Sind Korallenriffe bald Geschichte?

1.000 – das ist in etwa die Anzahl der Taucher, die ein Riff auf Small Giftoun Island betauchen. Täglich. Eine unfassbare Horde an Freizeitsportlern, von kleinen und großen Schiffen von allen Seiten herbeigekarrt, die meisten aus der in Sichtweite gelegenen Stadt Hurghada.
Wir befinden uns in Ägypten und es ist Hochsaison, Ende September. Da ist es unter Tags nicht mehr so knallheiß wie im Sommer, das Meer ist angenehm warm und es schein immer die Sonne. Das sind ideale Bedingungen und sie werden seit ca. dreißig Jahren gerne genützt.
Hans Hass hat sich diese Art von Massentourismus sicher nicht vorstellen können, als er vor über 70 Jahren das erste Mal in diese unglaublich schöne Unterwasserwelt eintauchte, als erster Mensch unter Wasser atmend, mit einem selbst entwickelten „Schwimmtauchgerät“.

Heute kann jedermann – und jedefrau – binnen drei Tagen und um wenig Geld den Tauchsport lernen und die Industrie lebt gut davon. Sowohl der Sportartikelverkauf als auch der gesamte Tourismus haben das Tauchen inzwischen professionalisiert und kommerzialisiert, und zwar weltweit bzw. überall dort, wo man tauchen kann.
In Ägypten am Roten Meer geht das besonders gut, es ist das Hausmeer der Europäer, die geographische und klimatische Lage erlauben einerseits eine schnelle Anreise, andererseits die Existenz tropischer Korallenriffe in einer eigentlich subtropischen Zone.
Die Touristen bewirken leider die Zerstörung der Unterwasserwelt, ironischerweise gerade weil sie es dort so schön finden.

Es sind allerdings nicht nur die Touristen, auch die ägyptische Industrie sowie der Schiffshandelsverkehr tun ihr möglichstes, um eines der größten Wunder dieser Erde zu zerstören. Korallenriffe gibt es seit Millionen Jahren und sie sind eine der Lebensgrundlagen dieser Erde.
Das Rote Meer ist quasi die Südost-Tangente der Meere, zwanzig Prozent des weltweiten Konsumgüter, die per Schiff transportiert werden, fahren dort durch und dann durch den Suez-Kanal. All diese Schiffe werden mit Schweröl betrieben. Wissen Sie, wie Schweröl aussieht? Es sieht so ähnlich wie Teer aus und wird in großen Blöcken auf die Schiffe gebracht, wo es mit hochgiftigen Chemikalien flüssig gemacht und dann verbrannt wird. Es Die Abgase sind hochgiftig und werden ohne jegliche Filterung durch die Schornsteine geblasen, mit dem 16.000-fachen Schwefelanteil von Superbenzin und noch jede Menge anderer Schadstoffe. Der weltweite Schiffsverkehr verursacht mehr Abgase als der Autoverkehr und ist gänzlich ungeregelt. Es gibt keine Vorschriften für Filter oder sonst irgend etwas, kein Gesetz gegen die Verschmutzung oder irgend jemand, der dieses international durchsetzen könnte. Lediglich die Schweden/Norweger haben ihren Schiffen die Umrüstung auf Diesel verordnet.
Dieser Dreck landet in der Luft und dann natürlich auch im Meer und wir alle profitieren davon, denn die Ölindustrie möchte das bei der Benzinerzeugung übrig gebliebene Abfallprodukt Schweröl los werden und die Eigner der Schiffe wollen möglichst billigen Sprit. Das ermöglicht, dass die Transportkosten per Schiff weltweit extrem niedrig sind und wir billige Waren aus der ganzen Welt kaufen können.

Den Preis dafür zahlen unter anderem die Korallenriffe, da sie durch die Luftverschmutzung und den Treibhauseffekt massiv gefährdet sind. Wenn sich die Meere erwärmen, sterben sie ab. Wenn El Nino kommt, sterben sie ab. Wenn sich durch Dreck und andere Faktoren die Balance unter Wasser verschiebt, haben die Schädlinge wie die Dornenkrone (riesiger Seestern, der Korallen frisst) Hochsaison und die Korallen sterben ab. Wenn Heerscharen von Tauchern die Riffe bevölkern und zertrampeln, sterben sie ab. Man wird auf der Welt wohl keinen einzigen Unterwasserexperten finden, der die Riffe nicht weltweit als äußerst bedroht einstuft.

Als Tourist merkt man von all dem nur etwas, wenn man genau hinschaut. An vielen Riffen muss man übrigens gar nicht genau hinschauen, denn es ist offensichtlich. Wo früher ein bunter Korallengarten mit einer Vielzahl von Lebewesen war, sieht man jetzt tote Korallenstöcke, die mit schleimigen Algen überzogen sind, die in dem mit Nährstoffen angereicherten Wasser gut gedeihen. Woher die Nährstoffe kommen? Rund um das kleine Fischerdorf Marsa Alam wurde vor ein paar Jahren ein internationaler Flughafen eröffnet und pro Jahr kommen 5-7 neue Ressorts dazu, jedes für 1.000 bis 3.000 Touristen. Woher die Touristen kommen? Wenn man durch Hurghada geht, dann sieht man alles auf Englisch, Deutsch und seit einigen Jahren auch auf Russisch angeschrieben. Die Russen haben Ägypten als billigen Ferienort entdeckt und holen sich jetzt ihren Teil vom Massentourismus westlicher Prägung. Es gibt billiges Fressen und Klimaanlagen wohin man schaut, Burger King und McDonald´s, Pizza Hut und Kebab, StarBucks und Kentucky Fried Chicken. Noch Fragen?

Jedes dieser Ressorts leitet seinen gesamten Dreck ins Meer. Es gibt keine Kläranlagen und der Strom wird aus riesigen Dieselgeneratoren gewonnen, die für die Entsalzungsanlagen sowie die Klimaanlagen gebraucht werden. Man darf nicht vergessen: Wir befinden uns in der Wüste und dort sieht es eigentlich auch so aus. Jetzt findet man Golfplätze und Swimming Pools, Stahlbeton-Hotels und Shopping-Center. Neben dem Flughafen von Marsa Alam wurde eine künstliche Stadt (Port Ghalib) rund um eine künstlich angelegte Marina gebaut. Das Vorbild war eine andere, schon ein paar Jahre länger existierende ähnliche Plastikstadt nördlich von Hurghada, nämlich El Gouna.

Ich war vor ein paar Jahren in El Gouna. Dort haben sie einen Golfplatz und eine Handvoll große Hotels (Steigenberger Golf Hotel etc.) hingebaut. Das Gras des Golfplatzes ist gentechnisch so verändert, dass es mit Salzwasser (bzw. teilentsalzenem Wasser) gegossen werden kann. Auch das verbraucht Unmengen an Öl, das es allerdings in Ägypten noch in ausreichenden Mengen und somit zu Spottpreisen gibt. Mit diesen Petrodollars sind einige Ägypter sehr sehr reich geworden, und sie haben sich dann jeweils eine eigene künstliche Stadt gebaut, mitten in die vorher komplett unberührte Wüste.

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Bild 1: Anlegestelle mit Stromtankstelle in Port Ghalib. Im Hintergrund sind die Appartements erkennbar, ein Stück Kanal und eine Brücke

Port Ghalib ist auch so eine Stadt und wenn man durch marschiert, sprich: an der Hafenmole entlang geht, dann kann es einem so vorkommen, als ob man in einem Potjemkinschen Dorf wäre. Ich hatte das Gefühl, dass die Häuser nur aus einer Fassade bestehen, hinten durch Holzpfeiler abgestützt, wie bei einer Filmkulisse.

Es ist eine Art Geisterstadt, denn die dort gebauten Wohnungen und Appartements sind großteils unbewohnt. Der Besitzer und Erbauer der Stadt hat ohnehin genug Geld und ist nicht darauf angewiesen, die Wohnungen billig zu verkaufen. Auch die Angestellten der zahlreichen Geschäfte und Lokale hängen gelangweilt herum, da und dort sitzt ein kleines Grüppchen Touristen und isst Hamburger mit Pommes.

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Bild 2: Abendspaziergang an der Hafenmole von Port Ghalib

Es gibt kleine Brücken über unbenützte Kanäle, wie in Venedig, nur sind sie hier aus Stahl-beton. Die Palmen sehen aus wie aus Plastik und das türkisblaue Wasser in der Lagune wirkt gefärbt. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, obwohl es ein sehr warmer Abend war. Übrigens: Auch in Hurghada, wo es eine neue Marina gibt, sieht die Hafenpromenade genau gleich aus, alles wirkt künstlich und ist es auch.

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Bild 3: Hafeneinfahrt Port Ghalib mit künstlich angelegtem Rasen und Lagune im Hintergrund

In Planung sind weitere Kanäle, die bis zum ca. zwei Kilometer entfernten Flughafen reichen sollen, so dass die Touristen ohne Bus direkt auf ihre Schiffe gehen können.

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Bild 4: Private Motoryacht „Port Ghalib“ im Hafen von Port Ghalib. Gehört wahrscheinlich einem Scheich namens Ghalib. Dürfte nicht ganz billig gewesen sein. Die große weiße Fläche am Heck ist übrigens eine Garage für Wetbikes.

Den Meeresbewohnern entgeht die Verschmutzung und der Druck auf ihren Lebensbereich nicht. Besonders hervorheben möchte ich die Korallen, denn sie sind die Basis allen Lebens am Riff. Ihre staatenbildenden Polypen dienen im Larvenstadium vielen Fischen als Nahrung und als Riffbauer erzeugen sie erst das gesamte Biotop, von dem unzählige Arten abhängig sind. Wenn sie sterben, stirbt das Riff und mit ihm alle Bewohner.
Auch die Menschen kommen dann auf lange Sicht nicht ungeschoren davon, so viel ist sicher.

Kommen wir wieder zu unserem Tauchausflug zurück. Um sechs Uhr früh geht es los, die am Riff festgebundenen oder gerade angekommenen Safariboote lassen die ersten TaucherInnen ins Wasser – je zwanzig Stück pro Schiff. Das sind meist noch diejenigen, die am wenigsten Schaden anrichten, weil sie meist gute und somit kontrollierte Taucher sind, die oft auch ein gewisses Verantwortungsbewusstsein mitbringen. Sie passen auf, was sie mit ihren Flossen tun und versuchen, nichts zu berühren. Aber auch sie üben Druck aus, weil sie seit der Erfindung der kleinen, billigen Digitalkameras viel öfter einen Fotoapparat mit haben und sich zum besseren Knipsen gerne auf den Korallen abstützen. Wenn das hin und wieder ein Taucher macht – kein Problem, aber die Masse ist für das Riff schwer zu verkraften.

Ab zehn Uhr geht es dann los. Im 5-Minutentakt treffen die Tagesboote ein, die ebenfalls zwischen fünfzehn und zwanzig Taucher an Bord haben. Bis zu Mittag habe ich etwa 40 Schiffe gezählt, allein für das eine Riff mit einer Länge von ein paar hundert Metern.

Auf diesen Booten befinden sich TaucherInnen jeglicher Güte, bis hin zu so genannten „Bubblemakern“ – meist Anfänger oder unroutinierte GelegenheitstaucherInnen. Auch sie wollen alle die fantastische Unterwasserwelt sehen und geben dafür gutes Geld aus. Auch sie zerstören nicht mutwillig die Korallen, aber sie tun es, denn sie wirken unter Wasser wie eine Dampfwalze, Millionen Flossenschläge setzen das Riff gewaltig unter Druck, denn eine abgebrochene Koralle hat oft Jahrzehnte gebraucht, um heranzuwachsen. Dazu kommen noch der ins Wasser geworfene Müll sowie die Fäkalien, die einem dann unter Wasser geschmackvoll entgegen treiben. Die meisten Boote haben nämlich als Abfluss für die Toilette einfach ein Rohr, das den Dreck unten raus lässt. Auch die großen Safariboote lassen sämtliche Fäkalien ins Wasser, jedoch meist bei einer Überfahrt auf hoher See, wenn es niemand merkt.
Dazu kommt noch das Öl und Benzin, das die Boote verlieren – es ist auch hier die Summe der Verschmutzungen, die das Riff belasten.

Am folgenden Bild sieht man die große Schar der Schnorchler und Taucher, die über das Riff herfallen. Die Tagesboote, die sie dorthin bringen, stehen unter starkem Konkurrenzdruck und müssen so auf ihre Kosten schauen. Die Umwelt steht da an allerletzter Stelle, was bei den Safaribooten nicht ganz so schlimm ist.

Die Schnorchler (darunter auch viele Kinder) bekommen eine Schwimmweste und dann dürfen sie über das Riff schnorcheln. Einen Vorteil hat das ganze: Durch die Weste können sie wenigstens nicht hinunter tauchen und unten nichts kaputt machen, zumindest nicht direkt.

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Bild 5: Tagesboote mit Schnorchlern und Tauchern vor einem Riff bei Small Giftoun Island, 5. Oktober 2011

Wer zu einem Korallenriff hinabtaucht, befindet sich plötzlich in einer anderen, uns sehr fremden Welt, und zwar als Eindringling. Unzählige Augenpaare starren die TaucherInnen an, manche neugierig, viele ängstlich und bei einigen lässt sich das nicht so genau sagen. Das System unter Wasser ist perfekt abgestimmt, viele Riffbewohner gibt es in nahezu unveränderter Form schon seit vielen Millionen Jahren.
Eiszeiten, Meteoriten, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Klimaveränderungen – all das konnte dem System Korallenriff nichts anhaben, denn sie waren immer lokal oder fanden in einem so langen Zeitraum statt, dass sich die Riffe daran anpassen konnten.

Jetzt stehen sie vor einer neuen Herausforderung, denn der Mensch bedroht sie global (es gibt auf der ganzen Welt kein einziges wirklich unbelastetes Riff mehr) und extrem schnell.

Binnen weniger Jahrzehnte hat er es geschafft, die Meere gründlich zu verschmutzen und zu plündern. Einige Meeresbewohner stehen am Rand der Ausrottung. 95 % des weltweiten Haibestandes sind bereits verschwunden, das merkt man auch beim Tauchen ganz massiv. Noch vor ein paar Jahren sah man in einigen Gebieten bei jedem Tauchgang einen Hai. Wenn man heute dort taucht, ist man über 2-3 kleine Exemplare pro Woche schon zufrieden. Geldgier und mangelndes Verständnis führen eine Tierart, die es schon vor den Dinosauriern gab, wahrscheinlich bald zu einem Ende. Dafür können einige Menschen sagen, dass sie Haifischflossensuppe gegessen haben.
Haie sind insofern ein spezielles Beispiel, als sie beim Menschen (auch durch den Film „Der weiße Hai“) einen Angstreflex auslösen. Und wovor der Mensch Angst hat, das tötet er. Die Haie sind aber seit Jahrmillionen ein wichtiger Bestandteil der Nahrungskette der Meere, die man nicht einfach beliebig verändern kann, ohne mit drastischen Folgen leben zu müssen.

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Bild 6: Eine Pfötchen-Koralle kämpft ums Überleben. Im Hintergrund sieht man den noch intakten Teil (mit einer Fünfbinden-Demoiselle), im Vordergrund den abgestorbenen, von schleimigen Algen überzogenen Bereich.

Echte, d.h. verantwortungsvolle TaucherInnen stehen vor einem Dilemma: sie lieben die Unterwasserwelt und wollen sie schützen. Sie wollen aber auch genau diese Unterwasserwelt besuchen und erleben:

Am besten schütze ich diese Welt, wenn ich ihr fernbleibe.
Am besten schütze ich diese Welt, wenn ich sie besuche.

Wer nicht dorthin fliegt und taucht, bricht keine Korallen ab und trägt nicht zur Verschmutzung bei. Leider ist das nicht so einfach, denn wir alle konsumieren diejenigen Produkte, die durch das Rote Meer auf riesigen Containerschiffen und Tankern zu uns gebracht werden. Wir alle tanken das Benzin, wir alle kaufen das Plastik aus China und fast alle kaufen auch die Birnen aus Südafrika (statt aus dem Mostviertel).
Wer dorthin auf Tauchurlaub fliegt, sichert eine Menge Arbeitsplätze: die Werftarbeiter, die das Schiff bauen, die Crew der Schiffe, die Händler, die Bauern, die Tourismusmanager und noch unzählige Menschen mehr leben vom Tauchtourismus. Wollen wir ihnen das weg nehmen? Welche Verantwortung wiegt schwerer?

Wer die Unterwasserwelt kennen und lieben lernt, wird oft zu ihrem Botschafter. Diese Menschen erzählen ihren Freunden davon, wie traumhaft schön und somit schützenswert diese Lebensräume sind. Manche wählen dann sogar eine Partei, die sich wirklich für Umweltschutz engagiert, einige setzen sich selbst auch aktiv dafür ein.

Ich wage eine erste, vorsichtige Auflistung, was der einzelne Taucher tun kann:

1.) Boote buchen, die sich bemühen, die Umwelt zu schützen

Leider gibt es die nicht wirklich, denn die meisten Ägypter haben (zumindest meiner Erfahrung nach) keinerlei Sinn für die Umwelt. Es fällt ihnen gar nicht auf, wenn in einer leeren Kabine eine Woche lang die Klimaanlage auf voller Kraft läuft. Das Benzin ist in Ägypten staatlich subventioniert und immer noch spottbillig. Das folgende Bild zeigt einen Ausschnitt des Problems:

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Bild 7: Das 32-Meter-Safariboot von Greenforce.be. – es unterscheidet sich nicht von anderen Booten, links hinten kann man den Dreck sehen, den der Auspuff rausschleudert.

Mülltrennung ist überhaupt ein Fremdwort, hier wäre es jedoch sehr aufwändig, eine Veränderung zu versuchen, denn man müsste ja nicht nur auf dem Schiff trennen, sondern dahinter ein System wissen, das ebenfalls die Trennung weiter verarbeitet. Und das gibt es in Ägypten schlicht und einfach nicht.

2.) Möglichst wenig kaputt machen

Ein guter Vorsatz, er entspricht dem Taucher-Motto „Take only impressions, leave only bubbles“. Wer seine Tauchgänge so plant, dass er/sie möglichst wenig kaputt macht, entwickelt ein Bewusstsein der eigenen Fähigkeit dem Meer zu schaden: Wir entstammen dem Meer – was gibt uns das Recht, es kaputt zu machen? Das ist ein guter Anfang.

3.) Auf Kleinigkeiten achten

Da wird es schon schwieriger: Klimaanlage abdrehen, wenn sie nicht wirklich gebraucht wird, das gleiche gilt für Licht und andere Energiefresser. Wir hatten diesmal an Bord der „Golden Dolphin II“ pro Person eine beschriftete Wasserflasche, die an den diversen Tankstationen, die überall im Schiff verteilt waren, nachgefüllt wurde. Das hat eine Menge Plastik gespart.

4.) Initiativen unterstützen

Es gibt sie zuhauf und es ist gar nicht so leicht, die richtigen herauszusuchen: Wale, Haie, auch Riffe, Delphine, Tunfische – alles mögliche müsste geschützt werden und für fast alles gibt es Initiativen. Manchmal ist schon eine Unterschrift oder ein „Gefällt mir“ hilfreich, man wird sehen, wie es in Zukunft im Social-Media-Bereich weiter geht.

5.) Parteien wählen, die für den Schutz der Meere sind

Natürlich sind alle für den Schutz der Meere, aber sind sie das wirklich? Kann man zugleich der Ölindustrie huldigen und die Meere schützen? Bleiben nur die Grünen als in diesem Punkt wählbare Partei übrig, oder nicht einmal die? Letztlich muss das jede(r) selbst entscheiden.

6.) BotschafterIn der Meere werden

Artikel schreiben, mit leuchtenden Augen über die Schönheiten berichten, aber auch über die Zerstörung, die unter Wasser inzwischen unübersehbar ist. Das geht den Leuten mit der Zeit auf die Nerven, daher muss jeder die maximal zumutbare Dosierung selbst finden.

Irgendwie ist das nicht sehr viel, als TaucherIn fühlt man sich meist ein wenig hilflos. Es ist klar, dass die Belastung der Meere in den nächsten Jahren noch erheblich zunehmen wird. Noch mehr Menschen mit noch mehr Hunger und anderen Bedürfnissen, wie etwa dem nach endlosem Konsum und Luxus. Das verursacht bei unserem heutigen Lebensstil in der Wegwerfgesellschaft noch mehr Müll, der letztlich wieder in den Meeren landen wird. Mehr Plastik, mehr Öl, mehr Chemikalien, mehr Pestizide, mehr Phosphate und natürlich immer mehr Freizeitwünsche, die befriedigt werden wollen – jetzt gleich und für alle.

In Ägypten zeigt sich im so genannten „Tiefen Süden“ an der Grenze zum Sudan folgendes Bild: Ein Drittel jedes Riffs ist tot: abgestorbene Korallenstöcke, von schleimigen Algen überzogen, die sich von dem Dreck ernähren, den wir ins Meer leiten. Da und dort ein kleiner Fisch. Ein weiteres Drittel ist am Absterben und bereits massiv geschädigt. Das dritte Drittel ist noch ganz okay. Wenn Hans Hass mit einer Zeitmaschine aus den 1950ern in die heutige Zeit reisen würde, dann erschiene ihm auch das schöne Drittel als katastrophal, aber wir haben nichts mehr, mit dem wir es vergleichen könnten. Selbst die Erinnerungen reichen da nicht aus.
Die Zerstörung passiert blitzschnell – gemessen in erdgeschichtlichen Rhythmen, wie eine Explosion. Für einen menschlichen Rhythmus ist es überhaupt keine Explosion, sondern ein langsamer Vorgang, den man nicht wirklich mit freiem Auge beobachten kann. Ich war im Abstand von fünf Jahren zwei Mal auf den St. Johns-Riffen und bin entsetzt, wie sehr sich die Riffe zum Negativen verändert haben.
Nun passiert folgendes: Das gute Drittel wird umso mehr betaucht, da die TaucherInnen ja nur die schönen Plätze sehen wollen. Die Guides wissen das und drehen meist vor der Ecke, hinter der man den Korallentod gut sehen könnte, mit ihrer Gruppe um.
Damit ist es nur eine Frage der Zeit, bis das noch gute Drittel auch abstirbt, denn es wird die massive Dauerbelastung nicht mehr lange aushalten.

Nun könnte man einwenden, es gibt ja noch die arabische Seite mit genauso vielen schönen und spektakulären Riffen wie herüben auf der ägyptischen Seite. Und dann gibt es noch den Sudan und Eritrea, beide Staaten mit endlos langen Küsten. Dort müssten die Korallen eigentlich noch in Ordnung sein, quasi ein Paradies, wie wenn man mit einer Zeitmaschine zu den Zeiten gesunder Riffe zurückfahren könnte.

Leider ist dem nicht so. In all diesen Ländern wird auf Teufel komm raus mit Dynamit gefischt. Das ist die kurzfristigste Art wie man schnellen Profit manchen kann und somit sehr beliebt.
Irgendwie dürften Araber keinen Sinn für die Umwelt haben, denn die Saudis haben genügend Geld, um die Zerstörung ihrer Umwelt zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.
Sie haben aber keinerlei Interesse daran, warum auch immer. Dafür plant der Saudische König den Bau von einem Dutzend Atomkraftwerke oder mehr.

Seit ein paar Jahren gelten Tauchsafaris in den Sudan als Geheimtipp. Dort befinden sich noch die unberührten Riffe, heißt es. Wenn man dann mehr Informationen einholt, dann ändert sich auch dieses Bild. Vor dem Sudan und vor Eritrea fahren die gleichen Supertanker und Containerschiffe, einzig und allein die Belastung durch Taucher und Industrie ist geringer. Aber das Rote Meer ist das Rote Meer und Strömungen kennen keine Nationalgrenzen.

Was wir jedoch sehr wohl tun können, ist unser Leben Schritt für Schritt ein wenig grüner zu machen, oder „ökologischer“, wem das Wort „grün“ zu sehr nach linkslinken Chaoten klingt. Man kann z. B. auf gestressten Fisch verzichten (Lachs, Tunfisch) und statt dessen Karpfen und Reinanken essen. Das fetzt nicht so rein wie Wolfsbarsch und Seeteufel? Mag sein, aber letztere spielt es dann auch nicht mehr so lange. Wer von uns möchte derjenige sein, der mit einem zarten Schmatzen und einem gepflegten Rülpser den letzten Branzino verschlingt?

© Guido Schwarz, 14. Oktober 2011

Bildquellen: Alle Bilder Guido Schwarz, außer Bild 6 (Andrea Blanzano)

Der Heinz ist nicht mehr

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Bild: Heinz Kittenberger

Es muss Sommer 93 gewesen sein, als ich nach Liesing fuhr, weil dort ein geiles Fest stattfinden sollte. Ich bin bei Festen gerne früh dort, denn dann kann man interessante Menschen kennen lernen und langsam in das Fest hinein wachsen. Leider hatten mir meine Freunde noch dazu eine falsche Startzeit angegeben und so war ich tatsächlich zu früh dort.
Das Fest war eine House-Party und fand in einem Schießkeller statt. Ich wartete in der langen Auffahrt, als plötzlich ein hünenhafter blonder Typ mit etwas schlacksigem Gang vor mir stand und mich begrüßte.

Das war der Heinz und so hab ich ihn kennen gelernt. Wir entdeckten schnell, dass wir gemeinsame Freunde hatten und er lud mich gleich auf einen Stoli ein, denn er hatte gerade zufällig eine Flasche dabei, da er zu den Veranstaltern gehörte.
Beiderseitige Sympathie führte dazu, dass wir noch in diesem Sommer gemeinsam den Rathausplatz unsicher machten und Heinz im Winter 94 mit der Greifenstein-Runde mit nach Kroatien fuhr, über Silvester.

Heinz war das, was man „immer gut drauf“ nennt, und er war für jedes Fest zu haben. Mit der Zeit entdeckten wir, dass er da und dort ein klein wenig zu übertreiben pflegte. Er hatte eine Stahlbaufirma und war auf Inneneinrichtung spezialisiert. In diesem Job war er wirklich gut, bis auf die Zahlen, die mochte er gar nicht. Und Computer auch nicht. Also schrieb ich ihm mehrere Jahre lang die Angebote, und er schickte sie dann an die Auftraggeber.

Nebenbei jobbte er noch als Mitglied einer militärischen Spezialeinheit. Ich weiß bis heute nicht, was daran erfunden und was die Wahrheit war. Auf einer meiner Parties stand er plötzlich in der Eingangstür, mit Natojacke, Jeans, Sportschuhen und Baseball-Kappe und drückte mir eine Tasche in die Hand: „Bring die sofort in dein Schlafzimmer und versteck sie. Ich komm gerade von einem Auftrag und das soll niemand sehen.“
Die Tasche hatte einen offenen Zipp und so sah ich drin seltsame Dinge, wie eine Maschinenpistole mit Laser-Zielgerät und noch andere Waffen. So war der Heinz. Er war Profisurfer und Kickboxer, Fallschirmspringer und Weiberheld, Snowboarder und Trinker. Er war verrückt, liebenswert, manchmal unausstehlich und oft hilfsbereit.

Heinz erschien auf seinem eigenen Geburtstagsfest – nicht. Wir machten es beim Weihrauch und es war ein Überraschungsfest. Die größte Überraschung bestand darin, dass er nicht auftauchte. So blieb sein Platz leer und davor stand eine Torte. Für den Heinz, der nicht da war. Er meinte später, er wäre spontan nach Wr. Neustadt Fallschirmspringen gegangen und hätte sich dann mit Freunden versoffen. Und sein Handy hätte er nicht mit gehabt. Und auf die tolle Party, auf die ich ihn mitnehmen wollte, hätte er einfach vergessen.

Heinz war ein sehr begabter Mensch. Viele aus meinem bzw. unserem Freundeskreis haben Dinge, die er selbst hergestellt hat. Ich habe das Glück, gleich eine ganze Menge zu haben, einen Kasten, Couchtische, einen CD-Ständer und vor allem eine famose Sitzgarnitur.

ES gibt eine Menge Geschichten, die wir alle mit dem Heinz erlebt haben. Sie waren fast immer lustig und immer schräg.

Seine letzte berufliche Anstrengung war der Aufbau einer neuen Selbstverteidigungsmethode. Das Konzept war toll, seine Art zu unterrichten war professionell und gut. Leider konnte er es nicht mehr vermarkten, er war schon zu sehr in eine Welt hinüber gewandert, die nicht mehr die seiner Mitmenschen war. Diese nahmen ihn nicht mehr oder nur mehr zum Teil ernst. Hin und wieder blitzten seine Talente auf und es fanden Begegnungen statt. Leider nur allzu oft flüchtete er in verrückte Geschichten, die keiner mehr glaubte und die ihn als Mensch von uns abrücken ließen. Ob er dies selbst wollte, werden wir nie erfahren. Der Heinz konnte auch sehr verschlossen sein und gut abblocken, er wechselte einfach das Thema oder meinte: „Ich bin ein Blondchen, ich darf das.“
So konnte er seine letzte wirklich gute Idee nicht mehr umsetzen und driftete immer mehr in eine Welt, in die ihm keiner folgen wollte und konnte. Das Fluchtvehikel war letztlich der Alkohol und es war nur mehr selten der Fall, dass man ihn nüchtern sah. Ich selbst habe ihn seit meinem letzten großen Geburtstagsfest nicht mehr gesehen, das war vor fünf Jahren.

Bei unseren Telefonaten hatte ich nie das Gefühl, noch an ihn heranzukommen. Das war auch früher schwierig, aber nicht unmöglich. Seine Themen waren einseitig und immer die gleichen. Sie wiederholten sich und es war schwierig, das Interesse daran auch nur ein wenig aufrecht zu erhalten.

Die meisten Freunde hatten sich schon von ihm entfernt, und das aus gutem Grund. Heinz ließ sich nicht helfen, bis zum Schluss nicht. Er lebte ein einsames Leben, das immer einsamer wurde, mit Hund und alter Mutter, mit seinen Geschichten aus der Vergangenheit, die leider keine Zukunft hatten. In einem schönen Haus, gut gesichert gegen Eindringlinge, so wie der Heinz selbst auch.

Er ist in seinem Haus gestorben, in seiner Welt, zwischen Design und Alkohol.

Ich werde ihn vermissen, Heinz das Blondchen, Heinz den lustigen Kumpel, den Hundebesitzer, den kreativen Menschen, den Sportler, sogar den Aufschneider und Weiberheld.

Er geht uns voraus und irgendwann werden wir ihm folgen. Mach´s gut, lieber Heinz.

Guido geht shoppen

…das ist dramaturgisch irgendwo zwischen „Lola rennt“ und „The Day After“ anzusiedeln.

Heutiges Transportmittel: Fahrrad.
Temperatur: angenehm.
Erstes Ziel: die Visitkartendruckerei meines Vertrauens. Oder besser: die, zu der ich bis jetzt ein paar Mal hingegangen bin. Der neue Mitarbeiter versprach, meine Karten tip-top zu setzen. Erstens weiß dort die rechte Hand nicht, was die linke tut („im Expedit find ich amal nix, ich verbind sie zum Druck“) und der junge Mann hatte meinen Namen ca. 0,7 mm an den Rand gedruckt. Leider wurde den Mitarbeitern scheinbar eingeprügelt, dass sie ja keine Fehler zugeben dürfen. Sie schauen auf die fehlerhaft gedruckten Karten, leicht betreten, und meinen: das ist eh okay, das ist ganz normal so…
Wie auch immer, ich muss noch einmal hinfahren, in ein paar Tagen, um die dann frisch ausgedruckten und hoffentlich besser gemachten Karten zu holen.

Zweiter Stop: beim GEOX-Shop in der Alser Straße. Meine Schuhbänder sind durchgewetzt und da die immer reissen, wenn ich es gerade überhaupt nicht brauchen kann, will ich neue kaufen. Ich betrete den Laden und störe einen Verkäufer, der gerade mit einer Verkäuferin hinter der Kasse plaudert:
„Grüß Gott, ich brauche für meine Geox-Schuhe neue Schuhbänder.“
Betretenes Schweigen.
Der Verkäufer schaut die Verkäuferin an.
Die Verkäuferin schaut den Verkäufer an.
Beide beginnen zu lachen, immer lauter, fast schon hysterisch.
Ich verstehe irgendwie nichts, kann auch nicht mitlachen. Dann werde ich, sobald die beiden sich die Tränen aus den Augen gewischt haben, aufgeklärt:
„Wir haben doch keine SCHUH-BÄN-DER“ (hi hi hi…)!!!

Ich blicke mich um. Was ist passiert? Bin ich des Wahnsinns fette Beute, im letzten Stadium vor der Einlieferung, wie Friedrich Nietzsche, als er in Turin ein Fiaker-Pferd weinend umarmte und daraufhin die Männer mit der Weißen Jacke kamen?
War ich gar nicht in einem Schuhgeschäft, sondern vielleicht bei einem Fleischhauer? Oder in der Moloko-Milchbar? War das Geschäft nur als Schuhgeschäft getarnt? Vielleicht ein Sado-Maso-Porno-Ring? Obwohl, dann hätten sie wenigstens Riemen aus Leder für mich gehabt.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass es wesentlich profaner war: „Wir haben so was überhaupt nicht, nein, auch nicht für Geox-Schuhe. Wir produzieren so was gar nicht“ meinte der Verkäufer mit voll Stolz geschwellter Brust. Ich soll nebenan zum DELKA gehen, dort würden sie alle hinschicken, die mit so seltsamen Anfragen in ein Schuhgeschäft kommen. Schuhbänder, ha!

Leicht beschämt schlich ich von Dannen – wie konnte mir auch nur so ein Faux pas passieren? In einem Schuhgeschäft nach Schuhbändern fragen, dz dz dz…

Ich besorgte mir beim Delka die notwendigen Schuhbänder („die komische Länge für 7-Loch hamma aber nicht in beige, da müssens kürzere nehmen“) und fuhr zur dritten Station, dem Schrauben-Spezialgeschäft Clausen in der Neubaugasse. Die ältere Dame in dem Steinzeitladen war urlaubsreif wie ein Schweizerhauskellner Ende Oktober und entsprechend entspannt. Aber sie hatte die notwendigen Beilagscheiben und Sprengringe und ich verließ schnell-schnell wieder das Geschäft, während sie hinter mir herbrummte („scho wieder alles in der falschen Kistn…“)

Letzte Station, der Zanoni. Ein herrlicher Septembernachmittag, da kommt so ein Stanitzel (heißt jetzt nach der bundesdeutschen Invasion „Tüte“) gerade richtig. Der italienische Verkäufer ist super, ich bekomme eine Riesenportion Malaga und After Eight („Prego“) und beim Hinausgehen ein freundliches „Ciao“.

Eigentlich ein guter Tag. Nur die Lust am Shopping anderer Leute werde ich wohl nie verstehen.

57er Chevy, blade Gitarrn und Zaunpinkeln

Das Deja-vu

Legendär die Szene am Ostbahn-IX-Platz im Sommer vor 20 Jahren. Damals spielte der Ostbahnkurti mit der Chefpartie und die Organisation war genauso mies wie diesmal. Derselbe Veranstalter? Wäre möglich. Jedenfalls gab es damals schon keine Häusln, was für die Damen elendslange Schlangen bedeutete und eine Art überirdische Körperbeherrschung und -früherkennung erforderte.
Die Herren hatten es leichter, sie gingen zu einer großen Böschung und pinkelten einfach hinunter in die Buschreihe. Feine Sache, bis auf den leicht alkoholisierten Herrn, der ein wenig die Balance verlor und die Böschung hinunter stürzte, hinein in besagte, gut durchtränkte Büsche. Gratulation im Nachhinein.

Die Organisation

Diesmal gab es keine Böschung, aber auch keine Klos. Es war tatsächlich nur eine Handvoll Mobilklos vorhanden und die waren beim Eingang aufgestellt, genau am weitesten Punkt von der Bühne entfernt. Da tausende Menschen dicht gedrängt standen, keine ganz einfache Koordinationstätigkeit.

Glücklicherweise mussten die Herren nicht so oft aufs Klo, weil auch der Biernachschub überhaupt nicht funktionierte. Die leicht überforderten Ausschschenksklaven hatten eine Handvoll Durchfluss-Kühlanlagen, aus denen in erster Linie Schaum rauskam. Offensichtlich wussten sie nicht, dass man die Fässer trotzdem einen Tag vorher anliefern und ruhen lassen muss. Auch ein wenig Kühlung hätte dem Bier nicht geschadet, es war lauwarm mit wenig Kohlensäure.
Die armen Damen und Herren hatten zudem nur eine Handkassa in Form einer Blechbüchse, in der alles Wechselgeld ungeordnet herum lag. Ewiges Stöbern war die Folge, ganz abgesehen davon dass sie untereinander nicht organisiert waren. Dabei wurden gerade bei diesem Konzert die meisten Karten im Vorverkauf ausgegeben und der Veranstalter wusste sehr genau, wie viele (sehr viele!) Menschen kommen würden. Und wenn er nicht ganz deppat ist, dann wusste er auch, dass Ostbahnkurti-Fans jede Menge Bier und Spritzwein trinken (Thomy: „Am besten ich nehm gleich vier Bier“ – Ich: „Gut, dann nehm ich auch vier…“).
Auch die Rückgabe der Pfandbecher war eine Katastrophe, denn dafür musste man sich genauso lange anstellen wie für ein Bier.

Auch am Eingang gab es Stress. Alles dauerte ewig, bis auf das Schlange-Bilden. Die wuchs schnell und es wurde klar: der Veranstalter hatte offensichtlich auch hier gespart („Oh, so viele Leute, und die wollen alle jetzt vor Beginn des Konzerts rein…“) oder ist einfach unfähig.

Sehr fein auch der Hinweis auf der Eintrittskarte, dass man nicht mit Stöckelschuhen zum Konzert kommen darf. Also:
1.) Ostbahnkurtifans tragen eher selten Stöckelschuhe beim Konzert.
2.) Schon gar nicht, wenn wettermäßig ein Inferno angekündigt ist
3.) Es war weder Zeit noch Möglichkeit, das am Eingang zu kontrollieren.
4.) Die Kaiserwiese hat keinen Parkettboden. Deswegen heißt sie auch „Wiese“ und nicht „Salon“.

Die netten, schlecht bezahlten und als Security verkleideten Studenten, die die Zäune absicherten, konnten irgendwann den Andrang aus Harndrang nicht mehr zurückweisen und erkannten, dass man einen gerade an den Zaun pinkelnden Herrn in Ostbahnkurti-Stimmung besser nicht von hinten zur Ordnung weist. Dann dreht er sich nämlich um, während dem Pinkeln. So geschah es und die Reihe der Zaunpinkler wurde immer größer. Es war übrigens kein Zaun, sondern ein großmaschiges Gitter und somit eher eine Art Orientierungshilfe, um nicht irgendwo hin zu lullen. Was auch irgendwie egal gewesen wäre, weil es ohnehin in Strömen regnete.
Das wird übrigens lustig für unsere Nachfolger am Tag danach, beim zweiten Konzert. Da wird es nämlich trocken sein. Aber vielleicht treiben sie ja noch irgendwo ein paar Klos auf. Rechts vorne gab es zwar einen Klowagen, aber soll sich der gesamte linke Teil vor der Bühne ganz nach rechts durchquetschen? Bei 50 Euro mal 10.000 macht das eine halbe Million Einnahme, da sollte sich die Miete ausgehen.

Wer sich übrigens beim zweiten Konzert die 50 Euro Eintritt ersparen will: Der besagte Zaun war nicht abgedeckt und die berühmten Zaungäste konnten das Konzert von draußen in der absolut gleichen Qualität wie die zahlenden Gäste ein paar Meter weiter genießen. Mit selbst mitgebrachtem Bier, ohne Schlange stehen.
Generell war aber der Standort Kaiserwiese gut gewählt: die richtige Größe, gute Sicht auf die Bühne, U-Bahn daneben, gute Akustigk – da gibt es nichts zu meckern.

Des Wetter wird umschlogn, do ziagt si schee wos zsam

Ein strahlend schöner, heißer Sommertag. Dann ab 17 Uhr starker Wind und pünktlich zu Konzertbeginn fing es zu regnen an. Auf der Facebook-Seite wurde gerätselt, ob das Konzert abgesagt wird, um 18 Uhr sollte es angeblich eine Entscheidung des Veranstalters geben. Ob es sie offiziell gab, weiß ich nicht, aber das Konzert fand statt.
Fast alle Menschen waren vorgewarnt und hatten Regenpellarinen mit. Ich hatte die Grundausstattung für Ostbahnkurti-Konzerte mit (Leiberl, fette alte Lederjacke, Stiefel, Jeans, Wayfarer), aber nur die Schuhe kamen zur Geltung, weil die Sonnenbrille sinnlos war und die Regenjacke den Rest zuhüllte.

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Bild: Das alte Kurti-Leiberl

Es wurde erstaunlich frisch, vor allem gegen Ende des Konzerts, als es bereits 3,5 Stunden durchregnete. Nicht extrem stark, aber das reichte. Nur wenige Hartgesottene (bzw. Weichgesoffene) waren in kurzer Hose und T-Shirt gekommen. Thomy hatte mit Converse die deutlich falsche Schuhwahl getroffen. Früher heimgehen? Das war für so ziemlich keinen der mehr als 10.000 BesucherInnen (laut ORF) eine Option.

Das Publikum

Der Altersschnitt lag sicher über 40, jede Menge Silberrücken und so ziemlich niemand unter 25, vielleicht ein paar der Söhne und Töchter der alten Kurti-Fans. Textfest bis fast ins Detail. Gute Stimmung trotz miesem Wetter. Der gut gelaunte Kurti und die tollen Musiker waren nicht allein für den Erfolg eines Konzerts verantwortlich, das in die Wiener Rock-Geschichte eingehen wird (zumindest für Ostbahnkurti-Fans). 3,5 Stunden im Regen durchhalten, das ist nicht selbstverständlich.

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Bild: Das alte Kurti-Leiberl

Wenig Drängerei trotz dichtem Bewuchs – das gesetztere Alter zeigt Wirkung.

Kurti, Band und Programm

Gutgelaunt war er, der Herr Ostbahn. Natürlich merkt man ihm an, dass 25 Jahre vergangen sind (ich war 1987 auf meinem ersten Kurti-Konzert). Auch an der Band ist das Alter nicht spurlos vorüber gegangen. Wenn man jedoch die Augen schloss, dann war das der alte Dr. Kurt Ostbahn und die Chefpartie. Plus der Kombo, mit der ich aber schon seinerzeit nicht mehr viel anfangen konnte. Egal – allesamt gute Musiker, und sie waren alle da, auf der Bühne hat es fast gewurlt: Josef Havlicek, Lilli Marschall, Mario Adretti, Wild Willy Brunner und der geniale Leopold „Prinz“ Karasek, den ich lang nicht erkannt habe: graue kurze Haare, seinerzeit lange blonde Federn. Großartig auch Karl Horak, der eigentlich Leo Bei heißt, so wie auch die anderen Musiker in der Chefpartie immer mit ihrem Künstlernamen aufgetreten sind. Und es hat niemand je gestört, die Inszenierung war stets perfekt.

Aus meiner Sicht ließ auch das Programm nichts zu wünschen übrig. Gefühlt hat mir keiner der Klassiker gefehlt und ich bin selbst erstaunt, wie ich bei Liedern textfest bin, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gehört habe. Gefehlt hat mir lediglich der „Stern vom Praterstern“, den ich eigentlich erwartet hätte, denn die Kaiserwiese liegt direkt daneben. Und „Chili con Carne“ hat mir auch gefehlt.
„Das Konzert ist hiermit offiziell zu Ende… oba mir spüln eh glei weida“ – der Kurti weiß, was er seinen alten Fans schuldig ist und dass er gar nicht erst probieren muss, ohne entsprechende Zugabenmengen davonzukommen.
Legendär die Gröhlstrecke bei „Überstar“, die das Publikum auch diesmal viele Minuten lang durchhielt, während der Kurti sich eine kleine Erfrischung gönnte. Und am Schluss natürlich „Tequila Sunrise“, einer der Höhepunkte, schlichtweg genial die Kombi aus Kurti, Kombo, Chefpartie und Publikum.

„Wenn die Musik vurbei is“

Im kurzen Interview heute in der ZIB hat der Kurti angekündigt, dass dies ein einmaliges Ereignis war (also halt die zwei Auftritte gestern und heute), während der Veranstalter natürlich davon schwärmt, das jährlich zu machen.
Hoffentlich hält der Kurti sein Wort.

Wenn einer eine Reise tut…

…dann kann er was erleben. Dieser Spruch ist zugegeben erstens nicht gegendert, zweitens nicht neu, drittens nicht von mir und viertens verwende sogar ich ihn nicht das erste Mal. Und? Wurscht! Besser ich fange gleich an:

Es sind die folgenschweren Entscheidungen, die unser Leben prägen. Und den Urlaub. Eine davon war die Entscheidung, statt über Zagreb besser über Ljubljana und Rijeka zu fahren. Unser Ziel war übrigens ein kleiner Ort auf der Vokalkaiserinsel Krk. Der Grund war pure Nostalgie. Und Hunger. Wir wollten die sensationellen Krapfen am Trojane-Pass besuchen und außerdem durch Knezak fahren.

Für diejenigen, die beides nicht kennen, folgt hier eine kurze Erklärung. Ich war das letzte Mal Sommer 1996 in Kroatien und hatte es als schönes Land mit tollen Tauchmöglichkeiten in Erinnerung.
Die Anreise dorthin war immer schon ein wenig abenteuerlich. Wenn man die 1980er Jahre außer acht lässt, als die Südautobahn noch hinter Seebenstein zu enden pflegte und man bis Jugoslawien oder gar Griechenland auf der Autoput 17 Schutzengeln brauchte, dann begann mein Abenteuer im Sommer 1993 mit den neuen Staaten Slowenien und Kroatien und ihren Besonderheiten.
Um nach Istrien zu kommen, fuhr man über Graz bis Spielfeld und dann noch bis Maribor auf der Autobahn. Danach begann und beginnt bis heute der Balkan. Erst kurz nach Laibach gab es dann wieder Autobahn, und die ging nur bis Postojna.
Vor Laibach jedoch galt es den Trojane-Pass zu überwinden. Das war und ist jetzt nicht der Großglockner, aber es handelte sich um eine Landstraße, auf der der gesamte Verkehr dahinrollte. Viel Verkehr, viele Kurven und wenige Überholmöglichkeiten. Am besten fuhr man diese Strecke in der Nacht, denn da konnte man die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos sehen.
Wer die Passhöhe erklommen hatte, konnte bei einer Art früher Evolutionsstufe einer Autobahnraststätte Station machen und dort gab und gibt es die legendären „Trojanski Krofi“. Das sind XXL-Krapfen mit Marillenmarmelade oder Schokolade. Sie sind superfrisch und etwa doppelt so groß wie unsere Krapfen. Sie sehen sonst ganz normal aus, schmecken hervorragend, sind immer ganz frisch gemacht und um 1,20 Euro wohlfeil. Wer sechs Stück nimmt und einen Karton bezahlt, bekommt einen siebenten Krapfen gratis dazu.
Als Plus gibt es noch eine sensationell schnelle Bedienung und ein sauberes Häusl gratis.

Gut gestärkt ging es weiter und bei Postojna runter von der Autobahn, die von dort weiter nach Koper führt.
Nur wenige Minuten später im kleinen Ort Pivka gibt es eine scharfe Rechtskurve, bei der man als Auskenner geradeaus weiter fährt, Richtung Knezak.
Ich weiß nicht genau warum, aber diese Strecke wählten wir schon 1993 bei unserer ersten Fahrt und sie blieb mir in dauerhafter Erinnerung. Man fährt damit einen Abschneider, der sowohl Zeit als auch Kilometer spart. Aber das allein ist es nicht, was die Faszination dieser Strecke ausmacht. Es ist die Gegend, der Karst. Ihn sieht und erlebt man auf der normalen Strecke nicht, dazu muss man ausscheren, den kleinen, verwinkelten Weg nehmen, sich eine Auszeit vom Touristenstrom nehmen.
Der Karst ist eine faszinierende Landschaft. Er ist hügelig und trocken, mit Wiesen und kleinen Wäldchen und Buschland und Steinen. Der Karst ist nicht sehr fruchtbar und will erarbeitet werden, was übrigens auch für die Straße gilt. Sie ist genauso eigenwillig wie die Landschaft und fügt sich gut in sie ein. Es gibt auf dieser Strecke, die man in gut zwanzig Minuten durchfahren hat, keine einzige nennenswerte Gerade. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Kurven, die ständig leicht bergauf und bergab führen, unübersichtlich sind und daher das Überholen nicht erlauben.
Vom Karst braucht man quasi für alles eine Erlaubnis, er ist eine Art stiller Herrscher, dem man sich unterzuordnen hat. Wasser ist nicht im klassischen Sinne rar, sondern in sich ein Mysterium. Es gibt im Karst Seen, die alle paar Jahre verschwinden, binnen weniger Stunden. Und dann gibt es sie einfach nicht mehr. Und nach einiger Zeit kommen sie wieder, niemand weiß genau warum. Der Karst ist eigenwillig, er ist quasi der Esel unter den Landschaften. Wenn er nicht will, dann geht gar nichts. Er zwingt sogar die Autofahrer, sich seinem Rhythmus zu unterwerfen. Aber das tut man gerne, denn der Karst belohnt auch. Er tut das nicht reichlich und somit sind die Belohnungen auch mehr wert.
Die Menschen, die dort leben, haben sich dem Karst angepasst. Klassische Profitgeier, die der Landschaft das Letzte herauspressen wollen, gibt es dort nicht, denn der Karst würde sie schnell vertreiben. Nicht weil er nichts zu bieten hat, sondern weil er sich den Gesetzmäßigkeiten der Menschen widersetzt. Er ist nicht planbar, eben eigenwillig.
So wirkt diese Landschaft mystisch, ein bisschen geheimnisvoll, sehr konkret und doch bewegt man sich auf der Straße wie ein tanzendes Irrlicht, vor allem in der Nacht oder in der Dämmerung, wenn der Karst links und rechts nur zu erahnen ist. Wie rasende Derwische preschten wir durch den Karst, die wilde Jagd, Kosaken gewissermaßen, oder besser: Knezaken!
Kurz vor Knezak gibt es eine Kurve, hinter der ein Friedhof liegt plus eine kleine Kirche. Rundherum ist eigentlich nichts, und der Friedhof selbst ist von einer Mauer umzäunt. Die Autofahrer, die diese Kurve nicht packen, kann man gleich direkt über die Mauer werfen, an der sie kleben. Man ist im Karst, da ist alles anders.
Der Ort Knezak ist für sich unspektakulär, wirkt ein wenig verfallen, ruhig und natürlich ist die Straße durch den Ort ebenfalls kurvig. Im Karst weiß man irgendwie nie, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Knezak liegt in der Mitte und ist eigentlich nur deswegen interessant, weil dorthin die Wegweise führen. Es wirkt, als hätte es keine Vergangenheit und keine Zukunft.
Irgendjemand, der damals schon ortskundig war, hat uns den Abschneider über Knezak gezeigt, wahrscheinlich Hannes Hantl.
Immer wieder raunten wir uns an langen Abenden, wenn die Kroatien-Geschichten ausgepackt wurden, den Namen „Knezak“ zu. Es hat etwas Wissendes, Verschwörerisches – wer über Knezak fuhr, der war irgendwie dabei.
Wir sind auch einmal nicht über Knezak gefahren, aber das war irgendwie billig, fad sowieso und wir haben das auch nie wieder getan. Einmal Knezak – immer Knezak! Wir hatten zwar nie vor, uns „Knezakianer“ zu nennen oder Aufkleber auf unseren Autos anzubringen, aber irgendwie war trotzdem immer klar: Knezak rules!
Wir sind übrigens nie in Knezak stehen geblieben.

Wenn man nach einigen Serpentinen wieder hinunter in das gewöhnliche Land kommt, trifft man auf die Hauptstraße und findet sich im Ort Illica Bistrica. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur kroatischen Grenze und wir fanden uns auf einmal mitten im Ort in einer Autoschlange wieder. Ich überlegte, ob hinter der nächsten Kurve eine Ampel wäre, konnte mich aber an keine erinnern. Da uns der Gegenverkehr immer schubweise entgegen kam, vermuteten wir bald eine Baustelle, die demnächst auftauchen würde, so mit Ampel und blockweiser Abfertigung. Wir wussten ja, dass es bis zur Grenze noch etwa zehn Kilometer waren und das daher nicht der Rückstau von dort sein konnte.
Blöderweise war auch hinter der nächsten Kurve keine Baustelle und auch nicht hinter der übernächsten. Wir standen nur herum, es war sauheiß, vor uns Piefke, hinter uns Italiener, was man sich so eigentlich nicht wünscht. Manchmal ging es 100 oder auch 300 Meter vorwärts, dann wieder Stillstand.
Peter erwog, Blumen pflücken zu gehen, Mario fand eine Kinder-DVD für sein Navi, das übrigens alle europäischen Länder eingespeichert hat außer Slowenien und Kroatien. Eine Ausweichstrecke zu wählen, war also nicht möglich, ganz abgesehen davon, dass wir ja hofften, dass jeweils hinter der nächsten Kurve der Stau zu Ende wäre, zu Ende sein müsste.
Irgendwann dämmerte uns, dass es sich tatsächlich um den Grenzrückstau handeln musste und es wurde klar, dass wir einen Samstag gewählt hatten, an dem in Deutschland und Italien Ferien begannen bzw. endeten. Zehn Kilometer Schritttempo. Besonders weh tun die Motorradfahrer, die locker nach vor fahren. Aber das geht nicht mit Tauchgepäck, leider.
Irgendwann nach gefühlten Äonen erreichten wir den Grenzübergang. Mario beschleunigte zügig in unsere neue kroatische Freiheit, die neu gebaute Autobahn wirkte beflügelnd, das Meer war in Sicht, die Erlösung war da.

Bis zur nächsten Kurve. Dann waren wir im Stau vor der Mautstelle, dreispurig, mit Piefke und Italienern. Es war zum verzweifeln. Die Zeit verging nicht und nicht, aber irgendwann war auch das geschafft. Mario beschleunigte noch zügiger Richtung Stadtautobahn Rijeka und meinte scherzend, wir könnten ja in Opatja abfahren und dann die Küstenstraße wählen („so wie früher“). Die Küstenstraße! Was für eine Schnapsidee, dort kriecht man dann hinter ein paar Urlaubern her, die gerade vom Sonnenbaden kommen.
Da bleiben wir natürlich auf der Autobahn. Die Stadtautobahn von Rijeka ist quasi deren Südost-Tangente. Leider ist sie auch so verstaut wie die Südost-Tangente, und wir standen schon wieder. Diesmal war das ein richtig fetter Stau mit viel Piefke und Italienern plus einer Menge genervter Einheimischer. Vor uns ein riesiges Wohnmobil, neben uns ein riesiges Wohnmobil, hinter uns ein riesiges Wohnmobil. Unser Ziel rückte in weite Ferne.
Dann forderte ich abzufahren. Es war gerade eine Abfahrt da und ich wollte einfach nicht mehr im Stau stehen. Besser schlecht gefahren als gut gestanden. Peter drohte mir mit Steinigung („mindestens“), falls uns die Abfahrt in einer Schleife wieder hinten zum Ende des Staus führen würde. Ich akzeptierte das.

Glücklicherweise erreichen wir so tatsächlich die Küstenstraße und nach einiger Zeit die Brücke nach Krk. Nach acht Stunden Fahrt (normal: fünf bis fünfeinhalb) war das Martyrium zu Ende. Glaubten wir.
Da wir von faszinierender Schlauheit reich beschenkt waren, hatten wir sowohl ein Tauchpaket als auch ein tolles Apartement reserviert, beides bei Silvia, der Assistentin der lokalen Tauchschule mit dem ausgefallenen Namen „Divesport“. Der Ort heißt Kornic und ist eine Art Feriensiedlung mit Strand. Dort befindet sich auch die Basis, gleich neben einem Restaurant.
Der neue Kreuzweg begann für uns, als wir zu unserem Apartment fuhren. Die nette Dame von der Tauchbasis schickte uns zu einer netten Dame der Agentur, die nicht da war, sondern nur ihr Assistent (auch nett) und der wiederum schickte uns zu der netten Dame, die unsere Zimmerwirtin war. Gebucht hatten wir ein Apartement mit Wohnzimmer (plus einem Zusatzbett) und zwei Schlafzimmern. Bekommen haben wir ein Apartment mit Wohnzimmer plus Zusatzbett und einem Schlafzimmer.
Ein anderes hätte sie nicht, meinte die nette Dame, und es wäre Hauptsaison und alles übervoll belegt.

Also zurück zur Tauchbasis, denn die letzte der netten Damen hatte keine Ahnung von unseren Buchungen und war somit nicht zuständig. Zurück zum Start, wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht, nach acht Stunden Autofahrt.
„Ui, das kann jetzt dauern“ meinte Silvia von der Tauchbasis. So war es auch, aber irgendwann hatten wir zwar kein neues Apartment, aber immerhin ein zusätzliches Zimmer.
Leider war dieses Zimmer einige wenige Autominuten und einige viele Gehminuten vom Apartment entfernt und selbst nur eine Notkammer, welche die nette Dame von der Agentur irgendwie in einem privaten Ferienhaus organisiert hatte. Dort wohnte eine sehr nette Familie aus Zagreb, die so wie die meisten hier auch Zimmer vermietet. Der Raum war winzig, aber viel mehr als ein Bett brauchte ich ja auch nicht, ich war schließlich zum Tauchen da und nicht zum Schlafen. Das Zimmer lag im zweiten Stock, ganz im Gegensatz zum Badeklo, das im Erdgeschoß lag, echt winzig und vor allem sensationell verbaut war. Irgendwie hatte man den Abfluss zum Kanal falsch berechnet und so befand sich die Klomuschel direkt neben der Wand. Da das gesamte Bad unter der Treppe eingebaut war, war die Decke schräg und ich darf voller Stolz mitteilen, dass ich jetzt die Technik des Beine-überkreuz-Scheißens perfekt beherrsche. Mit nur vier Tagen Übung! Wer weiß, wofür ich das in Zukunft brauchen kann.

Ich hatte ein so kleines Bad schon einmal gesehen, und zwar in einem U-Boot-Film aus dem Weltkrieg. Aus dem ersten Weltkrieg, genauer gesagt.

Ich bleibe noch kurz beim Tauchen. Das ist im Norden Kroatiens immer so lala. Es gibt ein paar nette Wracks (Lina, Peltastis, Baron Gautsch…), von denen wir diesmal wegen Reichweitemangel nur die Peltastis erreichen konnten (Autofahrt quer über Krk). Für alle anderen und noch weitere gute Plätze war das Boot einfach nicht schnell genug. Die Tauchbasis besitzt zwar ein Speedboot, mit dem kann aber nur eine Handvoll TaucherInnen fahren und somit ist es auch eher witzlos. Die von der Basis gecharterten Boote sind alte Kähne mit schwachen Motoren und fahren vielleicht 5-10 km/h. Von Krk direkt hinüber nach Crès zu einer Steilwand braucht man 1,5 Stunden. Eine Steilwand ist nett, aber kennst du eine, kennst du alle.
Zusätzlich waren wir in der Hochsaison dort und die Boote waren notorisch überladen. Schattensitzplätze gab es etwa fünf für insgesamt 25 Personen, entsprechend wenig Platz gab es auch zum Umziehen.
Dafür hatten wir sehr gutes Wetter und können die Summe der fünf Tage positiv bilanzieren.
Enorm viel zu dieser Bilanz trägt das Abendessen bei, das wir an vier von fünf Tagen im „Saloon“ zu uns nahmen. Das Lokal im Ort Baska würde einem gar nicht auffallen, aber darum geht es auch nicht.
Wer am Abend vor dem Saloon vorbei fährt, der sieht eine Menschentraube draußen stehen. Das schreckt ab, aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass es da drinnen offensichtlich etwas gibt, das das Warten lohnt.

Wir waren erst am zweiten Abend dort, etwas früher und somit erlebten wir etwas ganz Außergewöhnliches. Ein wirklich kräftiger Herr so um die 50 kommt auf uns zu und weiß aus irgend einem Grund, dass wir Deutsch sprechen. Er ruft mit lauter Stimme „Drei Personen?“, wir nicken kurz und er führt uns sofort zu einem Tisch. Wir scheinen Glück zu haben, denn das ganze Lokal ist voll. Nach einiger Zeit und durch Beobachtung des Wirts und des Treibens eröffnet sich ein fast magischer Mechanismus. Obwohl nichts frei zu sein scheint, weist der Chef keinen Gast ab. Und es kommen ständig Gäste. Es gibt noch 2-3 leere, weil reservierte Tische, aber alle anderen sind voll. Und trotzdem bekommen ständig Gäste einen Tisch. Wie er das genau macht, habe ich nicht herausfinden können. Es ist aber klar, dass er jeden Tisch pro Abend mehrfach besetzt. Die Gäste haben sich daran gewöhnt, nicht stundenlang sitzen zu bleiben. Es gibt aber kein Drängen, man kann bleiben so lange man will, der Wirt würde niemals auch nur einen schrägen Blick auf Gäste werfen, die nach einem guten Essen noch länger da bleiben. Das ist wie in guten Wiener Kaffeehäusern.
Das allein war schon faszinierend, aber bei weitem noch nicht alles.

Die treibende Kraft ist der Wirt. Er rennt die ganze Zeit herum, hat auf Wienerisch gesagt eine „Wampn“ und wirkt, als würde es ihn jede Minute mit Herzinfarkt oder Schlaganfall umwerfen. Vielleicht ist das auch irgendwann einmal so, aber bis dorthin ist er Wirt mit Leib und Seele. Er hat Spaß daran den Menschen einen Platz in seinem Lokal zu verschaffen, sich dann ständig und gut um sie zu kümmern und dazu noch den ganzen Betrieb zu organisieren. Er ist freundlich zu den Gästen und sehr bestimmt zu seinen Angestellten. Die wiederum arbeiten wie verrückt, das ist sicher einer der anstrengendsten Jobs auf ganz Krk. Wahrscheinlich auch einer der bestbezahlten.
Der Wirt spricht mehrere Sprachen, zumindest Kroatisch (und damit auch Bosnisch, Serbisch, Slowenisch, Russisch etc.), Deutsch, Italienisch und Englisch. Wahrscheinlich noch ein paar mehr.
Wenn es ihn einmal umprackt, dann weiß er genau, wofür er gelebt hat. Der Beruf Wirt ist seine Berufung. Ich habe selten jemand getroffen, bei dem dies mehr zutrifft. Er weiß wofür er da ist und wie man den Laden schupft. Sollten alle anderen Lokale aufgrund eines massiven Einbruchs des Tourismusgeschäfts pleite gehen, der Saloon wird bestehen. So lange es den Wirt gibt, denn ich habe auch noch selten ein Lokal gesehen, bei dem so viel von der Person und dem Engagement des Wirts abhängt.
Er ist so und er kann gar nicht anders.

Wer auch nur kurze Zeit warten muss, bekommt auf der Stelle einen Begrüßungsschnaps. Und die Damen einen Likör. Und die Kinder einen Schlecker. Seine Schleckergrenze liegt übrigens bei 17 Jahren, alle darüber bekommen einen Schnaps. Das führt zu lustigen Begebenheiten, denn es kam etwa eine bundesdeutsche Familie vom Typ „Wohnmobil aus Wuppertal“ und musste kurz vor dem Lokal warten. Der Wirt fragte die beiden baumlangen Söhne, wie alt sie wären. Der eine knapp 17 und der andere ein Jahr jünger. Dann bekamen die beiden feierlich je einen Schlecker und den sozialen Tod gleich mitgeliefert. Aber so ist er, der Wirt.
Er hat auch ein unglaubliches Gedächtnis, denn er merkt sich, wer am Vorabend da war und zu wievielt man war. Wir hatten ständig den Eindruck, privilegiert zu sein, sozusagen ganz besonders willkommene Gäste. Vor allem am zweiten Abend, als ich durch die fette Traube durchmarschierte, seinen Blick aufnahm und ihm „drei“ zurief, mit drei erhobenen Fingern als Verstärkung. Keine zehn Sekunden später saß ich an einem Zweiertisch mit Zusatzsessel. Hätte ich „fünf“ gesagt, wäre uns eine lange Wartezeit und eine Menge Schnaps bevorgestanden.
Der Wirt trägt nämlich ständig Schnaps vor das Lokal, das man sich als komplett offen vorstellen darf. Die Tische stehen direkt neben dem Gehsteig, nur durch ein hüfthohes Mäuerchen getrennt, auf dem die leeren Schnapsgläser abgestellt werden.

Der Wirt schafft es, dass mehr Leute hinein als hinauswandern. „Wait here to be seated“ ist bei ihm in Perfektion umgesetzt. Und die Leute kommen wieder. Am dritten Tag saß plötzlich das junge Paar neben uns, das am Vorabend auch neben uns saß. Und dann kamen noch die beiden Italiener, die auch gestern neben dem Paar saßen und fanden auch wieder exakt den gleichen Platz daneben. Wir begrüßten uns wie alte Freunde und freuten uns kurz, bevor wir reinhauten. Wer dorthin kommt, wird automatisch Teil einer Community. Bei uns gäbe es schon längst eine Facebook-Gruppe, dort gibt es das reale Leben.
Wer dorthin essen geht, der kommt wieder. Da hat nicht nur mit dem Wirt und dem blitzschnellen, freundlichen und perfekt organisierten Service zu tun, sondern auch mit dem fantastischen Essen. Ich habe in Kroatien noch nie so gut gegessen. Das betrifft mehrere Bereiche:
1.) Qualität. Alles was wir aßen, war hervorragend. Von Scampi Buzzara bis zum Risotto, vom Drachenkopffilet bis zu den gegrillten Kalamari, von den Pljeskavica bis zum Salat. Die unglaublich großen Pizze haben wir nicht ausprobiert, aber wir vermuten, dass sie ebenfalls exzellent sind.
2.) Quantität. Jede Portion ist mehr als ausreichend. Wir aßen danach stets noch eine Portion Palatschinken, die wir uns aber teilen mussten. Mehr ging nicht mehr rein.
3.) Preis. Wir hauten rein, als ob es kein Morgen gäbe und tranken dazu jeder mehrere Biere und Verdauungsschnäpse und Aperitive (Pelinkovac). Das Maximum waren 55 Euro zu dritt. Das ist eine Ansage.
4.) Service. Die Kellner haben ihre Stationen, es gibt eigene Abräumkräfte und man kann auf Wunsch getrennt zahlen. Das dürfte sich aufgrund des touristischen Drucks verändert haben, denn das ist scheinbar jetzt generell schon üblich. In den 90ern ging das noch nicht. Der Kellner hat ein elektronisches Bestellsystem und kann sofort in seinem umgehängten Kästchen die Rechnung ausdrucken. Sie reagieren auf jede Handbewegung mehr oder weniger sofort und das bestellte Bier ist keine zwei Minuten später da. Der Pizzakoch arbeitet wie ein Derwisch und die Küche hat einen enormen Output. Das Besondere sind jedoch die Kleinigkeiten. Wenn man etwa Miesmuscheln Buzzara bestellt, bekommt man zwei zusätzliche Suppenteller mitgeliefert. Wenn man etwa die Hälfte der Muscheln gegessen hat, ist der erste Suppenteller voll mit Schalen und wird auf der Stelle abserviert. Dann fängt man den zweiten an.

Der Saloon ist etwas Besonderes. Am zweiten Abend kam der Wirt ganz plötzlich mit einem riesigen Topfdeckel und schmiss ihn neben den Tisch hinter uns, an dem ein junges Pärchen saß, auf den Boden. Das machte einen Riesenschepperer und das ganze Lokal drehte sich um. Dann zog der Wirt ein kleines Kästchen heraus und überreichte es der Dame mit feierlichen Worten (auf Kroatisch, aber es war eh klar, worum es ging). Es war ein Heiratsantrag des jungen Mannes, und wer könnte den besser unterstützen als der Wirt? Tosender Applaus im Lokal und die junge Dame hatte keine andere Wahl als anzunehmen. Zweiter tosender Applaus, dann noch eine langstielige rote Rose vom Wirt (wo zum Teufel er die auch immer her hatte), fröhliche Gesichter rundherum.

Hoffen wir, dass es diesen Wirt und sein Lokal noch lange gibt. Das ist einer der Hotspots für lukullischen Genuß und soziale Gesundheit. Dort geht niemand unzufrieden raus und das ist für jeden eine bleibende Erinnerung an den Urlaub auf der schönen kroatischen Insel Krk.