch tendieren die Kerne zur spontanen Flucht und sausen dann gern durch die ganze Küche. Nicht so gut ist es, wenn sie darunter im Topf landen, also ein wenig aufpassen und dann zu passieren aufhören, wenn der erste Kern springt.
Das Wasser, in dem die Dirndln „blanchiert“ wurden, bitte nicht wegschütten, sondern die nächste Ladung Dirndln hinein geben. So fortfahren, bis alle Früchte im großen Topf sind.
Jetzt kommt das Quittin dazu. Es gibt drei Varianten: 1:1 oder 1:2 oder 1:3 – das bedeutet, eine Packung ist für 1 Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucke oder für ein Kilo Früchte auf 1 Kilo Zucker etc.
Wichtig ist, das Quittin zuerst in die Früchte zu rühren und diese dann aufzukochen und erst dann den Zucker dazu zu geben. Wenn man alles zugleich mischt, funktioniert das Quittin aus irgend einem Grund nicht – keine Ahnung, weshalb.

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BILD 6: Quittin dazu mischen

Sobald das Ganze ordentlich aufgekocht ist, kommt der Zucker dazu. Jetzt zahlt es sich aus einen ausreichend großen Topf genommen zu haben, damit nichts übergeht. Ich nehme ein wenig mehr als einen halben Kilo Zucker auf ein Kilo Dirndln, weil sie von Grund auf sehr sauer sind. Das hilft beim Gelieren (je mehr Zucker desto härter) und erzeugt die richtige süß-sauer Mischung.
Man kann den Zucker gleich aus der Packung hineinleeren, er löst sich schnell auf, Umrühren ist jetzt sowieso ständig angesagt. Ich verwende Feinkristallzucker, das geht schneller und kostet auch nicht mehr als Normalkristallzucker.

Jetzt geht es ans Abfüllen. Wenn die Marmelade kocht, dann kann sich oben Schaum bilden. Das ist nicht weiter tragisch, ich versuche den Schaum auf mehrere Gläser aufzuteilen und alles ist gut.
Es gibt hier sicher unterschiedliche Möglichkeiten, ich verwende einen Trichter und richte mir die Gläser möglichst alle her. Es kann nämlich passieren, dass gegen Ende die gut gelierende Marmelade schon zu stocken beginnt und sehr schnell abgefüllt werden muss. Das letzte Glas ist immer ein kleines, in das ich die Reste einfülle und meistens schon am nächsten Tag aufesse.

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BILD 7: Abfüllen der Marmelade

Die idealen Gläser sind übrigens die mit Klick-Klack-Deckel. Ich persönlich sammle über das ganze Jahr Gläser von Freunden, die sonst weggeworfen werden. Sie sind meist besser als neu gekaufte, müssen natürlich gut ausgewaschen werden, schonen aber jede Menge Ressourcen.
Während die Marmelade für 24 Stunden auskühlt, kann der Rest entsorgt werden. Außerdem nehme ich jetzt den Topf mit dem übrigen Blanchier-Wasser und fülle es in Flaschen ab. Das ist nämlich ein großartiger Dirndl-Saft, der noch gesüsst werden muss und auch im Kühlschrank nicht ewig hält. Ich nehme den Saft gerne zu den letzten schönen Festen im Freien mit, die es im September noch gibt.
Das war der Grund, die Dirndln vorher schon gründlich zu waschen.

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BILD 89´: Der Rest der Dirndln – viele Kerne

Meistens koche ich am Abend ein. Wenn ich mich dann ins Bett begebe, höre ich vor dem Einschlafen noch das eine oder andere „Popp!“ wenn einer der Klick-Klack-Deckel Unterdruck bekommt und die Marmelade für mehrere Jahre haltbar macht. Sofern sie nicht vorher aufgegessen wird.

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BILD 9: Die abgefüllte Marmelade kühlt aus und geliert.